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Samstag, 13. Oktober 2012

Aquamania



Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.


In den 50er-Jahren befand sich der Stern des Kurztrickfilms im Sinken. Das Fernsehen machte dem Kino allgemein Konkurrenz, doch während Spielfilme mit Grandeur und massiven Bildern ihr Publikum zu finden wussten, sah es für den animierten Vorfilm anders aus. Aufgrund steigender Produktionskosten, im Gegenzug jedoch sinkender Mietgebühren, die von den Kinos an die produzierenden Studios gezahlt wurden, verloren die Cartoons an Rentabilität. Im Hause Disney mussten die eingesessenen Cartoon-Stars deswegen nach und nach ihre Koffer packen und sich von der großen Leinwand verabschieden. Bereits 1951 traf es die Pluto-Cartoonserie, 1953 verließ der Vierbeiner gemeinsam mit seinem Herrchen Micky die Kinokurzfilmwelt, 1953 legte sich mit How to Sleep auch die reguläre Goofy-Cartoonserie schlafen. Donald waren wiederum drei weitere Jahre auf der Leinwand vergönnt.

Um ab 1954 dennoch mit dem Vertrieb von Vorfilmen Geld zu verdienen (und auch sicherzustellen, dass Disney seine Langfilme stets mit einem eigenen Vorfilm zeigen konnte), wurden 1954 und 1955 auch Segmente aus früheren Packagefilmen wie Make Mine Music ausgekoppelt. Von 1956 an war die Disney-Kurztrickfilmabteilung letztlich nahezu tot. Nur noch vereinzelte Specials fanden den Weg ins Kino, manche von jenen wurden zugleich aber auch im Fernsehen verwertet. Dieses junge Medium war es nun, das Disneys geschätzten Zeichnern zwischen den Meisterwerken Beschäftigung bot.

Ganz von der Kinofläche verschwunden sind die Disney-Altstars jedoch nicht. Donald etwa durfte 1959 im Kino über die Wunder der Mathematik berichten und Goofy hatte 1961 ein kurzes Comeback im Special Aquamania.

Und so äußert sich Aquamanie im Gehirn eines Kleinbürgers ...

Dieser Kurzfilm sollte der letzte klassische Goofy-Cartoon werden, später trat er nur noch in Lehrfilmen wie Freewayphobia und Jahrzehnte später gemeinsam mit seinen alten Kumpanen Micky und Donald auch in Featurettes wie Mickey's Christmas Carol auf. Rückblickend erhält Aquamania durch diesen Umstand eine zusätzliche, besondere Dimension, vereint der Kurzfilm doch die unterschiedlichen Kernformeln der Goofy-Cartoons. Fast so, als sei es eine bewusste Abschiedverbeugung. So war der Film zwar seinerzeit nicht gedacht, dennoch ist es auffällig, wie die Autoren Vance Gerry und Ralph Wright sich für Aquamania bei jeder wichtigen Goofy-Epoche bedienten.

Der Cartoon beginnt mit einem Erzähler, der im besten How to ...-Stil mit trockener Stimme in ein vermeintlich ernsthaftes Thema einführt, nämlich die Aquamanie. Ein Phänomen, so erfährt der Zuschauer, dass zahlreiche Familienväter dazu veranlasst, den geordneten Alltag und ihre Pflichten zu vernachlässigen, um sich statt dessen der motorisierten Bootsfahrt zu widmen. Goofy wird unter dem Namen Mr. X als Exempel für dieses schändliche Steckenpferd herangezogen. Womit sich die Erzählerinstanz langsam zurückzieht. Nachdem Familienvater Goofy sein Motorboot gekauft hat, überredet er seinen Sohn, mit ihm zusammen an den See zu fahren. Auf dem Hinweg gibt es einen kurzen, leicht verplanten Dialog zwischen Sohn und Vater, der eine weitere Goofy-Ära repräsentiert. Am See angekommen landet Goofy unversehens während seiner gemütlich gedachten Runde Wasserski in einem Wasserskirennen. Vom Tempo der Slapstickgags her sind die daraus resultierenden Missgeschicke Goofys nah an den Sportcartoons, doch Goofys Tölpeleien auf Wasserskiern haben zugleich sehr viel vom Humor der Kurzfilme mit dem Trio Infernale Micky, Donald, Goofy. Goofy fährt unter Wasser, nimmt einen Oktopus mit und zieht dabei ahnungslose, meist amüsierte Fratzen. Und, wie es sich für den Goofy der 30er gehört hätte, obsiegt der Tölpel bei all seiner Ahnungslosigkeit.

Die drei Phasen des Cartoons Aquamania

Durch diesen Formel-Mischmasch, dass muss einfach festgehalten werden, wirkt Aquamania bei kritischer Betrachtung nicht wie ein Kurzfilm aus einem Guss. Beginnt er als sarkastischer Cartoon, in dem ein seriös auftretender Erzähler im Sinne von How to Fish und ähnlichen Filmen über ein Hobby berichtet, oder auch in Anlehnung an No Smoking und Motor Mania über "Gefahren" des Alltags unterrichtet, verschwindet dieses Element alsbald, um erst etwas 50er-Goofy-Interaktion zwischen Vater und Sohn und dann reinen Slapstickspaß abzufeuern. Das chaotische und mit gut getimten, herrlich überdrehten Einfällen gespickte Wasserskirennen ist klar das komödiantische Herzstück dieses Kurzfilms, steht aber kaum noch im Zusammenhang mit der den bürgerlichen Alltag bedrohenden, vom Erzähler angesprochenen Aquamanie.

Während Aquamania inhaltlich eine Synthese aus den vorherigen Goofy-Cartoonrezepturen darstellt, ist er visuell ein Ausnahmewerk und zeigt erstmals einen der klassischen Disney-Stars in einem mit der Xerox-Technologie erstellten Film. Zudem ist es erst der zweite Kurzfilm, der mit dieser Arbeitsaufwand und Kosten sparenden Technik fertig gestellt wurde. Zuvor wurde nur Goliath II, der einzige Disney-Kurztrickfilm des Jahres 1960, mittels Xeroxgraphie produziert. Durch diesen Prozess, der die Bleistiftzeichnungen der Animatoren direkt auf Film bannt, wurde das Design etwas rauer und schroffer, erhielt aber zugleich einen noch deutlicheren handgefertigten Look. Im Zusammenspiel mit den reduzierten, mitunter fast schon skizzenhaften Hintergründen von Ralph Hullet (Chip an' Dale) und der simpler gehaltenen Farbpalette erinnert Aquamania eher an Comicbuchillustrationen als an die farbfrohen, plastischen Disney-Cartoons der späten 30er- und der 40er-Jahre. Während sich die Disney-Fans heute darüber die Köpfe einschlagen, ob dieser Look billig, kunstvoll stilisiert oder veraltet ist, wirkte er in den 60ern modern und zeitgemäß. Und obwohl Regisseur Wolfgang Reitherman sich bereits hier in seiner umstrittenen Methodik übte, Bewegungsabläufe aus vergangenen Filmen zu kopieren, ist Aquamania noch immer ein visuell und technisch aufwändigerer Cartoon, als die Limited-Animation-Konkurrenz, etwa aus dem Hause UPA, mit der sich Disney zu jener Zeit messen musste.

Nicht nur durch Xerographie wurde bei Aquamania Zeit eingespart, offenbar gab man auch weniger acht, Goofy "on model" zu halten. Man achte nur auf die Stellung der Zähne und die Breite des Oberkörpers in diesen drei Beispielbildern ...

Am 20. Februar 1961 uraufgeführt, erhielt Aquamania eine Oscar-Nominierung als bester Kurzfilm für die im Folgejahr abgehaltenen 34. Academy Awards. Es war das Jahr, als  Federico Fellini erstmals als bester Regisseur nominiert wurde und West Side Story die meisten Preise abräumte. Das Cartoon-Feld bestand aus Fritz Frelengs The Pied Piper of Guadalupe, in welchem der Kater Sylvester Speedy Gonzales mittels Flötentönen zu schnappen versucht, sowie zwei weiteren Warner-Cartoons. Nelly's Folly handelte von einer singenden Giraffe, die sich nach einer Liebesliasion ohne Arbeit wiederfindet, Beep Prepared führte die ewige Jagd zwischen Roadrunner und dem Kojoten fort. Neben den beiden Chuck-Jones-Filmen war zudem Surogat nominiert. Der kroatische Cartoon über einen Mann, der allerlei absurde, aufblasbare Gegenstände mit an den Strand nimmt, befand sich ästhetisch mit seiner extrem stilisierten Optik auf der Höhe der Zeit und setzte sich erfolgreich gegen die anderen Nominierungen durch.

Mit Aquamania endete nicht nur Goofys Solo-Kinokarriere, sondern auch die Zeit der reinen Unterhaltungsfilme mit den klassischen Disney-Stars. Goofy und Donald sollten nachfolgend zunächst nur noch in Lehrfilmen auftreten, abseits dieser produzierten die Disney-Studios bloß noch wenige, experimentellere Kurzfilme und ab 1966 auch Featurettes mit Winnie Puuh.

Und auch für mich soll Aquamania vorerst einen Schnittpunkt darstellen. Nach rund einem Jahr, in dem ich Disney-Kurzfilme aus dem Schatten der Maus gezerrt habe und euch vorstellte, soll sich meine nächste Artikelreihe innerhalb dieses Projekts mit einem Langfilm beschäftigen. Wobei das Prädikat "Langfilm" in diesem Fall doch sehr diskutabel ist und von der Definition abhängig ist, an der man sich orientiert. Mehr dazu ein anderes Mal ...

Sonntag, 23. September 2012

For Whom The Bulls Toil



Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Da weder Jack Kinney, der Goofy-Experte der Disney-Studios, noch der große Mousestro Walt Disney höchstpersönlich mit den "Foibles Cartoons" zufrieden war, in denen Goofy als Mittelklassejedermann G. G. Geef in Situationskomödien rund um alltägliche menschliche Schwächen verwickelt wurde, musste eine Lösung her. Walt war der neue Goofy zu persönlichkeitsarm, bot zu wenig Identifikationsfläche und war darüber hinaus auch unattraktiv für weitere Verwendungszwecke, wie etwa als Merchandisingfigur, dem mit einem aufgedrehten Sinn für Humor ausgestatteten Kinney boten diese eher bodenständigen Alltagsgeschichten zu wenig komödiantisches Potential.

Ein radikaler Bruch von der neuen Goofy-Formel tätigte Regisseur Jack Kinney gemeinsam mit seinem Bruder Dick Kinney, der in der Storyabteilung tätig war, und dessen Kollegen Brice Mack im Jahr 1952 mit der Film-noir-Parodie How to Be a Detective. Goofy verkörpert darin den Privatdetektiven Johnny Eyeball, der, im Gegensatz zu klassischen How to ...-Cartoons sein Handwerk nicht erst noch lernen muss, sondern es bereits beherrscht. Der Erzähler, natürlich in bester Film-noir-Manier ein richtig kerniger Kerl, erläuterst stattdessen, was zu einem waschechten Detektivdasein dazugehört und dem üblichen Ablauf nach als nächstes passieren wird. Ahmte Donald's Crime einige Jahre zuvor die klassischen Stilmittel des verrauchten Kriminalgenres auf pointierte, donaldhafte Weise nach, werden sie in How to Be a Detective mit ironischem Beiklang benannt und überspitzt. Die Auftraggeberin ist hier eine absolut übertriebene Femme fatale, Jahre, bevor andere Genreparodien die Gesichter der verführerischen Damen verschleierten und ihren Bewegungsablauf auf reines Hinternwackeln und einen gestelzten Gang reduzierten. Während das Intro des Cartoons, der für einen Disney-Film in kurzer Zeit absonderlich viele Gewalttaten darstellt, noch mit Silhouetten von Goofy-Klonen bevölkert ist, befolgt die eigentliche Handlung des Kurzfilms (Johnny Eyeball nimmt gegen den Rat der Polizei einen brenzligen Fall auf und macht sich auf die Suche nach einem ominösen Al) Walt Disneys Wunsch, Goofy wieder zu einer einmaligen Figur zu machen. Kater Karlo tritt als zwielichtiger Cop auf und schon 36 Jahre vor Disneys wohl denkwürdigster Film-noir-Parodie, Falsches Spiel mit Roger Rabbit, übernimmt ein an Disneys Wind in den Weiden angelehntes Wiesel die offenkundige Schurkenrolle.

Tod durch den Strick in How to Be a Detective

Das Herzstück dieses späten Goofy-Cartoons ist eine vollkommen aus dem damals gesetzten, besonnenen Rahmen der Disney-Kurzfilme fallende Autoverfolgungsjagd, die eher einem flotten Tex-Avery-Werk entsprungen sein könnte, inklusive rasanter Verstöße gegen die physikalischen Gesetze. Außerdem erlaubt der Kurzfilm, in welchem der tollpatschige Disney-Star fast wieder wie er selbst klingen darf, statt mit normaler Stimme zu sprechen, Goofy endlich wieder etwas Sprachwitz. Der Gesamteindruck wird nur durch einen halbherzigen Schlusstwist / eine dünne Schlusspointe minimal getrübt.

Brach dieser Kurzfilm sämtliche durch die "Foibles"-Serie gesetzten Konventionen, fanden die zwei abschließenden How to ...-Kinokurzfilme Walt Disneys einen Mittelweg. 1953 lernte der mittelständische Goofy die Kunst des Gesellschaftstanzes und in einem anderen Kurzfilm wurde am Testobjekt Goofy die Geschichte des Schlafes und der Schlafprobleme behandelt. Der hektische Witz der Sportcartoons war weiterhin tabu, allerdings konnte Jack Kinney Goofy für diese zwei Filme auch wieder aus der Rolle des 50er-Jahre-Situationskomödien-Vaters rausholen.

1953, also im letzten Jahr, in dem die reguläre Goofy-Cartoonreihe fortgeführt wurde, feierte außerdem For Whom the Bulls Toil seine Premiere. Der am 9. Mai uraufgeführte Kurzfilm gehört zu den raren Beispielen eines "normalen" Goofy-Cartoons, also zu jenen, die weder der How to ...- und Sport-Reihe angehörig sind, noch der "Foibles"-Reihe. Stattdessen ist es einfach bloß ein Solo-Kurzfilm mit dem Bauerntölpel, den die Kinogänger in gemeinsamen Auftritten mit Micky und Donald kennen gelernt haben. Und  es ist zugleich einer der besten dieser seltenen Sorte.


Der Kurzfilm zeigt Goofy bei einem Autotrip durch Mexiko, welcher dadurch unterbrochen wird, dass es sich ein stattlicher Bulle mitten auf der Straße bequem gemacht hat. Goofy, der das ebenso reizbare wie starke Tier für eine gewöhnliche Milchkuh hält, will es weglocken und provoziert es dadurch. Doch da der optimistische Hohlkopf dies nicht bemerkt, bleibt er ganz locker und kümmert sich um seinen Wagen, während der wütende Stier an Goofy vorbeirauscht. Dies ruft bei den Anwohnern Begeisterungsstürme hervor und alsbald wird Goofy als neuer Stern am Matadorenhimmel gefeiert. Von der erstaunten mexikanischen Bevölkerung in ein traditionelles Outfit gesteckt und eine der größten Arenen des Landes verfrachtet, fällt bei Goofy erst während seines ersten offiziellen Stierkampfes der Groschen – das Chaos ist somit vorprogrammiert.

Obwohl auch dieser Cartoon über einen Erzähler verfügt, lässt sich For Whom the Bulls Toil keinesfalls als How to ...-Kurzfilm einordnen, da der Sprecher bloß kurze einleitende und abschließende Worte verliert und nicht etwa Goofy als Exempel für einen guten Stierkämpfer verwendet. Mit Goofys aus purem Zufall geglückter Auseinandersetzung gegen den seinen Fahrtweg blockierenden Bullen kehrt dafür wieder nach langer Zeit der urtypische Goofy-Humor aus seinen Trio-Auftritten zurück. Bloß dank seiner Einfältigkeit und der daraus resultierenden Gelassenheit sowie einem Quäntchen Glück gelingt es ihm, den Stier zu bezwingen und bei den staunenden Betrachtern den Eindruck eines Stierkampf-Naturtalents zu hinterlassen. Dies entspricht der ursprünglich von Art Babbitt erdachten Typisierung des Goofs und auch die Charakteranimation, an der unter anderem John Sibley maßgeblich beteiligt war, orientiert sich wieder enger am Bauerntölpel-Goofy der 30er, selbst wenn Goofys Gang in For Whom The Bulls Toil nicht derart federnd ist wie etwa im Micky-Donald-Goofy-Klassiker Moving Day


Während dieser späte Ausflug der Disney-Studios ins Land südlich der kalifornischen Grenze also Freunden des Dreißiger-Goofys sehr gefallen dürfte, hat er aus der Perspektive der Political Correctness einen leicht bitteren Nachgeschmack. Dies allerdings nicht wegen der mexikanischen Randfiguren, die der Disney-Konzern ab Mitte der 80er in vielen Wiederveröffentlichungen rausgeschnitten hat. Diese dürften nur den scheinheiligsten Gemütern übel aufstoßen, sehen sie doch schlicht aus, wie menschliche Nebenfiguren in klassischen Disney-Kurzfilmen sonst auch gestaltet sind, bloß mit etwas dunklerem Teint und statt in Bauernkleidung oder geschäftigen Vorstädteranzügen nunmal in Textilien gekleidet, die man eher mit ländlichen Regionen Mexikos assoziieren würde. Ja, diese Figuren sind Karikaturen, aber es sind einfach nur karikierte Menschen und keine despektierlichen Stereotypisierungen von Mexikanern. Sie sprechen korrektes Spanisch (was man in den Cartoons der späten 20er und frühen 30er nicht unbedingt erwartet hätte) und der Song, der für eine Radio-Blitzmeldung bezüglich der Entdeckung des Supermatadoren Goofy unterbrochen wird, ist keine Parodie typischer mexikanischer Musik, sondern schlichtweg ein authentisch klingendes Musikstück. Der Respekt, den dieser Kurzfilm gegenüber der mexikanischen Kultur zollt, geht sogar so weit, dass der Trompetenspieler Rafael Mendez, der für die musikalische Begleitung des Cartoons herangezogen wurde, eine prominente Nennung in der Film-Titelkarte erhielt.

Was For Whom The Bulls Toil aus heutiger Sicht leicht fragwürdig dastehen lässt ist, ironisch genug, eher sein ehrlicher Respekt vor einem Aspekt der spanischen und mexikanischen Kultur. Nämlich vor dem Stierkampf. Der Erzähler erläutert zu Beginn des Films, welche Grazie und Heroik dieser nicht als Sport, sondern fast schon als Kunst verehrten Tätigkeit innewohnt. Diese Aussage wird nicht etwa ironisch gebrochen, sondern durch eine agile, heldenhafte Darstellung eines erprobten Matadoren unterstrichen. Zum Schluss des Cartoons stiftet Goofy zwar Unheil in der Stierkampfarena, der wilde, einfallsreiche Slapstick lässt das Publikum aber über die Ungeschicklichkeit und den unverschämten Dusel Goofys lachen, nicht etwa über den Sport als solchen. Damit steht For Whom The Bulls Toil im Gegensatz zum 15 Jahre zuvor veröffentlichten Ferdinand the Bull, in welchem der Stierkampf weitaus weniger positiv davonkommt und die Matadorenfigur nicht als begnadeter Performer auftritt, sondern als dämlich grinsende Witzfigur – welche, so ganz nebenbei, Studioboss Walt Disney nachempfunden wurde.


oben: Der Matador in For Whom The Bulls Toil, unten: Der Stierkämpfer in Ferdinand the Bull

Im August 1953 kam übrigens ein weiterer Stierkampf-Cartoon in die US-Kinos, und zwar der Bugs-Bunny-Klassiker Bully for Bugs, der einer Anekdote nach dadurch entstand, dass Produzent Edward Selzer unmissverständlich klar machte, dass Chuck Jones und sein nach neuen Ansätzen für Bugs-Cartoons bloß nicht auf die Idee kommen sollten, was mit Stierkämpfen zu machen. Diese empfand Selzer als alles andere, als witzig. Und schon war Jones und seinen Leuten klar, was sie ins Auge fassen mussten. Wenige Jahre zuvor betätigte sich zudem auch Droopy als Stierkämpfer. Dieser kleine thematische Trend lässt sich womöglich damit erklären, dass Ende der 40er bis in die späten 50er hinein dieser Sport vermehrte Aufmerksamkeit erhielt. In Spanien kam es zum medienstarken Wettlauf zweier Stierkampf-Stars um mehr Ruhm und einige mexikanische Stierkämpfer erlangten durch Filmrollen auch in den USA große Popularität, und diese zwischenzeitliche Anerkennung des Stierkampfs dürfte wohl auch den Wertungsunterschied zwischen For Whom The Bulls Toil und Ferdinand the Bull geprägt haben.


Hinter den Kulissen erwies sich For Whom The Bulls Toil derweil als erste Bewährungsprobe des Hintergrundmalers Eyvind Earle. Der gebürtige New Yorker machte durch seine experimentell-modernen, verwinkelten Hintergründe für diesen Cartoon auf sich aufmerksam und durfte seinen bereits hier erkennbaren Stil bald darauf noch stärker in den Cinemascope-Cartoon Toot, Whistle, Plunk and Boom, den Donald-Duck-3D-Film Working for Peanuts, den stilisierten Kurzfilm Pigs Is Pigs oder auch den speziell auf Cinemascope ausgelegten Donald-Spaß Grand Canyonscope einbringen. Nicht zuletzt meißelte er mit seiner Designarbeit für Dornröschen seinen Namen in die Disney-Historie ein.

Der moderne Look eines Eyvind Earle, aber auch die stark limitierte Stilistik der Disney immer gefährlicher werdenden UPA Studios, sollte letztlich auch zum größten Erkennungsmerkmal von Goofys zweitem für den Oscar nominierten Cartoon werden. Aber dazu nächstes Mal mehr ...

Samstag, 1. September 2012

Motor Mania


Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Dadurch, dass Walt Disney an der Schöpfung zahlreicher zeitloser Filme und Orte maßgeblich beteiligt war und sein Name stolz über seinem Erbe prangt, ist der Farmersjunge wenig überraschend auch mehrere Jahrzehnte nach seinem Tod das Zentrum ewiglich andauernder Debatten darüber, wie seine ehrliche Meinung über sein Schaffen lautete. In hübschen, regelmäßigen Abständen wird wahlweise Pinocchio, Dumbo oder Bambi zu seinem persönlichen Favoriten unter den Produktionen der von ihm gegründeten Zeichentrickstudios deklariert, und auch die Rangfolge, in der er seine klassischen Trickhelden betrachtete, lässt Disney-Fans bis heute nicht kalt. Dass Walts freundliches Alter Ego Micky Maus, der Grundstein seines Erfolges, von niemandem übertroffen wird, dürfte als unbestrittener Fakt gelten. Aber der Rest ist gern getätigtes Indizienlesen.

So besteht die Legende, dass Walts Frau Lillian eine Abneigung gegenüber Donald Duck hatte, weil er die Aufmerksamkeit von Walts wichtigster Schöpfung Micky ablenkte. Eine weniger verbreitete Weiterführung dieser Behauptung besagt, dass auch Walt so über den Schnatterich dachte, doch da er verbissen für zahlreiche Einsätze Donalds kämpfte und ihn als den größten Star seiner Studios, als seinen Clark Gable, bezeichnete, scheint dies eher unwahrscheinlich.

Eine weitere störrisch kursierende Behauptung lautet, dass Walt Goofy regelrecht gehasst habe und als eine schwache, uninteressante Figur betrachtete. Die bekannteste Quelle dieser These ist das Werk Walt Disney: The Triumph of the American Imagination von Disney-Chronist Neal Gabler. Dort heißt es:

"Walt hasste die Goofy-Cartoons vollkommen, drohte andauernd, sie einzustellen und rückte bloß davon ab, um eine Beschäftigung für die Zeichnern zu haben — ein weiteres Beispiel für Walts Unsicherheiten, wenn er unter finanziellem Druck stand."

Ein harsches Statement. Jedoch sollten es sich Liebhaber des schlaksigen Hundemenschen nicht zu sehr zu Herzen nehmen, denn es ist nicht vollauf akkurat. Es entspricht der Wahrheit, dass Walt Disney nicht durchweg zufrieden damit war, wie Goofy verwendet wurde. Ironischerweise hat Walt den Stand seines Sorgenkinds letztlich nur verschlimmbessert. Am besten, wir gehen der Reihe nach:

Die Entwicklung Goofys vom trotteligen, herzensguten Dummbatzen der 30er-Jahre zu einer austauschbaren Persönlichkeit inmitten von Jack Kinneys wildem Sportchaos schritt nach und nach an, während Walt Disney seine Aufmerksamkeit zwischen den Ausbildungs- und Propagandafilmen zum Zweiten Weltkrieg und den abendfüllenden Produktionen teilte. Jack Kinney schraubte die noch stärker mit der ursprünglichen Goofy-Persönlichkeit bedachten How to ...-Filme also ohne größeren Einfluss Walt Disneys zu den rasanten Cartoons im Stile von Hockey Homicide. Einspruch des großen Maestros gab es jedoch auch nicht.

Als Walt Disney wieder größeres Augenmerk auf die Kurzfilme richtete, urteilte er, dass jegliche Sportarten, die sich für Slapstick-Cartoons eignen, bereits abgehakt wurden, und dass Goofy deswegen wieder in neuer Form auftreten müsse. Für diese hatte er zwei Forderungen: Goofy, der bloß noch eine Projektionsfläche für Kinneys Sportgags wurde, in Massen auftrat und jegliche Persönlichkeit zeigen konnte, die nötig war, sollte wieder einen festgelegten Charakter haben, so dass sich Zuschauer mit ihm identifizieren konnten. Deshalb sollte Goofys neues Wesen auch zeitgemäßer werden, als das des 30er-Goofs. Walts Idee war eine neue Reihe an Cartoons, die sich dieses statt mit Sportarten mit den menschlichen Schwächen beschäftigt, welche an einem mit Persönlichkeit versehenen Goofy demonstriert (und gegebenenfalls von ihm bekämpft) werden.

Das erste Ergebnis dieses 1948 vorgetragenen Konzeptentwurfs war Motor Mania, ein Kurzfilm über irrationale Raserei, der am 30. Juni 1950 erstmals aufgeführt wurde.

Poster zum Klassiker in US-Fahrschulen. Auch Freewayphobia und Goofy's Freeway Trouble aus dem Jahr 1965 wurden für Jahrzehnte zu beliebtem Lernaterial für Fahrneulinge

In diesem lernen wir Goofy, nun ohne seine Schlappohren, mit kerzengerader Körperhaltung und ohne seine vorstehenden Riesenzähne, als Mr. Walker (Herr Leisetritt in der deutschen Synchro) kennen. Er hat ein hübsches, suburbanes Familienhaus sowie einen ansehnlichen Wagen. Dieser übt auf den friedvollen, leisen Mann eine schreckliche Macht aus: Kaum sitzt er am Steuer, mutiert der kontrollierte Durchschnittslangweiler zu einem rücksichtslosen Raser, der sich auf Rennen, mutige Fahrmanöver und allerlei gefährliche Aktionen einlässt. Ob Fußgänger, Verkehrsregeln oder andere Autofahrer, niemand ist vor ihm sicher.

Motor Mania ist wesentlich gemächlicher als die späteren Jack-Kinney-Sportcartoons, aber zugleich noch immer schneller in seiner Gagabfolge, als die Micky-Maus-Cartoons seit Beginn der 40er oder auch sehr frühe Goofy-Sportcartoons wie The Art of Skiing, in denen jede Pointe noch sehr sorgsam und zeitaufwändig aufgebaut wurde. Die gnadenlose Übertreibung bei der Charakterisierung sowohl des friedfertigen Fußgängers als auch des mörderischen Rasers ist sehr pointiert geraten und auch die dreisten Aktionen der fahrenden, gesengten Sau lösen einige Schmunzler aus. Ein Kurzfilm, der einen lauthals auflachen lässt, ist Motor Mania nicht, dafür rückt die charakterstarke Figurenanimation wieder etwas stärker in den Fokus.

Walts Ziel, Goofy somit wieder eine Persönlichkeit einzuhauchen, erreichte Motor Mania derweil nicht. Den "alten" Goofy, aus der Zeit vor Kinneys wildesten und besten Cartoons, kann man aus dem Goofy in Motor Mania nicht im Geringsten rauslesen, auch nicht in einer modernisierten Version. Außerdem ignoriert das Team um Kinney hier Walts Wunsch, Goofy nicht mehr zu einem unter Vielen mit dem selben Gesicht zu machen, genauso wie die Teamsportarten-Cartoons besteht zeigt Motor Mania eine Welt, bevölkert von Goofy-Klonen.


An diesen beiden Aspekten wurde in den Folgemonaten und -jahren gearbeitet. Als G. G. Geef erhielt Goofy eine neue Identität als vorstädtischer Durchschnittsbürger von mittlerer Intelligenz und leichtem Hang zur Schusseligkeit, wodurch in weiteren Cartoons unter der dicken Schicht des bemühten "Allerweltsmenschen" wieder ein Hauch des klassischen Goofys durchschien. G. G. Geef wurde darüber hinaus noch stärker von Goofys vorheriger Inkarnation abgegrenzt: Sein menschliches Umfeld war nicht mehr durchweg eine Ansammlung von Kopien seiner selbst und, in einem absolut disneyuntypischen Zug, wurde Goofy aka G. G. Geef 1951 in Fathers Are People näher an den Durchschnittserwachsenen herangerückt, indem er einen Sohn verpasst bekam. Junior blieb bestehen und forderte die Belastbarkeit des Nervenkostüm seines Vaters auch in weiteren Cartoons heraus.

Es ist durchaus eine faszinierende Entwicklung, die aus einem juxenden Bauerntölpel über die Jahrzehnte die zentrale Figur von Sportchaos machte und dann einen Durchschnittsbürger, anhand dem Alltagsprobleme wie Diäten, der Versuch, das Rauchen aufzugeben, Erziehungsprobleme oder Spielsucht karikiert werden. Sie verläuft ähnlich dem Wandel der Disney-Studios, die als Truppe Unterhaltung schaffen wollender Farmersbuben anfing und schlussendlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Aus der abschließenden Ära der Goofy-Kurzfilme stammt das sich bis heute durchziehende Missverständnis, Walt Disney sei Goofy abgeneigt gewesen. Denn in diesen kurzen Situationskomödien erschien ihm die Persönlichkeit Goofys zu austauschbar, zu schwach – Schwarz auf Weiß klingt es so, als wäre Walt Disney einfach nicht zufrieden zu stellen, aber es ist eine nachvollziehbare Kritik. In Kinneys Sportcartoons war die Masse an Goofys alsbald völlig charakterbefreit, dafür hatte der Humor dieser Kurzfilme seine ganz eigene, hitzige Attitüde. Mit G. G. Geef betrat eine Version Goofys die Bühne, die mit ihrem Charakter die Kurzfilme steuern sollte, der Humor solcher Kurzfilme wie Tomorrow We Diet war eine ausgebremste, ruhigere und weniger sarkastische der How to ...-Kurzfilme, wodurch es weiterhin einzelne, richtig spritzige Gags zu bestaunen gab. Aber der vermeintliche Fokus, der neue Goofy, hatte keine Ecken und Kanten mehr, war ein absoluter Jedermann.

Wie Kinney dem Animationshistoriker Michael Barrier erklärte, war auch er mit diesen Filmen unzufrieden und befand, dass Goofy nicht die richtige Hauptfigur für sie war:

"Walt kam aus irgendeinem Grund auf diesen psychologischen Kick und ich musste Filme machen, die ich nicht wirklich machen wollte. Ich sagte zu ihm, 'Jesus, Walt, wenn du das tun möchtest, dann mach es mit einer menschlichen Figur, nimm den Hundekopf weg.' Er antwortete: 'Ja, lasst uns das ausprobieren.' Rund eine Stunde später rief er zurück: 'Nein, nein, der Goof ist etabliert, die Leute kennen ihn.' Doch diese Filme waren Desaster, und zwar, weil ich nicht hart genug für sie gekämpft habe."

Es ist also ein Irrtum: Walt hasste nicht Goofy per se, er war allerdings sehr frustriert, dass die von ihm bevorzugte, charakterorientierte Herangehensweise, bei dieser Figur nicht (mehr) funktionierte. Die mit anonymen Goofy-Massen ausgestatteten Sport-Cartoons wurden eingestellt, weil das Material ausging, die Neuorientierung sollte nach Walts Wünschen erfolgen – doch sie erzeugte nur Sehnsucht nach weiteren How to ...-Einträgen, welche 1952 und 1953 in begrenzter Stückzahl zurückkehrten.

Sonntag, 12. August 2012

How to Play Football


Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.


Nachdem 1940 mit Goofy's Glider die How to ...-Reihe begründet wurde, in der Goofy zur Demonstration diverser Sportarten und Tätigkeiten herangezogen wurde, nahm sich das Team rund um Jack Kinney dem Skifahren, Reiten, der Kunst der Selbstverteidigung, Schwimmen, Angeln, Leichtathletik, Segeln und Golf an. 1942 betrat man zudem Neuland, indem How to Play Baseball in Form eines Baseball-Lehrvideos (inklusive chaotischer "Übersichts"diagramme) eine Begegnung zweier Ballsportmannschaften zeigte, bei der jeder einzelne Spieler von Goofy dargestellt wurde. Somit begann Goofys Karriere als austauschbarer, tölpelhafter Jedermann, die im von der Benzinknappheit während des Zweiten Weltkrieges inspirierten Victory Vehicles fortgeführt wurde, wo jeder Bewohner einer Stadt ein minimal veränderter Goof ist.

 Das Poster zum Film

1944 folgte How to Play Football, den viele Animationsliebhaber als einen von Kinneys besten Kurzfilmen loben. Zugleich ist es auch einer der seiner Thematik gegenüber am kessesten auftretenden: Bereits in den ersten Sekunden macht sich der Film durch seinen Erzähler darüber lustig, dass zum Football eine wilde Meute von Fans, zahllose Sanitäter, Fotografen, Maskottchen, Cheerleadern ... und irgendwann halt auch zwei Mannschaften gehören. Die Regeln werden sogleich von der riesigen Masse an Fans übertönt, so zweitrangig sind sie. Zum Ende des im Film gezeigten Spiels ist der Trainer reif für die Irrenanstalt, während der Kommentator seinen Scharfsinn auslobt.

Das Subjekt des Kurzfilms ist jedoch nicht Profi-Football, sondern College-Football, was die damalige Wertung des Ballsports reflektiert: In den Vierzigern war Baseball noch der US-Nationalsport Nummer eins, gefolgt von Boxen und Reiten, während Profi-Football noch eine Randsportart war, während sich in College-Städten die Partien der Studentenmannschaften durchaus großer Beliebtheit erfreuten.

Das frenetische, kaum eine Pause zwischen den Tollpatschigkeiten der Goofys und den Irrsinnigkeiten des Erzählers lassende Slapstickspektakel erlaubte sich auch zahlreiche Insidergags, die zu einem Standard in Disney-Kurzfilmen über Teamsportarten werden sollten. So decken sich die Spielernamen mit Namen aus den Disney-Studios. In How to Play Football sind die prominentesten Disney-Angestellten, die so zu kurzem Ruhm gelangen, Kurzfilmregisseur Clyde Geronomi (dessen 1941 veröffentlichter Micky-und-Pluto-Kurzfilm Lend a Paw einen Oscar gewann), der gestalterische Künstler Don DaGradi (der in Victory Vehicles die verrückten Fortbewegungsmittel erfand), der begnadete Goofy-Zeichner John Sibley und Autor Roy Williams, der später als großer Mousketeer im Mickey Mouse Club vor die Kamera treten sollte.


Mit seinem Nonstop-Humor bescherte How to Play Football Goofy seine erste Oscar-Nominierung. Bei der 1945 abgehaltenen, 17. Verleihung der Academy Awards war es die einzige nominierte Disney-Produktion, sie unterlag jedoch dem Tom & Jerry-Kurzfilm Mouse Trouble, in welchem Tom (zumindest bis zum Beginn des nächsten Cartoons dieser Reihe) das Zeitliche segnet.

Nach How to Play Footaball brachen die DIsney-Studios die Formel der Goofy-Cartoons wieder etwas auf. Neue Kurzfilme Kinneys wie der 1945 veröffentlichte, Safari-Abenteuer versprühende African Diary und die Wild-West-Parodie Californy'er Bust setzten ebenfalls auf einen Erzähler und die Diskrepanz zwischen dessen würdevoller Attitüde und dem schlacksigen Goofy, allerdings stellten diese Cartoons keine Lehrfilm-Parodien mehr dar. Mit Eishockey (Jack Kinneys Hockey Homicide, 1945) und Basketball (Jack Hannahs Double Dribble, 1946) wurden noch zwei weitere Teamsportarten durch den Kakao gezogen. Auch Hannahs A Knight for a Day erinnerte stark an den Stil der How to ...-Reihe, darüber hinaus aber wurde Goofy wieder mit Donald zusammengesteckt (Jack Hannahs No Sail & Frank Duck Brings 'em Back Alive sowie Bob Carlsons Crazy with the Heat).

1948 und 1949 nahmen sich jeweils Hannah (Pferdewetten, They're Off) und Kinney (Tennis in Tennis Racquet, Muskeltraining in Goofy Gymnastics) mit leichten Abwandlungen der alten How to ...-Formel an, dann jedoch sollte die Sportära Goofys vorerst eingemottet werden. Dass sowohl die zentralen Themen der Goofy-Cartoons, als auch deren Humor in den Fünfzigern neue Formen annahm, geschah auf Wunsch von Walt Disney persönlich. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe dieser Reihe ...

Samstag, 21. Juli 2012

Goofy's Glider


Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Zahlreichen klassischen Disney-Figuren lassen sich sogleich mehrere geistige Väter zuordnen. Selbstredend dürfte niemand Walt Disney seinen Beitrag zur Erfindung von Micky Maus absprechen, doch ohne Hochgeschwindigkeitszeichner Ub Iwerks hätte es den Disney-Urhelden nie gegeben. Darüber hinaus darf keineswegs Floyd Gottfredson übergangen werden, der Micky für die Comicwelt neu erschuf und aus ihm den gewieften Abenteurer und Detektiv machte, den erwachsene Micky-Fans dem leichtsinnigeren Komikermäuserich einstimmig vorziehen. Carl Barks nahm den Wüterich Donald Duck und ließ ihn im Comicformat aufregende Ereignisse durchleben, die ihm in den kurzen Cartoons verwehrt blieben. Später gründete der Comicautor und -zeichner ein bis heute blühendes und weiter wachsendes Entenuniversum, das Ausmaße hat, die den Cartoonautoren wohl niemals in den Sinn gekommen wären. Auch Goofy hat mehr als einen geistigen Vater. Im Rahmen dieser Artikelreihe wurde bereits erwähnt, dass Art Babbitt Goofys Charakter und Aussehen bedeutend mitprägte, doch mit seiner Charakteranalyse war längst nicht die Form gefunden, die für Generationen von Trickliebhabern sinnbildlich für einen typischen Goofy-Cartoon steht. Erdacht, geformt und perfektioniert wurde diese von Jack Kinney. Der Trickzeichner mit dem wilden Humor wechselte zu Beginn der Vierziger ins Regiefach und nahm sich dort der Aufgabe an, die Kurzfilmreihe rund um den schlappohrigen Tölpel zu stützen.

Um den Herausforderungen an dieser Figur, die in den Augen vieler Studiokünstler einzig als Nebenrolle funktionieren konnte, gerecht zu werden und auch darüber hinwegzutäuschen, dass sein Sprecher Pinto Colvig das Studio verließ, ersann Kinney das Konzept eines Kurzfilms, in der Goofy eine Tätigkeit erlernen will und die dazu nötigen Handgriffe von einem kompetent klingenden Erzähler haarklein und unmissverständlich erläutert bekommt. Typisch Goofy würde er diesen Anweisungen nicht nur mit ulkiger Körperhaltung folgen, sondern sie auch ganz und gar umständlich, dämlich und/oder einfach nur unfähig durchführen. Der erste dieser Cartoons sollte zeigen, wie sich der Tölpel der Segelfliegerei annimmt und dabei allerlei sonderbare Kniffe anwendet: Goofy's Glider

Das Original-Kinoposter zum Kurzfilm, der am 22. November 1940 seine Premiere feierte und so eine neue Goofy-Ära einläutete

Somit war der How to ...-Cartoon erfunden, auch wenn sich dieser Titel erst mit dem zweiten Teil, dem 1941 als Segment von The Reluctant Dragon veröffentlichten Kurzfilm How to Ride a Horse, durchsetzte. Dennoch führt Kinneys erste Regiearbeit mit Goofy bereits in frischer und frecher Form die Stilmittel ein, die in den Folgejahren zu den großartig funktionierenden Standardelementen der Goofy-Cartoons werden sollten. Das Tempo ist nicht so frenetisch wie in späteren Cartoons, wo Kinney (der mitunter als Disneys ganz eigener Tex Avery beschrieben wird) das Gagfeuerwerk mit einer wesentlich höheren Frequenz abfeuert, dennoch ist Goofy's Glider ein toller Neuanfang für Goofy, der auch nach Jahrzehnten nichts an Witz verloren hat. Die Erläuterungen darüber, wie Hobbypiloten ihren Segelflieger in die Lüfte erheben können, erfolgen akkurat und mit distinguierter Klangfarbe, wodurch sich eine unwiderstehliche Dichotomie zu Goofys banaler Durchführung bildet: Er hält seinen Segelflieger wie einen Drachen, er fährt energisch Fahrrad und verliert dabei den bereits abhebenden und sich so von ihm lösenden Flieger aus den Augen, er bastelt sogar aus Unterwäsche ein Katapult. Sobald Goofy endlich fliegt, steht er zuerst Kopf, was der gelassene Simpel erst nach dreifacher Überprüfung seiner Lage bemerkenswert findet.

Während in den deutschen Goofy-Cartoons erst später eine feste Stimme für den seriösen Erzähler gefunden wurde, prägte im Original für viele Jahre John McLeish die How to ...-Reihe. Wie so oft war dies eine Zufallsentdeckung: McLeish stieß während der Produktion von Fantasia zu den Studios, wo er an der Handlung des Le Sacre du Printemps-Segments mitwirkte. Mit seiner hohen Bildung und seiner würdevollen Stimme fiel dieser Neuankömmling studiointern auf, und dem Goofy-Team kam der Gedankenblitz, ihn ohne Kenntnisse des eigentlichen Filminhalts die erzählertexte für Goofy's Glider einsprechen zu lassen, um auszutesten, ob dies der ideale Ansatz für den Cartoon wäre. Sie stießen auf eine humoristische Goldmine, weshalb der (danach eingeweihte) McLeish immer wieder in die Aufnahmebox berufen wurde, um seinen ernsthaften Tonfall für die Disney-Cartoonspinnereien herzugeben.


Es ist aber nicht allein der bloße Widerspruch zwischen Bild und Ton, der den Humor von Goofy's Glider  ausmacht, selbst wenn dieser Dauergag ein echter Selbstläufer ist, weshalb er sogar lange, nachdem Disney seine Cartoonproduktion einstellte, unzählige Male kopiert wurde (zum Beispiel in Bullys Der Schuh des Manitu). Auch die zwar heitere, nicht jedoch betont witzige Musik von Charles Wolcott (Drei Caballeros, Onkel Remus' Wunderland) unterstützt den spritzigen Charme des Cartoons, der selbstredend nichts ohne die Leistung der Disney-Trickzeichner wäre, welche Goofy mit einem sympathischen Mangel an Durchblick ausstatten und so mehr aus diesem Cartoon machten, als mehrere Minuten mit einem komisch laufenden Tricktier.

Goofy's Glider markiert deswegen nicht nur auf der inhaltlich-stilistischen Ebene eine Entwicklung hinweg von Babbitts Goofy dar, sondern auch auf der Ebene der Charakteranimation. Wie schon in Goofy and Wilbur sind einige der besten Sequenzen von Woolie Reitherman, der den Titelhelden sehr simpel, jedoch auch mit sehr bestimmt gewählten Posen animierte, die in ihrem Schwung und ihrer Vitalität den Gag klar stützten und zugleich die karikaturhafte Persönlichkeit Goofys bewahrten. Babbitt, der in Goofy and Wilbur dennoch weiterhin gute Arbeit ablieferte, fiel dagegen in diesem Cartoon auf "seiner" Starrolle erstmals negativ auf. Babbitts Szenen stechen arg heraus, da er Goofy fünf Finger an jeder Hand gab und den Schwerpunkt des Bewegungsablaufs partout auf die Schultern verlegte, während Reitherman und John Sibley eine die Missgeschicke des Goofs konterkarierende, optimistisch geschwellte Brust als neue körperliche Charakteristik wählten. Darüber hinaus sind Babbitts Sequenzen Beispiele für eher schludriges Nachzeichnen von real gedrehtem Filmmaterial, wodurch Babbitts Goofy klobiger erscheint als die Zeichnungen seiner Kollegen. Dennoch sind Babbitts Szenen, darunter der Tanz rund ums Unterwäschekatapult, weiterhin pointiert – nicht jedoch genug, um für Unstimmigkeiten in den Disneystudios zu sorgen.


Jack Kinney war mit Babbitts Leistung unzufrieden, weil dieser allerdings darauf bestand, seinen eigenen Weg weiterzuverfolgen, überließ der Regisseur Babbitt nahezu die vollständige Hauptzeichenarbeit am Kurzfilm Baggage Buster. "Das sollte ihn für eine Weile friedfertig stimmen. In der Zwischenzeit konnte ich zwei, drei oder vier Goofy[-Cartoon]s machen, ohne dass er sie verkackt", zitiert Trckhistoriker Michael Sporn den Cartoonregisseur, der in seiner Meinung auch von Walt Disney bestätigt wurde. Nachdem dieser Babbitts Arbeit an Baggage Buster sah, sendete er Wilfred Jackson ein Memo mit der Aussage, er solle bei der Co-Regiearbeit an Dumbo ein besonders scharfes Auge auf Babbitt werfen:

"[...] wir sollten dem Kerl kein freies Geleit geben, so dass er uns so steifes, altmodisches Zeug liefert wie mit dem Goof in Baggage Busters [sic!]. Babbitt ist fähig, gute Ergebnisse zu erzielen, wenn man sehr eng mit ihm zusammenarbeitet und ihm nicht zu viel Freiheit lässt. Er ist ein sehr sturköpfiger Rabauke, aber wir müssen ihn dringend aus dieser Haltung rausbekommen, in der er sich befindet."

Babbitt hielt es jedoch nicht lange bei Disney (seine Position im Disney-Streik, die anschließende Kündigung sowie seine Klagen gegen Disney, die ihm kurzfristig eine Neuanstellung im Studio bescherte könnten ganze Bücher füllen), während Kinney mit Goofy nachfolgend nahezu Narrenfreiheit genoss. Walt Disney segnete die Kurzfilme zwar weiter ab, ließ die Teams aber an der längeren Leine, weil ihm andere Projekte wichtiger erschienen. So konnte Kinney seinen Humor weiter feinschleifen. Mehr dazu im nächsten Teil dieser Reihe ...

Samstag, 30. Juni 2012

Goofy and Wilbur


Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Ende der 30er änderte sich der Stand der Disney-Cartoons. Einerseits, weil mit der Produktion abendfüllender Zeichentrickfilme begonnen wurde, andererseits aber auch, weil Mickys Co-Stars Donald, Goofy und Pluto beim Publikum an Popularität gewannen und auch innerhalb des Studios als immer attraktiver galten. Somit wurden Teams abgesteckt, die sich speziell um Kurzfilme mit Donald oder auch Pluto in der Hauptrolle kümmerten. Während diese beiden schon 1937 ihre eigene Filmreihe erhielten, erschwerten mehrere Faktoren den Start einer eigenen Goofy-Reihe. Erst am 17. März 1939 konnten US-Kinogänger den Tollpatsch in seinem ersten Solo-Auftritt ohne Unterstützung bekannter Disney-Schöpfungen bewundern: Goofy and Wilbur.

Original-Kinoplakat zu Goofy and Wilbur. Man bemerke den Hinweis auf "Mickey Mouse"

Obwohl Art Babbitt ein ausführliches Essay über die Persona Goofys verfasste, welches schließlich Wunder bei der Verwendung dieser Figur in ihren gemeinsamen Filmen mit Micky und Donald wirkte, herrschte Ratlosigkeit unter den Disney-Gagautoren und -Zeichnern, wie Goofynicht bloß eine Nebenhandlung, sondern einen kompletten Kurzfilm stemmen könnte. Denn der liebenswerte Naivling funktionierte in seinen bisherigen Auftritten am besten, wenn er eine simple Aufgabe schlichtweg nicht bewältigen konnte, sei es, weil er den naheliegenden Lösungsansatz nicht fand oder absurde Umwege ging.

Während Autoren wie Carl Barks und Regisseur Jack King Möglichkeiten sahen, rund um Donalds Temperament und Missgeschicke ganze Kurzfilme aufzubauen, und sich in den Studios bereits viele auf pointierte Geschichten mit Pluto spezialisierten, konnte man nichts mit dem Konzept "Goofy als Star" anfangen. Erschwerend kam hinzu, dass es 1937* nach den Tonaufnahmen zu The Lonesome Ghosts zu einem Ausfall zwischen Walt Disney und Pinto Colvig, Goofys Sprecher und die Inspiration zum Disney-Underdog, kam. Wie unter anderem in der Walt-Disney-Biographie von Neil Gabler berichtet wird, beschwerte sich der in den Studios nicht gerade unterbeschäftigte Colvig (er sprach auch Schweinchen Schlau in Three Little Pigs sowie zwei der sieben Zwerge in Schneewittchen und war als Autor und Regisseur in der Cartoon-Abteilung tätig) über mangelnde Bezahlung. Dies artete in hitzige Debatten aus, nach denen Walt Disney einen klaren Strich zog: "Er ist einfach nur ein Clown und nicht die Art Zeitgenosse, die wir brauchen, um unsere Produktion am Laufen zu halten", berichtet Walt in einem Brief an seinen Bruder Roy, der dazu führte, dass Colvigs Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde. Es wird aber nicht allein die Bitte um ein höheres Gehalt sein, die Colvig seine Stellung gekostet hat. Auch Donald-Sprecher Clarence Nash bat um mehr Geld, wurde dafür von Walt jedoch nur in einem familiären Tonfall ausgeschimpft. Es war auch Colvigs Tonfall, der Walt Disney missfiel: "Er winselt mich voll, seit er hier angestellt ist. [...] Ich brauche seine Stimme für den Goof nicht so dringend, als dass ich ihn länger ertragen müsste."

*Manche Quellen datieren diesen Streit erst auf 1939, möglicherweise, weil in diesem Jahr Goofy and Wilbur startete. Die unter anderem bei Disney-Archivist Dave Smith getätigte Behauptung, Colvig und Walt trennten 1937 ihre Wege, erscheint mir jedoch schlüssiger und ist vor allem durch die detailliertere Schildung im Kontext von Lonesome Ghosts etwas glaubwürdiger.

Im Anschluss an Colvigs Entlassung konnten sich die Disney-Künstler in den Trio-Cartoons noch damit behelfen, alte Tonschnipsel wieder zu verwerten. Für einen Goofy-Soloausflug war dies dagegen eine arge Herausforderung, so dass letztlich Ersatz für Colvig hermusste. Mit dem Cartoon Goofy and Wilbur wagten die Disney-Studios dann auch einen Neuanfang für Mickys trotteligen Kumpel. Zwar wurden Colvigs charakteristischste Goofy-Aufrufe wiederverwertet, zugleich aber wurde auch George Johnson darum gebeten, Colvigs Tonfall nachzuahmen und neue Zeilen einzusprechen. Die Regie für den Kurzfilm führte Donald-Mitschöpfer Dick Huemer, der sich in Lonesome Ghosts als grandioser Goofy-Zeichner bewies und auch den Cartoon The Whalers leitete, in dem sich Donald und Goofy ohne ihren Mäuserich von Freund herumschlugen.


Goofy and Wilbur zeigt den sachte aufsteigenden Disney-Star bei seiner außergewöhnlichen Auslegung des Freizeitsports Angeln: Er fährt mit seinem Freund, den Grashüpfer Wilbur, auf einen Teich und setzt ihn als lebenden Köder ins Wasser, wo er sich den Fischen preisbietet. Dann hüpft das kecke Kerlchen durch ein Fischernetz, durch das die Fische nicht passen. Die vitale Animation Wilburs, die die frohe Attitüde vieler Silly Symphonies mit dem Slapstick der sonstigen Disney-Cartoons vereint, macht Goofys ersten eigenen Cartoon bereits zu einem kleinen Hit, zudem gehört er zu den abwechslungsreicheren Kurzfilmen seiner Zeit. Frühere Micky-Kurzfilme etwa hätten diese eigenartige Weise des Fischefangens mehrfach wiederholt, vielleicht von einer anderen Musik untermalt. Doch Wilburs und Goofys Methode geht alsbald schief, so dass Goofy zunächst versucht, mit dem von einem Fisch verschluckten Wilbur zu kommunizieren, und kaum ist Wilbur aus dieser Lage gerettet, bringt er sich erneut in Schwierigkeiten, was Goofy auf eine Verfolgungsjagd schickt, bei der die Zeichner zeigen können, zu welcher physikalischen Comedy der Goof fähig ist.

An diesem Kurzfilm lässt sich sowohl ablesen, inwieweit die Künstler in den Disney-Studios den aus heutiger Sicht typischen Goofy-Witz schon beherrscht haben, und inwieweit man Goofy gegenüber noch reserviert war. Die Aufmerksamkeit teilt sich Goofy zu ungefähr gleich großen Stücken mit Wilbur, was sowohl ein Sicherheitsnetz darstellt, sollte Goofy auf eigenen Beinen beim Publikum weniger ankommen als Micky und Donald, als auch eine willkommene Möglichkeit, sich nicht zu viele Gags mit ihm ausdenken zu müssen. Goofy "telefoniert" mit einem Fisch und ahmt auf schlacksig-gelenkige Weise verschiedene Tiere nach – ulkige Bewegungen funktionierten schon früh bei dieser Figur und sollten später an Bedeutung gewinnen. Aber Goofy and Wilbur verfügt auch über klare Charakterzeichnung: Goofy sind seine Freundschaft für sowie seine Sorgen um Wilbur klar abzulesen und bereits das Konzept des Cartoons trifft die zuvor festgelegte Charakterisierung Goofys exakt auf den Kopf, differenziert sich deutlich davon, wie Micky oder Donald vorgehen würden.

Für einige der ausdrucksstärksten Bewegungsabläufe Goofys ist bei diesem Cartoon auch nicht Art Babbitt verantwortlich, sondern Wolfgang Reitherman, dessen Goofy-Zeichnungen in Clock Cleaners hohe Achtung erlangten, weshalb er auch für Goofy and Wilbur eingeteilt wurde. Zeichnete "Woolie" vorrangig Goofys Dialog mit Wilbur sowie die Gefühlsausbrüche Goofys, übernahm Babbitt unter anderem die Verfolgungsjagd mit dem Frosch, der Wilbur verschluckt hat.


Es ist nicht schwer, Disney-Liebhaber zu finden, welche die als "Walt Disney Meisterwerke" deklarierten, abendfüllenden Zeichentrickfilme als Königsklasse des Disney-Erbes verstehen während sie die Kurzfilme als vergleichsweise unbedeutend betrachten. Aber es ist keine universell gültige Betrachtungsweise. Disney-Legende Dick Huemer etwa war bei den Kurzfilmen wesentlich glücklicher. In der Interview-Sammlung Working with Walt  äußert Huemer, wie stolz er auf seine Kurzfilm-Regiearbeiten The Whalers und Goofy and Wilbur ist, und dass er es bedauert, Walts Wünschen gefolgt zu haben: "Ich hätte dabei bleiben sollen, bei Kurzfilmen Regie zu führen, aber Walt versetzte mich zu[r Produktion von] Pinocchio", berichtet Huemer, der dort die ursprüngliche Eröffnungssequenz leitete, in der ein damals noch rundlicher und glatzköpfiger Gepetto über seine Einsamkeit sinniert, kurz bevor eine Horde Schulkinder seinen Laden stürmt. Im endgültigen Film zeichnete Huemer die Szene, in der Pinocchio einen Felsen an seinen Eselsschwanz bindet, um unter Wasser nach seinem Vater zu suchen. Kurz nach Fertigstellung dieser Szene wurde Huemer zum "Konzertfilm" berufen, um gemeinsam mit Walt, Leopold Stokowski, Joe Grant und Deems Taylor die Auswahl der Musikstücke zu tätigen. Anschließend schrieb er unter anderem an Dumbo und Alice im Wunderland mit. Allein schon deswegen dürfte Huemer die Bewunderung und vielleicht auch den Neid vieler Trickliebhaber sicher haben. Und dennoch hallt der geborene New Yorker nach: "Aber ich wünschte, ich wäre bei meinen Kurzfilmen geblieben."

Dass Huemer aus seiner Position im Cartoon-Departement Disneys beordert wurde, hatte nicht nur für ihn selbst eine große Auswirkung, sondern auch für seinen neuen (sowie kurzzeitigen) Schützling Goofy. Dieser stand nun ohne die Stimme dar, die überhaupt zu seiner Schöpfung führte, sowie ohne einen Regisseur, der sich bereits in der Inszenierung mit ihm erprobt hatte. Das talentierte, aber immens hitzköpfige Problemkind Art Babbitt zu einem Regisseur zu befördern, schien Walt ausgeschlossen. Die Lösung kam schließlich mit einem radikalen Stilwechsel und dem wilden Humor bevorzugenden Querkopf Jack Kinney. Aber dazu nächstes Mal mehr ...

Samstag, 9. Juni 2012

Goofys Jahre im Trio Infernale



Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Innerhalb von zwei Jahren fasste der für Mickey's Revue erschaffene One-Joke-Character Dippy Dawg Fuß in den Micky-Maus-Cartoons, schob sich in seinen Auftritten an den zuvor wichtigen Nebenfiguren Rudi Ross und Klarabella Kuh vorbei und fiel letztlich sogar dem charakterlich schwierigen, allerdings auch ungeheuerlich talentierten Disney-Zeichner Art Babbitt in die Hände. Nach Babbitts umfassender psychologischer wie physiologischer Analyse war Goofy dazu bestimmt, eine gewichtigere Rolle in Disneys Trickfilmen einzunehmen. Zur gleichen Zeit wurde in den Disney-Studios eine Figur zu genau diesem Zweck erschaffen: Der Tunichtgut Donald Duck sollte dem dröger gewordenen Micky einen Gegenpol bieten. Zum ersten Mal wurde diese Konstellation in Orphan's Benefit erprobt, einem Schwarzweiß-Cartoon vom 11. August 1934. Dieser nimmt die bereits öfter genutzte Idee einer von Micky und seinen Freunden aufgeführten Bühnenshow, setzt diese jedoch ausdifferenzierter um. Die Vorgängerfilme bestanden, absichtlich krass ausgedrückt, aus Micky, der nicht gerade mit einem ausgebildeten Charakter gesegneten Minni und manchmal auch Pluto, die sich zusammen mit einem Haufen Gummiband-Zeichentrickfiguren im Rhythmus von Musik bewegen.

Durch die Einführung Donalds und prominenten Einsatz eines nun näher bestimmten Goofys bot sich den Disney-Studios in Orphans's Benefit die Möglichkeit, sich noch stärker von der Zeichentrickkonkurrenz abzuheben und aus einer reinen Musikkomödie einen Kurzfilm zu formen, dessen Slapstick und Chaos auf den Wesenszügen seiner Figuren basiert. Donald versucht sich in der Rezitation großer Poesie (namentlich der Kinderreime "Mary had a Little Lamb" und "Little Boy Blue") und wird von einem unflätigen Waisenpublikum zur Weißglut gebracht, Goofy wiederum führt mit Rudi Ross und Klarabella Kuh eine akrobatische Tanznummer auf, die allerdings durch den (seitens Rudis von Eifersucht getriebenen?) Versuch der beiden Herren, sich im kraftvollen Umgang mit Klarabella zu überbieten und Goofys Tölpelhaftigkeit außer Kontrolle gerät. Selbst wenn Klarabella versucht, Contenance und eine damenhafte Ausstrahlung zu bewahren. Goofy wird in diesem Cartoon übrigens endlich mit festerem Strich gezeichnet, als noch in Ye Olden Days und sein Gesicht hat nun, abgesehen vom fehlenden Kinn sowie etwas zu wachen Augen, die Konturen seines modernen Auftretens.

Der erste gemeinsame Kurzfilm mit Micky, Donald und Goofy soll Disney- und Animationshistorikern nach zu urteilen massive Begeisterungsstürme beim Kinopublikum ausgelöst haben, weshalb es außer Frage stand, dass aus ihnen ein festes Leinwandtrio gebildet werden sollte. 1935 folgte mit Mickey's Service Station der zweite Disney-Cartoon mit diesen drei sich so toll ergänzenden Figuren, und dieser sollte auch den typischen Stil ihrer gemeinsamen Auftritte prägen: Micky, Donald und Goofy führen zusammen ein kleines Unternehmen und stellen sich in ihrem Beruf ungeschickt an. Durch die Persönlichkeiten der Figuren wurde dieser Slapstick allerdings, ähnlich wie bei den besten Realfilmkomikern jener Zeit, mit Persönlichkeit untermauert, statt einfach nur eine Aneinanderreihung schmerzlicher Missgeschicke darzustellen.

Unter der Regie von Ben Sharpsteen lässt sich in Mickey's Service Station auch bereits ein Trend erkennen: Dass Micky in Orphan's Benefit den großen Gastgeber markiert, ist wegen seiner Popularität zu jener Zeit naheliegend, und dass um ihn keine Gags aufgebaut wurden, muss nicht direkt nachdenklich stimmen. Dass Micky auch bei der Autoreparatur hinter Goofy und Donald zurücktritt, deutet hingegen stärker darauf hin, dass die Disney-Künstler die beiden Neuschöpfungen nicht schlicht als neue Würze für Micky-Cartoons betrachten, sondern eher als Alternative. Wenn mit der zum Studio-Maskottchen gewandelten, von Elternverbänden streng bewachten Maus keine Pointen möglich waren, mussten halt Donald und Goofy die Show übernehmen. Der Cartoon war darüber hinaus der zweite und letzte Film des Trios in Schwarzweiß, nachfolgend gelang auch der Micky-Maus-Cartoonreihe der Sprung zur Farbe, den Walt Disney zuvor für die Silly Symphonies reservierte.


Noch im selben Jahr baute Mickey's Fire Brigade dieses Schema weiter aus. Der Cartoon mit Micky, Donald und Goofy als freiwillige Feuerwehr ließ die drei Figuren nicht nur ihrem Charakter gemäß auf Missgeschicke reagieren, sondern manövrierte die Figuren auch ihre Persönlichkeiten gewitzter ausnutzende Situationen. Während Donald beim Löschen eines in Brand stehenden Hauses einen Kleinkrieg mit einer frechen Gruppe kleiner Flammen anstiftet, versucht ein schusseliger Goofy das Mobiliar zu retten. Außerdem ist es der treudoofe Hund, der sich redliche Mühe, Klarabella Kuh, die in aller Ruhe baden möchte, davon zu überzeugen, dass sie gerettet werden muss. Donalds Temperament und Goofys chaotisch-naive Natur wurden so ideal ausgenutzt und gerade Goofys von Babbitt beschriebenes Naturell, helfen zu wollen und so noch mehr Verwirrung zu stiften, kam so erstmals spürbar zur Geltung.

In Moving Day aus dem Jahr 1936 spielt sich die Formel der Micky-Donald-Goofy-Filme dann endgültig ein. Das trifft sowohl auf das Timing der Gags zu, als auch auf die Einteilung der Leinwandzeit für das Trio und die jeweiligen Einzelgags. Und auch Goofy dürfte spätestens ab diesem Cartoon vollauf die Persona aufweisen, als die er heutzutage erkannt wird. Erneut führte Ben Sharpsteen Regie und Art Babbitt arbeitete intensiv an den sehr ulkigen Goofy-Sequenzen. Die Unterschiede zwischen Goofy- und Donald-Gags sind in Moving Day nicht mehr nur spürbar, sondern eklatant, was aufzeigt, mit welcher Hingabe die Entwicklung dieser komödiantischen Figuren innerhalb der Studios verfolgt wurde. Während bei Donald (der wegen der Zwangsräumung des gemeinsamen Hauses viele Sachen packen will und sich dabei mit Gegenständen "zofft") das Tempo rasante Züge annimmt und der Humor wild ist, geht es bei Goofy gemächlicher und etwas abstruser zu. Die Kernsequenz mit Goofy zeigt, wie er ein Piano zu verladen versucht, welches jedoch immer wieder unbemerkt aus dem Laster rutscht, bis es schlussendlich so scheint, als habe es einen eigenen Willen und sei darauf aus, Goofy zu übertölpeln. Goofys Segment handelt aus humoristischer Sicht aber von List und Gemächlichkeit, während Donalds Kampf gegen seine Umwelt von Aggression und Tücke bestimmt ist. Und als kleine Randnotiz: Goofy singt zu sich selbst das Lied "The World Owes Me a Living", als Anspielung auf den Cartoon "The Grasshopper and the Ants" von 1934, in dem Pinto Colvigs Grashüpfer genau dieses Lied trällert.


Mit der in Moving Day getätigten Herangehensweise an Goofy und Donald stießen die Walt Disney Studios auf eine komödiantische Goldader, die in nunmehr legendären Kurzfilmen wie Clock Cleaners und Lonesome Ghosts mit Perfektion wiederholt wurde. Aufgrund dessen, dass Micky in den Trio-Kurzfilmen oft genug die kürzesten Auftritte absolvierte und es schwer fiel, neben den starken Persönlichkeiten Donalds und Goofys bleibenden Eindruck zu hinterlassen, kamen 1938 mit Polar Trappers und The Fox Hunt zwei Cartoons raus, die auf die Maus verzichteten und sich auf die neuen Stars am Disney-Himmel konzentrierten. 1940 beendete Tugboat Mickey die Ära des Trios, es folgten noch vereinzelte Goofy-und-Donald-Cartoons sowie 1941 ein Remake von Orphan's Benefit.

Dieser Wandel war keine Entscheidung gegen die Kombination aus Micky, Donald und Goofy, sondern ein Zuspruch für die Popularität und das filmische Potential dieser Figuren. Donald und Goofy wurden von Micky getrennt, da ihnen die Disney-Künstler Eigenständigkeit zutrauten. Während sich Donalds Kurzfilmkarriere nahezu von allein in ihre Bahnen lenkte, hatte Goofy ein paar Anlaufschwierigkeiten. Und dort setzt der nächste Teil dieser Reihe an.

Samstag, 19. Mai 2012

Wie es ein Dippy Dawg von der Zuschauertribüne ins Rampenlicht schaffte



Dieses Jahr feiert eine von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.


Am 25. Mai 1932, also vor nahezu exakt 80 Jahren, feierte der Micky-Maus-Cartoon Mickey's Revue seine Weltpremiere. Um für einen Moment jegliche historische Relevanz auszublenden: Für sich genommen war dieser von Wilfred Jackson geleitete Kurzfilm keine Glanzstunde im Schaffen der überaus emsigen Walt Disney Studios. Micky musste aufgrund seiner immensen Popularität bereits etwas von seinem Frechdachs-Dasein ablegen, so dass vermehrt Kurzfilme wie Mickey's Follies, The Barnyard Concert oder The Barnyard Broadcast produziert wurden, in denen Micky und seine Freunde eine musikalische Show auf die Bühne stellen. Mickey's Revue nimmt sich einige der bereits abgearbeiteten Gags aus diesen Kurzfilmen und recycelt diese. Das einzige Alleinstellungsmerkmal dieses Kurzfilms ist einer der Zuschauer von Mickys Aufführung. Ähnlich, wie Jahre später Donald zunächst dazu dienen sollte, Micky zu nerven, wurde auch hier den etablierten Figuren Micky, Minni, Klarabella Kuh und Rudi Ross durch einen damaligen Niemand ein Knüppel zwischen die sprichwörtlichen Beine geworfen.


Mickey's Revue

Ein älterer, anthropomorpher Hund mit Ziegenbärtchen und Popcorntüte nervt sein Umfeld mit seiner sonderbaren Lache. Dieser wandelnde (naja, eher sitzende) Running Gag (Sitting Gag?) basierte zum einen auf dem ulkigen Lache von Pinto Colvig und zum anderen auf zur Stimme passenden Konzeptzeichnungen des Disney-Künstlers Frank Webb. Der Zirkuskünstler Colvig war derzeit Gagautor und Tierstimmenimitator bei Disney tätig und bot sich an, für den zu entwickelnden Störenfried mit schräger Lache vorzusprechen. Er basierte die Stimme auf Basis eines alten Kauz, der ihm und seinen Mitschülern während seiner Schulzeit abstruse Geschichten erzählte. Die Stimme begeisterte Colvigs Kollegen, und Diggy Dawg war geboren ...

Wenige Monate später, genauer gesagt am 17. September 1932, kehrte Goofy in einem weiteren musikalischen Cartoon auf. The Whoopee Party führt den als nervendes Publikumsmitglied für einige Lacher sorgenden Tölpel als Freund von Micky und seiner Gang ein, verjüngt ihn außerdem ein wenig. In diesem Cartoon hat der später als Goofy bekannte Neuankömmling im Disney-Kanon mehr zu tun, als mehrfach wiederholter Gag zu dienen, und darf zum Takt der Musik Snacks vorbereiten. Außerdem wird erstmals eine Art Beziehung zu Klarabella Kuh hergestellt, indem er sie mit Partykrachern erschreckt. Nicht mehr als ein simpler Gag, doch es rückte die wortwörtliche Lachnummer aus Mickey's Revue etwas näher an die Disney-Hauptstars.

Erstes Anzeichen, dass sich Goofy zu einem bleibenden Mitglied der Micky-Truppe mausert, folgte kurz darauf mit Mickey's Touchdown, der auch zu den ersten Cartoons gehört, in dem sich die Disney-Künstler einem populären Teamsport annahmen. In diesem temporeichen Kurzfilm übernimmt Goofy die Rolle eines kaum verständlichen, rumjucksenden Sportkommentators, wodurch seine Dümmlichkeit etabliert wurde und Pinto Colvig erstmals Gelegenheit bekam, Goofy mehrere Sätze in den Mund zu legen. Besonders einschneidend dafür, dass sich Goofy von einer komischen Stimme zu einer Disney-Persönlichkeit entwickelte, war jedoch erst der Cartoon Ye Olden Days vom 8. April 1933, bei dem sich erstmals der berühmt-berüchtigte Art Babbitt ausführlich mit dem schlaksigen Kerl beschäftigte.

Ye Olden Days

Ye Olden Days spielt im mittelalterlichen Europa und erzählt mit viel Musik die Geschichte des wandernden Musikers Micky, der die Prinzessin Minni befreit, welche vom König in einem Turm eingesperrt wurde, weil diese die Ehe mit dem ungalanten Prinzen Goofy ablehnte. Für diesen Frevel wird Micky zum Tod durch die Guillotine verurteilt, doch nachdem er diesem durch seine Trickserien entkommen konnte, erhält er die Gelegenheit mit Goofy um die Hand Minnis zu kämpfen. Babbitt nahm sich daraufhin intensiver des Charakters Goofys an, der auf dem besten Wege war, durch seine unverkennbare Stimme und sein trotteliges Aussehen dem weniger markanten Micky-Co-Star Rudi Ross den Rang abzulaufen. 1934 gab Babbitt seinen Kollegen in den Disney-Studios dann erstmals eine detaillierte Beschreibung dessen, wie "der Goof" tickt, und was deswegen beim Schreiben und Zeichnen dieser Figur zu beachten ist. Mit dieser Lektion legte Babbitt endgültig das Naturell Goofys fest und gab ihm eine klare Struktur, wodurch er in den Cartoons eine bessere Präsenz entwickelte und sich als glänzender Stern am Disney-Himmel empfahl.

Diese Analyse Goofys war in den Augen Babbitts auch dringend nötig, da Goofy in seinen ersten Leinwandjahren "eine schwache Cartoonfigur war, weil sowohl seine physikalische, als auch geistige Gestaltung undefiniert waren." Er beschrieb seine Persönlichkeit als "Verzerrung", obwohl es galt, eine Karikatur anzustreben. "Sollte er dazu bestimmt gewesen sein, einen Verstand oder eine Persönlichkeit zu haben, so erhielt er definitiv keine nennenswerte Gelegenheit, dies zur Schau zu stellen", schloss Babbitt ein kritisches Fazit, bevor er darauf einging, was Goofy in seinen Augen darstellte oder noch darstellen sollte:

Model Sheet (Quelle: Disney Animation Archive)

"Stellt euch den Goof als eine Zusammenstellung aus einem immerwährenden Optimisten, einem gutgläubigen guten Samariter, einem Schwachkopf, einem unbeholfenen, gutmüigen Jungen und einem Bauerntölpel vor. Er hat lose Gelenke und ist schlaksig, nicht aber gummiartig. Er kann sich schnell bewegen, wenn er denn muss, bevorzugt es aber, jede Überanstrengung zu vermeiden, also nimmt er stets, was der einfachste Weg zu sein scheint. Er ist ein Westentaschenphilosoph. Was auch immer geschieht, akzeptiert er schlussendlich als das bestmögliche oder zumindest als amüsant. Er ist willens, jedem zu Helfen und bietet seine helfende Hand auch dann an, wenn sie nicht gefordert wird und nur weitere Verwirrung stiftet. Nur äußerst selten, wenn überhaupt, erreicht er sein Ziel oder beendet, was er zuvor begonnen hat. Mit seinem eher porösen Verstand fällt es ihm schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Jede noch so kleine Ablenkung kann ihn aus seinem Gedankengang bringen und es ist für den Goof sehr schwer, sein Vorhaben in Auge zu behalten.

Dennoch ist der Goof nicht die Art von Trottel, die zu bemitleiden ist. Er geifert, sabbert oder kreischt nicht. Er ist ein wohlwollender Kleingeist, der sich für schlau hält. Er lacht über seine eigenen Witze, weil er keine anderen versteht. Wenn er das Opfer eines Missgeschicks ist, macht er sofort das beste daraus und Anflüge von Wut verrauchen sehr schnell, um einem breiten Grinsen Platz zu machen. [...] Er hat Musik in seinem Herzen, selbst wenn es immer und ewig das gleiche Stück ist, und ich sehe ihn vor sich selbst hinsummen, während er arbeitet oder denkt. Er spricht zu sich selbst, weil es ihm leichter fällt, zu begreifen, was er denkt, wenn er es zuerst gehört hat.

Seine Körperhaltung ist nichtig. Sein Rücken beugt sich in die falsche Richtung und sei Bäuchlein guckt heraus. Sein Kopf, Bauch und seine Knie führen seinen Körper. [...] Er läuft auf seinen Fersen und seine Zehe zeigen aufwärts. Seine Schultern sind eng beieinander und fallen rapide ab, was seinen Oberkörper dürr macht und seine Arme lang und schwer erscheinen lässt, obwohl sie so nicht gezeichnet sind. Seine Hände sind sehr sensibel und ausdrucksstark, und auch wenn seine Gesten grobschlächtig sind, spiegeln sie noch immer einen Gentleman wider. [...] Seine Augen sollten zumeist teils geschlossen bleiben, um ihm ein dümmliches, müdes Auftreten zu verleihen, als kämpfe er unentwegt damit, wach zu bleiben. Aber natürlich können sie für eine Bandbreite an Emotionen sich sehr weit öffnen. Er blinzelt ziemlich häufig. [...] Er ist sehr schüchtern, doch wenn ihm etwas besonders dummes geschieht, grinst er in die Kamera wie ein Amateurschauspieler, der Verwandte im Publikum hat und vor denen er seine Peinlichkeit durch Grimassen verdecken möchte. [...] Er verfügt über fabelhafte Kontrolle seines Hinterns. Er kann damit zahlreiche kleine Kunststücke vollführen und sein Hintern sollte bei jeder Gelegenheit genutzt werden, um eine witzige Haltung zu unterstreichen.

Mit dieser kleinen Analyse habe ich den Goof von Kopf bis Fuß analysiert, und da ich an seinem Ende angelangt bin, ende auch ich."

Damit möchte auch ich meinen ersten Eintrag über Goofys Cartoonkarriere beenden, denn kurz nachdem sich Art Babbitt dem Goof annahm, formierte sich mit ihm, Walt Disneys Alter Ego Micky Maus und dem lautstarken Publikumsliebling Donald ein wundervolles Leinwandtrio, dessen chaotischen Erlebnisse den nächsten Absatz in Goofys Filmographie markieren.