Dienstag, 11. November 2014

Die Kunst, Filme nicht vorab zu verurteilen


Es müsste für einen Filmliebhaber das Leichteste auf der Welt sein: Erst wird ein Film geguckt, danach kann er gefeiert oder verurteilt werden. Welchen Sinn hat es schon, sich vehement gegen ein Stück Kunst oder Unterhaltung (oder Unterhaltungskunst) auszusprechen, bevor es begutachtet werden konnte? Und was bringt es, Stein und Bein zu schwören, dass ein kommender Film ganz sicher der beste aller Zeiten wird, wenn solche Erwartungen eh bloß jedes Mal aufs Neue enttäuscht werden?

Nun, als Filmfreund ist man zunächst einmal eins: Ein Mensch. Und Menschen haben eine leichte Tendenz dazu, menschlich zu sein. (Schockierend, was?!) Was reine Rationalität ausschließt, erlaubt im Gegenzug aber Emotionen. Und das ist nicht einmal so übel, denn ein überwältigender Großteil des cineastischen Schaffens zielt auf die Gefühle des Publikums. Filmgenuss ist nicht allein eine Frage des Intellekts, sondern auch des Affekts. Gefühle wiederum sind nicht all zu leicht zu kontrollieren, so dass sich Freude und Ärger über einen Film gern auch "zu früh" einstellen kann.

Zudem ist unsere Zeit auf Erden nicht mit offenem Ende gesegnet. Selbst größte Cineasten müssen ihren Filmkonsum daher im Einklang mit anderen Verpflichtungen, Interessen und Bedürfnissen haushalten. Wenn Zeit also knapp ist, die Auswahl an Filmen aber nahezu grenzenlos, und obendrein jeder noch anstehende Film einer gewissen Größe mit aller Macht des PR- und Werbeapparats um Aufmerksamkeit buhlt, dann ist es nur zu menschlich, zu selektieren. Gefühle sind dabei ein hilfreiches Mittel.

Trotzdem: Es ist so unfassbar unfair gegenüber kommenden Filmen, sie anhand irgendwelcher Informationen sogleich abzutun. "Titel doof, Budget zu hoch, Casting passt mir nicht: Ich muss den blöden Streifen schon jetzt in Grund und Boden schreiben!" Wie war das nochmal, liebe Fanboys, als Heath Ledger in The Dark Knight besetzt wurde? Oder Disney Marvel kaufte und damit Avengers garantiert zu einer filmischen Katastrophe wird? Unsere Vorstellungskraft ist mitunter wesentlich übler, als das, was Hollywood sich zusammenzimmern kann. Und nicht nur Hollywood: Auch die deutsche Filmindustrie kann Opfer falscher Eindrücke sein. Der Trailer zu Coming In wirkte so, als steuere ein wahres Schundwerk mit giftiger Aussage auf die Kinos zu. Der eigentliche Film hingegen ist ganz und gar ... nett!

Daher habe ich mir versucht, eine ganz sympathisch klingende Grundregel aufzuerlegen: Vorfreude ist erlaubt. Denn sie ist gut: Wenn mir der Trailer zu Avengers: Age of Ultron den Tag versüßen kann, wieso sollte ich mir Vorschusslorbeeren verbieten? Vorverurteilung dagegen ist böse. Wie mies ein Film wirklich ist, zeigt sich mir erst, wenn ich das komplette Machwerk begutachten konnte. Wieso also zuvor Zeit und Nerven verlieren, über eine unbekannte Größe im unentwegt wachsenden Filmfundus zu zetern? Wenn mir der Trailer zu Honig im Kopf nicht passt, kann ich ja im Kino aufstöhnen, wenn er schon wieder vor dem Film meiner Wahl läuft, da er gerade gewissermaßen den Platz eines besseren Trailers stiehlt. Über das von ihm beworbene Projekt dagegen weiß ich nicht genug, um meinen Blutdruck in Höhen schnellen zu lassen. Filme, die mich nicht ansprechen, kann ich ja auch schlicht mit Gleichgültigkeit strafen.

Obwohl ..! Denn dann kommen wieder solche Berichte wie Disneys und Pixars Ankündigung, Toy Story 4 zu produzieren. Ja, schon Toy Story 3 wurde vorab lautstark kritisiert und stellte sich dann als das bislang letzte Glanzstück in der Pixar-Filmografie heraus. Toy Story 4 könnte also ähnlich überraschen. Könnte. Denn während Toy Story 2 einfach endete, nahm Toy Story 3 Anlauf und vollführte ein wahres Kunststück, um einen hochemotionalen Trilogieabschluss mit Fallhöhe zu bewerkstelligen. Wenn Toy Story 4 scheitert, ist das schwerer abzutun, als ein schwacher Kurzfilm mit der Spielzeugbande.

Und dann gibt es solche Gerüchte wie Sony Pictures' angebliche Verzweiflungstat, sein The Amazing Spider-Man-Franchise mit einem Ableger über Tante May am Leben erhalten zu wollen, der als Spionagegeschichte angedacht ist.

Soll ich bei so etwas wirklich Ruhe bewahren, das Mantra "Im Zweifel für den Angeklagten" so lange wiederholen, bis ich den fertigen Film gesehen habe? Oder darf da allein schon aus Prinzip sehr wohl eine Schimpftirade aus mir (und anderen Filmfans) herausbrechen? Wenn sich niemand über Sonys dämliche Versuche, die Marvel-Studios-Formel zu kopieren, beschwert, wie soll das denn je ein Ende finden? Und während bei Tante May jagt die Superspione schlichter Frust (und auch etwas Häme) regiert, ist es bei Toy Story 4 ehrliche Besorgnis über den großartigen Vorgänger. Sowie die raren Kapazitäten der Pixar Animation Studios.

Andererseits: Comicleser machten sich ja auch "nur" Sorgen um den Joker. Oder etwa nicht?

Es ist doch zum Mäusemelken. Und Prinzipienbrechen. Voreiliges Meckern ist falsch. Aber ein Filmliebhaber muss tun, was ein Filmliebhaber tun muss. Und dieser Filmliebhaber muss so lange ungläubig und wütend gen Emeryville blicken, bis man ihm Anlass gibt, sich zu beruhigen ...

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