Samstag, 2. März 2024

Mediatheken-Tipps (2. März 2024)

Twist: Der Hype um Immersion (Kulturmagazin, 2023) Um kurz melancholisch zu werden: In den vergangenen vier Jahren hat sich Twist für mich zu einer festen Instanz und meinem liebsten TV-Kulturmagazin entwickelt. Frisch, sympathisch und anspornend moderiert, aus stets wechselnden (immer herrlich fotografierten) Städten präsentiert, nimmt sich Twist allen erdenklichen Kunst- und Kulturthemen an. Jede Folge hat ein Leitthema, dem sich die Redaktion in verschiedenen Beiträgen annimmt, die teils im nicht ausverbalisierten, kritischen Dialog miteinander stehen. Informativ, Perspektiven aufzeigend und das aus einer jungen, entdeckungsfreudigen Haltung heraus.

Vor wenigen Wochen wurde das Format einem "Soft Reboot" unterzogen, die Moderation gestrichen, die Themenabschnitte einer jeden Folge sind nun kohärenter (oder: monotoner). Es ist immer noch ein sehenswertes Format, aber es hinterlässt mich etwas blaumütig, dass die lebhaftere, buntere, variantenreichere Ur-Version von Twist aufgegeben wurde (wohl mangels Erfolg). Die Moderatorinnen (Stamm-Team: Bianca Hauda und Romy Straßenburg im Wechsel) haben sich redlich bemüht, arte machte mehrmals Umfragen, um Wege zu finden, das Format stärker zu pushen, ich hab das Format öfters ungefragt weiterempfohlen... Es hat wohl nicht sollen sein.

Daher würde ich mich ärgern, die Mediatheken-Tipps nicht zu nutzen, um auf die "alte" Twist-Variante hinzuweisen, solange einige Ausgaben davon in der arte-Mediathek und bei YouTube online sind. Exemplarisch habe ich mal die Folge über Immersion in der Kunst genommen. Denn seit der Ausgabe brüte ich darüber, mal das Phoenix des Lumières zu besuchen. Vielleicht spornt sie euch wiederum an, Twist zu bingen. (Und wenn genug von euch bingen, wird vielleicht die alte Twist-Version aufgrund plötzlichen Erfolgs zurückgeholt?) arte-Mediathek, abrufbar bis zum 10. März 2024

CineKino: Schlüsselmomente des europäischen Kinos (Dokuserie, ab 2016) In der Dokuserie CineKino reist arte durch die entscheidenden Momente in der Kinogeschichte jeweils eines europäischen Landes. Die vier derzeit abrufbaren Ausgaben widmen sich jeweils Frankreich, Belgien, Deutschland und Italien, ab dem 8. März folgen Ausgaben über Großbritannien, Spanien, Tschechien und die Slowakei, die Schweiz, Österreich und Polen. Bei unter 30 Minuten Laufzeit pro Folge mit Filmausschnitten, Interviews und Archivaufnahmen selbstredend nicht allumfangend, bietet CineKino dennoch einen leidenschaftlichen, Impulse zum Wieder- und Neuentdecken setzenden Querschnitt dessen, was die behandelten Filmnationen ausmacht. arte-Mediathek, Folge eins bis vier abrufbar bis zum 6. April 2024

Pioniere der Filmmusik: Europas Sound für Hollywood (Dokumentation, 2023) In 52 bis zum Rand mit Information vollgepackten Minuten blickt diese arte-Doku auf drei Männer die während der Anfänge des Tonfilms vor dem Nationalsozialismus geflohen sind und in Hollywood die "Sprache" der Filmmusik entscheidend mitgeprägt haben: Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner und Franz Waxman. Ihre Einflüsse, ihr Leben in den USA und ihr Einfluss wird ebenso behandelt, wie eine Brücke ins Heute geschlagen wird: Wieso sind Hans Zimmer, Ramin Djawadi und Harold Faltermeyer von Deutschland aus nach Hollywood gekommen, was inspiriert sie und wie haben sie den Mainstream-Sound verändert? (Die Doku enthält Spoiler für Keine Zeit zu sterben.) arte-Mediathek, abrufbar bis zum 24. Mai 2024

Jodorowsky’s Dune (Dokumentation, 2013) Eine der größten Was-wäre-wenn?-Geschichten des Kinos: Der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky wollte Frank Herberts Dune verfilmen, steigert sich allerdings in immens ambitionierte Ideen herein und eckt daher mit den Finanziers zusammen. Der Film kam daher nicht aus der Planungsphase heraus, allerdings tröpfelten Designideen in spätere, wirklich vollendete Werke wie Alien. Diese Doku erzählt, wie es zur Kombi aus Jodorowsky und Dune kam, seine Ideen werden vorgestellt und der streitbare Regisseur darf sich darüber aufregen, dass nichts daraus wurde. Faszinierende Doku, nach der ich zumindest keinerlei Glauben daran hatte, dass man diese Dune-Version jemals hätte umsetzen können. arte-Mediathek, abrufbar bis zum 18. August 2024

Radio macht Geschichte (Doku-Podcast-Miniserie, 2023) Anlässlich des 100-jährigen Radiojubiläums widmen sich die Autoren Tomas Fitzel (rbb), Sven Hecker (MDR) und Max Knieriemen (SWR) in 15 kompakten Episoden zu jeweils knapp einer Viertelstunde zahlreichen Facetten des Mediums. Mit Original-Audioausschnitten aus wichtigen, einflussreichen, kultigen, berüchtigten oder beliebten Radioübertragungen, (Archiv-)Interviewschnipseln und einer einordnenden Erzählstimme wird etwa über die Entwicklung des Radios aufgeklärt. Oder die Geschichte der Live-Reportage. Oder des Hörspiels. Oder darüber, weshalb das Radio-Nachtprogramm in Deutschland ist, wie es ist. Oder darüber, weshalb die Polizei gegen Verkehrsinformationen im Radio war. Schön zusammengeschnürte Info-Häppchen voller "Oha?!"-Momente, sympathisch erzählt! ARD-Audiothek, voraussichtlich abrufbar bis zum 8. Oktober 2024

Zauberei auf dem Sender (Metafiktionale Hörspiel-Groteske, 1924/1962) Ach, du heilige Makrele: 1924 hatte Dr. Hans Flesch, Intendant des Radiosenders Frankfurt 1, eine herausragende Idee, die sich als verspielter Vorbote von Orson Welles' Krieg der Welten-Adaption von 1938 bezeichnen ließe: Live wurde das Programm seines Senders durch reinstes Chaos durcheinander gewirbelt. Der Ansager verhaspelt sich. Die "Märchentante" platzt ins Studio und verlangt, den Kindern abends was erzählen zu dürfen. In der Regie funktionieren die Regler nicht, sodass gleichzeitig Töne aus verschiedenen Winkeln der Station über den Äther geschickt werden. Und dann prahlt ein selbsternannter Zauberer, er könne dafür sorgen, dass das Publikum ihn sieht. All das war ein geskriptetes Hörspiel, das die Formen des Radios bereits in seinen Anfangsjahren auslotete - und leider nicht als Aufzeichnung erhalten blieb. Stattdessen wurde das Skript 1962 erneut eingesprochen. Kesser Schabernack, den gern mal eine TV-Produktionsfirma als Inspiration nutzen dürfte, um dem linearen Fernsehen in seinen späten Jahren einen feisten "Was passiert hier?!"-Moment zu verschaffen. ARD-Audiothek, mir unbekanntes Ablaufdatum

Warum Mediatheken-Tipps? Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind ein unablässig sprudelnder Quell an sehenswerten Produktionen. Ob Spielfilm, Dokumentarfilm, Reportage, Konzertfilm, Serie, oder oder oder. Doch nicht nur, dass man da leicht den Überblick verlieren kann: Ich kenne einige Menschen, die den Mediatheken kaum oder gar keine Beachtung schenken. Mit dieser Artikelreihe möchte ich Orientierung bieten, ebenso wie Anreiz, sich vermehrt mit den Mediatheken zu befassen. Dazu gebe ich wöchentlich sechs Anschautipps.

Wieso sechs Tipps? Ich möchte, dass diese Artikelreihe händelbar bleibt. Für mich, damit ich sie neben meinen anderweitigen Verpflichtungen verfassen kann. Und für euch: Ich will euch nicht mit Anschautipps erschlagen. Sechs Tipps halte ich indes für umsetzbar: Selbst, wer alle Tipps ansprechend findet, kann sich täglich einen davon angucken, und hat dennoch bis zur nächsten Ausgabe der Reihe auch einen Tag "mediathekenfrei". 

Die Mediatheken-Tipps erheben selbstredend keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt viel mehr zu sehen, als ich hier Woche für Woche nennen könnte.

Samstag, 24. Februar 2024

Mediatheken-Tipps (24. Februar 2024)

Tootsie (Travestie-Komödie, 1982) Klassiker des mainstreamtauglichen Crossdressing-Humors mit Dustin Hoffman als perfektionistischen, aber anstrengenden und daher wenig gefragten Schauspieler. Um weiter mit seiner Passion, statt mit Nebenjobs, über die Runden zu kommen, verkleidet er sich als Frau und wird zur resoluten Seifenoper-Newcomerin. Die Folge: Großer, eloquenter und temporeicher Spaß über einen Mann, der sich einbildet, dass Frauen es leichter haben, und erkennen muss, wie sehr er damit irrt. Ein Film der meiner bescheidenen Meinung nach längst nicht derart gealtert ist, wie man vielleicht vorschnell urteilen würde: Genderrollen hinterfragenden Humor konnte man auch "früher". (Was unter anderem Fans von Manche mögen's heiß natürlich nicht überraschen dürfte.) ZDF-Mediathek, abrufbar bis zum 27.Februar 2024

Herr Bachmann und seine Klasse (Dokumentarfilm, 2021) Maria Speth blickt auf Gesamtschullehrer Dieter Bachmann aus Hessen. Im Fokus steht sein Unterricht einer sechsten Klasse, die sich aus 12- bis 14-Jährigen zusammensetzt. Gezeigt wird insbesondere der Unterrichtsalltag, aber auch Gespräche, die Bachmann professionell oder privat mit seinem Kollegium führt, werden eingefangen. Ebenso sehen wir Augenblicke, in denen er seinen Schützlingen als beratende Seele in nicht-schulischen Fragen zur Seite steht. Wie Linklaters Boyhood, verfolgt Herr Bachmann und seine Klasse eine emotional-assoziative Logik: Wichtig ist, was von einem Schuljahr hängen bleibt, nicht das, was wir vorab als wichtig vermuten. Mehrmals sehen wir Jugendliche, die Angst vor einer baldigen Prüfung haben - aber die Prüfung wird nicht gezeigt. Wir sehen Streitschlichtung, aber nicht den Streit (und umgekehrt). Am Ende der intimen, überraschend kurzweiligen und höchstmenschlichen, intellektuell bereichernden 217 (!) Minuten fühlt man sich, als würde man diese ganze Klasse schon lange kennen - und steht vor empathisch-warmer Leere, weil man sie sich nun selbst überlässt. Herausragend! 3sat-Mediathek, abrufbar bis zum 13. März 2024

Schweigend steht der Wald (Thriller, 2022) Hotel Desire- und Fikkefuchs-Darstellerin Saralisa Volm wechselt die Seiten und liefert mit Schweigend steht der Wald ihr Langfilm-Regiedebüt ab. Auf Basis des gleichnamigen Romans von Wolfram Fleischhauer erzählt sie darin von Forststudentin Anja Grimm (Henriette Confurius), die den Wald auf nahezu übernatürlich anmutende Weise lesen kann. Mit Menschen tut sie sich derweil schwer. Als in einem für sie befremdlichen Dorf in der Oberpfalz erst ein Mord geschieht und dann auch noch der Täter Suizid begeht, begibt sich Anja auf Spurensuche - und wühlt so tief begrabene Unmenschlichkeit aus der deutschen Vergangenheit auf. Erzählerisch verdammend, visuell raffiniert und atmosphärisch! arte-Mediathek, abrufbar bis zum 16. März 2024

The Painted Bird (Schwarzweißes Antikriegs-Drama, 2019) In der Tradition von Andrej Rubljow und Letterboxds Lieblingsfilm Komm und sieh führt Václav Marhoul vor, wie matschig, harsch, trist und freudlos 35mm-Schwarz-Weiß-Bilder sein können. Gezeigt wird Polen 1939 nach dem Angriff der Deutschen, unser Fokus und Protagonist ist ein sechsjähriger Junge, der mehr Elend, Niedertracht, Schmerz und Hass mit ansehen muss, als man selbst den emotional gefestigsten Erwachsenen zutrauen würde - und doch wird unmissverständlich klar, dass er gerade einmal an der Oberfläche dessen kratzt, wie viel Grauen Krieg noch verursacht. (Und die verdorbene Seite der Menschen generell.) Wenn ihr euch nach Herr Bachmann und seine Klasse wieder runterziehen wollt: Bitteschön, dieser Meisterstreich der Erbarmungslosigkeit tut es!  3sat-Mediathek, abrufbar bis zum 18. März 2024

Re: Whisky-Boom mit Schattenseiten (Reportage, 2024) Dank neun weltweit hoch angesehener Destillerien und ihrer begehrten Produkte ist die schottische Insel Islay ein Träumchen für Whisky-Liebende. Allerdings ist das Geschäft mit Whisky mittlerweile so heiß umkämpft, dass die Auswirkungen ins Negative gekippt sind: Die Infrastruktur der kleinen Insel ist überlastet, die Destillerie-Angestellten finden kaum noch Wohnraum. Die arte-Reportage spricht mit Betroffenen, Whisky-Begeisterten und Unternehmergeistern, zudem schaut sie hinter die allem zum Trotz oftmals weiterhin gemütlich-rustikal anmutenden Kulissen der Whisky-Produktion auf Islay. arte-Mediathek, abrufbar bis zum 22. März 2028

MAITHINK X - Die Show: "Wie populistische Politiker uns verarschen" (Wissenschaftsshow, 2024) Unter den informativ-humoristischen Shows aus der ZDF-Familie, die sich hauptsächlich aus einem Monolog nähren, ist MAITHINK X - DIE SHOW mit einer größeren Informationsdichte versehen, reflektierter und zugleich deutlich lustiger als die Show, die regelmäßig auf Aspekte herumtrampelt. Trotz dieser massiven Qualitäten hat sie eine deutlich geringere Reichweite und schlägt weniger Wellen. Kurios. Vielleicht braucht es mehr Flachwitze und Schimpfwörter, um die Lücke zu schließen? Oder liegt es daran, dass aufgrund der inhärenten Nuanciertheit des Formats die provokant-steilen Thesen und der Selbstgefälligkeitsfaktor ausbleiben? Nun, wenigstens ist dem Format zum Staffelstart der "Die Presse berichtet voreilig"-Coup gelungen, auf den sonst der berühmtere Genrekollege ein Abo hat. Als MAITHINK-Twist wurde aber auch dem eigenen Publikum vorgeführt, wie leicht es sich aufpeitschen lässt. Und das beim Thema Polit-Populismus und mangelnde Sachlichkeit! Clever, clever! (Wenn ihr erst jetzt von dem Format erfahrt: Liebend gern die bisherigen Folgen nachholen und für den Rest der Staffel am Ball bleiben!) ZDF-Mediathek, abrufbar bis zum 24. Februar 2029

Warum Mediatheken-Tipps? Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind ein unablässig sprudelnder Quell an sehenswerten Produktionen. Ob Spielfilm, Dokumentarfilm, Reportage, Konzertfilm, Serie, oder oder oder. Doch nicht nur, dass man da leicht den Überblick verlieren kann: Ich kenne einige Menschen, die den Mediatheken kaum oder gar keine Beachtung schenken. Mit dieser Artikelreihe möchte ich Orientierung bieten, ebenso wie Anreiz, sich vermehrt mit den Mediatheken zu befassen. Dazu gebe ich wöchentlich sechs Anschautipps.

Wieso sechs Tipps? Ich möchte, dass diese Artikelreihe händelbar bleibt. Für mich, damit ich sie neben meinen anderweitigen Verpflichtungen verfassen kann. Und für euch: Ich will euch nicht mit Anschautipps erschlagen. Sechs Tipps halte ich indes für umsetzbar: Selbst, wer alle Tipps ansprechend findet, kann sich täglich einen davon angucken, und hat dennoch bis zur nächsten Ausgabe der Reihe auch einen Tag "mediathekenfrei". 

Die Mediatheken-Tipps erheben selbstredend keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt viel mehr zu sehen, als ich hier Woche für Woche nennen könnte.