Donnerstag, 5. Februar 2015

Bye-bye, Nostalgia Critic


Hallo, ich bin Sidney alias Sir Donnerbold, und ich blogge nun über mein Vorhaben, damit die Chancen höher stehen, dass ich mich auch dran halte: Ich möchte endlich aufhören, den Nostalgia Critic zu gucken. Denn seine Videos sind dermaßen schlecht geworden, dass ich sie mir selbst als Hintergrundrauschen nicht mehr geben will.

Für jene, die nicht wissen, auf welche Webvideoreihe ich mich hier beziehe: Erstens – wieso lest ihr diesen Artikel überhaupt, was habt ihr davon? Und zweitens: Der Nostalgia Critic ist eine "Kunstfigur" des Webentertainers Doug Walker, die sich auf komödiantische Filmkritiken spezialisiert hat. Ich setze "Kunstfigur" in Anführungszeichen, weil Doug nie eine klare Linie verfolgt hat, wie sehr er seine Rolle von sich selbst abgrenzt. Mal präsentiert Doug, während er in sein Critic-Outfit schlüpft, schlicht seine ehrliche Meinung über einen Film, bloß dass er seine Position nutzt, um Gags zu machen und sich daher zwecks einer Pointe oder einer amüsanten rhetorischen Frage auch mal dumm stellt. Das kann man meines Erachtens nach nicht als "Kunstfigur" bezeichnen. Oliver Welke und Stefan Raab sind auch keine Kunstfiguren, bloß weil sie in der heute-show beziehungsweise in TV total eine Schlagzeile missverstehen oder bewusst dumme Theorien aufstellen. Welke und Raab verfolgen in diesen Momenten bloß ihrer beruflichen Aufgabe. Sie sind Komiker. Und wenn Doug Walker einen Film mies findet, weil ihm das Drehbuch zu löchrig ist, und er in einer Comedy-Videokritik darüber besonders lange Witze reißt, so ist er nicht plötzlich eine Kunstfigur, nur weil er beim privaten Anschauen des Films nicht 1:1 so reagiert, wie in seinem Video.

Andere Male aber vertritt der Nostalgia Critic eine komplett andere Meinung als Doug Walker, die komödiantischen Einlagen werden zu langen Sketchen. Und die Sketche werden mitunter sogar zu Storylines. Wieder andere Male vertritt der Critic nahezu genau die Meinung Dougs, jedoch drückt er sie in abstrusen Wegen aus, die mit überzogenen Storys verbunden sind, und so weiter, und so weiter. Also ja, der Critic ist irgendwie eine Kunstfigur. Nur halt nicht, wenn er eben doch keine ist. Einigen wir uns darauf, dass er eine unterentwickelte, faule Variante einer Kunstfigur ist. Was aber lange, lange Zeit zu verzeihen war, da Doug Walker mit Passion hinter seinen Videokritiken stand und mir allerhand Schmunzler und Lacher entlockte sowie meinen Sprachschatz mit einigen Running Gags und Redewendungen bereicherte.

Dies hat sich jedoch mittlerweile erledigt. Und daher wird mein Geschreibsel nun (hoffentlich) auch wieder für Leute interessant, die die Nostalgia Critic-Videos ebenfalls kennen. Und vielleicht geht es euch ja ähnlich: Die "Wütender Filmgeek, der unentwegt Haare spaltet und nach Logiklöchern sucht"-Masche ist alt geworden, und da gefühlt jede zweite Episode den gleichen "Handlungsbogen" hat, ist auch ihre Umsetzung nunmehr ausgelutscht. Darüber hinaus entwickelt sich Dougs alte, schlechte Gewohnheit, einzelne Gags zu sehr in die Länge zu ziehen, mehr und mehr von einem kleinen Tick zu einer erdrückenden Last, die zahlreiche Videos vermiest. Der einstige Esprit ist verfolgen. Und obwohl Doug oftmals lustlos wirkt, nimmt gleichwohl seine Tendenz zur Selbstbeweihräucherung rapide zu. Muss da wer was kompensieren?

In den vergangenen zwei Jahren gab es dennoch in unregelmäßigen Abständen Videos, die mir zugesagt haben. Mal, weil einer der Sketche zündete, dann, weil sich Doug ausnahmsweise wieder Mühe gab, seine Meinung zu begründen und pointiert-kreativ zur Schau zu stellen. Oder auch schlicht, weil die Clips aus dem von ihm besprochenen Film unterhaltsam genug waren. Normalerweise schaue ich den Nostalgia Critic als Berieselung beim Essen (wenn ich allein bin), oder während ich um Ideen für die Arbeit oder das Studium ringe und mich daher berieseln lassen will, aber zum Nachschlagen dennoch im Web bleiben muss. Oder wenn ich eine zirka halbstündige Lücke in meiner Tagesplanung habe. Für diese Zwecke war mir der Nostalgia Critic 2013 und 2014 noch gut genug, auch wenn meine frühere Begeisterung nahezu völlig verschwand. Als ich mich dann zunehmend über die Recherchefehler, das Rumgebrülle, die (unterschwellige) Arroganz oder die Eintönigkeit seiner Gags ärgerte, musste ich mich ab und an dazu durchringen, dem Critic weiterhin eine Chance zu geben. Doch ich fand ihn letztlich nicht schlecht genug, um nach Jahren der digitalen Zuschauertreue einen Schlussstrich zu ziehen. Ich breche halt ungern Serien ab.

Aber dann kam Matrix Month, eine vierteilige Besprechung der Matrix-Filme. Und obwohl ich selber kein Fan von Matrix Reloaded und Matrix Revolutions bin, haben mir die Critic-Videos zu diesen Produktionen endgültig den Rest gegeben. Diese beiden Videos lassen alles missen, was ich an früheren Ausgaben der Nostalgia Critic-Reihe mochte, und überbetonen sämtliche Probleme, die ich mit den Folgen seit des 2013 gestarteten "Reboots" habe. Doug versucht, seine Reviews "filmisch" aussehen zu lassen, doch sie sind stümperhaft. Die Pointen wiederholen sich, sind vorhersehbar und zu sehr in die Länge gezogen. Viel zu sehr. Die Storyline in den Videos zu den Matrix-Kinofilmen sind nervig, repetitiv und triefen vor Selbstverliebtheit und Geringschätzung der Matrix-Fanbase. Hinzu kommt, dass die Videos zahlreiche faktische Fehler beinhalten. Und wenn Doug nun schon anfängt, Filme absichtlich misszuverstehen, um seine Kunstfigur über sie herziehen lassen zu können, dann haben seine Videos für mich kein Daseinsargument mehr. Denn anders als Brad Jones, der in der Rolle des Cinema Snobs auch bewusst Filme aus unhaltbaren Gründen verreißt ("Ihhh, Morde in einem Horrorfilm! Buuh!") ist Doug nicht fähig, dies spielerisch mit Ironie zu garnieren. Ganz davon zu schweigen, dass die Matrix-Kritiken nur lautere, schrillere, arrogantere Kopien zahlloser Videos sind, die Doug in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat. Die selbe "Story", die selben Reizpunkte, die selben "unerwarteten" Erkenntnisse.

Seit To Boldly Flee befindet sich Dougs Stern für mich im Sinkflug, und nach dem ganzen internen Drama rund um "sein" Web-Netzwerk Channel Awesome zu urteilen, scheinen viele seiner Kollegen diese Überzeugung zu teilen. Das Management wurde inkompetenter, Doug lustloser und launischer und von den Gerüchten, die von Doug gesammelten Crowdfunding-Gelder seien veruntreut worden, will ich gar nicht erst anfangen. All dies trübt meinen Eindruck noch mehr, und daher kann ich mir das Gezeter in den Nostalgia Critic-Videos nicht mehr länger antun. Vielleicht gebe ich Dougs anderen Videoprojekten noch die eine oder andere Chance, denn "out of character" ist Doug längst nicht so gekünstelt und einseitig wie in der Rolle des Critics. Aber eins ist klar: Ich habe schon genug Zeit mit den Nostalgia Critic-Reviews verschwendet, die mir seit Monaten kaum noch gefallen haben. Irgendwann muss der Schlussstrich gezogen werden, wieso also nicht nach den zwei miesesten Videos seiner gesamten Laufbahn? Es gibt genug anderes Videomaterial im Netz, dass ich mir während des Essens und Zwischendurch anschauen kann. Ich werde mich nun verstärkt den zahllosen Critic-Alternativen widmen.

Da kann Doug noch so viel rumbrüllen.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Endlich jemand, der meine Meinung bezüglich seiner Kritiken teilt.
Wo man sich auch umsieht, scheint er über jeden Zweifel erhaben zu sein.

Chris W hat gesagt…

Ziemlich schnell nach dem "Revival" des Nostalgia Critics habe ich auch bemerkt, dass die Qualität sehr stark nachgelassen hat und habe dann auch recht schnell aufgehört, NC zu schauen. Ziemlich schade! Videos von TGWTG oder von AVGN zu schauen war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen im Internet, aber solche Videos sind nunmal ein Relikt der Ende-2000er-Internetzeit geworden. Wütende Reviews über schlechte Filme, Serien und Videospiele mit übertriebenen Reaktionen fühlen sich eben schon lange ausgelutscht an und haben für mich keinen Unterhaltungsfaktor mehr. Das Rumgebrülle von Doug Walker ging irgendwann extrem auf dem Geist und wurde schlicht und einfach unlustig.

Auch die ganzen Elemente, die er in die NC-Videos seit dem Revival versucht hat einzubauen, waren amateurhafter und unlustiger Quatsch. Jedes Video musste irgendeine zwanghafte Handlung mit viel zu langem Intro und talentlosen Schauspielern haben. Dass fast jedes Video deswegen um die 40 Minuten Laufzeit hatte, war auch ein Grund, warum ich mir die Videos nicht mehr reinziehe. Das hat sich einfach nur noch nach Zeitverschwendung angefühlt.

Anonym hat gesagt…

Hallo

Alternativen gibt es ja reichlich.

Mir selbst hat der Youtube Channel von "CinemaSins" immer sehr gut gefallen. Dort werden genussvoll Filme seziert und alle möglichen Ungereimtheiten und Filmfehler aufgelistet.

Bei "Nostalgia Critics" hab ich es bisher nicht geschafft auch nur ein Video bis zum Ende zu sehen!

Gruss
Ingo O.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Die "Cinema Sins" sind für mich kaum besser. Wenn nicht sogar schlechter. Nitpicking deluxe. Da lieber die "Honest Trailers", die haben Selbstironie und bei vielen der parodierten Filme auch eine liebevolle Passion.

Luanalara hat gesagt…

Die alten Videos von TGWTG schau ich mir immer noch gern an, aber ich hab bei den neueren Sachen sehr schnell aufgegeben. Ist mir auch zu konfus und anstregend zu schauen mit dem vielen Geschrei - lustig ist das nun wirklich nicht, und ich finde auch sowas wie Bum Reviews einfach nur langweilig.

Mit den ganzen Interna rund um die Seite kenn ich mich ja zugegeben überhaupt nicht aus, aber etwas von der - vermutlich leider nicht allzu lauten - Kritik sollte doch mal bis zum ihm vorgedrungen sein. Aber klar, wenn gefühlt viel mehr Leute sagen, wie toll doch alles ist, dann macht man eben so weiter...

Chris W hat gesagt…

CinemaSins finde ich mit ihrem Nitpicking auch ziemlich schlimm. Allein die Tatsache, dass ihr Video "Everything Wrong With Captain America: The Winter Soldier" über 20 Minuten lang ist, ist einfach lächerlich wenn es sich um einen so guten Film handelt.

Was ich aber immer noch absolut empfehlen kann sind Red Letter Media, welche leider einen viel zu kleinen Bekanntheitsgrad haben. "Half in the Bag" ist wahrscheinlich die beste Filmreview-Show im Internet. Nicht nur mega lustig, sondern obendrauf auch sehr unterhaltsame und hörenswerte Kritiken. Am bekanntesten sind RLM für ihre legendären Mr. Plinkett Reviews über die Star Wars-Prequels. Total genial und ein absolutes Muss für Filmfans!

Anonym hat gesagt…

OK, ich muss zugeben dass ich mir bei CinemaSins nur die Videos angesehen habe, in denen Filme zerpflückt wurden, die mir so richtig auf den Senkel gegangen sind (z.B. Desolation auf Smaug).

Aber ihr habt ja schon einige gute Alternativen aufgezeigt. Genug Videofutter fürs Wochenende.

Und ich habe mit "nitpicking" ein neues Wort kennen gelernt. Hat sich also gelohnt ;-)

Gruss
Ingo O.

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