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Mittwoch, 26. Mai 2021

De Vil wears punkish redesigned Haute Couture: Disneys Witnessing-something-traumatic-and-Revenge-Film

Was hat es neuerdings damit auf sich, dass frühe Social-Media-Pressereaktionen für Disney-Realfilm-Neuinterpretationen von Stoffen, die Disney zuvor animiert hat, derart übertreiben, wie atypisch sie doch wären? Bevor das Mulan-Remake durch mehrere zunehmend negativere Diskurswellen geschleudert wurde, wurde vor allem eins hervorgehoben: Es sei kaum zu glauben, wie viel (und welch harte) Action Niki Caro in Mulan unterbringen würde, obwohl es doch ein Disney-Film sei. Eine sonderbare Reaktion, meiner Meinung nach, denn Caro zeigt in ihrem Actionmärchen nichts, das auch nur ansatzweise an die ärgsten Disney-Stoffe heranreicht, wie Oz – Eine fantastische Welt oder Gore Verbinskis Disney-Schaffen. 

Im Vorfeld der Veröffentlichung von Cruella auf Disney+ geschah ähnliches: Sogleich mehrere Kritiker:innen betonten, der neue Film von I, Tonya-Regisseur Craig Gillespie sei erstaunlich "Anti-Disney". Ein Statement, dem ich nicht im Geringsten beipflichten würde. Weder tonal, noch hinsichtlich der Aussage, geschweige denn auf inhaltlicher Ebene. Es ist nicht so, als würden Dana Fox (How to Be Single) & Tony McNamara (The Favourite) während ihrer Umgestaltung der 101 Dalmatiner-Schurkin mehrmals heftige Seitenhiebe verteilen oder gar minimal verschleierte Kritik an Disneys Geschäftsmodellen üben (wie unter anderem Tim Burtons Dumbo oder die hervorragende Sitcom Die Dinos).

Ebenso wenig besteht ein Problem, die Grundaussage von Cruella mit dem Disney-Firmenimage zu vereinen. Und tonal ist Cruella zwar wesentlich weniger auf Humor aus als viele weitere Disney-Remakes (vom 101 Dalmatiner-Realfilm aus dem Jahr 1996 über Kenneth Branaghs Cinderella bis hin zum tumben Susi & Strolch-Realfilm von Charlie Bean, um ein paar Beispiele zu nennen). Doch es gibt zahlreiche dramatischere, moralisch komplexere, geschweige denn finsterere Disney-Filme als Cruella. Keine Ahnung, was da die werten Kolleg:innen geritten hat.

Wohlgemerkt: Das ist erst so weit ein rein neutral einordnendes Statement meinerseits. Es macht Cruella nicht besser oder schlechter, wäre dieser über 130 Minuten lange Film undisneyhaft oder besonders disneyhaft. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es manchen nach dieser ersten Welle an Reaktionen helfen wird, ihre Erwartungen zu norden, wenn ich mit dieser "Es ist so ANTI!"-Stimmung aufräume. Und noch etwas könnte euch helfen, besser euren Frieden mit dem Film zu machen als es mir gelang: Er wäre deutlich erträglicher, hätte irgendwer im Schnitt auf's Pult gehauen, den sprichwörtlichen roten Stift ausgepackt und radikal den Prolog zusammengestutzt.

Ich bin nämlich denkbar kurz davor, euch alle zu einem kleinen Experiment einzuladen, und vorzuschlagen, dass ihr einfach alle Szenen überspringt, bevor Emma Stone zu sehen ist. Denn ehe wir in Cruellas Erwachsenenjahren angekommen sind, gibt es einen schleppenden, extralangen Prolog, der ihre Kindheit nacherzählt und dabei besonders schwafelig daherkommt: Aus dem Off erzählt die erwachsene Cruella nahezu ununterbrochen nach, was wir parallel dazu auf dem Bildschirm zu sehen bekommen. Ihre Mutter erzieht sie vor unseren Augen liebend, aber auch mit dem gestrengen Versuch, ihre Launenhaftigkeit einzugrenzen – Cruella sagt genau das. Cruella findet in der Schule eine Freundin – sie sagt, dass sie in der Schule eine Freundin findet. Cruella widersetzt sich einer Vorschrift ihrer Mutter – Cruella sagt, dass sie nicht auf ihre Mutter hört. Ihr versteht schon ...

Das ist schlechtes Geschichtenerzählen und fühlt sich so an, als würden die Filmschaffenden ihr Publikum gewaltig unterschätzen. Und dann umfasst der Prolog auch noch eine ungeheuerlich lächerliche Szene, in der die junge Cruella einen tödlichen Vorfall beobachtet. Der ist aber nicht nur ungeheuerlich konstruiert, selbst für einen etwas überspitzten Film überaus albern und dann noch als potentielle inhaltliche Erläuterung, weshalb Cruella ein Problem mit Dalmatinern hat, geradezu haarsträubend-aufgesetzt. Zu allem Überfluss ist diese Szene äußerst cartoonig inszeniert (dank aufgesetzter, gekünstelter Digitaltricks und einer sehr pathosbeladenen Inszenierung), so dass ich mich eher in einer Lord-und-Miller-Disneyparodie gewähnt habe, als in diesem Film, der seinen Inhalt trotz Stilisierung für bare Münze nimmt.


Ich gebe zu: Ich brauchte einige Zeit, um mich von diesem kitschig inszenierten Vorfall zu erholen, und das ungläubige Kopfschütteln einzustellen. Daher frage ich mich, wie Cruella wohl funktionieren würde, wenn man erst einsteigt, wenn die Titelfigur erwachsen ist, und somit den hölzernen, überlangen Einstieg auslässt, der sowas von unnötig ist: Man hätte selbst in der Postproduktion den Einstieg von Cruella noch retten können, indem man die Kindheitsszenen wieder streicht und Emma Stone einen anderen Erzählkommentar zu Beginn gibt, so dass sie nicht auch während der ersten Szene mit der erwachsenen Cruella einfach nur aufsagt, was wir gerade zu sehen bekommen. Hier hätte man die wichtigsten Infos über Cruellas Kindheit unterbringen können.

Dann verlängert man gegen Ende des ersten Drittels Films den kurzen Rückblick auf den (nun nicht mehr genutzten) Prolog: Statt einfach erneut etwas zu zeigen, was wir schon gesehen haben (und das Publikum erneut für unkonzentriert zu halten), ließen sich an dieser Stelle erstmals die zwei wichtigsten Einstellungen aus dem (nun geschnittenen) Prolog zeigen, um zu unterstreichen, wie bei unserer Titelheldin die Dinge, über die sie bisher schnippisch sprach, emotional angesäuert wieder hoch kommen. Wir sehen den bereits erwähnten, tödlichen Vorfall (großzügig um den Pathos herumgeschnitten) sowie Cruellas verloren gegangenen Schmuck aus Kindheitstagen, der im Prolog und dann im mittleren Drittel des Films kurzzeitig von Relevanz ist. (Dazu gleich mehr ...)

Ihr merkt es schon, wir sind gleitend vom neutralen Bemerken ins Meckern geglitten. Und leider hört es an dieser Stelle nicht auf. Auch wenn der absolute Tiefpunkt in Cruella tatsächlich schon hinter uns liegt, sobald Emma Stone auftaucht, so bleiben noch mehrere Aspekte, die mich auf Distanz zu diesem Film gehalten haben – darunter einer, der mit dem eben erwähnten Schmuckstück zu tun hat. Denn Fox & McNamara haben redliche Probleme, eine Motivation für Cruellas Handeln zu entwickeln. Sie beginnt ihre Geschichte als Kleindiebin und inoffizieller Kopf einer Drei-Personen-Bande, die auch Jasper und Horace (Joel Fry und Paul Walter Hauser) umfasst.

Als sie eines Tages die Chance bekommt, ehrlich zu werden und einen niederen Job bei einem Modehaus anzunehmen, ergreift sie diese Gelegenheit, nur um nach einem grauenvollen Tag im Suff und aus Protest ein Schaufenster zu vandalisieren. Ihr Punk-Protest-Schaufenster erregt beim Schaufensterbummelpublikum des Londons der 1970er-Jahre aber Aufsehen, und somit auch bei der umfeierten Modeschöpferin Die Baronin (Emma Thompson), von der Cruella Fan ist.

Daraufhin beginnt Cruella einen beruflichen Aufstiegskampf, bei dem sie zudem ihr Können schleift wieder erlernt, ihre zuletzt gedrosselte Persönlichkeit auszudrücken. Allerdings steigt sie außerdem bei der Baronin ein, weil Cruella bei ihrer ersten Begegnung mit dem Star des Modegeschäfts bemerkt, dass sie ein wertvolles Familienschmuckstück trägt, das Cruella einst als Kind verloren hat. Und Cruella plant kurzerhand, es zu stehlen. Und ein Rachekomplott wird später auch noch unter Cruellas Storyline gehoben. Und es wird suggeriert, dass Cruella womöglich ihren Hang zu massiver Dramatik, dem Ausloten des moralisch Tragbaren und gewaltigen Stimmungsschwankungen vererbt bekam, und dass diese nicht unter Kontrolle gehaltene, genetische Last sie von einer Diebin aus Not zu einer potentiellen Schurkin macht ... Uff!

Wir haben es hier also mit einer Titelfigur zu tun, die einen Klassenkampf austrägt, eine turbulente Selbstfindungsreise und den Lernprozess des Selbstausdrückens durchmacht, einen Gegenstand von sentimentalen Wert stehlen möchte, der es nach Rache dürstet und die vielleicht einfach nur eine tickende mentale Zeitbombe ist, deren Handeln keiner rationalen oder emotional gesunden Struktur folgt, sondern völlig impulsiv ist. Das ist ein derartiger Wust an Motivationen und narrativen Triebfedern, dass es ein stringentes, fokussiertes Drehbuch benötigen würde, damit das eine kohärente Charakterisierung und Erzählung ergibt (und der ganze "Es liegt ihr einfach im Blut"-Part nicht ins Fragwürdige abdriftet). Und genau daran mangelt es Cruella leider.

In Cruella wird uns kein komplexes Miteinander oder ein packendes Ringen dieser Motivationen präsentiert, stattdessen ist das Skript ein reines Flickenwerk: In einer Szene ist Cruella ein Mädchen aus der Arbeiterklasse, das aufgrund eines Schicksalsschlags auf der Straße landet und Kleinganovin wird, sich wieder aufrappeln möchte, und sich mit der Arroganz der Upper Class reibt. (Notiz am Rand: Es ist fraglich, weshalb Cruella keinerlei Auffangnetz hat, denn es wird im Prolog durchaus die Möglichkeit vorbereitet, dass sie aufgefangen werden könnte. Und statt dramatisch zu zeigen, wie ihr Auffangnetz reißt, wird es einfach ignoriert. Noch ein Grund, den Prolog zu überspringen, denn ohne ihn bleiben offene Fragen aus, die er überhaupt erst aufgeworfen hat.) 

Dann ist phasenweise der ganze Klassenkampf egal, ebenso wie Cruellas Sturz von der sozialen Leiter und ihr erneutes Erklimmen. Es geht nicht nur Cruella allein um den Coup (was ja durchaus als bewusste Charakterzeichnung durchginge: Sie verbeißt sich in dieses Motiv), der Film selbst simplifiziert ihre Geschichte zu einem "Ich klau mir, was mir einst gehört hat!"-Raubzug. Dann will er die Disney-Version eines Revenge-Thrillers sein. Dann ist es kurzzeitig doch ein "Underground vs. High Society"-Ding. Und dann fällt er immer wieder in die "Ein Prequel, das die WAHRE Geschichte erzählt"-Falle, indem der Film Elemente aus 101 Dalmatiner, über die sich niemand Gedanken gemacht hat, in ein neues Licht rückt. Aber nicht auf die ebenso gewitzte wie hintergründige Wicked-Art, sondern auf hochnotpeinliche, diesem Film seine Eigenständigkeit raubende Weise. 

Es ist ein Kuddelmuddel der Ideen, als hätte man aus zahlreichen, sehr unterschiedlichen Drehbuch-Entwürfen ein paar (für sich stehend betrachtet) gelungene Szenen gerissen, sie aneinandergereiht, und vergessen, noch einmal drüber zu gehen und alles anzupassen.

Ähnlich verhält es sich mit der Regieführung: Gillespie gelingt es in Cruella zweifelsohne, einzelne gefällige Momente zu inszenieren. Vor allem die Ballsequenzen und Modeschauen, aber auch ein kurzes herzliches Gespräch zwischen Cruella und Jaspar, sind griffig in Szene gesetzt und bleiben in Erinnerung. Und generell umgeht Gillespie weitestgehend die bildästhetischen Stolperfallen aus dem Susi und Strolch-Realfilm, Guy Ritchies Aladdin oder anderen schwachen Disney-Remakes: Der Film sieht weitestgehend wertig und eingelebt aus: Ein paar wackelige Compositing-Shots oder cartooneske CG-Effekte ausgenommen, wirkt dieses 70er-London, das zwischen ranzig und modisch gefangen ist, echt.

Dennoch bleibt eine Gesamtvision aus: So, wie der Film erzählerisch und thematisch Stückwerk ist, eiert Cruella auch inszenatorisch unentschlossen herum, was sich am besten durch die Montagen erläutern lässt. Wenn sich Cruella etwa mit einer Folge von knalligen Auftritten einen Namen in der Londoner Szene macht, sehen diese Aktionen der exzentrischen Modemacherin mit schwarz-weißem Haar für sich betrachtet ansehnlich aus. Als Montage bleibt aber ein Gesamtgefühl aus. Die Auftritte werden so spektakulär in Szene gesetzt, dass klar wird, dass wir Cruellas Arbeit bejubeln sollen. Jedoch bleibt Gillespie auf Distanz, lässt den Schmiss vermissen, den Cruellas Performances haben. So erzeugt der Regisseur eine Diskrepanz zwischen dem Handeln Cruellas und der Darstellung dessen. Daher lässt sich Cruellas Aufstieg nicht wirklich mitfeiern, es ist, als wäre er in einen grauen Schleier gehüllt, der uns an die mögliche, unglückliche Implikation dessen erinnert, wie Cruella sich in ihrem Komplott verliert.

Im Zusammenspiel mit dem unentschlossenen Skript und dessen, wie schwammig Gillespie die Grundtonalität mehrerer Wendepunkte einfängt, lässt sich das auch nicht als Ambivalenz abtun: Dafür hätten sich die Cruella-Verantwortlichen ja konkret dafür entscheiden müssen, eine nuancierte Position zu beziehen. Doch es ist keine grau-graue Weltsicht, die Gillespie mit seiner Regieführung vor uns ausbreitet, um uns zum Abwiegen und Zaudern einzuladen, sondern ein unmotiviertes Wechselbad. Oder, um im Modethema zu bleiben: Hier werden keine kollidierenden Stile mit Verve und Intention zusammengebracht, sondern einfach in den Kleiderschrank gegriffen und das Erstbeste angezogen, als sei es egal, wenn sich die einzelnen Modestücke beißen.

Das gilt jedoch nur für den Film insgesamt, nicht wirklich für die Mode in ihm. Denn meinen Kritikpunkten zum Trotz muss ich an dieser Stelle festhalten: Kostümdesignerin Jenny Beavan (Mad Max: Fury Road) hätte für Cruella zweifelsfrei einen weiteren Oscar verdient! Sie hebt den Film definitiv auf ein höheres Level (nicht auszudenken, was er ohne sie geworden wäre), indem sie diesen Clash aus britischem 70er-Underground-Chic, massentauglicher Fashion und Haute Couture genüsslich auslebt, den Cruella in ihm modisch heraufbeschwören will. Das gilt sowohl quantitativ (der zentrale Cast trägt 277 Kostüme, allein Cruella macht 47 Kostümwechsel durch, und für Cruellas Autokleid wurden 5060 Blütenblätter und 393 Meter Organza-Stoff verarbeitet), als auch hinsichtlich der Kreativität der Kostüme.

Die zahlreichen Kostüme Cruellas, der Baronin und der weiteren Mitglieder der Modewelt sind echte Augenweiden, einfallsreich und voller Ausdrucksstärke. Und der Nebencast versprüht dank einer stimmigen Balance aus zeitlicher Authentizität und Überspitzung denkwürdiges Lokal-, Subkultur- und Zeitgefühl. Selbst die verschiedenen im Film verwendeten Brillen (verantwortlich: Tom Davies, Hugo Cabret) haben Persönlichkeit. Auch das Make-up und Hairstyling in Cruella sticht positiv heraus und wäre zumindest einer Oscar-Nominierung würdig.

Hinter der ausdrucksstarken Schminke macht Emma Stone in der Titelrolle eine passable Figur: Sie spielt die modische Ganovin mit ansteckender Spielfreude, allerdings gelingt es selbst dem La La Land-Star nicht, mich von dieser schwammigen, unklaren Charakterisierung Cruellas zu überzeugen. Die sporadischen Sprünge ins Manische, die Cruella durchmacht, sind zu überzogen spitz und gleichzeitig narrativ untermotiviert. Es macht jedoch unbestreitbar Spaß, Stone dabei zuzusehen, wie sie dick aufträgt, und sich dann wieder für nuanciertere Momente fängt. Sie hält das unentschlossene Drehbuch deutlich besser zusammen als etwa Angelina Jolie in den grausigen Maleficent-Filmen.

Stones Namensvetterin Emma Thompson hat unterdessen als Baronin den Vorteil, dass ihre Figur ziemlich geradlinig als "durch und durch boshafte, selbstverliebte Modechefin" skizziert wird, was in allen Phasen des Stückwerk-Skripts funktioniert. Und mit dieser schlichten Charakterzeichnung ihrer Rolle hat Thompson sichtbar Freude: Ihre arroganten, abfälligen Blicke, in denen sich die Baronin suhlt, sind auf herrliche Weise fies und immer gleich.

   

Fry und Hauser sind als Jasper und Horace kurzweilig, Jon McCrea reißt mit seiner extrovertierten, selbstbewussten Art als Modeverkäufer und Cruella-Komplize Artie jede seiner wenigen Szenen an sich, und Mark Strong steht würdevoll in der Gegend herum. Der Rest des Casts bleibt nicht weiter in Erinnerung, während Gillespie und Music Supervisor Susan Jacobs einen Soundtrack zusammenstellen, der das Zeug dazu hat, berühmt-berüchtigt zu werden. Denn auf der Haben-Seite steht eine wahrlich riesige Greatest-Hits-Sammlung an zeitgenössischen Songs, die uns direkt ins zeitliche und kulturelle Settings des Films versetzen.

Auf der Negativseite steht allerdings eine derart hohe Frequenz an Einsätzen von Archivmusik, noch dazu solch weit verbreiteter und in der Popkultur ausgereizter Rock- und Popnummern, dass zwangsweise Erinnerungen an David Ayers Suicide Squad wach werden: Gillespie und Jacobs packen Cruella mit berühmten und beliebten Liedern voll, dass die Songeinsätze auf langer Strecke an Reiz verlieren. Dazu trägt auch massiv bei, dass die Songs selbst zwar ikonisch sind, ihre Verwendung aber oftmals in eine von zwei Kategorien fällt: Völlig beliebig ("Lasst uns irgendeinen britischen Charthit aus den 1970ern oder einen in den 70ern weiterhin relevanten 60er-Evergreen nehmen, um die Leute nochmal daran zu erinnern, wann der Film spielt!"), also ohne nennenswerte Resonanz zwischen dem Gezeigten und der Musik, oder so überdeutlich, dass es weh tut. Mehrmals wird die offensichtlichste Nummer gespielt, die in der Szene laufen könnte – was den zusätzlichen Nachteil mit sich bringt, dass diese Lieder in den vergangenen Jahren schon von anderen Filmen verwendet wurden. Und das meist zudem deutlich gewitzter, so dass ich gedanklich in die anderen Szenen abgedriftet bin, in denen das Stück verwendet wurde.

Letzterer Aspekt wird natürlich nicht jene stören, die deutlich weniger Filme schauen, Man kann nicht an etwas denken, das man nicht kennt. Aber um euch zu erklären, dass ich nicht allein sage "Das gab's schonmal, also ist es schlecht!": Gillespie rannte auch mit seinem vorherigen Film in musikalisch fest abgestecktes Gebiet. I, Tonya verwendet The Chain von Fleetwood Mac, und somit einen Song, den einige Monate zuvor James Gunn in Guardians of the Galaxy, Vol.2 sehr markant eingesetzt hat. Doch wenn ich I, Tonya schaue, gleite ich gedanklich nicht ins Marvel-Universum ab, weil Gillespie das Lied genau im richtigen Moment laufen lässt (und der Song nicht derart abgenudelt ist wie ein paar seiner Cruella-Nummern), so dass Song und Film kurz eine Einheit bilden. Gemeinhin denke ich bei The Chain, wenn ich mir das Lied ohne Filmbegleitung anhöre, zwar eher an die Guardians als an Tonya Harding, dennoch bleibt diese Assoziationskette während I, Tonya aus.

Bei Cruella dachte ich aufgrund der weniger inspirierten Musikentscheidungen dagegen wiederholt während der ersten Takte eines Songs Dinge wie: "Oh! Once Upon a Time in Hollywood! Ach! Der Joker-Trailer. Na, den Song hätte ich aber gestrichen, nachdem der Film mir zuvorkam, mit dem mich dauernd alle vergleichen, obwohl das ein wenig sinnvoller Vergleich ist. Achje, Flight, Focus, Suicide Squad, Californication, Middle Men, und so viele mehr kamen dir zuvor."

Der Soundtrack ist definitiv beeindruckend (jedenfalls der Jukebox-Part, Nicholas Britells Score wird nämlich ziemlich an den Rand gedrängt), weil die Lizenzen sicher ungeheuerlich teuer waren. Aber er ist gleichzeitig auch sehr ziellos zusammengestellt und wird in den Film gekleistert, als sei er Kitt, der dafür sorgen soll, dass die Story und Stimmung irgendwie zusammenhält.

Und das fasst Cruella leider ziemlich treffend zusammen. Denn ich wüsste nicht, was der Film uns sagen will, außer "Schau mal, wie teuer der Soundtrack ist, den wir uns leisten konnten", "Wow, Emma Stone hat echt Spaß als Cruella", "Tolle Kleider!" und "Sei du selbst, aber nicht zu sehr, und bitte nur in einer Underground-Szene, solltest du einen zu auffälligen Charakter haben, aber auch dann nur, wenn du ein tief sitzendes, sentimentales Motiv für dein Handeln hast". Letzteres war sicher nicht als Moral der Geschicht' geplant, aber genau das kommt letztlich bei diesem "Maleficent, aber mit Cruella ... naja, oder sie wird wirklich böse, oder, nein, besser nicht, sie ist wirklich gut und missverstanden, hach, wir können uns nicht entscheiden, egal!"-Geeier raus.

Cruella ist ab dem 27. Mai 2021 (pandemiebedingt) in einigen, wenigen Kinos zu sehen und ab dem 28. Mai 2021 als kostenpflichtiger Premium-Titel auf Disney+ abrufbar. Eine "reguläre" Disney+-Auswertung wird folgen. 

Montag, 3. Mai 2021

Red Screening – Blutige Vorstellung

 
Ich vermisse das Kino. Ich vermisse es in seiner Gesamtheit. Der Duft von frischem Popcorn. Der Geschmack von frischem Popcorn. Der Anblick eines Kinofoyers. Ich vermisse es, an Postern vorbeizugehen, und zu denken: "Boah, war der schlecht. Der war super! Auf den freue ich mich! Was ist das denn bitte für ein Poster?!" Ich vermisse es, mich in einen Kinosessel zu schmeißen, in den Saal hineinzublicken, abzuchecken wie voll es ist, und was für ein Publikum sich um mich herum versammelt. Das Warten darauf, dass sich das Licht dimmt und die Werbung beginnt. Das Freuen über angenehme Spots und Trailer, das Ärgern über dämliche Clips, und die riesige Freude darauf, dass der Hauptfilm beginnt. Das Wahrnehmen dessen, wie die Anderen den Film finden. Und das Loslösen aus der Filmwelt, um vom halbdunklen Kinosaal aus wieder Schritt für Schritt in die alltägliche Welt zu finden. 

In dieser melancholischen Stimmung der Kinosehnsucht kam Red Screening genau richtig: Dieser Slasher (mit ästhetischen Giallo-Anleihen) aus Uruguay trieft geradezu vor ehrlicher Lichtspielhausliebe. Lichtspielhausliebe für alles, was die Kinoerfahrung ausmacht. Von den Vorzügen des Filmtempels bis hin zu den ärgerlichen Kleinigkeiten, die aber einfach dazugehören, wie ein ab und zu nervendes Publikum. In dieses Schwelgen in Kinostimmung werfen Drehbuchautor Manuel Facal und Drehbuchautor/Regisseur/Produzent Maximiliano Contenti einen zielstrebigen Killer, der für geradlinige, handgemachte Slasher-Metzeleffekte sorgt – noch etwas, das ich vermisse, denn einen neuen, ironiefreien, stringenten Slasher gibt es derzeit ja auch selten zu erleben ... 

Eine stürmische Nacht in Montevideo im Jahr 1993: Direkt nach einer Familienvorstellung läuft im Kino "Cine Opera" ein Horrorfilm. Ana, die Tochter des Filmvorführers, hat ausnahmsweise die Nachtschicht für ihren sich ständig überarbeitenden Vater übernommen. Eigentlich kein Job, der besonders aufregend ist ... Das hat aber auch seinen Vorteil: Immerhin kann Ana somit während der Arbeit für eine bald anstehende, wichtige Prüfung büffeln. Doch denkste! Denn in dieser Nacht kann von Ruhe, gediegener Langeweile und ausreichend Zeit zum Lernen nicht die Rede sein: Ein erbarmungsloser Killer hat für die Vorstellung ein Ticket gelöst und lässt seinem Blutdurst im Schutze der Dunkelheit freien Lauf. Nun muss Ana nicht nur um ihr Überleben kämpfen, sondern auch versuchen, möglichst vielen Filmfans vor Ort einen grausamen Tod zu ersparen ... 

Ein Kino, wie man es sich kaum besser zusammenträumen könnte: Neonröhrenreklame, eine meterhohe, ikonische Frontfassade, ein großer Saal mit Stadium Seating, aber auch mit einer abgenutzten Holzvertäfelung, staubigen Sitzen mit leicht schimmerndem roten Bezug und (angesichts des zeitlichen Settings ganz alternativlos:) analogem Projektorsystem. Das Kino in Red Screening ist fantastisch ausgewählt und formidabel zurechtgemacht, so dass es ein nostalgisches, liebevolles Aufeinandertreffen von Programmkino-, Arthouse-Lichtspielhaus- und Massenfilmtempel-Ästhetik bietet und quasi zu einem prototypischen Kino wird, so dass wohl nahezu allen Kinobegeisterten durch das eine oder andere Detail das Herz in die Höhe hüpfen dürfte.

Um ein Klischee aus der Filmkritik abzuwandeln: Das Kino ist quasi ein heimlicher Protagonist in Red Screening. Seine Aufmachung, gepaart mit der Kameraarbeit von Benjamin Silva, der Red Screening eine leicht verwaschene, kontrastarme, aber farbenreiche Bildsprache verleiht, so als würden wir uns eine schlecht gepflegte 35mm-Kopie eines klein budgetierten, visuell ambitionierten Horrorfilms anschauen, verleiht dieser kleinen Genreproduktion eine immense, dichte Atmosphäre. 

Hinzu kommt die vortreffliche Auswahl an Figuren, die zwar allesamt kaum mehr sind als Archetypen, aber auch nicht mehr sein müssen, weil das Kinofeeling, die Größe des Casts und die Grundstimmung sowie die Genremechanismen ausreichen, um die nicht einmal 90 Minuten Laufzeit zu füllen: Da ist die Gang räudiger Teenager, die lärmend in den Saal stolpern, nachdem der Film begonnen hat. Der kleine Junge, der sich in den Film geschlichen hat (böse!), weil er zu jung ist und gerne einen Horrorfilm sehen will (na gut, das gibt dir Sympathiepunkte, Kleiner!) – und der in den brutalen Szenen hin- und hergerissen ist zwischen "Hände vor die Augen halten" und "Hinschauen wollen und mitfiebern" (wie goldig!). Da ist ein schüchtener Typ, der mit seinem Date einfach irgendeinen Film schauen will, und sich völlig uninformiert vom Programm überraschen lassen möchte. Und sein Date, das die Augen rollt, weil er nichts über den Film weiß, und sowieso ganz andere, fleischlichere Erwartungen an den Abend hegt. Dann ist da noch die junge Frau, die allein ins Kino geht und daher verlacht wird. Und der grantige, alte Typ, der mehr Ruhe im Saal will.

Es ist eine bunte Mischung aus sympathietragenden Figuren und willkommenem Kanonenfutter, die gestattet, dass wir in Red Screening sowohl gebannt mitfiebern, dass manche Figuren fliehen können, als auch diebisches Vergnügen an bösen Kills haben. Die sind übrigens nicht gerade aufwändig, wohl aber geradeheraus, haptisch umgesetzt und in ihrer Simplizität schön schmerzhaft, statt zynische Spektakel. Der Killer lässt sich Zeit, bevor er auftaucht, wird nicht übermäßig mit Hintergrundgeschichte versehen, und agiert zügig, kräftig, aber auch nicht makellos, so dass im großen Finale Raum für Anspannung bleibt: Wird er straucheln, daneben schlagen oder sich übertölpeln lassen? Oder behält er den Fokus und kommt mit noch einem und noch einem Mord davon? Das gestattet ein schnörkelloses, herbes Slashererlebnis, das Schaulust und Spannung gesund vereint – und nicht eine Minute zu lang oder zu kurz ist.

Red Screening ist also (im besten Sinne!) ein schlichter Film, der Slasher-Genrefans ein geradliniges, spannendes Sehvergnügen bietet, das dank des liebevoll eingefangenen und gestalteten Settings das Kinoherz höher schlagen lässt. Wenn ihr nach diesen Zeilen Lust bekommen habt, dann dürft ihr Red Screening als klare Sehempfehlung abspeichern!