Sonntag, 30. März 2014

Marvel Cinematic Music


Welcher Filmfan erinnert sich nicht das Leitmotiv von Tim Burtons und Christopher Nolans Batman-Interpretationen? Auch das Superman-Thema von John Williams ist weltberühmt. Und Marvels Kinohelden? Einige Kinoliebhaber sollten sich vielleicht an Alan Silvestris Leitmelodie erinnern können, die ertönt, sobald sich die Avengers erstmal als gemeinschaftlich handelndes Team handeln. Aber sonst? So erfolgreich die Marvel-Kinofilme sein mögen, ins allgemeine Bewusstsein haben sich die instrumentalen Musikbegleitungen der Superheldengeschichten aus dem "Marvel Cinematic Universe" nicht gerade.

Sind die Scores zu den Marvel-Blockbustern wirklich so lasch, oder werden sie einfach nur von den dazugehörigen Filmen und populäreren Heldenthemen überschattet, obwohl sich die Komponisten hinter den Marvel-Produktionen redliche Mühe geben?
Anlässlich des Kinostarts von The Return of the First Avenger bewerte ich sämtliche Marvel-Scores und zwänge sie in eine kompakte Rangliste, die klären soll, wann die Musik rund um Iron Man und Kollegen ihren Höhepunkt erreichte.

Platz 9: Iron Man 2 (2010, Komponist: John Debney)
Auf dem Papier wirkt es so, als hätte John Debney eine coole Achterbahnfahrt für Filmmusikenthusiasten erschaffen: Schwere russische Chorklänge für Whiplash, Retro-Blechbläser im James-Bond-Stil für die Monacco-Sequenz, AC/DC-Einflüsse gemixt mit orchestraler Musik für die meisten Actionsequenzen. Aber die Umsetzung ist schwach: Die im Film im Schatten der Songeinsätze lebende Instrumentalmusik zu Iron Man 2 ordnet einigen Figuren zwar musikalische Stimmungen zu, aber keine griffigen Themen und selbst als atmosphärische Begleitmusik will Debneys Arbeit nicht im Ohr bleiben. Er beweist hier zwar große Wandlungsfähigkeit, aber keinen Einfallsreichtum, geschweige denn baut er interessante Melodien auf. Um es etwas harsch auszudrücken: Es wirkt fast so, als sei Iron Man 2 mittels eines großen Archivs an lizenzfreier Musik untermalt worden. Alle Stücke vermitteln ein klares Bild, welche Stimmung die zu ihnen gehörenden Szenen versprühen, aber kaum sind diese Kompositionen zu einem Ohr rein gekommen, gehen sie zum anderen wieder raus. Fließbandware!

Platz 8: Thor (2011, Komponist: Patrick Doyle)
Auf die Dauer einer fast zwölfminütigen Suite komprimiert klingt Doyles Score zwar nicht unbedingt nach etwas, wobei ich sofort an Thor denke, wohl aber ganz gefällig. Leider fassen diese zwölf Minuten für mich auch ganz klar die gelungeneren Momente des Scores zum ersten Kinoabenteuer des Donnergotts dar. Über den ganzen Film beziehungsweise das komplette Soundtrack-Album verteilt, gehen diese guten Ansätze hingegen in einem Meer aus austauschbaren, wenngleich solide orchestrierten 08/15-Melodien unter.

Platz 7: Thor: The Dark Kingdom (2013, Komponist: Brian Tyler)
Tyler hat sich schonmal ein paar Pluspunkte dafür verdient, dass er Doyles Leitthema des ersten Thor-Films ausarbeitet und aus ihr eine tragende, eingängige Komposition macht. Zwar denke ich bei ihr mehr an die Regenbogenbrücke als an die Figur Thor, aber immerhin besteht eine klare Assoziation. Dass dieses Thema ohne größere Variation mehrmals im Score auftaucht, ist aber enttäuschend. Immerhin der Film in seinem Tonfall und seinen Schauplätzen doch abwechslungsreich genug, um zahlreiche Spielweisen dieses Stücks zu inspirieren. Gelungen ist wiederum dieses ruhige Stück, das eine visuell sehr beeindruckendes Begräbnis begleitet. Ansonsten ist die Musik zum zweiten Thor-Film solide Fantasyfilmuntermalung mit guten Arrangements, aber recht wenig charakterstarkem Material.

Platz 6: Iron Man (2008, Komponist: Ramin Djawadi)
Obwohl ich die Instrumentalmusik aus Iron Man seit meiner letzten Sichtung des Films (die nicht einmal ein Jahr her ist) ungewollt, wenngleich komplett aus meinem Gedächtnis verbannt habe, kann ich an dieser Stelle mit Fug und Recht behaupten: Kaum höre ich in Ramin Djawadis Score rein, bin ich durchaus überzeugt von ihm. Er hat zwar einiges an unbedeutendem Füllmaterial zu bieten, also simple, unaufwändige Akustik, die einfach nur Stille im Film vermeiden will. Sobald sich Djawadi aber austobt, rockt dieser Score: Heftige, dennoch schwungvolle Gitarrenklänge auf schneidenden Streichern und selbstbewusster Percussion, halt Musik, die perfekt zur Figur des Iron Man passt. Er ist kein graziler Superheld, aber einer, der mit seiner lässigen Attitüde meist gut darüber hinwegtäuschen kann. Metal trifft Filmorchester! Melodisch fehlt es Djawadi ein wenig an Einfallsreichtum, doch der Tonfall des Scores passt sehr gut zum Beginn des Marvel Cinematic Universe und das Leitmotiv des Titelhelden wird vielleicht nicht markant genug herausgestellt, als dass es sich ins Gedächtnis brennen würde - wenn es aber läuft, macht es Laune.

Platz 5: Iron Man 3 (2013, Komponist: Brian Tyler)
Anders als Debney, übersetzt Brian Tyler den ursprünglichen Ansatz eines coolen Iron Man-Themes sehr gut ins Orchestrale. Und das thematisch sehr passend: In Shane Blacks Superheldenspektakel verliert Tony Stark nicht nur für lange Zeit seine fliegende Eisenrüstung, sondern obendrein seine Rockstar-Coolness. Da ist ein deutlich geringerer Elektroanteil als im ersten Film nur schlüssig. Hinzu kommen bei einigen Tracks clever eingesetzte Glöckchen (als Stirb langsam-Referenz wie auch als logische Konsequenz dessen, dass der Film zu Weihnachten spielt) und verzerrte Funk-Gitarren, wann immer Tony Stark seinen Groove wiederfindet. Die Abspannsequenz ist musikalisch ein extrem cooler, augenzwinkernder Abschluss des Films und generell weiß der Score zu unterhalten, die Spannung zu steigern und nicht all zu klischeehaft zu wirken.

Platz 4: Der unglaubliche Hulk (2008, Komponist: Craig Armstrong)
Einer der ambitionierteren Scores im Marvel-Universum: Harmonische, melancholische Streicher im Zusammenspiel mit einer sanften, aber drängenden Percussion erzeugen ein Gefühl von Einsamkeit und erinnern daran, dass sich Bruce Banner praktisch durchweg auf der Flucht befindet, vermitteln zudem auch seine sich stets aufbauende Wut. Banner und Hulk bekommen eigene Leitmotive, die fesselnd klingen, wenn sie miteinander darum ringen, welches Stück lauter gespielt wird, und auch Tim Roths Schurkenfigur wird militärisch-aggressiv untermalt. Armstrong trifft die Stimmung des Films und seiner Figuren sehr gut, aber sein anspruchsvoller Score entfaltet seine volle Wirkung nur, wenn die alleinige Konzentration auf ihm selbst liegt. Das nuancierte Zusammenspiel der subtil ausgespielten Themen geht im Film unter, weshalb zwar ein stimmiger Score entsteht, der aber kein klares Statement setzt.

Platz 3: The Return of the First Avenger (2014, Komponist: Henry Jackman)
Dieser Soundtrack war es, der mich dazu veranlasste, diesen Artikel zu schreiben. Denn Jackmans Komposition für das erstaunliche Captain America-Sequel erntet eine sonderbare Kritikerresonanz: Filmkritiken, die auf den Score eingehen, besprechen ihn weitestgehend positiv (so etwa bei The Playlist), gleichermaßen wird die Filmmusik auf Portalen, die sich auf die Bewertung von Soundtrack-CDs spezialisieren, brutal verrissen. Die Reaktion von Score-Puristen ist derart boshaft, dass Jackmans Mentor Hans Zimmer die Lage auf Facebook kommentierte: "Weder habe ich den Film bislang gesehen, noch die Musik dazu gehört. Aber bei so giftigen und provokativen Reaktionen kann ich eigentlich nur noch erwarten, dass es ein neues Die Frühlingsweihe ist. Nun bin ich wahrlich gespannt!" Ich selbst sehe mich auf der Seite jener, die den Score verteidigen: Jackmans Musik verzichtet weitestgehend auf im Film klar auszumachende, heroische Leitmotive, was gewiss schade ist, da Captain America unter den Avengers bisher der Einzige ist, der ein herausragend markantes, nachhallend wirkendes Thema hat. Allerdings ist die düstere, wagemutige Verschmelzung aus symphonischen und elektronischen Klängen ideal für diesen pseudo-realistischen, gigantischen Superhelden-Politthriller. Hätte es ein paar herrausstechende Stellen mehr geben dürfen? Gewiss. Stellt sich der ein paar sehr griffige, atmosphärische Kernkomponenten aufweisende Score wunderbar in den Dienst des Films und unterstützt effektvoll seine Stimmung? Auf jeden Fall!

Platz 2: Marvel's The Avengers (2012, Komponist: Alan Silvestri)
Unter allen Marvel-Filmen hat The Avengers die markantesten, denkwürdigsten Melodien: Wie Silvestri die coole Kamerafahrt rund um die sich zum Kampf bereitmachende Heldentruppe untermalt ist fantastisch und auch der comichaft-einfallsreiche Flug durch New York, vorbei an die vollen Einsatz zeigenden Avengers, ist ein starker musikalischer Moment. Die Abspannmusik und auch die ominöse wie auch triumphale Hinleitung auf den Filmschluss sind ebenfalls hervorragend. Dazwischen ist die Instrumentalmusik in diesem Marvel-Epos zwar dem Film sehr dienlich und zudem gut arrangiert, aber ein Stück weniger inspiriert als meine Nummer eins dieser Hitliste ...

Platz 1: Captain America: The First Avenger (2011, Komponist: Alan Silvestri)
Hat der Avengers-Score mit den obig erwähnten Szenen immerhin vier prägende Stellen, so stechen aus der Musik zu Captain Americas erster Leinwandmission drei Momente stark heraus: Die Titelmusik, der Captain America March und David Zippels & Alan Menkens herrlich ironische Hymne Star Spangled Man. Während aber die Musik zu Avengers abseits ihrer Highlights ein, zwei Gänge zurückschaltet, ist dieser Retroscore mit seinem inspiriert-pulpigen Charme auch abseits seiner stärksten Stellen äußerst vergnüglich. Symphonisch, voller temporeicher Phasen und mit augenzwinkernd alberner Verarbeitung militärischer Elemente. Indiana Jones ging zur Armee und brachte diesen Filmscore mit!

Alles in allem hat das Marvel Cinematic Universe meiner Ansicht nach einen miesen Score zu bieten und einen, der immerhin nicht negativ auffällt. Der zweite Thor-Film und Iron Man sind musikalisch grundsolide mit Ausbrüchen klar nach oben, Iron Man 3, The Return of the First Avenger und Der unglaubliche Hulk gefallen mir aus musikalischer Sicht sogar richtig gut. Doch auch sie erschaffen kein sich dauerhaft einbrennendes Thema für ihre Figuren der Güteklasse von Star Wars, Pirates of the Caribbean oder irgendeinem der guten Batman-Filme, sondern eher sehr stimmige Untermalungen ihrer jeweiligen Leinwandgeschehnisse. The Avengers und Captain America wiederum nehmen in ihren besten Momenten die Hürde von "gute Filmmusik" zu "großartige Erkennungsmelodie". Richtig schlimm steht es also nicht um die Marvel-Scores, jedoch liegen sie tatsächlich hinter anderen großen Franchises wie Herr der Ringe zurück.

Hoffen wir schlicht, dass es dem Wege der musikalisch stärkeren Einträge in den Marvel-Kanon weitergeht. Guardians of the Galaxy wäre perfekt für einen Space-Opera-Score im großen Stil. Falls Marvel überhaupt daran interessiert ist, denn das Kevin Feiges Filmstudio scheint eine atmosphärische Klangtapete unvergesslichen Hymnen vorzuziehen ...

Samstag, 29. März 2014

Die Quellen der Disneyfilme: Tom und Huck

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Die Abenteuer von Tom Sawyer von Samuel Langhorne Clemens - besser bekannt unter dem Namen Mark Twain - ist 1876 erschienen, und wenn es auch eines von Twains bekanntesten Werken darstellt, so ist es für die Verhältnisse des Autors doch eher simpel gehalten. Tom Sawyer ist eine einfache Lausbubengeschichte, inspiriert von Marks Twains eigener Jugend in Hannibal, Missouri; von realen Orten und Begebenheiten. Dass das Ergebnis nun kein simples Kinderbuch ist sondern ein Klassiker der Weltliteratur, das ist alleine dem Genie des Autors zu verdanken: Mark Twain verwandelt eine simple Kindergeschichte in eine unvergängliche, geradezu ikonische Darstellung einer Kindheit am Mississippi.
Während die Geschichte sehr persönlich gehalten ist und niemals allzu unrealistisch wird, so bietet Twains Erzählweise doch eine ironische Übersteigerung, die alles mit einem feinen Satire-Schleier überlegt - oder auch mit ganz offener Gesellschaftssatire, gerade wenn es um die erwachsenen Bewohner des Städtchens geht. Das Kapitel „Tom streicht einen Zaun“ ist alleine bei uns in unzähligen Lesebüchern zu finden, und das zurecht: Die Darstellung der vergnügungssüchtigen menschlichen Natur in all ihrer Absurdität, am Beispiel eines geschäftstüchtigen Jungen, bietet hohe Wahrheit aus Kindermund.
Aber trotz all dieser Nebenschauplätze handelt es sich bei Tom Sawyer doch zuallererst um eine recht geradlinige Lausbuben- und Abenteuergeschichte. Beschrieben wird das Leben und der Alltag Toms, seine diversen Abenteuer und Streiche, zusammen mit den Spielgefährten, unter denen vor allem der heimatlose Streuner Huckleberry Finn hervorsticht. Es gibt ein kindliches Liebesdrama, dem genug Platz eingeräumt wird, um herzerwärmend zu wirken, doch nicht so viel, dass es den Rest der Abenteuer überschattet. Und dann verdichtet sich die Geschichte immer mehr um einen fatalen Mordprozess, einen vergrabenen Schatz und den wahren Mörder Indianer-Joe.
Es ist keine „wahre“ Abenteuergeschichte, nicht im eigentlichen Sinne. Eigentlich geht es im ganzen Buch doch nur darum, das Gefühl eines typischen Jungenlebens zu beschreiben, so wie Twain es kannte. Und dieser Teil ist nun schlicht der, der sich mit den Schatzsuchen der Lausbuben beschäftigt, mit den Abenteuerspielen und Verschwörungstheorien. Es ist einfach spannender, von einem echten Mordfall zu lesen, als von einem nur gespielten - der Inhalt bleibt der gleiche.



Auch wenn man wohl mit gutem Recht sagen kann, dass Mark Twain bei Tom Sawyer den Höhepunkt seines Schreibens noch nicht erreicht hatte, so übt das Buch doch seit seiner Entstehung eine ungebrochene Faszination aus. War es zu seinem Ersterscheinen in Amerika noch gut verständliche Nostalgie, die die erwachsenen Leser in Scharen anzog, so hat das Werk doch in den letzten 140 Jahren bewiesen, dass seine Faszination nicht durch örtliche oder zeitliche Umstände begrenzt wird. Es war und es bleibt herrlich, von diesem turbulenten Jungenidyll zu lesen, und so hat Tom Sawyer es geschafft, sich gegen seinen übermächtigen Nachfolger Huckleberry Finn auch auf langen Sicht durchzusetzen. In der Tat wurden die beiden Romane trotz ihres unterschiedlichen Tons erstaunlich oft gemeinsam verfilmt, als zusammengehöriger Doppelpack, der idealerweise noch die gleichen Schauspieler aufweisen kann.
Die Bearbeitungen der beiden Werke, die 1993 und 1995 in umgekehrter Reihenfolge aus dem Hause Disney erschienen, bilden in gewisser Weise einen Mittelweg. Während Timing und gemeinsame kreative Quellen zweifelsohne einen gewissen Zusammenhang suggerieren, bemühen sich die Filme selbst in keiner Weise, als zusammengehörig zu erscheinen. Die Schauspieler sind andere, der Stil der Filme divergiert spürbar, die Vermarktung könnte unterschiedlicher nicht sein. Und selbst die wenigen Bande, die die Bücher thematisch direkt verbinden, wurden bewusst gekappt, so dass Tom und Huck und Die Abenteuer von Huck Finn inhaltlich ganz offensichtlich nicht zusammenpassen.

Alleine der Name des Filmes, Tom und Huck, stellt klar, dass Originaltreue nicht das vorderste Ziel dieser Verfilmung war. Doch auch wenn der ganze Film einen bewussten modernen Unterton erhalten hat, so bemüht er sich doch immer, nahe genug am Ausgangsmaterial zu bleiben. (Wobei erwähnenswert scheint, dass nicht der Stadtname des Buches, St. Petersburg, sondern der Name von Twains eigener Heimatstadt, Hannibal, verwendet wird.) Insgesamt stellt Tom und Huck den Versuch dar, die berühmte Geschichte einigermaßen originalgetreu zu erzählen - nur eben verkleidet als cooles Abenteuermärchen.

Diese Einstellung zeigt sich von der ersten Szene an. Der Film beginnt sehr charakteristisch nicht mit seiner Hauptfigur, sondern mit Indianer-Joe, der sich zu bedrohlicher Musik auf den Weg zu dem leichenschändenden Doktor Robinson macht. Es ist eine Szene, die im Buch nur aus zweiter Hand erzählt wird, doch in dieser Filmversion wird offenkundig keine Gelegenheit ausgelassen, das finstere Halbblut zu zeigen. Der gesamte Plot des Films dreht sich vor allem um ihn, um den Mord an Doktor Robinson, den Prozess und die geheime Schatzsuche - eben die Elemente einer typischen Abenteuergeschichte.
Diese Episode, so spannend sie auch ist, stellt beileibe nicht den einzigen Fokuspunkt des Buches dar. Vielmehr bietet sie, neben einzelnen Actionszenen, nur einen unterschwelligen Beiklang, eine Art Hintergrundstimmung. Im Grunde ist Tom Sawyer ja ein Episodenroman, und das Abenteuer mit Indianer-Joe ist dabei ein Erlebnis wie viele andere auch.
In Tom und Huck dagegen ist die ganze Handlung ganz klar auf dieses eine Abenteuer ausgerichtet. Es ist einzielgerichteter Plot mit wenig Nebenerzählung, und dadurch wird es leider auch zu einem recht schmalen Plot. Statt des bunten Panoramas eines wilden Jungenlebens im Buch bleibt hier nur eine einzelne Abenteuergeschichte. Natürlich ist Toms Gewissenskonflikt, was die drohende Verurteilung des unschuldigen Muff Potters angeht, gerade hier Hauptbestandteil - aber anders als in Huckleberry Finn ist ein einzelner Gewissenskonflikt hier nicht genug, einen ganzen Film zu tragen. Was herauskommt, ist eine simple Kindergeschichte, ohne die Satire oder den unterschwelligen größeren Rahmen des Originals.



Das Ergebnis ist folgerichtig, dass der gesamte Film scharf auf den Plot ausgerichtet ist. Offenkundig hat man sich bemüht, so viele bekannte Szenen wie möglich aus dem Buch zu retten - doch nur, indem die an sich unabhängigen Erlebnisse auf irgendeine Weise mit dem Hauptstrang verwoben wurden. Die Zaun-Szene hat hier den Zweck, Tom in den Besitz einer verräterischen Murmel zu bringen, die irrtümliche Beerdigung des Jungen führt Indianer-Joe auf seiner Suche kurzfristig in die Irre. Die Folge ist eine Reihe lose verbundener Ereignisse, nicht eigenständig genug, um auf eigenen Beinen zu stehen, doch zu nebensächlich, als dass sie wirklich zum Plot gehören würden.
Auf der anderen Seite wurden dafür so viele zusätzliche Szenen mit Joe eingefügt, wie es nur möglich schien. Die Szenen haben sicher eine gewisse Verankerung im Buch, wo Tom von Ängsten und schweren Träumen geplagt wird, doch hier nimmt der rachsüchtige Indianer schließlich den gesamten Fokus ein.


Die größte (wenn auch nicht unerwartete) Enttäuschung des Films stellt für mich persönlich das Finale dar. Das Ende des Buches, mit der langen Wanderung durch die Tropfsteinhöhle hat einen geradezu epischen Charakter. Gerade weil die bedrohliche Darstellung des Höhlenlabyrinths so realistisch beschrieben ist und eben kein Hollywood-typischer Endkampf folgt, sind die Gefühle der beiden verlorenen Kinder so nahegehend. Was fesselt, ist keine äußere Bedrohung, sondern der ganz persönliche Kampf gegen Hunger, Durst und die Verzweiflung - dargestellt in so einfachen Szenen wie Toms Verzicht auf seinen Rationsanteil und Beckys Begreifen.
Dass Indianer-Joe ohne letzte Konfrontation alleine verdurstet ist, ist am Ende eine in keiner Weise enttäuschende Erfahrung. Das stille Grauen dieser Entdeckung, verbunden mit der Erinnerung an Toms eigenen Kampf, ist die perfekte Auflösung dieses Handlungsstranges und fügt sich in den Ton des gesamten Buches ein.

Im Film sieht das nun anders aus: Tom und Huck ist eine simple Abenteuergeschichte, und so braucht der Film eine simple und direkte Endkonfrontation zur Auflösung. Die ganze Geschichte ist hier sowieso um einiges unrealistischer dargestellt, so wirkt ein solch abenteuerlicher Kampf am Ende auch nicht mehr als Fremdkörper. Dazu kommt, dass Huck - als aufgewertete zweite Hauptfigur - natürlich auf Teil an diesem Kampf haben muss. Das Ende ist schließlich so vorhersehbar wie möglich, inklusive eines klassischen Disney-Todes für Indianer-Joe. Stimmung und Atmosphäre der Buchvorlage fehlen, dafür gibt es ein kurzes Gerangel und einen plakativen Sieg - natürlich passend zum Film, aber nichtsdestotrotz schade.


Was die Charakterisierung der Figuren angeht, so kann der Film hier kaum etwas falsch machen. Man könnte urteilen, dass Tante Polly hier ein wenig zu nett erscheint, die Witwe Douglas dagegen zu streng - doch im Allgemeinen ist es kaum möglich, die realistisch-übersteigerten Nebenfiguren aus Mark Twains Städtchen nicht annehmbar umzusetzen.
Indianer-Joe ist finster und bedrohlich wie es sich gehört, und natürlich vermeidet der Film es soweit möglich, die ans Klischeehafte grenzende Indianer-Darstellung des Buches weiter zu unterstützen.

Becky Thatcher wird gegenüber ihrem Buch-Pendant etwas interessanter gezeichnet, mit einer Charakterisierung, die um einiges gewitzter und „moderner“ scheint als im Original. Das Ergebnis ist ein Mädchen, das Tom in gewisser Weise das Wasser reichen kann, ohne dabei zum Action-Girl zu verkommen - und das somit endlich einen guten Grund für Toms fortgesetzte Avancen bietet.
Was die beiden Hauptfiguren des Films angeht, so macht schon der Titel klar, dass Tom und Huck hier beinahe gleichwertige Rollen innehaben. Tom Sawyer ist, wie er sein sollte: gewitzt, straßenschlau, gleichzeitig stinkfaul und insgesamt mit einem Kopf voller Unfug. Man könnte vielleicht argumentieren, dass er ein wenig zu brav und folgsam erscheint, doch das rechne ich der Tatsache zu, dass der Film streng aus seiner Sicht erzählt wird - und auch im Buch ist Tom Sawyer selbst ja immer überzeugt, ein Musterbild von einem tadellosen Knaben abzugeben.

Interessanter ist allerdings die Frage nach der Darstellung Huckleberry Finns, dessen Rolle für den Film weit ausgebaut wurde, auf Kosten von Toms eigentlich liebsten Spielkameraden Ben Rogers. Das erste was auffällt ist, dass Huck in dieser Version vergleichsweise alt dargestellt wird, was ihm alleine körperlich einen großen Respektvorsprung vor Tom verschafft. Das Ergebnis ist ein interessantes Ungleichgewicht, wenn Huck, der Ältere und Erfahrenere, dann plötzlich beim Schreiben seiner Initialen hinter Tom zurückstehen muss.
Generell ist Huck hier nicht wirklich so wie im Buch, dafür hat sich seine Rolle für den Film zu stark geändert - und doch haben es die Macher geschafft, mit Huck auf andere Weise zu einem gleichwertigen Ergebnis zu kommen. Und wenn Hucks Charakterentwicklung auch unerwartet scheinen mag, so macht sie das am Ende vielleicht nur interessanter. Insgesamt gelingt es Huckleberry auf gewisse Weise, den Film aus seiner Banalität zu retten, und ihm zumindest einen besonderen Anstrich zu verleihen.
Für mich stellt sich nebenbei die Frage, wie eine Verfilmung der Abenteuer von Huckleberry Finn mit dieser Besetzung wohl ausgesehen hätte - es hätte mit Sicherheit eine sehr erwachsene Version des Buches werden können, ernsthafter als die meisten Verfilmungen es schaffen.



Mein Fazit zu Tom und Huck ist schließlich, dass der Film ziemlich genau das ist, was man von einer Disneyversion des Stoffes erwarten würde. Die Verfilmung bewegt sich nahe genug am Original, um keinen Anstoß zu erwecken, aber ansonsten setzt sie dem Buch ihren eigenen Stil auf und macht aus einer beinahe melancholischen Kindheitsschilderung ein einfaches Abenteuer. Das Ergebnis funktioniert, doch es funktioniert wirklich nur als Literaturverfilmung: Wäre es ein Originalwerk, so würde sicherlich niemand dem Film nähere Beachtung schenken.
Auf der anderen Seite füllt Tom und Huck diese Rolle der Literaturverfilmung gar nicht mal so schlecht aus; der Film reicht, um an die Idee des Buches heranzuführen und den Zuschauern die Figuren nahezubringen. Und wenn am Ende irgendjemand durch diesen Film angeregt wird, Twains Original zu lesen, so hat sich die Verfilmung doch sicherlich gelohnt.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.