Mittwoch, 27. Mai 2009

Die Trailer meines Lebens

Von der Hitze und einem mir noch im Magen liegenden Kochexperiment getrieben schlug ich mir die letzte Nacht um die Ohren. Eigentlich hätte ich schon längst im Bett sein müssen, als ich diesen Eintrag anfing.
Die Müdigkeit befand sich auf einem schmalen und ungewöhnlichen Grad zwischen nicht-eintreten-wollen und überhand-nehmen, und so kreisten mir alle möglichen Themen durch den Kopf. Darunter eins, dass ich für durchaus blogrelevant halte.

Viele Leute, okay, nahezu jeder verbindet mit bestimmten Liedern gewisse Zeitabschnitte im eigenen Leben oder einzelne, besonders herausstechende Ereignisse. Solch ein Soundtrack zum eigenen Leben gilt mittlerweile als eigentlich völlig normal. Bloß wie weit man es damit treibt ist zuweilen unterschiedlich. Nicht jeder erstellt sich ein eigenes Soundtrack-Album.

Irgendwie fiel mir auf, dass mir als Filmfan zusätzlich zu manch prägenden Songs im Laufe der Jahre auch entscheidende Filmtrailer über den Weg liefen. Trailer, die sich ganz prägnant in mein Hirn einbrannten. Ich brauche nur ein Stückchen der Trailermusik zu hören, und schon rattern vor meinem inneren Auge mit eifriger Geschwindigkeit zahlreiche Bilder auf und ab. Nicht nur Szenen aus dem Trailer oder dem dazugehörigen Film. Ich sehe, wie ich erstmals den Trailer sah, Erlebnisse drumherum und auch Momente, die nicht direkt mit diesem Trailer in Verbindung stehen, sondern bloß zeitnah zu seinem Erscheinen geschahen.

Also nahm ich mir vor, für diesen Blog eine Liste meiner "wichtigsten" Trailer zu erstellen. Es sollten die Trailer meines Lebens sein - in Analogie zu den lebensbegleitenden Liedern, die der Mensch nunmal so hat.
Vielleicht zehn Trailer, zehn ist immer eine gute Zahl für Hitliste. Oder fünf...

Doch während ich so darüber nachdachte, welche Trailer mich besonders beeindruckten und an welchen viele Erinnerungen hängen, kam ich nicht umhin nahezu jeden Trailer mit ein paar glasklaren Anwärtern für diese Liste zu vergleichen und daraufhin auszusortieren. An diese Referenzen kam einfach kein Trailer dran. Kein weiterer Trailer konnte mich so erstaunt und gefesselt zurücklassen, wurde mit solch einem Eifer gesehen und unter Freunden verbreitet.

Diese Trailer konnten sich für mich mehr von ihrem eigentlichen Zweck lösen, als alle anderen. Und es wird euch womöglich überraschen, dass euch jetzt nicht ein kompletter Rundumschlag durch die Trailerhistorie des Pirates of the Caribbean-Franchise erwartet. Zugegeben, ich habe mir diese Trailer in Endlosschleifen angesehen und fiebrig auf den Kinostart gewartet. Doch was die Relevanz außerhalb des simplen Filmbewerbens angeht, können sie nicht komplett das halten was ich hier von den "Trailern meines Lebens" verspreche. Erschwerend kommt für sie dazu, dass jeder Pirates-Trailer mit Erscheinen eines neuen Promofilmchen den bedeutungsschweren Staffelstab weitergab. Aber dazu später ein kleines bisschen mehr...

Ihr ahnt es sicherlich schon: So ganz ohne Piraten wird diese Liste nicht auskommen. Aber wenigstens besteht sie nicht nur aus Piraten und ist nicht so umfangreich, wie sicherlich von manchen Stammlesern vermutet.

Doch kommen wir zunächst zum ersten Trailer, der möglicherweise überraschend jung ist, für den ersten Eintrag in der Playlist der Trailer eines Lebens. Meine Erklärung dafür ist, dass mich zu meiner Kindheit kein Trailer so sehr begeisterte oder verfolgte, wie es später während meines Filmfan-Daseins der Fall war.
Bevor ich mich entschloss, diese Liste auf meine zwei absoluten Favoriten zu beschränken und nicht künstlich durch weitere für mich besondere, jedoch nicht an die zwei Spitzenreiter heranreichende, Trailer zu ergänzen, spielte ich mit dem Gedanken den Videotrailer für Der König der Löwen zur Liste hinzuzufügen. Diese Vorschau auf die kommende Videokassette war auf so vielen Disney-Videos und ich habe sie so oft gesehen, ich fand's irgendwann nur noch nervig. Auch so kann man ja einen bleibenden Eindruck hinterlassen - trotzdem war es nichts besonders prägendes.
Ansonsten gab es natürlich immer wieder Trailer, die Vorfreude auf einen Film anheizten, mehr allerdings nicht. Erst später gab es Trailer, von denen ich richtig fasziniert war und die meine Erwartungen in schwer erreichbare Höhen trieben.

Wirklich prägend, im Sinne dieses Beitrags, war dann allerdings erst folgender, der zudem bis heute für mich ein absolutes Paradebeispiel für einen fantastischen, stimmigen und rundum perfekten Trailer ist:

Garden State (Teaser Trailer)

Trailermusik: Let Go von Frou Frou

Wirklich herrausragend. Keinerlei Dialoge, nur ein einziges, wunderschönes und zur Stimmung des Films wie die Faust auf's Auge passendes Musikstück. Über den Inhalt des Films wird gar nichts verraten, hier ist die emotionale Haltung des Films beziehungsweise die Emotion, die er bei einem hinterlässt das Verkaufsargument. Ein melancholischer, verschrobener, ergreifender und paradoxerweise sowohl moderner, als auch zeitloser Coming-of-Age-Film.
Dieser Trailer vermittelt die wesentlichen Informationen über Garden State, ohne dem Zuschauer irgendetwas vorwegzunehmen. Für mich ist das wahre Trailerkunst und eine selten erreichte Meisterleistung. Schon allein deshalb hinterließ der Teaser Trailer zu Zach Braffs unvergleichlichem Regiedebüt solch einen tiefgehenden Eindruck wie kein Trailer vorher. Fast würde ich verlangen, es solle mehr solcher impressionistischen Trailer geben, allerdings würde das den wenigen Glanzstücken etwas ihrer Exklusivität nehmen.

Mit dem Garden State-Teaser-Trailer verbinde ich Monate lang gebanntes Warten auf einen Film, über den ich nicht mehr wissen wollte, als das, was der Trailer suggeriert und dass Zach Braff mitspielt, Regie führte und das Drehbuch schrieb. Ich verbinde mit ihm auch Wochen der Panik, weil kaum Kinos in meiner Umgebung ihn ankündigten und ein Kino ihn in letzter Minute aus seiner Programmvorschau rausnahm.
Und frei nach High Fidelity stellt sich die Frage: "Habe ich damals diesen Trailer gesehen, weil ich melancholischwar, oder war ich damals melancholisch, weil ich diesen Trailer habe?"
Jedenfalls fand sich die melancholische, leicht schlafwandlerische und die in aller Verschrobenheit versteckte Aufbruchstimmung auch bei mir selbst wieder.

Mein anderer "Über-Trailer" vereinigt stellvertretend sämtliche gespannte Vorfreude auf die einzelnen Filme der Pirates of the Caribbean-Saga. Mit jedem Trailer stiegen die Erwartungen ins unermessliche, und mit jedem neuen Film ließ sich Disney neue Extravaganzen einfallen, um die Fans auf die Folter zu spannen. Und somit verbinde ich mit diesem Trailer nicht nur zahlreiche kleine und große Wartereien auf den direkt von ihm beworbenen Film, nein, wie bei einer richtig schönen Assoziationskette kommen mir bei ihm alle mit dem Warten auf die anderen Pirates-Filme und ihre Trailer in den Sinn. Ich erinnere mich daran, wie ich an dem Tag, an dem ich das Internet nach dem von Disney an einen glücklichen Gewinner eines MySpace-Gewinnspiels versandten Link zum Trailer von Pirates of the Caribbean - Dead Man's Chest abgraste. Ich erinnere mich daran, wie ich am Tag, an dem der Trailer zu Am Ende der Welt endlich enthüllt werden sollte extra früh aufstand um ihn mir vor dem üblichen tagewerk mehrfach ansehen zu können. Wie ich ganze Freistunden damit verbrachte im Computerzentrum den Trailer immer und immer wieder voller Begeisterung und Faszination anzusehen, nur unterbrochen von ebenfalls fast schon ritusartigem, ungeduldigem Abchecken meines E-Mails-Account, weil eine eh schon klein wenig verspätete E-Mail einfach nicht eintrudeln wollte. Haufenweise Anekdoten versammeln sich um diesen einen Trailer. Mir egal, wenn diejenigen, die meine Faszination nicht teilen können mal wieder aufstöhnen, dieses kleine Werbefilmchen gab dem Alltag einiger Monate so richtig Zunder:

Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (Trailer)

Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt
Trailermusik:
  • Yo Ho, Yo Ho (A Pirate's Life For Me)
  • Fog Bound - aus Fluch der Karibik
  • He's a Pirate - aus Fluch der Karibik
  • Hello Beastie - aus Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2
  • Choral Swell 3 - von Music Junkies
  • Dark Empire Remix - von X-Ray Dog
  • Dark Lord Dogma - von Pfeifer Broz. Music
  • Def Con - von Immediate Music
  • Frantic Chase - von Pfeifer Broz. Music
  • Panic Rise - von Pfeifer Broz. Music
  • Return of the King - von X-Ray Dog
  • Skeletons Rising - von X-Ray Dog
  • The Maker - von Music Junkies
  • Tortured Souls - von Pfeifer Broz. Music
  • Wasted Obsession - von Pfeifer Broz. Music
  • With Great Power - von Immediate Music
(an dieser Stelle ein kleiner Hinweis auf die Duckipedia, wo ihr diese Liste und vieles weitere nachlesen könnt)
In musikalischer Hinsicht ist dieser Trailer glasklar auf dem anderen Ende des Spektrums angesiedelt als der Teaser Trailer zu Garden State: Eine Liason zahlreicher Musikstücke, die reinklotzen und das Wort Subtilität nicht kennen. Statt sich einzufühlen soll der Betrachter hier bei den ersten paar Betrachtungen niedergeknüppelt und später völlig mitgerissen werden. Im Gegensatz zum Garden State-Trailer ist mir hier völlig bewusst, wer zu erst da war: Die mir eine Heidenfreude machende, epische, dramatische und fast schon apokalyptische Trailermusik sorgte dafür, dass ich mich in den Monaten zwischen Trailerveröffentlichung und Kinostart von Am Ende der Welt in einer dramatischen, Ära abschließenden und größenwahnsinnig epischen Stimmung befand. Und perfekter hätte das Timing nicht sein können: Es waren die letzten Abiturwochen. Als Am Ende der Welt ins Kino kam, war dieser finale Kampf mit dem Monstrum namens Schulpflichten längst geschlagen und der Film konnte die Assoziationen besetzen, die eh viel besser zu ihm passen.
Für mich ist der Trailer zu Am Ende der Welt deshalb ein ähnlich perfekt passender Begleiter des Films, wie der Teaser Trailer zu Garden State. Letzterer ahmt seine Gesamtstimmung perfekt nach. Der Am Ende der Welt-Trailer trifft als film-geekiger Begleiter einige persönlichen Erinnerungen voll ins Schwarze, wo sich der (insgesamt selbstverständlich überlegene) Hauptfilm "bloß" sehr viel besser einfügt als alles andere, was die Medien zu dieser Zeit rausbrachten. Oder anders ausgedrückt: Wie bereits in meinem Kultfilm-Beitrag geschrieben, kam der dritte Pirates-Film für mich zu einem perfekten Zeitpunkt. Und der Trailer macht es dem von ihm beworbenen Streifen in kleinerem Maßstab nach.

Ja, jeder hat wohl seinen "Abisong" und so weiter, doch wenn ich überlege, ob irgendein Buch, ein Lied, eine TV-Show oder ein anderer Film stärker an dieser Phase haftet, ist mir klar, dass der Gewinner nur Am Ende der Welt sein kann. Und in ein paar kleinen Fällen, wie besagten Freistunden, ist der Trailer naturgemäß noch näher dran. Wie will ich vor Kinostart in meinen Freistunden Am Ende der Welt gesehen haben?

Überhaupt, die Stimmung dieses Trailers. Hier haben wir wieder diese Aufbruchstimmung, genau wie in Garden State, nur in gänzlich anderer Form. Ohne zu zögern stürzt einen diese fantastische Musikauswahl in einen alles beendenden, riesigen Kampf. Es mag trubulent zugehen, aber das ist uns egal. Nein, wir genießen es sogar!
Fantastisch.
Genau wie der Aufbau. Der mystische Anfang, ein kurzer Gag mit Jack, dann eine unvergleichliche Exposition von Barbossa, und dann flippt alles aus. Die Stelle in der Jack und Davy Jones ein Schwertduell abhalten... Oh mein Gott, wie konnte ich da nicht dem Kinostart hinfiebern? Und wie konnte sich das Stück Musik nicht in mein Hirn einbrennen und mich bei letzten Lernattacken antreiben? Okay, schon weit hergeholt, aber ich hab's immer mit einem Augenzwinkern getan. Alleinunterhaltung. Erleichtert das Lernen... Probiert es ruhig aus!

Das waren sie also, die zwei Trailer meines Lebens.
Wer mag kann sich hiervon gerne inspiriert fühlen, seine eigenen Trailer zu suchen. Wäre natürlich lieb, wenn Blogger, die eventuell einen Eintrag in ihrem Blog erstellen dann auf dieses Posting verlinken würden.

Und nehmt meine obzessiven Filmtrailer-Beweihräucherungen nicht all zu ernst. Ich hörte mir während des Schreibens die entsprechenden Musikstücke an, das lässt einen automatisch alles viel schwerwiegender formulieren. Müsst euch also keine Sorgen machen, dass ich Trailern eine zu große Bedeutung zukommen lasse.

Jedenfalls so lange, bis ich nicht irgendwann selber Trailer schneiden muss (warum auch immer)...

2 Kommentare:

The Great Gonzo hat gesagt…

Der Pirates - Trailer hat mich damals auch schwer beeindruckt und erzeugt heute noch Gänsehautfeeling. Lag wahrscheinlich auch daran, dass Disney vorher so gut wie nichts über den Film rausgerückt hat und dann kam, gerade mal ein paar Monate vor dem Kinostart so ein Trailer. Hat mich schon umgehauen.

Der einzige Trailer, der da, für mich, etwas rankommt ist der von Oben.

Anonym hat gesagt…

Hallo Sir D!
Interessanter Ansatz!
Habe mich dann selbst mal gefragt, wie dass denn bei mir so wäre - aber wenn ich ehrlich sein soll, fallen mir kaum Trailer zu bestimmten Szenen ein.
Aber in den Zeiten, als man noch nicht diesen Zugriff auf alle möglichen Teaser, Trailer und Daten hatte (sagen wir mal in den 70ern oder 80ern des letzten Jahrhunderts) gab es auch Sachen, die einen total in den Bann zogen - aber du konntest sie nicht so oft sehen, da es einfach kaum Zugriff auf solche Sachen gab. Ich habe mir damals schon von Verleihcassetten die interessanten Trailer kopiert, um dann einfach mal wieder alle diese kleinen Meisterwerke zu sehen. In Erinnerung blieben natürlich Trailer zu Filmen, die einem dann auch gefielen: Blues Brothers, Tron, Star Trek. Aber wie gesagt, ich kann dir sagen was ich an einigen bedeutenden Tagen der Weltgeschichte machte (Mauerfall, 9/11, Geburt meiner Tochter usw.) aber an einen Trailer der betreffenden Zeit kann ich mich nicht erinnern.
Aber an einen Disney-Trailer auf einer Videocassette, der mich wahnsinnig beeindruckt hat, erinnere ich mich genau: er war der Trailer zu Toy Story!

Bis dann,

Wild Bill Kelso

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