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Samstag, 29. Dezember 2012

Oscar 2013: Meine Nominee-Prognose in der Kategorie "Bester Film"


Ich weiß, es ist für meine Verhältnisse sehr spät, jetzt erst laut über die Oscar-Nominierungen zu spekulieren. Aber 2012 war ein tumultreiches Jahr, weshalb ich einfach nicht die Zeit fand, mit so großem Vorlauf über die Oscar-Nominierungen nachzudenken. Stattdessen werde ich Stück für Stück einige der wichtigen Kategorien durchgehen. So fehlt etwas der Spaß des "Blindinsblaueratens", dafür ist die Fallhöhe um einiges größer.

Die Oscars 2013 lassen einen überdeutlichen Vorreiter, wie es ihn in den vergangenen Jahren gab, vermissen, so dass es zwar leicht ist, einen kleinen Pool an nominierungstauglichen Filmen zu wählen, aber es ist knifflig, ihn einzugrenzen, da fast jeder Film plötzlich von Oscar-Insidern der Sparte "verliert an Zugkraft" zugeordnet wird. Erwarten uns etwa einige große Überraschungen?

Aufgrund der noch jungen Nominierungsregeln in der Hauptsparte nenne ich an dieser Stelle die fünf Filme, die mir bei einem kleinen Feld am wahrscheinlichsten vorkommen. Danach folgen meine "wenn es mehr Nominierungen werden"-Kandidaten.

  • Lincoln
  • Les Misérables
  • Argo
  • Zero Dark Thirty
  • Django Unchained

Die ersten vier dieser "ultimativen" Liste waren einfach. Lincoln hat das Thema, die Kritiken, die Nominierungen für Indikatorpreise (Screen Actors Guild, Globes) und eine spürbare Kampagne sowie einige Leute, die ihn lieben (und beim Oscar geht es auch darum, Herzen zu erobern). Les Misérables hat Grandeur und Indikatorpreise, da allerdings Stimmen laut werden, die mit der Regieführung und Änderungen gegenüber der Vorlage unzufrieden sind, verliere ich das Vertrauen in einen klaren Sieg. Argo erachte ich (erst recht nach den Globes) als sichere Sache, ebenso wie Zero Dark Thirty, selbst wenn dem Film die Felle für einen Sieg davonschwimmen. Aber dann? Django Unchained rockte die Globes, läuft super in den Kinos, erfreut die Kritiker, ist aber blutig und (Tarantino halt) "edgy", weshalb er in einem Fünferfeld deplatziert wird. Zudem fehlt die SAG-Ensemblenominierung. Die hat Silver Linings, dessen Buzz aber verschwunden scheint und mir auch einen zu krassen tonalen Wechsel für dieses kleine Feld hat. Und Life of Pi? Fox feuerte kürzlich die Nummero uno der PR-Abteilung und in den USA scheint das Feedback sehr gut, doch etwas kühler als hier zu sein. Dennoch ein Film, der vor allem für sein Handwerk gefeiert wird.

Naja, zum Glück gehe ich eh von neun Nominierungen aus. Für Silver Linings ist also locker Platz, ebenso für Life of Pi. Die folgenden fünf Filme sind in absteigender Reihenfolge: Auch wenn ich mit neun Nominierungen rechne, sind hier also meine Tipps für ein Feld mit sechs bis zehn Kandidaten abgedeckt.

  • Silver Linings
  • Life of Pi
  • Moonrise Kingdom
  • Beasts of the Southern Wild
  • Anna Karenina (aus dem Oscar-Buzz verschwunden, aber die, die ihn lieben, lieben ihn enorm, und mindestensein  unerwarteter Film ist jedes Jahr dabei, nicht wahr, Extrem laut und unglaublich nah und Blind Side?)
Und dann sind da noch die "Longshots". Wenn Filme meine Prognose versauen, dann folgende:
  • The Master (respektiert, aber trotz Kritikerhype wenig geliebt und nach dem Start schnell verpufft, andererseits hat Paul Thomas Anderson eine stattliche Fanbase, die ihn reinhieven könnte)
  • Best Exotic Mangold Hotel (Indie-Favorit)
  • Amour (heimlich, still und leise schlich sich Michael Hanekes neuster Film in die Herzen vieler US-Oscarblogger, doch missverstehen sie ihre Liebe zum Film als ernsthafte Oscarchance?)
  • The Dark Knight Rises (einfach nur, weil die Academy ein riesiges "WTF?!" in unseren Gesichtern sehen will)
Nach Life of Pi macht mich diese Liste extrem nervös, aber ich bleibe vorerst bei ihr. Und wenn ich nicht in letzter Sekunde Muffensausen bekomme, werde ich bis zur Bekanntgabe der Nominierungen meine Zeit eher mit Listen zu anderen Kategorien verbringen als damit, diese Auflistung durchzurütteln.

Was sind eure Vorhersagen?

Freitag, 28. Dezember 2012

Einen hat er noch: Smith bereitet "Clerks III" als seinen Schwanengesang vor

"Ey, yo, Schwabbelbart, wenn man jeden achtzehnten Buchstaben aus der Bibel nimmt, steht da 'Und ihr werdet drei Jahrzehnte lang vor'm Quick Stop stehen!', Snoogangs!"

Ich habe es schon mehrfach gesagt und werde es noch mehrmals sagen: Disneys Verkauf von Miramax ist einer der größten Fehler der Businessgeschichte unser aller Lieblingsmaushauses. Nicht nur, dass Disney einen wertvollen Filmkatalog raushaute, nein, das Ende der Miramax-Ära kostete uns auch Kevin Smith als Filmemacher. Wie der rundliche Bartträger neulich beichtete, starb mit Miramax auch ein großer Teil seiner Passion fürs Filmemachen.

Ursprünglich sah er das Eishockeydrama Hit Somebody als seine Abschiedsvorstellung vor, aber dann expandierte das Drehbuch derart, dass er einen Zweiteiler daraus machen wollte. Davon sah Smith ab, nur um Anfang Dezember zu verkünden, dass er aus dem Hockeyfilm eine TV-Miniserie gemacht hat. Welcher Sender diese ausstrahlt, soll Anfang 2013 bekannt werden.

Ist Red State somit Smiths letzter Kinofilm? Nein. Denn während Hit Somebody von der großen Leinwand auf den kleinen Bildschirm wandert, befördert Smith den für die Bühne angedachten Clerks III auf die Leinwand, die die Filmwelt bedeutet! Gegenüber Good Day LA verriet er, dass er sich vorgenommen hat, den Film 2014 zum 20-jährigen Jubiläum des Originals zu veröffentlichen und so seine Kinokarriere mit einem Kreisschluss zu beenden:

Los Angeles Local News, Weather, and Traffic

Witzig, wie Zeit die Perspektive ändert. Clerks II war nach dem Misserfolg von Jersey Girl für Smith eine sichere Sache, die fast schon einem feigen Rückzug in gewohntes Gebiet darstellte, wofür ihn einige Fans auch kritisierten. Nun aber erscheint eine Clerks-Trilogie geradezu genial: Einmal je Jahrzehnt kehrt ein redelauniger Regisseur zu seinem persönlichen Schätzchen und Startpunkt zurück, um über sein Leben und seine Karriere zu philosophieren. Es ist eine Trilogie, die einen passionierten Regieanfänger Mitte 20, einen Indie-Star mit herbem Rückschlag Mitte 30 und einen mit seiner Kinokarriere abschließenden Socialmedia-Freak Mitte 40 repräsentiert. Das Nerdtum bewegte sich in dieser Zeit ebenfalls enorm, was in der Trilogie ebenfalls ausgedrückt wird.

Also ich freu mich drauf.

"Project X" ist Film des Jahres ... auf der Filmpiraten-Hitliste


Drei unsympathische Protagonisten, darunter ein zum Kotzen selbstüberzeugtes Plappermaul mit dem Wortschatz einer Jauchegrube, zahllose Wackelkameras, ein anstrengender Soundtrack und ein hauchdünner Alkoholfilm an Handlung. Schon ist er fertig, der Filmerfolg des Jahres. Naja, zumindest in Filmpiratenhausen.

Der Partyfilm Project X fiel nicht nur mir auf den Wecker, sondern auch weiteren Bloggerkollegen, an den Kinokassen machte die Assiparade mit weltweit 100 Millionen Dollar für einen verwackelten No-Budget-Film ohne Stars noch vergleichsweise viel Geld. Viel mehr Leute haben sich aber geweigert, für diesen Film zu zahlen und ihn stattdessen runtergeladen. Wie TorrentFreak meldet, ist Project X nämlich mit 8,72 Millionen Downloads der am meisten illegal gedownloadete Film des Jahres.

Besseren Geschmack bewiesen die Entertainmentpiraten sowohl bei den Serien des Jahres als auch auf den Plätzen zwei bis fünf, auf denen sich Mission: Impossible – Phantom Protokoll, The Dark Knight Rises, The Avengers und Sherlock Holmes: Spiel im Schatten befinden. Platz sechs ging an 21 Jump Street, es folgen Verblendung, Der Diktator, Ice Age 4 und Breaking Dawn 2.

Dienstag, 25. Dezember 2012

Die schlechtesten Kinofilme 2012

Hier ist sie wieder, die alljährliche Filmliste, in deren Vorfeld ich zu deklamieren habe, dass der Postingtitel inakkurat ist. Eigentlich müsste er "Die mich am meisten langweilenden, nervenden und in Zorn versetzenden Filme des Jahres 2012" lauten, jedoch ist das schlichtweg kein griffiger Titel. So lange ich kein Vollzeit-Filmkritiker bin, sondern mein Geld auch mit Meldungen über das deutsche Fernsehgeschehen verdiene, habe ich die Bürde, mich nicht völlig auf meine Passion konzentrieren zu dürfen.

Es ist zwar auch eine Freude, offensichtliche Floplisten-Kandidaten wie Breaking Dawn  Teil 2, Zettl, New Kids Nitro (für diese "Ehrennennung" hagelt es sicher wieder einmal böse Kommentare), Devil Inside oder Der Chaos-Dad nicht sehen zu müssen, aber es schränkt natürlich etwas die Bandbreite dieser Liste ein. Dessen ungeachtet sind meine Abneigungen gegen die unten stehenden Filme intensiv und ehrlich. Sicherlich hätte mir Adam Sandlers Pädo-Komödie das Grausen gelehrt, dennoch habe ich mich auch schon während folgenden Produktionen nach einem raschen Ende gesehnt. Manche meiner Hassfilme des Jahres sind naheliegende Titel, andere werden vielleicht überraschen. Doch es ist meine Liste der filmischen Abneigungen, und da kann sowas vorkommen.

Sparen wir uns weitere Umschweife, los geht sie, die Parade des verfehlten Kinogenuss:

Platz 12: Dark Shadows (Regie: Tim Burton)
Mit Abstand der harmloseste Kandidat in dieser Liste, trotzdem ohne Frage ein wahres Ärgernis meines Kinojahres: Tim Burtons Leinwandadaption der US-Kult-Gothic-Seifenoper Dark Shadows versuchte verzweifelt, den inhaltlichen Stoff für zwei Serienstaffeln in rund 100 Filmminuten zu quetschen. Das brachte nicht nur gehetzte Figurenentwicklungen mit sich, sondern eine Vielzahl an ineffektiven Plottwists sowie während des laufenden Films abgewürgte Handlungsfäden, die den interessanteren Momenten die Luft abwürgen. Erschwerend kommt hinzu, dass Burton sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, ob er eine Hommage, eine Parodie oder eine auf Kinoniveau gehobene, besonders atmosphärische Version des Dark Shadows-Stoffs erzählen wollte. Wäre dieses Stimmungskauderwelsch nicht so erschreckend dröge erzählt, würde es nerven statt langweilen. Insofern hatte das Gespann Burton/Depp Glück im Unglück. Auf der Habenseite stehen derweil eine trockenhumorige Chloë Mortez und eine mit weltoffenen Augen bezaubernde Bella Heathcote in der Rolle der Quotennormalen sowie eine ihre übertriebene Boshaftigkeit sichtlich genießende Eva Green, die den Schurkenpart ausfüllt. Unser aller Liebling Johnny Depp agiert derweil auf Autopilot. Viel Potential, viele maue Gags, sehr viel Ödnis. Das war er also, der so heiß ersehnte Burton-Depp-Vampirfilm.

Platz 11: Ice Age 4 – Voll verschoben (Regie: Steve Martino & Mike Thurmeier)
Jaja, da stöhnt irgendwo wieder jemand auf: "Klar, dass unser voreingenommener Disney-Fan was gegen erfolgreiche Konkurrenzprodukte hat!" Und es schockiert mich tatsächlich, dass diese witzarme und lieblose Ausschlachtung des einst sympathischen Ice Age-Franchises allein in Deutschland 6,6 Millionen Menschen in die Kinos lockte. Nicht aber, weil ich es Nicht-Disney-Produktionen nicht gönne, sondern mich der qualitative Verfall zwischen Part 3 und 4 deprimiert. Hatte der wilde und chaotische Drittling der Eiszeitreihe frische Ideen, besteht Ice Age 4 aus ausgelutschter, saudämlicher Pseudo-Familiendramatik, platten Dialogen und ziellosen Füllsequenzen (wie etwa einer der miesesten Gesangseinlagen der vergangenen Kinojahre). Sogar Säbelzahneichhörnchen Scrat verlor etwas von seinem Old-School-Cartoonslapstick-Charme und tauschte ihn gegen eine Schmerzparade aus. Mit dem Brecheisen reingeprügelte Chartmusik ist ebenfalls kein Zeichen für ein Passionsprojekt. Mit diesem Streifen waren die Blue Sky Studios klar nur auf den schnellen Heller aus. Was Ice Age 4 vor meiner Flop 10 bewahrt? Süße Hamster mit Anarcho-Humor und Sids laute, freche Oma.

Platz 10: Mann tut was Mann kann (Regie: Marc Rothemund)
Deutsche Romantikkomödien sind selten originell. Umso ärgerlicher, wenn eine halbwegs reizvolle Idee (eine Gruppe gänzlich unterschiedlicher Männer hält WG-Ratssitzungen über Liebesprobleme) durch dröges Pacing und zahllose Füllszenen, die von den eigentlichen Liebesstorys ablenken, sowie flach fallende Gags gnadenlos auf die Nase fällt. Jan Josef Liefers kann noch so ein toller Schwerenöter sein, wenn um ihn herum alle Liebesstorys romantikbefreit sind, die Pointen einen Bart haben, über den sie selbst stolpern können und die Handlung einfach nicht ihren Hintern hoch kriegt, macht sich schnell Langeweile breit. Viel, viel Langeweile. Zum Ende hin rast die Story dann unplausibel und voller Klischees zur Ziellinie. Und das Ganze holt in Deutschland mehr Leute in die Kinosäle als The Artist, Die MuppetsRalph reichts oder Argo.

Platz 9: Zorn der Titanen (Regie: Jonathan Liebesman)
Die ... der Titanen-Reihe hat beste Chancen, als das langweiligste Kinofranchise aller Zeiten in die Geschichte einzugehen. Teil zwei bietet hölzerne Dialoge, undynamische Action und einen vollkommen blassen Helden. Zwar macht die Szene im kompliziertesten Irrgarten der griechischen Mythologie Spaß, doch viel zu rasch wird die Gefahr gebannt, ebenso, wie auch große Schlachten abrupt zu ihrem Ende kommen, während die unterkühlten Szenen gekünstelter Dramatik laufen und laufen und laufen. Die Effekte sind von sehr wechselhafter Qualität und allein Bill Nighy weiß, mit der nötigen Dosis Augenzwinkern für Spaß zu sorgen. Dreimal darf man raten, welcher Schauspieler bloß für eine winzige Gastrolle unterschrieb. Kleiner Trost: Mit 302 Millionen Dollar Einnahmen weltweit schnitt Zorn der Titanen wesentlich schlechter an den Kinokassen ab als der Vorgänger, der auf der Welle des 3D-Hypes fast eine halbe Milliarde generierte.

Platz 8: Snow White and the Huntsman (Regie: Rupert Sanders)
Das Undenkbare ist wahr geworden: Spieglein, Spieglein, dessen Trailer eher an die Werke von Aaron Seltzer und Jason Friedberg erinnerten, ist der besser der 2012 veröffentlichten Schneewittchen-Filme. Gewiss, das Werk des aus einem mir unerklärlichen Grund viel diskutierten Tarsem Singh ist dumm und auf jeden guten Gag kommen drei miese. Aber alles in allem würde ich die naiv-fantasievolle Produktion als "weitgehend harmlos" bezeichnen. Ein anschaubarer Familienfilm, wenn man wirklich nichts besseres zu tun hat. Universals Großproduktion Snow White and the Huntsman dagegen? Kristen Stewart schlafwandelt sich durch den gesamten Film, mutiert urplötzlich zur Actionheldin, bekommt letzten Endes aber dennoch kaum etwas alleine gebacken. Die Mythologie des Films ist kopflos aus Versatzstücken anderer Streifen zusammengezimmert, Regisseur Rupert Sanders hat keinerlei Gefühl für Schwung oder Atmosphäre und das Drehbuch hat den Spannungsbogen eines nassen Handtuchs. 120 Minuten Trägheit, die auch noch eine Fortsetzung bekommen. Ohweh, ohweh ...

Platz 7: Türkisch für Anfänger – Der Film (Regie: Bora Dagtekin)
Wie kann es geschehen, dass die Kinoadaption einer mehrfach preisgekrönten Serie, die mit Charme, Einsicht und Ironie den Irrsinn der Integrationsdebatte behandelte, in Stereotypen ersäuft und die Hauptfiguren zu zweidimensionalen Nervensägen degradiert? Autorenwechsel? Ein den Stoff nicht achtender Regisseur? Nicht in diesem Fall, denn hinter dem Türkisch für Anfänger-Film mit seinen unsympathischen Helden und anstrengenden Gags stecken die Macher der geachteten Serie. Was auch immer geschah, ich habe mich im Kino ungeheuerlich gequält, denn weder sind die Kinoversionen von Cem und Lena erträglich, noch bekommen sie es hin, auch nach zehnfach angedeuteter Lösung ihre Liebesgeschichte auf die Reihe zu kriegen.

Platz 6: Das gibt Ärger (Regie: McG)
Eine schüchterne, selbstständige und eigenköpfige, moderne Frau mit klassischen Werten und Hang zu altmodischer Romantik steht zwischen zwei (miteinander befreundeten) Männern. Sie ist das typische Mädel von Nebenan, in Rollkragenpullis eingekuschelt und mit treuherzigen Augen ... die sich in heißer Unterwäsche auf der Küchenzeile knallen lässt. Einer ihrer Lover ist ein Bär von einem Mann, kernig, kräftig, superlieb und total der Familienmensch. Der andere Kerl ist ein eleganter, moderner Casanova, der das Abenteuer liebt ... und Frauen in Videotheken angräbt und superhöflich ist. Halt, einen Moment. Verstehe ich das richtig, dass jede der drei Figuren für jeden möglichen Kinogänger massives (kalkuliertes und vom Drehbuch niemals glaubwürdig vermitteltes) Identifikationspotential bietet? Ja. Jede Figur ist alles zugleich und somit letztlich nichts. Wie der Film. Eine Romantik-Buddyactionkomödie mit handzahmer Action und seelenloser Romantik sowie einer Filmfreundschaft, bei der man sich fragt, weshalb sich die beiden Typen eigentlich mögen. Grausige Figurenzeichnung, keine Seele und ein Ende, dass man nach den ersten fünf Filmminuten bereits vom Vorschlaghammer vorgesagt bekommt. Das passiert, wenn man am Reißbrett einen Film mit möglichst großem Zielpublikum entwirft.

Platz 5: Savages (Regie: Oliver Stone)
Eine Erzählerin, die man am liebsten erwürgen würde, ein kesser Grundplot, der ins Unendliche gezogen wird und eine aufgesetzt stylische Kameraführung. Der einstige Regiegott Oliver Stone findet in dieser pseudophilosophischen Gangstergeschichte ein neues Tief. Und Blake Livley brennt sich in ihrer Rolle der "O" als die unerträglichste Leinwandschlampe des bisherigen Filmjahrzehnts ein. Wo ist all das Talent hin, das sie in The Town bewies?

Platz 4: Spy Kids 4D – Alle Zeit der Welt (Regie: Robert Rodriguez)
Dieser Film stinkt!

Platz 3: Rock of Ages (Regie: Adam Shankman)
Wie kann ein Musical, das ein Hohelied auf Glam Rock und Hair Metal singt, so weit oben auf meiner Jahres-Flopliste landen? Um es grob zu überschlagen: Eine leblose Story über ein Dorfmädchen, das Rocksängerin werden will aber stattdessen als Kellnerin arbeiten muss, die von einer Vielzahl blutleerer Nebenstorys erdrückt wird. Eine von Leinwandchemie befreite Liebesgeschichte, die aufgrund eines dieser gestelzten Missverständnisse aufgehalten und in die Länge gezogen wird. Hauptdarsteller ohne jede Persönlichkeit. Schwunglos abgefilmte Tanzeinlagen. Lieder, die keine Reevanz für den Plot haben. Und das Schlimmste: Klassiker und Kleinode der Glam-Rock- und Hair-Metal-Ära, denen im Studio jeglicher Charakter weggemischt wurde. Highlight des Films: Tom Cruise singt als runtergekommener und egomanischer Rockstar in den Hintern und die, öööööhm, Jukebox einer unschuldigen, lieblichen Musikjournalistin (Malin Åkerman).

Platz 2: Project X (Regie: Nima Nourizadeh)
Man nehme: Einen persönlichkeitslosen Langweiler, einen gestörten Nerd und einen prahlerischen Egomanen, dessen Vokabular einzig aus Vulgaritäten besteht und sein Drecksmaul nicht eine Sekunde halten kann. Dieses unsympathische und keinesfalls harmonierende Trio feiert eine Party, die mit Wackelkameras abgefilmt wird, entgeist und unentwegt von der Verbalscheiße der weltfremden Figuren kommentiert wird. Ein Partyfilm soll den Zuschauer denken lassen "Ich will in die Leinwand springen und mitmachen". Dieser Film lässt mich denken "Ich will in die Leinwand springen und diese Quasselstrippe erwürgen!" Wer Zeit damit verschwenden will, Assis beim Scheiße anstellen und Müll labern zuzuschauen, kann diverse Dokusoaps und Fake-Dokus im Privatfernsehen schauen ... oder Project X, das Berlin  Tag & Nacht unter den Teenagerkomödien. Einzig Martin Klebba kann diesen Film vor einem Logenplatz in meiner ewigen Hassliste bewahren.

Platz 1: Extrem laut und unglaublich nah (Regie: Stephen Daldry)
Vom Regisseur von Der Vorleser, dem keinesfalls konstruierten Drama über eine analphabetische Nazi-Aufseherin, die nach dem Holocaust ein unscheinbares Leben führt, einen Minderjährigen knallt, ihn ermutigt, in die Justiz zu gehen und ihm wiederbegegnet, als sie für ihre Kriegsverbrechen vor Gericht muss, wo er wiederum feststellt, dass ihm seine erste sexuelle Erfahrung weiterhin die liebste ist, kommt nun: Die herzzerreißende Geschichte des autistischen Enkels eines deutsch-jüdischen Holocaust-Flüchtlings, dessen verspielter, liebevoller Vater bei den Anschlägen des 11. September ums Leben kommt, und der daraufhin versucht, seine Trauer zu überwältigen, indem er zusammen mit einem stummen, menschenscheuen Rentner das letzte Rätsel löst, dass er von ihm aufgegeben bekommen hat.

Ich habe ja zugegeben allein schon aus Prinzip eine Abneigung gegen Extrem laut und unglaublich nah, weil in diesen Stoff mit dem Brecheisen allerhand thematische Brandherde gezwungen werden, ohne, dass es notwendig wäre. Das hat der Film zwar der Buchvorlage zu verdanken, aber wer ein gekünstelt-melodramatisches Buch verfilmt, ist selber Schuld, wenn sich die Adaption die an die Vorlage gerichtete Kritik ebenfalls anhören muss. Entweder man verbessert das Buch oder lässt den Müll links liegen. Wieso muss Oskar (!) ein Autist und Nachkomme von jüdischen Holocaust-Zeugen sein? Weshalb stirbt der Vater ausgerechnet durch die Anschläge des 11. Septembers? Muss man die potentiell lebensbejahende (oder eventuell genauso berechnende) Geschichte eines Jungen, der das letzte Rätsel seines geliebten Vaters lösen möchte, mit all diesem zusätzlichen Ballast zu einem klebrigen Betroffenheitsmelodram befördern?

Das alles würde für einen Platz auf meiner Hassliste genügen, jedoch ist es die Umsetzung, die Extrem laut und unglaublich nah die Spitzenposition auf dieser Höllenliste sichert. Alexandre Desplat, der sich in jüngster Vergangenheit mit The Ides of March, Moonrise Kingdom und Argo meine Sympathien erarbeitete, komponierte einen klebrigen, das Einmaleins der inspirierenden Filmmusik abhakenden Flöten-Score, der einigen Diabetikern das Anschauen dieses Films schwer machen sollte. Daldry inszeniert diese Geschichte, die am ehesten noch als "eine quirlige Sache geschah in New York, als der ganze Big Apple versuchte, eine Tragödie zu verarbeiten"-Anekdote funktionieren könnte, mit all seinem visuellen Poesiekitsch als wäre sie eine bedeutungsschwangere Parabel. In Zeitlupe gefilmtes Schaukeln, verloren in die Kamera blickende New Yorker, kleine Haushaltsunfälle, die ein Zeichen aus dem Jenseits sein könnten ... Die Bildnisse von Extrem laut und unglaublich nah sind allerdings lächerlich flach: Ein Schlüssel, der nach allerlei Irrwegen zur Lösung von Oskars Trauerbewältigungsproblemen führt. Ein Umschlag mit der Aufschrift "Black", die den (in der Romanvorlage wesentlich mehr als hier) in die Farbe Weiß vernarrten Oskar zu einer schwarzen Frau führt (wow, deep shit!), die Schaukel als Symbol der Freiheit (weil man ja so beschwingt rauf und runter schaukelt!) und, oh, welche Ironie, ausgerechnet ein Stummer kann sich besser mit Oskar verständigen als der Rest der Welt.

Die Widersprüche sind es dann, die dieses hinterlistige Stück Oscar-Bettelei verraten. Die Hauptfigur wimmert zum Beispiel, dass sie vor ihrer Begegnung mit dem Stummen (Max von Sydow, der so viel Würde mitbringt, wie man es in diesem Film kann) niemandem ihre Geschichte erzählen konnte ... nachdem sie mehrere Filmminuten damit verbrachte, Wildfremde anzuquatschen und mit seiner Geschichte zu belästigen. Was die Frage aufwirft, in welcher Realität dieser Film spielt, in dem der autistische Junge frisch Geschiedenen, Taubstummen, Trinkern und Trauernden mit seinen Sorgen vollquakt, ohne dass sie davon genervt sind. Zudem macht es Oskar ungeheuerlich unsympathisch, dass er immer wieder anmerkt, wie sehr es ihn ankotzt, wenn ihn die Fremden mit ihrer Story belästigen und dass der Stumme somit viel angenehmer sei. Wobei auch er ihn stört, weil er altersbedingt langsam ist. Außerdem schreit das Drecksblag unentwegt, stellt dreiste Forderungen, rennt mit einem klimpernden Tamborin durch die Welt, beschimpft seine trauernde Mutter, weil sie es wagt, ihre Trauer durch Schlaf zu bekämpfen und es ist ein unerträglicher Besserwisser. Es gibt keinen Funken Charisma im Leib dieser Nervensäge, und das nicht einmal in einem realistischen "Trauernde Kinder sind so"-Stil, denn dafür argumentiert Oskar zu erwachsen. Er ist einfach bloß Mitglied der Bella-Swan-Benimmschule für ichbezogene Arschgeigen. Und der ganze Film beruht darauf, dass man Mitleid für Oskar empfindet. Oder sich von der Fülle an schwerwiegenden, gesellschaftlichen Themen blenden lässt.

Ein Dutzend hirnverbrannter Komödien und lärmender Actionfilme kann nicht schlimmer sein als diese Ausgeburt eiskalt kalkulierter Gefühlsmanipulation.

Siehe auch:

Montag, 24. Dezember 2012

Ein frohes Fest wünsch ich euch!


Meine lieben Leserinnen und Leser,

ich hoffe, ihr hattet einen schönen Heiligabend und ich wünsche euch noch weitere frohe Feiertage. Lasst euch reich beschenken, genießt das Leben und macht schön einen drauf. Oder nutzt die Zeit zur Entschleunigung und Besinnung. Abhängig davon, was ihr dringender braucht.

Ich hätte euch gern mit einem Weihnachtsfilmpodcast in die Weihnachtstage entlassen, aber leider spielte die Technik uns einen Streich.

Also müsst ihr halt ohne auskommen.

Dennoch: Fröhliche Weihnachten!

Samstag, 22. Dezember 2012

Die Quellen der Disneyfilme: Aladdin

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Das mittelöstliche Märchen Aladdin und die Wunderlampe ist heute eine der berühmtesten Geschichten aus den „Erzählungen aus 1001 Nacht“, und das, obwohl es kein eigentlicher Bestandteil dieser Geschichtensammlung ist. Aladdin wurde von dem französischen Übersetzer Antoine Galland hinzugefügt, der es Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von dem syrischen Geschichtenerzähler Youhenna Diab hörte.
Das Märchen spielt offiziell in China, wobei die Wahl dieses Landes zu rein exotischen Zwecken gedient haben dürfte. In der Erzählung selbst lässt von dem Sultan bis zu den Moscheen und religiösen Aussagen alles auf eine typisch islamische Umgebung des mittleren Ostens schließen. Dazu kommt, dass ein noch so hellhäutiger Afrikaner wohl größere Schwierigkeiten hätte, sich als der leibliche Oheim eines chinesischen Jungen auszugeben.
Aladdin (oder Alaeddin, was „Adel der Religion“ bedeutet) ist ein Sohn armer Eltern, der nach dem Tod seines Vaters die Zeit völlig ungebunden als Tunichtgut auf der Straße verbringt. Als er fünfzehn Jahre alt ist, begegnet ihm ein afrikanischer Zauberer, der sich als Bruder seines Vaters vorstellt und Aladdin benutzen will, um an die in einer abgelegenen Höhle versteckte Wunderlampe zu gelangen. Der Plan misslingt und Aladdin bleibt mit Lampe und den Taschen voller Edelsteine in der Höhle zurück, doch der Dschinn eines Ringes, den ihm der Zauberer gegeben hatte, hilft ihm zu entkommen, und nachdem er herausgefunden hat, dass auch die Lampe selbst einen noch mächtigeren Dschinn beherbergt, kann er die nächsten Jahre über mit seiner Mutter ohne weitere Geldsorgen leben. Dabei wird in der Erzählung betont, dass alleine dieser Reichtum genügt, auch Aladdins Umgang zu verbessern und ihn zu einem geachteten Mann zu machen.
Einige Jahre später gelingt es Aladdin, die Tochter des Sultans, Prinzessin Bedrulbudur („Mond der Monde“), heimlich zu beobachten und er drängt seine Mutter, in seinem Namen bei dem Sultan um ihre Hand anzuhalten. Dem Großwesir des Sultans gelingt es, den neuen Freier zugunsten seines eigenen Sohnes abzuwehren, doch die Hochzeitsnacht der beiden wird von Aladdin vereitelt, der seinen Dschinn schickt, um Bedrulbudur in sein eigenes Gemach kommen zu lassen. Dort verbringt er, ohne sie zu berühren, zweimal die Nacht mit ihr - eine Erfahrung, die für die Prinzessin selbst als grauenvoll dargestellt wird.
Schließlich zieht Aladdin mit einem großen Aufmarsch vor den Sultan, der ihm nun glücklich die Hand seiner Tochter schenkt, die dem prächtigen Freier nun auch selbst alles andere als abgeneigt ist. Jahre vergehen, in denen Aladdin als Ehemann der Prinzessin glücklich lebt, ehe sich der afrikanische Zauberer seiner wieder erinnert und nach China zurückkehrt. In Aladdins Abwesenheit stiehlt er die Lampe und lässt den Palast samt Prinzessin in seine Heimat versetzen, um sie selbst zu freien. Mit Hilfe des Ring-Dschinns verfolgt Aladdin ihn und Bedrulbudur verführt den Zauberer, um ihn im geeigneten Augenblick zu vergiften, ehe der Dschinn der Lampe sie alle wieder in die Heimat führt.
Nach diesem ziemlich eindeutigen Ende fügt sich noch eine Nacherzählung an, in der der Bruder des Zauberers auf Rache aus ist und sich als Frau verkleidet bei Aladdin einschleicht, doch der erfährt durch den Dschinn schnell von dem Verrat und tötet auch diesen Angreifer. Zum Schluss wird noch erwähnt, dass Aladdin schließlich an der Seite seiner Prinzessin zum Sultan aufsteigt.
Wie die meisten der Märchen aus Tausendundeiner Nacht lebt auch Aladdin und die Wunderlampe von einer sehr ausschweifenden Erzählweise; die Geschichte schlägt viele Haken und es gibt einige unzusammenhängende Nebenstränge. Beim Lesen dieser Märchen wird mehr als deutlich, dass das hauptsächliche Ziel nicht darin bestand, eine stringente Erzählung wiederzugeben, sondern viel mehr, den Zuhörer über lange Zeit hinweg zu unterhalten - ob nun den Sultan, der die Geschichten von Scheherazade hört, oder den Leser des Buches selbst.



Die Verfilmung des Märchens, die von Disney 1992 in die Kinos geschickt wurde, nimmt diese eher geruhsam erzählte Geschichte und macht daraus einen lauten, actionorientierten Abenteuerfilm, der sich - gerade für Disney-Verhältnisse - als ungewöhnlich moderne Adaption erweist.

Dabei ist der Film eigentlich erstaunlich originalgetreu, denn rein faktisch hangelt er sich genau an seinem Vorbild entlang. Natürlich gibt es einige Abweichungen, wie dass der Zauberer, der Großwesir und sein Sohn in Dschafar zu einem Bösewicht zusammengeführt wurden, was sich durch die Struktur der Geschichte auch anbietet; dazu ist die Erzählstruktur generell gerafft und am Ende wurde ein sehr viel dramatischeres Finale angefügt, das alle Stränge gemeinsam abschließt. Aladdins häusliches Umfeld wurde geändert und der Dschinn des Ringes, der Aladdin erst aus der Höhle rettet und nach dem Verlust der Lampe zu dem verschwundenen Palast bringt, ist nun ein fliegender Teppich.
Aber all das ist nicht der eigentliche Grund, der Aladdin zu einer ungewöhnlichen Märchenverfilmung macht. Die wahre Neuerung des Filmes kommt in Gestalt des Dschinnies, der als anachronistisches, lebensfrohes Ungetüm einen Großteil des allgemeinen Aufsehens für sich beansprucht. Dabei ist der erste Unterschied zu der Geschichte alleine die Tatsache, dass dem Lampengeist überhaupt eine eigene Persönlichkeit zugesprochen wird, denn auch wenn in einigen anderen der Erzählungen aus 1001 Nacht sehr wohl eigenständige Dschinns auftauchen, so sind die beiden in Aladdin und die Wunderlampe auftretenden Geschöpfe doch reine Befehlsempfänger.
In dem Zeichentrickfilm dagegen ist Dschinnie ein echter Freund, der noch stärker als Abu und der Teppich als Ansprechpartner für Aladdin dient. Vor allem er ist es, der die Grundlage für Aladdins Selbstzweifel bietet und so eine moralische Zwickmühle schafft, die in der Vorlage überhaupt nicht vorhanden ist.



In Geschichte fällt Aladdin buchstäblich alles, was er wünscht, in den Schoß, und gerade das stellt wohl einen großen Teil des Reizes dar. Aladdin ist zwar am Anfang noch unleidlich, doch es ist der Reichtum selbst, der ihm hilft, ein besserer Mensch zu werden - sobald er seine Schätze besitzt, hat er sie somit in den Augen der Zuhörer auch verdient.
Bei Disney ist diese Frage um einiges anders gelöst, denn gerade die unlautere Erhebung zum Prinzen bringt die moralischen Komplikationen erst mit sich. Aladdin ist von Anfang an würdig für sein Glück, das man ihm gerne gönnt; erst mit der Zeit stellen sich für den Zuschauer wie auch für Aladdin selbst leise Zweifel an der Rechtmäßigkeit all dessen ein.
Die Tatsache, dass er bei Disney nur über drei Wünsche verfügt, verstärkt diesen Konflikt noch weiter, denn dadurch wird die Bedeutung jeder einzelnen Entscheidung um ein Vielfaches größer, und zur gleichen Zeit steigt die Notwendigkeit, sich für diese Entscheidung zu rechtfertigen. Somit liegt trotz aller überbordenden Farbenvielfalt die eigentliche Funktion des Dschinnies in seiner Rolle als moralischer Fingerzeig.


Aber Aladdin und der Dschinnie sind nicht die einzigen Figuren, deren Charakter im Film neu definiert wird: Gerade für ein heutiges Publikum ist es wichtig, dass Aladdin all die Zeit einen überzeugenden Grund hat, für den es sich zu kämpfen lohnt.
Im Gegensatz zu der altertümlichen Erzählung, in der sich eine Prinzessin ausschließlich durch ihr Aussehen zu definieren hat, erhält Jasmin im Film nicht nur eine Persönlichkeit, sondern eine höchst eigenwillige dazu. Dadurch stellt sie neben dem Dschinnie die andere wichtige Angelfigur dar, an der sich Aladdins wahre Rechtschaffenheit erweisen muss. Der Kontrast zwischen Jasmin und ihrem Vorbild fällt besonders in der Frage nach dem geeigneten Heiratskandidaten auf, wo in der alten Geschichte gerade solch eine Art Kuhhandel betrieben wird, wie ihn Jasmin in aller Schärfe verurteilt.

Bedrulbudur hat vor ihrer Hochzeit keine Gelegenheit, ein Wort mit Aladdin zu wechseln, und es ist buchstäblich nur ihr Aussehen, in das er sich verliebt. Sie selbst ist von seinen ersten Avancen, als er sich ihr mit Hilfe der Lampe zeigt und ihre Hochzeitsnacht mit dem Wesirssohn verhindert, angewidert und entsetzt, und erst als Aladdin mit einem großen Aufzug vor ihr im Palast erscheint, ändert sich ihre Meinung blitzartig. Besonders in dieser Hinsicht wächst der Film wirklich über seine Vorlage hinaus und bietet in Jasmins Charakterisierung eine gerade gegenteilige Entwicklung: Sie verliebt sich schnell in den armen Straßenjungen, doch als Prinz muss Aladdin erst beweisen, dass er immer noch über die gleichen herausragenden Eigenschaften verfügt, wie zuvor.


Das Märchen Aladdin und die Wunderlampe hat - ob nun mehr oder weniger bewusst - keinerlei Moral; es will den Zuhörer unterhalten mit spannenden Abenteuern und ausschweifenden Beschreibungen eines Luxus und Glückes, das schon durch seine Darstellung als eindeutig positiv und wundervoll angesehen wird. Auch der Film scheut sich nicht, in seiner Optik offen zu protzen, aber hier handelt es sich eindeutig nicht um einen Selbstzweck. Die Hauptfigur wird nicht einfach zu einem vollkommenen Glückskind, mit dem man sich von ferne freut, sondern zu einer Identifikationsfigur, die in ihrer Entwicklung dem Zuschauer selbst etwas bieten kann.


Wenn man über die Quellen für Disneys Aladdin redet, sollte dabei der alte Hollywood-Klassiker The Thief of Bagdad auf keinen Fall vergessen werden. Dieser Film von 1940 mit seinen für seine Zeit spektakulären Spezialeffekten hat alleine dadurch das Bild der Arabischen Märchen bis heute maßgeblich geprägt. Es gibt kaum ein anderes Werk ähnlichen Umfelds, der von diesem Film nicht inspiriert ist - und im Falle von Aladdin geben es die Macher dankenswerterweise selbst zu: Der Disneyfilm borgt Namen, Kleidungsstile, Figuren und ganze Szenen auf eine Weise, dass man den ganzen Film als eine große Hommage bezeichnen könnte.
Ob es der böse Wesir Jaffar ist, der den Sultan um Hand der Tochter bittet und mit hübschen mechanischen Spielzeugen einlullt, die Prinzessin, die sich verkleidet um ihrem vorbestimmten Gatten zu entgehen und sich stattdessen in einen scheinbar armen Straßenköter verliebt oder der Held selbst, der begleitet wird von dem fähigen Dieb und Schlösserknacker Abu, der weiß, wie man am geschicktesten an frische Melonen kommen kann. Es gibt einen Dschinn, der drei Wünsche erfüllt und gerne frei wäre, einen fliegenden Teppich und natürlich eine abgelegene Höhle mit verborgenem Schatz in Gestalt eines riesigen roten Edelsteins.
Aladdin erweist seinem Vorgänger-Film die perfekte Referenz, ohne je Gefahr zu laufen, einfach abzukupfern. Das Zusammenspiel der verschiedenen Quellen funktioniert in diesem Fall wirklich wunderbar, und das liegt nicht zuletzt daran, dass The Thief of Bagdad selbst das Märchen Aladdin und die Wunderlampe als Quelle seiner Geschichte mitbenutzt.
Zu den vergleichbaren Parallelen zwischen Aladdin und The Thief and the Cobbler möchte ich mich dagegen weniger äußern; zu verworren und unübersichtlich scheint dafür die gegenseitige Produktionsentwicklung, als dass ein Außenstehender ein gerechtes Urteil fällen könnte.



Insgesamt besteht wohl ein großer Teil der Stärke des Films darin, dass es ihm gelingt, aus seinen Quellen grobe Handlungsumrisse und Szenerien zu übernehmen und zu etwas Neuartigem zusammenzufügen. Das, was Aladdin eigentlich ausmacht, die emotionale Handlung und das Zusammenspiel der Figuren, sind selbst entworfen und geben dem Film einen eigenen Charakter, der ihn unter anderen Adaptionen der Arabischen Erzählungen eindeutig herausstechen lässt.
Außerdem gelingt es Disney, der Geschichte eine Botschaft zu geben, ohne sie moralisch wirken zu lassen und man kann sagen, dass sich der Film nach heutigen Maßstäben weit über seine Vorlage hinausschwingt
.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

Eine kleine Lektion, die ich durch Pixars zweite Kurzfilm-Sammlung gelernt habe


Auch wenn ihre Spritzigkeit etwas nachgelassen hat, so sind die Extras auf den Pixar-DVDs und -Blu-rays noch immer kleine Highlights. Manche Sätze aus dem WALL•E-Bonusmaterial etwa sind für mich echter Kult geworden, und so war ich vollauf begeistert, dass auch der zweite Teil der Pixar-Kurzfilm-Kollektion für jeden Kurzfilm einen Audiokommentar parat hält (und somit viel Stoff für Information und Unterhaltung). Darüber hinaus umfasst sie ausgewählte Studentenfilme von drei der wichtigsten Pixar-Köpfe, die auch kurze Einleitungen filmten, in denen sie erklären, was ihre frühen Werke für sie bedeuten.

Und aus diesen Einleitungen kann man so einiges lernen, da beachtliche Parallelen zwischen den frühen Erfahrungen und den späteren Meisterwerken der Regissere bestehen ... So sagt Andrew Stanton, der Regisseur von Findet Nemo und WALL•E, dass er durch seine Studentenfilme die Erfahrung machte, dass die Handlung den absoluten Vorrang hat. Pete Docter, der Macher von Die Monster AG und Oben, hingegen erzählt, dass die für ihn wichtigste Lehre seiner Studienjahre folgende sei: "Ein guter Film muss eine Wahrheit beinhalten und man muss Wert auf das Schauspiel der Figuren legen."

Und John Lasseter, der Regisseur von Toy Story, Cars und Cars 2? Nun, seine große Erkenntnis, wenn er auf seine Studentenfilme zurückblickt, lautet: "Ich habe früh erkannt, dass ich in meinen Filmen gerne Gegenständen Leben einhauche."

Das lass ich unkommentiert im Raum stehen.
Eins frage ich mich aber noch: Wenn in fünf, sechs, sieben Jahren eine neue Kurzfilmsammlung von Pixar erscheint, bekommen wir dann auch Studentenfilme von Mark Andrews zu sehen, vor denen er in einer speziellen Einleitung davon spricht, dass es ihm schon damals am wichtigsten war, früher als alle anderen fertig zu sein?

Freitag, 21. Dezember 2012

11 Songs für den Weltuntergang


In Maya-Town nähern wir uns der zwölften Stunde Ortszeit am 21. Dezember 2012. Danach haben wir entweder ein neues Zeitalter oder wir sind dann alle tot oder alle unter uns, die einen Maya-Kalender in der Küche hängen haben, müssen sich dringend einen neuen Kalender kaufen.

Sollte der mittlere Fall eintreffen, so wird es Zeit, sich akustisch auf das Ende unserer Welt vorzubereiten. Denn mit Musik stirbt es sich gleich viel schöner. Hier sind 11 Lieder zum Armageddon. Auf dass wir danach noch immer andere Listen durchhören können ...

Europe: The Final Countdown


Ach, Leute! Schaut nicht so erbost drein! Diese Nummer gehört einfach dazu! Wenn das Universum ins Gras beißt, dann ist das hier der letzte Countdown!

Aerosmith: I Don't Wanna Miss a Thing


Weltuntergangsfilme sind derzeit en vogue, aber jeder, der keine hochtödliche Blockbusterallergie hat und in den 90ern aufgewachsen ist, kann sich völlig von Jerry Bruckheimers und Michael Bays wundervoll pathetischem Riesenerfolg Armageddon lösen. Große Kamerafahrten für große Gefühle, die keine Subtilität erlauben. Aber das hat schon seine Berechtigung. Wäre ich Teil eines Himmelfahrtskommandos, würde meine Gefühlswelt garantiert auch nicht leise Töne anstimmen. Die Criterion Collection gibt Bay recht und nahm Armageddon in ihre erlesenen Kreise auf. Und Aerosmith wimmert rockend das Ende herbei.

Metallica: Four Horsemen


Wieso hat eigentlich noch nie jemand aus dem Weltuntergang ein immens teures Metal-Musical gesponnen?

Slayer: Raining Blood


Wild den Kopf nickend und Bier in die Kehle schüttend ins Ende aller Enden rocken. Und an die Lautstärke eines bombastischen Weltuntergangs kann man sich mit Slayer auch gewöhnen. Praktisch.

Tom Waits: Earth Died Screaming


Tom Waits gehört irgendwie zum Weltuntergang zu. Diese Stimme, diese unwohlige, verboten charismatische Ausstrahlung ... Außerdem ist er der Teufel, wie wir dank Terry Gilliam wissen!

Frou Frou: Let Go


Wenn die Welt definitiv untergeht, was soll man dann noch kämpfen? Letztlich muss man sie dann halt einfach gehen lassen. Resignation mit einem Hauch Melancholie wäre da wohl angebracht. Das ist zwar nicht die ultimative Aussage dieses Songs, den Zach Braff in seinem genialen Regiedebüt Garden State verwendete, doch man kann ihn dazu sehr gut zweckentfremden.

Michael Kunze / Sylvester Levay: Alle Fragen sind gestellt


Das, sagen wir mal, todesromantische Bühnenmusical bietet mit seiner sehnsüchtigen Schwermut gleich mehrere ideale Begleitstücke für den Weltuntergang. Ich habe mich schlussendlich für Alle Fragen sind gestellt entschieden, erstens, weil ich dem "Eheschließung und Todesnähe"-Konzept zur Apokalypse schlichtweg nicht widerstehen konnte, zweitens, weil auf diese Liste Orgelmusik gehört und drittens, weil der so eindringliche Chorus "Wir sind die letzten einer Welt, aus der es keinen Ausweg gibt" sowie "Wir sind die letzten einer Welt, die stets an ihren Selbstmord denkt" singt. (Würde eigentlich eine Tim-Burton-Adaption von Elisabeth funktionieren?)

Carl Orff: O Fortuna


Ein von Hollywood intensiv genutzter, aber noch immer effektiver Klassiker, der ebenso gut zur Feier von etwas, wie zur bedrohlichen Annäherung einer undurchschaubaren Sache funktioniert.

Richard Wagner: Tristan und Isolde (Prelude)


Das Beste an Melancolia ist für mich zweifelsohne die die poetische Eröffnungssequenz, in der van Trier seinen ihn selbst eingrenzenden Kameraminimalismus aufgibt (kauf einer dem Mann doch mal ein Stativ, nicht alles, was auch in Hollywood genutzt wird, ist gleich Kommerz *jajaichignorierehierdensinnhinterderdogmabewegungabermalehrlichnichtjedeklugeideemussumihrerselbstwillenumgesetztwerden*) und makabere, ergreifende Bilder perfekt mit Wagner untermalt. Somit ist dieses Stück eine grausig naheliegende Wahl für den Weltuntergang, und weder der Kunstfilmer, noch seine Protagonistin würden sie somit gut heißen, aber pfeif auf diese depressiven Egomanen, ich will eine gut klingende Weltuntergangs-Songliste, basta! *genugderpolemikfürheute*


Hans Zimmer: At Wit's End


Was wäre eine meiner musikalischen Hitlisten ohne einen Beitrag aus dem akustischen Fundus der Pirates of the Caribbean-Reihe? Aber hinter dieser Wahl steckt mehr als bloßes Fandenken. Hans Zimmer steckte nicht nur viel Power in die Stücke zur wilden Piraten-Saga, insbesondere in die Musik zum dritten Film floss auch sehr viel Herzblut. At Wit's End wohnt eine Aura des Mysteriösen inne, die Komposition wird von Weltschmerz und Verlustängsten vorangetrieben, ihr Rückgrat bildet jedoch eine verletzlich-romantische Melodie, welche es nicht zulässt, dass die Hoffnung im Keim erstickt. Im eigentlichen Film begleitet dieses Stück den Großteil unserer zentralen Figuren bei ihrer verzweifelten Reise ins Nichts. Die Einsamkeit, die sie in ihrem Inneren verspüren, spiegelt sich in der eisigen, verlassenen Reiseroute wider, die sie ins garantierte, ja, nötige Verderben steuert. Ebenso perfekt würden diese acht Minuten und acht Sekunden aber auch zu einem nächtlichen Weltuntergang passen, während dem zwei Liebende eine Beziehungskrise durchleben. Ein todtrauriges Stück, das noch die Kraft hat, oben auf zu schwimmen, statt sich in die Tiefe zerren zu lassen. Damit kann die Welt eines Tages gerne ihr Ende untermalen.

Queen: The Show Must Go On


Diesen Queen-Klassiker spielt man wahlweise, sobald die ersten apokalyptischen Zeichen auftauchen oder wenn alles gelaufen ist und man wundersamerweise doch noch lebt. Das Schauspiel muss weitergehen, ganz gleich, was passiert. Eine zynische Aussage? Oder doch eine Wahrheit mit unendlichem Wert? Denn ohne Eskapismus würde die sich schon über Kleinigkeiten zerbrechende Menschheit so schnell in den Abgrund steuern, dass man vorher nicht einmal diese Songliste abarbeiten könnte.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Darf ich vorstellen: Mark Andrews, mein neues Hass-Objekt bei Pixar


Mark Andrews fing unauffällig an. Er war der Regisseur hinter dem Pixar-Kurzfilm One Man Band, den ich dank des Slapstick-Timings zu meinen Favoriten unter den kurzen Pixar-Werken zähle. Dann wurde Mark Andrews zum Hauptregisseur des ursprünglich von Brenda Chapman erdachten Film Merida. Das allein ist in den Augen mancher sicherlich genug, ihn zu mögen, und in meinen Augen (und ich mutmaße einfach, damit nicht allein zu sein), ist es Grund genug, ihm gegenüber zweiflerisch aufzutreten. Ohne ein veröffentlichtes Storyboard der Chapman-Version kann man nur mutmaßen, allerdings ist es schon auffällig, wie viel des One Man Band-Slapsticks den zweiten Akt von Merida plagt. Und auch wenn Chapman ihn bereits gewünscht haben sollte, so bleibt Andrews der Regisseur hinter dem in meinen Augen schlechtesten Pixar-Film, der sich nicht auf hirnzermürbendem Drecksniveau befindet.

Auch wenn Pixar nach Cars 2 und Merida also bei mir einiges wieder gut machen muss, so ist das Studio dafür zu ehren, dass es Walt Disneys oberstes Gebot befolgt und keinerlei Furcht hat, Monate an Arbeit in die Tonne zu kloppen, um die Story zu verbessern. Nicht umsonst beschrieb Andrew Stanton den Story-Findungsprozess bei Pixar mit Archäologie: Man beginnt nach der Struktur und den Inhalten zu graben, findet  einen Anhaltspunkt, denkt, einen bestimmten Dinosaurier auszugraben, und am Ende ist es doch ein völlig anderer. Aber man hat ihn erfolgreich zusammengesetzt.

Mark Andrews kann mit dieser Denke herzlich wenig anfangen:

"Ich komme aus dem Bereich der TV-Animation, wo man mit einem Zeitplan arbeiten muss, der einem keine Zeit lässt, rumzutrödeln. Es war ein sehr guter Übungsplatz, es bringt einen dazu, aus dem Bauch heraus zu entscheiden, Dinge auszuprobieren und dann damit klarzukommen. Als ich dann in die Langfilmproduktion wechselte und sah, wie langsam alle arbeitent, dachte ich: 'Okay, ich behalte mein Tempo bei und schaff dann halt einfach mehr!' [...] [Bei Pixar] mögen sie es, die Eiswürfelform sehr vorsichtig, eine Einbuchtung nach der anderen zu füllen, bis alles gleichmäßig ist. Ich würde lieber die Spüle unter Wasser setzen, die Form reinpressen und sie dann rauszuzerren. [...] Ich sehe nicht, weshalb es nicht schneller gehen könnte. Wir haben definitiv die Technologie dazu. Es ist bloß eine Arbeitshaltung, es geht darum, innerhalb gewisser Parameter zu arbeiten, statt jeden Stein umzudrehen [um voranzukommen]. Wenn du sagen würdest 'Wir wollen den Film innerhalb von zwei Jahren für 100 Millionen Dollar fertig haben', könnte man es schaffen und er sähe fantastisch aus. Viele Spezialeffektfirmen haben ein viel geringeres Budget als wir, müssen mehr Szenen machen, haben weniger Zeit und deren Ergebnisse sehen fantastisch aus. Was machen die, was wir nicht machen?"

Mark, kleiner Hinweis: Sie setzen Effekte dort ein, wo der sich um die Story und den Gesamtlook sorgen machende Regisseur es will. Ihr erzählt Geschichten. Der ganze Storyprozess ist im Idealfall ageschlossen, wenn Effektfirmen dazustoßen. Ihr braucht so viele Jahre, weil ihr den Film so lange umwirft, bis die Geschichte stimmt. Naja, das habt ihr zumindest mal gemacht!

"Ich hatte letztens ein nettes Abendessen mit [General Manager] Jim Morris und [Präsident] Ed Catmull, wo ich ihnen meine Vorstellungen erklärte, und sie waren begeistert. Wieso es nicht ausprobieren? Es wird niemandem weh tun, eine andere Herangehensweise auszuprobieren."

(Zu Andrews mir Magenschmerzen verursachendem Interview)

Mensch, ist mir übel. Hat der Kerl noch alle Karos im Schottenrock? Hoffentlich bringt ihn der Pixar-Braintrust zum Schweigen. Pixar kam nicht zu seinen Ehren, indem Filme rausgehauen wurden. Der elendig lange Entwicklungsprozess ist Pixars Qualitätsgarantie. Ohne ihn ist Pixar bloß irgendein Trickstudio.

Oscar 2013: Die Vorauswahl in der Kategorie "Bestes Make-Up"


Die Academy gab uns passionierten Oscar-Tippern wieder einmal wertvolle Tipps. Die Kategorie "Bestes Make-Up" wird kommendes Jahr aus drei der folgenden sieben Kandidaten bestehen:

  • Hitchcock 
  • Der Hobbit - Eine unerwartete Reise  
  • Les Miserables 
  • Lincoln 
  •  Looper 
  •  Men in Black 3 
  •  Snow White and the Huntsman
Ein ungeheuerlich schwieriges Jahr. Gerne mischen sich qualitative Vollaussetzer zwischen die Make-Up-Kandidaten, dieses Jahr ist dagegen der schlimmste Film dieser Kurzliste der Langweiler Snow White and the Huntsman. Lincoln und Hitchcock vertreten beide das Make-Up-Genre des "einen berühmten Schauspieler in eine berühmte Persönlichkeit verwandeln", Lopper mit Joseph Gordon-Levitts Transformation in einen jungen Bruce Willis ebenfalls, während Men in Black 3 kreative Effektschminke repräsentiert. Was Snow White and the Huntsman hier sucht, weiß ich selbst nicht und Hobbit und Les Miserables sind visuelle Feste gänzlich unterschiedlicher Art. Dass Cloud Atlas fehlt wird manche aufregen, andererseits war so mancher Make-Up-Job schon hart an der Grenze der ungewollten Komik.

Meine Tipps für eine Nominierung: Der Hobbit, Les Miserables und Lincoln, auch wenn ich sehr gerne Looper nominiert sehen würde (als Ersatz für den Hobbit).

Samstag, 15. Dezember 2012

Der Hobbit – Eine unerwartete Reise


Sollte irgendwo ein Konto über meine Nerd- oder Filmfreak-Punkte geführt werden, so habe ich mir zuletzt wohl ein gewaltiges Plus verdient. Am Sonntag besuchte ich ein Der Herr der Ringe-Triple-Feature und ließ mich für zwölf Stunden nach Mittelerde entführen. Selbstredend handelte es sich um die Extended Editions und tragischerweise war es auch nahezu das einzige Stück Freizeit, dass ich in den letzten, hm, zwei bis drei Wochen hatte. Aber es musste einfach sein, vor dem Start von Peter Jacksons neuer Tolkien-Trilogie war dieser ultimative Fix an monumentaler Fantasy unverzichtbar. Weshalb ich meinen Blogbericht über Der Hobbit – Eine unerwartete Reise mit diesem privaten Geschwafel eröffne? Weil sich während des Kinomarathons am Sonntag, den ich zwischen Uni- und Arbeitspflichten gedrängt habe, kein einziger der (teils sehr deutlich) über 200 Minuten langen Filme so lang anfühlte, wie der 169-minütige Beginn von Bilbo Beutlins unverhofftem Abenteuer.

Vor allem im direkten Vergleich mit den Der Herr der Ringe-Filmen wird meiner Meinung nach ersichtlich, wie übertrieben es ist, dem Hobbit drei extralange Kinoausflüge zu spendieren. Ist die Buchvorlage neben der "Fortsetzung" Der Herr der Ringe beschaulich und in seiner Unschuld auch recht unbeschwerlich, ist das Ring-Abenteuer ein monumentales Epos. Auf der Kinoleinwand hingegen tun sich beide Werke rein formal kaum etwas, was bereits leicht abstrus ist. Dass Der Hobbit – Eine unerwartete Reise dennoch die seichtere Geschichte erzählt, sorgt dazu, dass sich schon der Beginn der Hobbit-Trilogie neben Der Herr der Ringe überspannt wirkt. Wohlgemerkt, dies ist noch der erste von drei Filmen, und da er rund die Hälfte des Buchs erzählt hat, werden uns die wahren Probleme hinsichtlich Spannungsbogen, Handlungsdynamik und Diskrepanz Form und Geschichte wahrscheinlich erst noch ereilen.

Nachdem dies gesagt ist: So schade es auch sein mag, dass Peter Jackson den Plot unnötig gestreckt und ihm somit etwas von seinem naiven Charme geraubt hat, der bei einer drahtigeren Erzählweise besser zur Geltung gekommen wäre, so gelang ihm nichtsdestotrotz ein handwerklich wie darstellerisch überzeugender Fantasyfilm mit einem faszinierenden Zauber. Dessen Wirkung dünnt sich zwar über die langwierige Laufzeit aus (man denke an zu wenig sehr köstlicher Butter auf zu viel Brot), dennoch kommt das Mittelerde-Feeling zurück und der Qualitätsabsturz gegenüber Der Herr der Ringe – Die Gefährten bleibt somit verkraftbar.

Ein unerwarteter Aufbruch
Die gesamte unerwartete Reise ist dem Zuschauer bekanntlich noch nicht vergönnt, und da Jackson hie und da vom Buch abweicht, ist auch ihr Verlauf gar nicht einmal völlig abgesichert, weshalb an dieser Stelle nur von ihrem Aufbruch und den darauf folgenden, ersten (etwas einseitig aufgebauten) Wendepunkten berichtet werden kann:

Rund 60 Jahre vor den Ring-Kriegen tritt der charismatische, doch durchaus manipulative, Zauberer Gandalf Graurock an den bequemen Hobbit Bilbo Beutlin heran. Bilbo ist, wie jeder Hobbit, jemand, der seine Heimat, Gemütlichkeit und köstliches Essen liebt. Abenteuerlust steckt per se nicht in den Knochen der spitzohrigen, großfüßigen Halblingen, aber in Bilbo meint Gandalf zumindest eine ungewöhnliche Dosis Neugier und Wanderlust ausfindig zu machen. Perfekt für Gandalfs Vorhaben: Der Zauberer begleitet eine Truppe Zwerge, angeführt vom legendären Krieger Thorin Eichenschild, bei ihrem Versuch, die frühere Heimat dieses Volks zurück zu erobern. Denn Erebor, der prunkvolle Ort, an dem die kleinwüchsigen Knollennasen einst lebten, wurde vom Drachen Smaug eingenommen, und ohne ein flinkes, gewitztes Wesen, dessen Geruch dem Schuppentier unbekannt ist, haben die Zwerge im Kampf gegen den Drachen keine Chance. Hobbits sind Smaug niemals untergekommen, aber das kümmert Bilbo herzlich wenig. Als die Zwergenbande in sein Haus einfällt, hat er nur einen Gedanken: Wie werde ich die ungehobelte Truppe wieder los?

Doch kaum brechen die Zwerge tatsächlich ohne Bilbo auf, zeigt sich, dass Gandalf über beeindruckende Fähigkeiten verfügt, sein Gegenüber zu durchschauen. Der kleine Hobbit schließt sich den Abenteurer an und muss trotz mangelndem Mut und wachsendem Misstrauen Thorins eine Vielzahl an gefährlichen Ereignissen überstehen. Denn auf dem Weg zum Drachen rennt Thorins bunt durcheinander gewürfelter Haufen in verfressene Trolle, bitterböse Orks und Bilbo begegnet zudem einem wahnsinnigen Wesen, das Jahrzehnte später auch seinem Neffen Frodo das Leben schwer machen wird ...

Martin "Seriously?" Freeman und der Rest der Besetzung
Meine erste Begegnung mit Martin Freeman war eine andere Literaturverfilmung, in der Freeman einen bequemlichen Typen spielte, an dessen Pforte das Abenteuer klopfte, während er noch seinen Morgenrock trug, und woraufhin er in eine Vielzahl wunderlicher Situationen stolperte. Per Anhalter durch die Galaxis gab Freeman auf der Kinoleinwand aber nicht so pointiert Gelegenheit, sein darstellerisches Spektrum vorzuführen. Seinen wahren Durchbruch erlebte er mit der hervorragenden BBC-Serie Sherlock, in der er den einzigen Freund und Helfer des Meisterdetektivs Sherlock spielte. Als Watson konnte Freeman zeigen, welch phänomenales komödiantisches Gespür er hat. Er weiß genau, in welcher Sekunde er seine Mimik wie zu verziehen hat, nur mit Mienenspiel und teils verschuckten Interjektionen reagiert er vielsagend auf den ihn mit Sherlock stets umgebenden Irrsinn. Ob subtil oder gekonnt dick aufgetragen. Unverhofft gleitet er dann zuweilen ins Herzzereißende ab. Also die idealen Voraussetzungen für die Rolle des jungen Bilbo Beutlin. Ian Holm spielte den gealterten Bilbo in Der Herr der Ringe als dauernervöses, bodenständiges Kerlchen und Freeman lässt in seiner Darstellung vieles von Holms Darbietung wiederfinden, ohne auf seine eigene Farbe zu verzichten. Und so wandert er mit seinem ausdrucksstarken Mienenspiel durch Mittelerde, stets authentisch und glaubwürdig eine Vielzahl an Gefühlen ins Gesicht geschrieben. Mal Heimweh, Mitleid, Angst oder Furcht vor dem eigenen, langsam aufkeimenden Mut. Aber stets scheint er zu sagen "Seriously? Echt jetzt? Das passiert gerade?" – man könnte Freeman also Eintönigkeit vorwerfen, doch wenn man seine drei genannten Rollen nebeneinand erstellt, so sieht man, dass er in sie alle eintaucht und ganz eigenständig anlegt. Freeman ist halt bloß perfekt für diese Art von Figur. Kann ihn bitte jemand für die Rolle eines dauerverwunderten Navy-Officers gewinnen, der Captain Jack Sparrow bei seinem nächsten Leinwanderlebnis begleitet?

Neben Freeman beherrscht, wenig überraschend, auch Ian McKellen seine Rolle bis ins kleinste Detail. Er scheint als Gandalf, passend zur weniger tragenden Story, sogar etwas verspielter und verschmitzter als noch in Der Herr der Ringe. Ebenso drehen Andy Serkis und die ihn in Gollum verwandelnden Computeranimatoren richtig auf: Das schizophrene Wesen, das die Grenze zwischen erschreckend und mitleiderregend völlig für sich vereinnahmt, zeigt noch filigranere Facetten, gleitet sichtbar und glaubwürdig zwischen seinen Persönlichkeiten und da es dank besserer Technik noch realer wirkt, kommen seine komödiantischen Momente natürlicher denn je rüber.

Sehr gespannt bin ich, wie Cate Blanchetts Performance in Der Hobbit – Eine unerwartete Reise von der Allgemeinheit aufgenommen wird. Sie legt Galadriel längst nicht so abgehoben-andersweltlich an, wie in Der Herr der Ringe an, wo sie mit sehr kindischer / kindlicher Mimik agierte. Mir gefällt die Hobbit-Variante deutlich besser, da die unfreiwillige Komik wegfällt, jedoch hatte Galadriel dadurch auch ihre Fans ... Ansonsten finde ich den Start der neuen Trilogie aus darstellerischer und charakterlicher Sicht schwächer als Der Herr der Ringe – Die Gefährten. Von Thorin abgesehen haben die Zwerge keine eigenständige Persönlichkeit, und selbst wenn Richard Armitage eine gewisse Gravitas mitbringt, scheitert er in meinen Augen darin, Thorin als symptahisches Raubein rüberzubringen.

Klingt wie Der Herr der Ringe, sieht aus wie Der Herr der Ringe, ist fast so lang wie Der Herr der Ringe, hat aber weniger Inhalt als Der Herr der Ringe
Lassen wir in dieser Kritik die 48-FPS-Technologie, die ich zumindest beim ersten Mal anschauen irritierender fand als das von vielen so (meiner Meinung nach zu Unrecht) verhasste 3D, außen vor und bewerten die audiovisuelle Komponente des Films von Peter Jacksons neuster Lieblingstechnologie losgelöst. In dem Fall lässt sich die Optik des Films sehr leicht abhandeln: Die Landschaftsaufnahmen sind wieder einmal atemberaubend, Makeup und Kostüme erwecken die Figuren zum Leben und Kameraführung sowie Schnitt sind etwas ruhiger als bei Jacksons vorheriger Mittelerde-Trilogie. Die Spezialeffekte sind weitestgehend auf dem neusten Stand der Technik, es gibt aber auch sehr rückschrittlich aussehende, durch mieses Shading ins Auge stechende Aussetzer wie der eine oder andere digitale Hintergrund oder die Trolle. Auch der neue Ober-Ork fällt durch sein langweiliges Design und ein sehr künstliches Auftreten negativ auf, waren die praktisch umgesetzten, wunderbar ekligen Orks doch eines der visuellen Highlights der Ring-Trilogie. Dafür ist Gollum, wie gesagt, besser denn je.

Akustisch verwöhnt Howard Shore die Ohren des Publikums mit liebevollen Reprisen bekannter Melodien und schwelgerischen neuen Themen, allem voran dem Zwergen-Leitthema Misty Mountains, eine simple, jedoch tragende Komposition, die die Sorgen und Hoffnungen der Zwerge atmosphärisch dicht auszudrücken vermag.

Während Der Hobbit – Eine unerwartete Reise also das Drumherum von Der Herr der Ringe rekreieren kann, scheitert er daran, inhaltlich erneut das Kunststück zu vollbringen, bei einer XL-Laufzeit nie lang zu wirken. Trug nahezu jeder Moment in Der Herr der Ringe die Figurenzeichnung, Weltenbildung oder Handlung voran, bleiben die Figuren abseits Bilbo Beutlin (dessen Werdegang vom Feigling zum verschüchterten, dennoch mutigen Abenteurer etappenweise und plausibel gezeichnet wird) und Gandalf sowie Gollum (wobei diese beiden von der dem treuen Kinogänger bereits bekannten Exposition profitieren) flach. Und auch wenn keine komplette Szene völlig in den Film hineingepfercht wirkt, so plätschern viele länger vor sich hin als nötig. Rund eine Viertelstunde versucht Bilbo, drei dümmlichen Trollen zu entkommen – diese Szene hätte als kurze Anekdote viel besser funktioniert, zumal die Punchline selbst Nicht-Lesern eh aus Der Herr der Ringe bekannt ist.

Andere Szenen werden nicht so langweilig wie das ewige Troll-Hin-und-Her, zerren aber an der Gesamtdynamik des Films. Etwa die von Jackson zu dieser Story hinzugefügten Szenen rund um Radagast den Braunen, einen naturverbundenen, verpeilt-liebenswerten Magier. Er bringt die Handlung kein Stück voran, aber da Jackson ihn ambitioniert vorstellt und mit verzaubertem Blick die Welt Mittelerdes durch diesen Auftritt vertieft, mag man es ihm nicht übel nehmen, zumal dadurch dieses Epos etwas von der gesunden Naivität der Vorlage zurückerhält. Ich etwa war von der ersten Szene völlig mitgenommen und fieberte dank der farbenfrohen Kulisse, der tollen Effektarbeit und Sylvester McCoys Darbietung um das Leben Radagasts kleinen Patienten. Der darauffolgende Humor rund um seinen Hasenschlitten und seine knallige Persönlichkeit war mir dann aber zu viel. So zieht es sich durch den gesamten Film, schon vor Bilbos Aufbruch (Hallo, das sind Zwerge. Sie benehmen sich daneben, was Bilbo ärgert. Nun wiederholen wir diese Erkenntnis zehn Minuten lang) ist dem so, nach Reiseaufbruch jedoch kommt der (der Vorlage geschuldete, bei Jacksons Erzählweise aber sehr auffällige) wiederholende Sequenzaufbau dazu.

Die Gruppe begegnet gefährlichen Wesen, kämpft, scheitert, Bilbo wächst vorsichtig über sich raus, erreicht ein wenig etwas, Gandalf rettet den Tag. Jackson bemüht sich verstärkt um Erläuterungen, weshalb Gandalf nicht früher eingreift – hier macht sich die epische Bandbreite des Films mal bezahlt – wohl aber kommt es zu einer leichten Diskrepanz: Die Inszenierung will das Gefühl einer monumentalen Fantasygeschichte vermitteln, der Inhalt dagegen ist etwas kleiner, magischer, unschuldiger (fast will man sagen „disney-hafter“). Der zentrale Beutlin wird schließlich nicht korrumpiert, sondern mutiger. Dieses Feeling bricht immer wieder durch, ebenso wie das dumpfe Gefühl, die Macher würden lieber noch einen Herr der Ringe haben, was im Detail den Sehspaß etwas trübt. Es ist diese Art der falschen Bemühungen, die dem Film ein wenig von seinem Herz raubt. Und nunmal dazu führt, dass der Film, ohne anzuöden, schlicht länger ist, als ihm gut täte. Er ist weiterhin gut, verliert aber ärgerlich gegenüber seinem Potential. Mal schauen, wohin es die Fortsetzungen verschlägt ...

Siehe auch: Meine Besprechung bei Quotenmeter.de

DisneyWar 2: Als Jeffrey Katzenberg Hollywood die Meinung geigte



Der Aufstieg und Fall des Disney-Konzerns in der Ära Eisner, dokumentiert anhand des Lesetagebuchs zum Buch „DisneyWar“ – Im Schatten der Maus

Nach dem ersten Teil unserer Reihe, in der vor allem die Vorgeschichte des legendären Umbruchs bei Disney im Jahr 1984 erörtert wurde, beschäftigt sich der zweite Teil nun mit den ersten Jahren unter der neuen Führungsriege, die da wäre: Michael Eisner, CEO und kreativer Antreiber; Frank Wells, Präsident, COO und rationaler Part der Mannschaft; Jeffrey Katzenberg, Vorsitzender der Filmabteilung Walt Disney Studios. Vor allem um letzteren dreht sich das Lesetagebuch im Folgenden. Es basiert auf den Kapiteln zwei und drei von James Stewarts „DisneyWar“ (S. 89-151).

Teil 2

Wenn ich im ersten Teil der Reihe geschrieben habe, Michael Eisner sei hartnäckig und voller Energie, dann müsste ich von Jeffrey Katzenberg nicht nur dasselbe sagen, sondern noch mehr: Katzenberg war (und ist vermutlich noch) besessen von seiner Arbeit, ein Workaholic im Superlativ. So zumindest schildert Stewart diesen Filmproduzenten, der unter Michael Eisner bereits bei Paramount gearbeitet hatte und den Führungswechsel seines Chefs zu Disney mitmachte. Katzenberg soll in diesen ersten Disney-Jahren pro Tag nur wenige Stunden geschlafen haben, führte oft parallel zwei Telefongespräche und begrenzte diese – und auch andere Unterhaltungen mit Mitarbeitern – auf maximal 30 Sekunden. Trotzdem bildeten sich immer lange Warteschlangen vor Katzenbergs Büro, wie Stewart schildert: Er war der noch am leichtesten zu sprechende Mann der Führungsriege; Eisner und Wells hatten anderes zu tun. Selbst Roy Disney wandte sich meist zuerst an Katzenberg.

Die Beziehung zwischen diesen beiden steht auch exemplarisch für den Standpunkt, den Katzenberg (Foto rechts) vertrat: Er wollte – anders als Eisner und Wells zu Anfang – die Trickfilmabteilung nicht schließen. Zwar wird es im Buch nicht tiefergehend thematisiert, aber ohne Katzenberg hätte Disney vielleicht ab Mitte der 80er Jahre ohne den traditionellen Zeichentrick dagestanden – und in Folge wäre es sicherlich nicht zur großen Disney Renaissance gekommen. Bekanntlich erschien „Arielle“ bereits 1989 und war überhaupt nur als Projekt vorangetrieben worden, weil man sich zunächst gegen die Schließung der Abteilung entschlossen hatte. Vermutlich also wäre die Entwicklung des Disney-Zeichentrick ohne den Einsatz Katzenbergs völlig anders, wahrscheinlich deutlich weniger bezaubernd, verlaufen.

Warum sich Katzenberg so für den Zeichentrick einsetzte, wird im Buch zunächst nicht ganz klar. Das Geschäft lag Anfang der 80er am Boden, hatte ein Jahrzehnt keinen Hit mehr hervorgebracht. Mit Don Bluth und seiner Mannschaft, die von Disney gekommen war, hatte man einen erfolgreicheren Konkurrenten. Und selbst die Aussichten waren nicht rosig: „Taran und der Zauberkessel“, ein Film mit jahrelanger Entwicklungszeit und immensen Kosten, schien ein neuer Tiefpunkt im Meisterwerke-Kanon zu werden. Katzenberg soll laut Autor James Stewart richtig bestürzt gewesen sein über die vorläufige Version des Films – und vor Wut im Schneideraum selbst Hand angelegt haben, um ihn „zurechtzustückeln“. Wichtig festzuhalten bleibt: Trotz dieses immensem Flops hielt Katzenberg an der Vision einer erfolgreichen Trickfilmabteilung fest – auch nach dem erwartungsgemäß enttäuschenden Box Office von „Taran“ 1985 (er spielte nicht einmal sein Budget ein).

Eisner und Wells werden sich in ihrer Meinung bestätigt gefühlt haben, allerdings sollte Katzenberg noch eine Chance bekommen – „Taran“ war schließlich vor seinem Antritt in Entwicklung. Fraglich bleibt, ob der erste Zeichentrickfilm unter Katzenberg auch der letzte hätte sein können, wenn er gefloppt wäre. Meiner Meinung nach wäre dem so gewesen. Darauf deutet auch hin, dass sich Roy E. Disney nach Stewarts Aussagen wieder mehr in das Geschäft einmischte – Roy habe das „Gefühl [gehabt], er müsste um die Zukunft des Trickfilms kämpfen, denn er glaubte, dass er wieder zum Herzen des Unternehmens werden könnte“ (S. 110). Dieser eine Film, der vermutlich Disneys mittelfristige Trickfilm-Zukunft gerettet hat, war:  „Basil, der Mäusedetektiv“. Nachdem Katzenberg reinen Tisch gemacht hatte (ein Gulliver-Projekt gekappt, einem Großteil Mannschaft von „Taran“ gekündigt), ging er neue Projekte an. Wie der Zufall es will, gehörten Ron Clements und John Musker – zwei Köpfe der späteren Disney Renaissance – nicht (mehr) zum „Taran“-Team und verblieben daher im Unternehmen. Sie waren es schließlich, die den Storyvorschlag für „Basil“ einbrachten, der letztlich überraschend erfolgreich wurde. Gleiches galt für „Oliver & Company“, das 1987 erschien. Die Trickfilm-Sparte erschien plötzlich als Einnahmequelle mit Riesenpotenzial – und bei den Zeichnern machte sich trotz des harten Führungskurses mit Katzenberg Goldgräber-Stimmung breit.

Mein Eindruck, dass Katzenberg und Roy Disney gemeinsam kreativ immer wieder gegensteuerten, verstärkte sich beim Thema VHS-Veröffentlichungen: Auch hier waren es die beiden, die zunächst gegen den Heimkinomarkt stimmten und keine Disney-Klassiker auf VHS herausbringen wollten. Finanziell aber lohnte sich dies deutlich mehr als die Zeichentrickfilme alle sieben Jahre im Kino neu herauszubringen. Nach anfänglich zaghaften Versuchen wurde das VHS-Geschäft immer weiter ausgeweitet; auch Roy und Katzenberg hatten dieser Politik letztlich nichts mehr entgegenzusetzen.

Neben der Zeichentrick- hatte Katzenberg als Studiochef auch die Spielfilm-Abteilung zu verantworten, welche ebenfalls auf Vordermann gebracht werden musste. Auch hier bewies er – zunächst mit dem von Eisner verordneten Konzept günstiger, aber ideenreicher Filmproduktionen – ein Gespür für den Erfolg. Trotzdem wollte Katzenberg mehr: Er setzte sich für die Produktion von „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ ein, der damals als teuerster Film mit Zeichentrick-Elementen in die Geschichte einging. Katzenberg verließ mit dem Projekt den eingeschlagenen Weg, keine Hollywood-Größen zu engagieren, denn hinter „Roger Rabbit“ standen unter anderem George Lucas und Steven Spielberg.

Trotz eines veranschlagten Budgets von 30 Millionen Dollar wurde der Film immer teurer, kostete schließlich 50 Millionen – und Michael Eisner „explodierte“, wie James Stewart beschreibt (S. 135). Katzenberg musste die Sache regeln und berief ein Treffen ein, das sich noch heute wie die Creme de la Creme Hollywoods liest. Zitat: „In einer Aktion, die selbst nach Katzenbergs Maßstäben dramatische Züge hatte, rief er die wichtigsten Beteiligten zu einer Sitzung in New York zusammen (…) – unter anderem [Richard] Williams, Spielberg, [Robert] Zemeckis, [Frank] Marshall und [Peter] Schneider.“ Zemeckis und Williams führten gemeinsam Regie beim Projekt, Spielberg war Produzent im Hintergrund und George Lucas war durch seine Special-Effects-Firma ebenfalls beteiligt. Wie dieses vermutlich hochinteressante Gespräch genauer abgelaufen ist, darüber schweigt sich das Buch aus. Es steht lediglich fest, dass Katzenberg die Verantwortungsbereiche neu strukturierte, was letztlich der Kostenexplosion nicht helfen konnte. Lediglich das angesetzte Kino-Startdatum hielt man gerade noch ein. Aber auch hier zeigte sich Katzenbergs Gespür für Hits: „Roger Rabbit“ spielte das Dreifache seines Budgets ein. Allerdings wurde es nicht der erfolgreichste Film des Jahres 1988, wie Katzenberg selbst prophezeit hatte (S. 137). Dieser Titel ging an „Rain Man“, „Roger Rabbit“  selbst schaffte immerhin Platz zwei. Und Eisners Spielfilm-Strategie der niedrigen Produktionskosten erfuhr eine erste leichte Aufweichung.

Michael Eisner selbst? Dessen Charakterbild wird in den Kapiteln zwei und drei kaum weitergezeichnet – abgesehen davon, dass man immer mehr den Eindruck erhält, Eisner sehe sich als legitimer Nachfolger Walt Disneys (Eisner präsentierte künftig Disneys sonntaglichen Filmabend und lehnte alle Moderatorengrößen für den Job ab). Stewart erzählt auch von der Liebe Eisners zur Architektur, die vor allem in die Arbeit bei den Themenparks einfloss – dort trieb der Disney-Chef vor allem die Errichtung prestigeträchtiger Hotels voran und verwirklichte mit seinen architektonischen Ideen einen Kindheitstraum. Kurz: Eisner schien sich bei seiner Arbeit auch ein wenig selbst zu verwirklichen und zu entfalten.

Für die Filmsparte schien aber Katzenberg entscheidend zu sein, der bei Zeichnern und Hollywood-Größen – sehr konsequent und hart, aber effektiv – seine Impulse setzte und Disney damit innerhalb weniger Jahre zur Nummer eins der großen Studios machte. Sein rigider Führungsstil bildete eine Art Hassliebe zu seinen Mitarbeitern aus, wie Stewart beschreibt: „Die Zeichner hatten war gelernt, dass sie Katzenberg Respekt zollen mussten, aber hinter seinem Rücken zeichneten sie beißende Karikaturen. Viele davon waren pubertär und unanständig.“ Eine legendäre Karikatur zierte zuletzt das Titelbild der DVD „Waking Sleeping Beauty“, die hinter die Kulissen der Disney Renaissance blickt. Die Zeichnung zeigt Jeffrey Katzenberg, wie er das Dornröschen-Schloss mit viel Sprengstoff abheben lassen will. Besser könnte man seinen Charakter wohl nicht in eine Karikatur verpacken.

Über Anregungen und Diskussionen in den Kommentaren freue ich mich! Wer mitlesen möchte: Beim nächsten Mal bespreche ich die Kapitel vier und fünf.