Mittwoch, 31. Januar 2018
Salt and Fire
Werner Herzogs Filmschaffen durchläuft seit einigen Jahren einen ungewöhnlichen Wandel – es ist so, als würden die beiden Seiten des Regisseurs ihre Charakteristika tauschen. Waren seine Spielfilme in Herzogs Blütezeit von einem rauen Realismus geprägt, der davon zehrte, dass Herzog seine Darsteller ähnliche Qualen durchleiden ließ wie seine Figuren, so waren seine größten Dokumentarfilme doppelbödig, gezielt gekünstelt und philosophisch. Derzeit nehmen Herzogs Dokumentationen hingegen eine zunehmend direktere Form an, während seine fiktionalen Arbeiten an Stringenz verlieren.
Per se ist dies schlicht ein Stilwechsel und somit wertfrei zu betrachten – die unmittelbare 3D-Dokumentation Die Höhle der vergessenen Träume und der moralische Haken schlagende Thriller Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen zeigen, dass der „neue“ Herzog nicht minder interessant ist als der „alte“. Herzogs jüngster Film, ein Drama namens Salt and Fire, das seitens des Verleihs bevorzugt als Öko-Thriller bezeichnet wird und in Wahrheit wohl einfach nur eine knochentrockene Fingerübung darstellt, zeigt hingegen: Selbst ein Werner Herzog greift mal daneben. Und das nicht einmal auf eine faszinierende, da an hohen Ambitionen scheiternde Art. Sondern ganz unzeremoniell mit einer langweiligen, zerfasernden, mies gespielten Handlung, die mühselig einen soliden Kurzfilm auf abendfüllende Länge zerrt:
Ein unter steter Hitze leidendes, ungenanntes (ganz klar Bolivien darstellendes) Land: Die renommierte Professorin Laura Sommerfeld (Veronica Ferres) soll im Auftrag der Vereinten Nationen gemeinsam mit ihrer Wissenschaftlerdelegation (Gael García Bernal und Volker Michalowski) die Ausmaße einer drohenden Umweltkatastrophe analysieren. Denn im Landesinneren breitet sich der Salzsee „Diablo Blanco“ dramatisch aus – währenddessen droht zudem der Supervulkan Uturunku, auszubrechen. Doch Sommerfeld wird vom nachdenklichen Unternehmer Matt Riley (Michael Shannon) entführt, der sie letztlich in der kargen Salzwüste aussetzt …
Basierend auf einer von ihm heftig umgeschriebenen Kurzgeschichte setzt Herzog seinem Publikum in Salt and Fire zunächst einmal einen Wust aus ungelenken Dialogen vor, die das weltfremd agierende Ensemble abwechselnd im Flüsterton oder laut keifend in den Raum wirft. Bernal bekommt die undankbare Aufgabe, einen hölzernen Expositionsmonolog abzuhalten, der ohne jede Subtilität die Vorgeschichte der Handlung zusammenfasst. Shannon muss zusammenhangslos zwischen bedrohlichem Zetern und steifen, bedeutungsschwangeren Monologen chargieren, ohne dass seine Rolle je wirklich furchteinflößend wird oder seine dahingeschwafelten Gedanken an Bedeutung gewinnen. Der echte Wissenschaftler Lawrence Krauss derweil gibt eine Wissenschaftler-Witzfigur, die wie der zugekokste Zwillingsbruder von Prof. Frink aus Die Simpsons anmutet – und die über Motive wie Aliens und Zeitreisen quasselt, die ebenso schnell verpuffen, wie sie ihm aus dem Mund sprudeln.
Nachdem eine schleppende Rückblende zudem aufgezeigt hat, wie Sommerfeld in Rileys Gefangenschaft geriet, werden Bernal sowie Michalowski (in einer völlig überflüssigen Rolle) mit der Erklärung, ganz böse Dünnpfiff zu haben, rausgeschrieben. Einige dissonante Lektionen über Salzwüsten später, landet die von Ferres in einer ungeheuerlich platten, monotonen Stimmlage sowie mit behäbiger Mimik gespielte Professorin endlich in der gleißend weißen Hölle. Dort wächst der zuvor stümperhaft ausgeleuchtete, ohne jeglichen narrativen Rhythmus geschnittene Film hinsichtlich seines Kunsthandwerks endlich auf ein annehmbares Niveau heran:
Kameramann Peter Zeitlinger (Begegnungen am Ende der Welt) ringt dem Drehort Salar de Uyuni eine surreal-poetische Schönheit ab. Und selbst wenn die zwei Kinderdarsteller, deren Figuren gemeinsam mit Sommerfeld in der Wüste gestrandet sind, ihre Unlust überdeutlich vorführen, so hat das wortkarge Zusammenspiel zwischen Wissenschaftlerin und unbedarften Seelen einen verqueren Reiz. Aber das ultratrockene Semivergnügen ist nur von kurzer Dauer: Die mit dem Holzhammer nachgereichte Erklärung des Geschehens reißt jegliche Interpretationsmöglichkeiten mit der Gewalt einer Vulkaneruption ein.
Salt and Fire ließe sich schönreden als Experiment Herzogs, mit den Kinogängern das anzustellen, was Riley mit Sommerfeld treibt. Doch die Symbiose von Form und Inhalt beschönigt nicht, dass ein prägnanter, durch genervte Kinderdarsteller und eine gestelzt spielende Ferres von Lebendigkeit befreiter, wenngleich nachdenklich stimmender 15-Minüter durch das antrieblose Laientheater um ihn herum entwertet wird.
Fazit: Wenn der Herzog sein Publikum mit der bäuerlichen Vorstellung davon, was Kunstkino bedeutet, in die Salzwüste schickt: Veronica Ferres ist so schlecht wie nie zuvor – und auch Regielegende Herzog hat Dutzende bessere Filme in seiner Vita.
Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de
Elvis & Nixon
Am 21. Dezember 1970 platzte Superstar
Elvis Presley unangemeldet ins Weiße Haus und forderte ein
dringendes Gespräch mit dem amtierenden US-Präsidenten, Richard
Nixon. Bei diesem Treffen entstand eines der meistgefragten Fotos der
Welt: Ein absurdes Aufeinanderprallen von konservativem Politiker und
schrillem Entertainer. Die ganze Geschichte ist ein Kuriosum der Pop-
und Politikgeschichte. Sowie ein auf schräge Art ungeheuerlich
ärgerliches Versäumnis – denn Nixon fing erst am 16. Februar 1971
damit an, sämtliche Gespräche und Telefonate im Oval Office
aufzuzeichnen, womit ausgerechnet diese immense Neugier weckende
Begegnung ausbleibt.
Zusätzliches Öl ins Feuer der
Spekulationen, was sich bei diesem Treffen wohl abgespielt haben
könnte, gießt der Umstand, dass „der King“ aus diesem Treffen
als Undercover-Agent der Drogenbehörde ehrenhalber hervorging. Wen
wundert’s, dass diese amüsant-schräge Fußnote der US-Geschichte
eines Tages in einen Kinofilm münden sollte? Das schlicht und
treffend Elvis & Nixon betitelte Endergebnis
ist zwar weder besonders erhellend, noch ein Gagfeuerwerk. Aber als
bodenständig vermittelte, ihren verqueren Humor trocken umsetzende
Anekdote ist Liza Johnsons neuste Regiearbeit erfrischend und
durchaus charmant.
Dies ist insbesondere den
Hauptdarstellern zu verdanken. Zwar begegnen sie sich erst nach etwas
mehr als einer Filmstunde, jedoch bestechen sie zuvor bereits in
ihren eigenen Sequenzen. Kevin Spacey, der spätestens seit House
of Cards die Rolle des schmierigen Politikers locker aus
dem Ärmel zu schütteln weiß, interpretiert Nixon unter großer
Spielfreude als altmodischen Sturkopf. Wenn Nixon im Gespräch mit
dem Stab des Weißen Hauses zwischen Verachtung, Neid und Ignoranz
bezüglich Presley schwankt, bringt Spacey zudem Verve mit, wie sie
im Kino kaum ein Nixon-Schauspieler zeigte.
Michael Shannon spielt Elvis derweil,
selbst wenn das Drehbuch bei seiner Charakterzeichnung nur selten
explizit in die Tiefe geht, filigran und facettenreich: Dieser King
des Hüftschwungs ist altersmüde, grantig und abgehoben. Er glaubt
ernsthaft, er könnte seinem Vaterland als Undercover-Agent dienlich
sein. Andererseits ist er gönnerhaft, hat einen spröden Sinn für
Humor und die Selbstverständlichkeit, mit der er in ein
ausschließlich schwarze Kunden ansprechendes Diner geht, hat dank
Shannons verschmitzten Gesichtsausdruck sowohl was von Arroganz als
auch von Aufgeschlossenheit. Und obwohl Shannons Elvis in der
Öffentlichkeit nie aus seiner Bühnenpersona fällt, ist ihm ein im
Hinterkopf nagendes Gefühl der Übersättigung anzumerken.
Dass der handwerklich nicht weiter
auffällige, mit einer stimmigen Musikauswahl untermalte Film nach
leicht holprigem Anfang gen Schluss durch einen Subplot über das
Privatleben eines Assistenten Elvis‘ an Fokus verliert, ist
bedauerlich. Der Schuss Menschlichkeit und Alltäglichkeit, den diese
Szenen Elvis & Nixon verleihen, wird viel
wirksamer durch die raren Momente rübergebracht, die Nixon
bescheiden und Elvis ehrfürchtig zeigen. Dennoch: Wer beim
Grundgedanken dieses Films und den beiden Hauptdarstellern hellhörig
wird, sollte nach dieser kleinen, feinen Produktion Ausschau halten.
Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de
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