Donnerstag, 5. November 2015

James Bond 007 – SPECTRE


Da ist er wieder: Bond, James Bond. Der britische Geheimagent meldet sich nach dem überragenden Erfolg von Skyfall, seinem 23. offiziellen Leinwandabenteuer, zurück und hat daher mit entsprechenden Erwartungen zu kämpfen. Doch wie Daniel Craigs Version des Spitzenagenten schon im Anschluss an Casino Royale erfahren musste, und auch einige seiner Vorgänger durchlitten haben: In der Spionagewelt des 007 ist Qualität ein wankendes Gut. Dies bestätigt nun erneut der gerüchteweise 300 Millionen Dollar teure SPECTRE. Denn die neuste Mission des Agenten mit der Lizenz zum Töten ist bemüht, zäh und arm an Überraschungen …

Dabei beginnt der von Skyfall-Regisseur Sam Mendes inszenierte Film mit einer der beeindruckendsten Prolog-Sequenzen im bisherigen 007-Kanon: James Bond befindet sich in Mexiko-Stadt auf der Suche nach einem gefährlichen Verbrecher. In der Metropole feiern gerade aber Touristen und Einheimische ausgelassen den Tag der Toten, so dass es nahezu unmöglich ist, Übersicht zu wahren. In einem einzelnen Take schwebt die von Hoyte van Hoytema (Interstellar) geführte Kamera durch die vor Staub und Hitze stehende Großstadt, während sich Bond an Hunderten von feiernden Menschen vorbei manövriert. Die gesamte Leinwand bebt vor Bewegung und Komponist Thomas Newman begleitet dieses vitale Treiben mit einem festlichen, treibenden Score, der von mexikanischen Rhythmen geprägt ist. Irgendwann setzen Regisseur Sam Mendes und sein Cutter Lee Smith dann zwar doch einen Schnitt, aber auch ohne das inszenatorische Gimmick der Plansequenz fesselt das Intro: Bonds Eingreifen in das Treffen einiger mysteriöser Männer zieht eine Schneise der Zerstörung durch den Ort und als der MI6-Agent den Kampf gegen seine Widersacher in einem Helikopter fortsetzt, führt dies zu spektakulären Flugstunts, wie sie bislang nicht im 007-Franchise zu sehen waren.

Aber schon mit der Titelsequenz stellt sich Ernüchterung ein: Sam Smiths Titelsong „Writing's on the Wall“ ist zu zart und melancholisch, um den von Daniel Kleinman entworfenen Bildern den letzten Schliff zu verleihen. Eher ist sogar das Gegenteil der Fall: Die verrucht-düsteren und die Bond-Historie feiernden Bilder des Vorspanns verlieren durch die bittersüße Radiopop-Nummer an Stärke. Und der restliche Film kann das im Keim erstickte Flair nicht wieder herstellen: Bond ergattert in Mexiko einen Hinweis darauf, dass eine mysteriöse Organisation existiert, die für einige der ärgsten terroristischen Anschläge der vergangenen Jahre verantwortlich ist. Der Agent folgt seiner Spur nach Rom, wo er Bekanntschaft mit Lucia (Monica Bellucci) macht, der Witwe eines wichtigen Mitglieds dieser Organisation. Dank ihrer Informationen schleust sich Bond in ein Treffen der sinistren Vereinigung, woraufhin aber der durchtrainierte Schläger Hinx (Dave Bautista) auf ihn angesetzt wird.

Unterdessen befindet sich der MI6 im Umbruch: Nach den Ereignissen von Skyfall wird der Geheimdienst mit dem Centre for National Security zusammengelegt, dessen Leiter Max Denbigh (Andrew Scott) daran arbeitet, Geheimagenten obsolet zu machen. Und so kommt es, dass Bond seine Mission nahezu ohne Hilfe von M (Ralph Fiennes), Q (Ben Whishaw) und Miss Moneypenny (Naomie Harris) absolviert. Glücklicherweise gerät er aber an die taffe Ärztin Madeleine Swann (Léa Seydoux), die Bond näher an den geheimnisumwitterten Franz Oberhauser (Christoph Waltz) führen kann, der in der Geheimorganisation eine entscheidende Rolle spielt …

Wie es sich für einen Bond-Film gehört, führt die Spurensuche und Schurkenhatz den Geheimagenten auch in SPECTRE rund um den Globus. Solch eine Weltreise kann wahlweise großen Actionspaß bieten, wie etwa in den Filmen mit Pierce Brosnan, oder alternativ einem dramatischen roten Faden folgen. So zeigte etwa Casino Royale dass es selbst mit Womanizer und Killermaschine Bond möglich ist, eine von den Figuren getragenen Story inklusive gut funktionierenden Plot-Motor zu erzählen. Das Autoren-Quartett John Logan, Neal Purvis, Robert Wade und Jez Butterworth reiht in SPECTRE jedoch ernst vermittelte, spröde Handlungspunkte aneinander, ohne je die Charaktertiefe von Casino Royale oder die metatextuelle und thematische Fülle eines Skyfall zu erreichen. Somit folgt ein in zähen Dialogen abgestecktes Puzzleteil auf das nächste, ohne dass die angeschnittenen Themen „Totale technische Überwachung gegen Spionagearbeit“ und „Bonds Vergangenheit gegen seine mögliche Zukunft“ je an Komplexität gewinnen.

Das wäre etwas leichter zu vernachlässigen, wären die zentralen Geheimnisse der SPECTRE-Story nicht so ungeheuerlich vorhersehbar und die Actionpassagen so schockierend uninspiriert. Trotz eines Mordsbudgets und solcher Einfälle wie „Lassen wir Bond doch mit einem klapprigen Flugzeug in den Bergen abstürzen!“ weiß die Action – vom Prolog abgesehen – nie vollauf zu begeistern. Eine Autoverfolgungsjagd durch das nächtliche Rom punktet mit vereinzelten Gags, die auch aus der Moore-Ära stammen könnten und mit gutem Timing vermittelt werden – die Raserei selbst aber lässt Dynamik missen. Auch besagter Flugzeugabsturz und eine Schlägerei in einem Zug kommen mit angezogener Handbremse daher: Die Stunt- und Kampfchoreografie sind arm an Ideen, die Musik von Thomas Newman verkommt in den Actionpassagen zu einem anonymen Wust aus Tönen und die Kameraführung ist arg steril. Im Vergleich mit dem vor packenden, einfallsreichen Actionsequenzen platzenden Mission: Impossible – Rogue Nation sieht Bond plötzlich ganz alt aus.

Womit SPECTRE aber punktet, sind die – im besten Sinne – Nerven zerfetzenden Foltersequenzen gegen Ende des Films. Auch Léa Seydoux ist mit ihrem gleichermaßen kantigem wie süß-galanten Spiel eine Bereicherung. Selbst wenn das Drehbuch die Motivation ihrer Rolle mehrmals vom Zaun bricht, macht die französische Mimin aus ihrer Figur eine ideale Wegbegleiterin für Craigs Bond. Seydoux schneidet daher von allen Neuzugängen auch klar am besten ab. Bellucci dagegen hat kaum mehr als einen Cameo, Bautista kommt so gut wie gar nicht zur Geltung, Andrew Scott chargiert sich durch seine mager geskripteten Szenen und Waltz darf ein paar Mal verschmitzt Grinsen und einige wenige Monologe schwingen, die aber längst nicht die Brillanz von Javier Bardems Skyfall-Auftritt mit sich bringen.

Die aus Skyfall bekannte Riege an Bond-Nebendarstellern indes kann mit gelegentlichem Dialogwitz punkten – aber in diesem Film, der hauptsächlich dramatisch sein möchte und daran scheitert, sind ein paar gut sitzende Gags einfach nicht genug. Daran ändern auch Newmans Score, der nach dem Prolog wenigstens abseits der Action weiterhin mit komplexen Motiven überzeugt, sowie die schwelgerischen Landschaftspanoramen nichts. Und die Rückverweise auf frühere Bonds sind genauso oft Treffer wie Rohrkrepierer. Sorry, Mr. Bond, aber dieses Kinojahr hat deutlich stärkere Agenten zu bieten. Begeben Sie sich zurück ins Trainingscamp, um sich wieder in Form zu bringen!


Fazit: Zähe Dialogsequenzen, Actionsequenzen, die nicht zünden, und Geheimnisse, die nicht erstaunen: SPECTRE ist trotz manch guter Gags und eines starken Prologs einer der schwächeren Bond-Einsätze.

Sonntag, 1. November 2015

Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse


Im weiten Feld des humorvollen Horrorfilms können sich Filmemacher auf sehr kreative, derbe Weise austoben. Immerhin sind ihren Scherzen keine Brutalitätsgrenzen gesetzt, ebenso wie ihre Gewaltspitzen nie zu überzogen sein können. Wenn Späße erschrecken und Splattereffekte bespaßen, so ist beides noch immer souverän innerhalb der Genregrenzen beheimatet. Umso ärgerlicher ist es, wenn ein Vertreter dieser filmischen Untergattung weder in der einen, noch in der anderen Richtung überzeugt. Geschweige denn seine beiden Hauptelemente gekonnt einzusetzen versteht. Der Untoten-Tumult Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse ist eines dieser Ärgernisse: Disturbia-Autor Christopher B. Landon eiert mit seiner blutigen Regiearbeit im Niemandsland zwischen nüchterner Zombiekomödie und Trashfilmhommage herum, ohne dabei auch nur im Ansatz so prägnant wie etwa Shaun of the Dead (als Vertreter der Zombiekomödien-Sparte) oder solch süffisante Akzente wie der selbstbewusste Trashspaß Zombiber zu setzen.

Angesichts der akzeptablen Grundidee ist die niedrige Qualität dieser Produktion von Andy Fickman und Todd Garner geradezu deprimierend: Mit einer kleinen Pfadfindergruppe Amerikas Vorzeige-Survivalbubis gegen die Zombieplage antreten zu lassen, trifft der 15 Millionen Dollar teure Streifen den Nerv dieser "X trifft Y"-Konzepten verfallenen B-Movie-Ära. Dass die drei zentralen Helden Pfadfinder sind, wird aber nicht zum Anlass genommen, um eine originelle Zombie-Abschlachtsequenzen auf die nächste folgen zu lassen. Stattdessen dient es weitestgehend als wackeliges Sprungbrett für eine Story, wie sie auch in einem trägen Cartoon-Sitcom-Halloweenspecial vorkommen könnte:

Der pummelige Teenager Augie (Joey Morgan) sieht in seinen Pfadfinderfreunden Carter (Logan Miller) und Ben (Tye Sheridan) so etwas wie eine Ersatzfamilie. Was Augie jedoch nicht weiß: Seine besten Freune haben die Schnauze gestrichen voll von Lagerfeuern, Würstchen und Zelte aufschlagen. Viel lieber würden sie beim anderen Geschlecht nichts mehr anbrennen lassen, auf Partys herumschwänzeln und Matratzensport betreiben. Da sie es aber nicht übers Herz bringen, Augie reinen Wein einzuschenken, schleichen sie sich während eines gemeinsamen Pfadfinderwochenendes davon, um auf einer trendigen, doch geheimen Party ihren Mitschülern zu beweisen, welch heiße Typen sie sind. Auf dem Weg zum Teenagerevent des Jahres machen Carter und Ben aber Begegnung mit der wandelnden Fleischeslust: In einem verlassenen Stripclub und in dessen näherer Umgebung wüten blutrünstige Zombies! Gemeinsam mit der knallharten Bardame Denise (Sarah Dumont) machen sich die Pfadfinder drauf und dran, metzelnd die Kleinstadt zu durchqueren. Um ihre Mitschüler zu warnen. Um Zombie-Apokalypse zum Trotz ordentlich zu feiern. Und um Frieden mit Augie zu schließen ...

Nimmt man den für Teeniekomödien symptomatischen Hormonstau raus, haben wir eine Plotgrundlage, wie aus dem Einmaleins der Komödienserien: Zwei semi-coole Freunde hintergehen ihren fernab jeglichen Gruppenzwangs lebenden, treuen Wegbegleiter, um endlich angesagt zu sein. Das Drehbuch von Carrie Evans, Emi Mochizuki und Christopher B. Landon schafft es, diese schale Grundlage noch zu unterbieten, indem es aus diesen Stereotypen schwer ausstehliche Pappkameraden formt. Vor allem Disney-Seriendarsteller Logan Miller hat mit anstrengendem Material zu kämpfen: Sein Carter ist der wandelnde Albtraum aller Rentner, die ununterbrochen vom Verderb der Jugend brabbeln. Er ist unmöglich von seinem Smartphone wegzubekommen. Es sei denn, er kann gerade Brüste angaffen. Doch selbst dann ist nicht garantiert, dass er mit ihnen nicht einfach ein Selfie macht. Im Umgang mit Augie fehlen ihm jegliche wiedergutmachenden Qualitäten, er ist ein derbes Kameradenschwein - auf dessen Schultern der Film einen Großteil seiner Gags ruhen lässt, wobei diese in die Kategorie "Mitlachen!" fallen sollen. Was aufgrund der genannten Aspekte nahezu ununterbrochen schief geht.

Ben alias Tye Sheridan ist neben dieser jeden Hauch von Sympathie aus Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse saugenden Göre vollkommen verloren und bleibt blasser als blass. Erst recht, da das Drehbuch viel Energie darin steckt, Augie zu einem tapsigen, sozial ungelenken Fleischklops zu machen. Sympathie hat der Film kaum für ihn übrig, nur dann, wenn er halt allein gegen Zombies antritt und alibimäßig Spannung erzeugt wird, indem man sich mit ihm verbrüdert. Bis er nun einmal wieder der Opfer einer flachen Pointe wird.

Solide ausgearbeitete Figuren sind im Horrorkomödienfach zwar viel wichtiger, als man oberflächlich glauben mag (die Figuren sind es ja, die unter anderem Shaun of the Dead oder auch Zombieland tragen), bei guten Scherzen wären Schwächen in der Figurenzeichnung dennoch dezent zu verzeihen. Aber weit gefehlt: Auch abgesehen davon, dass jeglicher charaktergesteuerter Witz in Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse krepiert, enttäuscht der Comedyanteil dieser Katastrophe. Absurde Ideen wie Zombie-Kätzchen werden eingeführt, doch nicht weiter verfolgt, genauso wie potentielle, skurrile Hintergrundereignisse ihre Pointe missen lassen. Da rollt mal eine Oma auf einem Rentner-Scooter durchs Bild - ohne, dass daraus ein Gag gesponnen wird. Zombies springen Trampolin. Und das war's.

Nur, wenn Christopher B. Landon mit Archivmusik arbeiten darf, springt der Funken über. Ob nun der von aktuellem Elektropop getragene Prolog, ein ins Zombie-Chaos gestreuter Britney-Spears-Sketch oder eine musikalisch keck untermalte "Aufrüstsequenz" im Baumarkt haben Esprit. Sobald die Chartmusik entschwindet, geht jedoch auch wieder jeglicher Spaß ein. Daran ändert auch nichts, dass Kameramann Brandon Trost (Bad Neighbors, Crank: High Voltage) dem inhaltlich schäbigstes TV-Niveau erreichende Low-Budget-Werk eine leinwandtaugliche Optik mit scharfen Konturen, starken Schatten und breiter Bildkraft verleiht. Und auch die guten, praktischen Schminkeffekte haben kaum einen Wert, da sie mit miesen Digitaleffekten gemischt werden und in den unrhythmisch geschnittenen Zombie-Kampfsequenzen eh kaum zur Geltung kommen. Da dürfen sich selbst treue David-Koechner-Komplettisten den Kinobesuch sparen. Koechners gefühlt zehn Filmminuten kann man sich auch irgendwann im Free-TV geben.

Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse ist ab dem 13. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.