Freitag, 7. Januar 2011

Super Mario Bros.

Jüngere Titel der Kernreihe an Videospielen rund um Nintendos Maskottchen, dem Gelegenheitsspieler und passionierte Zocker vereinigenden Super Mario bemühen sich redlich, der für das eigentliche Spielerlebnis weiterhin unbedeutenden Pseudohandlung etwas mehr an Substanz zu verleihen, als man es aus den frühsten Verkaufsschlagern Nintendos kennt. Dennoch bieten 3D-Plattformer wie Super Mario Sunshine weiterhin keine gehaltvolle Grundlage für eine den Test der Kinokritiker bestehende Leinwandadaption, was nicht bloß an Plots wie "Mario macht mit der Prinzessin Peach Urlaub, wird allerdings verhaftet, da ein blaues Ungetüm mit seinen Umrissen überall Kritzeleien hinterlässt. Oh, und ein kleines Schildkrötenmonster hält Peach für seine Mutter!" liegt, sondern auch an der quirlig-surrealen Welt, in die diese Spiele gebettet sind. Ein Kinofilm, obendrein ein Realfilm, über die Abenteuer Super Marios, wäre gegenwärtig ein halsbrecherisches Unterfangen.

Versetzen wir uns um circa 18 Jahre zurück, gewinnt das Vorhaben eines Super Mario-Films mehrere zusätzliche Ebenen an Absurdität. Aus kommerzieller Sicht mag es möglicherweise damals nachvollziehbarer gewesen sein, da Mario als Puzzlestück der Popkultur noch unerlässlicher war als heutzutage, künstlerisch hingegen war man gezwungen, seinen Film auf die drei Super Mario Bros.-Titel für den NES und das noch taufrische Super Mario World für die Nachfolgekonsole Super NES aka Super Nintendo zu basieren, es sei denn, man wollte sich tatsächlich die Blöße geben und die eher obskuren (bis schlichtweg peinlichen) Comics und Cartoons als Inspirationsquelle heranzuziehen. Bedenkt man die im Mario-Kanon eher polarisierende Stellung des außerhalb Japans veröffentlichten Super Mario Bros. 2 und zieht daraus die Konsequenz, dieses Jump'n'Run bei der Erschaffung seines ersehnten Sommer-Blockbusters besser zu ignorieren, so hatte man anno 1993 folgende Grundlage für seinem familientauglichen Actioner:



"Zwei italienische Klempner (aus Brooklyn) befinden sichin einem wundersamen Königreich mit gewaltigen Abgründen und Lavaschluchten, in dem ein gestachelter, feuerspeiender Schildkrötenkönig die Prinzessin Toadstool entführt hat. Die nicht sehr fit aussehenden, aber äußerst agilen Klempner springen durch das Königreich, springen auf seltsame Wesen, verspeisen Pilze um zu wachsen und Blumen um Feuerbälle zu schießen und vielleicht reiten sie auch auf bunten, freundlichen Dinosauriern."

Nicht unbedingt eine Steilvorlage für einen guten Film, und bekanntermaßen ist der Super Mario Bros-Film aus dem Jahr 1993 alles andere als eines dieser Wunderwerke, die das unmögliche möglich machen. Ganz im Gegenteil: Hollywood Pictures' Super Mario Bros. war der schicksalhafte Anfang einer kaum übersichtlichen Liste an schlechten Videospielverfilmungen. Und zu Beginn dieses Fadens eines Trauerspiels steht die alleinige Frage: Warum? Ja, der kommerzielle Grund ist offensichtlich, aber wie kann man es künstlerisch rechtfertigen, etwas kaum adaptierbares zu adaptieren, dabei kläglich zu scheitern und es dennoch der Öffentlichkeit zu präsentieren?

Wenn man schon ein aufgrund seiner Eigenheiten kaum in ein anderes Medium übertragbares Werk adaptiert, wieso geht man dann nicht den Charlie-Kaufmann-Weg und lässt die Arbeit an der Adaption in den Film miteinfließen? Mh, das wäre doch ein interessanter Super Mario-Film: Ein Drehbuchautor sieht sich mit der Herausforderung konfrontiert, einen Super Mario-Film zu entwickeln, verliert über diese Aufgabe jegliches Zeitgefühl, daddelt vollkommen übernächtigt an seiner Nintendo-Konsole, ist von Energydrinks total überzuckert und verliert sich schließlich im Spiel. Ein Depp könnte mit genügend Geduld (und ausreichendem Vorrat an VodkaEnergy) eine amüsantere und reizvollere Komödie als den tatsächlichen Super Mario Bros.-Film schaffen! Ein guter Autor wäre fähig, sogar ein wenig den Zeitgeist der jugendlichen Spielerkultur einzufanfen und zu verarbeiten, womit der Film ein Minimum an Substanz gewönne - ein sehr guter Autor würde aus diesem Konzept schließlich solch ein Geekfest wie Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt schaffen. Tja, und ein Genie wie Charlie Kaufmann... naja, er würde schlichtweg Adaption neu schreiben, dieses Mal halt über ein Videospiel, statt über ein Buch.

Aber es sollte einfach nicht sein. Statt eines Films, der möglicherweise an anderen Dingen wie der Regie, einzelnen Gags, dem Produktionsdesign oder der Darstellung scheiterte, immerhin jedoch auf einem reizvollen Konzept basierte, erhielten wir 1993 einen katastrophalen Versuch eines Sommerblockbusters, der von der ersten Sekunde an zum Scheitern verurteilt war. Was man ihm allerdings lassen muss: Super Mario Bros. ist aus schierer Faszination am Grauen wirklich unterhaltsam, er ist so schlecht, dass er aus einer Grindhouse-Perspektive wieder... nett ist. Für "so schlecht, dass es fantastisch wird" reicht es leider nicht, dafür verfängt er sich als eigenständiger Film zu sehr in knapper 90er-Familienblockbuster-Unterdurchschnittlichkeit. Die Adaptionsfehler dagegen sind grausam, allerdings zeigt die Fülle an Referenzen, dass sich irgendwer von den Filmemachern mit den Spielen auseinandergesetzt haben muss - weshalb nur Unverständnis zurückbleibt, und kein "Autounfall-Effekt", der einen zum Weiterschauen zwingt.

Was am deutlichsten aus Super Mario Bros. spricht, ist dass dieser Film ein (extremes) Produkt seiner Zeit darstellt. Der Film trifft förmlich vor den übelsten Klischees der frühen 90er, so sehr, dass man ihn fast schon als Parodie auf eben solche betrachten kann (was das Anschauen auch tatsächlich zu einem milden Sehvergnügen macht). Die Leinwand-Mario-Brüder sind ein faszinierendes Opfer der Sucht nach "Dunkler, härter, extremer" geworden. Der 90er-Fassung, natürlich. Nicht der durch den Erfolg von Christopher Nolans Batman-Filmen ausgelösten Welle an realistischeren, finsteren Adaptionen bekannter Stoffe, sondern dem dunkler, härter, extremer früher 90er-Superheldencomics. Super Mario Bros. ist zu seiner Spielvorlage nicht etwas wie There Will Be Brawl, sondern eher was Tim Burtons Batman-Filme zur 60er-Fernsehserie waren. Nur in absurd und weniger kunstvoll.
So wird aus dem farbenfrohen Mushroom Kingdom eine dystopische Metropole unterhalb New Yorks, die eine Kreuzung aus Blade Runner, frühem Punkrock und Tank Girl zu sein scheint, statt grinsender Comicschildkröten und grummelig-putzigen Irgendetwassen stellen sich den Mario-Brüdern schrankgroße wesen mit winzigkleinen, hässlichen Saurierköpfen und Bowser ist kein Cartoonwesen mehr, sondern ein mies gegelter Dennis Hopper im Lederoutfit. Überhaupt: Die Bewohner des Königreiches sind einfach nur schlecht gekleidete Menschen, die sich laut der Story dieses absurden Films statt aus Affen aus Dinosauriern entwickelten. Bowser braucht Prinzessin Daisy (eine als Baby aus der Dinowelt gerettete Archäologin) und ihr Meteoritensplitter-Halskettchen, um beide Dimensionen zu verschmelzen und die Weltherrschaft zu übernehmen. Dabei werden die Menschen der Oberwelt in Affen zurückverwandelt, weil, das ist lustig. Oder so.

Und damit treffen wir auch den zweiten Punkt, der Super Mario Bros. schadet. Selbst wenn man ihn nicht als Videospieladaption betrachten möchte, sondern als eigenständigen Film, eckt diese "wilder, düsterer, extremer"-Haltung mit der blamablen comichaften Seite der Produktion an. Diese atmosphärische Schizophrenie soll wohl aus einer Unstimmigkeit zwischen dem Studio und den beiden Regisseuren Annabel Jankel und Rocky Morton entstanden sein. Während Vertreter des Studios auf einem kinderfreundlicheren Film bestanden, sollen die Regisseure zunehmend nach einem älteren Publikum gestrebt haben. Weshalb der Film letztlich (für einen Mario-Film) schreckliche Kreaturen, aufreizende Statistenkostüme und eine von Dunkelheitdominierte Farbpalette aufweist, aber gleichzeitig den herrischen und unnachgiebigen König Koopa eine Pizza mit schlechten Fleischwortwitzzutaten bestellen lässt oder die gruseligen Goombas zeigt, wie sie zu der Titelmelodie von Doktor Schiwago schunkeln.

Die Zwistigkeiten zwischen Studio und den Regisseuren resultierten obendrein in zahlreiche weitere Pobleme mit dem Film. Um die Laufzeit zu kürzen und eine niedrige Jugendfreigabe zu sichern (ob des generellen Looks des Films eine eher problematische Entscheidung, da jüngere Kinder ihn nur noch hässlich und ältere Jugendliche ihn viel zu zahm empfunden haben dürften), wurden zahlreiche Dialogszenen gestrichen, sowie ein Beinahe-Striptease in einer Nicht-Ganz-Dominatrix-Disco. Weshalb der Film kaum noch Sinn macht: Figuren ändern ihre Agenda frei nach Belieben der Handlung, Handlungsfäden bleiben völlig offen, es gibt ellenlange Exposition über Figuren, die dann doch keine große Rolle spielen und, und, und... Ganz großartig auch eine Stelle, in der König Koopa einen Menschen fies grinsend in einen Schimpansen verwandelt - und die umstehende Meute in Gelächter ausbricht. Ähm, Panik? Irgendjemand? Nein? Ähm, guuuut...

Als sinnbefreiter Sommerfamilienactionfilm ist Super Mario Bros. ein Streifen der ganz hirnlosen Sorte. Die Story macht kaum Sinn, die Figuren sind flacher als ein 8-bit-Sprite, viele der Gags sind zum Augenrollen. Doch es ist längst keiner der schlechtesten Filme aller Zeiten: Auf einer vollkommen degenerierten Hirnabschaltebene ist Super Mario Bros. dank der übertriebenen Schauspielleistungen, dem total lächerlichen, aber sehenswerten und (gerade im Kostümdepartement) ambitionierten Look und stupider Kurzweil eigentlich so unterdurchschnittlich, dass es noch nicht wehtut. Es wäre ein Film, der Sonntagsmittags öfter mal wiederholt wird, mit halber Aufmerksamkeit etwas Zeit vertreibt und dann vergessen wird.
Doch da es zugleich eine Super Mario-Adaption ist, gewinnt er an Trash-Faktor dazu. Eigentlich ist der Film nicht katatsrophal genug, um aus Neugier am Trash eine Faszination auszüben, doch da Anspielungen auf kleinere Mario-Gegner, die legendäre Bob-Ombs und ähnliches, was für Mariokenntnisse der Autoren spricht, auf absolut hirnrissige Missinterpretationen trifft, hat der Film letztlich doch so etwas wie einen Trash-Charme. Es ist schwer zu benennen, doch es wirkt auf mich nicht so, als wäre den Beteiligten die Mario-Lizenz völlig egal, sondern als herrsche bei dieser Produktion Naivität und Stümperhaftigkeit vor, allerdings eine so selbstsichere und von diesem extremen 90er-Style überzeugte, dass ich den Film nicht wirklich hassen kann. Er ist einfach bloß ein schlechter Film, der für sich betrachtet (sehr) dezent unterhaltsam ist und als Mario-Lizenzware einfach gesehen werden muss, um an seine Idiotie glauben zu können.

Deswegen ist mein Fazit: Finger weg, es sei denn, ihr seid Mario-Fans! Dann müsst ihr ihn euch wenigstens einmal ansehen und diese Verhunzung der Mario-Videospiele aus erster Hand erleben. Am besten in geselliger Runde.

Siehe auch:

2 Kommentare:

Green Ninja hat gesagt…

Hab mir den Film vor ein paar Jahren auf DVD organisiert. Er ist tatsächlich nicht wirklich furchtbar, aber leider noch nicht so schlecht, dass er deswegen lustig ist.

Guter Punkt mit der 90er-Jahre Mentalität das alles düster sein muss. Ich habe mich schon immer gefragt, wie es zu diesem Film gekommen ist.

Bernhard hat gesagt…

Hab den Film damals im Kino gesehen, war damals noch ziemlich klein, hatte mir auch etwas völlig anderes davon erwartet und war dementsprechend enttäuscht. Der Film ist furchtbar.

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