Dienstag, 10. August 2021

Die Big-Budget-Überraschung des Kinojahres: Free Guy

Nach zahlreichen Verschiebungen kommt am 12. August 2021 die neue Ryan-Reynolds-Komödie Free Guy in die Kinos. Ein Film auf den ich aufgrund seiner Marketingkampagne wenig bis gar keine Lust hatte. Die Poster sahen generisch aus, die zahlreichen Trailer haben mir bestenfalls ein Schmunzeln entlockt und mich schlimmstenfalls genervt. Offenbar ging es vielen so. Und es wäre verdammt schade, sollte der Film daher auf die Nase fallen. Denn Free Guy ist eine Big-Budget-Komödie, die High Concept mit viel Herz und großem Spaß vereint – gemessen an meiner Erwartungshaltung eine waschechte, vergnügliche Überraschung.

Darum geht es: Guy ist ein NPC, also ein nicht spielbarer Charakter, in einem Online-Sandbox-Spiel namens Free City, einer Art "Grand Theft Auto trifft Slaughter Race aus Chaos im Netz". Er wurde dazu programmiert, stets den gleichen Kaffee bestellend und freundlich-ratlos grinsend zu seiner Arbeit in einer Bank zu gehen, die die von Spieler:innen gesteuerten Figuren für Bonuspunkte überfallen können. Doch eines Tages wird Guy aus seiner Routine gerissen: Als er die von Indie-Programmiererin Millie gespielte Molotov Girl (Jodie Comer) kennenlernt, fühlt er sich dazu angespornt, sich nicht weiter herumschubsen zu lassen, sondern selber aktiv zu werden. Bald darauf durchschaut er den vor ihm verborgenen Fakt, dass sein ganzes Leben nur ein Spiel ist. Doch es gibt noch viel mehr zu entdecken ...

Vielleicht ist das Free Guy-Marketing genau darüber gestolpert: Einerseits ist die neue Regiearbeit von Shawn Levy (die Nachts im Museum-Trilogie, Real Steel) eine High-Concept-Komödie, also ein leicht zusammenfassender Spaß für's ganze Publikum. Videospielfigur realisiert, dass sie eine Videospiel-Randfigur ist, und möchte mehr sein. Ralph reicht's, quasi, nur nicht mit dem Gut/Böse-Ansatz, sondern einem Passiv/Aktiv-Spektrum an Bestimmung. Allerdings machen die Drehbuchautoren Matt Lieberman (The Christmas Chronicles) und Zak Penn (Marvel's The Avengers und Ready Player One) einen durchaus anders gearteten Stoff daraus, als man bei einem heutigen Big-Budget-Realfilm über Computerspiele und/oder einem ins Metafiktionale lehnenden Vehikel für Deadpool-Star Ryan Reynolds erwarten würde.


Dabei haben ja schon die Ralph reicht's-Filme vorgemacht, dass solch ein Stoff für herzliche Geschichten herhalten kann. Und Free Guy bestätigt nun, dass dies kein Kniff ist, der Animationsfilmen vorbehalten bleibt: Mit Videospiel-, Internet-, und generellen Popkultur-Referenzen bestückte Komödien über Gaming-Figuren, die über ihre vermeintliche Bestimmung hinauswachsen, können durch und durch gute Laune verbreiten und mit einem großen Herz erfreuen. Im Falle von Free Guy wird daraus fast schon etwas, das ich einen Sonntagswolldeckenkuschelfilm nenne: Mancher ironischer Spitze zum Trotz ist dies nämlich ein echter Wohlfühlfilm geworden, der zu mehr Freundlichkeit und Schöpfungsfreude inspiriert, ohne dass Skript, Schauspiel oder Regieführung je ins Moralinsaure kippen würden.

Das liegt daran, dass die Story nicht in die Richtung "Jetzt tobt sich ein NPC aus!" entwickelt, was sicher ein Gag-Schnellfeuerwerk hätte werden können, aber nicht solche emotionale Tiefe mitgebracht hätte. Stattdessen dreht sich Free Guy einerseits um Programmiererin Millie, die im echten Leben einen Kleiderschrank voller großer, weiter, richtig toll flauschig aussehender Pullis hat (sie sehen so warm und kuschelig aus!), in Free City dagegen die Identität einer britischen Killerin in Fliegerbrille, wehender weißer Bluse und Hosenträger annimmt. Sie ist auf der ständigen Suche nach Beweisen dafür, dass der geldgierige, Kreativität geringschätzende Betreiber dieses Games (ein überdrehter Taika Waititi) das Lebenswerk von Millie und ihrem besten Freund gestohlen hat. Free Guy und Tim Burtons Dumbo würden ein echt interessantes Double Feature ergeben, nur dass in dieser Kombi Dumbo wundersamerweise der zynischere, spitzere Film ist. Oder wir packen noch den Utopie-Wunschgedanken behandelnden A World Beyond hinzu und haben ein Triple an sich vergnüglich ergänzenden Filmen.

Denn Jodie Comer verleiht Free Guy in den Szenen in der realen Welt mit einer freundliche, fröhlichen, zielstrebigen Leinwandpräsenz eine gewinnende, einladende Grundstimmung. Ihre Free City-Identität ist wiederum cool, lässig, selbstsicher - und sie geht mit einem Lied auf den Lippen auf ihre Mission, durch die sie sich mit vollem Einsatz kämpft. Sie ist keine abgebrühte, makellose Killerbraut, keine Gamerin, die sich übernimmt, sondern glaubhaft Vollprofi, der gelegentlich in überfordenden Trubel versinkt.

Zudem spielen sich Comer und ihre jeweiligen Szenenpartner sehr gut die Bälle zu: Mit Ryan Reynolds ergibt sich ein sehr launiger, temporeicher Rapport, bei dem sie genauso über Guys Naivität und Optimismus staunen wie mit ihm schmunzeln darf - und sich auch immer wieder kleine Momente der Alleinunterhaltung erlaubt, wenn sie Späße macht, die über Guys Kopf hinwegfliegen. Mit Joe Keery in der Rolle ihres nun für die Konkurrenz arbeitenden, früheren Geschäftspartners Keys wiederum hat sie eine warme, natürlich wirkende Chemie: Man merkt ihren Figuren eine lang gewachsene, beruflich komplizierte, privat harmonische Dynamik an, die ihre gemeinsamen Szenen massiv aufwertet, selbst wenn sie auf Skriptebene ein paar Klischees nicht zu vermeiden wissen. Hoffentlich arbeitet Hollywood schon an einer Buddy Comedy oder RomCom mit den Beiden, denn diese Energie zwischen ihnen muss weiter ausgenutzt werden!

Der andere, im Marketing stärker betonte Storyfaden von Free Guy dreht sich um Reynolds' Guy, der seine neu entdeckte Freiheit innerhalb Free City nutzt, um mit unbändiger Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft das Spiel zu einem besseren Ort zu machen. Er allein kann nicht viel bewegen, aber er legt sich dennoch ins Zeug, was dank Reynolds' typischem Comedy Timing ganz fesch rüberkommt und eine hübsche Verdrehung der Deadpool-basierten Erwartungen darstellt. Guys unschuldige Verspieltheit ist geradezu ansteckend, und seine sehr kindliche, aber Grenzen beachtende Verschossenheit in Millie findet eine angenehme Balance aus Albernheit und harmloser Blauäugigkeit. 

Was richtig überraschend ist: Reynolds, Penn, Lieberman und Levy gelingt es (meistens, nicht immer) nahtlos, aus dieser freundlich, anspornend-munteren Tonalität auch schrillere Popkulturreferenzen oder auch grellere, lautere Gags rund um kuriose Anblicke, Vulgaritäten oder Kalauer-Steilvorlagen zu entwickeln. Ob derbe Wutausbrüche, pubertär handelnde Nebenfiguren, Portal-Guns, Cameos oder Verweise auf andere Filme: Im filmischen Gesamtkontext wirkte das auf mich nicht aufgesetzt, sondern organisch aus der Persönlichkeit der Figuren und der Filmwelt (und der Welt-in-der-Welt) gewonnen. Da werden Erinnerungen an The LEGO Movie wach, und das nicht nur, weil Reynolds Guy wie einen fähigeren, aber paradoxerweise wohl noch begriffsstutzigeren Emmet anlegt.

Free Guy ist alles in allem ein echtes filmisches Kuriosum: Man könnte zahlreiche Szenen aus dem Film lösen, als Promo-Clip zeigen, und es würde entweder lahm sowie das Potential der NPC-wird-selbstständig-Idee fallenlassend wirken, oder forciert, bemüht und anstrengend. Doch dadurch, wie sich die Geschichte entfaltet, mit welcher ehrlichen Begeisterung die Moral vermittelt wird, und wie sich der Cast ergänzt, funktioniert Free Guy überaus gut. Ein echt schöner, gesund-dämlicher, gutherziger Filmspaß mit wiederverwertetem Paperman-Score und Herz!

Sonntag, 18. Juli 2021

Behind the Attraction


2017 startete auf Netflix die Dokuserie Spielzeug - Das war unsere Kindheit, die in jeder Episode eine flott erzählte Abhandlung über die Entstehung, den Aufstieg und den etwaigen Fall (und Wiederaufstieg) einer Spielzeugkollektion bietet. Der charmante Clou hinter der Serie ist die spür- und hörbare Begeisterung der Verantwortlichen für das Thema, die sich in kleinen Running Gags, Insiderjokes und spielerischen formalen Albernheiten äußert und dem Spielzeug-Element gerecht wird, der ein tiefer reichendes Behandeln des Themas gegenübersteht. Seien es Konflikte innerhalb des Kreativteams hinter einem Spielzeug, wer für welche Idee Anerkennung verdient, Steuerskandale, die zwischenzeitlich den Stern der Barbie-Marke haben sinken lassen, oder kulturelle Wandel, die eine Spielzeugserie anschieben oder ausbremsen: Fanhaftes Abkulten trifft auf kritisches Behandeln der unternehmerischen Hintergründe.

Brian Volk-Weiss, der Strippenzieher hinter der Dokureihe, ließ auf diese Dokuserie eine weitere Reihe bei Netflix folgen: Die ähnlich schnippisch aufgezogene Produktion Filme - Das waren unsere Kinojahre. Auch dort werden das Zelebrieren von Erfolgsgeschichten und das Erinnern an unschönere oder dramatischere Details vereint, wie "Der Autor von Stirb langsam dachte, seine Ehe zerrüttet und er verursacht jeden Moment einen tödlichen Autounfall, und als sich das als Irrtum herausstellte, fand er in seiner Angst den emotionalen Kern des Films" oder "Ohne Vertragsbruch gäbe es Kevin - Allein zu Haus nicht". Die Publikums- und Pressereaktion auf diese Dokuserie war etwas gespalten, da manchen die juxenden Erzählkommentare und die flippige Aufmachung nicht gefallen hat. Ihnen wäre ein ernsteres Making of der gewählten Filmtitel lieber. Andere mochten die Abwechslung.

Unter Disney-Themenparkfans wird Behind the Attraction sicher ähnliche Reaktionen hervorrufen. Denn Disney+ hat sich Brian Volk-Weiss ins Boot geholt, um sozusagen Disney-Attraktionen - Das waren unsere Themenparkerlebnisse auf die Beine zu stellen. Naja, ganz genau genommen hat Volk-Weiss mit seiner Produktionsfirma Disney+ ein anderes Format gepitcht, doch Disney+ fand seine Idee nur gut, allerdings nicht sehr gut, weshalb man ihn gefragt hat, ob er in seiner üblichen Tonalität nicht etwas über die Disney-Themenparks machen möchte. Volk-Weiss hat sozusagen aus eigenen Stücken ein Ticket für's Boot geholt und bekam dann diesen Posten zugesprochen.

Jedenfalls: Mit Dwayne Johnson als Massentauglichkeit anvisierenden, ausführenden Produzenten und Paget Brewster (DuckTales, Community) als humorvolle Erzählerin im Original schlägt Behind the Attraction eine andere Richtung ein als das tief im Archiv wühlende, kulturhistorisch-journalistische The Imagineering Story von Leslie Iwerks oder das Disney-Werbung betreibende One Day at Disney oder Disney Insider

Mit selbstironischen Spitzen und ständig auf's Gaspedal drückenden Kommentaren aus dem Off (halt im Stile der oben genannten Volk-Weiss-Projekte) vermeidet Behind the Attraction definitiv den Vorwurf, einfach nur Disney-Eigen-PR zu sein. Behind the Attraction könnte auch einfach eine Travel-Channel-Produktion sein, die sich etwas hipper und flippiger verkaufen will als für den Spartensender üblich. Aber dieses "Hach, es geht halt um Themenparks, und wir lieben Themenparks, aber es ist halt ... ein Themenpark ... und nicht tiefdüstere Politgeschichte!"-Spaßelement wird garantiert manchen Leuten auf den Keks gehen. 

Ich dagegen muss sagen: Hey, ist doch super, dass es mehrere Tonalitäten auf Disney+ gibt, um hinter die Disney-Kulissen zu blicken. Liebend gern würde ich eine zweite Staffel des ernsteren The Imagineering Story schauen, wenn ich Disneys PR-Spin sehen will (will ich das?!), schau ich Disney Insider, und Behind the Attraction gestattet weitere Einblicke in die Themenparks und deren Geschichte, aber eher auf eine "MTV der späten 90er, frühen 2000er, komm, hab 'ne gute Zeit und lern dabei, hier, nimm 'nen Keks und hör mal, hier ist 'n Joke!"-Weise.

Oder, in den Worten von Brian Volk-Weiss selbst, der in einer virtuellen Pressekonferenz seine Gedanken zur Show erklären durfte: "Es ist eine spaßige Sendung, die in allererster Linie unterhalten soll. Aber hoffentlich ... um das böse L-Wort zu benutzen, lernt man am Ende auch was."

Zumal: Behind the Attraction nutzt diese flippige Art, um mittels dieser Verpackung dem Publikum Elemente nahe zu bringen, die es nicht unbedingt anfragen würde ... von solchen Fans wie mir mal ausgenommen. Es gibt selbstkritische Auseinandersetzungen mit schlecht gealterten Ideen und Imagineers mit bislang weniger Medienprominenz dürfen ihre Perspektive erläutern und so auch den Hardcore-Fans Neues bieten. Denn was die prominenteste Garde so zu ihren Arbeiten sagt, das weiß das Themenpark-Fandom ja mittlerweile. Aber natürlich kommen auch die zu Wort, schließlich schauen auch "Normalos" rein. Und so reicht die Liste der Interviewpartner:innen von Bob Weis, Jeanette Lomboy, Kim Irvine und Scott Trowbridge bis Tom Fitzgerald und Joe Rohde.

Oder, um Vanessa Hunt vom Walt Disney Imagineering Art Collection Team zu zitieren, die schon mehrere Disney-Sachbücher verfasst hat: "Als ich die Show geschaut habe, war es für mich ein echtes Vergnügen, aus erster Hand die Geschichten meiner Imagineering-Kolleg:innen über Attraktionen zu hören, über die ich dies und das schon wusste." Die Interview-Segmente zu sehen und zu hören und so persönliche Erfahrungsberichte von Imagineers zu bekommen, ist einfach etwas anderes als die knallharten Fakten zu lesen.


Imagineer Dave Durham, der vornehmlich in der frühen Planungsphase kommender Attraktionen tätig ist und schon an Indiana Jones Adventure arbeitete, merkte zudem an, dass er das Format Behind the Attractions so sehr mag, weil so viele Imagineers zur Sprache kommen und darin die ganzen Anekdoten der Öffentlichkeit erzählen können, die sie sich zuvor verkniffen haben.

Ich kann nur hoffen, dass es eine zweite Staffel geben wird. Denn Volk-Weiss, der großer Disney-Fan ist, tat sich schon ungeheuerlich schwer, die Themen der ersten Staffel zu wählen. Am liebsten hätte er allein über Mission to Mars zehn Folgen gemacht, so enthusiastisch geht er an dieses Metier heran, und das merkt man dem Format definitiv an. Wieso also nicht mehr davon? Es gibt noch genügend andere Winkel der Parks zu erkunden!

Die erste Hälfte von Staffel eins geht am 21. Juli 2021 bei Disney+ online, im weiteren Verlauf des Jahres folgen fünf weitere Episoden.