Dienstag, 13. Januar 2009

Verbogenes Essbesteck und miese Inszenierung: Uri Geller ist zurück

Die erste Staffel von The Next Uri Geller - Unglaubliche Phänomene live wollte Deutschland zum Staunen bringen. Irgendwie hat es letztes Jahr auch geklappt, denn sämtliche Besitzer eines funktionierenden Gehirns staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie amüsant peinlich missratene Zaubertricks sein können.
Der Zauber blieb nicht in der Sendung, sondern verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Internetforen platzten vor gehässigen und sarkastischen Kommentaren, dank Vincent Ravens grauenhaften Darstellungskünsten und seinem täglich drei Abführtabletten schluckenden, Rizinusöl gurgelnden Raben war TV Total endlich wieder zum brüllen komisch und als "Morta Della" entlockte uns sogar Oliver Pocher einige Lacher.

Heute war es wieder so weit. Die zweite Staffel der Mentalisten-Castingshow sucht Deutschlands Fernseher heim, und eine eingeschworene Fangemeinde freute sich auf bestes Trashfernsehen, das (wenn auch unabsichtlich) um einiges witziger ist als ein Großteil von Deutschlands Comedyshows.
Doch konnte die Staffelpremiere den hohen Erwartungen Stand halten?

The Next Uri Geller - Unglaubliche Phänomene live; reloaded:
The Next Vincent Raven - Mentalisten, wollen eure Raben ewig kacken?


Die Show geht los, und ein aus dem Nachmittagsmagazin Taff entliehener Stefan Gödde begrüßt Uri Geller, der sich unglaublich freut wieder dabei sein zu dürfen... In seiner eigenen Show.
Bedeutet das etwa, dass es eine Möglichkeit gab, die Sendung ohne ihn zu machen? Wenn ja, weshalb nutzte man diese Chance nicht? Vielleicht wäre es dann eine ernstzunehmende Sendung geworden...
Stattdessen versank The Next Uri Geller in der Premiere seiner Neuauflage zwischen zwei Ufern. Zwei Ufern, die beide nicht wirklich erstrebenswert sind.

Doch schön der Reihe nach: Gödde kündigt als nächstes an, dass an diesem Abend auch draußen, vor der Tür, ein Experiment vorgeführt wird. Dieses wird von seiner, wie er sagt, charmanten Kollegin kommentiert, und schon rollen Kenner der Vorjahresstaffel die Augen: Denn er spricht von der überaus hölzernen Verena "Ich verstehe nicht, wieso mich seit Next Uri Geller niemand mehr als Nachrichtensprecherin ernst nimmt" Wriedt, die früher voller Stolz und zutiefst beeindruckt grobkörnige Handyvideos vorstellte, die das Publikum an den Sender schickte.

Spätestens als sie auch noch ahnungslos durch das Finale von Bully sucht die starken Männer führte, wünschte sich ganz Fernsehdeutschland, dass ProSieben die Blondine vor die Tür setzt. Leider verstand der Sender da wohl etwas falsch...

Als nächstes betritt Vincent Raven die Bühne, der Mann mit dem Vogel... dem Rabenvogel. Der Off-Sprecher kündigt es an als "Die Rückkehr des Rabenvaters". Das wäre auch ein toller Titel für einen in österreichischen Kellern spielenden Horrorfilm.
Raven nimmt entspannt in der zweiten Reihe der Juryecke Platz, hinter den drei Promis (Bürger Lars Dietrich, Simone Thomalla, Topmodel-Kandidatin Cora), dort wo früher Politiker saßen und darauf achten sollten, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Das war zu einer Zeit, als vor Vertragsabschluss noch niemand wusste, welche Comedygranate ProSieben mit Uri Geller vorbereitet hatte.
Es stellt sich allerdings die Frage, von wem diese Änderung ausgeht: Wollten sich keine Politiker mehr durch einen Auftritt in der Show blamieren, oder verzichtet ProSieben auf die übliche "Das ist alles echt, und wirklich kein Trick?"-Frage, weil der Sender erkannte, dass es die Sendung lächerlich machte? Wenn niemand zustimmt, dass das gezeigte wahr ist, kann man es schon eher als Illusion und Zaubertrick akzeptieren...

Es bleibt also unklar, wie man diese Änderung aufnehmen darf. Zu diesem Zeitpunkt ahnte wohl noch niemand, dass dies für die gesamte Show spricht.

Schon wird uns Kandidat 1 vorgestellt. "Mentalist, Poet, Narr" Jan Becker. Seine Haarpracht: Er hat keine, doch leider hat ihm ein fliegender Hund auf den Glatzkopf gekackt. Weil er in seiner Zunft laut Kommentatorenstimme den meisten Respekt verdient hat, traute sich jedoch niemand, ihn auf das Unglück hinzuweisen.
Sein Trick: Er errät Geburtstage /liest sie an der Mimik der Befragten ab. Zum Abschluss erkennt er, an welchen Moment Simone Thomalle gerade denkt. Netter Trick, akzeptabel inszeniert. Der Kerl behauptet nicht, dass Geister ihm die Antworten zuflüstern, sondern dass er einfach nur irgendwie an die Gedanken der "Opfer" herankommt. Legitim, und fast denke ich, ich sehe mir eine leicht in die Länge gezogene, ansonsten akzeptable Zauberer-Castingshow an.

Es folgt Kandidat 2, Kristian Finke. Er behauptet, er sei ein verflixt guter Pokerspieler, sieht ganz normal aus (vom hochgeklappten Hemdkragen abgesehen) und sein Vorstellungsvideo erinnert mehr an die Kandidatenpräsentation bei Schlag den Raab, als an die oberpeinliche erste Geller-Staffel. Kristian pokert gerne, hat viele Muskeln, betreibt Bodybuilding, läuft viel und war schonmal ein Jahr lang im Urlaub.
Wären da nicht die billigen und ach-so-mysteriösen Überblendeffekte im Video, würde ich glatt darauf warten, dass er Karten in die Kamera schnippt und proklamiert: "Ich schlag den Raab."

Leider schaue ich mir gerade nicht die derzeit beste Samstagabendshow im deutschen Fernsehen an, sondern eine neue Uri Geller-Ausgabe, die bislang peinliche Behauptungen, wirklich übernatürlich zu sein vermeidet, es aber versäumt zum Ausgleich seriöse, gut vorgeführte Zauber- bzw. Illusionskunst vorzuführen.

Ja, eigentlich wollte ich es loben, dass Kristian nicht behauptet Mal mit einem Kartendeck in der Hosentasche in einen Bottich voller Säure gefallen zu sein, weshalb er seither mit den Karten kommunizieren kann, doch im Laufe seiner trockenen, uninspiriert runtergeleierten Vorführung packte mich die Sehnsucht nach alten Uri Geller-Ausgaben, in denen das alles garantiert behauptet worden wäre. Der supertolle Pokerspieler will den uratlen Zauberertrick "Ich weiß, welche Karte du eben gesehen hast" vorzuführen, was zwar lahm, aber wenigstens ein echter Trick ist. Anfangs ist es okay, und er scherzt auch etwas mit dem Topmodel ("Hast du Mal mir unbekannte Pokervariante gespielt?" -"Nein, nur das normale Poker, dieses ähm öh..." "Aber du hast wenigstens schonmal Mau Mau gespielt, oder?"), doch sein Finale ist wahrlich durchschaubar. Er malt fünf Karten auf eine Tafel, und fragt fünf Freiwillige, ob ihre Karte auf der Tafel ist. Kein genaues zuordnen... Nichts.

Taschenspielertricks sollte man besser verpacken, lieber Junge. Kein Wunder, dass er in dieser Runde bereits rausflog.

Als dritter Kandidat taucht Jan Rouven auf, der aussieht, als versuche sich Marc Terenzi an Halloween als Mindfreak Chris Angel zu verkleiden.
Auch Rouven verzichtet darauf, sich als übernatürliches Wesen zu verkaufen und führt lieber einen Verschwindibustrick vor.
Hey, super. So etwas wollte ich anfangs, vor knapp einem Jahr, sehen. Zauberer und Illusionisten in einer großen Primetime-Show!
Leider ist sein Bühnenaufbau draußen vor dem Studio nicht mit bekannten Illusionisten zu vergleichen. Vier Pappboxen stehen auf einem hohen Podest (naaaah, wer ahnt schon, wie er den Trick vollführt hat?) und drei davon werden mit brennenden Pfeilen beschossen. In der, die nicht beschossen wird, steckt er. Jedoch weiß er angeblich nicht, welche Box im Auftrag des Topmodels Caro vor dem Beschuss bewahrt wird.

Überaus durchschaubar, dieser Trick, und die schlechten Feuereffekte machen das ganze fast schon peinlich. Einige Zeit, nachdem die Pfeile auf die Box eintreffen zünden sich Feuerwerksknaller, und ein großes, aber schnell erlischendes Feuer entbrennt in der Box. Das Timing der Zündungen und die Lautstärke des Knalls waren so mies abgestimmt, das muss man gesehen haben...
Der billige Horrorporno-Soundtrack von ProSieben, der den Trick untermalt, gibt dem ganzen den Rest. Es soll schaurig klingen, erinnert aber eher an Horrorpornos oder lieblos gewählte Beerdigungsmusik. Oder beides zusammen.

Lahm inszenierte, mittelmäßige Zauberertricks vs. oberpeinliche, misslingende Begegnungen mit dem angeblich Übernatürlichem... Ich hätte lieber letzteres zurück. Das war wenigstens kurzweilig.

Nummero 4: Danny Ocean, anscheinend großer George-Clooney-Fan. Er hatte angeblich Begebungen mit anderen Wesen aus fremden Sphären und kann sich in Gehirne einklinken, so dass sich Leute an Ereignisse erinnern, die nie passierten.
Klingt viel versprechend, endlich wieder etwas zum lachen, denke ich.

Weit gefehlt: Viel lieber kopiert Ocean alte Uri-Geller-Löffel-biege-Tricks. Nur nimmt er Gabeln statt Löffel. Und, haltet euch fest, er nimmt die älteste optische Täuschung seit es Tischbesteck gibt, und behauptet es sei seine Leistung. Schnell lässt er Bürger Lars Dietrich eine Gabel, die er am Stiel hält, hin und her wackeln und sagt, er hätte sie ganz weich gemacht...

Der fünfte Kandidat bringt endlich etwas Spaß in die Show: Ully Loup. Er sieht aus wie John Malkovich in Being John Malkovich, nur mit Glubschaugen. Er hatte eine grausame Kindheit, fürchtet sich vor Berührungen, erschuf selbstständig eine Traumwelt, in die er einzog und von der aus er unsere Welt beobachtet.
Sein abschließendes Zitat in seinem Vorstellungsvideo: "Das Leben ist eine Party."

Äh, moment Mal. Er wohnt in der Traumwelt? Okay, es ist nicht die Anderswelt, aber auch die Traumwelt braucht doch eine treue Wächterin, die Ully ab übernächste Woche in die Sendung mitbringen kann. Wie wäre es mit Klofratz, der kotzenden Katze?

Diese Woche aber entführt uns Ully nicht in seine Traumwelt, sondern kokketiert (bitte festhalten) mit den Toten. Eine kleine Vincent-Raven-Parodie erhoffe ich mir...
Leider ist er besser vorbereitet als Raven. Ully lässt eine Requisite von der Decke herunterkommen (so eine Idee wäre Raven nicht gekommen), und lange Geschichten erzählt er auch nicht. Er sagt bloß, dass seine Nummer verflucht sei. Wenn sie schief geht, wird jemand sterben.

Vor was? Vor Lachen?

Wie dem auch sei: Er lässt Simone Thomalla fünf Namen auf fünf Zettel schreiben, darunter zwei Namen von Toten. Thomalla soll einen der Toten nennen, und nach und nach deckt er die Karten auf. Dabei verbockt er den "Trick" zwar nicht, drückt sich aber falsch aus, und meint bei jeder Karte "Er/Sie lebt!". Unter den aufgedeckten Karten ist aber logischerweise auch schon jemand totes...

Trotzdem ist die letzte Karte, die er aufdeckt die zuvor angekündigte. Ully macht ein ganz ernstes Gesicht eine alberne Grimasse. Alles ist still, das Publikum und Thomalla warten gespannt auf einen abschließenden Trick, eine spannende und überraschende Wende in diesem Spielchen. Die Regie ist völlig ahnungslos, weiß nicht, was sie nun tun soll. Wie gebannt fährt die Kamera aus dem Bild heraus, wohl in der Hoffnung den nun reinplatzenden Schlusskniff einfangen zu können. Ully zieht weiterhin sein seltsames Gesicht... Und Schlusstusch.
Coitus Interuptus. Vor dem Höhepunkt hat Ully nichts mehr zu bieten.

Bei Vincent Raven wartete man zwar auch immer, dass Mal etwas "magisches" passiert, aber der Mann war dabei wenigstens zum brüllen komisch. Ully dagegen nur lahm.

Raven, der zu Beginn meinte, er seie ruhig und würde vielleicht nervöser, wenn er die Auftritte der Kandidaten gesehen hat, sitzt nun mit königlicher Zufriedenheit auf seinem Sofa und gibt sich siegessicher.

Zu Recht. Als Illusionisten waren die heutigen Kandidaten fast genauso schlecht wie er. Und die vielleicht akzeptablen Taschenspielereien von heute, die richtig mies in Szene gesetzt wurden stehen gegen Ravens völlig misslungenen Versuche, mystisch und angsteinflößend zu wirken.

Es steht also "misslungene Unterhaltung" gegen "Lachkrampf verursachender Trash".

Sollte nächste Woche kein Wunder geschehen, wird Vincent Raven die Finalsendung gewinnen. Und irgendwie gönnt man es ihm. Mehr noch: Man gönnt es den Produzenten dieser Show, die nicht weiß, was sie sein möchte. Heute war es weder Edeltrash, noch richtige Unterhaltung.

Völlig öde.
Lektionen des Tages: Peinliche Auftritte sind unterhaltsamer als unterdurchschnittliche Zauberer. Trashshows ohne unfreiwillige Komik, sind langweilig.

Und eine Woche später... ging es bei Uri Geller völlig in die Hose

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Supi, jetzt hab ich's gesehen, ohne es gesehen zu haben. Scheint ja dann doch richtig langweilig gewesen zu sein.
Toller Artikel; hab vor, sie alle zu lesen, um vlt. mal über das Thema "mitreden" zu können. Obwohl... über deutsche Realityshows schreibe ich ja eh kein Wort, lol.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Danke für's Lob.
Mal sehen, ob es sich überhaupt lohnt, weiter über die Geller-Show zu schreiben. Die nächste Ausgabe wird mit Sicherheit kommentiert, da es ja fünf neue Kandidaten gibt. Danach schauen wir weiter... Wenn die Quoten weiter sinken, werde ich eh keine dritte Ausgabe zum kommentieren haben. ;-)

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