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Sonntag, 30. September 2018

Monster Trucks


Die Prämisse hinter Monster Trucks ist schräg: Ein Jugendlicher, der in seiner Freizeit auf dem Schrottplatz eines Bekannten einen Monstertruck baut, lernt ein krakenähnliches Tentakelmonster kennen. Dieses wurde bei den Bohrungen einer ruchlosen Ölfirma aus seinem natürlichen Habitat, einem jahrtausendealten Höhlensee, vertrieben – und ernährt sich hauptsächlich von Öl. Während die Schergen des keinerlei ökologisches Gewissen aufweisenden Konzerns nach dem Wesen suchen, versteckt es der Freizeitautomechaniker in seinem selbstgebauten Monstertruck. Es entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft.

Wer nun vor sich hin flüstert: „Das klingt so, als hätte es ein Kleinkind geschrieben“, liegt richtig. Ein hohes Tier bei Paramount wollte dafür sorgen, dass es wieder mehr Originalstoffe für Familien zu sehen gibt. Und fragte seinen vierjährigen Sohn, welchen Film Papis Firma mal drehen sollte. Das allein reicht schon, um einige Filmliebhaber vollauf gegen Monster Trucks aufzubringen. Aber, ganz ehrlich: Diese Verurteilung ist doch bescheuert!

Kinder der 80er-Jahre wuchsen mit Ninjakampfkünste einsetzenden, pubertierenden Mutationsschildkröten auf, die nach Künstlern der Renaissance benannt sind. Kinder der 90er-Jahre mit einem Buben, der kleine, knuffige Monster einfängt und sie gegen die kleinen, knuffigen Monster anderer Trainer antreten lässt. Kinder der frühen 2000er-Jahre mit Geschichten aus einer ausschließlich von motorisierten Fahrzeugen bevölkerten Welt, in der ein Rennwagen und ein verrosteter Abschleppwagen beste Freunde sind. Und für jede dieser Dekaden gibt es mindestens zwei Dutzend weitere, ähnlich haarsträubende Exempel.

Darum: Liebe Cineasten, liebe ältere Geschwister, liebe Eltern. Liebe Zyniker unter den Kindern: Nehmt die Existenz von Monster Trucks hin, lasst denen ihren Spaß, die die Idee positiv-ulkig finden. Ob nun ein Krakenmonster unter der Motorhaube eines Trucks lebt oder sich Roboteraußerirdische auf der Erde in Autos verwandeln und bekriegen: Gaga-Konzepte haben ihre Daseinsberechtigung. Die Frage ist nicht: „Wie kommt man nur auf solch verquere Ideen?“ Sondern: „Wie gut ist diese Idee denn nun umgesetzt?“

Die angesichts dieser nach „Brainstorming nach Zuckerschock“ klingenden Prämisse überraschende Antwort: Sehr altmodisch. Ice Age-Regisseur Chris Wedge nimmt über weite Strecken des Films das Tempo raus, schaltet zwei oder drei Gänge niedriger als übliche Familienfilme mit quirligen High-Concept-Ideen dieser Zeit. Der Schnitt ist ruhig, die Kameraführung aufgeräumt und frei von den Extremnahaufnahmen aus der Froschperspektive, die seit den 90er-Jahren diese Filmgattung plagt. Komponist Dave Sardys Musik ist zwar vollkommen zahnlos, jedoch harmonisch und leise abgemischt, nie zerstört hochaktuelle Chartmusik die Immersion der Story.

Monster Trucks ist ein im Heute verorteter Familienfilm, wie er in den späten 70ern oder den frühen bis mittleren 80ern hätte entstehen können. Obwohl die „Ein Junge und sein seltsames Wesen“-Masche im Fahrwasser von Spielbergs E.T. – Der Außerirdische vielfach kopiert wurde, wäre es ungerecht, Monster Trucks über denselben Kamm zu scheren. Denn Wedge übt sich nicht im üblichen Spielberg-Mimikry, drückt weder auf die Tränendrüse, noch betont er doppelt und dreifach die Magie, die vom letztlich Creech genannten Monstrum ausgeht. Ohne behutsam eingesetzten Pathos, mit nur holzschnittartigen Figuren und einem Mangel an einprägsam vermittelten Wortwechseln geht Wedges Film allerdings auch ein gutes Stück des Zaubers verloren, den einen echten Familienfilmklassiker dieser Gattung erst unvergesslich macht.

Dank hervorragender Computereffekte, die einen fast glauben lassen, Creech sei nicht etwa ein digitales Wesen sondern der aufwändigste haptische Spezialeffekt der vergangenen Jahre, und den charmanten Hauptdarstellern manövriert sich Monster Trucks dennoch ins gehobene Mittelmaß für Kinderfilme mit verrückten Grundideen. Die goldige Interaktion zwischen Protagonist Lucas Till, der weiblichen Hauptdarstellerin Jane Levy und Creech rundet dies stimmig ab. Gewiss, Till und Levy sind wesentlich älter als ihre Rollen, was im Zusammenspiel mit den altersgemäß besetzten Darstellern der weiteren Kinderrollen für skurrile Anblicke sorgt. Und die Umweltschutz- und Tierschutzmoral des Stoffes ist zwar löblich, von Autor Derek Connolly aber arg schwerfällig umgesetzt.

Als amüsanter, statt brüllend-komischer, und besonnen-abenteuerlicher, statt durchgeknallter und aufregender, Familienfilm positioniert sich Monster Trucks irgendwo in einem Publikumsniemandsland. Den Einen zu albern, den Anderen zu harmlos. Vielen Älteren zu kindlich, wohl vielen Kindern zu altmodisch. Aber als liebenswerte, originäre Familienunterhaltung, die das Heute und das Gestrige versiert vereint, dürfte Monster Trucks wenigstens einige Neugierige in dieses Niemandsland locken. Es ist Elliot, der Drache mit Metall, Motoren und Tentakeln. Das lädt vielleicht zum Naserümpfen ein – dank der souveränen, wenngleich nicht ideenstarken Umsetzung wird es aber auch einige kleine Kinogänger und im Herzen junggebliebene Filmfreunde auf unerwartete Weise verzaubern.

Fazit: Ein unter der Motorhaube eines Trucks lebendes Tentakelmonster und seine menschlichen Freunde: Was nach irrem Familienwahnsinn klingt, ist in Wahrheit ein verspielter, knuffiger Familienspaß nach alter Schule, dem schlicht der glühende Funken Etwas fehlt.

Freitag, 21. September 2018

Jackie


Attribute, wie sie der Königin in einem Märchen zustehen: Großes Stilbewusstsein, eine höchst elegante Erscheinung, ein formidables Gefühl dafür, was das Volk will oder gefälligst zu wollen hat. Ein enormes Kunstverständnis, kultivierte Manierismen und Eindruck schindendes Bücherwissen. Adliges Auftreten, demokratische Werte. Das Äußere einer Debütantin im bildungssprachlichen Sinne, die Kulturkenntnisse einer Geisteswissenschaftlerin.
Widersprüche, die sich formidabel ergänzen: Von Jacqueline Kennedy Onassis' öffentlicher Persona ging eine Faszination aus, die Zeitgenossen kaum in Worte zu fassen wussten. Und die all jene, die zu spät zur Welt kamen, um diese Frau auf dem gesellschaftlichen Parkett erleben zu können, einem Mythos gleichend nacherzählt bekommen.

Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot. Wie so manche mystische Erzählung, so hat auch die Legende der Jackie Kennedy einen düsteren Beiklang. Denn ihre womöglich am längsten nachwirkende Handlung entwuchs aus einer Tragödie. Die Tochter eines Stockbrokers und einer Salonlöwin setzte der US-amerikanischen Geschichte erst durch ihre Reaktion auf das tödliche Attentat an ihrem Gatten John F. Kennedy so richtig ihren Stempel auf. Jackie, zuvor für ihr Glamourleben beneidet und mit einem Emmy für ihr sie damenhaft und etwas gespielt-naiv zeigendes Fernsehspecial ausgezeichnet, demonstrierte Würde, stoische Ruhe und eisernen Willen. Ohne dabei kalt zu erscheinen.

Aber dies ist nur ein Steinchen im Mosaik der Jackie Kennedy. In den Tagen nach dem schicksalshaften 22. November 1963 hatte sie sich unentwegt zu wandeln: Öffentlich auf vorbildliche, ja, so makaber es klingen mag, ikonische Weise trauernd. Hinter verschlossenen Türen beharrlich kämpfend. Darum, ihre Würde zu bewahren. Ihr Gesicht bei ihren Vertrauten. Um die Achtung, die ihr andere Politiker entgegenbrachten, als sie noch First Lady war – und nicht Witwe eines früheren Präsidenten. Um ihren Verstand, musste sie doch aus unmittelbarer Nähe den Tod ihres Gatten miterleben. Um ihren Status und den ihres verstorbenen Mannes. Darum, durch einen sagenhaften Abgesang diesem abrupten, brutalen Ende einer Präsidentschaft zum Trotz aus dem Handeln ihres Mannes ein denkwürdiges, würdevolles, imposantes Gesamtkunstwerk zu konstruieren.

Die Märchenkönigin muss zum ein scharfes Schwert schwingenden einsamen Ritter werden, um ihre Grazie zu verteidigen. Hindernisse brutal niederknüppeln, um das Augenmerk auf ihren Verstand zu lenken. Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.

Regisseur Pablo Larraín (El Club, No!) lässt gar nicht erst zu, dass wir diese Transformation der Märchenkönigin zum Ritter, und vom Ritter zur graziösen, wohl aber gerissenen Sagengestalt in Ruhe beobachten. Der Chilene verhindert eine aus sicherer Distanz erfolgte Betrachtung des albtraumhaften Lebensabschnitts der Jackie Kennedy. Er nimmt die Ferngläser seines Publikums, lässt sie durch die dissonante, das Trommelfell mit beunruhigender Präzision penetrierende Instrumentalmusik Mica Levis zerspringen. Trübt, um auf Nummer sicher zu gehen, den Blick mittels grobkörniger, gräulich verschleierter Kameraaufnahmen Stéphane Fontaines.

Larraín fährt näher heran. So nah, dass sich die Sorgenfalten der bildhübschen Jackie wie Kluften auftun. Noch näher. So nah, dass jedes Äderchen in ihren Augen im Flüsterton davon erzählen kann, welch Grauen es sehen musste und wie es dies verarbeitet. So nah, dass die titelgebende Literaturconnaisseuse gewissermaßen zum Schauplatz dieses Films wird. Ihr Verstand formt die Ausgestaltung und Beschaffenheit dieses Films. Er weist den Knochenbau eines biografischen Dramas auf, doch die Gehirnmuskulatur eines Psychogramms, die Muskeln eines sozio- und medienpolitischen Thrillers und das Gewand eines garstigen Horrorfilms.

Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot. Elliptisch gestaltet Larraín ein feingliedrig beschreibendes, mit der emotionalen Wucht eines Kopfschusses operierendes Porträt. Sprunghaft. Den viel beweinten, vollauf analysierten, Jackies Leben aus den Fugen bringenden, ihren Charakter zementierenden Tag entschlüsselnd. Ihr Gespräch mit dem 'Life'-Journalisten Theodore H. White nachstellend, nein, romantisierend, nein, demontierend. Zurückschweifend auf Tage wie aus einer eloquent beschriebenen Gute-Nacht-Mär. Aufbrechend, durch Szenen über Jackies Sinn- und Gewissenssuche. Die Form: Selbstkritisch-reflexive Gespräche mit einem Mann des Glaubens. Übergehend in die vorwurfsvollen, verteidigenden, abgebrühten, zurückhaltenden Gespräche mit White. Und zurück.

Cutter Sebastián Sepúlveda verwirrt so lange, bis die Desorientierung erst wirklich die Augen öffnet. Die Augen öffnet, um jede noch so dezente Nuance in Natalie Portmans Darbietung zu sehen. Sticht aus ihren versierten Augen eine verstörte oder verstörende Verbissenheit? Ein verzogener Augenwinkel genügt, so dass Abgeklärtheit abklingt und Aggressionen zu erkennen gibt. Melancholisch mäandernd und wissentlich Weltschmerz davontragend: Diese Darbietung sucht ihresgleichen, ist konstant, jedoch variantenreich; vielschichtig, dennoch klar. Portman, Kennedy: Ein von der Leinwand brennender Mittelpunkt eines psychologischen, intellektuellen Geniestreiches mit wehmütiger Seele. Der Fokus eines unnachahmlichen Denkmals für eine zur Legende gewordenen Frau. Die einen Mythos zu bewahren hatte. Zu erfinden. Zu leben. Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.