Samstag, 24. Mai 2014

Ant-Man: Edgar Wright und Marvel gehen getrennte Wege


Es ist ja durchaus lobenswert, welche Treue Filmliebhaber nunmehr Regisseuren schwören. Wann immer ein Regisseur mit einem Produktionsstudio aneinander gerät, häufen sich harsche, das Studio verteufelnde Internetkommentare. So auch heute Nacht, als bekannt wurde, dass Edgar Wright sein Passionsprojekt Ant-Man aufgrund kreativer Differenzen mit Marvel verließ. Die Vorproduktion befindet sich aktuell in ihrer heißen Phase, der Drehbeginn soll demnächst stattfinden und Marvel möchte am Kinostarttermin festhalten, der für den 17. Juli 2015 geplant ist. Ein neuer Regisseur wird momentan noch gesucht.

Es ist keine Schwierigkeit, enttäuschte Kommentare im Internet zu finden, die sich gegen Marvel richten. Der Konsens der Film- und Comicfans ist ganz klar: Marvel ist nicht offen genug, eine tolle Idee von Edgar Wright umzusetzen. Und auch meine erste Reaktion war ein schlichtes: "Oh, fuck!"

Allerdings ist es fast schon unverschämt simpel, davon auszugehen, dass Marvel als Multi-Millionen-Studio hier der böse, böse Goliath ist, der den kreativen, tollen David tyrannisierte. De facto wissen wir, die außerhalb des Prozesses stehen, gar nichts. Und auch wenn die Erfahrung normalerweise lehrt, dass Studios sich gegen gute, kreative, ungewöhnliche Ideen sperren, gibt es auch so manches Argument dafür, dass Marvel nicht das typische, feige Studo darstellt. Obwohl es von einem Mann namens Kevin Feige geleitet wird.

Erinnern wir uns einfach an folgendes:

  • Marvel ersetzte den keinerlei Handschrift aufweisenden Jon Favreau nach zwei kommerziell erfolgreichen Iron Man-Filmen für den dritten Part der Reihe durch den markanteren Shane Black
  • Captain America: The First Avenger wurde von Joe Johnston inszeniert, der mit diesem Film seinen Stil so stark betonte wie seit Rocketeer nicht mehr
  • Die ersten beiden Avengers-Filme wurden Joss Whedon anvertraut, der im Kino zuvor keinen finanziellen Erfolg aufzuweisen hatte und im Fernsehen zu einem Geek-Liebling wurde, der seine ganz eigenen Ideen hat.
  • Erst vor wenigen Tagen führte Marvel mit dem zweiten Guardians of the Galaxy-Trailer vor, dass dieses Studio tatsächlich einen total irren, knalligen Film über einen wandelnden Baum und einen schießwütigen Alien-Waschbären produziert
  • Laut James Gunn, dem im Vergleich mit Edgar Wright weitaus weniger massentauglichen Regisseur von Guardians of the Galaxy, ermutigte Marvel ihn unentwegt, diese Space-Oper mehr zu seinem ganz eigenen Projekt zu machen
  • Ant-Man befindet sich seit 2006 im großen Marvel-Plan, und dies primär, weil es eine Herzensangelegenheit von Edgar Wright ist, von der sich Kevin Feige begeistern ließ. So sehr, dass das gesamte bisherige Marvel Cinematic Universe an einzelne Ideen und Themen aus Wrights Originaldrehbuch angepasst wurde, damit die Filme ab Iron Man zu diesem Werk hinleiten
Marvels Studiobosse wussten seit vielen Jahren, was Wright plant, basierten gar Elemente des Marvel Cinematic Universe auf Wrights Vorhaben und bewiesen schon mehrfach, dass sie ihren Regisseuren vertrauen. Das klingt nicht nach einer Mentalität, die Edgar Wright aufgrund fescher Einfälle den Kopf kostet. Ist Ant-Man nun schlicht der urplötzliche künstlerische Verfall des Studios, die Superheldenantwort auf Cars 2? Oder ging Wright mit einer wahrlich absonderlichen Idee wirklich zu weit?

Andererseits: Er drehte Shaun of the Dead, Hot Fuzz und Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt und somit drei wirklich großartige Filme (sowie den netten The World's End). Wie falsch können seine Ant-Man-Ideen schon sein?

Wer weiß. Vielleicht bekam Wright nur ein dringenderes Angebot (Star Wars-Spin-off?) und Marvel hat die Chance, einen noch besseren Regisseur an Land zu ziehen ([hier darf jeder seinen Favoriten einsetzen])? Eins ist klar: Ant-Man wird ab nun mit noch gebannterem Auge verfolgt.

Donnerstag, 22. Mai 2014

James Bond 007 – Der Hauch des Todes


Auf den knalligeren Schluss von Sean Connerys Bond-Ära folgte ein ernsthafterer Lazenby-Film. Auf diesen folgte ein weiterer, flippiger Connery-Streifen, der die Reihe kurzzeitig wieder zur nunmehr gewohnten Formel zurückführte. Daraufhin versuchte sich die erste 007-Produktion mit Roger Moore daran, moderne Einflüsse in die Bond-Welt zu holen. Am Ende seiner Bond-Ära lieferte Rogere Moore äußerst humorige Agentenabenteuer ab – was anderes konnte da den Produzenten wohl unter den Nägeln brennen, als eine weitere Kehrtwende? Ein weiteres Mal sollte Bond beim Darstellerwechsel auch seinen Tonfall komplett austauschen, nur zwei Jahre nach Moores überdrehter Abschiedsvorstellung war nun eine plausible, raue Stimmung angesagt. Fast wäre es sogar zu einem inhaltlichen Reboot gekommen: Der erste Impuls nach Moores Kündigung war bei EON, ganz vorne anzusetzen und von Bonds erstem Auftrag als Geheimagent zu erzählen. Produzent Albert R. Broccoli stimmte jedoch dagegen, weshalb die Drehbuchautoren Richard Maibaum und Michael G. Wilson stattdessen ein Skript entworfen haben, das sich erstmals seit mehreren Bond-Filmen wieder stärker an einer Ian-Fleming-Geschichte orientierte.

Die Darstellersuche verlief parallel dazu nicht ganz unproblematisch: Einige Schauspieler gelangten in die engere Auswahl und drehten ausführliche Probeaufnahmen, darunter der neuseeländische Schauspieler Sam Neill, Remington Steele-Hauptdarsteller Pierce Brosnan und der schon bei früheren Bond-Suchen in Betracht gezogene Timothy Dalton. Der Deal mit Brosnan war, unter anderem aufgrund seiner Chemie mit Bondgirl Maryam d’Abo, fast schon besiegelt, als der Medienrummel um Brosnans gute Karten beim Rennen um die Bond-Rolle dazu führte, dass die Quoten der fast abgesetzten Serie Remington Steele wieder stiegen und das Format eine neue Staffel erhielt. Somit stand Brosnan wider Erwarten nicht zur Verfügung, weshalb Dalton den Zuschlag erhielt.

Mit Dalton hielt auch eine neue Moneypenny Einzug in das Franchise: Caroline Bliss, die die Figur nicht nur wieder verjüngen und so dem neuen Bond anpassen, sondern auch mit einem tapsigeren Charme auftreten sollte. Damit passte sie besser zu dem, was Bonds anderer Dauer-Weggefährte Q mittlerweile wurde: Auch in Daltons Premiere liefert Desmond Llewelyn eine Parade quirliger Gags, womit er einen Teil der alten Bond-DNA in diesen kreativen Neustart rettet. Dies gilt zudem für John Barry, der zum letzten Mal für einen Bond-Film die Musik schrieb und hier seinen markanten Stil behutsam den späten 80ern anpasst: Klassische Kompositionen mit Barry-Handschrift ziehen sich als Leitthemen durch den 130-Minuten-Streifen, werden zuweilen von elektrischen Elementen aufgepeppt, ohne das Orchester an den Rand zu drängen.

John Glen führte einmal mehr Regie, drosselte für Daltons Einstand wohlgemerkt das Tempo und auch den Bombast von Im Angesicht des Todes, um sich dagegen wieder mehr auf das Spannungselement zu konzentrieren. Von einer ausladenden Verfolgungssequenz abgesehen, in der Bond seinem Austin Martin einen Trick nach dem anderen entlockt, knallige Einzeiler aus dem Ärmel schüttelt und schlussendlich sogar via Cellokasten vor den Schurken flieht, ist dieser Film somit ein Rückgriff auf den Suspense-Bond von Liebesgrüße aus Moskau. Besagte Sequenz wirkt viel mehr wie ein Moore-Ära-Relikt, da sie jedoch inhaltlich relevant ist und mit ihrem übertrieben Spaßfaktor dazu dient, 007 und Bondgirl/Cellistin Kara Milovy zusammenzuschweißen, wirkt sie nicht wie ein stilistisch fremdes Störelement, sondern gibt dem Film nochmal kurz etwas Zunder.

Den hat Der Hauch des Todes leider durchaus nötig, denn bis der Plot in die Gänge kommt und sich der britische Superagent mittendrin in seinen Ermittlungen befindet, vergehen fast 40 Minuten. Zuvor werden zwar alle wichtigen Figuren eingeführt beziehungsweise neu vorgestellt (im Falle der Neuinterpretationen von Bond und Moneypenny), doch dies erfolgt in einem zu gemächlichen Tempo, dem Plot wird nicht der Nachdruck verliehen, den er sich verdient hat.

Sobald die Handlung rollt, weiß sie aber zu überzeugen, nicht zuletzt dank ihrer cleveren Der dritte Mann-Anleihen: Bond hat den Auftrag, dem russischen General Georgi Koskov zur Flucht über die österreichisch-tschechoslowakische Grenze zu verhelfen. Da dieser den Verdacht hegt, dass ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde, ist äußerste Vorsicht geboten. Bond widersetzt sich dabei den "erst schießen, dann fragen" Befehlen seiner Vorgesetzten, womit er der Cellistin Kara Milovy das Leben rettet. Anschließend entdeckt Bond einen Komplott rund um Koskov, der ihn auf die Spur ruchloser Waffenschmuggler bringt ...

Es ist sehr erfrischend, Bond wieder beim Aufdecken eines halbwegs realistischen Falls zu sehen, und Dalton passt perfekt in diese vergleichsweise plausible Agentenwelt: Der später oft auf Schurken reservierte Darsteller zischt seine coolen Sprüche mit einem effizienten Zynismus, statt sie süffig zu zelebrieren. Wenn er einen seiner Gefährten sterben sieht, blitzt in seinen Augen spürbar ein Rachegedanke auf. Er ist zwar mit Leib und Seele Agent, doch für ihn ist es kein glamouröser Job, sondern eine wertvolle, schwierige Aufgabe, weshalb er oft kühl nach einer Lösung sucht. Im Intro landet er zufällig auf der Yacht einer gelangweilten, attraktiven Frau, doch ehe er sie anbaggert, nutzt er ihr Telefon, um Bericht zu erstatten. Wenn er später Kara Milovy entkleidet, dann primär, um einen Schurken abzulenken. Was nicht heißt, dass Daltons Bond keinerlei Freude empfindet oder versprüht. Zwischen ihm und Milovy knistert es, und auch wenn nicht ganz die Romantik aus Im Geheimdienst Ihrer Majestät aufkommt, so sorgt die Dynamik zwischen Dalton und seiner Leinwandpartnerin für eine in dieser Reihe lange vergessene Stimmung, die Abenteuerlust, Suspense und leichtfüßige Romantik vereint. Im direkten Vergleich zum Casanova Connery und zum lockeren Moore wirkt Dalton zugegebenermaßen etwas steif, was jedoch wohl mehr daran liegt, in welche Situationen das Skript ihn manövriert. Daltons Darbietung jedenfalls ist nicht gerade schwunglos, kann der Waliser doch in Sekundenschnelle glaubwürdig vom gesottenen Agenten zum austeilenden, harschen Actionhelden mutieren.

Dem gegenüber steht die schlechteste, nervigste Verkörperung von Bonds CIA-Kollegen Felix Leiter (gespielt von John Terry) sowie eine schlecht gealterte Darstellung des Afghanistan-Konflikts, wobei die Einführung des Themas immerhin erstaunlich gut gelingt und sich flüssig in das Thema dieses Spionagefilms einfügt.

Alles in allem ist Daltons erste Bond-Mission eine mit Passion fürs Agentengenre gemachte Produktion mit viel handgemachter, rauer Action und einer ungewöhnlichen, raubeinigen Darstellung von 007. Anders als die ersten zwei Craig-Filme bricht Der Hauch des Todes allerdings nicht mit der Bond-Formel, sondern adaptiert sie für einen dunkleren Tonfall.