Dienstag, 21. Januar 2014

Meine Gedanken über das Kinojahr 2013


2013 war für mich persönlich ein äußerst bewegtes Jahr, was Stammleserinnen und -leser gewiss an der rapide gesunkenen Anzahl an neuen Blogeinträgen ablesen konnten. Meine Freude an diesem Blog ist jedoch ungebrochen vorhanden, ebenso, wie ich mich weiterhin störrisch weigere, noch im laufenden Kalenderjahr eine Liste meiner Lieblingsfilme zu veröffentlichen. Ich möchte 2013 lieber ein wenig ruhen lassen, ehe ich entscheide, welche Produktionen des Jahres mich am meisten bewegten, unterhielten oder erstaunten. Und wie schon in den vergangenen Jahren nutze ich auch jetzt meine kleine Bedenkzeit, die ich mir erlaube ehe ich meine liebsten Filme des Vorjahres in eine Rangfolge dränge, um über andere Aspekte der vergangenen Kinomonate zu grübeln.

War 2011 für mich ein gutes, unterschätztes Filmjahr, dominierten 2012 dann vor allem die mittelgroßen Produktionen mein Gesamtbild des Kinojahres. 2013 wiederum enttäuschten viele (Möchtegern-)Blockbuster, was aber nicht von arger Bedeutung ist, da im Laufe der zwölf Monate dafür die große filmische Handwerkskunst einen bleibenden Eindruck hinterließ. Eloquente Autoren, namhafte Regisseure und mehrbödige Stoffe verhalfen 2013 in Kritikerkreisen bereits zu einem hervorragenden Ruf und da wir hier in Deutschland 2013 zudem mit Les Misérables, Django Unchained und Co. in den verspäteten Genuss einiger toller Produktionen des Jahres 2012 kamen, kann ich dies nur doppelt und dreifach unterstreichen.

Trotzdem kommt kein Kinojahr vollständig ohne Enttäuschungen und Frustrationen aus. 2013 waren dies für mich zunächst Star Trek Into Darkness, der gut inszeniert und dynamisch erzählt war, dessen Verständnis von Fanservice und Mythologiebildung überhaupt nicht mein Bier waren, weshalb ich den Kinosaal mit einem sehr flauen Magengefühl verlassen habe. Und dann wäre da natürlich die von mir vielfach thematisierte "Akte Die Eiskönigin". Und selbst wenn ich dem Film aufgrund seiner Titelfigur und der Let It Go-Sequenz bei den noch anstehenden Filmpreisen tüchtig die Daumen drücken, bringt mich diese Disney-Produktion als Gesamtwerk noch immer tüchtig auf die Palme. Anna mausert sich zu einer meiner am wenigsten geduldeten Disney-Heldinnen und wann immer ich an jene Momente denke, die mich stören, gerate ich wieder ins Stänkern. Die Höhepunkte des Films sind phänomenal, der Rest lässt mich kalt. Keineswegs frustrierend, aber erdrückend träge fand ich zudem Wolverine - Weg des Kriegers, der es sich zum Ziel setzte, eine melancholisch-ernste Erzählung über den berühmtesten X-Men zu skizzieren, dann aber doch in einige Klischees verrannte und in der Kinofassung all zu handzahm geriet. Eine mittelgroße Enttäuschung war für mich zudem der in seinen Actionmomenten teils fantastisch, teils grottig gefilmte sowie geschnittene Elysium, der außerdem unerwarteterweise mehr auf Look und Atmosphäre, denn auf subtilen Symbolismus und runde Figurenzeichnung setzte. Von Neill Blomkamp hatte ich mir anderes versprochen. Gehasst habe ich Elysium, in Gegensatz zu manch anderen enttäuschten Filmliebhabern, jedoch nicht.

Positive Überraschungen gab es im Gegenzug selbstredend auch: So fällt Hitchcock für mich in die Kategorie "Schöner Film für einen bequemen Sonntagnachmittag, der kurzweilig ist und dem ich nicht zu viel Bedeutung beimessen möchte", nachdem ich aufgrund einiger überaus erboster US-Kritiken das Schlimmste erwartet habe. Ähnliches gilt für den 2013 endlich in Deutschland gestarteten Disney-Film Das wundersame Leben von Timothy Green, der zum Beispiel angeblich Internetpromi Doug Walker dazu inspirierte, seine zeternde Kunstfigur, den Nostalgia Critic, aus dem Ruhestand zurückzuholen und der auch sonst bestenfalls lauwarm aufgenommen wurde. Ich empfand ihn aber als süß-unschuldigen "Unter die Decke kuscheln"-Familienfilm mit manch überzogenen Momenten, aber auch einer guten Prise Charme. In Michael Bays "kleinem" Film Pain & Gain habe ich mich sogar köstlich amüsiert. Wäre 2013 ein etwas schwächeres Jahr gewesen, hätte es dieser realsatirische Angriff auf den American Dream bestimmt sogar in meine Bestenliste geschafft. Nicht ganz so stark gefiel mir Michael "Bully" Herbigs Romantikkomödie Buddy, dennoch muss ich sie ganz klar als erfreuliche Überraschung einordnen. Immerhin ließen mich die lahmen Trailer und die grausame Sitcom Bully macht Buddy einen Totalausfall befürchten. Stattdessen war der Film konventionell, doch liebevoll und mit einigen netten Lachern ausgestattet. Kein Muss, doch im Fernsehen dürfte er sich als freundliches Couchfutter zu einem verlässlichen Quotenbringer entwickeln. Nach den mageren Besucherzahlen wäre es ihm auch zu gönnen. Unerwartet amüsant fand ich außerdem Jackass: Bad Grandpa, nachdem ich Jackass bislang ja immer unerträglich fand, sowie White House Down, der nach einem Film roch, für den man sich schämen müsste. Stattdessen ist er ein solides "Guilty, guilty Pleasure".
Die stärkste Überraschung war für mich derweil Ron Howards Rush, bei dem ich wider Erwarten fast durchgehend wie gefesselt auf die Leinwand blickte - dabei dachte ich, dass mich bei einem Formel-eins-Film mit Brühl und Hemsworth allein die Anwesenheit der Darsteller amüsieren könnte.

Einen positiven Bruch mit meinen Erwartungen erlebte ich auch bei einer meiner zahlreichen besonderen Kinoerfahrungen. So besuchte ich im April im Münchener Kultkino "Lichtspiele" im urigen Rocky Horror Picture Show-Saal eine nach allen Regeln der Kunst gestaltete Vorführung von ... Naja, ihr könnt es euch wohl denken. Den wunderbar campigen Film kannte ich natürlich längst, und ich war durchaus neugierig darauf, diesen Kult im Kino zu verfolgen. Als ich, nachts allein in München gestrandet, aber die Möglichkeit auf mich zukommen sah, dachte ich durchaus leicht vorurteilsbelastet: "Allein in der Großstadt zu später Zeit in einem Kino, bei dem es gestattet ist, sich daneben zu benehmen. Das kann nur in eine Katastrophe münden ..." Tat es aber nicht: Selten ein so engagiert den Film aufsaugendes, zuvorkommendes und freundlich-kommunikatives Publikum erlebt. Vor und nach dem Film entstanden freundliche, spaßige Gespräche, während des Streifens wurde nur dann Chaos gestiftet, wenn es auch passte. Kontrollierter Wahnsinn - und ungeheuerliches Vergnügen.
Zu meinen weiteren ungewöhnlichen Kinobesuchen zählten je ein Abstecher in eine Aufführung von Fluch der Karibik und Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes, die von einem philharmonischen Orchester begleitet eine ganz neue Klanggewalt entwickelten. Sehr reizvoll war auch ein Abstecher in die Filmwerkstatt Düsseldorf, wo Kurzfilme von Studenten der Heinrich-Heine-Universität vorgeführt wurden. Schade aber, dass die versprochene Diskussion mit den Künstlern vom Gastgeber einfach so abgewürgt wurde. Und dann gab es 2013 auch wieder mehrere Double- und Triple-Feature, die nach mir schrien: In guter, von Spannung auf den neuen Blockbuster erfüllter Atmospähre konnte ich alle drei Iron Man-Filme auf großer Leinwand sehen, eine vergnügliche Mischung aus Trekkies und Gelegenheitszuschauern machte das Star Trek-Double zu einem lohnenswerten Kinogang und ein ganz besonderes Highlight war der Hangover-Marathon in ausverkauftem Saal vor gigantischer Leinwand. Running Gags wurden zelebriert, die Versuche des dritten Teils, Spannung zu erzeugen, ging beim das Wolfsrudel liebenden Publikum auf, ein tolles Erlebnis einfach. Noch stärker war natürlich das Die Tribute von Panem-Doppel, bei dem der neue Film ja anders als bei Hangover wirklich spannend ausfiel. Und dann gönnte ich mir noch einen Besuch beim Cornetto-Triple, bei dem ich Shaun of the Dead noch mehr zu schätzen lernte und Hot Fuzz endlich mit schallendem Gelächter vieler Mit-Fans sehen durfte. Und bei dem mich The World's End erstauntlich un-euphorisch zurückließ.

Dass Kinobesuche grauenvoll sein können, bekam ich trotzdem selbst 2013 einmal mehr vorgeführt. Das schlechteste Publikum des Jahres hatte ich in Judd Apatows tragikomischem "Slice of Life"-Streifen Immer Ärger mit 40, bei dem sich nahezu der gesamte Kinosaal aufführte wie im Tollhaus. Während der Trailer brüllten erwachsene Männer durch den Saal, wie geil sie "den Body" der in den Vorschauen gezeigten Frauen fanden, während Frauen mindestens genauso laut über "die knackigen Ärsche" der Kerle aus den Trailern schnatterten. Während des Films tauschten munter Leute Handyvideos aus (darunter auch so manches Sexvideo), der Typ direkt hinter mir stand für zwei, drei Minuten auf, nur um sich danach wieder hinzusetzen, jede Anzüglichkeit im Film wurde angewidert mit "Iiihs" und "Baaaahs" kommentiert ... Es war einfach schrecklich. Einen anstrengenden zweiten Platz erarbeitete sich das Trio prollig auftretender Damen direkt hinter mir bei meinem zweiten Don Jon-Kinobesuch: Schon vor dem Beginn der Trailer fürchtete ich, dass diese Drei unerträglich werden, als sie anfingen, sich über Scarlett Johansson zu streiten. Zwei betonten wie eine hängende Schallplatte, dass die doch "voll hüpsch, ey!" sei und sie wissen wollen "wie voll hüpsch die nun ey ausguckt!", während die dritte Johansson als eine "Schäbräck" bezeichnete. Bei einem der Kinotrailer wurde eifrig mitgesungen, während Don Jons erste Liebeserklärung an Internetpornos mit einem Gekicher zwischen "Hihi, haha, ist das peinlich, der hat 'Porno' gesagt!" und "Haha, ficken ist schon geil, Alter!" begrüßt wurde. Wann immer Joseph Gordon-Levitts Figur ein benutztes Taschentuch wegwarf, gab es ein lautes "Ihhh, baaaaah, was denn das für'n Film?!" zu hören, während jeder Seitenhieb auf Beziehungsprobleme und jeder weitere Gag über Pornosucht eine halblaute, kleine Diskussion auslöste ("Meinem Macker würd' ich das nie erlauben, schwör!" -"Also auf dir würd mir aber auch nie einer abgehen!", ...). Krönung war allerdings jeder Auftritt der bezaubernden Julianne Moore, die eine der drei Nervensäge offenbar anwiderte, was auch DURCHGEHEND von ihr betont wurde: "Igitt, isch muss weggucken, die ist so widderlisch, ey, baaaaah, wann is' die endlisch weg?!" ...

Eine Sondernennung in Sachen nerviges Besucherverhalten muss ich zudem für eine gravierende, immer stärker verbreitete Unsitte loswerden, die mir Anfang 2013 auffiel und seither mit immer größerer Penetranz vorkommt. Es geht ums Verwenden von Smartphones. Erinnert sich irgendjemand noch, wie die meisten Leute vor vier, fünf Jahren im Kino mit ihren Handys umgingen? Also, ich hatte damals beobachtet, dass jene, die während eines Films SMSen verfassten oder lesen wollten, ihr Handy möglichst nah an ihren Oberschenkeln hielten. Mit dem Handy fast auf Höhe der Sessel-Sitzfläche störten die grellen Displays nur die Kinobesucher, die in einem unglücklichen Winkel hinter einem Handynutzer saßen. Das ist nunmehr aber offenbar ausgestorben. Wenn Leute nun während eines Films SMS schreiben, What's App nutzen, Facebook checken, im Web surfen oder Angry Birds spielen, dann positionieren sie ihr Smartphone nicht länger verschüchtert irgendwo weit unten an ihrem sitzenden Körper, sondern heben des stolz mit weit ausgestrecktem Arm auf Augenhöhe. Offenbar um Leinwand und Smartphone gleichzeitig im Blick zu haben. Man will ja anscheinend auch ein wenig was vom Film mitbekommen, wenn man im Kino am Handy rumspielt ... Und es ist wohl auch total in Ordnung, wenn daher jeder, der hinter einem sitzt, das leuchtende Teil ins Blickfeld gerammt bekommt!

Bildquelle: Jim Dyson/Redferns, gefunden bei RollingStone.com

Ansonsten war 2013 zudem das Jahr, in dem ich einige Bekannte endlich Anfixen konnte, die Coens zu verfolgen, die mit Inside Llewyn Davis einen ihrer gelungensten und emotional ambivalentesten Filme rausbrachten. Aber darüber gibt es eh in einem späteren Artikel mehr. Generell war es dann auch schon mit meinen Gedanken über das Kinojahr. Weitere Ausführungen über einzelne Filme gibt es in meiner Bestenliste ...

Siehe auch:

4 Kommentare:

Flo Lieb hat gesagt…

Ich weiß schon, warum ich die meisten meiner Filme 2013 (im Verhältnis von fast 3:1) zuhause geschaut habe. Wobei in meinem OV- bzw. Arthouse-Kino glücklicherweise auch derartige Erfahrungen bisher noch nie auftraten. In Multiplexen à la CinemaXx kann ich mir das aber sehr gut vorstellen, ähnliches erlebte ich da bei der Sichtung von "Evil Dead".

Sir Donnerbold hat gesagt…

Von über 100 Kinobesuchen sind nur die genannten negativ in Erinnerung geblieben, in vielen Fällen verbesserte das Publikum sogar das Kinoerlebnis. Generell stimmt es aber leider: Je größer das Kino, desto anstrengender wird das Publikum bei anspruchsvolleren (oder zumindest: nicht dummen) Filmen.

Luanalara hat gesagt…

Ich war von meinem "Don Jon"-Publikum recht positiv überrascht, es gab zwar zunächst verschämtes Gekichere, aber das hielt sich in Grenzen und irgendwann hat der Film dann wohl auch gewirkt wie gewollt. Aber ich denke mal, "mein" Publikum hatte sich nicht in den Film verirrt, ohne über den Inhalt Bescheid zu wissen (so klingts ja bei dir, was haben die denn von einem Film über einen Pornosüchtigen erwartet?).
Sowieso war bei mir nur ein Kinobesuch eine Totalausfall, was das Publikum angeht, aber ich bin meinen Jahresrückblick ja eh nocht schuldig. Vielleicht endlich am WE.

Mich wunderte deine Positive Überraschung "Rush" ein wenig, andererseits... ich erklär es mir damit, dass du mit Formel 1 nix anfangen kannst und die beiden schauspieler auch nicht soooo doll findest, als dass du ihnen diese Leistung zugetraut hättest. *g* Für mich gab es den Film gar nicht bis die ersten Kritiken auftauchten, und da die überaus positiv waren, hat mich da auch nix überrascht. Hinzu kommt, dass ich früher mehrere Jahre eifrig die Formel 1 verfolgt habe, so ein bisschen Hintergrundwissen war da schon ganz nett manchmal. *g*

Anonym hat gesagt…

Ich kann dir völlig zustimmen. Wolverine war der schlechteste X Men Film und Rush war ziemlich genial. Für mich persönlich war die größte Enttäuschung Gravity.

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