Dienstag, 15. Juni 2021

Freaky

Ich habe großen Spaß an Christopher Landons Happy Deathday-Filmen. Sie haben ihre Makel, und doch schau ich sie mir immer wieder gern an. Weil Landon genau weiß, was er konzeptuell auf der Hand hat, und wie er es als "Babys erster Slasher / Slasher-Erfahrene bekommen eine launige Sause geboten"-Tonfallspagat ausspielen muss. Und weil Jessica Rothe eine wahre Wucht in ihnen ist. Als Landon und Blumhouse ankündigten, nach den Zeitschleife-Horrorkomödien als nächstes mit Freaky einen Körpertausch-Horrorspaß abzufeuern, war ich sofort Feuer und Flamme. Und dann noch mit Golferin/Meisterdetektiv Pikachu-Nebendarstellerin Kathryn Newton in der Hauptrolle? "Shut Up and Take My Money!", wie man in memedurchsetzter Internetkommunikation so schön sagt!

Die Trailer hatten mich dann auch vollends überzeugt, so dass ich den Kinostart kaum abwarten konnte. Und dann, einen Tag vor der Vorpremiere in einem Kino in meiner Nähe ... haben im Herbst 2020 die Lichtspielhäuser wieder ihre Pforten geschlossen. Und so musste ich warten, warten, bangen, dass dieser Film nicht ins Streaming geschüttet wird, warten, bangen, warten und bangen.

So baute sich in mir allmählich der Traum auf, mit Freaky meine Rückkehr ins Kino zu feiern. Das sollte letztlich nicht eintreffen, denn der leinwandfüllendere Godzilla vs. Kong hat sich mit der ersten Pressevorführung 2021 in meiner Nähe dazwischen gedrängelt. Nicht, dass ich klagen würde. Dennoch war der Riesenmonsterkampf für mich der Appetitanreger. Und Freaky, der eine Woche später als meine zweite PV 2021 herbeitänzeln sollte, der Kino-Comeback-Hauptgang. Zumindest in Sachen Vorfreude und Erwartung. 

Und, was für ein Glück: Meine Erwartungen wurden erfüllt! Weshalb auch ihr euch auf Freaky freuen solltet? Aaaaalso ... 

Mittwoch, der 11., und die folgenden Tage

Im sonnigen, unauffälligen Städtchen Blissfield geht seit Jahrzehnten die Legende vom Blissfield Butcher um, einem großen, starken, maskierten Killer, der bevorzugt auf Teenager Jagd macht. Und noch lieber auf sexuell aktive Teenager, die es für ihre unsittliche Art zu bestrafen gilt. Eine gut betuchte Freundesgruppe macht sich beim nächtlichen Rumhängen über diese Sage lustig, nur um kurz darauf am eigenen, alsbald toten Leib zu erfahren, dass der Blissfield Butcher (Vince Vaughn) sehr wohl existiert. Bei seiner Abschlachterei der vorlauten Jugendlichen entwendet der Maskenmörder zudem einen rituellen Dolch, genannt La Dola. Am nächsten Abend setzt er diesen Dolch ein, um die schüchterne Halbwaise Millie Kessler (Kathryn Newton) zu attackieren, die verzweifelt darauf wartet, dass ihre alkoholsüchtige Mutter (Katie Finneran) sie von einem Footballspiel abholt. Dem Butcher gelingt es nicht, Millie zu töten, dafür geschieht entgegen seiner Erwartung etwas völlig anderes:

Denn am Freitagmorgen wachen Millie und der Butcher im jeweils anderen Körper auf. Während der Butcher seine unschuldige Erscheinung als Millie nutzt, um seinen Blutdurst zu stillen, muss Millie im Körper des berüchtigten Killers versuchen, ihre besten Freunde (Misha Osherovich und Celeste O'Connor) über diesen Vorfall zu unterrichten, die ganze Schule vor der drohenden Gefahr zu warnen und einen Weg zu finden, diesen Körpertausch wieder rückgängig zu machen.

"Der blutigste Disney-Film, der je gedreht wurde"

Ich habe wenige Tage, bevor die Einladungen zu den Freaky-Pressevorführungen eintrudelten, einem geschätzten Kollegen, der etwas überrascht war, dass ich diesem "unscheinbaren Film" so sehr entgegenfiebere, erklärt: "Natürlich freue ich mich so enorm auf Freaky. Ich bin die Kernzielgruppe!" Denn wenn es im so stark verkürzten, deutschen Kinojahr einen Film mit einem Budget über 15 Millionen Dollar gibt, der wie auf mich zugeschnitten wirkt, dann wohl dieser. Der (aus Sorge vor Urheberrechtsklagen schnell fallen gelassene) Arbeitstitel war Freaky Friday the 13th, Menschenskinder, noch offensichtlicher kann man den Clash aus Filmgewalt und Familienkino kaum beschreiben, und ich liebe solche gewollten tonalen Aufprallsituationen.

Obwohl: Man kann den bei Freaky intendierten Clash sehr wohl noch besser erklären. Regisseur Christopher Landon, der zusammen mit Michael Kennedy auch das Drehbuch geschrieben hat, steckte seine Absicht hinter diesem Film im Gespräch mit Fandom wie folgt ab: Die zentrale Frage war für ihn stets "Wie kann ich den blutigsten Disney-Film aller Zeiten machen?"

Und genau so muss man Freaky sehen: Wenn nach dem gewaltreichen Prolog rund um den Blissfield Butcher Millie, ihre Familie und ihre Freunde eingeführt werden, verfolgen die Autoren Michael Kennedy und Christopher Landon dies nach der Disney-Teenie-Komödien-Formel. Millie ist ein schüchternes Mauerblümchen, das ohne zu murren mit seiner Mutter in eine Musicalvorführung, statt zum anstehenden Ball geht. Millies Schwester Char (Dana Drori) ist eine strenge Polizistin, die von Millies Schüchternheit und der klammernden Art ihrer Mutter genervt ist. Sowie davon, dass sie seit dem Tod von Millies und Chars Vater (natürlich gibt es ein totes Elternteil!) so übermäßig deprimiert ist.

Als "Nun, da wir aufgrund der Gewalt ein R-Rating haben, können wir auch an anderer Stelle stärker reinklotzen"-Boni gibt es ein paar vulgäre Worte und einen Subplot darüber, dass sich Millies Mutter mit Alkoholmissbrauch durch den Tag hilft. Aber der Disney-Duktus der Dialoge, die Disney-Schablone der Familienkonflikte bleibt deutlich, selbiges gilt für Millies Freunde Nyla und Josh: Josh ist das extrovertierte Naturell in dieser Clique und macht gegenüber Passanten flapsige Sprüche, wenn er Millie abholt (nur, dass diese flapsigen Sprüche in Freaky sehr eindeutig-zweideutiger Art sind), Nyla ist die Vernünftige. Millie wird in der Schule sehr Disney-Channel-Film-mäßig gemobbt, hat natürlich heimlich ein Auge auf einen Jungen geworfen. Alle reden so, als hätte man einem Disney-Teeniefilm die Euphemismen und Selbstzensuren gestohlen und aus "Heck" wieder "Hell", aus "Fudge" wieder "Fuck" gemacht, und so weiter ... 

Es ist eine Filmtemperatur, für die man gemacht oder in die man sich zumindest einfühlen muss. Schließlich ist es nicht wirklich eine Parodie, aber schon eine zwinkernde Überspitzung - einer meiner Lieblingsmomente passiert, wenn der Butcher als Millie zur Schule geht, und vorm Haupteingang die Cheerleading-Truppe das reinste Happening mit Flickflacks, Pyramide und viel Konfetti veranstaltet, während Butcher-Millie mit eisernem Blick durch das Getümmel spaziert. Das muss man schon amüsant finden können.

Aber ich finde, dass sich das enorm lohnt: Der gesamte Freaky-Cast ist gut aufgelegt und weiß genau, welche Art Film das ist. Ich habe die guten Figuren mit verschmitztem Lächeln geliebt und die Fieslinge liebend gern gehasst. Generell stehen sich die zwei Identitäten von Freaky nicht im Weg, sondern ergänzen sich bestens: Der Komödien/Freaky Friday-Teil sorgt mit Charme und Sympathie dafür, dass ich im Slasher-Teil umso mehr mit den Figuren mitfiebere (statt nur auf den nächsten Kill zu warten), die Spannung des Slasher/Freitag, der 13.-Teils sorgt dafür, dass der Witz im humorvollen Teil noch lustiger wird, weil er eine kathartische Wirkung hat.

Landons Regie und die Licht- sowie Bildführung von Kameramann Laurie Rose (Ben Wheatleys Rebecca) helfen dabei enorm, die zwei Tonfälle zu vereinen: Freaky sieht für sein schmales Budget sehr hochwertig aus, die Schule ploppt farblich enorm auf, die Nachtszenen sind sattschwarz, mit gezielt gesetzten Akzenten für Atmosphäre oder die nötige Übersicht, um die gut umgesetzten Kills auskosten zu können. Das ästhetische Highlight in Freaky ist jedoch die bereits zum Kult gewordene, rote Lederjacke vom Butcher-als-Millie, die aus dem Stand heraus eine geradezu ikonografische Ausstrahlung hat und Film sowie Charakter perfekt repräsentiert. Kostümchefin Whitney Anne Adams hat mit diesem Fund einen Volltreffer gelandet.

Hinzu kommt ein launiger Soundtrack, doch vor allem gilt: Vaughn und Newton sind formidabel in ihren Rollen, spielen (ähnlich wie Lindsay Lohan und Jamie Lee Curtis in Freaky Friday von 2003) hervorragend in dieser Grauzone zwischen überzeugend und komödiantisch überhöht. Ich hoffe, dass wir bald einen zweiten Teil (oder ein Crossover mit Happy Deathday) zu sehen bekommen!

Freaky startet am 24. Juni 2021 in den deutschen Kinos, und sobald es für euch sicher möglich ist, solltet ihr euch diesen Mordsspaß auf der Leinwand anschauen!

Mittwoch, 26. Mai 2021

De Vil wears punkish redesigned Haute Couture: Disneys Witnessing-something-traumatic-and-Revenge-Film

Was hat es neuerdings damit auf sich, dass frühe Social-Media-Pressereaktionen für Disney-Realfilm-Neuinterpretationen von Stoffen, die Disney zuvor animiert hat, derart übertreiben, wie atypisch sie doch wären? Bevor das Mulan-Remake durch mehrere zunehmend negativere Diskurswellen geschleudert wurde, wurde vor allem eins hervorgehoben: Es sei kaum zu glauben, wie viel (und welch harte) Action Niki Caro in Mulan unterbringen würde, obwohl es doch ein Disney-Film sei. Eine sonderbare Reaktion, meiner Meinung nach, denn Caro zeigt in ihrem Actionmärchen nichts, das auch nur ansatzweise an die ärgsten Disney-Stoffe heranreicht, wie Oz – Eine fantastische Welt oder Gore Verbinskis Disney-Schaffen. 

Im Vorfeld der Veröffentlichung von Cruella auf Disney+ geschah ähnliches: Sogleich mehrere Kritiker:innen betonten, der neue Film von I, Tonya-Regisseur Craig Gillespie sei erstaunlich "Anti-Disney". Ein Statement, dem ich nicht im Geringsten beipflichten würde. Weder tonal, noch hinsichtlich der Aussage, geschweige denn auf inhaltlicher Ebene. Es ist nicht so, als würden Dana Fox (How to Be Single) & Tony McNamara (The Favourite) während ihrer Umgestaltung der 101 Dalmatiner-Schurkin mehrmals heftige Seitenhiebe verteilen oder gar minimal verschleierte Kritik an Disneys Geschäftsmodellen üben (wie unter anderem Tim Burtons Dumbo oder die hervorragende Sitcom Die Dinos).

Ebenso wenig besteht ein Problem, die Grundaussage von Cruella mit dem Disney-Firmenimage zu vereinen. Und tonal ist Cruella zwar wesentlich weniger auf Humor aus als viele weitere Disney-Remakes (vom 101 Dalmatiner-Realfilm aus dem Jahr 1996 über Kenneth Branaghs Cinderella bis hin zum tumben Susi & Strolch-Realfilm von Charlie Bean, um ein paar Beispiele zu nennen). Doch es gibt zahlreiche dramatischere, moralisch komplexere, geschweige denn finsterere Disney-Filme als Cruella. Keine Ahnung, was da die werten Kolleg:innen geritten hat.

Wohlgemerkt: Das ist erst so weit ein rein neutral einordnendes Statement meinerseits. Es macht Cruella nicht besser oder schlechter, wäre dieser über 130 Minuten lange Film undisneyhaft oder besonders disneyhaft. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es manchen nach dieser ersten Welle an Reaktionen helfen wird, ihre Erwartungen zu norden, wenn ich mit dieser "Es ist so ANTI!"-Stimmung aufräume. Und noch etwas könnte euch helfen, besser euren Frieden mit dem Film zu machen als es mir gelang: Er wäre deutlich erträglicher, hätte irgendwer im Schnitt auf's Pult gehauen, den sprichwörtlichen roten Stift ausgepackt und radikal den Prolog zusammengestutzt.

Ich bin nämlich denkbar kurz davor, euch alle zu einem kleinen Experiment einzuladen, und vorzuschlagen, dass ihr einfach alle Szenen überspringt, bevor Emma Stone zu sehen ist. Denn ehe wir in Cruellas Erwachsenenjahren angekommen sind, gibt es einen schleppenden, extralangen Prolog, der ihre Kindheit nacherzählt und dabei besonders schwafelig daherkommt: Aus dem Off erzählt die erwachsene Cruella nahezu ununterbrochen nach, was wir parallel dazu auf dem Bildschirm zu sehen bekommen. Ihre Mutter erzieht sie vor unseren Augen liebend, aber auch mit dem gestrengen Versuch, ihre Launenhaftigkeit einzugrenzen – Cruella sagt genau das. Cruella findet in der Schule eine Freundin – sie sagt, dass sie in der Schule eine Freundin findet. Cruella widersetzt sich einer Vorschrift ihrer Mutter – Cruella sagt, dass sie nicht auf ihre Mutter hört. Ihr versteht schon ...

Das ist schlechtes Geschichtenerzählen und fühlt sich so an, als würden die Filmschaffenden ihr Publikum gewaltig unterschätzen. Und dann umfasst der Prolog auch noch eine ungeheuerlich lächerliche Szene, in der die junge Cruella einen tödlichen Vorfall beobachtet. Der ist aber nicht nur ungeheuerlich konstruiert, selbst für einen etwas überspitzten Film überaus albern und dann noch als potentielle inhaltliche Erläuterung, weshalb Cruella ein Problem mit Dalmatinern hat, geradezu haarsträubend-aufgesetzt. Zu allem Überfluss ist diese Szene äußerst cartoonig inszeniert (dank aufgesetzter, gekünstelter Digitaltricks und einer sehr pathosbeladenen Inszenierung), so dass ich mich eher in einer Lord-und-Miller-Disneyparodie gewähnt habe, als in diesem Film, der seinen Inhalt trotz Stilisierung für bare Münze nimmt.


Ich gebe zu: Ich brauchte einige Zeit, um mich von diesem kitschig inszenierten Vorfall zu erholen, und das ungläubige Kopfschütteln einzustellen. Daher frage ich mich, wie Cruella wohl funktionieren würde, wenn man erst einsteigt, wenn die Titelfigur erwachsen ist, und somit den hölzernen, überlangen Einstieg auslässt, der sowas von unnötig ist: Man hätte selbst in der Postproduktion den Einstieg von Cruella noch retten können, indem man die Kindheitsszenen wieder streicht und Emma Stone einen anderen Erzählkommentar zu Beginn gibt, so dass sie nicht auch während der ersten Szene mit der erwachsenen Cruella einfach nur aufsagt, was wir gerade zu sehen bekommen. Hier hätte man die wichtigsten Infos über Cruellas Kindheit unterbringen können.

Dann verlängert man gegen Ende des ersten Drittels Films den kurzen Rückblick auf den (nun nicht mehr genutzten) Prolog: Statt einfach erneut etwas zu zeigen, was wir schon gesehen haben (und das Publikum erneut für unkonzentriert zu halten), ließen sich an dieser Stelle erstmals die zwei wichtigsten Einstellungen aus dem (nun geschnittenen) Prolog zeigen, um zu unterstreichen, wie bei unserer Titelheldin die Dinge, über die sie bisher schnippisch sprach, emotional angesäuert wieder hoch kommen. Wir sehen den bereits erwähnten, tödlichen Vorfall (großzügig um den Pathos herumgeschnitten) sowie Cruellas verloren gegangenen Schmuck aus Kindheitstagen, der im Prolog und dann im mittleren Drittel des Films kurzzeitig von Relevanz ist. (Dazu gleich mehr ...)

Ihr merkt es schon, wir sind gleitend vom neutralen Bemerken ins Meckern geglitten. Und leider hört es an dieser Stelle nicht auf. Auch wenn der absolute Tiefpunkt in Cruella tatsächlich schon hinter uns liegt, sobald Emma Stone auftaucht, so bleiben noch mehrere Aspekte, die mich auf Distanz zu diesem Film gehalten haben – darunter einer, der mit dem eben erwähnten Schmuckstück zu tun hat. Denn Fox & McNamara haben redliche Probleme, eine Motivation für Cruellas Handeln zu entwickeln. Sie beginnt ihre Geschichte als Kleindiebin und inoffizieller Kopf einer Drei-Personen-Bande, die auch Jasper und Horace (Joel Fry und Paul Walter Hauser) umfasst.

Als sie eines Tages die Chance bekommt, ehrlich zu werden und einen niederen Job bei einem Modehaus anzunehmen, ergreift sie diese Gelegenheit, nur um nach einem grauenvollen Tag im Suff und aus Protest ein Schaufenster zu vandalisieren. Ihr Punk-Protest-Schaufenster erregt beim Schaufensterbummelpublikum des Londons der 1970er-Jahre aber Aufsehen, und somit auch bei der umfeierten Modeschöpferin Die Baronin (Emma Thompson), von der Cruella Fan ist.

Daraufhin beginnt Cruella einen beruflichen Aufstiegskampf, bei dem sie zudem ihr Können schleift wieder erlernt, ihre zuletzt gedrosselte Persönlichkeit auszudrücken. Allerdings steigt sie außerdem bei der Baronin ein, weil Cruella bei ihrer ersten Begegnung mit dem Star des Modegeschäfts bemerkt, dass sie ein wertvolles Familienschmuckstück trägt, das Cruella einst als Kind verloren hat. Und Cruella plant kurzerhand, es zu stehlen. Und ein Rachekomplott wird später auch noch unter Cruellas Storyline gehoben. Und es wird suggeriert, dass Cruella womöglich ihren Hang zu massiver Dramatik, dem Ausloten des moralisch Tragbaren und gewaltigen Stimmungsschwankungen vererbt bekam, und dass diese nicht unter Kontrolle gehaltene, genetische Last sie von einer Diebin aus Not zu einer potentiellen Schurkin macht ... Uff!

Wir haben es hier also mit einer Titelfigur zu tun, die einen Klassenkampf austrägt, eine turbulente Selbstfindungsreise und den Lernprozess des Selbstausdrückens durchmacht, einen Gegenstand von sentimentalen Wert stehlen möchte, der es nach Rache dürstet und die vielleicht einfach nur eine tickende mentale Zeitbombe ist, deren Handeln keiner rationalen oder emotional gesunden Struktur folgt, sondern völlig impulsiv ist. Das ist ein derartiger Wust an Motivationen und narrativen Triebfedern, dass es ein stringentes, fokussiertes Drehbuch benötigen würde, damit das eine kohärente Charakterisierung und Erzählung ergibt (und der ganze "Es liegt ihr einfach im Blut"-Part nicht ins Fragwürdige abdriftet). Und genau daran mangelt es Cruella leider.

In Cruella wird uns kein komplexes Miteinander oder ein packendes Ringen dieser Motivationen präsentiert, stattdessen ist das Skript ein reines Flickenwerk: In einer Szene ist Cruella ein Mädchen aus der Arbeiterklasse, das aufgrund eines Schicksalsschlags auf der Straße landet und Kleinganovin wird, sich wieder aufrappeln möchte, und sich mit der Arroganz der Upper Class reibt. (Notiz am Rand: Es ist fraglich, weshalb Cruella keinerlei Auffangnetz hat, denn es wird im Prolog durchaus die Möglichkeit vorbereitet, dass sie aufgefangen werden könnte. Und statt dramatisch zu zeigen, wie ihr Auffangnetz reißt, wird es einfach ignoriert. Noch ein Grund, den Prolog zu überspringen, denn ohne ihn bleiben offene Fragen aus, die er überhaupt erst aufgeworfen hat.) 

Dann ist phasenweise der ganze Klassenkampf egal, ebenso wie Cruellas Sturz von der sozialen Leiter und ihr erneutes Erklimmen. Es geht nicht nur Cruella allein um den Coup (was ja durchaus als bewusste Charakterzeichnung durchginge: Sie verbeißt sich in dieses Motiv), der Film selbst simplifiziert ihre Geschichte zu einem "Ich klau mir, was mir einst gehört hat!"-Raubzug. Dann will er die Disney-Version eines Revenge-Thrillers sein. Dann ist es kurzzeitig doch ein "Underground vs. High Society"-Ding. Und dann fällt er immer wieder in die "Ein Prequel, das die WAHRE Geschichte erzählt"-Falle, indem der Film Elemente aus 101 Dalmatiner, über die sich niemand Gedanken gemacht hat, in ein neues Licht rückt. Aber nicht auf die ebenso gewitzte wie hintergründige Wicked-Art, sondern auf hochnotpeinliche, diesem Film seine Eigenständigkeit raubende Weise. 

Es ist ein Kuddelmuddel der Ideen, als hätte man aus zahlreichen, sehr unterschiedlichen Drehbuch-Entwürfen ein paar (für sich stehend betrachtet) gelungene Szenen gerissen, sie aneinandergereiht, und vergessen, noch einmal drüber zu gehen und alles anzupassen.

Ähnlich verhält es sich mit der Regieführung: Gillespie gelingt es in Cruella zweifelsohne, einzelne gefällige Momente zu inszenieren. Vor allem die Ballsequenzen und Modeschauen, aber auch ein kurzes herzliches Gespräch zwischen Cruella und Jaspar, sind griffig in Szene gesetzt und bleiben in Erinnerung. Und generell umgeht Gillespie weitestgehend die bildästhetischen Stolperfallen aus dem Susi und Strolch-Realfilm, Guy Ritchies Aladdin oder anderen schwachen Disney-Remakes: Der Film sieht weitestgehend wertig und eingelebt aus: Ein paar wackelige Compositing-Shots oder cartooneske CG-Effekte ausgenommen, wirkt dieses 70er-London, das zwischen ranzig und modisch gefangen ist, echt.

Dennoch bleibt eine Gesamtvision aus: So, wie der Film erzählerisch und thematisch Stückwerk ist, eiert Cruella auch inszenatorisch unentschlossen herum, was sich am besten durch die Montagen erläutern lässt. Wenn sich Cruella etwa mit einer Folge von knalligen Auftritten einen Namen in der Londoner Szene macht, sehen diese Aktionen der exzentrischen Modemacherin mit schwarz-weißem Haar für sich betrachtet ansehnlich aus. Als Montage bleibt aber ein Gesamtgefühl aus. Die Auftritte werden so spektakulär in Szene gesetzt, dass klar wird, dass wir Cruellas Arbeit bejubeln sollen. Jedoch bleibt Gillespie auf Distanz, lässt den Schmiss vermissen, den Cruellas Performances haben. So erzeugt der Regisseur eine Diskrepanz zwischen dem Handeln Cruellas und der Darstellung dessen. Daher lässt sich Cruellas Aufstieg nicht wirklich mitfeiern, es ist, als wäre er in einen grauen Schleier gehüllt, der uns an die mögliche, unglückliche Implikation dessen erinnert, wie Cruella sich in ihrem Komplott verliert.

Im Zusammenspiel mit dem unentschlossenen Skript und dessen, wie schwammig Gillespie die Grundtonalität mehrerer Wendepunkte einfängt, lässt sich das auch nicht als Ambivalenz abtun: Dafür hätten sich die Cruella-Verantwortlichen ja konkret dafür entscheiden müssen, eine nuancierte Position zu beziehen. Doch es ist keine grau-graue Weltsicht, die Gillespie mit seiner Regieführung vor uns ausbreitet, um uns zum Abwiegen und Zaudern einzuladen, sondern ein unmotiviertes Wechselbad. Oder, um im Modethema zu bleiben: Hier werden keine kollidierenden Stile mit Verve und Intention zusammengebracht, sondern einfach in den Kleiderschrank gegriffen und das Erstbeste angezogen, als sei es egal, wenn sich die einzelnen Modestücke beißen.

Das gilt jedoch nur für den Film insgesamt, nicht wirklich für die Mode in ihm. Denn meinen Kritikpunkten zum Trotz muss ich an dieser Stelle festhalten: Kostümdesignerin Jenny Beavan (Mad Max: Fury Road) hätte für Cruella zweifelsfrei einen weiteren Oscar verdient! Sie hebt den Film definitiv auf ein höheres Level (nicht auszudenken, was er ohne sie geworden wäre), indem sie diesen Clash aus britischem 70er-Underground-Chic, massentauglicher Fashion und Haute Couture genüsslich auslebt, den Cruella in ihm modisch heraufbeschwören will. Das gilt sowohl quantitativ (der zentrale Cast trägt 277 Kostüme, allein Cruella macht 47 Kostümwechsel durch, und für Cruellas Autokleid wurden 5060 Blütenblätter und 393 Meter Organza-Stoff verarbeitet), als auch hinsichtlich der Kreativität der Kostüme.

Die zahlreichen Kostüme Cruellas, der Baronin und der weiteren Mitglieder der Modewelt sind echte Augenweiden, einfallsreich und voller Ausdrucksstärke. Und der Nebencast versprüht dank einer stimmigen Balance aus zeitlicher Authentizität und Überspitzung denkwürdiges Lokal-, Subkultur- und Zeitgefühl. Selbst die verschiedenen im Film verwendeten Brillen (verantwortlich: Tom Davies, Hugo Cabret) haben Persönlichkeit. Auch das Make-up und Hairstyling in Cruella sticht positiv heraus und wäre zumindest einer Oscar-Nominierung würdig.

Hinter der ausdrucksstarken Schminke macht Emma Stone in der Titelrolle eine passable Figur: Sie spielt die modische Ganovin mit ansteckender Spielfreude, allerdings gelingt es selbst dem La La Land-Star nicht, mich von dieser schwammigen, unklaren Charakterisierung Cruellas zu überzeugen. Die sporadischen Sprünge ins Manische, die Cruella durchmacht, sind zu überzogen spitz und gleichzeitig narrativ untermotiviert. Es macht jedoch unbestreitbar Spaß, Stone dabei zuzusehen, wie sie dick aufträgt, und sich dann wieder für nuanciertere Momente fängt. Sie hält das unentschlossene Drehbuch deutlich besser zusammen als etwa Angelina Jolie in den grausigen Maleficent-Filmen.

Stones Namensvetterin Emma Thompson hat unterdessen als Baronin den Vorteil, dass ihre Figur ziemlich geradlinig als "durch und durch boshafte, selbstverliebte Modechefin" skizziert wird, was in allen Phasen des Stückwerk-Skripts funktioniert. Und mit dieser schlichten Charakterzeichnung ihrer Rolle hat Thompson sichtbar Freude: Ihre arroganten, abfälligen Blicke, in denen sich die Baronin suhlt, sind auf herrliche Weise fies und immer gleich.

   

Fry und Hauser sind als Jasper und Horace kurzweilig, Jon McCrea reißt mit seiner extrovertierten, selbstbewussten Art als Modeverkäufer und Cruella-Komplize Artie jede seiner wenigen Szenen an sich, und Mark Strong steht würdevoll in der Gegend herum. Der Rest des Casts bleibt nicht weiter in Erinnerung, während Gillespie und Music Supervisor Susan Jacobs einen Soundtrack zusammenstellen, der das Zeug dazu hat, berühmt-berüchtigt zu werden. Denn auf der Haben-Seite steht eine wahrlich riesige Greatest-Hits-Sammlung an zeitgenössischen Songs, die uns direkt ins zeitliche und kulturelle Settings des Films versetzen.

Auf der Negativseite steht allerdings eine derart hohe Frequenz an Einsätzen von Archivmusik, noch dazu solch weit verbreiteter und in der Popkultur ausgereizter Rock- und Popnummern, dass zwangsweise Erinnerungen an David Ayers Suicide Squad wach werden: Gillespie und Jacobs packen Cruella mit berühmten und beliebten Liedern voll, dass die Songeinsätze auf langer Strecke an Reiz verlieren. Dazu trägt auch massiv bei, dass die Songs selbst zwar ikonisch sind, ihre Verwendung aber oftmals in eine von zwei Kategorien fällt: Völlig beliebig ("Lasst uns irgendeinen britischen Charthit aus den 1970ern oder einen in den 70ern weiterhin relevanten 60er-Evergreen nehmen, um die Leute nochmal daran zu erinnern, wann der Film spielt!"), also ohne nennenswerte Resonanz zwischen dem Gezeigten und der Musik, oder so überdeutlich, dass es weh tut. Mehrmals wird die offensichtlichste Nummer gespielt, die in der Szene laufen könnte – was den zusätzlichen Nachteil mit sich bringt, dass diese Lieder in den vergangenen Jahren schon von anderen Filmen verwendet wurden. Und das meist zudem deutlich gewitzter, so dass ich gedanklich in die anderen Szenen abgedriftet bin, in denen das Stück verwendet wurde.

Letzterer Aspekt wird natürlich nicht jene stören, die deutlich weniger Filme schauen, Man kann nicht an etwas denken, das man nicht kennt. Aber um euch zu erklären, dass ich nicht allein sage "Das gab's schonmal, also ist es schlecht!": Gillespie rannte auch mit seinem vorherigen Film in musikalisch fest abgestecktes Gebiet. I, Tonya verwendet The Chain von Fleetwood Mac, und somit einen Song, den einige Monate zuvor James Gunn in Guardians of the Galaxy, Vol.2 sehr markant eingesetzt hat. Doch wenn ich I, Tonya schaue, gleite ich gedanklich nicht ins Marvel-Universum ab, weil Gillespie das Lied genau im richtigen Moment laufen lässt (und der Song nicht derart abgenudelt ist wie ein paar seiner Cruella-Nummern), so dass Song und Film kurz eine Einheit bilden. Gemeinhin denke ich bei The Chain, wenn ich mir das Lied ohne Filmbegleitung anhöre, zwar eher an die Guardians als an Tonya Harding, dennoch bleibt diese Assoziationskette während I, Tonya aus.

Bei Cruella dachte ich aufgrund der weniger inspirierten Musikentscheidungen dagegen wiederholt während der ersten Takte eines Songs Dinge wie: "Oh! Once Upon a Time in Hollywood! Ach! Der Joker-Trailer. Na, den Song hätte ich aber gestrichen, nachdem der Film mir zuvorkam, mit dem mich dauernd alle vergleichen, obwohl das ein wenig sinnvoller Vergleich ist. Achje, Flight, Focus, Suicide Squad, Californication, Middle Men, und so viele mehr kamen dir zuvor."

Der Soundtrack ist definitiv beeindruckend (jedenfalls der Jukebox-Part, Nicholas Britells Score wird nämlich ziemlich an den Rand gedrängt), weil die Lizenzen sicher ungeheuerlich teuer waren. Aber er ist gleichzeitig auch sehr ziellos zusammengestellt und wird in den Film gekleistert, als sei er Kitt, der dafür sorgen soll, dass die Story und Stimmung irgendwie zusammenhält.

Und das fasst Cruella leider ziemlich treffend zusammen. Denn ich wüsste nicht, was der Film uns sagen will, außer "Schau mal, wie teuer der Soundtrack ist, den wir uns leisten konnten", "Wow, Emma Stone hat echt Spaß als Cruella", "Tolle Kleider!" und "Sei du selbst, aber nicht zu sehr, und bitte nur in einer Underground-Szene, solltest du einen zu auffälligen Charakter haben, aber auch dann nur, wenn du ein tief sitzendes, sentimentales Motiv für dein Handeln hast". Letzteres war sicher nicht als Moral der Geschicht' geplant, aber genau das kommt letztlich bei diesem "Maleficent, aber mit Cruella ... naja, oder sie wird wirklich böse, oder, nein, besser nicht, sie ist wirklich gut und missverstanden, hach, wir können uns nicht entscheiden, egal!"-Geeier raus.

Cruella ist ab dem 27. Mai 2021 (pandemiebedingt) in einigen, wenigen Kinos zu sehen und ab dem 28. Mai 2021 als kostenpflichtiger Premium-Titel auf Disney+ abrufbar. Eine "reguläre" Disney+-Auswertung wird folgen.