Sonntag, 1. Dezember 2019

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil I)


In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Disney-Konzern enorm gewandelt. Was 2003 beinahe Opfer einer feindlichen Übernahme durch Comcast geworden wäre und 2009 hoffte, dass Die Jagd zum magischen Berg ein Blockbuster werden könnte, ist mittlerweile der Platzhirsch im Kinogeschäft. Der 2009 noch mit gutem Glauben erhoffte, dritte Frühling für die Kunst des abendfüllenden Zeichentrickfilms blieb dennoch aus. Aber eine Sache hat sich auch in zehn Jahren nicht geändert: Musik ist ein essentieller Teil des Disneyzaubers.

Angefangen mit Steamboat Willie, der mit seinem bildsynchronen Ton die Kinozuschauer erstaunte und Micky zu Turkey in the Straw allerhand Schabernack treiben ließ, über die Silly Symphonys, die sich durch ihren mitunter nahezu lyrischen Musikgebrauch definierten, bis hin zu Schneewittchen und die sieben Zwerge, der Geburtsstunde dessen, was jahrzehntelang als Kern der Marke "Disney" aufgefasst wurde: Lange Zeichentrickmärchen für die ganze Familie, die einen mit ihren markanten, harmonischen Liederkompositionen für den Rest des Lebens begleiten. Auch abseits des Zeichentrickfilms setzte Walt Disney häufig auf die magische Macht der Musik, und so verwundert es wohl kaum jemanden, dass das mit Zeichentrickelementen versehene Musical Mary Poppins die erfolgreichste Realfilmproduktion zu Walts Lebzeiten wurde - und für zwei Jahrzehnte Disneys größter Realfilmhit blieb. Inflationsbereinigt ist Mary Poppins sogar weiterhin ungeschlagen - solange wir von Filmen der Marke Disney sprechen, denn Disneys (eingekaufte) Tochterfirmen haben so manchen Hit zu bieten, der noch größer ist.

Derweil hat in den vergangenen zehn Jahren eine Generation an Disney-Realfilmmusicals eine beeindruckende Entwicklung durch gemacht: Die poppigen Disney-Channel-Produktionen, die einst viele ältere Disney-Fans zur Verzweiflung gebracht haben, sind mittlerweile für einen ganzen Schlag an erwachsenen Disney-Fans genauso nostalgisches Wohlfühl-Klangfutter wie es einst die Songs aus der Disney-Renaissance für Leute in ihren Zwanzigern und Dreißigern waren. Und dieser Disney-Klangkosmos wächst und wächst: Wo einst Hannah Montana und High School Musical für Jubelschreie sorgten, sind schon längst Violetta und die Descendants durch die Gehörgänge marschiert.

Und selbst in den Disney-Freizeitparks ist es eine wahre Herausforderung einen Winkel zu finden, an dem man vor musikalischer Stimmungsmanipulation sicher ist - überall lauern Eigenkompositionen, stärker oder weniger stark umarrangierte Instrumentalversionen von populären Disney-Songklassikern und kurze Anleihen an obskurere Lieder, die selbst unter den stolzesten Disneyliebhabern weniger bekannt sind. Es ist, wie es ist: Disney wäre ohne seine Musik, und insbesondere ohne sein herausragendes Liedgut, nicht solch eine mächtige Institution. Das muss gar nicht erst groß ausdiskutiert werden, selbst die größten Verehrer der Non-Musicals Disneys werden da - vielleicht mürrisch - zustimmen.

Um den Wechsel von dieser zur nächsten Dekade zu zelebrieren, möchte ich euch in dieser Artikelreihe mitnehmen. Mit auf eine Reise quer durch Disneys beeindruckende Liedersammlung der Jahre 2010 bis 2019. Und ihr kennt es vielleicht noch von dieser Artikelreihe: Ich werde nicht chronologisch vorgehen, sondern den Reiseverlauf von meiner ganz persönlichen Hitliste abhängig machen.

Ich präsentiere also voller Stolz und ohne Scheu:

Musikalisches Immergrün - Die besten Disney-Songs der Dekade

Damit genug des Vorgeplänkels. Der Übersicht zu Liebe soll hiermit auch dieser Artikel sein Ende finden - und mit dem nächsten Beitrag in dieser Artikelreihe geht es dann endlich los und wir arbeiten uns langsam hoch bis hin zur Spitzenposition.

Ich hoffe ihr genießt diesen Countdown so sehr, wie ich die Arbeit an ihm.

Auf dann!

Dienstag, 1. Oktober 2019

Ready or Not


Der Zahn des Zeitgeistes nagt am Filmdiskurs - teils auch völlig ungerechtfertigt. Warner Bros. muss einen regelrechten Slalom absolvieren, um Joker in die US-Kinos zu bringen, denn die Vorfreude auf den bereits preisgekrönten Film wird von (teils arg hochgekochten) Kontroversen über seine (vermeintliche) Gewaltverherrlichung begleitet. Und Universal Pictures kippte für unbestimmte Zeit die Kinoauswertung der Waffengewalt-Satire The Hunt, da gerade einfach nicht die richtige Zeit dafür sei, einen Film zu veröffentlichen, in dem Menschen aus Spaß andere Menschen jagen. Und die Walt Disney Company? Lustig, dass ihr fragt. Denn die hat ohne mit der Wimper zu zucken, so als sei es business as usual den Fox-Searchlight-Film Ready or Not in die Kinos gebracht. In dem ein reicher Familienclan eine unschuldige Braut jagt. Ja, auch mit Schusswaffen ...

Inszeniert wurde Ready or Not vom Regieduo Matt Bettinelli-Olpin & Tyler Gillett, das unter anderem bereits den Genre-Geheimtipp Southbound verantwortete, einen schwarzhumorigen Horror-und-Thriller-Episodenfilm mit vielen cleveren, kleinen Ideen. Und in eine ähnliche Kerbe schlägt auch Ready or Not, wenngleich hier der blutschwarze Humor eine etwas stärkere Beinote darstellt als in Southbound: Der wohlhabende Familienclan Le Domas hat sich als Brett- und Kartenspieldynastie ein Vermögen aufgebaut und pflegt einige mit diesen Ursprüngen ihres Wohlstands verbundene Traditionen. So muss jedes neue Familienmitglied in der Nacht, in der es in den Clan einheiratet, eine Karte aus einer alten Holzkiste ziehen, die bestimmt, welches Spiel in dieser Nacht gespielt wird.

Was die Braut Grace (Samara Weaving) nicht weiß: Eine dieser Karten bestimmt, dass Verstecken gespielt wird - und das nicht nach normalen Regeln. Stattdessen muss das neue Familienmitglied bis Sonnenaufgang vor dem Rest der Familie fliehen. Denn der ist schwer bewaffnet und hat die Aufgabe, die sich versteckende Person zu töten. Und natürlich ist es ausgerechnet diese Karte, die Grace zieht ...

Die von Guy Busick und R. Christopher Murphy verfasste Horrorkomödie zieht viel Humor daraus, wie sie hier Karikaturen der oberen Zehntausend aneinanderreiht. Da wäre die eingeheiratete Frau aus schlechten Verhältnissen, die alles dafür tun würde, nicht zurückzukehren. Der Sarkast, der den ganzen Rummel um seine Familie und um Reichtum über hat. Der Hohlkopf, der im Leben nichts gerissen bekäme, wäre er halt nicht Teil dieser Familie. Die oberflächliche Koksnase. Der arrogante Patriarch, der sich sonstwas auf die Familiengeschichte einbildet. Das alle verurteilende Biest, das die Tradition als Gesetz sind. Und so weiter ...

Mit makabrem Situationswitz und spitzen Dialogen zeichnet Ready or Not ein saukomisches, grausiges Bild der Reichen - und daher ist es etwas schade, dass der Film seine satirische Ader bezüglich der Scheinheiligkeit der 1% auf den letzten Metern für zünftigen Genrespaß opfert. Andererseits hat das Ende eine so selbstbewusste, frivole Horrornote, dass es den Filmemachern schwer zu verübeln ist, auf die Genrerichtung, statt auf die thematische Komponente zu setzen. Zumal der Hinweg ein echtes Vergnügen ist: Gekonnt balancieren Bettinelli-Olpin und Gillett zwischen Spannung, Splatterekel, Splatterspaß und rabenschwarzem Humor. Das gelingt ihnen einerseits aufgrund eines hervorragenden Gespürs für Timing - hier verlaufen Szenen etwas zügiger und wirken damit pointiert, dort reizen sie den Moment mit diabolischer Freude aus und schüren so Spannung.

Es ist aber auch Samara Weaving, die großen Beitrag dazu leistet, dass Ready or Not sowohl Spaß macht als auch seiner blutig-spannenden Seite gerecht wird. Die The Babysitter-Hauptdarstellerin gibt hervorragend die Braut, die ein Todesspiel durchstehen will: Egal, ob sie mit großen Augen Angst vermittelt, mit Leib und Seele ausdrückt, wie sehr sie von der Situation die Schnauze voll hat, oder in breit grinsenden Zynismus ausbricht - Weaving macht diese radikalen Schwankungen glaubwürdig und macht Grace zu einer sehr sympathischen Protagonistin, mit der man mitfiebert, geschockt ist und in Rachegelüste verfällt.

Verpackt ist das Ganze in einen sehr edlen Look, gerade für eine sechs Millionen Dollar teure Horrorkomödie: Von Kameramann Brett Jutkiewicz über weite Strecken nur mit natürlichem Licht ausgeleuchtet, wird Ready or Not zum gülden-dunkelbraun schimmernden Menschenjagdstück mit einem hochdetaillierten, protzigen Schauplatz (Produktionsdesign: Andrew M. Stearn, Setausstattung: Mike Leandro), das man gesehen haben muss.