Donnerstag, 21. Juli 2022

Bibi & Tina – Einfach anders

Menschen sitzen abends am Lagerfeuer. Während sie ein aufmunterndes Lied singen, wippen, schunkeln und wackeln sie unbeschwert. Gestikulierend unterstreichen sie den Songtext, nähern sich einem Augenblick der vollkommenen Gleichgesinntheit. Sie lassen ihren Frust, ihre Sorgen und ihren Stress der vorherigen Tage hinter sich. Dennoch handeln sie nicht unisono. Unterbewusst drücken alle tänzelnd ihrer Einzigartigkeit aus.

Der Eine zögert bei wiederkehrenden Bewegungen dieser spontanen Choreografie, als sei er sich unsicher, welche Geste wann genau drankommt. Zwei beste Freundinnen lächeln sich strahlend an und beginnen einen schwungvollen Sitztanz, als hätten sie ihn spontan non-verbal miteinander ausgemacht. Das schüchterne und etwas schroffe Reiterhof-Ferienkind geht mit der Stimmung mit, wippt aber lieber in sich selbst hinein. Und die Mundwinkel des freundlichen Exzentrikers in galanter Aufmachung könnten sich nicht feister in seine Backen graben, so begeistert ist er ob seiner mit Affekt durchgezogenen Gesten. Ein losgelöster Glücksmoment im kleinen, schief um das Feuer gebildeten Kreise...

So feiern die Titelheldinnen und die Ihren in Detlev Bucks Bibi & Tina – Einfach anders gemeinschaftlich die Individualität – und bewegen sich dabei zu den Klängen des von Joshua Lange, Peter Plate und Ulf Leo Sommer geschriebenen Songs Anders ist gut mühelos aus einer argumentative Zwickmühle. Zeigte doch schon Monty Pythons Das Leben des Brian auf, wie urkomisch widersprüchlich es zumeist ist, wenn eine Menschengruppe gleichzeitig ausruft, individuell zu sein. Entweder handeln alle gemeinschaftlich oder alle individuell, aber beides zugleich ist ein Ding der Unmöglichkeit – sollte man meinen.

Aber Detlev Bucks Interpretationen des aus Hörspielen und dem Trickmedium bekannten Bibi & Tina-Kosmos lächeln dem Unmöglichen unbeeindruckt ins Gesicht, ehe sie von einem kecken "Hex-hex!" begleitet drüber hinweg springen. Das bewies sich bereits in vier Realfilmen. Stets fanden Buck und Autorin Bettina Börgerding neue Wege, um quirlig freidrehende Kreativität, spielerisch aufbereitete Genrekonventionen, ironisches Zwinkern und eine aus tiefstem Herzen kommende Grundehrlichkeit zu vereinen, damit Hexe Bibi Blocksberg und ihre normalsterbliche Freundin Tina Martin in farbenfrohen, spaßigen Abenteuern dem Kinotrott davonreiten können. Mit einem exzessiv aufgezäumten Film gegen Gier, einer schrägen Komödie, die uns beibringt, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, einer Mädchen gegen Jungs betitelten Attacke gegen den Geschlechterkrieg. Oder in einer verschroben-fabelhaften Musical-Dramödie über Flucht und Ankunft, die anmutet, als wäre es ein bislang verschollener Film des Schwarze Katze, weißer Kater-Regisseurs Emir Kusturica, der darin seinem zuvor verheimlichten Faible für deutsche Kinderhörspiele frönt.

Mit der 2020 veröffentlichten Bibi & Tina-Serie änderten sich die Besetzung, die Drehorte und einige filigrane Stellschrauben, wie die Verantwortlichen die erzählerischen sowie inszenatorischen Mechanismen einsetzen. Diese Neuerungen werden im fünften Film beibehalten. Katharina Hirschbergs Bibi ist etwas kindlich-frecher als die pubertierend-emotionale Bibi à la Lina Larissa Strahl. Harriet Herbig-Matten nimmt die verschrobenen Eskapaden auf dem Martinshof und rund herum öfters verdattert-wohlwollend hin, statt sich wie Lisa-Marie Korolls Tina abenteuerlustig reinzustürzen. Alex von Falkenstein (zuvor: Louis Held / nun: Benjamin Weygand) ist etwas bodenständiger geworden, sein Vater Graf Falko (Michael Maertens / Holger Stockhaus) etwas meckeriger. Hofbesitzerin Susanne Martin (Winnie Böwe / Franziska Weisz) hat jetzt eine etwas alltäglich-mütterlichere Art, ihre Seite als verschrobene Alleinunterhalterin tritt in den Hintergrund. So, wie auch die Farbsättigung nunmehr reduzierter ist als noch in den ersten vier Filmen.

Es sind dieselben Figuren, aber wir begegnen ihnen in einer neuen Kontinuität, wo sie dezent neu interpretiert werden. Es ist halt alles Einfach anders, womit der Filmtitel bereits eine klare Ansage ist. Aber er verweist auch auf den Namen des Internats, aus dem drei neue Ferienkinder kommen, die den Martinshof durcheinander wirbeln. Und er fasst eines der Leitthemen des Films zusammen, in dem es Buck, Börgerding und ihren zahlreichen dramaturgischen Helfer:innen mit Leichtigkeit gelingt, voller Gemeinschaftssinn den Wert der Individualität zu feiern. Denn das Bibi & Tina-Universum ist so musikalisch, so freundlich-kauzig und in dieser Interpretation zugleich so eindrucksvoll-vorbildlich gelassen, dass sich diese Story gar nicht erst in die vorhin erwähnte Zwickmühle manövrieren kann

In Bibi & Tina – Einfach anders wird nicht erklärt, nicht erarbeitet und vor allem nicht erkämpft, sondern mit völliger Selbstverständlichkeit ausgelebt, dass Harmonie nicht dadurch entsteht, dass alles identisch ist – sondern dadurch, zusammen unterschiedlich zu sein.

"Eure Welt ist wirklich lächerlich. Langweilig. Langweilig!"

Selbstredend kommen selbst Bucks Bibi & Tina-Kosmen nicht völlig ohne Konflikte aus. Irgendeinen Antrieb brauchen die Pferdemädchen, um sich zielstrebiger auf ihre geliebten Unpaarhufer Amadeus und Sabrina zu schwingen, statt gelassen spazierzureiten oder spontane Wettreiten frei von Fallhöhe vom Zaun zu brechen. In Bibi & Tina – Einfach anders gibt es sogleich drei Ursachen dafür, das Chaos ausbricht:

Graf Falko von Falkenstein erfährt von einer forschen Justizbeamtin, dass er gar kein Graf sei. Der Martinshof ändert seine Ausrichtung, und begrüßt daher erstmals drei Jugendliche bei sich, die vom Internat Einfach anders vermittelt wurden – und dort kann man froher nicht sein, dass die rotzige Disturber (Emilia Nöth), die mit glühender Begeisterung von wissenschaftlichen Grenzbereichen schwärmende Spooky (Pauletta Pollmann) und der schweigsame Silence (Leander Lesotho) vorübergehend weg sind. Und dann ist auch noch über Falkenstein ein Meteorit abgestürzt, weshalb die örtliche Bevölkerung völlig außer sich ist – angestachelt durch die völlig verantwortungslose Berichterstattung der Radio-Flamingo-Moderatorin Funky Fröhlich (Judith Richter).

Wo Individualität thematisiert wird, ist der Themenkomplex Identität nicht fern. Die grellste Identitätskrise macht Falko durch, der sich kopflos und wirr fragt, wer er sein soll, wenn er doch kein Graf ist. Der passionierte Westenträger versteift sich derart auf Labels, dass er sich schlagartig für einen blutdurstigen Vampir hält, bloß weil er erfährt, Vorfahren in Siebenbürgen zu haben. Selbst Bibi lässt sich derart vom Etikettendenken leiten, dass sie allein deshalb die Unterlagen der Justizbeamtin hinterfragt, weil sie davon überzeugt ist, dass eine derart traditionsbewusste, stocksteife Person wie Falko ein Graf sein muss. Da reagiert sein Sohn Alex schon gelassener: Er sagt sich, dass er er ist, egal ob Adelstitel oder nicht. Ihm geht es bei den Ermittlungen gegen die Behauptungen der schrillen Frau nur um Gerechtigkeit, nicht um eine Bestätigung seines Selbstbilds.

Diese Entspanntheit muss er von Butler Dagobert (Herman van Ulzen) gelernt haben, der einfach eine treue Seele ist, ganz gleich, ob er nun als Butler eines Grafen agiert oder doch nur als besonnener, weiser und wortkarger Freund eines wechsellaunigen Exzentrikers. Auch Susanne Martin und ihr Sohn Holger (Richard Kreutz) sind mit ihrer Identität im Reinen. Zumindest auf persönlicher Ebene. Beruflich zögern sie zwischendurch, ob die für den Erhalt des Hofes als nötig erachtete Neuausrichtung eine gute Idee war, oder sie sich mit der Aufnahme dreier "Problem-Teenager" übernommen haben. Jedoch sind die Beiden derart tiefenentspannt, dass ihnen kaum mehr als ein erschöpftes Schnaufen oder ein Augenrollen entfleucht, wenn sie beim Verfolgen ihrer Obhutspflichten ins Schleudern geraten. Wenn eine rebellierende Jugendliche ihnen ins Ohr brüllt und ins Gesicht singt, wie langweilig und lächerlich diese heile Kuschelwelt sei, gehen sie hingegen unbeirrt ihrem Tagwerk nach.

Tina hadert unterdessen arg mit sich. Von Disturber als die Stinknormale beschimpft, die sich Hexe Bibi lediglich als Wegbegleiterin ausgesucht hat, um umso außergewöhnlicher zu wirken, und bei all dem Chaos in Falkenstein wiederholt zum reinen Sidekick degradiert, entwickelt sie Frust. Tina hinterfragt angesichts ihrer vermeintlichen Austauschbarkeit ihren Wert, beginnt sogar zu granteln: Leute wie Disturber, die so aufsehenerregend anders sind und damit zum Gesprächsthema werden, die machen das doch allein aus Geltungsbedürfnis. Um aufzufallen, sich nach vorne zu drängeln, langweilige Normale zu überschatten. Grummelt Tina jedenfalls in einem flüchtigen Augenblick der charakterlichen Schwäche, bevor Bibi ihr aufzeigt, dass auch sie hervorstechende Eigenschaften hat. Und dass ihre pampige Eifersucht auf Disturber unangebracht ist, weil es gute Gründe gibt, weshalb manchen Menschen gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil kommt – Fürsorge und Unterstützung für jene bedeutet nicht sogleich ein Abwerten anderer.

Nicht, dass Bibi frei von Fehlern wäre. Selbst wenn man ihre Spitzen gegen Falkos Traditionsliebe ignoriert. So steckt sie Disturber gedanklich mit Vehemenz, zwischenzeitlich gar mit Jähzorn, in die Schublade "Böswillige Unruhestifterin" und will dies zunächst als einzige Eigenschaft Disturbers anerkennen. Gewiss, die mit raspelkurzen Haaren, Vorhängeschloss-Halskette und Zehn-Tage-Regenwetter-Miene auftretende Disturber präsentiert sich beim Kennenlernen als (tief-)schlagfertig und sarkastisch, steckt verbal zügig Grenzen ab. Doch wie kann es sich Bibi, die Tina unter anderem wegen ihrer Sehkraft aufzieht, bitte erdreisten, eine andere Sprücheklopferin als Schurkin abzustempeln, während sie sich darin badet, von allen als freundliche, hilfsbereite Hexe, als Sonnenschein auf zwei Beinen bezeichnet zu werden? Frisur, Kleidungsstil und die Breite des Lächelns allein können ja nicht über das gesamte Wesen eines Menschen entscheiden...

Identitätsfragen durchziehen den Dialogwitz, die Situationskomik und die charaktergetriebenen Handlungsbögen von Bibi & Tina – Einfach anders, und da kommen solche Mini-Konflikte wie die blitzschnell geäußerte Vermutung aller, Silence sei wegen eines unverarbeiteten Traumas stumm, noch hinzu. Und eine Gesangseinlage über die blendenden Schein der Prominenz. Oder die Szenen, in denen der Lederjacken tragende, handwerklich interessierte Motorrad-Rockerbubi Freddy (Dominikus Weileder) zu einem ratlos stammelnden Jungen wird, weil er sich in die vom Geschehen im Weltall fabulierende Spooky verliebt, und damit nicht umzugehen weiß. Wie sehr würde ihm erst der Kopf kreisen, würde er wie V. Arscher (Kurt Krömer) von Identität zu Identität wechseln, und im damenhaften Abendkleid mindestens so eine gute Figur machen wie in Sakko und Melone oder im altmodischen Ringel-Badeanzug...

"Das beste an der Suppe: Ohne dich schmeckt sie nicht!"

Im Presseheft zu Bibi & Tina – Einfach anders erläutert Buck seine Beweggründe, sich einmal mehr auf den Bibi & Tina-Regiestuhl zu setzen. Er erzählt von seiner Tochter, die nach dem Abitur kurzfristig dachte, im Leben angekommen zu sein – bloß um orientierungslos festzustellen, dass sie glaubt, nicht zu wissen, wer sie ist. Dies sei die Initialzündung gewesen, der Moment der Erkenntnis, welche Mission Bibi und Tina noch zu erfüllen haben. Eine positiv-anspornende Geschichte über den Fragenkomplex "Was kann ich eigentlich? Was will ich? Wer bin ich?" müsse her. Bucks Statement windet sich in seinem typisch sprunghaft-assoziativen, lakonischen Schreib- und Redestil weiter zu den ganzen Kosmos umspannenden Fragen, zur Einordnung wo wir herkommen und wer wir denn schon sind mit unseren Problemen, in den Weiten der Galaxie. 

Alles Fragen und Sorgen, die das junge Publikum angesichts der "aktuellen Weltlage, der Anspannung und Isolation, Hysterie, Unsicherheiten, absichtlicher Falschmeldungen" mitbekäme und sich nur durch Freundschaften leichter durchstehen ließen. Was nach Bucks Überzeugung bedeute, dass man auch Freunde bräuchte, die anders sind als man selbst. Zum Abschluss seines Regiestatements berichtet Buck kurz von seinem Besuch einer queeren Jugendgruppe und deren Motto: "Wir können den Wind nicht drehen, aber die Segel anders setzen!"

Dieses Motto wird im Film weder zitiert noch paraphrasiert, gleichwohl verkörpert er es vollauf. Buck und Börgerding breiten in ihrer Erzählung die Erkenntnis aus, dass stürmische Zeiten allein schwerer zu meistern sind als zusammen. So, wie der Leitspruch bewusst vom "Wir" spricht, statt sich ratschlagend an die Betrachtenden zu richten: "Du kannst den Wind nicht drehen, aber die Segel anders setzen!" Ebenso sehr liegen dem Motto und dem Bibi & Tina – Einfach anders-Drehbuch die Feststellung inne, dass es Widrigkeiten gibt, denen man nicht unmittelbar Herr werden kann. Doch statt aufgrund ihnen zu resignieren, rät es sich, ihnen mit Zuversicht und Findigkeit zu begegnen, um sie zu umschiffen und letztlich sehr wohl zum Ziel zu gelangen. Dieses Vorgehen gilt gleichermaßen für Feindseligkeiten (im Film vertreten durch Mobbing und Vorverurteilungen) als auch für Stress verursachende, unruhige Situationen und pures Chaos (wie die sonderbaren Himmelsphänomene, Lebensentwürfe aus der Bahn werfenden Nachrichten und die Alien-Massenpanik in Einfach anders).

Angesichts dessen, wie viel Eindruck die queere Jugendgruppe bei Buck hinterlassen hat, wie sehr Bibi & Tina – Einfach anders von Akzeptanz sowie Identitätsfindung handelt, und dass im Film der von Lange, Plate und Sommer verfasste, in einer abgewandelten Form bereits 2020 von Michelle veröffentlichte Song Einfach anders vorkommt, inklusive sLyrics wie "Es ist wichtig, dass du dich liebst, wie du bist" oder "Was denkst du? Was bist du, woher kommst du? Was träumst du und wen liebst du? So wie du bist, ist’s gut!", ist es durchaus verwunderlich, dass nicht-heteronormative Identitäten nicht konkret in der Handlung vorkommen. Zumal bereits Bibi & Tina: Tohuwabohu total! eine Nebenfigur zeigte, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt.

Zweifelsfrei: In Bibi & Tina– Einfach anders keine offen queere Figur auftauchen zu lassen, bleibt eine vertane Chance. Gleichwohl: Bucks und Börgerdings Verzicht darauf, im Vielfalt zelebrierenden Selbstakzeptanz-Film Bibi & Tina– Einfach anders queere Identitäten auch als Handlungskonflikt aufzugreifen, ist vollends nachvollziehbar.

Nicht nur, weil es den Falkensteinern, so wie sie von den Beiden bisher gezeichnet wurden, schwer abzukaufen ist, sollten sie LGBTQIA+-Fragen problematisieren. Sondern auch, weil es nicht zum Duktus dieses Films gepasst hätte: Eine mit sich hadernde, Intoleranz durch Andere befürchtende, geschweige denn erfahrende Figur, würde die realweltliche Dramatik aus Bibi & Tina: Tohuwabohu total! replizieren. "Das befürchten, mitunter passiert nicht-heteronormativen Jugendlichen", wäre Teil der filmischen Aussage, was daraufhin mit einem "Und das sollte nicht sein" beantworten werden müsste.

Bibi & Tina – Einfach anders lebt aber eine idyllischere, gediegenere Konflikte aufweisende Welt vor. Menschen, die in unserer Wirklichkeit bedauerlicherweise tatsächlich gesellschaftliche Sanktionen befürchten müssen, einfach weil sie sie sind, daran zu erinnern, um daraufhin die Kurve ins Idyll zu kriegen, würde den "Vorleb-Charakter" des Films schmälern. Dass Bibi & Tina – Einfach anders den Weg von Pixars Luca geht, der gemeinhin eine Geschichte über Selbstakzeptanz, Vielfalt und gegenseitigen Respekt erzählt, doch ziemlich flink unter anderem auf queere Identität übertragen werden kann, ist da schon cleverer:

Die Krisen, die die Figuren im fünften Bibi & Tina-Film Bucks durchmachen, dürften den Allerwenigsten Kindern und Jugendlichen 1:1 aus ihrem Leben bekannt vorkommen. So viele Adlige, deren Herkunft hinterfragt wird, und aufgrund eines Nietzsche-Zitatshirts aus dem Kloster geflogene Rebellinnen dürfte es in Deutschland ja wohl nicht geben. Aber den erzählten Konflikten und Identitätskrisen zum Trotz sind die Abläufe und Gefühle, die dahinterstecken, mit großem Identifikationspotential aufgeladen, da sie im Film eindringlich-pointiert geschildert und nachvollziehbar umgesetzt werden.

Und so darf jede:r im Publikum auf die Figurenbande dieses Films blicken und eigene Ängste, Befürchtungen, Herausforderungen oder auch Hoffnungen hinein projizieren, ungeachtet der demografischen und biografischen Umstände, und ohne während der Schilderungen emotional unbequem angepackt zu werden. Daher ist es auch völlig kohärent, dass der von Lesotho charmant-dauerentspannt angelegte Silence schwarz ist, aber den gesamten Film über niemand darauf eingeht – das Vielfaltsthema also ebenso wenig über Hautfarbe, Ethnie oder Herkunft behandelt wird, wie über die Hürden, die unsere Gesellschaft queeren Menschen in den Weg stellt:

Geschichten über Rassismus müssen im deutschen Kino dringend erzählt werden, doch genauso sollte Vielfalt im Casting alltäglicher werden. Das sind zwei unterschiedliche, sich insgesamt ergänzende Ansätze. Silences "Andersartigkeit" lässt sich ohne weitere Umstände so aufnehmen, wie im Film präsentiert, nämlich als Schweigsamkeit, die in redseligen Kreisen zuweilen sonderbar aufgefasst wird. Genauso kann man sie als Chiffre auffassen, als Stellvertreter für jeglichen demografischen,  charakterlichen oder interessensbasierten Aspekt, der gegebenenfalls zu Ausgrenzung oder Missverständnissen führt, obwohl dem nicht so sein sollte.

Der Unterschied ist bloß, dass Silence so oder so Repräsentation darstellt, wohingegen queere Repräsentation gar nicht stattfindet, obwohl es auch möglich gewesen wäre, sie im Film zu haben, ohne sie mit den Akzeptanzkonflikten zu verbinden. Kurzum: Die versäumte, konkrete Repräsentation von LGBTQIA+-Identitäten, mag auffallen, fällt jedoch schlussendlich jedoch wenig ins Gewicht, da wie in Pixars Luca die Aussage und der Vibe des Films die größeren Bände sprechen. Und falls man gönnerhaft drauf ist, ist mit V. Arschers unbeeindruckt zwischen den Gendernormen switchendem Modegeschmack und dem blau-lila-pinken Farbschema während Disturbers Solo-Gesangsnummer sehr wohl Repräsentation gegeben, wenngleich keine verbalisierte.

Ein anderes Thema packt Bibi & Tina – Einfach anders derweil unvermittelt an, nutzt es sogar als Knüpfungspunkt zwischen den drei großen Plotfäden: Das Toleranz-Paradoxon. Denn wie Vollblut-Miesepeter, geschweige denn hauptberufliche Mentalitätsbrandstifter gerne argumentieren: Wenn man doch so tolerant und duldsam sein will, muss man dann nicht auch Dinge hinnehmen, die gegen solch eine Einstellung ackern?

Bibi & Tina – Einfach anders verhandelt das hohlste und am kürzesten gedachte Totschlagargument unter allen Totschlagargumenten nicht in einer ausformulierten Diskussion, sondern konstant beiläufig auf Handlungsebene. Denn selbst auf dem genügsamen Martinshof und im einladenden Schloss Falkenstein finden Geduldsfäden ihre Enden. Nicht aber so rasch, wie man in einem Film erwarten dürfte, der eine lobende Gesangseinlage über Kuschelmentalität umfasst, in der die Titelheldinnen sich umarmend und knuffige Tiere streichelnd darum bitten, sich nach all den schlechten Zeiten nicht mehr zu streiten.

Disturbers ruppige Art beispielsweise wird der von Emilia Nöth so mitreißend-schnippisch gespielten, sympathisch-ungestümen Figur nicht abtrainiert, wie es in einem seichteren, didaktisch-konservativeren Film gewiss geschehen würde. Ihr mit Metahumor gewürztes pampiges Protestlied Nein Danke wird konsequenterweise auch nicht als Schurkensong aufgezogen, sondern als erfrischendes, nachvollziehbar motiviertes Freibahnen von Gefühlen des Frusts, Dickschädel-Stolzes und Abgrenzens von all der Reiterhofromantik. Ergänzend wird wenige Minuten später Alex ein punkig angehauchter Wutsong zugestanden, mit dem er seinem Vater Grenzen aufzeigt, wofür ihn Dagobert mit zustimmendem Nicken entlohnt und Tina mit Herzchenaugen.

Die Freude an Vielfalt und das erfreute Annehmen von Eigensinnigkeiten enden in Bibi & Tina – Einfach anders bei unvertretbaren Einstellungen und schädlichem Verhalten. Das beschränkt sich hier symbolisch auf Mobbing, boshaft motivierte Lügen und das leichtfertige Ignorieren von Fakten – das genügt allerdings völlig, um den Punkt rüberzubringen und das Toleranz-Paradoxon problemlos zu knacken.

Anders als in Tohuwabohu total! zügeln Börgerding und Buck ihre tagesaktuellen Verweise, wenn sie die Wurzeln der behandelten Probleme anpacken. Ein paar gut platzierte Seitenhiebe konnten sie sich trotzdem nicht verkneifen. Beispielsweise löst der leichtsinnige Sensationsjournalismus von Radio Flamingo eine Massenpanik aus, die wiederum zu überhasteten Hamsterkäufen führt (Zitat: "Wieso eigentlich immer Klopapier? Es ist doch genug für alle da!") – weder den Vernunftsverweigernden noch Funky Fröhlichs Integritätsarmut gesteht Buck inszenatorisch Sympathie zu. Geschweige denn der immergleichen Echokammer aus engstirnigen Erwartungen und Fehlinformationen, die Funky und ihr Publikum gemeinsam aufbauen. Anderer Input tät ihnen gut...

Zumeist gerät die Abgrenzung zu Fehlverhalten zeitloser, frei von Tagespolitik. Etwa wenn in einer Rückblende jemand für seinen Mut, einfach zu sich zu stehen und zu tun, was ihn erfüllt, fertig gemacht wird. Das filmt Buck in Einfach anders deutlich beiläufiger, "kleiner" und harmloser als das Mobbing in Mädchen gegen Jungs, geschweige denn die dramatischen Elemente in Tohuwabohu total!, und doch wirkt es nicht unbedeutend oder gar weichgespült: Die Erwachsenen im Cast spielen jegliches Überschreiten der Falkenstein-Benimmgrenzen (wo das, was bei uns leider Alltag ist, schon Anlass für jahrzehntelang eingefädelte Komplotte ausreicht), so, dass es ein sanft-amüsiert gerauntes "Oh, das ist wirklich der Grund dafür?!" gestattet, bevor die schwerere Emotion dahinter Überhand gewinnt.

Krömer etwa ist ein herrlich amüsanter, sich selbst genießender, dick auftragender Widersacher, doch wenn er traurig dreinblickt, rührt dies aller zuvor zur Schau gestellten Exzentrik und gemessen an den vorherigen Bibi & Tina-Filmen läppischen Motiven zum Trotz. Ähnliches gilt für Stockhaus, dessen nachdenklichen, geknickten Blicke ins Leere zwischen den großen Paraden an spaßiger Affektiertheit deutlich mehr aussagen, als man angesichts der Kinderhörspiellogik seines Handlungsfaden vermuten dürfte.

Wenn das Drehbuch dann im letzten Viertel kurzzeitig den süffisant-spritzigen Duktus pausiert, damit sich Figuren ironiebefreit auf Augenhöhe austauschen, Dagobert kurz zum Erzähler wird, und sogar ein Hauch von Shakespeare durch den Stall weht, um ebenso kompakt wie prägnant das zuvor Unausgesprochene aus dem Weg zu schaffen, wird klar: Buck und Börgerding vermochten es, ernste, echte Probleme in einem Bibi & Tina-Kosmos zu verarbeiten. Aber genauso gelingt es ihnen, sperrige Ärgernisse ins Falkenstein-Vokabular zu übersetzen, kleinzuschrumpfen und wegzukuscheln, ohne sie damit zu verharmlosen. 

"Wie Zukunft uns verändern kann … Nur ein Moment und nichts ist, wie es war."

In Terence Malicks Tree of Life schweift der zugleich als Hauptfigur dienende Erzähler in seiner Sinnsuche ab und kehrt zurück zum Beginn allen Seins, womit er die seelischen Narben, die er durch seine unglückliche Kindheit davongetragen hat, in Relation mit der Geschichte des Universums setzt. Ohne suggerieren zu wollen, dass Bibi & Tina – Einfach anders in seiner Gesamtheit schlussendlich "Tree of Life – Familien-Edition" darstellt, darf festgehalten werden, dass Börgerding und Buck etwas ähnliches vollziehen, wenn sie ihre kleine, reiterhofzentrierte Selbstfindungs- und Akzeptanzgeschichte um ein außerirdisches Element ergänzen.

Der Film eröffnet mit kunterbunten, farbgesättigten Weltallbildern, durch die ein Alien mit seinem Raumschiff gleitet, bevor wir Bibi und Tina erblicken, die staunend den Nachthimmel beäugen. Sie fragen einander über ihn aus und rätseln über ihren Platz in der endlosen Weite. Nachdem die Handlung(en) des Films ins Rollen gekommen sind und die besten Freundinnen förmlich überrollt haben, wenden sie erneut, zunächst erschöpft, ihren Blick gen Himmel, ehe sie sich singend gegenseitig anspornen, wieder ihre frohe Neugier auszuleben (und dem Film eine seiner schrulligsten Passagen zu verleihen). Sie wundern sich in Liedform, ob es andere Welten gibt, "und wer sich außer uns Gedanken macht". In den Köpfen der Pferdemädchen kreisen Gedanken, die weit über ihre persönlichen Sorgen hinausgehen, klingen halblaut zwischen den von Außerirdischen fabulierenden Zeilen wie "Sind sie besorgt?" und "Haben sie ‘ne Idee, wie es weitergeht?" doch globale Zukunftsängste an.

Während Bibi und Tina angesichts des sie direkt betreffenden Rummels auf dem Martinshof ihren Kopf wieder aus den Wolken und weltweiten Krisen nehmen, steckt Spooky gedanklich dort fest. Sie sucht den Sinn dort draußen, opfert jegliche Aussicht auf entspannende Ferien auf dem idyllisch-harmonischen Martinshof der Suche nach, Erforschung von und Spekulation über extraterrestrisches Leben. Obwohl sie früh erahnt, dass Freddy sich in sie verschossen hat, und dies auch erwidert (immerhin bezeichnet sie sich erfreut als seine "Gefährtin"), braucht es lange, bis sie den Aussichten einer ganz und gar bodenständigen Liebesgeschichte ernstlich Aufmerksamkeit schenkt.

Pauletta Pollmann spielt die abgedreht gekleidete Spooky mit einer faszinierenden Verschrobenheit: Eloquent, aber kindlich näselnd, streng fokussiert in ihren Zielen, jedoch mit schweifendem Blick, changiert Spooky zwischen kindlicher Unbedarftheit und verkopftem Nerdtum. Allzu schnell will man sie aufgrund solcher Formulierungen wie "Nicht ich hab mir den Namen ausgesucht, der Name hat mich ausgesucht" oder ihrer Alienobsession in die Querdenker-Ecke stellen, allerdings entkräftet sie dergleichen konsequent durch Belesenheit, Begeisterung für wissenschaftliche Fakten und das kritische Hinterfragen der örtlichen Massenhysterie.

Somit wird Spooky, obwohl sie für das Voranschreiten der diversen Handlungsfäden weniger verantwortlich ist als der saukomisch-alberne V. Arscher und die emotional komplexe Disturber, zum Scharnier zwischen zwei entscheidenden Konzepten dieses Films: Sie steht für die erschlagene Fragestellung "Wer sind wir? Woher kommen wir? Sind wir allein?" und die allzu schnell daraus resultierende, fälschliche Mutmaßung, dass individuelles Unbehagen doch im Gesamtbild belanglos sei. Gleichzeitig wird Spooky in den wiederkehrenden Themenkomplex der Selbstakzeptanz und des gegenseitigen Hinnehmens, wie man ist, eingewoben  – und darf sogar die Initiative bei der pointierten, finalen Begegnung des Films übernehmen. Selbstredend frei von Vorverurteilung.

So abgespaced Bibi & Tina – Einfach anders inhaltlich sein kann, ist die große Erdung in seiner Erzähltemperatur und Bildsprache nicht nur eine Möglichkeit zur Abgrenzung von den vier Filmen mit der früheren Besetzung, sowie ein vollauf verinnerlichtes Vorleben seiner Botschaft. Sie gestattet Buck zudem, eine andere Facette seines filmemacherischen Seins auszuleben und somit zweimal authentisch, doch grundverschieden Bibi & Tina seinen Stempel aufzudrücken.

Nach den vier Filmen, die das überdrehte, stolz-feist Dinge ausprobierende Wesen des Rubbeldiekatz- und Asphaltgorillas-Regisseurs zum Ausdruck brachten, steht in Einfach anders die in sich ruhend-urgemütliche "Ja, das is' halt so, guck nich' so verdattert!"-Charakteristik Bucks hinter der Kamera. Während dabei sein Gespür für Ironie etwas seltener durchschimmert, glänzt nun umso mehr sein aus Filmen wie Erst die Arbeit und dann? und Karniggels bekanntes Händchen für Lakonie. 

Ebenso selbstverständlich wie schillernd führt ausgerechnet eine Kartoffelernte-Passage in Einfach anders vor, wie mühelos Buck zwischen Wesenszügen wechselt – womit er als Regisseur die "Du kannst mehreres gleichzeitig sein, und trotzdem 100% du"-Erkenntnis vormacht, die beispielsweise die Rebellin Disturber verinnerlichen muss, um zu erkennen, dass sie sich nicht verrät, wenn sie Freundschaften knüpft: Erst fängt er mit liebevollem Blick für's Detail die banal-simple, urige Form der Kartoffelernte mit Pferd und Pflug ein. Dann lässt er den entadelten Grafen mit breitem Grinsen und quirlig-sprudelnder Stimme ein Loblied auf die Mannigfaltigkeit der Kartoffel singen, womit Falko durchblicken lässt, dass er die langweilige Normkartoffel bedauert und jede Eigenheiten aufweisende Knolle beneidet. Eine inhaltlich schräge Nummer, die Buck zeigt, als sei sie Alltag auf den Feldern Falkensteins, ohne ihr dabei den Witz zu rauben.

Dieser Ansatz, ein quirliges Wesen geerdet zu vermitteln, setzt sich in der Darstellung der Titelheldinnen fort: Hirschberg und Herbig-Matten haben ihre Rollen nun noch stärker verinnerlicht als in der Bibi & Tina-Realserie. Sie spielen im Kinofilm mit weniger Campiness als ihre Vorgängerinnen, und legen sie mit weniger pubertärer Launenhaftigkeit an – ganz so, wie es zu Skript und Regieführung passt. Trotzdem geben Hirschberg und Herbig-Matten Bibi und Tina unbeirrt eine für diese Figuren nahezu unerlässliche Fröhlichkeit und Unbeschwertheit mit, die je nach Situation Facetten dazugewinnt, die ins Freche, Trotzige oder Mitfühlende tendieren. Kuschelwelt-Cartoonfiguren, ins Reale übertragen – eine diffizile schauspielerische Aufgabe, die hier wirkt wie das Leichteste auf der Welt.

Von diesen gewitzt-sympathischen Figuren geschultert, ist Bibi & Tina – Einfach anders eine wundervolle Kinozeit. Trotz seiner klaren Haltung ist er zu keinem Zeitpunkt didaktisch. Er mag auf wunderbare Weise die Werte der Vielfalt, des Zusammenhalts und der Authentizität vorleben, allerdings versprüht er in erster Linie eine einladende, unaufgeregte Atmosphäre: Einfach anders ist der filmgewordene Entspannungsurlaub auf einem kauzigen Reiterhof, auf dem es trotz aller Heile-Welt-Kuschelmentalität dank der einzigartigen Charakterköpfe, die sich dort tummeln, niemals langweilig wird. Einfach anders: Einfach schön.

Bibi & Tina – Einfach anders ist in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Samstag, 16. Juli 2022

Men

Harper (Jessie Buckley) braucht dringend eine Auszeit. Ihre Heimatstadt London erinnert sie zu deutlich an das Grauen, das sie kürzlich durchgemacht hat. Also mietet sie sich ein luxuriöses Cottage in der Provinz, um Abstand zu gewinnen. Aber nicht nur, dass Harper weiterhin an die vergangenen Schrecken zuhause erinnert wird. Ihre Lage verschlechtert sich drastisch: Ihr Vermieter Geoffrey (Rory Kinnear) ist unangenehm, ein nackter Wanderer verfolgt sie, ein Geistlicher macht ihr ein schlechtes Gewissen, ein vorlauter Bube beschimpft sie, und die Polizei nimmt ihre Sorgen nicht für voll. Aus einem Dauerfeuer der Unangenehmlichkeiten wird bald ein Strudel des Elends...

Nach dem ebenso spannenden wie feinfühligen Ex_Machina und dem fesselnden, niederschmetternden, komplexen Auslöschung steht für Alex Garland nun Men an. Die Kernaussage steckt bereits im Titel. Die Wurzel allen Übels im Leben Harpers (und nicht nur ihr) ist männlicher Natur. Kein weiterer Interpretationsspielraum vorhanden. Die Kunst in Men ist nicht, wie filigran Garland vorgeht, und wie genau man hinschauen muss, um seine Aussage begreifen zu können. Sondern mit welch voller Wucht er sie vermittelt, ohne dabei monoton zu werden.

Großen Anteil daran, dass Men uns mit Garlands Vorgehensweise nicht von Sekunde eins an erschlägt, sondern auch Spannung erzeugt, indem wir mit Harper mitfiebern, hat ihre Darstellerin: Jessie Buckley, die vor zwei Jahren noch durch Charlie Kaufmans surreal-dramatisches Grauen I'm Thinking Of Ending Things geisterte, stapft nun in einem schneidigen Übergangswettermantel durch Alex Garlands Provinz-Folk-Horror, der ebenfalls surreale Elemente aufweist, sie aber "uriger" ausspielt als Kaufman, der nicht ein unwohles Bauchgefühl erreichen will, sondern den Intellekt zum kreisen bringt.

Buckley gelingt es konsequenterweise, ihre zwei von ihrem Umfeld genervten bis verstörten, emotional mitgenommenen Protagonistinnen individuell zu gestalten. Harper ist erschöpft, wiederholt aus nachvollziehbaren Gründen genervt, aber auch verbissen willens, ihren Urlaub zu genießen, weshalb sie mehrmals versucht, die vorherigen Ereignisse abzuhaken. Es dauert, bis sie Angst zulässt - und die weicht rasch einem Angeekeltsein, bevor Harper einfach nur noch dezent verdattert hinnimmt, Teil dieser Welt zu sein, die es allem Anschein nach auf sie abgesehen hat.

Dadurch, wie Buckley Harpers Reaktionen variiert, bleibt Men bis zum letzten Viertel dynamisch erzählt. Dann wechselt Garland Tonalität und Intensität. Ein Silberstreif an Harpers Horizont ist zuvor die bildhübsch fotografierte, abgeschiedene englische Provinz mit pittoresken Straßenzügen und saftigem Grün, dem Kameramann Rob Hardy eine einladende Unberührtheit zu verleihen versteht, ehe die schaurige Aura durchschimmert und letztlich Überhand gewinnt.

Dass Harper von Erinnerungen an einen sie emotional auslaugenden Mann geplagt wird, moderne wie uralte gesellschaftliche Strukturen ihr das Sicherheitsnetz nehmen, und Garland durch Folk-Horror-Elemente auch die personifizierte Natur auf seine Protagonistin hetzt, wirkt vielleicht zunächst wie ein wahlloser Generalumschlag. Und die Frage drängt sich auf "Was soll das der Diskussion um toxische Maskulinität noch hinzufügen?" Aber genau das ist der springende Punkt, wie gen Schluss klar wird! 

Wir haben bereits unzählige Filme, die mit ihrer Darstellung des Patriarchats Angst, Kummer und Wut erzeugen. Aber nur sehr, sehr wenige Filme lassen uns wie Harper in Men mit einem erschöpften Gesicht auf den grotesken, widerlichen Reigen blicken, den selbstgefällige Männer aufführen, womit sie ihren Menschenschlag am Leben erhalten.

Men macht Ermattung greifbar. Zeigt auf, wieso sich so viele Frauen haben ermüden lassen, weswegen sie einfach nur noch abgestumpft alles aussitzen, statt für sich einzustehen. Das ist nicht gerade der Thrill, den man von einem Horrorfilm erwarten würde. Sondern ein ganz anderes, länger im Kopf bleibendes Gefühl des Unwohlseins.

Men ist ab dem 21. Juli 2022 im Kino zu sehen.

Montag, 11. Juli 2022

Z-O-M-B-I-E-S 3


2018 strahlte der Disney Channel mit der Musicalkomödie Z-O-M-B-I-E-S einen Film aus, der mein Herz im Sturm erobert hat. In einem Farbschema irgendwo zwischen Pastell-Postkartenmotiv und Kaugummi-Verpackung gehalten und mit einer inszenatorischen Energie versehen, die einem Zucker-und-Koffeinschock gleicht, erzählt der Disney Channel Original Movie von der unmöglichen, gesellschaftlich verpönten Liebe zwischen einem menschlichen Cheerleader-Mädchen und einem von einer Football-Karriere träumenden Zombie-Jungen. Absurd, schrill, energiegeladen und superdeutlich in seiner Botschaft ist Z-O-M-B-I-E-S das uneheliche Kind zwischen der campigen Unschuld der High School Musical-Trilogie und dem feistem Fantasy-Camp der Descendants-Reihe. Herrlich.

2020 wurde der Film fortgeführt. Noch lauter. Noch bunter. Noch durchgedrehter. Und erstmals in der Geschichte des Disney Channels mit anamorphem Objektiv im kinoreifen Bildformat 2.39:1 gedreht. Z-O-M-B-I-E-S 2 wurde, wie schon sein Vorgänger, zu einem meiner liebsten Filme seines Jahrgangs. Meine Erwartungen auf Teil drei waren entsprechend hoch.

Hinsichtlich der Ambitionen zielt Z-O-M-B-I-E-S 3 nach oben. Es ist der Film mit dem höchsten Budget innerhalb der Reihe, mit gerüchteweise 20 Millionen Dollar im Rücken, und das sieht man ihm auch zu großen Teilen an. Weiträumigere Schauplätze. Mehr Schauplätze. Die Figuren machen viel mehr Make-up-Veränderungen und Kostümwechsel durch. Es gibt viel mehr Figuren, Punkt. Und Mensch, haut Regisseur Paul Hoen mit (gewollt) knallig-quietschigen Special Effects um sich!

Kein Wunder, dass Z-O-M-B-I-E-S 3 einen auf High School Musical 3: Senior Year macht und die Filmreihe in ein anderes Medium transportiert: Nach jeweils zwei TV-Premieren geht es dieses Mal nicht rüber ins Kino, sondern zu Disney+ (selbst wenn Z-O-M-B-I-E-S 3 weiterhin als Disney Channel Original Movie gelistet wird). Doch qualitativ geht Z-O-M-B-I-E-S 3 für mich leider nicht diesen Weg der Steigerung...

Alien-Invasion
Für Addison (Meg Donnelly) und Zed (Milo Manheim) stehen große Änderungen bevor: Ihr letztes Schuljahr endet bald, und sollte Zed das heiß ersehnte Sport-Stipendium erhalten, so kann er seiner Freundin auf's College folgen — und für alle Nicht-Menschen die Türen zur höheren Bildung aufsprengen. Doch der erhoffte, geordnete Abschied aus Seabrook gestaltet sich für das Grenzen überschreitende Traumpaar plötzlich viel chaotischer als gedacht. Denn die Ankunft von blauhaarigen Aliens stürzt das Städtchen in eine neuen Welle der Intoleranz: Menschen, Zombies und Werwölfe reiben sich gleichermaßen an der Ankunft dieser Neulinge. Nur die weiterhin ihre Identität hinterfragende Addison reagiert offenherzig...

Seabrook lernt einfach nicht dazu. Erst stören sich die Menschen an Zombies, die aus dem Ghetto rauswollen, dann ärgern sich Menschen und Zombies gleichermaßen über die Ankunft von Werwölfen, die in Wahrheit zuerst dieses Land besiedelt haben, dann jedoch von den Menschen in Reservate gescheucht wurden. Und jetzt raufen sich Menschen, Zombies und Werwölfe die Haare, weil Aliens in Seabrook aufschlagen. Das ist wenig originell, hat aber eine löbliche Methode, denn nicht nur Seabrook muss andauernd dazulernen...

Doch in der Umsetzung holpert diese Methode. Die Drehbuchautoren David Light & Joseph Raso predigen mit den Aliens erneut Toleranz, Verständnis und den Willen, sich in die Schuhe seines Gegenübers zu versetzen. Aber der Irrsinn ist futsch, dass Seabrook zugleich mit Hingabe und Irreverenz endlich die Augen über ein realweltlich überdeutlich gemeintes Pendant geöffnet bekommt. Es ist dieses Mal ein "Ja, hier, deutet es, wie ihr wollt, passt schon"-Rundumschlag. 

Vor allem aber gerät der "Wir führen schon wieder neue Figuren ein!"-Ansatz ins Holpern, weil sich die Filmschaffenden in der Umsetzung dabei übernehmen, all ihren Figuren gerecht zu werden.

Zu viel des Guten, zu wenig des Irren
Die Aliens platzen förmlich in Zeds und Addisons Vorstellungen dessen, wie ihr Schulabgang verlaufen wird, woraufhin sämtliche Storyentwicklungen massiv ausgebremst werden. Obwohl bereits zahlreiche Wege eingeschlagen wurden, hechten Light und Raso erst im letzten Drittel eilig durch die Charakterentwicklungen und Handlungsbögen.

Das bedeutet: Bei Z-O-M-B-I-E-S 3 drehen die Reifen auf der Stelle, bis es qualmt, und dann knallt der Film im Abschlussakt durch Konflikte, Herzschmerz, Freude, Enthüllungen und Irrwitz, um irgendwie die Story abzurunden. Ganz ohne Gefühl dafür, die ehrlichen Momente so atmen zu lassen, dass es den Figuren emotional gerecht wird, und nur mit einem Bruchteil der Spaßigkeit, die diese Reihe als Camp-Fest so genüsslich macht. Eine Reduzierung der Figuren, oder eine längere Laufzeit, hätte dem Film gut getan. Oder schlicht eine bessere Verteilung der großen Storymomente, denn während sich in der ersten Hälfte kaum etwas tut, aber der Dialogwitz, die Situationskomik und die herrlich-stolze Absurdität der Vorgänger wenigstens ansatzweise erreicht werden, überstürzen sich in der zweiten Hälfte zunehmend die Ereignisse, doch der Entertainment-Faktor bleibt auf der Strecke.

Dessen ungeachtet gelingt es Light & Raso durchaus, ihre Welt und ihre Figuren konsequent weiterzuspinnen und dabei eine hübsche Balance aus unerwarteten Wendungen und "Es kommt, wie es kommen musste" zu finden. Die Ideen sind da, aber sie hätten nochmal schön durchgeknetet werden müssen, bevor der Teig im Ofen landete. Oder so in der Art, wer wäre ich, in einer Kritik zu Z-O-M-B-I-E-S 3 meine Metaphern konsequent durchzudenken?

Hoen kann seine inszenatorische Irreverenz trotz Höher-schneller-weiter-Mentalität und Alien-Zusatz nicht erneut steigern, kreiert aber ein paar hübsch-quirlige Randmomente — Seabrook-High-Maskottchen Shrimpy ist ein echter Szenendieb! Und wenn Zed und Addison mit jugendlichem "Uns gehört die Welt"-Leichtsinn froh durch zig Gefahrensituationen tänzeln, komme ich nicht umher, hoch amüsiert und mit anerkennendem Grinsen im Gesicht mit der Zunge zu schnalzen.

Trotzdem wird der Film gen Schluss inszenatorisch bleiern. Wirklich paradox: Erst dreht der Film bildlich und klanglich frei, aber es passiert wenig. Dann überschlägt sich der Inhalt, aber der audiovisuellen Komponente geht die Puste aus. Das große, feierliche Finale mit Rückgriffen auf frühere Highlightszenen wirkt sogar absonderlich beengt in Szene gesetzt. Schade, denn die Szene hätte bei mir als Fan der Vorgänger allein schon aufgrund ihres Konzepts voll einschlagen müssen, statt mir nur ein sanftes Strahlen abzuringen.

Musik, Vielfalt und ein Fazit
An den einmal mehr eingängigen, positiv-verrückten Songs (mit immer größer werdenden Elektro-Einflüssen) können meine Kritikpunkte aber nicht rütteln. Ebenso wenig am Cast: Meg Donnelly und Milo Manheim sind geradezu mit ihren Figuren verschmolzen und glühen vor Spielfreude und Charisma, insbesondere, wenn sie die absurden tonalen Turnübungen meistern dürfen, die dieser Film von ihnen abverlangt. In Sekundenschnelle switchen sie zwischen ironischer Distanz, kindlicher Naivität, Campiness-Gravitas und herzlich-ehrlicher Amüsiertheit, und dennoch wirken ihre Figuren kohärent, nicht etwa wie Fähnchen im Wind.

Auch der altbewährte Neben-Cast scheint sich, dem Mangel an prägnanten Momenten, weiterhin wohl in seinen Rollen zu fühlen und hilft dabei, Z-O-M-B-I-E-S 3 durchweg in seiner eigenen, wirr-irren Welt zu verankern, Pacing-Probleme hin oder her. Unter den Alien-Neuzugängen wiederum bekommt High School Musical: Das Musical: Die Serie-Alumni Matt Cornett fast gar nichts von Belang zu tun, obwohl er einen beachtlichen Anteil der Laufzeit einnimmt, womit wir wieder beim "Zu viele Figuren, die irgendwie da sein müssen, aber nicht zur Geltung kommen"-Problem wären. 

Kyra Tantao als A-Li, die auf der Erde ihre aufbrausende und ungeduldige Seite an sich entdeckt, und Terry Hu als A-Spen, die erste nicht-binäre Figur in einem Disney Channel Original Movie, dürfen dem Film derweil etwas stärker ihre Stempel aufdrücken. Wie bei A-Spen Begeisterungsfähigkeit und Begriffsstutzigkeit gewaltig aufeinanderprallen, und Hu dabei ein stets zuvorkommendes, fast schon entschuldigendes Lächeln aufsetzt, hat bei mir für die größten Lacher abseits Shrimpy, Zed und Addison gesorgt.

Somit kommen wir zu meinem ernüchterten, dennoch versöhnlichen Fazit: Z-O-M-B-I-E-S 3 ist weder der Film, den ich wollte, noch der, den ich erhofft habe. Und selbst wenn er mit seinem Glitzer, seinen grellen Effekten und seiner schieren, fast aus den Nähten eines Disney Channel Original Movie platzenden Größe definitiv für viel Razzle Dazzle sorgt. So sorge ich mich, dass der Film aufgrund seiner Struktur, dem gedrosselten Witz und dem überhasteten Jonglieren mit all seinen vielen Figuren, schneller verblassen wird als seine Vorgänger. 

Und doch ist es ein lauter, schriller, stolzer, lieber, gesund-beknackter Film, der sich redlich abrackert, seine Vorgänger mit einem großen Finale zu feiern. Kurzweil ist gegeben, und ich kann Light, Raso und Hoen einfach nicht böse für diesen tolldreisten Versuch sein, sich zu übertreffen. Ein Mundwinkel hängt betrübt runter, weil die Drei sich übernehmen. Aber der andere schmunzelt.

Z-O-M-B-I-E-S 3 ist ab dem 15. Juli 2022 auf Disney+ zu sehen.

Mittwoch, 29. Juni 2022

Die Erlösung der Fanny Lye

©Alamode Film

Was lange währt, hat endlich Beachtung verdient: „Die Erlösung der Fanny Lye“ feierte seine Weltpremiere im Oktober 2019 und lief im Herbst 2020 in Deutschlad auf dem Fantasy Filmfest. Im Frühjahr 2021, wurd dem britischen Film, der Spätwestern-Erzählweise, enorme Gewaltspitzen und Historiendrama vereint, endlich eine reguläre deutsche Heimkino-Auswertung gegönnt. Und jetzt erhält er eine weitere Chance auf Aufmerksamkeit

arte zeigt das Historien-Thrillerdrama mit Freddie Fox (Paul W.S. Andersons Die drei Musketiere), Sex Education-Starlet Tanya Reynolds, Die Entdeckung der Unendlichkeit-Nebendarstellerin Maxine Peake und Game of Thrones-Veteran Charles Dance heute ab 23.10 Uhr, außerdem wird es in der Mediathek zu finden sein. Weshalb „Die Erlösung der Fanny Lye“ sehenswert ist, und weshalb ich fürchtn, dass dieses Kleinod dennoch viele Filmfans enttäuschen könnte, verraten ich euch in den folgenden Zeilen…

Risse im Puritanismus

Wir schreiben das Jahr 1657: Der dritte englische Bürgerkrieg liegt nun schon einige Jahre zurück. Das kurze Aufbegehren der frühdemokratischen Bewegung der Levellers ist weitestgehend ein Ding der Vergangenheit. Jene, die weiterhin für eine demokratische, freie Gesellschaft, eine Öffnung der Religion und diee Gleichstellung der Stände und Gender vor dem Gesetz kämpfen, werden gemeinhin als gefährliche Verführer und verabscheuungswürdige Sünder betrachtet… Eines Tages schlagen der charismatische Thomas (Freddie Fox) und seine Begleiterin Rebecca (Tanya Reynolds) auf dem Bauernhof des früheren Soldaten John (Charles Dance) auf. Da John, sein Sohn Arthur (Zak Adams) und seine Gattin Fanny Lye (Maxine Peake) in puritanischer Strenge leben, sind sie höchst misstrauisch gegenüber den zwei Fremden, die unbekleidet angekommen sind. Sie erklären, dass sie überfallen wurden und dringend Hilfe und Unterschlupf benötigten. Während John grantig bleibt und die Fremden mit Argusaugen beobachtet, wird das Weltbild Fanny Lyes auf den Kopf gestellt: 

Thomas betrachtet Rebecca als ihm gleichgestellte Person, statt als seine Untergebene. Und Rebecca vertraut Fanny Lye an, dass sie gar nicht verheiratet sind, und dennoch miteinander schlafen. Fanny Lye ist erschüttert – aber auch fasziniert, weshalb sie zu den Fremden hält. John wiederum erahnt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt – schließlich macht Thomas solchen ungeheuerlichen Blödsinn wie Arthur zum Spielen anzustiften ..!

Spürbare Genreeinflüsse

Es steht zu befürchten, dass Die Erlösung der Fanny Lye es schwer haben wird, sein Publikum zu finden. Das britische Poster weckt mit seiner Bildkomposition und der orangefarbenen Tönung deutliche Western-Konnotationen. Das deutsche Heimkinocover wiederum gibt Horrorkino-Vibes ab – und die FSK-Freigabe ab 18 Jahren sowie die Präsenz des Films auf dem Fantasy Filmfest dürfte diese Assoziation nur untermauern. Doch wer John-Ford-Western-Stimmung oder knallharte, schaurige Unterhaltung erwartet, wird bei Die Erlösung der Fanny Lye enttäuscht über eine ganz andere Tonalität stolpern.

Gewiss: Regisseur und Autor Thomas Clay übernimmt einige Lektionen aus dem Lehrbuch US-amerikanischer Spätwestern und des von Sergio Leone geprägten Italo-Westernkinos, also den Winkeln des Western-Genres, die sich mit drastischen Gewaltspitzen und immenser, erzählerischer Ruhe und Sorgfalt kritisch mit dem Erbe ihrer Vorgänger auseinandersetzen. Komplexe, listige Figuren, sich mit still anschwellender Spannung steigernde Konflikte und eine atmosphärische, spröde Bildsprache – das ist das filmische Erbe, an dem sich Clay bedient.
Trotzdem lässt sich Die Erlösung der Fanny Lye angesichts der Themen und des Settings nur schwerlich als Western vermarkten, und so prägnant und grafisch die Gewaltspitzen im Film sein mögen, so sind sie rare, bewusst drastische Markierungen der entstandenen Gefahr – nicht etwa das definierende Element des Films. In allererster Linie ist Die Erlösung der Fanny Lye ein feministisches Stück Historienkino, das mit seinen hervorragenden Dialogen und einer soghaften, komplizierten Figurendynamik besticht.

Packende Wortgefechte

Thomas Clay lässt nahezu den gesamten Film auf einer kleinen Farm im matschigen, abgeschiedenen Shropshire abspielen. Er und Kameramann Giorgos Arvanitis (Die letzte Mätresse) fangen diese spärlich eingerichtete Heimat der Titelfigur und ihres strengen Gatten in vernebelt-glanzlosen, kalten, doch aufgrund der Bildkomposition trotzdem sehr atmosphärischen Bildern ein – und verharren auf dem famos aufspielenden Cast, der sich in wortgewandten Dialogen misst. Charles Dance gibt eine eindringliche Darbietung als Mann seiner Zeit, der eine ultrastrenge Erziehung verfolgt, seine Frau als Dienerin betrachtet und ein harsches, strafendes Bild von Gott hat.
John ist eine kühle, grantige Präsenz, doch Dance findet nuancierte Wege, dieser antagonistischen Person Leben einzuhauchen: Er genießt sichtbar seine männlichen Privilegien, doch in religiösen Fragen schimmert in seinem Blick auch eine Verletzbarkeit auf, und die mitleidende Sorge, dass die zwei jungen Fremden (basierend auf allem, was ihm sein Leben lang gepredigt wurde) mit ihren radikalen, neuen Ideen wirklich mit dem Feuer spielen.

Tanya Reynolds wiederum begeistert als stille, doch mit großen, glänzenden Augen für die Lehren ihres Begleiters brennende Frau, die durch ihre sensible Art auch deutlich besser zu Fanny Lye durchdringt als der charmante, eloquente, aber auch ungeduldige und forsche Thomas. Dem verleiht Freddie Fox so viele charakterliche Widerhaken, dass zwangsweise Spannung aufkommt: Durch ihn wird Thomas zu einem listigen Propheten der Gleichberechtigung und religiösen Toleranz, der jedoch durch sein lüsternes Selbstbewusstsein und den diebischen Genuss, den er daran hat, Leute um den Finger zu wickeln, so wirkt, als ginge es ihm nicht allein um die Sache.

©Alamode Film

Tolle Leistung von Maxine Peake

Es ist jedoch konsequent Maxine Peake, die den restlichen Cast überschattet: Ihre Darbietung als treue, verschüchterte Hausfrau und Mutter, die unter der Fuchtel ihres Gatten steht und die Werte der Gesellschaft nicht hinterfragt, ist filigran, herzlich und mitreißend. Peake lässt Fanny Lye leise und intensiv mit den neuen Ideen ringen, die Thomas und Rebecca mitbringen – und es geht geradezu unter die Haut, wie diese Frau sich teils zu neuen Horizonten verführen lässt, teils intellektuell überzeugt wird, und sich auch ihre eigenen Gedanken macht.

Das führt zwangsweise zu Konflikten mit ihrem Gatten, aber auch mit Thomas und Rebecca – und dann schwebt über dem Ganzen auch noch das Damoklesschwert der doppelzüngigen, erzkonservativen Rechtsprechung zu jener Zeit … Untermalt wird das Geschehen mit einer von Thomas Clay selbst geschriebenen Musik – weil durch die von Wetterschäden geplagten Produktion kein Geld für einen anderen Komponisten über war. Clay entschied sich für einen Score frei von Subtilität: Jede dramatische Wende wird mit trötenden Hörnern angekündigt und zuweilen artet die Klangfarbe ins Folkrockige aus.

Das mag anachronistisch sein, dass sich aber akustisch mit voller Wucht frischere und feschere Elemente in Die Erlösung der Fanny Lye drängen, passt aber zum Film, in dem Fanny Lye durch Thomas' Worte in ein neues Zeitalter geleitet wird. Und da noch immer nicht sämtliche Probleme, die Fanny Lye durchleidet, aus der Welt geschafft wurden, kann eine klangliche Übertragung des Films ins Heute sowieso nicht schaden…

 

Fazit: Die Erlösung der Fanny Lye ist Historien-Spannungskino, das mit kühler Stimmung und langsam anschwellender Suspense vom quälend-schleichenden Prozess der Aufklärung handelt.

Freitag, 27. Mai 2022

Der schlimmste Mensch der Welt


Das Allgemeine im Spezifischen.

Julie führt kein alltägliches Leben. Sie hat im Bett Vorlieben, die zwar keinesfalls unerhört sind, doch ebenso wenig als geläufiger Kink durchgingen. Ihre Universitätsbiografie ist außergewöhnlich. Sie bandelt mit einem berühmten Comiczeichner an. 

Und doch ist Julie womöglich meine größte Identifikationsfigur des Kinojahres. Und es geht nicht nur mir so. Ganz gleich, mit wem ich mich über das zwölf Kapitel, einen Prolog und einen Epilog umfassende Julie-Porträt Der schlimmste Mensch der Welt unterhalte. Egal welcher Demografie diese Personen angehören, wo sie im Leben stehen, und wie sie dazu stehen, wo sie im Leben stehen. Immer wieder höre ich: "Ich habe das Gefühl, dass dieser Film speziell für mich gemacht wurde."

Das Geheimnis dahinter dürfte sein, dass sich die von Renate Reinsve ebenso liebenswert und nachvollziehbar wie sprunghaft und verärgernd gespielte Julie nicht wie eine am Reißbrett entworfene Identifikationsfigur wirkt. Sondern wie ihre ganz eigene Frau mit ihrem ganz individuellen Kopf, die sich authentisch durch emotionale Stürme bewegt und vor rationalen Wegzweigen verzweifelt. Reinsve spielt dies wie aus dem Leben gegriffen, während Autor Eskil Vogt und Autor/Regisseur Joachim Trier Julies Stationen mal mit semi-dokumentarischer, rein beobachtender Nüchternheit abbilden, mal Julies Innerstes nach außen kehren, amplifizieren und zu Kino-Magie erhöhen. Immer genau dann, wenn sich eine irreale Erzählform und Bildsprache echter anfühlen als es eine wirkliche Skizzierung von Julies Innenleben könnte.

So zeigt uns Der schlimmste Mensch der Welt eine hyperspezifische fiktive Biografie einer Frau, die von den unzähligen Möglichkeiten erschlagen, von den widersprüchlichen Erwartungen an sie erzürnt und von den ungerechterweise verschlossenen Türen in ihrem Leben frustriert ist. Und eben diese hyperspezifische Skizze eines ganz speziellen Lebens ist so greifbar, gewitzt, unverfälscht und bewegend, dass sie wieder allgemeingültig wird. Julies Überlegungen, Gefühle und Probleme sind so wahrhaftig, dass ich mich immer wieder an eigene Lebensstationen erinnert habe. Und sei es aus noch so anders gearteten Gründen:

Hier ging es mir genauso wie Julie, dort habe ich auf einen ähnlichen Satz ganz anders reagiert, und in jene Situation war völlig anders, aber Julies Reaktion gleicht einem Gedanken, den ich mal hatte. Der schlimmste Mensch der Welt und mein Leben wirkten wie aus demselben Baukasten zusammengesetzt, nur zu variierenden Ergebnissen. So unterstreicht der Film die Universalität von Erfahrungen und Befindungen als auch die riesige Bandbreite an Möglichkeiten, die das Leben bereit hält, sowie das, welche Implikationen diese Erkenntnis hat.

Das Spezifische ist allgemeingültig.

Der schlimmste Mensch der Welt ist ab dem 2. Juni 2022 in deutschen Kinos zu sehen.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Top Gun: Maverick

Top Gun hat interessante Loopings hinter sich: Ursprünglich von der Kritik negativ besprochen, aber vom zahlenden Publikum gefeiert, hat sich der von Tony Scott inszenierte Kampfjet-Pilotenfilm mittlerweile Kultklassikerstatus erarbeitet. Neue Generationen an Filmkritiker:innen lassen ihm zumeist die Liebe zukommen, die er 1986 in der Presse nicht erhalten hat. Beim breiten Publikum gibt es wiederum zwei Hauptlager: Entweder genießt man ihn als das, was er ist (und grinst sich ab und zu durch Sequenzen, die arg in 80er/Navy-Kitsch schwimmen). Oder man hat ironischen Spaß an ihm (und ist ab und zu wirklich gefesselt von ihm). 

Ich zähle zu einem Randlager im Top Gun-Diskurs: Obwohl ich eine Schwäche für Jerry-Bruckheimer-Produktionen habe und Regisseur Tony Scott wahrlich vermisse, konnte ich mit Top Gun nie was anfangen. Als Actionfilm reißt er mich nicht mit, als Drama über die beruflichen sowie privaten Dilemmata eines draufgängerischen Kampfpiloten ist er mir viel zu seicht in seiner Charakterzeichnung und/oder den ausgeloteten Themen. Ich finde Top Gun nicht grottig, denn oft genug kommt in Einzelszenen der Esprit bei mir an, auf den Scott es abgesehen hat. Man könnte meine Reaktion auf Top Gun wohl am besten mit einem Schulterzucken beschreiben, begleitet von einem energischen Kopfschütteln mit sanftem Lächeln.

Daher war ich hinsichtlich der Erwartungshaltung an Top Gun: Maverick in einem Camp, das meiner Vermutung nach winzig klein sein dürfte: Als angekündigt wurde, dass Joseph Kosinski (Tron: Legacy, Oblivion, No Way Out) Regie führen soll, raunte ich: "Schön, dass er wieder was zu tun hat. Aber dafür ist er doch viel zu schade!"

Wen ich jetzt schon verloren habe (ich könnte es nicht verübeln, es gäbe Filme, bei denen ich keine drei negative Absätze schlucken würde), dürfte zur Kernzielgruppe von Top Gun: Maverick zählen. Denn von allen "Legacyquels", die strukturell und thematisch beliebte Filme erneut mit Teilen des alten Casts aufkochen, aber als Fortsetzung dienen, die eine neue Generation einführt, ist dies das Originalgetreuste. Mehr als Star Wars: Das Erwachen der Macht. Mehr als Scream (5), aber ohne dies derart auf narrativer oder thematischer Ebene zu begründen wie das bitterbös-gewiefte Slasher-Legacyquel. Top Gun: Maverick sagt sich "Ihr mögt Top Gun? Ihr bekommt Top Gun mit allen Wiederholungen, die man sich vorstellen kann, und genug inhaltlicher Fortführung, um sich den Weg zu etwas Modernisierung und weiterem Fanservice zu bahnen!"

Die hauchdünne stilistische Begründung, die ich Top Gun: Maverick dafür in den Mund legen kann, ist dass sich Tom Cruises Figur Pete „Maverick“ Mitchell seit dem Ende des Vorläufers kaum verändert hat (mental, karrieretechnisch, körperlich), und der Film dieses Verharren durch die vielen, vielen Wiederholungen unterstreicht. Doch egal, ob das Intention oder wohlmeinende Interpretation von mir ist: Es sind nur Spurenelemente. Ähnliches gilt für das metafiktional durchschimmernde Element des "Vielleicht wird es sowas irgendwann nicht mehr geben, doch noch gibt's das!":

Die Titelfigur wird als Relikt bezeichnet, das sein Ding unbeirrt durchzieht - und das lässt sich sowohl auf Superstar Tom Cruise übertragen als auch auf Produzent Jerry Bruckheimer, der einst König des Popcornkinos war und jetzt eher zum alten Eisen gezählt wird. Vor allem aber ist es eine Art Selbstbeweihräucherung dieses Films: "Top Gun ist als Film nicht Schnee von gestern, und daher darf, soll, ja sogar muss dieses Sequel nun über die Leinwand düsen!"

Nicht, dass man Top Gun lieben muss, um Top Gun: Maverick mögen zu können. David Ehrlich hält wenig vom Original und ist nahezu begeistert von Teil zwei. Und auch ich finde die Fortsetzung viel besser als den Vorgänger. 

Für mich funktioniert Top Gun: Maverick praktisch als Verbesserung von Top Gun. Als wäre Tony Scotts Kultfilm von 1986 die Rohfassung, und dieser Film die 36 Jahre später nachgereichte, überarbeitete, überzeugt eingereichte Finalfassung. Die Story ist noch immer kein großer Wurf, aber Mavericks Hadern zwischen Verantwortungsbewusstsein und Teufelskerldasein wird ausgereifter erzählt und von Cruise packender gespielt als Mavericks Dilemma im Original.

Und auch wenn Top Gun: Maverick immer noch große Herzchenaugen beim Anblick der ganzen Militärmaschinerie entwickelt, geht ihm der kitschige Navy-Werbeclip-Enthusiasmus ab, was zugleich die Schlagzahl an unfreiwillig selbstparodistischen Sequenzen drosselt. Im Gegenzug gibt es Actionszenen, die mich deutlich mehr mitreißen als im Original: Spektakuläre, reale Stunts, weitestgehend nahtlose Digitaltricks und eine aufregende Erzählweise sorgen in der zweiten Filmhälfte für einen ordentlichen Adrenalinrausch.

Kosinski erwies sich als tolle Wahl für diesen Stoff: Seine distanzierte Inszenierung verlegt den Schwerpunkt vom "Hurra, militärische Kameradschaft und patriotisches Heldendasein"-Duktus zu einem mit stockendem Atem erfolgten Beobachten der bildschönen Landschaften, der von Jennifer Connelly geleiteten Pilotenbar, und vor allem der faszinierend akkurat eingefädelten Flugmanöver.

Der Score von Hans Zimmer und Top Gun-Komponist Harold Faltermeyer, der zudem Lady Gagas Abspannsong immer wieder thematisch einwebt, fühlt sich enorm nach 1980ern an und bedient sich intensiv beim ersten Teil, ist aber im Arrangement und der kräftig-dynamischen Abmischung im Heute angekommen. Das tröstet mich bei einem Film dieser Art größtenteils darüber hinweg, wie egal die meisten Figuren sind, auch wenn es wirklich nicht geschadet hätte, Mavericks Schützlingen mehr Profil zu verleihen.

Dafür gibt es eine großartige Szene mit Val Kilmer, der nach seiner Krebserkankung nun eine würdevolle Ehrenrunde machen darf, und ein finales Drittel, das zwar jegliche potentielle Dramatik aufgibt, aber endlich all den temporeichen Popcornspaß-Actionritt bietet, den ich bei der Kombi "Bruckheimer-Produktion und Kampfjets" schon vom Original erwartet hatte.

Wer auch nur einen Hauch Interesse an Top Gun: Maverick hat, sollte ihn aufgrund seiner audiovisuellen Kraft im Kino schauen. Wer hadert, aber die Mission: Impossible-Filme mag, bekommt eine Art Wegzehrung geboten. Und ich freue mich einfach für Kosinski, dass er diesen von der Kritik geachteten, visuell eindrucksvollen Film in seiner Vita stehen hat. Möge es ihn näher an eine Position bringen, stets nur das zu tun, worauf er Bock hat!

Top Gun: Maverick ist ab dem 26. Mai 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Doctor Strange in the Multiverse of Madness



Sinister- und Erlöse uns von dem Bösen-Regisseur Scott Derrickson erklärt im Audiokommentar zu Doctor Strange einen der Schlüsselkonflikte seines Marvel-Cinematic-Universe-Films: Wut ist seiner Ansicht nach eine Maske, hinter der sich zumeist Angst verbirgt. Und Angst generiere sich laut Derrickson zumeist aus Verlust.

Im Januar 2020 wurde bekannt, dass der Doctor Strange-Macher entgegen anfänglicher Pläne das Sequel Doctor Strange in the Multiverse of Madness nicht inszenieren wird. Dennoch nimmt die Fortsetzung seine Schlussfolgerung "Wut ist maskierte Angst, Angst entsteht durch (erlittenen oder erwarteten) Verlust" und steigert sie massiv. Daher auch der zweideutige Filmtitel: Viel zu einfach ist man dazu verleitet, ihn einzig als "Doctor Strange im Multiversum der Merkwürdigkeit" zu verstehen. Schließlich gab bereits Stephen Stranges kurzer Multiversumtrip im ersten Doctor Strange einen bizarren Vorgeschmack auf die multiversalen Möglichkeiten.

Jedoch wird mit "Madness" nicht bloß "grotesk", "eigenartig" und "schrullig" konnotiert. "Madness" bedeutet abhängig vom Kontext auch "Tobsucht". Drehbuchautor Michael Waldron (Loki, Rick & Morty) und der Derricksons Platz einnehmende Tanz der Teufel-, Spider-Man- und Drag Me to Hell-Regisseur Sam Raimi leben eben diese diffuse Bedeutung des Filmtitels mit glühendem Eifer aus.

Denn der nunmehr 28. (!) Marvel-Cinematic-Universe-Film steckt nicht nur voller konfuser Anblicke und skurriler Späße. Seine Antriebsfeder ist nämlich Zorn, der Angst kaschieren soll, wodurch Doctor Strange in the Multiverse of Madness zu einem Big-Budget-Genrevertreter des "Spielkind-Horrors" wird: Sam Raimi haut wie ihm Wahn mit aus der Wut diverser Figuren motivierten, finsteren Designs, morbiden Ereignissen und schaurigen inszenatorischen Kniffen um sich, sowie mit deformierten Wesen, die das verkümmerte Innere ins Äußere verkehren.

Wie es seine markante Art ist, dient Raimi nicht etwa als Antrieb, sein Publikum zu verstören, selbst wenn er ein paar Schrecken und Augenblicke des Angewidertseins dankend in Kauf nimmt. Viel mehr strahlt seine Inszenierung eine diabolische Freude an Visualisierungen eines korrumpierenden Jähzorns aus. Der filmemacherische Aspekt von Doctor Strange in the Multiverse of Madness vibriert daher ständig zwischen "Schau mal, was solche Gefühle und Gedanken mit uns machen" und einem ansteckend-amüsiertem "Guck mal, was ich mir hab einfallen lassen!" 

Das ist längst nicht Raimis dreckigster Ansatz, jedoch ein sündig-boshaftes Vergnügen, das nicht nur überdeutlich seine Handschrift trägt, sondern auch den Handlungsmotiven und Charakterbögen des Films gerecht wird.

Mit dem Zornmotor durch das Multiversum gescheppert

Ähnlich wie der kürzlich in den deutschen Kinos gestartete Everything Everywhere All At Once wäre Doctor Strange in the Multiverse of Madness ohne das in der Filmhandlung unentwegt angesprochene Konzept eines Multiversums denkbar, wenngleich weniger lohnenswert. Denn beide Filme lassen die Idee mehrerer verbundener Paralleluniversen, durch die man mit ausreichend geleistetem Aufwand reisen kann wie durch ferne Länder, nicht zum Selbstzweck verkommen.

In Everything Everywhere All At Once dient das Verknüpfen zahlreicher (mitunter haarsträubend-durchgeknallter) Universen, um den Weltschmerz der von Michelle Yeoh gespielten Protagonistin ebenso kreativ wie nachdrücklich zu unterstreichen: "Hätte ich damals nur... Wäre mir einst bloß... Wieso habe ich nicht..."-Gedankenexperimente, die in Momenten der Langeweile, des Stresses und vor allem zutiefst empfundener Unzufriedenheit durchexerziert werden, werden in der schrill-bunten Dramödie des Regie-Duos Daniel Kwan & Daniel Scheinert schlagartig greifbare Wirklichkeit. 

Doctor Strange in the Multiverse of Madness derweil hätte auch als Doctor Strange and the Emotional State of Madness konzipiert werden können: Was in Everything Everywhere All At Once Überlegungen des Bedauerns sind, ist in diesem Film gärender Zorn über Ungerechtigkeit, Bigotterie, ungleichmäßig verteilte Glücksaussichten und die Starrsinnigkeit Anderer, sich einfach mal in fremde Positionen zu denken. Das wäre ohne Multiversum umsetzbar, und Doctor Strange in the Multiverse of Madness trägt diverse wiederkehrende Sam-Raimi-Motive vor sich her, mit denen er Frust, Korrumpierbarkeit und finstere Verführungen bereits in anderen Filmen angepackt hat. Durch den Multiversumsaspekt vergrößert sich allerdings die Spielwiese, auf der Raimi und Waldron sich austoben können, und für die Figuren intensivieren sich emotionale Fallhöhe sowie Verdruss.

Dem über allem stehenden Aspekt der Wut konsequent folgend, macht Doctor Strange in the Multiverse of Madness gewaltigen Druck: Gemeinsam mit Avengers | Infinity War und The Return of the First Avenger (alias Captain America: Winter Soldier) bildet Raimis Regiearbeit die Erzähltempo-Speerspitze im MCU. Das Publikum sowie die zentralen Figuren werden unmittelbar ins chaotische Geschehen gestürzt und daraufhin artet es nahezu unaufhörlich aus. Teils in Form von Science-Fantasy-Superhelden-Spektakel in glühender, überbordend detaillierter, farblich satter Sam-Raimi-Ästhetik, die zwischen Gothic, Stoner Rock und makabrem Camp oszilliert. Teils mittels Popcornspektakel-Grusel-Setpieces.

Lediglich eine nennenswerte Insel der Ruhe gönnt sich Doctor Strange in the Multiverse of Madness, eine Phase, in der die Heldenfiguren ihre Gedanken sortieren und sich mit Hintergründen, Lösungsansätzen und der Aufarbeitung brennender Fragen beschäftigen. Eine Atempause, die gewiss etwas kürzer hätte ausfallen können. Allerdings ist sie aus narrativer und tonaler Sicht notwendig, selbst wenn sie auf dem ersten Blick überflüssig, womöglich von Produzent Kevin Feige ferngesteuert erscheinen mag. Sie ist ein atypisch früh erfolgendes, jedoch pro­non­ciert eingesetztes retardierendes Moment, durch das der anschließende Akt erst seine zornig-dringliche Energie verliehen bekommt.

Es ist Raimi, der diesen Wahnwitz zusammenhält und in einen soghaften Vorwärtsdrang kanalisiert. Mit seinen schubartigen Kamerafahrten, im exakt richtigen Moment in eine Schräge kippenden Kamera (hier geführt von Gladiator-Filmer John Mathieson), gelegentlichen POV-Shots, sehr spärlich eingesetzten, wirkungsvollen Blicken des Casts exakt in die Linse und dem tolldreisten Wechseln von übernatürlichem Geprotze zu Albernheit zu Gravitas zu Gewaltspitzen. Gewaltspitzen, die glatt einer Herausforderung an Gore Verbinski gleichen. An den Regisseur, der vier Mal mit effektlastigen Big-Budget-Erlebnissen die Grenzen dessen auslotete, was in einem "Vier-Quadranten-Film" mit US-Freigabe PG-13 respektive einer deutschen FSK-Freigabe ab zwölf Jahren möglich ist. 

Ob Verbinski eines Tages Doctor Strange in the Multiverse of Madness sehen, "Herausforderung angenommen!" raunen und einen noch feisteren PG-13-Härterausch nachlegen wird, muss sich noch zeigen. Schon jetzt hat sich dagegen gezeigt, dass Elizabeth Olsen es versteht, ihre Figur der Wanda Maximoff von Projekt zu Projekt völlig neu zu erfinden und dennoch eine stringente Entwicklung zur Schau zu stellen, sowie eine konstante Intensivierung ihres Spiels.

Cumberbatch wechselt unterdessen mühelos von Facette zu Facette seiner Rolle, Quasi-Newcomerin Xochitl Gomez gibt dem Film eine unverbrauchte Energie zwischen Ängstlichkeit und "Ich lass mich nicht unterkriegen"-Kampfeswillen und der Rapport zwischen Benedict Wong und Cumberbatch ist einmal mehr höchst amüsant.

Komponist Danny Elfman untermalt den sinistren Zornestrubel, in denen die Figuren gestürzt werden, effektiv und mit zahlreichen klanglich heraussteckenden Kanten, selbst wenn noch mehr erzürnter Zunder und dämonischer Sog drin gewesen wäre. Aber vielleicht wäre das zwischen dem, was Raimi, Olsen und Cumberbatch allesamt an schweren Geschützen auffahren, damit Doctor Strange in the Multiverse of Madness ohne Rücksicht auf Verluste durch die multiplen abgefahrenen Dimensionen der Tobsucht brettern kann, sogar zu Ballast geworden?

Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 25. März 2022

Die 94. Academy Awards: Meine Prognose der Gewinnerinnen und Gewinner bei den Oscars 2022


Obwohl wir Ende März haben, und die Oscars somit einmal mehr deutlich später im Kalenderjahr stattfinden als wir es durch die vielen "Februar, allerspätestens Anfang März"-Jahre der jüngeren Vergangenheit gewohnt sind... Ich muss sagen: Mir kam diese Oscar-Saison verflixt kurz vor. Die mitunter unausstehlich hitzig werdenden Oscar-Debatten kochten auf kleinerer Debatte als in der Pre-Pandemie-Ära, und die Indikator-Preise wurden in den einschlägigen Awards-Medien weniger rauf, runter und wieder rauf analysiert als in "normalen" Jahren.

Das ist auf eine Weise angenehm (weniger Galligkeit im Filmdiskurs ist immer eine gute Sache). Aber es nimmt auch Spannung aus der Reise gen Oscar-Nacht. Und... es erschwert die Vorhersage. Aber ich will meine liebgewonnene Oscar-Tradition nicht aufgeben. Also: Hier sind sie, meine ins Blaue geratenen Vorhersagen, wer bei der 94. Vergabe der Academy Awards siegreich hervorgeht.

Bester Kurzfilm
  • Ala Kachuu – Take and Run
  • The Long Goodbye - Gewinner
  • On My Mind
  • Please Hold
  • Sukienka
Bester Kurz-Dokumentarfilm
  • Audible
  • Lead Me Home
  • The Queen of Basketball - Gewinner
  • Three Songs for Benazir
  • When We Were Bullies
Bester animierter Kurzfilm
  • Affairs of the Art
  • Bestia - Gewinner
  • Boxballet
  • Robin Robin
  • The Windshield Wiper
Bester internationaler Film
  • Drive My Car, Japan
  • Flee, Dänemark
  • The Hand of God, Italien
  • Lunana, Bhutan
  • Der schlimmste Mensch der Welt, Norwegen - Gewinner
Ich habe die Befürchtung, dass ich mich ärgern werde. Ich habe seit Wochen das Bauchgefühl, dass Der schlimmste Mensch der Welt diesen Preis gewinnen wird, OBWOHL Drive My Car als "Bester Film" nominiert ist. Drive My Car könnte seine Votes splitten, zudem kam es während der Votingphase zu einem neuen Hoch an Lobpreisungen von Triers Romantik-Dramödie, das Der schlimmste Mensch der Welt über die Ziellinie gebracht haben könnte. Aber ist es klug, den ziemlich sicheren Tipp Drive My Car für ein Bauchgefühl zu opfern?! Nein, überhaupt nicht. Mach ich es dennoch? Ja. Ich bin echt der schlimmste Mensch der Welt...

Beste Dokumentation
  • Ascension
  • Attica
  • Flee
  • Summer of Soul  - Gewinner
  • Writing with Fire
Bester Animationsfilm
  • Encanto  - Gewinner
  • Flee
  • Luca
  • Die Mitchells gegen die Maschinen
  • Raya und der letzte Drache
Beste Effekte
  • Dune - Gewinner
  • Keine Zeit zu sterben
  • Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
  • Spider-Man: No Way Home
  • Free Guy
Bester Sound
  • Belfast
  • Dune - Gewinner
  • Keine Zeit zu sterben
  • The Power of the Dog
  • West Side Story
Bester Originalsong
  • Down to Joy aus Belfast 
  • Dos Oruguitas aus Encanto - Gewinner
  • Somehow You Do aus Four Good Days
  • Be Alive aus King Richard
  • No Time to Die aus Keine Zeit zu sterben
Beste Originalmusik
  • Nicholas Britell, Don't Look Up
  • Hans Zimmer, Dune - Gewinner
  • Germaine Franco, Encanto
  • Alberto Iglesias, Parallele Mütter
  • Jonny Greenwood, The Power of the Dog
Bestes Produktionsdesign
  • Dune
  • Nightmare Alley - Gewinner
  • The Power of the Dog
  • The Tragedy of Macbeth
  • West Side Story
Bestes Makeup & Hairstyling
  • Cruella
  • Dune
  • Der Prinz aus Zamunda 2
  • The Eyes of Tammy Faye - Gewinner
  • House of Gucci
Bester Schnitt
  • Hank Corwin, Dont' Look Up 
  • Joe Walker, Dune 
  • Pamela Martin, King Richard
  • Peter Sciberras, The Power of the Dog - Gewinner
  • Myron Kerstein und Andrew Weisblum, Tick, Tick…Boom!
Beste Kostüme
  • Jenny Beavan, Cruella - Gewinnerin
  • Massimo Cantini, Cyrano
  • Bob Morgan & Jacqueline West, Dune
  • Luis Sequeira, Nightmare Alley
  • Paul Tazewell, West Side Story
Beste Kamera
  • Greig Fraser, Dune
  • Dan Laustsen, Nightmare Alley
  • Ari Wegner, The Power of the Dog - Gewinnerin
  • Bruno Delbonnel, The Tragedy of Macbeth
  • Janusz Kaminski, West Side Story
Bestes Original-Drehbuch
  • Paul Thomas Anderson, Licorice Pizza - Gewinner
  • Zach Baylin, King Richard
  • Kenneth Branagh, Belfast 
  • Adam McKay, Don't Look Up
  • Joachim Trier und Eskil Vogt, Der schlimmste Mensch der Welt
Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Jane Campion, The Power of the Dog 
  • Maggie Gyllenhaal, Frau im Dunkeln
  • Ryusuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Sian Heder, CODA - Gewinnerin
  • Eric Roth, Jon Spaihts und Denis Villeneuve, Dune
Bester Nebendarsteller
  • Ciarán Hinds, Belfast
  • Troy Kotsur, CODA - Gewinner
  • Jesse Plemons, The Power of the Dog
  • J.K. Simmons, Being the Ricardos
  • Kodi Smit-McPhee, The Power of the Dog
Beste Nebendarstellerin
  • Jessie Buckley, Frau im Dunkeln
  • Ariana DeBose, West Side Story - Gewinnerin
  • Judi Dench, Belfast
  • Kirsten Dunst, The Power of the Dog
  • Aunjanue Ellis, King Richard
Bester Hauptdarsteller
  • Javier Bardem, Being the Ricardos
  • Benedict Cumberbatch, The Power of the Dog
  • Andrew Garfield, tick, tick... Boom!
  • Will Smith, King Richard - Gewinner
  • Denzel Washington, The Tragedy of Macbeth
Beste Hauptdarstellerin
  • Jessica Chastain, The Eyes of Tammy Faye
  • Olivia Colman, Frau im Dunkeln
  • Penelope Cruz, Parallele Mütter
  • Nicole Kidman, Being the Ricardos
  • Kristen Stewart, Spencer - Gewinnerin
Beste Regie
  • Paul Thomas Anderon, Licorice Pizza
  • Kenneth Branagh, Belfast
  • Jane Campion, The Power of the Dog - Gewinnerin
  • Ryūsuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Steven Spielberg, West Side Story
Bester Film
  • Belfast
  • CODA - Gewinner
  • Don't Look Up
  • Drive My Car
  • Dune
  • King Richard
  • Licorice Pizza
  • Nightmare Alley
  • The Power of the Dog 
  • West Side Story
Die Vernunft sagt The Power of the Dog, das Näschen für die Berichterstattung aus Hollywood und der Blick auf den Preis der Produzentengewerkschaft sagt CODA...

Mittwoch, 9. März 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil V)

Was bisher geschah...

Bevor wir endlich meine Top Ten des Jahres 2021 erreichen, hier rasch ein paar Ehrennennungen für Filme, die es fast in die Liste geschafft hätten. Da wären etwa die amüsante, galant-stilvolle Betrugskomödie Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von Detlev Buck, der einfallsreiche Zensurhorror Censor der Newcomerin Prano Bailey-Bond und die schräge Nicolas-Cage-Show Willy's Wonderland

Auch James Wans kreativer Wahnwitz Malignant und die von der Dynamik zwischen Emily Blunt und Dwayne Johnson profitierende Abenteuerkomödie Jungle Cruise haben mir (trotz mal größerer, mal kleinerer Schwächen) gefallen. Kaiserschmarrndrama gehört zur Speerspitze der Eberhofer-Krimis und wäre daher fast als positives Signal in meiner Liste gelandet. The Night House lässt Rebecca Hall klasse aufspielen und ist in seinen besten Momenten ein findiger Horror-Thriller über Depressionen, und mit Dinner for Two hätte ich gern einen dritten kulinarischen Film in die Liste gepackt. Doch nach dem sinnlich-spannenden, stylisch gefilmten Auftakt verliert sich der Film zwischendrin. Auch wenn das pfiffige Finale ihn fast wieder in die Charts gekickt hätte... Und Disney+ hatte mit Happier Than Ever: Ein Liebesbrief an Los Angeles, Flora & Ulysses und Summer of Soul drei sehr unterschiedliche, sehenswerte Originalfilme im Portfolio, die es in mein Ranking hätten schaffen können.

Und dann ist da natürlich Ghostbusters: Legacy mit einer grandiosen McKenna Grace, einem witzig-charmanten Paul Rudd und einer routinierten Carrie Coon sowie einem bunten Sortiment an Situationskomik und bewusst-miesen Wortspielen. Eine echte Charmekanone, bei der mich aber die Spielberg-Patina, der ins Nichts führende Subplot um den Bruder (den man einfach hätte raus schreiben können) und der Schluss, der berührend und erfüllend beginnt und dann so lange weitergeht, bis er den neuen Figuren ihren eigenen Film raubt, stutzig gemacht haben. Ich habe den Film sehr, sehr gern und vielleicht rutscht er über die Jahre noch in meine Favoriten von 2021, aber Stand jetzt ruht er auf Rang 51, eifrig in die Top 50 schielend. Was soll ich sagen, 2021 war für mich ein deutlich, deutlich stärkeres Filmjahr als 2020.

Platz 10: The Painter and the Thief (Regie: Benjamin Ree)

Klammheimlich feierte 2021 eine großartige Dokumentation im Programm von arte ihre Deutschlandpremiere: Benjamin Ree erzählt in The Painter and the Thief eine Geschichte, die so nur das Leben schreiben kann. Denn wäre dies ein fiktionaler Film, würde er mich dank seiner emotionalen Twists und seines cleveren, immer wieder zum Staunen einladenden und dank seines die Gedanken durchrüttelnden Schnitts begeistern - doch ich fürchte, viele Leute würden ihn als unglaubwürdig schelten. Malerin Barbora Kysilkova erfährt nach einer Ausstellung, dass eines ihrer wichtigsten Gemälde gestohlen wurde. Sehr zur Verwunderung ihres Lebensgefährten sucht sie Kontakt zu einem der beiden Diebe. Nicht nur, um Informationen über den Diebstahl aus ihm herauszuquetschen, sondern auch, um seine Lage zu verstehen, seine Motivation zu begreifen und um sich einen Eindruck von seinem Leben zu verschaffen. Eine komplizierte Freundschaft entsteht, in der sich Barbora und der Reue zeigende, dennoch weiter unberechenbare Karl-Bertil Nordland gegenseitig ständig herausfordern, sich reiben und zu charakterlichen Wandeln drängen. Überaus berührend, voller fesselnder Einsichten und inspirierend!

Platz 9: Bad Luck Banging or Loony Porn (Regie: Radu Jude)

Das Sexvideo einer Lehrerin wird gegen ihren Willen auf einer Pornoplattform veröffentlicht, woraufhin sich ihr Kollegium und die Eltern ihrer Schüler:in gegen sie stellen und sie mit Eifeseifer ihren Job verteidigen muss. Denn natürlich argumentieren die Eltern minderjähriger Kinder, die auf Pornoseiten herumsurfen, dass es die dort unwillentlich auffindbare Lehrerin ist, die die Moral dieser Kinder verdirbt, und selbstredend hat niemand Mitleid mit dem Opfer einer nicht eingewilligten Veröffentlichung intimer Aufnahmen. Das allein ist schon Stoff, aus dem sich ein scharfzüngiges Gesellschaftsporträt weben ließe, doch Radu Jude versieht diese Grundidee mit einer gigantischen Parade an Troll-Manövern, die Lars von Trier sicherlich Glückstränen ins Gesicht treiben würden, messerscharfen Detailbeobachtungen und wütenden Rundum-Austeil-Attacken, die zwar durch und durch Judes heimisches Rumänien abbilden, aber etwas gröber betrachtet genauso gut für Deutschland sprechen könnten. Hinzu kommen eine starke Performance ohne Scheu von Hauptdarstellerin Katia Pascariu und viele feine Augenblicke des Pandemie-Zeitgeistes.

Platz 8: Der Rausch (Regie: Thomas Vinterberg)

Vier befreundete Lehrer beklagen sich über ihr langweilig gewordenes Leben. Auf einer Geburtstagsfeier entscheiden sie, ihr Dasein aufzurütteln und fortan mehr zu trinken. Was mit Schalk im Nacken und Grinsen in den Backen als wissenschaftliche Studie entschuldigt wird, ist letztlich doch nur Flucht vor der Verantwortung, Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie ihre beruflichen Probleme, ihre Familiensorgen, ihren Liebesfrust oder ihre Einsamkeit überkommen können. Was folgt, ist teils "Mach dir dein kurzes Leben zum Fest, statt dich ständig selbst zu geißeln"-Manifest, teils Mid-Life-Crisis, teils Anklage der gesellschaftlichen Verharmlosung von Alkohol(ismus), teils Freundschafts- und Familiendrama, doch stets wundervoll-paradoxes Kino: In Gedenken an seine kurz nach Produktionsbeginn verstorbene Tochter macht Thomas Vinterberg Der Rausch zum lebensbejahendsten Film, den man über drei ständig saufende Deprimierte und einen Depressiven machen kann, und zugleich zu einem nachdenklichen, bitter-säuerlichen Prickelwasser von einem Film in Feierlaune. Das Ergebnis ist, nicht zuletzt dank eines einmal mehr brillanten Mads Mikkelsen, süffig, jedoch schwer; erfrischend, aber eine Explosion feiner, nuancierter Noten. Skål!

Platz 7: The Green Knight (Regie: David Lowery)

Da wird der in den Mediävistik-Vorlesungen hockende Germanistik-Student in mir wieder wach. Lasst die ganzen anderen verzweifelten Versuche, ein Filmuniversum im Stile des MCU zu bilden sein, gebt mir ein Artussagen-Filmuniversum im Stile von David Lowerys The Green Knight, verdammt noch eins. Eine zum Schneiden dichte, horroresk angehauchte Atmosphäre, erdrückende Bildgewalt, ein glänzender Dev Patel, mit dem Lowery archaische Männlichkeitsbilder kommentiert, und ein die Nackenhaare aufstellendes Klangbild machen The Green Knight zu einer unvergesslichen Erfahrung.

Platz 6: tick, tick... BOOM! (Regie: Lin-Manuel Miranda)

Gibt es in Musicalhausen ein größeres Phänomen mit strenger Generationengrenze als Rent? Ist man eine Spur zu alt, ist die Chance riesig, dass man das Erfolgsphänomen als anstrengend erachtet. Ist man eine Spur zu jung, zählt man es an den zahllosen "Ja, also, mittlerweile würden wir das aber anders anpacken..."-Aufhängern aus, die praktisch allem innewohnen, das zur selben Zeit entstanden ist, und versuchte, in einem älteren Medium progressiv zu agieren. Und eben diese strenge Zielgruppen-Altersgrenze hat sich auch bei der Filmversion von tick, tick... BOOM! bemerkbar gemacht, denn während jene Lin-Manuel Mirandas Ehrerbietung für den Rent-Schöpfer ins Aus geschoben haben, weil es halt Rent-Schöpfer Jonathan Larson feiert, haben sich die Anderen mitreißen lassen. Und was soll ich sagen: Ich habe Verständnis für alle über, die sich nicht von diesem Musical haben abholen lassen können. Aber als jemand, der sich hat abholen lassen konnte, muss ich sagen:

Ich find's auch schade für euch, denn Mirandas Adaption des weniger bekannten Larson-Musicals ist temporeich, gewitzt sowie gefühlvoll inszeniert, großartig von Andrew Garfield gespielt und wie viel Herzblut Mister "I am not throwing away my shot" in diese "Ich kann es nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, dass ich jetzt leisten muss und ich habe nichts zu erzählen, nur mein Umfeldund was soll ich denn jetzt tun?!" in diese Geschichte steckt, ist nahezu beängstigend. Als würde auch Miranda was über seine Zukunft befürchten. Und eben diese Unmittelbarkeit hat genug Nerven bei mir getroffen, dass ich diese passionierte Kreativgeschichte voller Ehrfurcht in meine Top Ten packe.

Platz 5: Malcolm & Marie (Regie: Sam Levinon)

Die absolute Nummer eins der unnötigen Filmkontroversen 2021 und obendrein ein echt toller Film: In Malcolm & Marie lässt Sam Levinson einen Regisseur (John David Washington) und seine Freundin/Muse (Zendaya) in gegensätzlicher Stimmung nach einer Filmpremiere nach Hause kehren. Was folgt, ist ein sinnlich sowie feurig gespieltes, dramatisches und bitterbös-witziges Streitgespräch über Liebe, Verantwortungsbewusstsein, Prahlerei, Aneignung fremder Geschichten und Kritikunfähigkeit. Und ganz gleich, wie gallig Malcolm und Marie aufeinander reagieren, die dünnhäutigste Partei in dieser Geschichte saß Anfang 2021 vor den Bildschirmen und redete sich ein, dass dieser Film ein einziger Angriff auf sie sei: Teile der Filmpresse. Dabei hat Malcolm & Marie mit seinem Streit zwischen Passion und Vernunft, Analyse und Gefühl, Beobachten und Erleben, und schlichtweg zwischen zwei Liebenden, die eine ätzende Nacht durchmachen, so viel spannenderes und besseres zu erzählen, als sich vollauf auf meinen Berufsstand einzuschießen. Gewiss, in meinen Jahrescharts bekommt Malcolm & Marie noch einen gehörigen Streit-Kammerspiel-Bonus, da ich eine riesige Schwäche für dieses Genre habe und Levinson das Genre mit Genuss bedient, doch selbst wenn ich diesen Bonus abziehe, bleibt ein mit Feuer und Flamme gespielter, mit kühl-versierter Hand inszenierter Film übrig. Mehr Respekt für Malcolm & Marie!

Platz 4: The Nest (Regie: Sean Durkin)

Und noch ein Liebespaar am Rande der Verzweiflung: In The Nest driften Spekulant Jude Law und Pferdehalterin Carrie Coon nach dem neusten Umzug auseinander. Sean Durkin erzählt dieses Liebesdrama gleichzeitig mit Feingefühl, als dass er keine der beiden Hauptfiguren dämonisiert (selbst wenn Laws berufliche Gier und Ignoranz gegenüber der Lage seiner Familie unmissverständlich die Antriebsfeder des Unheils ist), und mit inszenatorischer Wucht. Denn obwohl dies inhaltlich ohne jede Widerrede ein Drama ist, fühlt sich The Nest wie ein Horrorthriller an, in dem sich jeden Moment herausstellen könnte, dass das neue, weitläufige Anwesen dieser Familie verflucht ist und sich gegen sie wendet. Law und Coon spielen herausragend, ihre Filmkinder sind ebenfalls sehr gut, das Setting eindrucksvoll und der Film ist genauso effizient-knackig erzählt, wie thematisch vielschichtig.

Platz 3: The Empty Man (Regie: David Prior)

In der Sekunde, in der David Priors fiktionales Regiedebüt The Empty Man von US-Kritiker Rob Hunter mit den Arbeiten Gore Verbinskis verglichen wurde, wusste ich: Ich muss diesen Film sehen! Damit war jedoch auch die Fallhöhe enorm - was, wenn The Empty Man nicht hält, was er verspricht? Doch glücklicherweise hält The Empty Man das ein, was ich mir durch Rob Hunters Aussage versprochen habe. Und so, wie sich die titelgebende, tödliche Schreckensgestalt und ihre Botschaft in Priors loser Comicadaption reihenweise herumsprechen, ging auch im realen Leben die Botschaft dieses Films umher.

Hunter fixte mich an, ich habe meine Lieblingskollegin Antje darauf hingewiesen, die verbreitete die Botschaft in ihrem Kollegium, das verbreitete erfreute Hinweise auf den Film, und dann erfolgte urplötzlich und ohne Vorwarnung der deutsche Streamingstart (ganz ohne jegliche Fanfare) und ich durfte bei Filmstarts von The Empty Man schwärmen. Von diesem atmosphärisch dichten Film mit hervorragender Kameraarbeit, der unheilvoll durch mehrere Horrorsubgenres schleicht, von Orientierungslosigkeit, Abhängigkeit, Beeinflussbarkeit und Depression handelt, ein beunruhigendes Sounddesign hat und bei dem nach und nach die innere Logik zerfasert, so, wie auch der Protagonist des Films den Überblick dieser ausufernden Geschichte verliert.

Soghaft, finster, raffiniert, genau meinen Horrorgeschmack treffend und zu spannendem Effekt jegliche Tiefenwahrnehmung aushebelnd, hat sich The Empty Man in meinem Hinterkopf festgesetzt und lässt sich dort nicht mehr verjagen. Ich erwähnte weiter oben, dass (nach deutschen Veröffentlichungsterminen gehend) 2021 für mich ein besseres Filmjahr war als 2020. Das hier sollte doppelt und dreifach unterstreichen, wie viel besser: Würde ich The Empty Man basierend auf seinem US-Kinostart als 2020er-Film werten, müsste er sich die Nummer eins des Jahres 2020 schnappen. Und dennoch ist er in diesem 2021er-Ranking nur auf dem Bronzerang.

Platz 2: Encanto (Regie: Byron Howard, Jared Bush & Charise Castro Smith)

Wie gut fand ich das Filmjahr 2021? So gut, dass ich mit Herzschmerz, aber ohne zu zögern, Encanto nur auf Platz zwei setze. Encanto, den zauberhaften Disney-Animationsfilm, der mich in seiner Emotionalität mehr berührt hat, der mich in seiner Beschwingtheit mehr mitgerissen hat, den ich in seiner visuellen Brillanz - von den kräftigen Farben über die herrlichen Figurendesigns und der grandiosen Lichtsetzung bis hin zur ausdrucksstarken, detailreichen Animation und den fantastischen Tänzen - so sehr feiere wie seit Rapunzel keinen Film der Walt Disney Animation Studios. Encanto trifft bei mir einfach durchweg die genau richtigen Nerven. Das Abschneiden in einer Jahresbestenliste sagt halt nicht nur über den betreffenden Film etwas aus, sondern auch über das Jahr drumherum. Dieses Silber hier ist wertvoller als so manches Gold.

Platz 1: Sechzehn Stunden Ewigkeit (Regie: Ian Samuels)

Unbestritten mein Film des Jahres 2021. Einerseits, weil er der 2021ste Film meines Filmjahres ist. Wiederholungen. Sich irgendwie ganz passabel selbst amüsierend durch die Wiederholungen schlagen, wohlwissend, dass die Situation an anderen Nerven nagt. Die Suche nach den kleinen, bislang übersehenen Perfektionen, um sich die Wiederholungen und das Nicht-ausbrechen-können-oder-wollen-oder-sollen schmackhaft zu machen. Andererseits, weil ich mich 2021 in keinen anderen Film derart schockverliebt habe, wie in Sechzehn Stunden Ewigkeit. Diese kuschelige, freundlich-charismatische, betont unaufgeregte Teenager-/Young-Adult-Romantikdramödie hat mich mit ihren Figuren vollkommen bezirzt. Und damit, wie Kyle Allen und Kathryn Newton (hierdurch und durch Freaky wohl so etwas wie die heimliche Schutzpatin meines Filmjahres 2021) diese Freundschaft/Leidensgenossenschaft/potentielle Liebe ausspielen. Damit, wie klein-fein-beiläufig Samuels diese Geschichte umsetzt, ohne den ihr innewohnenden Witz, Zauber und auch Schmerz unter Wert zu verkaufen. Damit, wie Lev Grossmans Drehbuch schleichend den erzählerischen Fokus ver- und die Referenzen auf Genrekollegen hinfortschiebt, seine Geschichte somit allen deutlichen Vorbildern zum Trotz quasi emanzipiert.

Als ich Sechzehn Stunden Ewigkeit in einer zum Tag gewordenen Februarnacht zum ersten Mal sah, musste ich zwischendurch auf Pause drücken, um mir die vor Rührung wässrig gewordenen Augen trockenwischen zu können, ohne etwas vom Film zu verpassen. Es ist so, dass Sechzehn Stunden Ewigkeit bei mir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Knöpfe gedrückt hat, aber manchmal muss man so ehrlich sein und hyperspezifische "Japp, dieser süße, gut gemachte Film wird dadurch, wie er mich antrifft, in meiner Welt zu dem Film des Jahres"-Situationen als solche erkennen und anerkennen. So, wie es für mich 2004 kein Vorbei an Garden State gab, ist Sechzehn Stunden Ewigkeit das Nonplusultra meines zweiten Pandemiejahres.

Ich fürchte, dass ich durch diese hohe Platzierung bei allen, die das hier lesen und den Film noch nicht gesehen haben, die Erwartungen zu hoch schraube. Aber andererseits freue ich mich über jedes weitere Bisschen Liebe, das der Film erhält, wann immer noch jemand auf ihn neugierig gemacht wird. Denn manchmal sind es die kleinen Dinge, die Nachwirkung haben. Kleine Dinge, wie diese unbedeutende Jahresbestenliste, die im März des Folgejahres erscheint, und vielleicht, hoffentlich Sechzehn Stunden Ewigkeit noch ein paar Fans verschafft. Oder etwas größere, aber immer noch kleine Dinge wie dieser von Amazon beiläufig veröffentlichte Streamingtitel mit jeder Menge genreinterner Konkurrenz, der aber einfach seine Sache richtig hübsch durchzieht.