Montag, 3. Mai 2021

Red Screening – Blutige Vorstellung

 
Ich vermisse das Kino. Ich vermisse es in seiner Gesamtheit. Der Duft von frischem Popcorn. Der Geschmack von frischem Popcorn. Der Anblick eines Kinofoyers. Ich vermisse es, an Postern vorbeizugehen, und zu denken: "Boah, war der schlecht. Der war super! Auf den freue ich mich! Was ist das denn bitte für ein Poster?!" Ich vermisse es, mich in einen Kinosessel zu schmeißen, in den Saal hineinzublicken, abzuchecken wie voll es ist, und was für ein Publikum sich um mich herum versammelt. Das Warten darauf, dass sich das Licht dimmt und die Werbung beginnt. Das Freuen über angenehme Spots und Trailer, das Ärgern über dämliche Clips, und die riesige Freude darauf, dass der Hauptfilm beginnt. Das Wahrnehmen dessen, wie die Anderen den Film finden. Und das Loslösen aus der Filmwelt, um vom halbdunklen Kinosaal aus wieder Schritt für Schritt in die alltägliche Welt zu finden. 

In dieser melancholischen Stimmung der Kinosehnsucht kam Red Screening genau richtig: Dieser Slasher (mit ästhetischen Giallo-Anleihen) aus Uruguay trieft geradezu vor ehrlicher Lichtspielhausliebe. Lichtspielhausliebe für alles, was die Kinoerfahrung ausmacht. Von den Vorzügen des Filmtempels bis hin zu den ärgerlichen Kleinigkeiten, die aber einfach dazugehören, wie ein ab und zu nervendes Publikum. In dieses Schwelgen in Kinostimmung werfen Drehbuchautor Manuel Facal und Drehbuchautor/Regisseur/Produzent Maximiliano Contenti einen zielstrebigen Killer, der für geradlinige, handgemachte Slasher-Metzeleffekte sorgt – noch etwas, das ich vermisse, denn einen neuen, ironiefreien, stringenten Slasher gibt es derzeit ja auch selten zu erleben ... 

Eine stürmische Nacht in Montevideo im Jahr 1993: Direkt nach einer Familienvorstellung läuft im Kino "Cine Opera" ein Horrorfilm. Ana, die Tochter des Filmvorführers, hat ausnahmsweise die Nachtschicht für ihren sich ständig überarbeitenden Vater übernommen. Eigentlich kein Job, der besonders aufregend ist ... Das hat aber auch seinen Vorteil: Immerhin kann Ana somit während der Arbeit für eine bald anstehende, wichtige Prüfung büffeln. Doch denkste! Denn in dieser Nacht kann von Ruhe, gediegener Langeweile und ausreichend Zeit zum Lernen nicht die Rede sein: Ein erbarmungsloser Killer hat für die Vorstellung ein Ticket gelöst und lässt seinem Blutdurst im Schutze der Dunkelheit freien Lauf. Nun muss Ana nicht nur um ihr Überleben kämpfen, sondern auch versuchen, möglichst vielen Filmfans vor Ort einen grausamen Tod zu ersparen ... 

Ein Kino, wie man es sich kaum besser zusammenträumen könnte: Neonröhrenreklame, eine meterhohe, ikonische Frontfassade, ein großer Saal mit Stadium Seating, aber auch mit einer abgenutzten Holzvertäfelung, staubigen Sitzen mit leicht schimmerndem roten Bezug und (angesichts des zeitlichen Settings ganz alternativlos:) analogem Projektorsystem. Das Kino in Red Screening ist fantastisch ausgewählt und formidabel zurechtgemacht, so dass es ein nostalgisches, liebevolles Aufeinandertreffen von Programmkino-, Arthouse-Lichtspielhaus- und Massenfilmtempel-Ästhetik bietet und quasi zu einem prototypischen Kino wird, so dass wohl nahezu allen Kinobegeisterten durch das eine oder andere Detail das Herz in die Höhe hüpfen dürfte.

Um ein Klischee aus der Filmkritik abzuwandeln: Das Kino ist quasi ein heimlicher Protagonist in Red Screening. Seine Aufmachung, gepaart mit der Kameraarbeit von Benjamin Silva, der Red Screening eine leicht verwaschene, kontrastarme, aber farbenreiche Bildsprache verleiht, so als würden wir uns eine schlecht gepflegte 35mm-Kopie eines klein budgetierten, visuell ambitionierten Horrorfilms anschauen, verleiht dieser kleinen Genreproduktion eine immense, dichte Atmosphäre. 

Hinzu kommt die vortreffliche Auswahl an Figuren, die zwar allesamt kaum mehr sind als Archetypen, aber auch nicht mehr sein müssen, weil das Kinofeeling, die Größe des Casts und die Grundstimmung sowie die Genremechanismen ausreichen, um die nicht einmal 90 Minuten Laufzeit zu füllen: Da ist die Gang räudiger Teenager, die lärmend in den Saal stolpern, nachdem der Film begonnen hat. Der kleine Junge, der sich in den Film geschlichen hat (böse!), weil er zu jung ist und gerne einen Horrorfilm sehen will (na gut, das gibt dir Sympathiepunkte, Kleiner!) – und der in den brutalen Szenen hin- und hergerissen ist zwischen "Hände vor die Augen halten" und "Hinschauen wollen und mitfiebern" (wie goldig!). Da ist ein schüchtener Typ, der mit seinem Date einfach irgendeinen Film schauen will, und sich völlig uninformiert vom Programm überraschen lassen möchte. Und sein Date, das die Augen rollt, weil er nichts über den Film weiß, und sowieso ganz andere, fleischlichere Erwartungen an den Abend hegt. Dann ist da noch die junge Frau, die allein ins Kino geht und daher verlacht wird. Und der grantige, alte Typ, der mehr Ruhe im Saal will.

Es ist eine bunte Mischung aus sympathietragenden Figuren und willkommenem Kanonenfutter, die gestattet, dass wir in Red Screening sowohl gebannt mitfiebern, dass manche Figuren fliehen können, als auch diebisches Vergnügen an bösen Kills haben. Die sind übrigens nicht gerade aufwändig, wohl aber geradeheraus, haptisch umgesetzt und in ihrer Simplizität schön schmerzhaft, statt zynische Spektakel. Der Killer lässt sich Zeit, bevor er auftaucht, wird nicht übermäßig mit Hintergrundgeschichte versehen, und agiert zügig, kräftig, aber auch nicht makellos, so dass im großen Finale Raum für Anspannung bleibt: Wird er straucheln, daneben schlagen oder sich übertölpeln lassen? Oder behält er den Fokus und kommt mit noch einem und noch einem Mord davon? Das gestattet ein schnörkelloses, herbes Slashererlebnis, das Schaulust und Spannung gesund vereint – und nicht eine Minute zu lang oder zu kurz ist.

Red Screening ist also (im besten Sinne!) ein schlichter Film, der Slasher-Genrefans ein geradliniges, spannendes Sehvergnügen bietet, das dank des liebevoll eingefangenen und gestalteten Settings das Kinoherz höher schlagen lässt. Wenn ihr nach diesen Zeilen Lust bekommen habt, dann dürft ihr Red Screening als klare Sehempfehlung abspeichern!

Mittwoch, 21. April 2021

Meine Oscar-Prognose 2021: Wer gewinnt bei den 93. Academy Awards?

Die 93. Academy Awards stehen bevor, und somit die ungewöhnlichsten Oscars zumindest meiner Lebenszeit: Aufgrund der Pandemie galten neue Qualifikationsregeln, und auch die Gala selbst wird anders als seit Jahrzehnten gewohnt. Contagion- und Ocean's Eleven-Regisseur Steven Soderbergh bekam die Schlüssel zum Königreich überreicht und plant eine sehr filmische Verleihung.

Wie das in Aktion aussieht, sehen wir in der Nacht vom 25. auf den 26. April 2021, aber zuvor stellen wir uns einmal mehr die Frage: Wer wird gewinnen?

Bester Film

  • The Father

  • Judas and the Black Messiah

  • Mank

  • Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

  • Nomadland

  • Promising Young Woman

  • Sound of Metal

  • The Trial of the Chicago 7

Beste Regie

  • David Fincher (Mank)

  • Lee Isaac Chung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen)

  • Chloé Zhao (Nomadland

  • Emerald Fennell (Promising Young Woman)

  • Thomas Vinterberg (Der Rausch)

Bester Hauptdarsteller

  • Riz Ahmed (Sound of Metal)

  • Chadwick Boseman (Ma Rainey’s Black Bottom

  • Anthony Hopkins (The Father)

  • Gary Oldman (Mank)

  • Steven Yeun (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen)

Beste Hauptdarstellerin

  • Viola Davis (Ma Rainey’s Black Bottom)

  • Andra Day (The United States vs. Billie Holiday)

  • Vanessa Kirby (Pieces of a Woman)

  • Frances McDormand (Nomadland)

  • Carey Mulligan (Promising Young Woman)

Bester Nebendarsteller

  • Sacha Baron Cohen (The Trial of the Chicago 7)

  • Daniel Kaluuya (Judas and the Black Messiah)

  • Leslie Odom Jr. (One Night in Miami)

  • Paul Raci (Sound of Metal)

  • LaKeith Stanfield (Judas and the Black Messiah)

Beste Nebendarstellerin

  • Marija Bakalowa (Borat Anschluss-Moviefilm)

  • Glenn Close (Hillbilly Elegy)

  • Olivia Colman (The Father)

  • Amanda Seyfried (Mank)

  • Youn Yuh-jung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen)

Bestes adaptiertes Drehbuch

  • Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Dan Swimer, Peter Baynham, Erica Rivinoja, Dan Mazer, Jena Friedman, Lee Kern und Nina Pedrad (Borat Anschluss-Moviefilm)

  • Christopher Hampton und Florian Zeller (The Father)

  • Chloé Zhao (Nomadland)

  • Kemp Powers (One Night in Miami)

  • Ramin Bahrani (Der weiße Tiger)

Bestes Originaldrehbuch

  • Will Berson, Shaka King, Kenny Lucas und Keith Lucas (Judas and the Black Messiah)

  • Lee Isaac Chung (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen)

  • Emerald Fennell (Promising Young Woman)

  • Darius Marder und Abraham Marder (Sound of Metal)

  • Aaron Sorkin (The Trial of the Chicago 7)

Beste Kamera

  • Sean Bobbitt (Judas and the Black Messiah)

  • Erik Messerschmidt (Mank)

  • Dariusz Wolski (Neues aus der Welt)

  • Joshua James Richards (Nomadland

  • Phedon Papamichael (The Trial of the Chicago 7)

Bestes Szenenbild

  • Mank

  • Ma Rainey’s Black Bottom

  • Neues aus der Welt

  • The Father

  • Tenet

Bestes Kostümdesign

  • Alexandra Byrne (Emma)

  • Ann Roth (Ma Rainey’s Black Bottom)

  • Trish Summerville (Mank)

  • Bina Daigeler (Mulan)

  • Massimo Cantini Parrini (Pinocchio)

Beste Filmmusik

  • Terence Blanchard (Da 5 Bloods)

  • Trent Reznor und Atticus Ross (Mank)

  • Emile Mosseri (Minari – Wo wir Wurzeln schlagen)

  • James Newton Howard (Neues aus der Welt)

  • Trent Reznor, Atticus Ross und Jon Batiste (Soul

Bester Filmsong

  • Speak Now“ (One Night in Miami)

  • Io si (Seen)“ (Du hast das Leben vor dir)

  • Fight For You“ (Judas and the Black Messiah)

  • Hear My Voice“ (The Trial of the Chicago 7)

  • Husavik“ (Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga)

Bestes Make-up und beste Frisuren

  • Ma Rainey’s Black Bottom

  • Hillbilly-Elegie

  • Mank

  • Pinocchio

  • Emma

Bester Schnitt

  • Yorgos Lamprinos (The Father)

  • Chloé Zhao (Nomadland)

  • Mikkel E.G. Nielsen (Sound of Metal

  • Alan Baumgarten (The Trial of the Chicago 7)

  • Frédéric Thoraval (Promising Young Woman)

Bester Ton

  • Sound of Metal

  • Soul

  • Mank

  • Greyhound – Schlacht im Atlantik

  • Neues aus der Welt

Beste visuelle Effekte

  • Tenet 

  • The Midnight Sky

  • Mulan

  • Love and Monsters

  • Der einzig wahre Ivan

Bester Animationsfilm

  • Soul 

  • Wolfwalkers

  • Die bunte Seite des Monds

  • Onward: Keine halben Sachen

  • Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm

Bester animierter Kurzfilm

  • Burrow

  • Genius Loci

  • If Anything Happens I Love You

  • Opera

  • Yes-People

Bester Kurzfilm

  • Feeling Through

  • The Letter Room

  • The Present

  • Two Distant Strangers

  • White Eye

    Die vielleicht schwerste Kategorie dieses Jahr: Feeling Through und White Eye haben schon sehr viele Preise gewonnen. The Letter Room ist eine menschliche, herzliche Geschichte mit Oscar Isaac in der Hauptrolle, fühlt sich für mich am ehesten wie ein typischer Kurzfilm-Gewinner an und hat vielleicht den Star-Bonus. The Present gewann immerhin zuvor den BAFTA als bester Kurzfilm und Two Distant Strangers hat Netflix-Reichweite im Rücken und hat den politisch-zeitgeistigen Bonus, Black Lives Matter und Polizeigewalt zu behandeln. Eine echt harte Nuss ... 

Bester Dokumentarfilm

  • Time

  • Kollektiv – Korruption tötet

  • Mein Lehrer, der Krake 

  • The Mole Agent

  • Sommer der Krüppelbewegung

Bester Dokumentar-Kurzfilm

  • Colette

  • A Concerto Is a Conversation

  • Do Not Split

  • Hunger Ward

  • A Love Song For Latasha

Bester internationaler Film

  • Der Rausch (Dänemark) 

  • Quo Vadis, Aida? (Bosnien-Herzegowina)

  • Better Days (China)

  • Kollektiv – Korruption tötet (Rumänien)

  • The Man Who Sold His Skin (Tunesien)

Sonntag, 18. April 2021

Hamad und die Piraten

Der Fernsehfilm Hamad und die Piraten handelt vom Waisenjungen Hamad aus Bahrain, der kein Interesse daran hat, mit Gleichaltrigen zu spielen. Stattdessen lässt er sich von Perlentauchern anlernen, wie sie ihre Arbeit im Persischen Golf verrichten. Doch als an Bord des kleinen Segelboots Chaos ausbricht, geht Hamad über Bord. Als er von Piraten (nicht von der romantischen Abenteuerromansorte, sondern moderne Piraten mit motorisiertem Boot und Maschinengewehren) aufgelesen wird, wähnt er sein Leben in Sicherheit. Aber nur für kurze Zeit, denn die schmuggelnden Piraten stehen unter dem Kommando eines keinerlei Rücksicht kennenden Kapitäns, so dass Hamad auf den richtigen Moment wartet, zu fliehen ... 

Dieser Disney-Abenteuerfilm aus dem Jahr 1971, geschrieben und inszeniert von Richard Lyford (Island of Allah), beginnt geradezu dokumentarisch: Lyford zeigt detailliert und akkurat die Arbeitsvorgänge einer Gruppe von Perlentauchern aus Bahrain. Dabei blickt Lyford nicht nur auf die Handgriffe bei dieser Tätigkeit, sondern lässt einen Erzähler aus dem Off auch die interpersonellen Gepflogenheiten an Bord erklären.

Illustriert wird dies in Sequenzen ohne gekünstelte Action oder Dramatik, die Kamera ist bei den Arbeitsabläufen mittendrin dabei – wenn sie nicht gerade in ansehnlichen Unterwasseraufnahmen zeigt, was sich im Golf abspielt, wann immer die Seefahrer ihrer Dinge nachgehen. Eine sehr einnehmend fotografierte Szene zeigt beispielsweise, wie Hamad beigebracht wird, sich auf hoher See Süßwasser zu besorgen: In der Nähe Bahrains gibt es am Meeresgrund eine sprudelnde Süßwasserquelle, an die man nur nah genug ran muss, um mit gezielten Handgriffen ein Behältnis zu befüllen, ohne dass Salzwasser das erfrischende Nass beeinträchtigt.

Sobald Hamad über Bord geht, entwickelt sich Hamad und die Piraten aber zu dem familienfreundlichen Abenteuer, das man wohl von einem Disney-Fernsehfilm jener Zeit erwarten würde. Jedenfalls, wenn man sich vor Augen hält, dass "Kind geht in der Wildnis verloren und kämpft sich daraufhin nach Hause" in jener Disney-Ära so etwas wie ein Stützpfeiler Disneys war. Es gibt in Hamad und die Piraten keine lustigen Sidekicks, keinen feschen Dialogwitz, sondern schlicht und unverfälscht die Irrreisen eines Jungen, der auf hoher See von Piraten vorm Ertrinken gerettet wird, bei erstbester Gelegenheit flieht und sich dann fernab seiner Heimat durch Dubai und Saudi-Arabien schlägt, um zurückzufinden. Dabei stapft er durch leerstehende Paläste, macht Gelegenheitsbekanntschaften, und durchkreuzt die Wüste – und muss sich hin und wieder vor den Piraten verstecken, die ihm wieder über den Weg laufen.


Was Lyfords Film, abgesehen von den nun 50 Jahre später zunehmend interessanteren Aufnahmen der Architektur und Natur von Bahrain, Dubai und Saudi-Arabien in den frühen 1970ern, herausstechen lässt: Hamad und die Piraten wurde konsequent mit lokalen Personen besetzt, die auch zumeist ihre Sprache sprechen. Nur ein paar zentrale Dialogzeilen sind in englischer Sprache (oder halt auf Deutsch, wenn man den Film in der Synchro schaut). Leider muss man zum Ausgleich mit einem nahezu ununterbrochenen Erzählerkommentar auskommen (im Original: Michael Ansara), dessen Duktus und Vokabular den dokumentarischen Charakter bis zum Schluss beibehält. Sehr löblich ist aber, dass der Erzähler alle möglichen Klischees bestmöglich vermeidet, die ich bei einem US-Film aus den 1970ern befürchtet habe, der von dieser Region berichtet. 

Er ordnet das Geschehen nüchtern ein, schließt etwaige Wissenslücken, die durch kulturelle Unterschiede zwischen Zielpublikum und Figuren/Schauplätzen entstehen könnten, und fasst die unübersetzten Dialoge zusammen. Es gibt keine mir negativ auffallende Romantisierung des "Exotischen", keine Geringschätzung  – stattdessen einen mit Bedauern gesprochenen Kommentar, in dem der Erzähler befürchtet, dass die Hamad helfenden Beduinen um ihren Lebensraum und ihre Traditionen fürchten müssen, sollten Turbokapitalisierung, asphaltierte Straßen und motorisierter Verkehr dramatisch expandieren.

Hamads Abenteuerreise wird von Khalik Marshad mit großer Authentizität gespielt: Es wirkt durchweg so, als würde der Junge das alles auch wirklich erleben. Das hat mich mit Hamad richtig mitleiden lassen: Wenn er nach langem Dursten endlich Wasser findet und sich hineinstürzt, habe ich mich direkt auch erfrischt gefühlt, so nah war ich an Hamads Leiden zuvor.

Ich hoffe sehr, dass Disney sich erbarmt, den Film endlich bei Disney+ zu veröffentlichen. Nicht nur, weil es mit seinem Setting und seinen Figuren ein außergewöhnlicher Disney-Fernsehfilm ist, sondern auch, weil Richard Lyfords Landschaftspanoramen und Unterwasseraufnahmen zu schön gestaged und ausgeleuchtet sind, als dass es duldbar wäre, sie weiterhin bloß als ranzige VHS-Fernsehaufnahme zu sehen.

Freitag, 9. April 2021

Freitag der Karibik #73

Ich bin wieder voll im Piratenfieber, und daher habe ich beschlossen, mich hier im Blog mit den weniger bekannten Deleted Scenes aus Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen zu befassen. Denn zusätzlich zu den Szenen, die schon bei den DVD-Erstveröffentlichungen dabei waren, gibt es noch einen ganzen Haufen an komplett gekippten oder gestutzten Filmpassagen, die erst in späteren, internationalen Sammeleditionen zu finden waren.

Ich werde hier im Blog diese Szenen mit einer kurzen Inhaltsbeschreibung durchgehen, festhalten, was Gore Verbinskis Erklärung im Audiokommentar ist, weshalb die Szenen geschnitten wurden, und meine eigene Einschätzung abgeben, ob es diese Szenen in den Film hätten schaffen sollen oder nicht. In diesem Teil gehe ich auf die geschnittenen Szenen aus Teil zwei ein.


(Titellos)

Jack Sparrow flieht vor den Pelegosto (in zusätzlichen Kameraeinstellungen).

Gores Kommentar: Er sagt nichts spezifisch über diese Szene, sondern begrüßt uns zu seinem Audiokommentar der Deleted Scenes.

Mein Urteil: Es sind einfach nur ein paar alternative Perspektiven auf Jacks Flucht. Sie wieder reinzupacken würde nicht wirklich schaden, aber den Film auch nicht bereichern.


Steady As She Goes

Verlängerte Version davon, wie Jack Sparrow früh im Film aus der Kapitänskajüte torkelt, um sich Rum zu besorgen, was darin mündet, wie er Stiefelriemen Bill begegnet. Wir sehen mehr vom neuen Crewmitglied Leech (gespielt von San Shella), von der Pearl, Käpt'n Jack scherzt mit den Tieren an Bord (bezeichnet Schafe als "Ladys" und bedroht ein Huhn) und klopft gegen ein (vermeintlich?) leeres Rumfass, aus dem Klopfzeichen zurück kommen.

Gores Kommentar: Gore merkt an, wie aufwändig der reale Bau der Pearl war, und wie die verlängerte Szene mehr Gefühl für diesen Setbau gestattet. Darüber hinaus lobt er die von Johnny Depp improvisierten Sprüche in der Szene. Er kommt zum Entschluss, dass diese Passage aufs im fertigen Film gezeigte Maß eingedampft wurde, weil er dachte, dass das Kinopublikum bereit für das große Abenteuer ist, und wir daher schneller zu Stiefelriemen Bill kommen mussten, der Jacks Plot erst in Gang bringt.

Mein Urteil: Ich verstehe total, weshalb Gore Verbinski 2006 beschlossen hat, diese Szene durch das Auslassen einiger Kamerafahrten und allerhand Jack-Sparrow-Getorkel zu beschleunigen. Wir erinnern uns: Zwar generierte Die Truhe des Todes (ja, ich habe noch immer meine Probleme, den letztlich gewählten deutschen Untertitel zu verwenden) über eine Milliarde Dollar an den Kinokassen, gleichwohl gab es so manche Publikumsklage, er würde zu viel Drumherum ums Spektakel bieten. Ich glaube, damals hätte dieses Mehr die Euphorie der Leute nur gedrosselt.

Allerdings würde mich im Jahr 2021 durchaus ein Extended Cut reizen, der zum Beispiel diese Passage wieder in den Film packt. Denn wer sich von diesem Film die verlängerte Fassung anschaut, kennt den Plot schon, ist also gar nicht in der "Okay, wo bleibt Jacks Konflikt?!"-Verfassung. Und in dieser Verfassung wäre dieses kleine Extra an Black-Pearl-Flair durchaus reizvoll. Naja. Jedenfalls für mich.


East of India

Beckett erklärt Will ausführlicher die Absichten der East India Trading Company: "Wenn Güter keine Grenzen übertreten, tun es Armeen."

Gores Kommentar: Diese Szene sollte verdeutlichen, dass Beckett eine Manifestierung dessen ist, wie Fortschritt die Ära des Erkundens und der Piraterie beendete. Dass durch Profitgier alles gerechtfertigt werden kann und schlussendlich das Gesetzwidrige zum Gesetz wird. Damit sollte diese Szene die thematische Intention der Autoren Ted Elliott & Terry Rossio und von Gore selbst klarifizieren. Einen konkreten Grund, weshalb diese Szene gestutzt wurde, nennt Gore nicht.

Mein Urteil: Die Szene ist für sich betrachtet super: Die verbalen Seitenhiebe zwischen Will und Beckett, Becketts oben erwähntes Zitat ... Aber im Erzählfluss des Films ist sie eher Ballast, zumal die Grundaussage der Trilogie auch so deutlich wird. Naja. Jedenfalls meiner Ansicht nach. Die zeitgenössische Kritik sah es ja anders.


Don't Eat Me

Ein paar zusätzliche Takte auf der Insel der Pelegosto: Wenn Will Cottons Papagei begegnet, lässt er ihn nicht nach einem verdutzten "Ich werde dich nicht essen!" stehen, sondern beginnt ein längeres Gespräch mit ihm.

Gores Kommentar: Gore Verbinski betont, wie wichtig es ihm die gesamte Trilogie über gewesen sei, Will Turner eine Aura von D'Artagnan zu verleihen. Mit einer freundlichen Unbeholfenheit sollte er ein Gegengewicht zur piratigen Zynik anderer Figuren bieten. Dieser putzige Austausch zwischen Papagei und Welpe sollte einen weiteren Beitrag dazu leisten. Doch letztlich befand Gore, dass die Szene zu einem Zeitpunkt kommt, zu dem das Publikum gespannt wartet, was auf der Insel lauert. Und daher musste die Szene deutlich gekürzt werden, um den Flow des Films aufrecht zu erhalten.

Mein Urteil: Ähnlich wie bei "Steady As She Goes" muss ich sagen: Ich verstehe den "Mach vorwärts!"-Gedanken. Aber Orlando Bloom ist so gut in der längeren Fassung der Szene, dass ich mir glatt wünsche, die Szene hätte es in voller Länge in den Film geschafft. Sie hätte Will Turner etwas mehr Raum gegeben, dem Film auch seinen eigenen Stempel aufzudrücken, und als jemand, der Die Truhe des Todes schon 2006 nicht zu lang fand, denke ich mir: Es hätte im richtigen Moment etwas "Mit Will lachen" mitgegeben, bevor wir erst "Mit Jack lachen", dann mitfiebern und dann "Über Jack lachen", bevor es wieder spannend wird.


Lizzy Gets Her Gun

Ein kurzer Dialogschnipsel mehr zwischen Elizabeth Swann und ihrem Vater, während er sie aus dem Gefängnis zur Kutsche begleitet. Er betont, zu denken, er sei einflussreich und respektiert genug, um Beckett nicht führen zu müssen, und wir sehen, dass er es ist, der Elizabeth die Waffe gibt, die sie kurz danach auf Beckett richtet

Gores Kommentar: Sinngemäß: "War unnötig"
Mein Urteil: Ja, war es.


What of You and Jack?

Elizabeth und Beckett unterhalten sich etwas länger, als sie ihn nachts in seinem Büro bedroht. Er horcht expliziter aus, ob sie Interesse an Jack hat. Am Ende der Szene wird enthüllt, dass vor Becketts Büro ein Wachmann postiert ist, der jedoch schläft.

Gores Kommentar: Der Film sollte an Tempo gewinnen. Er wollte das Liebesdreieck Jack-Elizabeth-Will nicht überreizen. Und er wollte die East India Trading Company nicht geschwächt darstellen. Also musste das alles raus.

Mein Urteil: Sehe es exakt so wie Gore.


Never Mind

Käpt'n Jack fragt einen Pelegosto aus, weshalb er keine Kleinkinder auf der Insel sieht ("Sie schmecken am besten, oder?"), außerdem unterhalten sich Will und Gibbs noch etwas länger in den Knochenkäfigen. Unter anderem sehen wir explizit, wie Will Gibbs seinen Flachmann überreicht.

Gores Kommentar: Er liebt es, wenn in seinen Filmen zu sehen ist, wie Gegenstände weitergereicht werden und so ihre eigene Geschichte entwickeln, doch letztlich war all das zu unbedeutend, als dass er dafür den Film ausbremsen wollen würde.

Mein Urteil: Jupp, Gore weiß, was Sache ist.


Six Became Five

Eine langsamere Variante dessen, wie der Knochenkäfig der Black-Pearl-Crew zerstört wird, sich die Crew in einer Schlucht kurz sammelt und dann von den Pelegosto angegriffen wird. Wir sehen, wie ein Statist aus Wills und Gibbs' Knochenkäfig von einem Pfeil getötet wird.

Gores Kommentar: Es schmerzt ihn, den Filmtod des sechsten Piraten aus dem Knochenkäfig zu kürzen. Doch die Szene machte die Vefolgunggsjagd weniger mitreißend. Nun geht der Mann halt im Off verloren, was als Kontinuitätsfehler verstanden könnte. Doch der Erzählfluss war letztlich wichtiger.

Mein Urteil: Ich habe Die Truhe des Todes Dutzende Male gesehen, und nie bemerkt, dass zwischen Knochenkäfig und Ankunft an der Pearl ein Statist verloren geht. Und selbst wenn, so würde ich einfach denken, dass er zurückgelassen würde. Also: Kein Problem, aber durch den größeren Schwung der Sequenz ein Gewinn für den Film. Anders gesagt: Echt gut gestutzt, das Ganze!


Cutlery

Wir sehen, dass Käpt'n Jack versucht, mit einem Messer das Seil durchzuschneiden, mit dem er an einen Stock gefesselt ist, und wie Jack nach seinem Sturz durch eine Schlucht auf der Insel der Pelegosto nach dem Messer greift.

Gores Kommentar: Früh im Drehprozess war Jacks Flucht noch etwas anders geplant, doch Gore beschloss, die zwei Zusatzbeats rund um das Messer aufzugeben. 

Mein Urteil: Es wären keine besonders guten Gags gewesen, wieso also den Film für sie ausbremsen?


Where's My Profit?

Nach der Flucht von der Insel der Pelegosto unterrichtet Will Jack darüber, dass er einen Kaperbrief erhalten würde, sollte er mit Will kooperieren.

Gores Kommentar: Ursprünglich war geplant, dass Jack in zwei Etappen vom Kaperbrief erfährt. Erst durch Will, der ihm das Angebot überhaupt erst gibt, und dann durch Elizabeth, wer genau den Kaperbrief ausgestellt hat (nämlich Lord Cutler Beckett). Schlussendlich befand Gore, dass es das Publikum ermüde würde, so oft die Kaperbriefe erklärt zu bekommen, und dass es frustrierend wäre, derart explizit seinen eigenen Wissensvorsprung gegenüber Jack zu erfahren. Daher wurde diese Passage gekürzt, so dass die Kaperbriefe innerhalb Jacks Handlungsfaden erst dann zur Sprache kommen, wenn sie für ihn (und den ihn abhörenden Norrington) von Belang sind.

Mein Urteil: Ich bin regelrecht sprachlos, dass diese Szene überhaupt geschrieben und gedreht wurde. Sie ist völlig überflüssig und wurde aus guten Gründen geschnitten.


Tortuuuuga

Elizabeth fuchtelt noch etwas länger mit ihrem Kleid herum, um die Besatzung der Edinburgh Trader glauben zu lassen, ein Geist wolle ihnen den Hinweis geben, sie müssten auf Tortuga Halt machen. Die Crew macht einige dumme Sprüche, was sie denken, was gerade vorfallen würde, und Lizzie ruft letztlich in einer Geisterstimme: "Tortuuuuga!"

Gores Kommentar: Wir mussten vorwärts kommen.

Mein Urteil: Hält man im Hinterkopf, wie sehr die Autoren Ted Elliott und Terry Rossio im DVD-Audiokommentar betonen, ihnen hätte diese Szene gruseliger und ominöser vorgeschwebt, frage ich mich: Was zum Henker haben die erwartet? Die Dialoge sind sehr komödiantisch, und die Filmversion ist schon deutlich eher atmosphärisch als die Sequenz es wäre, wären diese Extrateile mit drin.


If You Believe Such Things

Gibbs' Monolog an Will, während die Black-Pearl-Besatzung unter Jacks Kommando zu Tia Dalma paddelt, ging ursprünglich noch etwas länger: Bevor Gibbs vom Kraken erzählt, berichtet er Will von der Sage von Davy Jones' Reich und was einen dort erwartet. (Oder ist dies eine alternative Szene, die statt Gibbs' Kraken-Monolog genutzt worden wäre? Das wird im Bonusmaterial nicht ganz klar.)

Gores Kommentar: Er hat letztlich beschlossen, Die Truhe des Todes und Am Ende der Welt ein Stück weit unabhängiger zu machen und diesen Jacks Schicksal in Am Ende der Welt vorausdeutenden und voraberklärenden Monolog zu tilgen, um sich an dieser Stelle stärker auf das zu konzentrieren, was in diesem Film von Belang ist.

Mein Urteil: Eine Änderung mit großer Auswirkung. Stellt euch vor, in der ersten Hälfte von Die Truhe des Todes wird in einem minutenlangen Monolog ausgebreitet, dass Jack Sparrow, sollte er vom Kraken verschluckt werden, eine Art Fegefeuer erwartet. Es würde die Wahrnehmung der Kraken-Actionsequenzen völlig verschieben und ebenso die Emotionalität des Filmendes. Es wäre nicht mehr folgende Abfolge von Gedanken: "Oh nein, eine nach aller weltlicher Logik ausweglose Situation, was, Tia Dalma glaubt, es gäbe einen Weg? Wie das? Huch, dramatische Wende, oh nein, Ende!" Es wäre: "Oh, Gibbs hatte Recht, joah, dann bekommen wir das in Teil drei sicher zu sehen." Die Filmfassung ist viel, viel besser, da sie Die Truhe des Todes gestattet, am Schluss stärker im Moment zu leben, und Am Ende der Welt den Platz lässt, trotz seines Status als Fortführung auf tonaler Ebene mehr eigene Identität zu entwickeln, weil sich dieses andersweltliche Element in dieser Deutlichkeit erst dort entfaltet.


Begins to Forget

Stiefelriemen Bills Vergesslichkeit, die in der Filmfassung nur sporadisch durchschimmert und sich erst in Am Ende der Welt drastisch ausbreitet, wird hier schon früher in den Fokus genommen. Im Gespräch mit Will wird klar, dass Stiefelriemen Bill nun schon den ersten Fluch vergaß, der auf ihm lag, sowie das ganze Kapitel in seinem Leben rund um Barbossa.

Gores Kommentar: Die Intention war, Stiefelriemen Bill mehr Aufmerksamkeit zu schenken und so seine Fallhöhe im ganzen Gewusel um die Truhe und Davy Jones' Herz zu vergrößern. Letztlich sei man aber zur Erkenntnis gekommen, dass mehr Stiefelriemen-Bill-Dramatik dem Film weniger Mehrwert gegeben hätte, als sich einfach während des Abschnitts auf Davy Jones' Schiff um Wills Dilemma zu kümmern und ihn konkreter zu fokussieren.

Mein Urteil: Bevor ich mir Gores Audiokommentar angehört habe, war mein Verdacht eher, dass man durch ein Verschieben, wann uns im Publikum Stiefelriemen Bills Erinnerungsverlust klar wird, die Wendepunkte in der Charakterzeichnung anders takten wollte. Zu Beginn von Die Truhe des Todes erinnert sich Stiefelriemen noch, dann muss er mitansehen wie (so weit er glaubt) Will durch den Kraken getötet wird, dann ist er in Am Ende der Welt nur noch ein Schatten seiner selbst. Wäre die geschnittene Szene noch im Film, wäre der Zerfall von Stiefelriemens Verfassung kontinuierlicher, und somit nicht derart aufwühlend (und implizit weniger davon abhängig, was er erlebt hat) - und das hätte in meinen Augen weniger Wirkung. Aber Gores Argumente sind auch überzeugend.


Manual Labor

Eine längere Diskussion über die Kaperbriefe an Bord der Black Pearl.

Gores Kommentar: Durch das Entfernen der Will-Kaperbrief-Szene wurde auch die verlängerte Version der Elizabeth-gibt-Jack-den-Kaperbrief-Szene unnötig. Beide Kürzungen bringen das Publikum näher an Jacks Erfahrungsstand, was den Film weniger umständlich macht.

Mein Urteil: Kann ich nicht besser ausdrücken.


Married to the Ship

Eine deutlich verlängerte Szene der Pirate's-Dice-Sequenz: Vor der Partie, die wir im fertigen Film sehen, spielt Will Turner im Duell gegen Davy Jones und setzt Stiefelriemen Bills Schuld als Wetteinsatz. Will gewinnt gegen Davy Jones und befreit somit seinen Vater (der diese Freiheit wieder in der uns bekannten Szene verliert). 

Gores Kommentar: Diese Szene zu kürzen gehört zu Gores liebsten Deleted Scenes, da sie atmosphärisch dicht ist: Das Schauspiel von Orlando Bloom und Bill Nighy, die herausragenden Trickeffekte von Industrial Light & Magic, die innere Dramaturgie der Sequenz, in der sich zwei Männer während eines Würfelspiels mit ihrem Wissen voneinander gegeneinander ausspielen. "Die Details sind hypnotisierend." Zudem befindet Gore, dass Wills Opfer in der Kinofassung (in der sich sein Vater einmischt) größer wird, wenn man zuvor sieht, wie er auf den eigenen Beinen stehend obsiegt. Letztlich entschied sich Gore jedoch, die Szene zu schneiden, weil sie mit ihrem Fokus auf Will und seinen Vater zu viel Laufzeit von Die Truhe des Todes einer Dynamik widmete, die erst im dritten Teil aufgelöst wird. Und er habe letztlich erkannt, dass es dem Film zugute käme, etwas mehr Anteil den Dingen zurückzugeben, die schon in Teil zwei aufgelöst werden.

Mein Urteil: Auch wenn wir ja beide zum Schluss kommen, dass die Szene weichen musste, so habe ich ganz andere Gründe dafür, weshalb ich die erste Runde des Piraten-Würfelspiels nicht in Die Truhe des Todes inkludiert hätte. Dadurch, dass Will erstmal in aller Seelenruhe, ungestört gegen Davy Jones spielt (und gewinnt!) wird die Charakterisierung von sogleich zwei Figuren verwässert: Einerseits Stiefelriemen Bill, der wenige Filmminuten zuvor noch einwilligte, seinen Sohn auszupeitschen, weil es ihm selbst zwar das Herz zerreißen würde, er so aber Will körperliche Schmerzen erspart, die ihm durch den kräftigeren Bootsmann zugefügt würden. Und jetzt, wo Will seine Freiheit aufs Spiel setzt, schaut er einfach nur zu? Das kaufe ich ihm nicht ab, die Filmfassung, in der er zügig mit einsteigt, um Will zu beschützen, finde ich schlüssiger.

Und dann ist da der Faktor Davy Jones: In einer Die Truhe des Todes-Version mit dem kompletten Würfelspiel verliert der alle einschüchternde, monströse, gerissene Teufel des Meeres in einem Spiel, das nicht nur Glück, sondern auch Taktik und Voraussicht erfordert. Das hemmt die Intensität, mit der wir ihn als unheimliche, nicht abwendbare Bedrohung wahrnehmen. In der Kinofassung bleibt derweil nur übrig, wie Jones kurz davor steht, zu verlieren, dann aber den aufopferungsvollen Stiefelriemen zum Verlierer machen kann. Das schadet seinem Status weniger als die ursprünglich geplante Version.


Not So Fortunate

Etwas längere Variante des unmittelbaren Vorspiels der Kraken-Attacke auf die Edinburgh Trader: Davy Jones schüchtert Stiefelriemen Bill deutlicher ein und betont, dass das, was nun folgt, nicht als Strafe für Will Turner gedacht ist, sondern als Strafe für ihn.

Gores Kommentar: Einzelne Shots dieser Deleted Scene gehörten zum Test, ob Davy Jones bei Tageslicht gut aussieht. Gründe für's Schneiden nennt Gore nicht.

Mein Urteil: Ich find die Szene einfach überflüssig, die kürzere Kinofassung macht alles genauso gut klar.


Every Man for Himself

Nach der Krakenattacke treibt Will auf einem Stück Holz, als ein Rettungsboot vorbei kommt. Die Männer weigern sich, ihn mit ins Boot zu nehmen, direkt danach wird es von einem Krakententakel zerschmettert.

Gores Kommentar: Gore fand es reizvoll, Will erneut als einzigen Überlebenden auf einem Stück Holz treibend zu sehen, genauso wie in Teil eins und später in Teil drei. Aber letztlich entschied er, dass es das Publikum ermüdend wird, noch einen Kraken-Attacken-Beat zu sehen.

Mein Urteil: Kein weiterer Kommentar nötig.


Salvation (& For Whom the Bell Tolls)

Pintel und Ragetti plänkeln länger über die korrekte Aussprache von "Kraken". Elizabeth und Norrington unterhalten sich anschließend sich über die Sage von Isla Cruces: Ein Gerücht (das sich später durch einen kurzen Kameraschwenk bewahrheitet), laut dem einst ein Priester auf diese Insel zog und sie missionierte - und kurz darauf tödliche Krankheiten alles Leben auf ihr auslöschten, bevor sich der Priester selbst das Leben nahm. Norrington kommentiert dies mit "Lieber verrückt wie der Rest der Welt als bei Sinnen und allein", was als Vordeutung seines kommenden Handelns intendiert ist.

Gores Kommentar: Gore bezeichnet diese Anekdote als wahres Kleinod, das nicht nur dem Schauplatz Bedeutung verleiht, sondern auch das thematische Element der Trilogie untermauert. Einen Grund für's Kürzen nennt er nicht. 

Mein Urteil: Eindeutig der größte Verlust unter allen Deleted Scenes für Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Filme! Keira Knightley und Jack Davenport sind herausragend in der Szene, und die Hintergrundgeschichte über Isla Cruces verleiht der furiosen Abfolge von Actionsequenzen, die im letzten Drittel des Films auf uns wartet, atmosphärische Textur. Darüber hinaus vertieft die Geschichte eines Geistlichen, der missionierend auf eine Insel kommt, die kurz danach von Kummer, Tragik und Tod heimgesucht wird, die zentrale Thematik der von Gore verantworteten Fluch der Karibik-Sequels. Und Ted & Terry schreiben einfach so schöne, sprachrhythmisch wohlklingende Monologe, die die Mythologie der Filme vergrößern, und gleichzeitig dadurch, wer wie was erzählt, die Figurenzeichnung bereichern. Ein echter Jammer, dass diese Passage fehlt, denn bei aller Bereicherung, die sie meiner Ansicht nach darstellt, hätte sie andererseits dem Film nicht geschadet: Sie kommt genau in einer Zäsur, kurz bevor die Action explodiert, und die paar Takte mehr hätten die Erzähldynamik meiner Ansicht nach nicht ausgebremst. (Und der kurze Kameraschwenk, der danach die Story als wahr enthüllt, sowieso nicht.)


Pot Kettle Black

Norrington, Jack und Will schüchtern einander weiter ein und verwirren gegenseitig, als der Schwertkampf zwischen ihnen ausbricht.

Gores Kommentar: Sinngemäß "Da war ein schönes Zitat drin, aber eigentlich wiederholt sich das alles nur, überflüssig, weg damit!"

Mein Urteil: Exakt!


Three Swords, One Key

Ein paar zusätzliche Beats für den Drei-Personen-Schwertkampf, unter anderem verheddert sich der Schlüssel zu Davy Jones' Truhe zwischen den Schwertern von Will, Norrington und Jack, woraufhin sich ein kurzer Anstarr-und-Antäusch-Wettbewerb ergibt, wer zuerst reagiert.

Gores Kommentar: Gore Verbinski bezeichnet die geschnittenen Passagen aus dem Drei-Leute-Schwertkampf als Folge dessen, was passiert, wenn man die Dreharbeiten beginnt, bevor sämtliche Drehbuchseiten finalisiert sind. Er und die Stuntcrew hätten sich bemüht, eine spannende, interessant choreografierte Actionszene zu gestalten, doch letztlich wurde im Schnitt klar, er hätte zu viel Material, als dass der Schwertkampf durchweg spannend bliebe. Daher kürzte er den Anfang, bevor das Trio das Wasserrad erreicht. In der langen Fassung sei zu offensichtlich, dass keine Gefahr besteht, weil keiner der Drei den Schneid hätte, die Gegner zu töten. Und generell habe Gore nach Fluch der Karibik die Nase bereits voll von konventionellen Schwertkämpfen und wolle daher so schnell wie möglich zum kreativen Teil.

Mein Urteil: Okay, Gore argumentiert überzeugend. Und dennoch trauere ich den Zusatzbeats etwas nach: Dariusz Wolskis Schwenks über Isla Cruces sind so bildhübsch, dass ich sie nicht missen möchte. Die drei "Ich will mein Ziel erreichen, aber nicht über Leichen gehen, doch auch keine Schwäche zeigen"-Choreografien für Will, Jack und Norrington sind sehenswert, und ich habe das Gefühl: Ein paar Takte länger als in der Kinofassung antäuschen, dass die große Steigerung gegenüber Teil eins lautet "Drei Männer kämpfen am Strand gegeneinander", um dann erst die absurden Geschütze aufzufahren, macht die Überraschung und anschließende Freude der kreativeren Momente auf Isla Cruces nur noch größer.


The Map is Finished

Ein alternatives/längeres Ende für die Norrington/Jones/Beckett-Handlungsfäden: Nachdem Norrington Beckett zeigt, dass er das Herz von Davy Jones ergatterte, schlägt er vor, es auf der Stelle zu durchstoßen, woraufhin Beckett ihn warnt, dass dies das leichtsinnigste ist, was er tun könnte. Beckett gibt Norrington stattdessen sein altes Schwert und seinen früheren Status wieder und empfängt einen (unausgesprochen, magisch) herbeigerufenen Davy Jones, als die Karte in Becketts vervollständigt wird.

Gores Kommentar: Gore befindet, dass diese Szene freier atmen kann und dadurch deutlicher macht, dass man verlorene Unschuld nicht mehr erhalten kann, als es letztlich die Norrington-Szenen in Teil drei zeigen, die geschrieben wurden, um das Entfernen dieser Passage auszugleichen. Er lobt Jack Davenports zerrissenes Schauspiel in dieser Deleted Scene, und er merkt an, wie sehr es ihm weh tat, die Kamerafahrt auf die vollendete Karte zu stutzen. Gore erklärt nicht, weshalb diese Szene entfernt wurde, macht aber klar, dass er die Entscheidung früh fällte: Die Szene wurde nicht einmal vollständig gedreht, sollte also noch länger gehen, als diese Deleted Scene denken lässt.

Mein Urteil: Wieder ein Fall von "Isoliert mag man kaum glauben, weshalb die Szene gekürzt wurde, aber im Gesamtkontext wird es überdeutlich": Stellt euch vor, wie diese Sequenz in den eigentlichen Film gequetscht wird. Auf einmal würde das ganze Finale von Die Truhe des Todes aus dem Takt geraten. Nach dem letzten Krakenangriff hat der Film so einen fantastischen Rhythmus, jede Dialogzeile, jeder Schnitt, alles greift ineinander. Jones bemerkt, dass er das Herz gar nicht zurückerobert hat, Norrington enthüllt, dass er das Herz hat, die Frage wird aufgeworfen, was Beckett damit vor hat, bevor wir uns in diese Frage verbeißen können, werden wir ins emotionale Tief von Will, Elizabeth, Gibbs, Pintel & Ragetti zurückgeworfen, vertiefen uns in Wills und Elizabeths Lage, sind völlig desolat und dann kommt der von Tia Dalma eingeworfene Hoffungsschimmer, gefolgt vom genialen Cliffhanger.

Ein längeres Verweilen bei Beckett und Norrington würde den Erzählfluss stören und die Melancholie und Verwirrung gegen ein deutlicheres "Dies ist das Ende des ersten Teils einer Back-to-Back-Filmproduktion, hier wird die Saat für den nächsten Part gesät, bereitet euch auf eine veränderte Bedrohung durch Jones vor, und nun zurück zu den Helden"-Plotten eintauschen. 


Das waren die weniger bekannten Deleted Scenes aus Teil zwei. Freut euch auf die aus Teil drei, die ich hier demnächst durchgehe.

Freitag, 12. März 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil IV)

was bisher geschah ...

Ich setze mir ja bei meiner notorisch lang gereiften Jahresbestenliste seit einiger Zeit das Ziel, stets schneller zu sein als die Academy Awards. Und, wow, dieses Mal ist mir das auf voller Linie gelungen: Die kompletten Charts gingen hier im Blog online, noch bevor die Oscar-Nominierungen öffentlich wurden. Na, wenn das kein Grund zur Feier ist! Etwa mit den finalen Ehrennennungen meiner Favoritenliste 2020! Der Netflix-Psychothriller Horse Girl lässt Alison Brie eine zermürbte Frau in einem verwirrenden Plot über Wahrnehmung spielen. The Babysitter: Killer Queen führt McGs mit Abstand beste Regiearbeit gekonnt fort. Der Anfang ist etwas unfokussiert, aber später fängt sich die blutige Sause. Vergiftete Wahrheit ist ein stark gespieltes Justizdrama mit einem engagierten Mark Ruffalo als Anwalt, der einen Chemieskandal aufdeckt, dem der Film wohl dokumentarisch eher gerecht werden würde, doch auch in dieser Form spannend angepackt wurde.

Greenland ist ein umfassend erzähltes, charakterlich stark fokussiertes Katastrophendrama, das einfach rund ist! Kim Possible – Der Film ist campiger Bonbonspaß. Und Bruderherz ist ein sehr schön erzähltes Disney-Sportdrama, das zudem von Verantwortung, ungleicher Chancenverteilung und Familiensinn erzählt. Aber genug des Vorgeschmacks. Ab in die Top Ten!

Platz 10: Little Women (Regie: Greta Gerwig)

Welch atemberaubend schöne Adaption eines Literaturklassikers: Durch Greta Gerwigs unchronologische, sich an den emotionalen Wendepunkten der Geschichte orientierte, Neuaufreihung der Szenen gewinnt dieses Schwesterndrama enorm an Gefühlsgewalt. Der Cast ist fantastisch (insbesondere Florence Pugh und Saoirse Ronan), und Gerwigs Inszenierung ebenso filigran wie fesselnd. Die so unterschiedliche Frauwerdung eines Geschwisterquartetts ist in Gerwigs Händen gewieft, dramatisch und zudem mit einem waschechten Gänsehautfinale versehen, das mir den Atem geraubt hat. Einfach bezaubernd!

Platz 9: Trolls: World Tour (Regie: Walt Dohrn)

Ein 3D-Spektakel der Farben und Klänge: So bescheiden der erste Trolls-Teil ist, so sensationell ist die Fortsetzung. Oberflächlich eine nimmermüde Musikparty voller irrer Gags, schräger Figuren und durchgeknallten Anblicken. Unter der Oberfläche wartet eine schrill umgesetzte Geschichte über Geschichtsrevision, das Ausnutzen der Macht, die damit einhergeht, in der gesellschaftlich dominanten Position zu sein, Vertrauen unter Freunden, kulturelle Aneignung sowie den Wert der Vielfalt und des Anerkennens von Unterschieden, inklusive der teils damit einhergehenden historisch gewachsenen (und anzugleichenden) Bevor- und Benachteiligungen. Hmmm? Was, gerade keine Lust auf eine rührend-gewitzte Auseinandersetzung mit dieser Themengewalt? Egal, guck mal hier, plüschig-flauschig-glitzernde Dinge, die sich rauschhaft durch verschiedene Musikrichtungen ackern, und unvorhersehbare Humorausbrüche! WUHU!

Platz 8: Mandibules (Regie: Quentin Dupieux)

Zwei putzig-verpeilte Versager und Kleinganoven entdecken eine Fliege in der Größe eines Kleinhundes und nehmen sich vor, sie zu dressieren, um mit ihr Geld zu verdienen. Es folgt: Ein Ringelpietz der Situationskomik, Running Gags, Unannehmlichkeiten und Absurditäten. Dupieux entfacht ein Feuerwerk der Lachsalven und Juxraketen. Spitzenlaune garantiert.

Platz 7: Berlin Alexanderplatz (Regie: Burhan Qurbani)

Burhan Qurbani nimmt zusammen mit seinem Schreibpartner Martin Behnke die legendäre Romanvorlage von Alfred Döblin und verlegt sie ins Heute. Nun zur Geschichte über einen Geflüchteten umgewandelt, der ein Guter sein will, doch in einem Land ankam, das ihn mit Füßen tritt (wenn es nicht gerade die schlechtesten Aspekte seiner Persönlichkeit anfeuert), ist Berlin Alexanderplatz fesselndes Charakterdrama, hypnotische Ganoventragödie und stilsicher zugespitzter Gesellschaftskommentar zugleich. Welket Bunguê, Jella Haase, Albrecht Schuch und Joachim Król spielen grandios, die Regieführung ebenso famos wie die Lichtsetzung und das Sounddesign. Und genauso unwichtig wie mich begeisternd: Es kommt eine Wildcats-Jacke vor. Welches Team?!

Platz 6: Der Unsichtbare (Regie: Leigh Whannell)

Nach dem genüsslichen Sci-Fi-Actioner Upgrade legt Leigh Whannell nochmal ein paar Schippen extra drauf: Er nimmt sich dem unterschätzten, großartigen sowie klassischen Universal-Horror-Franchise rund um den Unsichtbaren an und macht ihn nun vom faszinierenden Fiesling (das Original) oder vom Sympathie haltenden Anti-Helden (Teil zwei) zur steten, unsichtbaren Bedrohung. In dieser Der Unsichtbare-Variante ist die Titelfigur ein übergriffiger, manipulativer Bastard, der enorm davon profitiert, wie wenig Frauen Glauben geschenkt wird, wenn sie von einer Bedrohung spricht, die andere aber nicht zu Gesicht bekommen. Elisabeth Moss' Spiel geht unter die Haut, die Regieführung ist punktgenau und Benjamin Wallfischs Score ist einer der besten des Jahres. Hammer.

Platz 5: Knives Out (Regie: Rian Johnson)

Agatha Christie nach Art von Rian Johnson: In einem grotesk eingerichteten Herrenhaus ist der Patriarch einer geschäftigen, gut betuchten Familie gestorben. War es Selbstmord, wie die Polizei vermutet, oder doch ein Mord aus Rache, Gier nach dem Krimiroman-Imperium des Opfers oder aus dem Motiv heraus, ihn und seine Geheimnisse unter die Erde zu bringen? Der daueramüsierte, Rätsel liebende Südstaatenschnüffler Benoit Blanc nimmt sich dem Mysterium an. Daniel Craig ist eine Gute-Laune-Wucht als Blanc, der Starauflauf an Verdächtigen ist spitze besetzt (Chris Evans als schwarzes Schaf der Familie, das riesigen Spaß daran hat, dass der Rest des Clans nun auch mal Antipathie abbekommt, sticht besonders heraus) und Ana de Armas, die ich zuvor meistens schwach fand, entpuppt sich hier als überaus talentiert: Sie spielt überaus differenziert und komplex die Pflegerin des Toten, die als Migrantentochter zum Streitthema der Familie wird. Die einen halten mit ihrer Geringschätzung gar nicht hinter dem Berg, die anderen sind so lange aufgeschlossen, bis sie das Gefühl haben, sie würden ihre Privilegien verlieren. Knives Out ist gerissen strukturiert, spitze gefilmt und voller markanter Figuren.

Platz 4: I'm Thinking of Ending Things (Regie: Charlie Kaufman)

Die Wartezeit war viel zu lang, doch dieses Jahr gab es endlich einen neuen Film von Charlie Kaufman: Diese surreale Tragödie mit viel schwarzem Humor und einem hypnotischen Look glänzt mit einer wundervollen Jessie Buckley und einem nicht minder denkwürdigen Jesse Plemons in den Hauptrollen. Bestechenden Dialogen. Und mit einer Story, die immer wieder in einem neuen Licht erstrahlt.

Platz 3: Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden (Regie: Aritz Moreno)

Eine Geschichte über eine Geschichte, die sich im Rahmen einer Anekdote aufdrängt, die eine Anekdote beinhaltet ... Aritz Morenos Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden ist ein verwegener Genremischmasch aus Krimi, Komödie, Beziehungshorror, zynischem Melodrama und ein paar weiteren Genrekrümeln, in dem der Akt des Geschichtenerzählens der wahre Star ist. Wobei Morenos galant-unangenehme Regieführung ebenfalls großen Beitrag leistet: Immer wieder werden durch kleine visuelle Schnörkel, musikalische Entscheidungen und erzählrhythmische Ungenauigkeiten die Tonalitäten verwischt. Das Ergebnis ist nicht unbedingt einzigartig, aber durchaus unvergleichlich.

Platz 2: 1917 (Regie: Sam Mendes)

Zwei Soldaten werden im Ersten Weltkrieg aus ihrer Pause gerüttelt und mit der Aufgabe betreut, einen anderen Stützpunkt darüber zu informieren, dass seine Männer in eine Falle laufen werden, sollte man den geplanten Angriff auf die Deutschen nicht abblasen. Was folgt, ist ein sich dehnendes und wieder zusammenschnappendes Band der als Selbstverständlichkeit präsentierten Widersprüchlichkeiten. 1917 wirkt wie in Echtzeit erzählt, rafft aber eine Mission zusammen, die deutlich länger dauern würde als die Laufzeit dieses Films. Mendes erzählt von einem spezifischen Einsatz, der doch alltäglich ist und für unzählige andere stehen kann. Es ist eine in den Details realistische Darstellung dieses Geschichtskapitels, und doch ist die Gesamtheit des Films ein naturalistisches Essay, in dem die Landschaften und die poetisch-dringliche Klangtapete die Vergänglichkeit der Menschen und die Sinnlosigkeit ihrer Kriegshandlungen kommentiert. Denn egal, wie viel sie zerstören mögen, die Natur kann sich, im Gegensatz zu den menschlichen Opfern, unbeirrt regenerieren. 

Platz 1: Soul (Regie: Pete Docter & Kemp Powers)

Der beste Pixar-Film seit Alles steht Kopf: In Soul drängen sich Fragen auf wie "Was, wenn wir einem unerreichbaren Ziel nachjagen?", "Was, wenn die Leidenschaft zur Besessenheit wird?", "Was braucht es, um die Freude zu erkennen, die ständig direkt unter deiner Nase wartete?" und "Wie zeigt man auf, dass das Leben trotz Enttäuschungen lebenswert ist?" Wunderschön animiert (das herbstliche New York ist beinahe so einladend wie das Ratatouille-Paris), ebenso humorvoll wie gefühlvoll geschrieben und voller Kreativität, ist Soul ganz klar mein Lieblingsfilm des Jahres 2020. 

Freitag, 5. März 2021

Meine unsortierten Gedanken zu "WandaVision"

Spoilerwarnung: Ich setze voraus, dass ihr die Serie bereits komplett gesehen habt! 

Der Schlussakkord wurde unnötig unterbrochen. Mit dieser Negativität wollen wir beginnen.

Denn der Entschluss von Disney+ und den Marvel Studios, WandaVision wöchentlich zu veröffentlichen, statt die komplette Serie in einem Rutsch online zu stellen, kam in meinen Augen der Serie sehr zugute. Bloß hätten es idealerweise acht Folgen sein sollen, statt neun. Die Serie nicht mit einer XXL-Folge abzuschließen, sondern mit zwei XL-Episoden, hemmte für mich die Emotionalität dessen, wie alles zu einem Ende findet.


Episode acht (Was bisher geschah ...) und Episode neun (Das Serienfinale) stellen zwei Seiten derselben Medaille dar: Folge acht lässt uns schmerzlich nah Wendepunkte in Wandas Leben mit ansehen, und ermöglicht somit eine ungefilterte Kostprobe dessen, was in der von Elizabeth Olsen so wandelbar und komplex verkörperten Protagonistin vorgeht. "Survivor's Guilt", Kummer, das Gefühl, alleingelassen zu werden, Wut, Weltschmerz, all dies rumort in dieser Frau, die obendrein Kräfte hat, die sie selber nicht begreift. Auf der Superheldenserien-Ebene der Serie, und somit wortwörtlich in der Welt von WandaVision, ist das in dem Sinne zu verstehen, dass Wanda eine Hexe mit außerordentlicher Macht ist. Im übertragenen Sinne, wenn man bedenkt, auf welcher Thematik diese Serie fußt, ist damit gemeint, dass Wanda fähig ist, ihren Schmerz zu verarbeiten ... Aber aufgrund eines Mangels an sie verstehenden Vertrauenspersonen, einer ihr auf Augenhöhe begegnenden Trauerbegleitung, und angesichts eines falschen Selbstverständnisses, vergräbt sie alles, was sie verletzt, zu tief in ihrem Inneren, und begibt sich in eine (weil dies eine Marvel-Serie ist: wortwörtliche) Weltflucht, die in dieser Intensität nur noch mehr Leid nach sich zieht. 


Während die achte Episode somit vorführt, wie wir dort angelangt sind, wo die Serie begonnen hat, dreht sich Folge neun darum, dass Nutznießer und Antreibende von Wandas Elend in Zaum gehalten werden. Sowie darum, dass Wanda dieses fatale Tief verlassen muss, Selbsterkenntnis betreibt und den Preis dafür bezahlt (oder wenigstens den Willen zeigt, ihn zu bezahlen), wie sie anderen Schmerz dadurch zugefügt hat, dass sie ihrem eigenen Kummer ungesund entgegnete. Und weil dies halt eine Marvel-Cinematic-Universe-Serie ist, äußert sich dieser Prozess in allerhand Supergekloppe und Superkräfte-Strahlenrumgeschleuder. 


Durch das Veröffentlichen dieses Schlussaktes von WandaVision in Form von zwei Episoden, die noch dazu mit einer Woche Abstand erschienen sind, lag zwangsweise der Schwerpunkt der Finalfolge auf physischer Auseinandersetzung. Genauer gesagt auf physischer Auseinandersetzung übernatürlich befähigter Individuen. Und dann wurden auch noch weite Strecke dieser Kämpfe in der matschigen "Strahlen treffen auf Strahlen, und das Bild ist völlig mit unförmigem Zaubernebel überfrachtet"-Ästhetik ausgetragen, die schon Filme wie Batman v Superman: Dawn of Justice, Wonder Woman oder Justice League plagte. Das ist nicht der Eindruck, den ich aus dem Finale einer Serie wie WandaVision nehmen möchte. Ist das doch einer Serie, die mit den Mitteln der Superheldenerzählung und Mysteryelementen, von Verdrängung sowie Trauerbewältigung erzählt!

Daher hätte ich es besser gefunden, wären die Episoden acht und neun als eine große Folge veröffentlicht worden. Gerne auch noch mit gestutzter Action in der zweiten Hälfte und einem kürzeren Agatha-Rückblick (der zwar inhaltlich berechtigt ist, aber in der gebotenen Länge zu viel erzählerisches Gewicht von Wanda wegnimmt) zu Beginn der ersten Hälfte. 


Aber: Das betrifft in dieser Intensität ja nur meine unmittelbare Rezeption des Finales. Die Serie als solche verliert durch dieses Ende nur minimal als Überzeugungskraft. Und mit Ausnahme von Episode vier (die als Perspektivwechsel nicht nur eine strukturell erquickliche Zäsur darstellt, sondern zudem eine wertvolle, empathisch-kritische Außenansicht auf Wandas Position bringt), hätte ich zudem die S.W.O.R.D.-Szenen halbiert, da sie sich zu sehr auf die Zahnräder innerhalb der MCU-Logik der Serie konzentrieren, statt Wandas Charakterbogen voranzubringen. Doch das waren dann auch schon all meine nennenswerten Kritikpunkte.


Insgesamt bin ich nämlich überaus angetan von WandaVision. Verdrängungsmechanismen in Form einer außer Kontrolle geratenen Superkraft darzustellen, ist eine ebenso ungewöhnliche wie entwaffnende Art, sich dem Thema zu nähern. Geradlinige Dramen darüber mögen zweifelsohne den Reiz haben, dass sie authentisch und lebensnah wirken, allerdings erlauben sie auch, sich emotional zu wappnen und vor den Inhalten zu sperren, weil man ja weiß, worauf es hinausläuft. Die Nähe auf einer Ebene des Erzählprozesses gestattet eine Distanznahme auf einer anderen.

Ähnlich, wie Animationsfilme es vermögen, durch ihre künstlerische sowie gekünstelte Präsentation die "Verteidigung" des Publikums zu lockern, gestattet es der mystische Überbau von WandaVision, derweil, unbedarfter an seine Thematik zu schreiten. Es ist weniger wirklichkeitsgetreu, aber es kann auf andere Weise an Echtheit zulegen. So haben halt alle Erzählkulturen ihre Vorzüge, die fabelhafte und die bodenständigere ... 

Ich mein: Mir war von Beginn an klar, dass eine anfangs Episode für Episode eine andere Sitcomära imitierende Serie über die übernatürliche Wanda, die bislang ein Trauma nach dem nächsten erlebt hat, auf das Thema Verdrängung und Kummer hinauslaufen wird. Dazu musste ich gar keine Puzzlesteine zusammenlegen, das ließ sich schon den einzelne Stücken entnehmen.

Doch es schien mir zunächst eher Plotmotor zu sein. Die Ausrede, die Produzent Kevin Feige und Co. nehmen, um eine Serie zu entwerfen, die sich über Stilimitation und Geheimnisse definiert (was absolut seinen Reiz gehabt hätte). Ich ließ mich von den extrem pointierten Sitcom-Hommagen amüsieren, und durch die wöchentliche Veröffentlichung von der Rätselmanie, was genau innerhalb der Serienrealität abläuft, mitreißen. Während für mich die vielen Referenzen auf Marvel-Comics und -Schaffende nette, kleine, der Zerstreuung dienende Easter Eggs darstellten, sorgten die unzähligen Parallelen auf die bisherigen Marvel-Studios-Filme, die innerhalb Wandas zerbrechlicher Sitcom-Welt bemerkt werden konnten, für eine trügerische Auseinandersetzung mit Wandas Kummer:

Ich dachte beispielsweise bei den Werbespots an Situationen innerhalb der MCU-Timeline zurück, wie an Wandas Verlust ihrer Eltern. Oder an ihren tödlichen Fehler in Lagos. Sie wurden mir prägnanter in Erinnerung gerufen, das allerdings auf (oberflächlich betrachtet) emotional distanzierte Weise: "Ha, ich weiß, was die rote Flüssigkeit bedeuten soll, die komplett weggewischt wird, als sei nichts passiert. Wanda verdrängt Lagos! ... Ohwei ... wie böse." Ich durfte mir so vorkommen, als stünde ich über diesen Dingen, so als würde ich nur ein Rätselheft lösen. Aber ich wurde dadurch stärker involviert, womit sich die Fallhöhe für später vergrößerte. Und die zahlreichen Sitcom-Hommagen sowie -Anspielungen ließen eigene Nostalgie für heimelige TV-Momente aufkommen, sie ließen mich in selbst konsumiertem Eskapismus schwelgen. Ganz so wie Wanda. 

So kam es, dass es mich mittendrin sehr wohl unvorbereitet traf, als ungeschönt und direkt Wandas Trauer behandelt wurde, und die Serie in ein und derselben Episode vorführte, wie wohltuend seichte Unterhaltung sein kann, als auch, wie trügerisch und schlussendlich schädlich es ist, wenn man sich allein an Eskapismus festklammert, statt den wahren Problemen ins Auge zu blicken.

Ich möchte sagen: Regisseur Matt Shakman und Chefautorin Jac Schaeffer gelang es dank der Struktur ihrer Serie, der in emotionaler Ablenkung wie ungetäuschter Auseinandersetzung spitzen Dialogen, sowie des grandiosen Casts, mich gewissermaßen in Wandas Schuhe zu versetzen. Trotz von Anfang an bestehender Zweifel daran, dass ich ein reines eskapistisches Erlebnis haben werde, war ich willens, mich vom unter der Oberfläche brodelnden Ernst ablenken zu lassen. Bis es unvermeidbar war. Und unvermeidbar einprasselnde, schwere Gefühle wiegen sogleich doppelt so schwer. Die finale Auseinandersetzung damit wäre auch im ersten Moment einnehmender gewesen, wäre sie direkt im Tandem erfolgt. Aber Zeit ist ein dehnbarer Begriff: Noch liegt eine Woche zwischen dem Aufwühlen Wandas und dem Anbeginn des Aufbereitungsprozess, an die ich mich Tag für Tag erinnern kann. Schon in wenigen Wochen wird die Zeit zwischen den beiden Folgen für mich verschwimmen, ich werde wissen, dass sieben Tage zwischen Folge acht und neun lagen, aber das ist dann nur noch eine mir rational bewusste Zahl. Kein wahres Gefühl mehr. Darum werde ich WandaVision nicht daran messen, wie ich während der letzten Folge reagierte, sondern an der Gesamtheit der Serie und welchen Eindruck sie bei mir hinterließ.


WandaVision kann insofern für sich stehen, als dass der Erkenntnisprozess Wandas und ihre internen wie externen Querelen einen stimmigen Bogen ergeben. Und dass zwar angedeutet wird, dass Wanda die Kurve kriegen könnte, aber ein Hauch des Zweifels übrig bleibt, wäre ein ehrliches Ende (denkt an nur bis zum Abspann und erachtet alles danach als Vorschau auf andere Geschichten im selben Serienuniversum). Es ist ein ununterbrochener Prozess, sein Päckchen mit sich zutragen, und selbst wer lernt, schonender zu tragen, wird nie sicher sein können, ob man es nicht doch (wieder?) fallen lässt.


Doch da es das MCU ist, bleibt es nicht beim offenen Ende. Nun heißt es "Abwarten und Mitfiebern", ob Wanda wirklich die richtigen Schlüsse gezogen hat, oder in eine zornige Position gedrängt wird. Die Antwort bekommen wir voraussichtlich 2022. Und bis dahin hält unter anderem The Falcon and the Winter Soldier das MCU am Laufen. Ich freu mich drauf.