Donnerstag, 19. Mai 2022

Top Gun: Maverick

Top Gun hat interessante Loopings hinter sich: Ursprünglich von der Kritik negativ besprochen, aber vom zahlenden Publikum gefeiert, hat sich der von Tony Scott inszenierte Kampfjet-Pilotenfilm mittlerweile Kultklassikerstatus erarbeitet. Neue Generationen an Filmkritiker:innen lassen ihm zumeist die Liebe zukommen, die er 1986 in der Presse nicht erhalten hat. Beim breiten Publikum gibt es wiederum zwei Hauptlager: Entweder genießt man ihn als das, was er ist (und grinst sich ab und zu durch Sequenzen, die arg in 80er/Navy-Kitsch schwimmen). Oder man hat ironischen Spaß an ihm (und ist ab und zu wirklich gefesselt von ihm). 

Ich zähle zu einem Randlager im Top Gun-Diskurs: Obwohl ich eine Schwäche für Jerry-Bruckheimer-Produktionen habe und Regisseur Tony Scott wahrlich vermisse, konnte ich mit Top Gun nie was anfangen. Als Actionfilm reißt er mich nicht mit, als Drama über die beruflichen sowie privaten Dilemmata eines draufgängerischen Kampfpiloten ist er mir viel zu seicht in seiner Charakterzeichnung und/oder den ausgeloteten Themen. Ich finde Top Gun nicht grottig, denn oft genug kommt in Einzelszenen der Esprit bei mir an, auf den Scott es abgesehen hat. Man könnte meine Reaktion auf Top Gun wohl am besten mit einem Schulterzucken beschreiben, begleitet von einem energischen Kopfschütteln mit sanftem Lächeln.

Daher war ich hinsichtlich der Erwartungshaltung an Top Gun: Maverick in einem Camp, das meiner Vermutung nach winzig klein sein dürfte: Als angekündigt wurde, dass Joseph Kosinski (Tron: Legacy, Oblivion, No Way Out) Regie führen soll, raunte ich: "Schön, dass er wieder was zu tun hat. Aber dafür ist er doch viel zu schade!"

Wen ich jetzt schon verloren habe (ich könnte es nicht verübeln, es gäbe Filme, bei denen ich keine drei negative Absätze schlucken würde), dürfte zur Kernzielgruppe von Top Gun: Maverick zählen. Denn von allen "Legacyquels", die strukturell und thematisch beliebte Filme erneut mit Teilen des alten Casts aufkochen, aber als Fortsetzung dienen, die eine neue Generation einführt, ist dies das Originalgetreuste. Mehr als Star Wars: Das Erwachen der Macht. Mehr als Scream (5), aber ohne dies derart auf narrativer oder thematischer Ebene zu begründen wie das bitterbös-gewiefte Slasher-Legacyquel. Top Gun: Maverick sagt sich "Ihr mögt Top Gun? Ihr bekommt Top Gun mit allen Wiederholungen, die man sich vorstellen kann, und genug inhaltlicher Fortführung, um sich den Weg zu etwas Modernisierung und weiterem Fanservice zu bahnen!"

Die hauchdünne stilistische Begründung, die ich Top Gun: Maverick dafür in den Mund legen kann, ist dass sich Tom Cruises Figur Pete „Maverick“ Mitchell seit dem Ende des Vorläufers kaum verändert hat (mental, karrieretechnisch, körperlich), und der Film dieses Verharren durch die vielen, vielen Wiederholungen unterstreicht. Doch egal, ob das Intention oder wohlmeinende Interpretation von mir ist: Es sind nur Spurenelemente. Ähnliches gilt für das metafiktional durchschimmernde Element des "Vielleicht wird es sowas irgendwann nicht mehr geben, doch noch gibt's das!":

Die Titelfigur wird als Relikt bezeichnet, das sein Ding unbeirrt durchzieht - und das lässt sich sowohl auf Superstar Tom Cruise übertragen als auch auf Produzent Jerry Bruckheimer, der einst König des Popcornkinos war und jetzt eher zum alten Eisen gezählt wird. Vor allem aber ist es eine Art Selbstbeweihräucherung dieses Films: "Top Gun ist als Film nicht Schnee von gestern, und daher darf, soll, ja sogar muss dieses Sequel nun über die Leinwand düsen!"

Nicht, dass man Top Gun lieben muss, um Top Gun: Maverick mögen zu können. David Ehrlich hält wenig vom Original und ist nahezu begeistert von Teil zwei. Und auch ich finde die Fortsetzung viel besser als den Vorgänger. 

Für mich funktioniert Top Gun: Maverick praktisch als Verbesserung von Top Gun. Als wäre Tony Scotts Kultfilm von 1986 die Rohfassung, und dieser Film die 36 Jahre später nachgereichte, überarbeitete, überzeugt eingereichte Finalfassung. Die Story ist noch immer kein großer Wurf, aber Mavericks Hadern zwischen Verantwortungsbewusstsein und Teufelskerldasein wird ausgereifter erzählt und von Cruise packender gespielt als Mavericks Dilemma im Original.

Und auch wenn Top Gun: Maverick immer noch große Herzchenaugen beim Anblick der ganzen Militärmaschinerie entwickelt, geht ihm der kitschige Navy-Werbeclip-Enthusiasmus ab, was zugleich die Schlagzahl an unfreiwillig selbstparodistischen Sequenzen drosselt. Im Gegenzug gibt es Actionszenen, die mich deutlich mehr mitreißen als im Original: Spektakuläre, reale Stunts, weitestgehend nahtlose Digitaltricks und eine aufregende Erzählweise sorgen in der zweiten Filmhälfte für einen ordentlichen Adrenalinrausch.

Kosinski erwies sich als tolle Wahl für diesen Stoff: Seine distanzierte Inszenierung verlegt den Schwerpunkt vom "Hurra, militärische Kameradschaft und patriotisches Heldendasein"-Duktus zu einem mit stockendem Atem erfolgten Beobachten der bildschönen Landschaften, der von Jennifer Connelly geleiteten Pilotenbar, und vor allem der faszinierend akkurat eingefädelten Flugmanöver.

Der Score von Hans Zimmer und Top Gun-Komponist Harold Faltermeyer, der zudem Lady Gagas Abspannsong immer wieder thematisch einwebt, fühlt sich enorm nach 1980ern an und bedient sich intensiv beim ersten Teil, ist aber im Arrangement und der kräftig-dynamischen Abmischung im Heute angekommen. Das tröstet mich bei einem Film dieser Art größtenteils darüber hinweg, wie egal die meisten Figuren sind, auch wenn es wirklich nicht geschadet hätte, Mavericks Schützlingen mehr Profil zu verleihen.

Dafür gibt es eine großartige Szene mit Val Kilmer, der nach seiner Krebserkankung nun eine würdevolle Ehrenrunde machen darf, und ein finales Drittel, das zwar jegliche potentielle Dramatik aufgibt, aber endlich all den temporeichen Popcornspaß-Actionritt bietet, den ich bei der Kombi "Bruckheimer-Produktion und Kampfjets" schon vom Original erwartet hatte.

Wer auch nur einen Hauch Interesse an Top Gun: Maverick hat, sollte ihn aufgrund seiner audiovisuellen Kraft im Kino schauen. Wer hadert, aber die Mission: Impossible-Filme mag, bekommt eine Art Wegzehrung geboten. Und ich freue mich einfach für Kosinski, dass er diesen von der Kritik geachteten, visuell eindrucksvollen Film in seiner Vita stehen hat. Möge es ihn näher an eine Position bringen, stets nur das zu tun, worauf er Bock hat!

Top Gun: Maverick ist ab dem 26. Mai 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Doctor Strange in the Multiverse of Madness



Sinister- und Erlöse uns von dem Bösen-Regisseur Scott Derrickson erklärt im Audiokommentar zu Doctor Strange einen der Schlüsselkonflikte seines Marvel-Cinematic-Universe-Films: Wut ist seiner Ansicht nach eine Maske, hinter der sich zumeist Angst verbirgt. Und Angst generiere sich laut Derrickson zumeist aus Verlust.

Im Januar 2020 wurde bekannt, dass der Doctor Strange-Macher entgegen anfänglicher Pläne das Sequel Doctor Strange in the Multiverse of Madness nicht inszenieren wird. Dennoch nimmt die Fortsetzung seine Schlussfolgerung "Wut ist maskierte Angst, Angst entsteht durch (erlittenen oder erwarteten) Verlust" und steigert sie massiv. Daher auch der zweideutige Filmtitel: Viel zu einfach ist man dazu verleitet, ihn einzig als "Doctor Strange im Multiversum der Merkwürdigkeit" zu verstehen. Schließlich gab bereits Stephen Stranges kurzer Multiversumtrip im ersten Doctor Strange einen bizarren Vorgeschmack auf die multiversalen Möglichkeiten.

Jedoch wird mit "Madness" nicht bloß "grotesk", "eigenartig" und "schrullig" konnotiert. "Madness" bedeutet abhängig vom Kontext auch "Tobsucht". Drehbuchautor Michael Waldron (Loki, Rick & Morty) und der Derricksons Platz einnehmende Tanz der Teufel-, Spider-Man- und Drag Me to Hell-Regisseur Sam Raimi leben eben diese diffuse Bedeutung des Filmtitels mit glühendem Eifer aus.

Denn der nunmehr 28. (!) Marvel-Cinematic-Universe-Film steckt nicht nur voller konfuser Anblicke und skurriler Späße. Seine Antriebsfeder ist nämlich Zorn, der Angst kaschieren soll, wodurch Doctor Strange in the Multiverse of Madness zu einem Big-Budget-Genrevertreter des "Spielkind-Horrors" wird: Sam Raimi haut wie ihm Wahn mit aus der Wut diverser Figuren motivierten, finsteren Designs, morbiden Ereignissen und schaurigen inszenatorischen Kniffen um sich, sowie mit deformierten Wesen, die das verkümmerte Innere ins Äußere verkehren.

Wie es seine markante Art ist, dient Raimi nicht etwa als Antrieb, sein Publikum zu verstören, selbst wenn er ein paar Schrecken und Augenblicke des Angewidertseins dankend in Kauf nimmt. Viel mehr strahlt seine Inszenierung eine diabolische Freude an Visualisierungen eines korrumpierenden Jähzorns aus. Der filmemacherische Aspekt von Doctor Strange in the Multiverse of Madness vibriert daher ständig zwischen "Schau mal, was solche Gefühle und Gedanken mit uns machen" und einem ansteckend-amüsiertem "Guck mal, was ich mir hab einfallen lassen!" 

Das ist längst nicht Raimis dreckigster Ansatz, jedoch ein sündig-boshaftes Vergnügen, das nicht nur überdeutlich seine Handschrift trägt, sondern auch den Handlungsmotiven und Charakterbögen des Films gerecht wird.

Mit dem Zornmotor durch das Multiversum gescheppert

Ähnlich wie der kürzlich in den deutschen Kinos gestartete Everything Everywhere All At Once wäre Doctor Strange in the Multiverse of Madness ohne das in der Filmhandlung unentwegt angesprochene Konzept eines Multiversums denkbar, wenngleich weniger lohnenswert. Denn beide Filme lassen die Idee mehrerer verbundener Paralleluniversen, durch die man mit ausreichend geleistetem Aufwand reisen kann wie durch ferne Länder, nicht zum Selbstzweck verkommen.

In Everything Everywhere All At Once dient das Verknüpfen zahlreicher (mitunter haarsträubend-durchgeknallter) Universen, um den Weltschmerz der von Michelle Yeoh gespielten Protagonistin ebenso kreativ wie nachdrücklich zu unterstreichen: "Hätte ich damals nur... Wäre mir einst bloß... Wieso habe ich nicht..."-Gedankenexperimente, die in Momenten der Langeweile, des Stresses und vor allem zutiefst empfundener Unzufriedenheit durchexerziert werden, werden in der schrill-bunten Dramödie des Regie-Duos Daniel Kwan & Daniel Scheinert schlagartig greifbare Wirklichkeit. 

Doctor Strange in the Multiverse of Madness derweil hätte auch als Doctor Strange and the Emotional State of Madness konzipiert werden können: Was in Everything Everywhere All At Once Überlegungen des Bedauerns sind, ist in diesem Film gärender Zorn über Ungerechtigkeit, Bigotterie, ungleichmäßig verteilte Glücksaussichten und die Starrsinnigkeit Anderer, sich einfach mal in fremde Positionen zu denken. Das wäre ohne Multiversum umsetzbar, und Doctor Strange in the Multiverse of Madness trägt diverse wiederkehrende Sam-Raimi-Motive vor sich her, mit denen er Frust, Korrumpierbarkeit und finstere Verführungen bereits in anderen Filmen angepackt hat. Durch den Multiversumsaspekt vergrößert sich allerdings die Spielwiese, auf der Raimi und Waldron sich austoben können, und für die Figuren intensivieren sich emotionale Fallhöhe sowie Verdruss.

Dem über allem stehenden Aspekt der Wut konsequent folgend, macht Doctor Strange in the Multiverse of Madness gewaltigen Druck: Gemeinsam mit Avengers | Infinity War und The Return of the First Avenger (alias Captain America: Winter Soldier) bildet Raimis Regiearbeit die Erzähltempo-Speerspitze im MCU. Das Publikum sowie die zentralen Figuren werden unmittelbar ins chaotische Geschehen gestürzt und daraufhin artet es nahezu unaufhörlich aus. Teils in Form von Science-Fantasy-Superhelden-Spektakel in glühender, überbordend detaillierter, farblich satter Sam-Raimi-Ästhetik, die zwischen Gothic, Stoner Rock und makabrem Camp oszilliert. Teils mittels Popcornspektakel-Grusel-Setpieces.

Lediglich eine nennenswerte Insel der Ruhe gönnt sich Doctor Strange in the Multiverse of Madness, eine Phase, in der die Heldenfiguren ihre Gedanken sortieren und sich mit Hintergründen, Lösungsansätzen und der Aufarbeitung brennender Fragen beschäftigen. Eine Atempause, die gewiss etwas kürzer hätte ausfallen können. Allerdings ist sie aus narrativer und tonaler Sicht notwendig, selbst wenn sie auf dem ersten Blick überflüssig, womöglich von Produzent Kevin Feige ferngesteuert erscheinen mag. Sie ist ein atypisch früh erfolgendes, jedoch pro­non­ciert eingesetztes retardierendes Moment, durch das der anschließende Akt erst seine zornig-dringliche Energie verliehen bekommt.

Es ist Raimi, der diesen Wahnwitz zusammenhält und in einen soghaften Vorwärtsdrang kanalisiert. Mit seinen schubartigen Kamerafahrten, im exakt richtigen Moment in eine Schräge kippenden Kamera (hier geführt von Gladiator-Filmer John Mathieson), gelegentlichen POV-Shots, sehr spärlich eingesetzten, wirkungsvollen Blicken des Casts exakt in die Linse und dem tolldreisten Wechseln von übernatürlichem Geprotze zu Albernheit zu Gravitas zu Gewaltspitzen. Gewaltspitzen, die glatt einer Herausforderung an Gore Verbinski gleichen. An den Regisseur, der vier Mal mit effektlastigen Big-Budget-Erlebnissen die Grenzen dessen auslotete, was in einem "Vier-Quadranten-Film" mit US-Freigabe PG-13 respektive einer deutschen FSK-Freigabe ab zwölf Jahren möglich ist. 

Ob Verbinski eines Tages Doctor Strange in the Multiverse of Madness sehen, "Herausforderung angenommen!" raunen und einen noch feisteren PG-13-Härterausch nachlegen wird, muss sich noch zeigen. Schon jetzt hat sich dagegen gezeigt, dass Elizabeth Olsen es versteht, ihre Figur der Wanda Maximoff von Projekt zu Projekt völlig neu zu erfinden und dennoch eine stringente Entwicklung zur Schau zu stellen, sowie eine konstante Intensivierung ihres Spiels.

Cumberbatch wechselt unterdessen mühelos von Facette zu Facette seiner Rolle, Quasi-Newcomerin Xochitl Gomez gibt dem Film eine unverbrauchte Energie zwischen Ängstlichkeit und "Ich lass mich nicht unterkriegen"-Kampfeswillen und der Rapport zwischen Benedict Wong und Cumberbatch ist einmal mehr höchst amüsant.

Komponist Danny Elfman untermalt den sinistren Zornestrubel, in denen die Figuren gestürzt werden, effektiv und mit zahlreichen klanglich heraussteckenden Kanten, selbst wenn noch mehr erzürnter Zunder und dämonischer Sog drin gewesen wäre. Aber vielleicht wäre das zwischen dem, was Raimi, Olsen und Cumberbatch allesamt an schweren Geschützen auffahren, damit Doctor Strange in the Multiverse of Madness ohne Rücksicht auf Verluste durch die multiplen abgefahrenen Dimensionen der Tobsucht brettern kann, sogar zu Ballast geworden?

Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 25. März 2022

Die 94. Academy Awards: Meine Prognose der Gewinnerinnen und Gewinner bei den Oscars 2022


Obwohl wir Ende März haben, und die Oscars somit einmal mehr deutlich später im Kalenderjahr stattfinden als wir es durch die vielen "Februar, allerspätestens Anfang März"-Jahre der jüngeren Vergangenheit gewohnt sind... Ich muss sagen: Mir kam diese Oscar-Saison verflixt kurz vor. Die mitunter unausstehlich hitzig werdenden Oscar-Debatten kochten auf kleinerer Debatte als in der Pre-Pandemie-Ära, und die Indikator-Preise wurden in den einschlägigen Awards-Medien weniger rauf, runter und wieder rauf analysiert als in "normalen" Jahren.

Das ist auf eine Weise angenehm (weniger Galligkeit im Filmdiskurs ist immer eine gute Sache). Aber es nimmt auch Spannung aus der Reise gen Oscar-Nacht. Und... es erschwert die Vorhersage. Aber ich will meine liebgewonnene Oscar-Tradition nicht aufgeben. Also: Hier sind sie, meine ins Blaue geratenen Vorhersagen, wer bei der 94. Vergabe der Academy Awards siegreich hervorgeht.

Bester Kurzfilm
  • Ala Kachuu – Take and Run
  • The Long Goodbye - Gewinner
  • On My Mind
  • Please Hold
  • Sukienka
Bester Kurz-Dokumentarfilm
  • Audible
  • Lead Me Home
  • The Queen of Basketball - Gewinner
  • Three Songs for Benazir
  • When We Were Bullies
Bester animierter Kurzfilm
  • Affairs of the Art
  • Bestia - Gewinner
  • Boxballet
  • Robin Robin
  • The Windshield Wiper
Bester internationaler Film
  • Drive My Car, Japan
  • Flee, Dänemark
  • The Hand of God, Italien
  • Lunana, Bhutan
  • Der schlimmste Mensch der Welt, Norwegen - Gewinner
Ich habe die Befürchtung, dass ich mich ärgern werde. Ich habe seit Wochen das Bauchgefühl, dass Der schlimmste Mensch der Welt diesen Preis gewinnen wird, OBWOHL Drive My Car als "Bester Film" nominiert ist. Drive My Car könnte seine Votes splitten, zudem kam es während der Votingphase zu einem neuen Hoch an Lobpreisungen von Triers Romantik-Dramödie, das Der schlimmste Mensch der Welt über die Ziellinie gebracht haben könnte. Aber ist es klug, den ziemlich sicheren Tipp Drive My Car für ein Bauchgefühl zu opfern?! Nein, überhaupt nicht. Mach ich es dennoch? Ja. Ich bin echt der schlimmste Mensch der Welt...

Beste Dokumentation
  • Ascension
  • Attica
  • Flee
  • Summer of Soul  - Gewinner
  • Writing with Fire
Bester Animationsfilm
  • Encanto  - Gewinner
  • Flee
  • Luca
  • Die Mitchells gegen die Maschinen
  • Raya und der letzte Drache
Beste Effekte
  • Dune - Gewinner
  • Keine Zeit zu sterben
  • Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
  • Spider-Man: No Way Home
  • Free Guy
Bester Sound
  • Belfast
  • Dune - Gewinner
  • Keine Zeit zu sterben
  • The Power of the Dog
  • West Side Story
Bester Originalsong
  • Down to Joy aus Belfast 
  • Dos Oruguitas aus Encanto - Gewinner
  • Somehow You Do aus Four Good Days
  • Be Alive aus King Richard
  • No Time to Die aus Keine Zeit zu sterben
Beste Originalmusik
  • Nicholas Britell, Don't Look Up
  • Hans Zimmer, Dune - Gewinner
  • Germaine Franco, Encanto
  • Alberto Iglesias, Parallele Mütter
  • Jonny Greenwood, The Power of the Dog
Bestes Produktionsdesign
  • Dune
  • Nightmare Alley - Gewinner
  • The Power of the Dog
  • The Tragedy of Macbeth
  • West Side Story
Bestes Makeup & Hairstyling
  • Cruella
  • Dune
  • Der Prinz aus Zamunda 2
  • The Eyes of Tammy Faye - Gewinner
  • House of Gucci
Bester Schnitt
  • Hank Corwin, Dont' Look Up 
  • Joe Walker, Dune 
  • Pamela Martin, King Richard
  • Peter Sciberras, The Power of the Dog - Gewinner
  • Myron Kerstein und Andrew Weisblum, Tick, Tick…Boom!
Beste Kostüme
  • Jenny Beavan, Cruella - Gewinnerin
  • Massimo Cantini, Cyrano
  • Bob Morgan & Jacqueline West, Dune
  • Luis Sequeira, Nightmare Alley
  • Paul Tazewell, West Side Story
Beste Kamera
  • Greig Fraser, Dune
  • Dan Laustsen, Nightmare Alley
  • Ari Wegner, The Power of the Dog - Gewinnerin
  • Bruno Delbonnel, The Tragedy of Macbeth
  • Janusz Kaminski, West Side Story
Bestes Original-Drehbuch
  • Paul Thomas Anderson, Licorice Pizza - Gewinner
  • Zach Baylin, King Richard
  • Kenneth Branagh, Belfast 
  • Adam McKay, Don't Look Up
  • Joachim Trier und Eskil Vogt, Der schlimmste Mensch der Welt
Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Jane Campion, The Power of the Dog 
  • Maggie Gyllenhaal, Frau im Dunkeln
  • Ryusuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Sian Heder, CODA - Gewinnerin
  • Eric Roth, Jon Spaihts und Denis Villeneuve, Dune
Bester Nebendarsteller
  • Ciarán Hinds, Belfast
  • Troy Kotsur, CODA - Gewinner
  • Jesse Plemons, The Power of the Dog
  • J.K. Simmons, Being the Ricardos
  • Kodi Smit-McPhee, The Power of the Dog
Beste Nebendarstellerin
  • Jessie Buckley, Frau im Dunkeln
  • Ariana DeBose, West Side Story - Gewinnerin
  • Judi Dench, Belfast
  • Kirsten Dunst, The Power of the Dog
  • Aunjanue Ellis, King Richard
Bester Hauptdarsteller
  • Javier Bardem, Being the Ricardos
  • Benedict Cumberbatch, The Power of the Dog
  • Andrew Garfield, tick, tick... Boom!
  • Will Smith, King Richard - Gewinner
  • Denzel Washington, The Tragedy of Macbeth
Beste Hauptdarstellerin
  • Jessica Chastain, The Eyes of Tammy Faye
  • Olivia Colman, Frau im Dunkeln
  • Penelope Cruz, Parallele Mütter
  • Nicole Kidman, Being the Ricardos
  • Kristen Stewart, Spencer - Gewinnerin
Beste Regie
  • Paul Thomas Anderon, Licorice Pizza
  • Kenneth Branagh, Belfast
  • Jane Campion, The Power of the Dog - Gewinnerin
  • Ryūsuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Steven Spielberg, West Side Story
Bester Film
  • Belfast
  • CODA - Gewinner
  • Don't Look Up
  • Drive My Car
  • Dune
  • King Richard
  • Licorice Pizza
  • Nightmare Alley
  • The Power of the Dog 
  • West Side Story
Die Vernunft sagt The Power of the Dog, das Näschen für die Berichterstattung aus Hollywood und der Blick auf den Preis der Produzentengewerkschaft sagt CODA...

Mittwoch, 9. März 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil V)

Was bisher geschah...

Bevor wir endlich meine Top Ten des Jahres 2021 erreichen, hier rasch ein paar Ehrennennungen für Filme, die es fast in die Liste geschafft hätten. Da wären etwa die amüsante, galant-stilvolle Betrugskomödie Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von Detlev Buck, der einfallsreiche Zensurhorror Censor der Newcomerin Prano Bailey-Bond und die schräge Nicolas-Cage-Show Willy's Wonderland

Auch James Wans kreativer Wahnwitz Malignant und die von der Dynamik zwischen Emily Blunt und Dwayne Johnson profitierende Abenteuerkomödie Jungle Cruise haben mir (trotz mal größerer, mal kleinerer Schwächen) gefallen. Kaiserschmarrndrama gehört zur Speerspitze der Eberhofer-Krimis und wäre daher fast als positives Signal in meiner Liste gelandet. The Night House lässt Rebecca Hall klasse aufspielen und ist in seinen besten Momenten ein findiger Horror-Thriller über Depressionen, und mit Dinner for Two hätte ich gern einen dritten kulinarischen Film in die Liste gepackt. Doch nach dem sinnlich-spannenden, stylisch gefilmten Auftakt verliert sich der Film zwischendrin. Auch wenn das pfiffige Finale ihn fast wieder in die Charts gekickt hätte... Und Disney+ hatte mit Happier Than Ever: Ein Liebesbrief an Los Angeles, Flora & Ulysses und Summer of Soul drei sehr unterschiedliche, sehenswerte Originalfilme im Portfolio, die es in mein Ranking hätten schaffen können.

Und dann ist da natürlich Ghostbusters: Legacy mit einer grandiosen McKenna Grace, einem witzig-charmanten Paul Rudd und einer routinierten Carrie Coon sowie einem bunten Sortiment an Situationskomik und bewusst-miesen Wortspielen. Eine echte Charmekanone, bei der mich aber die Spielberg-Patina, der ins Nichts führende Subplot um den Bruder (den man einfach hätte raus schreiben können) und der Schluss, der berührend und erfüllend beginnt und dann so lange weitergeht, bis er den neuen Figuren ihren eigenen Film raubt, stutzig gemacht haben. Ich habe den Film sehr, sehr gern und vielleicht rutscht er über die Jahre noch in meine Favoriten von 2021, aber Stand jetzt ruht er auf Rang 51, eifrig in die Top 50 schielend. Was soll ich sagen, 2021 war für mich ein deutlich, deutlich stärkeres Filmjahr als 2020.

Platz 10: The Painter and the Thief (Regie: Benjamin Ree)

Klammheimlich feierte 2021 eine großartige Dokumentation im Programm von arte ihre Deutschlandpremiere: Benjamin Ree erzählt in The Painter and the Thief eine Geschichte, die so nur das Leben schreiben kann. Denn wäre dies ein fiktionaler Film, würde er mich dank seiner emotionalen Twists und seines cleveren, immer wieder zum Staunen einladenden und dank seines die Gedanken durchrüttelnden Schnitts begeistern - doch ich fürchte, viele Leute würden ihn als unglaubwürdig schelten. Malerin Barbora Kysilkova erfährt nach einer Ausstellung, dass eines ihrer wichtigsten Gemälde gestohlen wurde. Sehr zur Verwunderung ihres Lebensgefährten sucht sie Kontakt zu einem der beiden Diebe. Nicht nur, um Informationen über den Diebstahl aus ihm herauszuquetschen, sondern auch, um seine Lage zu verstehen, seine Motivation zu begreifen und um sich einen Eindruck von seinem Leben zu verschaffen. Eine komplizierte Freundschaft entsteht, in der sich Barbora und der Reue zeigende, dennoch weiter unberechenbare Karl-Bertil Nordland gegenseitig ständig herausfordern, sich reiben und zu charakterlichen Wandeln drängen. Überaus berührend, voller fesselnder Einsichten und inspirierend!

Platz 9: Bad Luck Banging or Loony Porn (Regie: Radu Jude)

Das Sexvideo einer Lehrerin wird gegen ihren Willen auf einer Pornoplattform veröffentlicht, woraufhin sich ihr Kollegium und die Eltern ihrer Schüler:in gegen sie stellen und sie mit Eifeseifer ihren Job verteidigen muss. Denn natürlich argumentieren die Eltern minderjähriger Kinder, die auf Pornoseiten herumsurfen, dass es die dort unwillentlich auffindbare Lehrerin ist, die die Moral dieser Kinder verdirbt, und selbstredend hat niemand Mitleid mit dem Opfer einer nicht eingewilligten Veröffentlichung intimer Aufnahmen. Das allein ist schon Stoff, aus dem sich ein scharfzüngiges Gesellschaftsporträt weben ließe, doch Radu Jude versieht diese Grundidee mit einer gigantischen Parade an Troll-Manövern, die Lars von Trier sicherlich Glückstränen ins Gesicht treiben würden, messerscharfen Detailbeobachtungen und wütenden Rundum-Austeil-Attacken, die zwar durch und durch Judes heimisches Rumänien abbilden, aber etwas gröber betrachtet genauso gut für Deutschland sprechen könnten. Hinzu kommen eine starke Performance ohne Scheu von Hauptdarstellerin Katia Pascariu und viele feine Augenblicke des Pandemie-Zeitgeistes.

Platz 8: Der Rausch (Regie: Thomas Vinterberg)

Vier befreundete Lehrer beklagen sich über ihr langweilig gewordenes Leben. Auf einer Geburtstagsfeier entscheiden sie, ihr Dasein aufzurütteln und fortan mehr zu trinken. Was mit Schalk im Nacken und Grinsen in den Backen als wissenschaftliche Studie entschuldigt wird, ist letztlich doch nur Flucht vor der Verantwortung, Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie ihre beruflichen Probleme, ihre Familiensorgen, ihren Liebesfrust oder ihre Einsamkeit überkommen können. Was folgt, ist teils "Mach dir dein kurzes Leben zum Fest, statt dich ständig selbst zu geißeln"-Manifest, teils Mid-Life-Crisis, teils Anklage der gesellschaftlichen Verharmlosung von Alkohol(ismus), teils Freundschafts- und Familiendrama, doch stets wundervoll-paradoxes Kino: In Gedenken an seine kurz nach Produktionsbeginn verstorbene Tochter macht Thomas Vinterberg Der Rausch zum lebensbejahendsten Film, den man über drei ständig saufende Deprimierte und einen Depressiven machen kann, und zugleich zu einem nachdenklichen, bitter-säuerlichen Prickelwasser von einem Film in Feierlaune. Das Ergebnis ist, nicht zuletzt dank eines einmal mehr brillanten Mads Mikkelsen, süffig, jedoch schwer; erfrischend, aber eine Explosion feiner, nuancierter Noten. Skål!

Platz 7: The Green Knight (Regie: David Lowery)

Da wird der in den Mediävistik-Vorlesungen hockende Germanistik-Student in mir wieder wach. Lasst die ganzen anderen verzweifelten Versuche, ein Filmuniversum im Stile des MCU zu bilden sein, gebt mir ein Artussagen-Filmuniversum im Stile von David Lowerys The Green Knight, verdammt noch eins. Eine zum Schneiden dichte, horroresk angehauchte Atmosphäre, erdrückende Bildgewalt, ein glänzender Dev Patel, mit dem Lowery archaische Männlichkeitsbilder kommentiert, und ein die Nackenhaare aufstellendes Klangbild machen The Green Knight zu einer unvergesslichen Erfahrung.

Platz 6: tick, tick... BOOM! (Regie: Lin-Manuel Miranda)

Gibt es in Musicalhausen ein größeres Phänomen mit strenger Generationengrenze als Rent? Ist man eine Spur zu alt, ist die Chance riesig, dass man das Erfolgsphänomen als anstrengend erachtet. Ist man eine Spur zu jung, zählt man es an den zahllosen "Ja, also, mittlerweile würden wir das aber anders anpacken..."-Aufhängern aus, die praktisch allem innewohnen, das zur selben Zeit entstanden ist, und versuchte, in einem älteren Medium progressiv zu agieren. Und eben diese strenge Zielgruppen-Altersgrenze hat sich auch bei der Filmversion von tick, tick... BOOM! bemerkbar gemacht, denn während jene Lin-Manuel Mirandas Ehrerbietung für den Rent-Schöpfer ins Aus geschoben haben, weil es halt Rent-Schöpfer Jonathan Larson feiert, haben sich die Anderen mitreißen lassen. Und was soll ich sagen: Ich habe Verständnis für alle über, die sich nicht von diesem Musical haben abholen lassen können. Aber als jemand, der sich hat abholen lassen konnte, muss ich sagen:

Ich find's auch schade für euch, denn Mirandas Adaption des weniger bekannten Larson-Musicals ist temporeich, gewitzt sowie gefühlvoll inszeniert, großartig von Andrew Garfield gespielt und wie viel Herzblut Mister "I am not throwing away my shot" in diese "Ich kann es nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, dass ich jetzt leisten muss und ich habe nichts zu erzählen, nur mein Umfeldund was soll ich denn jetzt tun?!" in diese Geschichte steckt, ist nahezu beängstigend. Als würde auch Miranda was über seine Zukunft befürchten. Und eben diese Unmittelbarkeit hat genug Nerven bei mir getroffen, dass ich diese passionierte Kreativgeschichte voller Ehrfurcht in meine Top Ten packe.

Platz 5: Malcolm & Marie (Regie: Sam Levinon)

Die absolute Nummer eins der unnötigen Filmkontroversen 2021 und obendrein ein echt toller Film: In Malcolm & Marie lässt Sam Levinson einen Regisseur (John David Washington) und seine Freundin/Muse (Zendaya) in gegensätzlicher Stimmung nach einer Filmpremiere nach Hause kehren. Was folgt, ist ein sinnlich sowie feurig gespieltes, dramatisches und bitterbös-witziges Streitgespräch über Liebe, Verantwortungsbewusstsein, Prahlerei, Aneignung fremder Geschichten und Kritikunfähigkeit. Und ganz gleich, wie gallig Malcolm und Marie aufeinander reagieren, die dünnhäutigste Partei in dieser Geschichte saß Anfang 2021 vor den Bildschirmen und redete sich ein, dass dieser Film ein einziger Angriff auf sie sei: Teile der Filmpresse. Dabei hat Malcolm & Marie mit seinem Streit zwischen Passion und Vernunft, Analyse und Gefühl, Beobachten und Erleben, und schlichtweg zwischen zwei Liebenden, die eine ätzende Nacht durchmachen, so viel spannenderes und besseres zu erzählen, als sich vollauf auf meinen Berufsstand einzuschießen. Gewiss, in meinen Jahrescharts bekommt Malcolm & Marie noch einen gehörigen Streit-Kammerspiel-Bonus, da ich eine riesige Schwäche für dieses Genre habe und Levinson das Genre mit Genuss bedient, doch selbst wenn ich diesen Bonus abziehe, bleibt ein mit Feuer und Flamme gespielter, mit kühl-versierter Hand inszenierter Film übrig. Mehr Respekt für Malcolm & Marie!

Platz 4: The Nest (Regie: Sean Durkin)

Und noch ein Liebespaar am Rande der Verzweiflung: In The Nest driften Spekulant Jude Law und Pferdehalterin Carrie Coon nach dem neusten Umzug auseinander. Sean Durkin erzählt dieses Liebesdrama gleichzeitig mit Feingefühl, als dass er keine der beiden Hauptfiguren dämonisiert (selbst wenn Laws berufliche Gier und Ignoranz gegenüber der Lage seiner Familie unmissverständlich die Antriebsfeder des Unheils ist), und mit inszenatorischer Wucht. Denn obwohl dies inhaltlich ohne jede Widerrede ein Drama ist, fühlt sich The Nest wie ein Horrorthriller an, in dem sich jeden Moment herausstellen könnte, dass das neue, weitläufige Anwesen dieser Familie verflucht ist und sich gegen sie wendet. Law und Coon spielen herausragend, ihre Filmkinder sind ebenfalls sehr gut, das Setting eindrucksvoll und der Film ist genauso effizient-knackig erzählt, wie thematisch vielschichtig.

Platz 3: The Empty Man (Regie: David Prior)

In der Sekunde, in der David Priors fiktionales Regiedebüt The Empty Man von US-Kritiker Rob Hunter mit den Arbeiten Gore Verbinskis verglichen wurde, wusste ich: Ich muss diesen Film sehen! Damit war jedoch auch die Fallhöhe enorm - was, wenn The Empty Man nicht hält, was er verspricht? Doch glücklicherweise hält The Empty Man das ein, was ich mir durch Rob Hunters Aussage versprochen habe. Und so, wie sich die titelgebende, tödliche Schreckensgestalt und ihre Botschaft in Priors loser Comicadaption reihenweise herumsprechen, ging auch im realen Leben die Botschaft dieses Films umher.

Hunter fixte mich an, ich habe meine Lieblingskollegin Antje darauf hingewiesen, die verbreitete die Botschaft in ihrem Kollegium, das verbreitete erfreute Hinweise auf den Film, und dann erfolgte urplötzlich und ohne Vorwarnung der deutsche Streamingstart (ganz ohne jegliche Fanfare) und ich durfte bei Filmstarts von The Empty Man schwärmen. Von diesem atmosphärisch dichten Film mit hervorragender Kameraarbeit, der unheilvoll durch mehrere Horrorsubgenres schleicht, von Orientierungslosigkeit, Abhängigkeit, Beeinflussbarkeit und Depression handelt, ein beunruhigendes Sounddesign hat und bei dem nach und nach die innere Logik zerfasert, so, wie auch der Protagonist des Films den Überblick dieser ausufernden Geschichte verliert.

Soghaft, finster, raffiniert, genau meinen Horrorgeschmack treffend und zu spannendem Effekt jegliche Tiefenwahrnehmung aushebelnd, hat sich The Empty Man in meinem Hinterkopf festgesetzt und lässt sich dort nicht mehr verjagen. Ich erwähnte weiter oben, dass (nach deutschen Veröffentlichungsterminen gehend) 2021 für mich ein besseres Filmjahr war als 2020. Das hier sollte doppelt und dreifach unterstreichen, wie viel besser: Würde ich The Empty Man basierend auf seinem US-Kinostart als 2020er-Film werten, müsste er sich die Nummer eins des Jahres 2020 schnappen. Und dennoch ist er in diesem 2021er-Ranking nur auf dem Bronzerang.

Platz 2: Encanto (Regie: Byron Howard, Jared Bush & Charise Castro Smith)

Wie gut fand ich das Filmjahr 2021? So gut, dass ich mit Herzschmerz, aber ohne zu zögern, Encanto nur auf Platz zwei setze. Encanto, den zauberhaften Disney-Animationsfilm, der mich in seiner Emotionalität mehr berührt hat, der mich in seiner Beschwingtheit mehr mitgerissen hat, den ich in seiner visuellen Brillanz - von den kräftigen Farben über die herrlichen Figurendesigns und der grandiosen Lichtsetzung bis hin zur ausdrucksstarken, detailreichen Animation und den fantastischen Tänzen - so sehr feiere wie seit Rapunzel keinen Film der Walt Disney Animation Studios. Encanto trifft bei mir einfach durchweg die genau richtigen Nerven. Das Abschneiden in einer Jahresbestenliste sagt halt nicht nur über den betreffenden Film etwas aus, sondern auch über das Jahr drumherum. Dieses Silber hier ist wertvoller als so manches Gold.

Platz 1: Sechzehn Stunden Ewigkeit (Regie: Ian Samuels)

Unbestritten mein Film des Jahres 2021. Einerseits, weil er der 2021ste Film meines Filmjahres ist. Wiederholungen. Sich irgendwie ganz passabel selbst amüsierend durch die Wiederholungen schlagen, wohlwissend, dass die Situation an anderen Nerven nagt. Die Suche nach den kleinen, bislang übersehenen Perfektionen, um sich die Wiederholungen und das Nicht-ausbrechen-können-oder-wollen-oder-sollen schmackhaft zu machen. Andererseits, weil ich mich 2021 in keinen anderen Film derart schockverliebt habe, wie in Sechzehn Stunden Ewigkeit. Diese kuschelige, freundlich-charismatische, betont unaufgeregte Teenager-/Young-Adult-Romantikdramödie hat mich mit ihren Figuren vollkommen bezirzt. Und damit, wie Kyle Allen und Kathryn Newton (hierdurch und durch Freaky wohl so etwas wie die heimliche Schutzpatin meines Filmjahres 2021) diese Freundschaft/Leidensgenossenschaft/potentielle Liebe ausspielen. Damit, wie klein-fein-beiläufig Samuels diese Geschichte umsetzt, ohne den ihr innewohnenden Witz, Zauber und auch Schmerz unter Wert zu verkaufen. Damit, wie Lev Grossmans Drehbuch schleichend den erzählerischen Fokus ver- und die Referenzen auf Genrekollegen hinfortschiebt, seine Geschichte somit allen deutlichen Vorbildern zum Trotz quasi emanzipiert.

Als ich Sechzehn Stunden Ewigkeit in einer zum Tag gewordenen Februarnacht zum ersten Mal sah, musste ich zwischendurch auf Pause drücken, um mir die vor Rührung wässrig gewordenen Augen trockenwischen zu können, ohne etwas vom Film zu verpassen. Es ist so, dass Sechzehn Stunden Ewigkeit bei mir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Knöpfe gedrückt hat, aber manchmal muss man so ehrlich sein und hyperspezifische "Japp, dieser süße, gut gemachte Film wird dadurch, wie er mich antrifft, in meiner Welt zu dem Film des Jahres"-Situationen als solche erkennen und anerkennen. So, wie es für mich 2004 kein Vorbei an Garden State gab, ist Sechzehn Stunden Ewigkeit das Nonplusultra meines zweiten Pandemiejahres.

Ich fürchte, dass ich durch diese hohe Platzierung bei allen, die das hier lesen und den Film noch nicht gesehen haben, die Erwartungen zu hoch schraube. Aber andererseits freue ich mich über jedes weitere Bisschen Liebe, das der Film erhält, wann immer noch jemand auf ihn neugierig gemacht wird. Denn manchmal sind es die kleinen Dinge, die Nachwirkung haben. Kleine Dinge, wie diese unbedeutende Jahresbestenliste, die im März des Folgejahres erscheint, und vielleicht, hoffentlich Sechzehn Stunden Ewigkeit noch ein paar Fans verschafft. Oder etwas größere, aber immer noch kleine Dinge wie dieser von Amazon beiläufig veröffentlichte Streamingtitel mit jeder Menge genreinterner Konkurrenz, der aber einfach seine Sache richtig hübsch durchzieht.

Freitag, 4. März 2022

Meine Lieblingsfilme 2022 (Teil IV)

Was bisher geschah... 

Platz 20: Barb and Star Go to Vista Del Mar (Regie: Josh Greenbaum)

Eine waschechte, ultrahochkonzentrierte Gute-Laune-Bombe: Kristen Wiig und Annie Mumolo erschaffen als Drehbuchautorinnen und Hauptdarstellerinnen ein immens sympathisches, witziges, frohes, quirliges, im besten Sinne verpeiltes Freundinnen-Duo. Josh Greenbaum inszeniert diese "Alles kann, Partystimmung muss!"-Komödie mit intuitivem Verständnis für die Stärken seines Hauptdarstellerinnendoppels und Co-Star Jamie Dornan (im besten Zac-Efron-Modus), das Kostüm- und Produktionsdesign ist ebenso schrill wie in seiner gagaweltlichen Logik stimmig und wenn gerade kein toller Wortwitz abgefeuert wird, dann eskaliert eine schrille Situation oder die Figurendynamik allein bringt mich zum Grinsen. Herrlich. Eine Schande, dass Barb and Star Go to Vista Del Mar noch kein Mitternachtskino-Popcornparty-Standard geworden ist. Sollte er sein.

Platz 19: À la Carte! (Regie: Eric Besnard)

Genuss, die Erste: Eine filmische Liebeserklärung ans Kochen, Essen und Gastgeben. Eric Besnards À la Carte erzählt lose inspiriert von wahren Begebenheiten und mit immenser Liebe zum historisch-kulinarischen Detail davon, wie im Vorhof der Französischen Revolution das Konzept der Gastronomie zu dem geformt wurde, was wir heute kennen. Köstlich gefilmt, mit deftiger Tonabmischung versehen und verführerisch gespielt, ist À la Carte Frankreichabstecher, Restaurantbesuch und freundschaftliches Mal-wieder-Treffen zugleich.

Platz 18: Luca (Regie: Enrico Casarosa)

Von Frankreich geht's rüber nach Italien: Enrico Casarosas Luca ist Sommergefühl, Kindheitsnostalgie, gechillte Freundschaftsfeier und fantasievolle, innige Toleranzgeschichte zugleich, mit bildhübschen Schauplätzen und charmanten Figuren. Einfach ein herzlicher Film!


Platz 17: Palm Springs (Regie: Max Barbakow)

Bereits 2020 in den USA auf Hulu veröffentlicht, noch dazu emotional passend mitten in der ersten Phase starker sozialer Kontaktreduktion aufgrund der Corona-Pandemie, und im selben Jahr in Deutschland auf dem Fantasy Filmfest gezeigt, feierte Palm Springs 2021 endlich seine reguläre deutsche Auswertung. Nach all der Warterei hat Max Barbakows emotional facettenreiche, locker-flockig erzählte und thematisch dennoch eng verzahnte Komödie nur an Reiz gewonnen. Andy Samberg als dezent genervter, überdeutlich sich ein Fest aus einer Notlage formender Selbstunterhalter und Cristin Milioti als herzlichere, verzweifeltere, findigere und ein schwereres Päckchen mit sich herum tragende Zeitgenossin sind ein großartiges Duo. Die Dialoge sind witzig und clever zugleich, und wie diese sommerliche Lebensfrustkomödie Einsamkeit, Sehnsucht, Verantwortungsbewusstsein und Liebe ebenso pfiffig wie nachdenklich touchiert, ist denkwürdig.

Platz 16: Promising Young Woman (Regie: Emerald Fennell)

Was für ein Debüt! Autorin und Regisseurin Emerald Fennell denkt in Promising Young Woman das Revenge-Genre weiter, indem sie Carey Mulligan auf eine großartig beobachtete Rachetour gegen das Weggucken, Nettspielen und Ausnutzen schickt. Ohne Selbstjustiz zu verherrlichen, gelingt es ihr dennoch, uns mit einem herrlichen "Das hast du dir jetzt verdient!"-Denkzettel nach dem nächsten zu unterhalten, und dabei mit (internalisiertem) Sexismus abzurechnen und Genrekonventionen auszuhebeln. Nicht nur im Revenge-Genre, sondern auch im Segment der dramatischen Indie-Romanze, die proklamiert, dass sich Traumata durch Liebe heilen ließe. Super gespielt, doppelt- wenn nicht gar dreifachbödig skizziert und tonal zielsicher, trotz hoch diffiziler Drahtseilakte.

Platz 15: Pig (Regie: Michael Sarnoski)

Genuss, die Zweite: Nicolas Cage spielt in Pig einen Einzelgänger, dem sein geliebtes Trüffelschwein gestohlen wird. Also begibt er sich gemeinsam mit seinem letzten menschlichen Kontakt (Alex Wolff) auf die Suche nach dem Ringelschwanztierchen, das ihm alles bedeutet. Was folgt, ist, wie es in der Kinowerbung so schön bezeichnet wird, ein ruhiger, verständnisvoller Empathiefeldzug. Cage ist ruhig. Und er ist verständnisvoll. Und ich find das äußerst befriedigend! Denn wie Cage mit enormer Präsenz Besonnenheit, Kummer und Einfühlungsvermögen ausstrahlt, um seinen Punkt klar zu machen... Um sich an allen Möglichkeiten einer glücklichen Aussicht festzuklammern... Um Konflikt vor sich herzuschieben oder auch mal sein Gegenüber zu Selbsterkenntnis zu drängen... Das ist fabelhaft. Ebenso wie Michael Sarnoskis Herangehensweise an die Themen "Nutze dein Leben" und "Verarbeite Rückschläge... egal, wie lang es dauert" herangeht. Und ein köstlicheres, appetitanregenderes Finale hätte ich mir für diesen im Vorabhype fälschlicherweise als "John Wick... mit einem Schwein!" angepriesenen Film nicht vorstellen können.

Platz 14: Titane (Regie: Julia Ducournau)

Nach Raw haut Julia Ducournau ein weiteres Brett raus: Ein Teil Bodyhorror, ein Teil wütender, queerer Thriller, ein Teil feministische Zornesfantasie und drei Teile überraschend einfühlsame, verletzliche, sich in Gefühlssackgassen hockende Geschichte über zwei orientierungslose Seelen, die mit großer Dringlichkeit Halt und Verständnis suchen, sich aber aus gesellschaftlichen Gründen nicht trauen, dies auszusprechen. Titane ist in seinen Spitzen hart wie Titanstahl und in seiner inneren Gesamtbefindlichkeit aufgerieben-weich wie eine frisch aufgeschlagene Schläfe. Agathe Rousselle und Vincent Lindon spielen klasse, der Look ist toll, Ducournau hat für die nächsten paar Jahre mein vollstes Vertrauen.

Platz 13: Freaky (Regie: Christopher Landon)

"Der blutigste Disney-Film überhaupt", das war das Ziel, das Happy Deathday-Regisseur Christopher Landon mit Freaky erreichen wollte - selbst wenn er die Slasher-Komödie für Blumhouse und Universal inszenierte, und nicht etwa für das Haus der Maus. Diese Attitüde, vermengt mit der Ambition seines Schreibpartners Michael Kennedy, einen stolzen, bunten, munteren, durchdacht-launigen Film über Identität zu machen, ergibt Freaky. Und Menschenskinder, was ist das für eine abgefahrene Kombo, die da an meiner Tür klopft und sagt: "Sonderlieferung speziell für dich." Vince Vaughn und Kathryn Newton sind als blutgieriger Killer und/oder schüchterne Schülerin eine absolute Wucht, die Kills machen gigantische Laune, die Nebenfiguren sind ebenso schrill wie charmant und die rote Lederjacke, die Newton trägt, wird in die Genregeschichte eingehen! Dass Freaky dann auch noch neben seines stattlichen Spaßfaktors eine runde Selbstfindungs- und vor allem Rückgratstärkungsgeschichte erzählt, rundet diesen Slasherspaß gewordenen Disney-Channel-Stoff herrlich ab.

Platz 12: Beyond the Infinite Two Minutes (Regie: Junta Yamaguchi)

Kammerspiel-Zeitreisespaß, Knuffelfilm und launiger Ensemble-Showcase: Regisseur Junta Yamaguchi und Autor Makoto Ueda haben für ihre japanische Theatertruppe einen Film geschaffen, der nur so vor Charisma strahlt. Ein verliebter, schüchterner Cafébesitzer findet heraus, dass der TV-Monitor in seiner kleinen, über dem Café liegenden Wohnung einen Blick zwei Minuten in die Zukunft gestattet. Prompt mischen sich seine Freunde und seine Angestellte ein und lassen sich Spinnereien einfallen, wie sich das für romantische Absichten, Spielereien, Scherze, Späße und zum Geldverdienen ausnutzen lassen könnte. Das locker-leicht umgesetzte, rasiermesserscharf konstruierte Drehbuch macht Laune, die mit winzigen Mitteln umgesetzte Regie verleiht dem Ganzen eine liebenswerte Lockerheit, während sie stets ihre Marker trifft. Und der bestens eingespielte Cast glänzt mit einer unbändigen Spielkind-Energie, die sich auf die Figuren überträgt - eine Gruppe hibbeliger, sich selbst amüsierender, freundlicher Spielkinder. 70 Minuten langes Bis-über-beide-Ohren-Grinsen-Kino!

Platz 11: The French Dispatch (Regie: Wes Anderson)

Kauzig, detailversessen und voller Witz. Und jetzt endlich wieder auf einer Wellenlänge mit mir: In Grand Budapest Hotel und Isle of Dogs habe ich den Wes Anderson, den ich so sehr liebe, schmerzlich vermisst. Die Ästhetik war da, doch das dahinter hat mich nicht ansatzweise so sehr erreicht wie in seinen vorherigen Filmen. The French Dispatch ist dagegen wieder der Anderson, den ich abfeiere. Das äußert sich dieses Mal als Augenweide von einem Film voller Charme, Einfällen, Stars und neckischen Verneigungen sowie liebevollen Attacken auf den selbstbezogen-intellektuellen Journalismus. Fabulös.

Fortsetzung folgt...

Freitag, 25. Februar 2022

Meine Lieblingsfilme 2022 (Teil III)

Was bisher geschah...

Platz 30: Peter Hase 2 (Regie: Will Gluck)

Drei Jahre nach seinem überraschend erfolgreichen und überraschend gewitzt-charmanten Peter Hase setzt Regisseur Will Gluck die Geschichte des rotzbengeligen, dennoch herzlichen Langohrs fort. Und dieses Mal unterstreichen Gluck und der mit ihm für das Drehbuch verantwortliche Patrick Burleigh die Selbstironie des Vorgängers doppelt und dreifach! Peter Hase 2 handelt unter anderem davon, dass die liebenswürdigen, harmlosen Kindergeschichten der Autorin Beatrix Potter aufgrund des Drucks eines Geschäftsmanns (herrlich schmierig-grinsbackig: David Oyelowo) für eine massentauglichere, modernere Weiterverwertung frecher, lauter, größer und wilder werden sollen. Der Metahumor glänzt, der Slapstick hat tolles Timing, die flauschigen Figuren aus Teil eins werden schön weiterentwickelt und es gibt einen herrlich komischen Heist auf einen Bauernmarkt. Deadpool 2 trifft Paddington 2, was für ein Spaß! (Noch dazu einmal mehr kongenial synchronisiert mit Christoph Maria Herbst in Höchstform.)

Platz 29: Spider-Man: No Way Home (Regie: Jon Watts)

Ein großes Meta-Festival zu feierlichen, manchmal auch selbstkritischen Ehren des filmischen Spider-Man-Erbes und des Stands des Marvel Cinematic Universe, voller engagiert-amüsierter Superhelden-Performances, jeder Menge Witz und einer erstaunlich raffiniert eingefädelten Weiterentwicklung des Charakters Peter Parker. In der Mitte zieht er sich ein klein wenig, weshalb ich diese Popcornparty nicht noch höher in den Top 30 ansiedle. Trotzdem ein toller Abschluss der Home-Trilogie!

Platz 28: Yes, God, Yes (Regie: Karen Maine)

In schlanken, prägnanten 78 Minuten lässt Regisseurin und Autorin Karen Maine das Umfeld wieder aufleben, in dem sie einst ihre Sexualität entdeckt hat. Nämlich das unerotischste Umfeld, das sie sich als weiße US-Amerikanerin aus Iowa vorstellen kann: Katholische Jugendfreizeiten. Hauptdarstellerin Natalia Dyer spielt die neugierige, verschreckte, eine rebellische Ader und umso mehr Schuld entwickelnde Protagonistin brillant, die Dialoge sind (inklusive ihres christlichen Pathos) wie aus dem Leben gegriffen und wie Maine Empathie, Zorn und Witz vereint, um ihre Gedanken über Doppelmoral zu verarbeiten, ist einfach klasse.

Platz 27: Eternals (Regie: Chloé Zhao)

Vor atemberaubenden Schauplätzen lässt Chloé Zhao eine Gruppe praktisch gottähnlicher Superheld:innen über Pflichtbewusstsein, Ethik, Individualität und den Wert einzelner Leben sinnieren. Das Ganze hat Witz, schön ausdifferenzierte Figuren und einen starken Score von Ramin Djawadi. Klasse Film, zu Unrecht von der US-Kritik abgewatscht und aktuell völlig verdient in einer Art zweitem Aufwind, was seine allgemeine Rezeption angeht.

Platz 26: Pieces of a Woman (Regie: Kornél Mundruczó)

Vanessa Kirby und Shia LaBeouf geben wahre Tour de Forces als Pärchen ab, das nach einer Fehlgeburt versucht, zurück in den Alltag zu finden. Rechtsstreitigkeiten, Familienstress, Schuldzuweisungen, in sich hineingefressene Schuld, Zorn und emotionale Abgestumpftheit ergeben einen explosiven Gefühlscocktail, den Kornél Mundruczó mit kühler Zielstrebigkeit einfängt. Auf Ellen Burstyns improvisierten, konfusen Wutmonolog mittendrin könnte ich verzichten, aber allein schon das die Kehle zuschnürende Intro sichert dem Film eine Position in diesem Ranking.

Platz 25: Die Erlösung der Fanny Lye (Regie: Thomas Clay)

1657 in England: Zwei unbekleidete Fremde (Freddie Fox & Tanya Reynolds) suchen Unterschlupf auf der Farm des Kriegsveteranen John Lye (Charles Dance), der ein straffes Regiment auf seinem Grund und Boden führt. Doch die religiös liberalen, eloquenten jungen Leute fangen an, Johns Gattin Fanny (Maxine Peake) von Selbstbestimmung und sexueller Freiheit zu überzeugen und seinen Sohn... haltet euch fest... mit Spielen zu bespaßen! Das ist reinster Schock und Horror in Johns Augen, und so kommt es, wie es kommen muss: Ein Machtspiel zwischen den Weltanschauungen beginnt. Thomas Clay inszeniert dies als packenden Slowburner voll Sinnlichkeit, hervorragenden Monolog-Wettbewerben und fesselnden Performances. Große Klasse.

Platz 24: inside (Regie: Bo Burnham)

Bo Burnhams absurdes Kammerspiel inside vereint Comedyspecial-Duktus, Pandemie-Echokammer, Depressionstalk und seufzendes Generationenselbstporträt zu einer unwiderstehlichen Mischung aus Galgenhumor, medialer Selbstkritik, Ohrwürmern, Eskapismus und entnervtem Lachen in den bunt schimmernden Abgrund. Und ein bisschen UMBERTO! ist es auch.

Platz 23: Seitenwechsel (Regie: Rebecca Hall)

Rebecca Hall empfiehlt sich mit ihrem Langfilm-Regiedebüt Seitenwechsel (oder, wie es im Original deutlich treffender betitelt ist: Passing) als Top-Regisseurin, die wir alle im Blick behalten sollten. Ihre Romanadaption über zwei einst befreundete Schwarze, die unterschiedliche Lebensentwürfe haben, abhängig davon, wie sehr sie als weiß durchgehen, ist sensible Charakterstudie, stichelnde Gesellschaftskritik und großartige Bühne für Ruth Negga und Tessa Thompson, um schauspielerisch aus den Vollen zu schöpfen.

Platz 22: Nobody (Regie: Ilja Naischuller)

Manchmal sind es die einfachen, unscheinbaren Dinge, die so richtig einschlagen. Wie Nobody von Hardcore Henry-Regisseur Ilja Naischuller, ein wunderbar geradliniger Actionfilm, der dank eines großartig aufgelegten Bob Odenkirk, launig-herber Actionchoreografie, eines spaßigen Schurken und seines knackigen Erzählflusses einfach mächtig Bock macht. Jeder Kinobesuch war eine Sause!

Platz 21: The Power of the Dog (Regie: Jane Campion)

Jane Campions Western-Drama The Power of the Dog ist ein atmosphärischer Blick auf Menschen, die sich abschotten, indem sie Rollen einnehmen, aus denen sie ihr wahres Ich nur selten durchbrechen lassen. Der gesamte Cast spielt bemerkenswert, allen voran Benedict Cumberbatch und Kirsten Dunst. Der Score von Johnny Greenwod ist intensiv, die Bildwelten rau und die Charaktere höchst sensibel, selbst wenn sie alles tun, außer sich dies einzugestehen. 

Fortsetzung folgt...

Samstag, 12. Februar 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil II)

Was bisher geschah...

Platz 40: Benedetta (Regie: Paul Verhoeven)

Paul Verhoeven trollt mal wieder. Und trollt eigentlich gar nicht. Denn seine Nonnen-Lesben-Historiengeschichte hat selbstredend Elemente, die bei einigen Leuten für tomatenrote Ohren sorgen dürften. Und für die, die sich nicht von improvisiert herbeigeschnitztem Sexspielzeug schockieren lassen, gibt's noch immer den bewusst-extra peinlich-albernen Aspekt, dass die Titelheldin, wann immer sie vorgibt von Jesus besessen zu sein, mit der Stimme des Benedetta-Filmjesus spricht, was vorne bis hinten nicht zusammenpasst. Andererseits nimmt Verhoeven sein Sujet ziemlich ernst: Statt eine reine Lachnummer aus dem Stoff zu machen, streut er gehaltvolle Schlussfolgerungen in den Film, der auch über schlechtes Pandemie-Management und "Wer laut genug behauptet, Ahnung zu haben, bekommt sie zugeschrieben"-Betrugsmaschen abledert. Macht Spaß!

Platz 39: The Lost Leonardo (Regie: Andreas Koefoed)

In Andreas Koefoeds Dokumentarfilm The Lost Leonardo wird detailliert und erkenntnisreich die Geschichte des Gemäldes Salvator Mundi erzählt, das einst in einer Lagerhalle wiedergefunden und für eine niedrige vierstellige Summe verkauft wurde, dann in der Kunstszene als "schlecht erhaltenes, aber recht gut gemachtes Bild im Stile von Leonardo da Vinci" kursierte und letztlich vor wenigen Jahren für Rekordsummen als das letzte Gemälde des großen Meisters über den Auktionstisch ging. Koefoed strukturiert diese Chronik einer gigantischen Wertsteigerung fesselnd, macht sie dank perfekt ausgewählter Interviewpartner:innen lehrreich, kurzweilig und spannend, und immer wieder drängt sich die Frage auf: "Glaube ich dieser Person?" Kunstrestauration und -handel, Kunstmarketingmethoden und diplomatische Politik vereinen sich hier zu einem Thrillerdrama, wie es das Leben schrieb.

Platz 38: Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Regie: Dominik Graf)

Weitaus weniger Spaß macht diese geschlagene 186 Minuten lange, zermarternde Erich-Kästner-Adaption. Doch genau so muss das sein! Regisseur/Autor Dominik Graf und Autor Constantin Lieb nehmen die während des "Vorabends" des Nationalsozialismus verfasste, aufgrund ihres erschreckenden Wahrheitsgehalts lang zensierte Vorlage, und formen sie zu einem soghaften, deprimierenden Sittenzerfallgemälde. Mit komplexen Figuren und entsprechend facettenreichen Performances versehen, zeigt Fabian oder Der Gang vor die Hunde von Liebe, Hoffnungen und moralischer Verwüstung in der späten Weimarer Republik. Filmisch rüttelt Graf uns immer wieder auf, indem er beispielsweise die ausschweifende Historienfilmausstattung der Marke ARD-Degeto-Zweiteiler/ZDF-Primetime-Dreiteiler gegen ramschige Digitalkamerabilderästhetik knallen lässt oder durch historisch inakkurate Werbeplakate unmittelbare Verknüpfungen zur Gegenwart zieht. Kein Vergnügen, aber mein liebster deutscher Film 2021.

Platz 37: The Last Duel (Regie: Ridley Scott)

Rashomon im Frankreich des Jahres 1386, doch der Grundgedanke "Alles ist subjektiv, Erinnerung ist trügerisch, wem kann man schon trauen?" weicht dem kraftvoll umgesetzten Ansatz "Das patriarchale System spielt mit derart gezinkten Karten, dass sich Männer bequem ihre eigene Wahrheit schaffen können und Frauen, ganz gleich, wie nachdrücklich sie um Gehör bitten, an den Rand gedrängt werden". Der dramatische Gesellschaftskommentar im Gewand eines Ritterepos beginnt etwas zäh, doch nach und nach finden die Puzzleteile zusammen und offenbaren nicht nur eine kluge, passionierte Erzählung, sondern auch die Bühne für gute Performances von Matt Damon und Adam Driver sowie eine tolle Leistung von Ben Affleck und eine hervorragende von Jodie Comer. Inklusive kathartischem, dreckigem Schlussakt und zum Nachdenken anregendem, kurzem, die erlebte Erlösung wieder in Frage stellendem Epilog. In meinen Augen Scotts bester Film seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten.

Platz 36: Nomadland (Regie: Chloé Zhao)

Chloé Zhaos Oscar-Abräumer Nomadland reicht meiner Ansicht nach nicht ganz an die stille, komplexe Poesie ihres Beinahe-Dokumentarfilms The Rider heran. Dennoch ist diese Auseinandersetzung mit dem erzwungenen Findungsreichtum jener, die vom US-Turbokapitalismus ausgespuckt wurden, sich aber weigern, sich fortan als traurige Gestalten zu verstehen, ein hervorragend fotografiertes, gleichermaßen raues wie einfühlsames Porträt eines diffizilen Lebensentwurfes. Zhao lässt uns die Umstände, die Menschen dazu drängen, solch ein Leben zu akzeptieren, verurteilen, vermeidet aber die Falle der sozialvergleichenden "Elendspornografie": Wir schauen den Film nicht, um uns besser als die zentralen Figuren zu fühlen und uns die eigene Schulter zu klopfen, wie toll es ist, dass wir Mitleid haben. Zhao zeigt nämlich, dass es Menschen gibt, die auch in den kargsten Umständen Würde und Geborgenheit kreieren. Nomadland: Das filmgewordene Gegengift zu Hartz und herzlich und wie die ganzen giftigen RTL-II-Dokureihen sonst so heißen!

Platz 35: Red Screening (Regie: Maximiliano Contenti)

Wie im Intro zu Teil eins dieser Hitliste bereits festgehalten: Manchmal erscheinen Filme einfach zum richtigen Zeitpunkt, so dass sie sich als Essenzen des Jahreszeitgeistes in meiner Erinnerung festsetzen und für die Jahreshitliste aufdrängen. Im Falle von 2021 ist der aus Uruguay stammende Slasher Red Screening genau solch ein Film: Nach Monaten des pandemiebedingten Kinoentzuges erscheint ein Film auf Blu-ray, der aus jeder Pore Liebe zu sämtlichen Aspekten des Kinoerlebnisses triefen lässt, von den offensichtlichen und den heimlichen Glanzseiten bis hin zu den Schattenseiten, die man mit Abstand jedoch lieben lernt. Das wäre 2018 beispielsweise vielleicht dank der zielsicheren Regieführung und der stringenten Giallo-Stimmung eine ehrenwerte Nennung geworden, aber 2021?! Da wurde es eines meiner intensivsten, nachhaltigsten Heimkinoerlebnisse. Ich werde noch jahrelang die Pandemie und meine Kinosehnsucht fest mit diesem Film verbinden. Allein schon der Anblick der Blu-ray lässt Popcorngeruch in meine Nase steigen und das Phantomgefühl aufkommen, in einem Kinosessel zu sitzen.

Platz 34: The Suicide Squad (Regie: James Gunn)

Können böse, ruchlose und tabubrechende Gestalten, die von der Gesellschaft aufgegeben wurden, sich als wertvolle Personen beweisen, die Gutes bewegen? James Gunn, seines Zeichens von einer garstigen Kindheit geprägte Person, die jahrzehntelang mit boshaftem Humor auf sich aufmerksam gemacht hat und dann von Teilen der Twitter-Öffentlichkeit von Heute auf Morgen als unverzeihlich miese Gestalt gebrandmarkt wurde, sagt: Ja. Zweite Chancen müssen vergeben und angenommen und gemeistert und daraufhin als gemeistert anerkannt werden. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung mit Selbstgerechtigkeit, Widerlichkeit und der Kunst des Übersichhinauswachsens ist eine räudige, brutale, zutiefst verletzliche Komödie, voller toller Figuren, geplagt von ein paar "Ich formuliere meine Moral zu deutlich aus"-Augenblicken und gesegnet mit wunderbarem Witz und einer berührend-ehrlichen Ebene der Reflexion. Und Vögel kriegen eins vor den Latz.

Platz 33: Last Night in Soho (Regie: Edgar Wright)

Edgar Wright attackiert nostalgische Verklärungen, übergriffige Männer und empathielose Mitstudierende in einem Abwasch. All das stylisch gefilmt und punktgenau geschnitten - wie man es halt von ihm erwarten würde, wenngleich mit einer etwas gedrosselten Deutlichkeit seiner Handschrift. Das ist im Pantheon seiner vergleichsweise ernsteren Projekte deutlich runder als The World's End und punktet zudem mit Swinging-Sixtes-Flair, zielsicheren Horror-Anleihen und einer das Material geradezu atmenden Thomasin McKenzie. Die Grundidee hinter dem dritten Akt ist klasse, poltert in der Umsetzung jedoch ein wenig, ebenso habe ich das Gefühl, dass Anya Taylor-Joy zwar gut spielt, jedoch wie in einem anderen Filmm und Wright sie einfach ein bisschen hätte lenken müssen. Doch allein schon für die makellos geschnittenen, Zeitebenen und Personen verschwimmen lassenden Tanzszenen und die tolldreist-selbstbewusst vertretene Haltung des Films muss ein Top-35-Platz in meinen Jahrescharts her!

Platz 32: Matrix Resurrections (Regie: Lana Wachowski)

Hinter der Oberfläche einer selbstironischen Satire auf späte Fortsetzungen, die sukzessive zu einem Mix aus Best-of der Matrix-Trilogie und einer filmgewordenen Korrekturlesung wird, verbirgt sich verletzliche emotionale Ehrlichkeit: Durchsetzt mit Bildern aus suizidalen und depressiven Phasen der Regisseurin Lana Wachowski, filigransten und beiläufigen, aber zielgenau-deutlichen Details aus den Dingen, die ihr Leben formten, sowie mit der strengen Haltung "Ich muss meine ganz persönlichen Filme aus den Klauen der Leute retten, die mir das Leben zur Hölle machen wollen und der Schöpfung schmücken, die meine Schwester und ich einst der Filmwelt geschenkt haben" versehen, revidiert Matrix Resurrections die Matrix-Trilogie, ohne sie kleinzureden. Basierend auf der Ausgangsfrage "Wenn ich nochmal neu anfangen könnte, was würde ich tun?" feiert Wachowski die Höhepunkte ihrer einflussreichen Saga, tauscht das darin vorgeführte, kalte Abstrahieren aber gegen erlebte, gefühlte Überzeugung und verschafft ihren geliebten Figuren konsequenterweise einen zügigeren, farbenfroheren, das Herzen erfüllenden Eiltrip durch die Eckdaten der Ursprungsreihe. "Ich würd's wieder tun, aber früher, selbstbewusster und entschlossener, und daher glücklicher", lautet die Antwort, die Sci-Fi-Action-Dystopie wird daher zur Sci-Fi-Action-Romantikkomödie. Was für eine berührende, faszinierende Idee - meinetwegen hätte sich Wachowski nur noch dreister von der beengenden Schablone der vorherigen Teile befreien können.

Platz 31: Annette (Regie: Leos Carax)

Holy Motors-Regisseur Leos Carax widmet sich dem Musicalgenre: In Annette breitet er, begleitet von Musik der Sparks Brothers, vor unseren Augen die unromantische Geschichte einer Promibeziehung aus. Adam Driver ist ein impulsiver Schockkomiker, Marion Cotillard eine in ihren eigenen Sphären schwebende Opernsängerin. Wenn die Zwei zur Verwunderung (und Freude) der nach Themen gierenden Medien eine Bindung eingehen, lässt die Theatralik nicht lange auf sich warten - inklusive einer Marionette von einer Tochter. Simon Helberg beweist in einer Nebenrolle wieder einmal, dass er in The Big Bang Theory unter Wert verkauft wurde, Cotillard und Driver sind klasse in ihren Rollen, und die Songs dieses nahezu durchkomponierten Musicals sind eindrucksvoll. 

Fortsetzung folgt...