Dienstag, 23. Juni 2009

Dörka Dörka Dörka, Muhammed Dschihad

Fuck Yeah!

Actionkomödie. Politsatire. Blödel- und Vulgärkomödie. Puppenmusical. Ein Kultfilm in meinem Freundeskreis.
Das alles zugleich kann nur eins sein: Trey Parkers und Matt Stones Marionettenfilm Team America: World Police! Die South Park-Macher ziehen hier mit ihrem gewohnt derben Humor Patrioten, die Liberalen und Republikaner, Kriegsbefürworter und -gegner, Hollywood, Jerry-Bruckheimer-Produktionen und alles was sich ihnen dabei in den Weg stellt durch den Kakao und liefern ein krasses und abgeschmacktes Puppen-Actionspektakel ab, dass man nur entweder hassen oder lieben kann. Und wenn man es lieben sollte, so darf man sich darüber freuen, dass dieser verrückt-beleidigende Wahnsinn von Mal zu Mal immer besser wird.

In Team America: World Police dreht sich alles um eine amerikanische Elitetruppe selbsternannter Terroristenbekämpfer, die bei ihren Einsätzen mehr zerstören, als retten, was die FAG (Film Actors Guild) auf den Plan ruft, gegen die Weltpolizei aus Amerika publik zu machen. Der Kopf von Team America engagiert unterdessen den Musicalschauspieler Gary, der in seiner Kindheit ein tragisches Erlebnis beobachten musste und seither einer der bewegendsten Schauspieler der Welt ist. Er soll in einem Undercovereinsatz eine Terroristenaktion sprengen, jedoch kommt das neue Teammitglied nicht bei allen in der Truppe gut an und sorgt für allerlei Zwist. Und der koreanische Diktator Kim Jong-Il schmiedet den perfekten, bösartigen Plan...

Die Dynamik im Team America liefert natürlich jede Menge Stoff für Actionfilmparodien. Der Neuling, Liebe zwischen den Helden, ein Zweifler in den eigenen Reihen, während der Actionszenen werden die Emotionen, die man füreinander hat bequatscht. Und hie und da schleicht sich ein direktes Dialogzitat (meistens aus Bruckheimer-Produktionen) ein. Am brachialsten sind aber natürlich die Actionszenen, die sowohl die Krach-Bumm-Explosionen a la Michael Bay verarschen, als auch die Kriegseinsätze des Amerikas unter George W. Bush. Das ist Politsatire mit dem Holzhammer, aber auf seine eigene, debile Weise wirkt es allerdings auch irgendwie ganz clever.

Die Highlights des Films sind allerdings eindeutig die zahlreichen, schreiend komischen Songs, allen voran das an 80er-Rockanthems angelehnte, den amerikanischen Patriotismus augenzwinkernd auf die Spitze treibende America, Fuck Yeah und die quietsche-heitere Musicalparodie Everyone Has AIDS, die zudem außerordentlich Saufspiel kompatibel sind.

Allein schon diese zwei Songs tragen einen gewaltigen Teil zum Kultfaktor von Team America: World Police bei. Sie sind extrem eingängig und man kann sie bereits beim zweiten Mal zu weiten Teilen aus voller Kehle mitsingen, während man ein breites, ausgelassenes Grinsen auflegt. Doch auch die meisten anderen Songs sind wirklich witzig und stellen weitere Glanzpunkte des Films dar: Da wäre die sinnlich dahingehröhrte Kuschelballade Only a Woman, die im Gegensatz zu ihren zahlreichen Pendants aus Hollywoodfilmen den Mut beweist statt irgendwelcher Euphemismen für die gerade ablaufende Sexszene zu suchen einfach mal die Wahrheit zu sagen, Kim Jong-Ils gesungener Mitleidsmonolog I'm so ronrey und der aus der zweiten Riege der Team America-Songs favorisierte Montage, einer (manchen vielleicht aus South Park bekannten) elektrischen 80er-Upbeat-Popnummer im Stil von I need a Hero und Co., die sich zur Freude aller erfahrenen Filmfans vor dem Bildschirm die typischen 80er- und 90er-Montagen parodiert bzw. glorifiziert, denn: Even Rocky had a Montage!

Zwei Songs haben mich längere Zeit allerdings eher gestört. Da wäre die Liebes-Rockballade The End of an Act, in der Liebeskummer mit der mangelnden Qualität von Pearl Harbor verglichen wird. Lange fand ich den Song etwas zu lahm, und seinen Gag ausreizend, mittlerweile habe ich seine Texte jedoch schätzen gelernt, da sich die Vergleiche immer weiter steigern und an Witz sowie Gewitztheit zulegen. Somit bleibt bloß die "patriotische" Countrynummer Freedom is'nt free als Störpunkt über, da dieser Song schlicht und ergreifend zu lang ist und auch die dazugehörige Szene bedeutend witziger sein könnte.

Wie wir spätestens seit der Scary Movie-Reihe wissen, braucht ein jeder Film mit erhöhtem Parodienanteil auch eine gute Portion Sex-, Kotz- und Vulgärhumor. Und in diesem Bereich ist Team America: World Police wirklich nichts für Zartbesaitete und Feingeister - kann man sich beim Autorenduo ja auch denken. Und so beinhaltet Team America neben einer das halbe Kamasutra durchgehende Puppen-Sexszene sowie eine der längsten Kotzsequenzen der amerikanischen Filmgeschichte. Diese ist allerdings so übertrieben, dass sie fast schon wieder als Parodie von Kotzszenen durchgeht - ob das genügt, um selbst Gegnern von diesem Humor ein Lächeln zu entlocken hängt allerdings davon ab, wie sehr diese die Absurdität des Kotzesees in Team America mit Humor zu würdigen wissen.

Einfallsreich und für eine Abwechslung im Humorniveau sind übrigens gelegentliche Seitenhiebe auf das Format des Films. Absichtlich schlechte Bewegungen oder gekonnte Anspielungen auf den Maßstab der Puppen zeigen eine herzliche Portion Selbstironie über die von den Machern als "Super-Crappymotion" bezeichnete Technik des Films.
Die Frage "Synchro oder Original" ist bei Team America: World Police übrigens überraschend schwer zu beantworten. Die deutsche Synchronisation bemühte sich darum, die Gags möglichst originalgetreu zu übernehmen und die Dialoge nicht abzuschwächen, wie es ja sonst fast immer bei besonders "Fuck"-lastigen Filmen der Fall ist. Außerdem holte man für die Prominenten im Film ihre Stammsprecher ans Mikro, während im Original fast alles von Trey Parker und Matt Stone gesprochen wird. Ob nun die Skurilität einer "echt" klingenden Puppenparodie oder der Trashfaktor des Originals witziger ist, mag nun jeder für sich entscheiden.

Wer Team America: World Police in seinem eigenen Freundeskreis als Kultfilm durchsetzen möchte, dem sei ein heiteres Trinkspiel empfohlen. Jeder bekommt ein eigenes Wort, bei dem er trinken muss (Topwörter sind Team, Amerika, Fuck, Yeah, AIDS, Matt Damon, Fag, Dörka,...) - und schon wird keiner der Anwesenden diesen Abend vergessen.

Aber auch ohne Alkohol ist Team America: World Police eine politisch inkorrekte, keinerlei Geschmacksgrenzen kennende Komödie, die mit jedem Mal immer witziger wird und am besten in launiger Gesellschaft gesehen werden sollte. Denn so entwickeln sich Sprüche wie "Matt Damon!" oder "Dörka Dörka Dörka!" zu wahren Selbstläufern.

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Montag, 22. Juni 2009

Moulin Rouge

Denkbar ungünstig für jeden, der gerade eine Trennung durchsteht. Denkbar überwältigend für alle, die sich gerade am anderen Ende einer Beziehung befinden.

Ein Film über Wahrheit, Schönheit, Freiheit, aber vor allem über Liebe. Eigentlich liefert Regisseur und Co-Autor Baz Luhrmann selber in seinem schillernden Popmusical-Opus die perfekte Zusammenfassung für seinen zweifachen Oscar-Gewinner Moulin Rouge, der simplen geschichte eines aufstrebenden Künstlers, der sich in Mitten des schillernden Moulin Rouges unsterblich in eine Curtisane verliebt, die wieder wahre und idealistische Liebe lernt und hofft durch ein von ihm geschriebenes Stück eine echte Schauspielerin werden zu können. Doch die Tücken der "Unterwelt" des Showgeschäfts und ein eifersüchtiger Duke stellen sich entgegen die bedingungslose Liebe.

Eine ziemlich simple, altbekannte tragisch-dramatisch-romantische Liebesgeschichte. Aber wie sich selbst unter den wenigen, die Moulin Rouge bislang nicht gesehen haben rumgesprochen haben sollte, ist nicht etwa eine originelle Geschichte das Verkaufsargument von Moulin Rouge, sondern zum einen die rasante und extreme Gefühlsachterbahn aus Witz, Trauer und Spannung, auf die der Australier Baz Luhrmann seine Zuschauer schickt, zum anderen (und vor allem) die schillernde Optik dieses filmischen Sündenpfuhls.

Moulin Rouge fängt bereits andersartig an. In der genialen Eröffnungssequenz weist ein wild gestikulierender Dirigent am unteren Bildrand das ungesehene Orchester an, die berühmte "20th Century Fox"-Fanfare zu spielen. Direkt danach beginnt die opulente, mit vibrierender Energie ausgestattete, völlig verrückt mit Stilmitteln jonglierende Fahrt ins Paris des Jahres 1889 und in eine dermaßen glühend, überfrachtet und verkitschte Liebesgeschichte, dass alle, denen bereits Luhrmanns Romeo + Julia zu übertrieben war schreiend aus dem Raum rennen und sich die Augen auswaschen werden, um danach zum gefühlsmäßigen Ausgleich ein Death-Metal-Album durchzuhören.

Um Luhrmanns Abschluss der so genannten "Red Curtain"-Trilogie (mit den Vorläufern Strictly Ballroom und Romeo + Julia) lässt sich sorglos als Antonym für Subtilität und Intovertiertheit beschreiben. Moulin Rouge ist auf stilistischer Ebene "Romeo + Julia im Quadrat", wenn nicht sogar noch mehr. Um das Blitzgewitter an Kameraeinstellungen, Schnitten, Schwenks, reizvollen Kostümen, knalliger Ausstattung und theatralischer Inszenierung zu überstehen, muss sich der Zuschauer wirklich in der richtigen Stimmung befinden, und während er bei jedem neuen Michael-Bay-Film am besten sein Logikzentrum an der Kinokasse abgibt, sollte er bei Luhrmann, und gerade bei Luhrmanns bislang buntestem Werk, am besten vor DVD-Start alles aus dem Fenster schmeißen, das weder auf den Namen Herz, noch auf den Namen "Seh- und Hörnerven" gehorcht. Hier sind Romantiker, hoffnungslos Verliebte und all diejenigen gefragt, die sich für rund zwei Stunden von einem audiovisuellen Feuerwerk mit blinkenden Lichtern, satten Farben, lauter, wild durcheinander gewürfelter Musik und schrillen Figuren gegen die nächste Wand brennen lassen möchte. Zeit zum Atmen gibt es bei Moulin Rouge nämlich genauso wenig, wie Platz für rationale oder gar sarkastische Einwürfe.

Doch genau hier drin liegt die Stärke und die Intention von Moulin Rouge: Als sich der junge Künstler (ein witzig-jungenhafter Ewan McGregor) erstmals vom ruhigen Land in die lebhafte und sündige Stadt Paris, und dann noch in das Zentrum dessen Nachtlebens, begibt, ist er (dazu noch von Absinth beflügelt) selbstverständlich völlig erdrückt von der ihm umgebenden Reizüberflutung. Genau dies lässt uns Luhrmann mit seinem Inszenierungsstil nachfühlen. Viel mehr noch stellt er aber die Emotionen nach, die unsere Hauptfigur für die bezaubernde Satine (Nicole Kidman bevor sie zum regungslosen Porzellanpüppchen mutierte) hegt.
Diese vibrierende Energie die den stilistischen Cocktail von Moulin Rouge durchzieht, und die seltsame, unterbewusste und emotionale Logik, die das Wechselgewitter in der Farbästhetik durchzieht, das stetige Gefühl des Irrealen, die prachtvolle Ausstattung und rasante, wahnsinnige, überwältigende Kameraführung, die einen die Kontrolle über das Gesehene entreißt, die Unerklärlichkeit, dass in der Musik Raum und Zeit sowie stilistische Gräben (von Elton-John-Pop und Monroe-Filmtiteln zu Grunge und Kiss in nur wenigen Sekunden) völlig sorglos durchquert werden und alles in einer seeligen Trunkenheit zusammenkommt und das Gefühl hinterlässt auch zusammenzugehören, das alles rührt einzig und allein aus der Liebe. So wie sich Moulin Rouge in der ersten Hälfte erleben lässt, fühlt sich auch sein zentrales Thema an. Alles entbehrt sich in Worte zu fassenden Argumenten, und ist dennoch in sich schlüssig, es ist viel zu schnell und übersteigt das eigene Fassungsvermögen - und die Welt sieht plötzlich unheimlich theatralisch, glitzernd und glamourös aus.

Leider gibt es dahingehend einen großen Wermutstropfen zu beklagen: Moulin Rouge schafft es zwar zu anfangs die Rauschartigkeit junger Liebe nachzustellen, jedoch lässt die Bildgewalt mit der Zeit nach, das Tempo des Films wird wieder ruhiger und die Umsetzung gewöhnlicher.
Zyniker würden dazu sagen, dass das nur konsequent ist und man diese Entwicklung deshalb loben solle: Wem es gefällt, dass Moulin Rouge zu Beginn so sehr überwältigt, wie eine frisch aufkeimende Liebe, dem müsste es ebenso gefallen, dass die Energie des Films mit der Zeit erschlafft. In der Liebe sei das ja nicht anders.
Aber unabhängig davon, dass ich (zumindest in dieser Hinsicht) kein solcher Zyniker bin, fände ich es als Zuschauer wesentlich erfüllender, wenn Moulin Rouge die komplette Laufzeit über seine berauschende Wirkung beibehielte, völlig gleich, ob dies nun weiterhin als Parallele zu den in der Handlung geschilderten Gefühlen zählen könne oder nicht. Denn konventionelle Romanzen gibt es in der Filmgeschichte bereits mehr als genug - welche, die so wie (der Anfang von) Moulin Rouge aufgezogen sind, gibt es dagegen weniger. Zu guter Letzt hielte ich ein durchgehend überwältigendes Ton- und Bilderlebnis zumindest einer solch hingebungsvollen Liebe wie der im Film gezeigten angemessen, da kann mir niemand mit Realismus kommen. Hartherzige würden so oder so nicht mit Luhrmanns Liebesstreifen klarkommen und wer Moulin Rouge zu kitschig und zu überfrachtet findet, steigt eh nach wenigen Minuten raus. Der formell gemäßigtere Teil wird also niemanden plötzlich von Moulin Rouge überzeugen.

Das zentrale Elephant Love Medley, in dem Liebeslieder aus mehreren Jahrzehnten Pop- und Rockmusik ineinander verschmelzen, steigert sich in seiner Intensität immer und immer mehr, bis es letztlich zum finalen, Gänsehaut erzeugenden Befreiungsschlag I will always love you angelangt. Und nach diesem Klimax... hat Moulin Rouge erstmal keine Energie mehr. Es ist so, als hätte die unvorstellbare Leistung, es tatsächlich hinzubekommen dieses eigentlich total nervige Lied in einen solchen Kontext zu setzen und so zu akzentuieren, dass es mir tatsächlich gefällt, sämtliche Kräfte aus diesem Film gesogen hätte.
An den Stil der ersten Hälfte reicht als alleiniger Höhepunkt "Tango de Roxanne" heran, eine intensive und ekstatische, großartig choreographierte Nummer, die ebenfalls in einem fabulösen Kimax gipfelt.

Ansätze sind auch in The show must go on zu vernehmen, wo man sich jedoch im Spannungsaufbau ein paar ärgerliche Atempausen gönnte, die wohl als Konterpunkte gedacht waren, in Wahrheit jedoch bloß die Antizipation des enormen Schlusspunktes dieser Nummer untergraben.

Der inszenatorische Abbau scheint eine echte Macke von Baz Luhrmann zu sein. Von Strictly Ballroom angefangen, der als cleverer, selbstironischer und einfallsreicher Tanzfilm beginnt und nach den ersten paar Sequenzen zu einem 08/15-Tanzfilmchen mit Klischees verkommt, bis zu Australia, was Luhrmann beeindruckend und überwältigend beginnt, führt er schwächer zu Ende. Im direkten Vergleich zieht Romeo + Julia seinen Stil am konsequentesten durch, und Moulin Rouge würde enorm davon profitieren, etwas mehr wie sein direkter Vorgänger zu sein.

Allerdings möchte ich die zweite Hälfte von Moulin Rouge nicht zu sehr schlecht reden, sie ist zwar weniger beeindruckend, aber es ist nicht gleich so, als wäre ein krasser Bruch im Film, der es möglicherweise gar so aussehen ließe, als wären zwei verschiedene Filme zusammengekleistert worden.

Moulin Rouge fährt auch nachdem er betrüblicherweise einen Gang zurückschaltete den richtigen Kurs und bleibt sich selbst treu: Für Verliebte perfekt, für Zyniker Gift, für jeden auf der Suche nach einem berauschenden Trip eine herrliche Versuchung.

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