Montag, 20. Februar 2012

100 Years Studio Babelsberg: The Art of Filmmaking


Das Studio Babelsberg feiert sein 100-jähriges Bestehen, und in diesem Zusammenhang wurde im teNeues Verlag ein ausführlicher Babelsberg-Bildband veröffentlicht. Der Titel 100 Years Studio Babelsberg: The Art of Filmmaking zeigt dabei ziemlich deutlich die Richtung an, in die dieses wuchtige Coffee-Table-Book steuert: Es geht insbesondere um interessante und auch teils recht kunstvolle Fotografien, die einem einen Blick hinter die Kulissen vieler in Babelsberg gedrehter Produktionen werfen lassen. Dieser filmhistorische Streifzug durch die Vergangenheit deckt sowohl nationale, als auch internationale Produktionen ab – von Fritz Lang bis Quentin Tarantino. Der Inglourious Basterds-Regisseur gehört auch, genauso wie Tom Tykwer und Tom Hanks, zu den neun Kinogrößen, die ein persönliches Vorwort zu diesem Werk beigesteuert haben.

Von manchen altbekannten Promobildern zu jüngeren Filmen abgesehen, ist die Bilderauswahl sehr gelungen. Es gibt Fotos von Setbauten, Kostümabteilungen und den vielen weiteren Abteilungen des Filmemachens, und es ist interessant, die jüngeren Bilder mit den aus frühen Zeiten zu vergleichen. Aussagekräftige Filmbilder und Fotos von Dreharbeiten runden den Band sehr gut ab, man bekommt einen ansehnlichen Querschnitt aus der weitreichenden Studiogeschichte geboten. Leider sind manche Bilder für meinen Geschmack etwas zu klein, so dass spannende Details schwer auszumachen sind, allerdings trifft das nur auf ein paar Fotos zu. Die absolute Mehrheit der Fotos (einige davon echte Raritäten) ist in voller Pracht zu genießen.

Bei Bildbänden, insbesondere bei Art of-Büchern zum Thema Film, bin ich ganz persönlich ja immer zwiegespalten. Einerseits genieße ich es, faszinierende Bilder großformatig in einem schweren Buch in Händen zu halten. Und solche Bände machen sich auch immer gut als kleine Auslage im Wohnzimmer, mit der man Gästen etwas für seine eigenen Interessen begeistern kann und um ihnen einen kleinen Zeitvertreib zu bieten, wenn sich irgendwelche Unternehmungen verzögern. Allerdings ärgere ich mich auch häufig, wenn es an Informationen mangelt, die nicht über Bilder vermittelt werden.

Wem es so wie mir geht, der kann sich im Fall von 100 Years Studio Babelsberg: The Art of Filmmaking über fünf studiohistorische Essays der Filmhistoriker Prof. Michael Wedel, Dr. Ralf Schenk und Dr. Chris Wahl freuen, die sowohl in Deutsch, als auch in Englisch abgedruckt sind. Diese nehmen den Betrachter des Buchs bei der Hand und führen vom heutigen Studio Babelsberg, mit seiner Quentin-Tarantino-Straße und dem riesigen Greenscreen-Raum für Paul W.S. Andersons Die drei Musketiere, langsam zurück zu den Zeiten der DEFA-Produktionen. Weiter geht es über das Dritte Reich hin zur Vorkriegs-Ufa bis zu den Anfängen nicht nur Babelsbergs, sondern der Filmkunst als solche, mit Fritz Langs massiven Metropolis-Sets oder Die Prinzessin und der Geiger, wo Hitchcock als Regisassistent sein Handwerk erlernte.

© 100 Years Studio Babelsberg - The Art of Filmmaking, Dreharbeiten zu The International (2009, Regie: Tom Tykwer), published by teNeues,  www.teneues.com. Photo © Studio Babelsberg AG/Michael Lüder

Das Essay über die Gegenwart des Studio Babelsberg beginnt mit einer sehr bildlichen Umschreibung des Geländes und bietet nach einem inhaltlichen Bruch einen sehr guten Überblick, wie sich das Studio nach der Wende erneut auf dem Markt durchsetzte. Das Essay pickt sich seine Wendepunkte gut heraus, und bietet so faszinierende Erkenntnisse, wie etwa die erstaunliche kommerzielle Bedeutsamkeit des qualitativ fragwürdigen Die unendliche Geschichte III. Es gibt auch manch kritische Einordnung, etwa von der internationalen Produktion Der Unhold, an anderen Stellen wird zu sehr generalisiert, wodurch sich auch Fehlerchen einkehren. So wird In 80 Tagen um die Welt mit Jackie Chan als internationaler Erfolg bezeichnet, obwohl diese Big-Budget-Abenteuerkomödie in Wahrheit ein filmhistorischer Flop war. Dennoch ist das Essay insgesamt kurzweilig zu lesen und sehr informativ.

Der Artikel über die DEFA-Jahre geht näher auf einzelne Filme ein und positioniert ihre historische wie inhaltliche Bedeutung im Gesamtkontext der DDR-Zeit und der Lage des deutschen Films. Es werden auch vergessene Kleinode beleuchtet, auf die man nach dem Lesen richtig Lust hat, jedoch ist dieses Essay nicht so flüssig geschrieben und hinterlässt bei mir nicht den Eindruck, ich hätte nun einen aussagekräftigen Gesamtüberblick erhalten.

Der Beitrag über die Nazi-Zeit wiederum findet das richtige Mittelding zwischen informativen Aussagen auf der Einzelfilm-Ebene und einer Wiedergabe beziehungsweise Einordnung der größeren, politischen sowie filmhistorischen Zusammenhänge. Spürbar bemüht wird versucht, eine kritische, distanzierte Haltung einzunehmen, an manchen Stellen ist die Wortwahl allerdings unglücklich. So wird im Wettbewerb im Makrt des Farbfilms von "den amerikanischen Gegnern" gesprochen, was im Kontext des Artikels leicht deplatziert erscheint. Die zwei Essays über die Anfangszeit des Tonfilms respektive die Blütezeit des Stummfilms sind in meinen Augen rundum gelungen und vermitteln, wenn auch in knapper Form, den Pioniergeist der damaligen Tage.

© 100 Years Studio Babelsberg - The Art of Filmmaking, Regisseur Urban Gadund Asta Nielsen während der Dreharbeiten zu Der Totentanz (1912), published by teNeues,  www.teneues.com. Photo © Filmmuseum Potsdam

Fazit: Auch wenn manche der Essays kritischer oder inhaltlich runder sein dürften und ein paar der Fotos für einen Bildband etwas zu klein geraten sind, ist 100 Years Studio Babelsberg: The Art of Filmmaking alles in allem ein gelungener, sehens- wie lesenswerter Streifzug durch die deutsche Filmgeschichte. Filmkenner werden sich an einigen prächtigen Fotos erfreuen und versuchen, mit diesem Werk Kinobanausen dem Stoff etwas näher zu bringen. Mit beinahe 60 Euro finde ich den Preis trotz der tollen Papierqualität etwas hoch taxiert, wer kinobegeistert ist, darf sich aber mit diesem Werk über einen der informativeren und somit empfehlenswerteren Film-Bildbände der letzten Jahre freuen.

100 Years Studio Babelsberg: The Art of Filmmaking gibt's unter anderem beim Buchhändler eures Vertrauens oder im Onlineshop des Verlags.

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Secretariat


Anfang der '70er Jahre: Hausfrau und Mutter Penny Chenery (Diane Lane) übernimmt die Pferderanch ihres kranken Vaters und entdeckt ihre Leidenschaft für den Pferderennsport. Fest davon überzeugt, dass eine der beiden trächtigen Stuten ihrer Farm einen neuen Rennchampion gebären wird und gründet mit ihrer Sekretärin Miss Ham (Margo Martindale) und dem fürsorglichen Pferdepfleger Eddie Sweat (Nelsan Ellis) sowie dem exzentrischen, bislang nur bedingt erfolgreichen Pferdetrainer Lucien Laurin (John Malkovich) ein ungewöhnliches Team, das sich nach der Geburt des Zuchthengstes Big Red im von reichen Männern dominierten Sport durchzusetzen versucht. Pennys Engagement missfällt ihrem Ehemann, der sich zudem über die finanziellen Probleme der Familie Sorgen macht. Aber in Big Red steckt ein echter Champion, das sämtliche Skeptiker zum Schweigen bringt, selbst wenn Penny mit ihrem Unternehmergeist weiter auf Widerstände stößt ...

Als das von Jerry Bruckheimer produzierte Rassen- und Footballdrama Gegen jede Regel 2000 in den USA zu einem Überraschungshit wurde und Walt Disney Pictures neuen Respekt für die Produktion von inspirierenden Filmdramen gewann, fand ein neuer Trend in den Disney-Studios seinen Anfang. Mit Die Entscheidung - Eine wahre Geschichte (Baseball), Miracle - Das Wunder von Lake Placid (Eishockey), Das größte Spiel seines Lebens (Golf), Spiel auf Sieg (Basketball) und Unbesiegbar – Der Traum seines Lebens (nochmal Football) kam eine ganze Reihe unterschiedlich überzeugender Disney-Adaptionen wahrer Sportgeschichten in die Kinos. Auch Frank Marshalls Antarctica – Gefangen im Eis aus dem Jahr 2006 lässt sich zu diesem Trend trotz Familientauglichkeit durchaus auch reifer und dramatischer Disney-Realfilme mit wahrem sowie herzerwärmenden Kern und zählen. Gegen Ende der Dekade stützte sich Disneys Realfilm-Output allerdings zunehmend auf Franchise-taugliche Action und auch wieder stärker auf kinderorientierte Komödien.

Vier Jahre nach dem letzten zu diesem kurzlebigen Disney-Subgenre gehörendem Kinofilm kam mit Secretariat ein neues, inspirierendes und wahres Sportdrama in die US-Kinos, welches zudem wenigstens in den Staaten wieder etwas größere Medien- und Publikumsaufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Mit 59 Millionen Dollar Einspielergebnis war dieses recht ambitioniert gefilmte Drama für Genre-Verhältnisse ein moderater Erfolg, international zeigte Disney hingegen keinerlei Interesse an einer nennenswerten Kinoauswertung. In Deutschland erhielt es etwa einen Alibistart zeitgleich mit Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten und im Vereinigten Königreich wurde er nach einer Woche ohne jegliche Promoarbeit wieder aus den Kinos zurückgezogen. Nicht einmal eine Million konnte abseits der Staaten eingenommen werden.

Zugegeben, Secretariat ist eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte, dennoch kann ich Disneys Oppossum-Marketing auf dem internationalen Parkett (totstellen und abwarten, bis alle vorbeigelaufen sind) nicht so recht nachvollziehen. Diane Lane gibt eine facettenreiche Performance als durchsetzungsfähige Frau ab, die zu Beginn der 70er ohne jeden emanzipatorischen oder libearlen Gedanken eine Männerwelt auf den Kopf stellt. Sie spielt eine eher konservativ geprägte Frau, die ihrer liberalen Tochter Verständnis aufbringt (anders als ihr Eheman), jedoch keine große Unterstützung zeigt, sondern sich lieber kopfüber in ihr eigenes Unternehmen stürzt. Das sieht sie als Fortsetzen der Familientradition an, ist aber eigentlich ein kleines Stück Sportrevolution. Durch Lanes charismatisches und zumeist bodenständiges Spiel ergibt dies ein rundes Bild und dürfte recht knapp an Nominierungen für so manche Schauspielpreise vorbeigeschrammt sein.

Die restlichen Figuren sind hingegen weniger ausgearbeitet, sondern größtenteils "dramaturgisch funktionsorientiert", wenngleich nie so auffällig, dass es störend rüberkäme. John Malkovich hebt sich vom restlichen Ensemble etwas weiter ab, indem er zahlreiche treffende Gags rüberbringt und zudem eine schrill gekleidete Figur mimt, die trotz alledem nicht als wandelndes Klischee oder Comic Relief erscheint, sondern gänzlich glaubwürdig und greifbar.

Schade ist, dass die menschliche Komponente des Films, wie etwa die familieninternen Konflikte, hinter die Geschichte des legendären Rennpferds gedrängt wird. Die Chenery-Familie weist allerhand Potential auf, um Secretariat auch als ein den Zeitgeist und den Aufbruch zwischen Konservativismus und liberalen Gedanken einzufangen, mehr als eine Randnotiz bleibt dieser Handlungsfaden leider nicht. Die wahre Geschichte Secretariats fängt Drehbuchautor Mike Rich (Forrester - Gefunden) wiederum sehr faktengetreu ein, wodurch er löblich einige der enervierendsten Sportfilm-Klischees vermeidet. Weder verkauft sich dieses Drama als die spannende Geschichte eines Underdogs, den niemand hat gewinnen sehen, noch gibt es an narrativ durchschaubar platzierten Stellen ungeheuerlich knappe Entscheidungen. Rich bricht den Film auch nicht für das durch das Disney-Logo angezogene Familienpublikum herunter und rafft im ersten Akt zahlreiche Ereignisse zusammen, Regisseur Randall Wallace kommentiert den Lauf der Zeit nur durch visuelle Hinweise oder kurze Dialoginformationen.

Wallace findet zudem mehrere Möglichkeiten, die zahlreichen Rennen im Film unterschiedlich und jedes Mal von neuem spannend und packend zu inszenieren, so dass sich nicht schon früh eine Pferderenn-Müdigkeit einstellt. Ermüdender sind da, trotz der engagierten Lane und dem unterhaltsamen Malkovich, die für stockende Übergänge zwischen wichtigen Handlungspunkten sorgenden Dialogpassagen. Die Dialoge sind nicht schlecht, allerdings auch nur selten wirklich involvierend - zumindest für an der Pferdethematik weniger interessierte Zuschauer. Andere Sportdramen bringen ihr Sujet einem ignoranten Publikum packender näher.

Einen schaleren Beigeschmack hinterlässt dafür das religiöse Element von Secretariat. Ich nehme nicht per se Anstoß an biblischer Symbolik oder Glaubensbekenntnissen in Kinofilmen, insbesondere nicht, wenn man ihnen anmerkt, dass sie ehrlich sind. Aber die Christlichkeit dieses Sportdramas ist aufgesetzt und zudem inkonsequent: Der Film eröffnet mit einem Bibelzitat über die Kraft der Pferde, welches gen Schluss wiederholt wird. In der Mitte des Films gibt Stallknecht Eddie Sweat eine sehr kitschige Rede darüber, was er für Gott und sein Wirken hält und obendrein gibt es zwei, wie ich finde, stilistisch unpassende Verwendungen des Goespelklassikers Oh happy day. Weder dient die Filmhandlung als religiöse Analogie, noch ist Religiösität die Antriebsfeder für eine der Figuren (was Blind Side ja wenigstens von sich behaupten kann).

Mich stört an diesen Elementen nicht nur, dass sie nicht im restlichen Film verwurzelt sind, sondern auch diese sich einem förmlich aufdrängende Vermutung, dass sich die Produzenten damit bei den Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts & Sciences einschmeicheln wollten. Secretaritat konnte im Vorfeld des Oscar-Rennens 2010/2011 einiges an Hype aufbauen. Die handwerkliche Qualität des Films, die inspirierende Wirkung der Story und die in den USA noch immer recht große Bekanntheit des realen Rennpferdes sowie sehr positive, frühe Kritiken schienen Secretaritat zu einem wichtigen Kandidaten zu machen. Disney soll, wie die Macher von Blind Side im Vorjahr, vor allem konservative/christliche Academy-Mitglieder umgarnt haben, und da halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass zumindest das Eröffnungszitat und die Musikwahl kurz vor Fertigstellung des Films mit dem Oscar im Hinterkopf erzwungen wurden. Ausgezahlt hat es sich nicht: Trotz Vier-Sterne-Kritik von Roger Ebert und einigen erstaunten Reaktionen von Filmjournalisten ging Secretariat bei den Nominierungen komplett leer aus.

Unterm Strich zählt Secretariat zu den gelungeneren Disney-Dramen, was nicht zuletzt der imposanten Kameraarbeit Dean Semlers zu verdanken ist. Ein besonderes Faible für Pferde- oder Sportdramen muss man als Zuschauer aber dringend mitbringen, und wer empfindlich gegenüber forciert-religiösem Kitsch ist, wird bei drei, vier Szenen Durchhaltevermögen beweisen. Die mitnehmend inszenierten Rennen dürften dafür größtenteils entschädigen.

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