Donnerstag, 3. April 2008

Selbes Thema - andere Herangehensweise II

heute mit: Augenzwinkernde Kritik an deutschen Quizsendungen, vorgetragen in musikalischer Form

In der neusten Ausgabe unserer Rubrik "Selbes Thema - andere Herangehensweise" geht es nicht nur darum, wie unterschiedlich ein Thema angepackt werden kann, wenn sich ein anderer Interpret mit anderer musikalischen Färbung eben jenes Themas annimmt. Viel mehr zeigt sich in dieser Ausgabe auch, wie sehr sich das behandelte Thema im Laufe der Jahre verändern kann.

Songs handeln nicht nur von Personen, der großen Liebe oder anderen Emotionen, Schicksalen und glücklichen Ereignissen, sondern auch von alltäglichen Dingen aus der Popkultur. Es gibt Lieder über Filmschauspieler, andere Lieder und auch über das Fernsehen.
Manche Songs sind Hommagen oder Parodien, andere wiederum üben Kritik.
Unser heutiges "ungleiches Pärchen" steckt irgendwo dazwischen. Sie üben augenzwinkernd und somit nicht wirklich böse Kritik an deutschen Quizsendungen.

Die zwei Lieder stammen aus unterschiedlichen Jahrzehnten und an der Art des Liedes und den musikalisch geäußerten Kritikpunkten können wir nicht nur ablesen, wie sehr sich die Herangehensweisen unterscheiden, sondern auch wie sich die allgegenwärtigen Quizsendungen im Laufe der Zeit veränderten.

Das Paar und ihre Form der Quizsendung:

Hape Kerkeling - Das ganze Leben ist ein Quiz (1991)

Zum Anhören bitte hier klicken.

Zu Beginn der 90er Jahre eroberten Quizsendungen vom Kaliber eines Glücksrads oder Der Preis ist heiß das Programm der Privatsender. Die Fragen in diesen Sendungen waren meistens verhältnismäßig übersichtlich, Kandidaten waren meistens Durchschnittsmenschen und selten Leute mit gehobenem Bildungshintergrund.

Quotenrenner waren diese Sendungen (und auch die "richtigen" Quizshows) trotzdem. Das Niveau der Sendungen parodiert Kerkeling in seinem Lied gekonnt: "Omma, wie heißt eigentlich der Storch in der Fabelwelt?", heißt es im Lied als Anspielung auf die simplen Fragen, und die Textstelle "Und wissen sie, was sie jetzt gewonnen haben? Eine Mörderduschhaube!" parodiert die Sachpreise all dieser Sendungen, die in Wahrheit kaum etwas wert waren aber wie große Millionengewinne angepriesen wurden.

Fettes Brot - Bettina, zieh dir bitte etwas an (2008)



Im neuen Jahrzehnt verbreiteten sich billige "Quizshows" mit lauten, panischen und nervenden Moderationsversagern, die neben billigen Einblendungen oder aus dem Konferenzraum des Senders geklauten Smartboards stehen und irgendwelche Fragen durch die Gegend brüllen um die Zuschauer zum anrufen zu animieren - nachts wandelt sich das Format und auf 9live, dsf und anderen Sendern hauchen Moderatorinnen die vermutlich irgendwie ansatzweise beinahe-hübsch sein sollen die Fragen in billigen Klamotten vor sich hin - und ziehen sich aus.

Das aus Hamburg stammende Trio Fettes Brot nimmt sich im Song "Bettina (Zieh' dir bitte etwas an)" eben solchen Sendungen an und erkennt diesen Sendungen nicht nur ihren Status als "Quiz" ab ("Mein Gott ich wusste nicht, dass, das 'ne Quizshow ist"), sondern macht auch deutlich, dass die Moderatorinnen solcher Sendungen sich besser nicht ausziehen sollen (U.a. "mir wird schlecht, schlecht, schlecht" und die mehrfach im Refrain gestellte Forderung "Bettina, pack' deine Brüste ein! Bettina, zieh' dir bitte etwas an!").

Wie das Trio in mehreren Interviews aber auch klar machte, sind solche Sendungen nur exemplarische Beispiele, die Kritik an diesen dämlichen Quizshows gilt für alle grotesken Beispiele, bei denen alles mit aller Kraft mittels Sex verkauft werden soll (siehe dazu z.B. diesen Artikel).

Bei beiden Quizshow-Arten festzustellende Phänomene, die in den Songs erwähnt werden:

In beiden Liedern werden dumme Fragen ("wie heißt eigentlich der Storch in der Fabelwelt?" / "sie sucht händeringend nach deutschen Automarken") erwähnt, genau wie das Mitratefieber ("Ob ich die tollen Fragen auch brav erraten kann?" / "ja und wir raten, raten, raten.").

Eher als Zufall lässt sich wohl einordnen, dass in beiden musikalischen Beiträgen der Ausruf "O(ch) Gott!" vorkommt.

Die größten Unterschiede:

Musikalisch können diese beiden Lieder kaum noch weiter voneinander entfernt sein. Während Hape Kerkelings Lied ein leichter, heiterer Showtune ist, der an fröhlichere deutsche Schlager zu erinnern vermag und einfach vor sich hingesummt werden kann, fährt Fettes Brot auf der Partyschiene der heutigen Jugendgeneration. Lautes mitbrüllen des Refrains wird gefordert, die schnellen und frechen Strophen mit "Jungshumor" ermöglichen kurze Pausen vom mitbrüllen und erlauben zudem an dieser Stelle statt hüpfend zu schreien ein paar elegantere Tanzbewegungen zu vollführen - dieser Song ist problemlos Disco-kompatibel.

Entsprechend zu der unterschiedlichen Inkarnation des Quiz-Formats unterscheidet sich auch die Wortwahl - Kerkelings Beitrag ist gewählter in der Sprache als der von "Fettes Brot", wobei beide Lieder vulgäre Schimpfwörter vermeiden und stattdessen stärker geduldete Wörter aus der Umgangssprache verwenden. Doch auch hier kann man den Unterschied in der Wortwahl verfolgen (Kerkeling: "Pappnase" / Fettes Brot: "Schiss").

Fazit:

Abschließend lässt sich sagen, dass es faszinierend zu beobachten ist, wie sehr sich der Bodensatz der Quizshowformate innerhalb von grob zehn Jahren gewandelt hat. Aus naiv-überzogenen und leicht trashigen Dauerwerbesendungen, die sich als Quizsendung tarnten aber einen leichten Charme versprühen konnten (wie "Glücksrad" und Co.) wurden nun vollkommen peinliche Abzocknummern, die sich nur durch Sex und angebliche Gewinnchancen verkaufen können.

Beeindruckend ist aber auch, in was für unterschiedlichen Formen musikalische Medienkritik auftreten kann. Gemeinsam haben beide Lieder jedoch, dass sie mehr aufgrund ihrer Stimmung bekannt sind, denn für ihren Inhalt. Beide Lieder sind fröhlich und werden von ihren Rezipienten gemocht, weil sie die Laune heben - mal ins heiter-witzige, mal auf Partystimmung - der kritische Text spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

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