Freitag, 5. März 2021

Meine unsortierten Gedanken zu "WandaVision"

Spoilerwarnung: Ich setze voraus, dass ihr die Serie bereits komplett gesehen habt! 

Der Schlussakkord wurde unnötig unterbrochen. Mit dieser Negativität wollen wir beginnen.

Denn der Entschluss von Disney+ und den Marvel Studios, WandaVision wöchentlich zu veröffentlichen, statt die komplette Serie in einem Rutsch online zu stellen, kam in meinen Augen der Serie sehr zugute. Bloß hätten es idealerweise acht Folgen sein sollen, statt neun. Die Serie nicht mit einer XXL-Folge abzuschließen, sondern mit zwei XL-Episoden, hemmte für mich die Emotionalität dessen, wie alles zu einem Ende findet.


Episode acht (Was bisher geschah ...) und Episode neun (Das Serienfinale) stellen zwei Seiten derselben Medaille dar: Folge acht lässt uns schmerzlich nah Wendepunkte in Wandas Leben mit ansehen, und ermöglicht somit eine ungefilterte Kostprobe dessen, was in der von Elizabeth Olsen so wandelbar und komplex verkörperten Protagonistin vorgeht. "Survivor's Guilt", Kummer, das Gefühl, alleingelassen zu werden, Wut, Weltschmerz, all dies rumort in dieser Frau, die obendrein Kräfte hat, die sie selber nicht begreift. Auf der Superheldenserien-Ebene der Serie, und somit wortwörtlich in der Welt von WandaVision, ist das in dem Sinne zu verstehen, dass Wanda eine Hexe mit außerordentlicher Macht ist. Im übertragenen Sinne, wenn man bedenkt, auf welcher Thematik diese Serie fußt, ist damit gemeint, dass Wanda fähig ist, ihren Schmerz zu verarbeiten ... Aber aufgrund eines Mangels an sie verstehenden Vertrauenspersonen, einer ihr auf Augenhöhe begegnenden Trauerbegleitung, und angesichts eines falschen Selbstverständnisses, vergräbt sie alles, was sie verletzt, zu tief in ihrem Inneren, und begibt sich in eine (weil dies eine Marvel-Serie ist: wortwörtliche) Weltflucht, die in dieser Intensität nur noch mehr Leid nach sich zieht. 


Während die achte Episode somit vorführt, wie wir dort angelangt sind, wo die Serie begonnen hat, dreht sich Folge neun darum, dass Nutznießer und Antreibende von Wandas Elend in Zaum gehalten werden. Sowie darum, dass Wanda dieses fatale Tief verlassen muss, Selbsterkenntnis betreibt und den Preis dafür bezahlt (oder wenigstens den Willen zeigt, ihn zu bezahlen), wie sie anderen Schmerz dadurch zugefügt hat, dass sie ihrem eigenen Kummer ungesund entgegnete. Und weil dies halt eine Marvel-Cinematic-Universe-Serie ist, äußert sich dieser Prozess in allerhand Supergekloppe und Superkräfte-Strahlenrumgeschleuder. 


Durch das Veröffentlichen dieses Schlussaktes von WandaVision in Form von zwei Episoden, die noch dazu mit einer Woche Abstand erschienen sind, lag zwangsweise der Schwerpunkt der Finalfolge auf physischer Auseinandersetzung. Genauer gesagt auf physischer Auseinandersetzung übernatürlich befähigter Individuen. Und dann wurden auch noch weite Strecke dieser Kämpfe in der matschigen "Strahlen treffen auf Strahlen, und das Bild ist völlig mit unförmigem Zaubernebel überfrachtet"-Ästhetik ausgetragen, die schon Filme wie Batman v Superman: Dawn of Justice, Wonder Woman oder Justice League plagte. Das ist nicht der Eindruck, den ich aus dem Finale einer Serie wie WandaVision nehmen möchte. Ist das doch einer Serie, die mit den Mitteln der Superheldenerzählung und Mysteryelementen, von Verdrängung sowie Trauerbewältigung erzählt!

Daher hätte ich es besser gefunden, wären die Episoden acht und neun als eine große Folge veröffentlicht worden. Gerne auch noch mit gestutzter Action in der zweiten Hälfte und einem kürzeren Agatha-Rückblick (der zwar inhaltlich berechtigt ist, aber in der gebotenen Länge zu viel erzählerisches Gewicht von Wanda wegnimmt) zu Beginn der ersten Hälfte. 


Aber: Das betrifft in dieser Intensität ja nur meine unmittelbare Rezeption des Finales. Die Serie als solche verliert durch dieses Ende nur minimal als Überzeugungskraft. Und mit Ausnahme von Episode vier (die als Perspektivwechsel nicht nur eine strukturell erquickliche Zäsur darstellt, sondern zudem eine wertvolle, empathisch-kritische Außenansicht auf Wandas Position bringt), hätte ich zudem die S.W.O.R.D.-Szenen halbiert, da sie sich zu sehr auf die Zahnräder innerhalb der MCU-Logik der Serie konzentrieren, statt Wandas Charakterbogen voranzubringen. Doch das waren dann auch schon all meine nennenswerten Kritikpunkte.


Insgesamt bin ich nämlich überaus angetan von WandaVision. Verdrängungsmechanismen in Form einer außer Kontrolle geratenen Superkraft darzustellen, ist eine ebenso ungewöhnliche wie entwaffnende Art, sich dem Thema zu nähern. Geradlinige Dramen darüber mögen zweifelsohne den Reiz haben, dass sie authentisch und lebensnah wirken, allerdings erlauben sie auch, sich emotional zu wappnen und vor den Inhalten zu sperren, weil man ja weiß, worauf es hinausläuft. Die Nähe auf einer Ebene des Erzählprozesses gestattet eine Distanznahme auf einer anderen.

Ähnlich, wie Animationsfilme es vermögen, durch ihre künstlerische sowie gekünstelte Präsentation die "Verteidigung" des Publikums zu lockern, gestattet es der mystische Überbau von WandaVision, derweil, unbedarfter an seine Thematik zu schreiten. Es ist weniger wirklichkeitsgetreu, aber es kann auf andere Weise an Echtheit zulegen. So haben halt alle Erzählkulturen ihre Vorzüge, die fabelhafte und die bodenständigere ... 

Ich mein: Mir war von Beginn an klar, dass eine anfangs Episode für Episode eine andere Sitcomära imitierende Serie über die übernatürliche Wanda, die bislang ein Trauma nach dem nächsten erlebt hat, auf das Thema Verdrängung und Kummer hinauslaufen wird. Dazu musste ich gar keine Puzzlesteine zusammenlegen, das ließ sich schon den einzelne Stücken entnehmen.

Doch es schien mir zunächst eher Plotmotor zu sein. Die Ausrede, die Produzent Kevin Feige und Co. nehmen, um eine Serie zu entwerfen, die sich über Stilimitation und Geheimnisse definiert (was absolut seinen Reiz gehabt hätte). Ich ließ mich von den extrem pointierten Sitcom-Hommagen amüsieren, und durch die wöchentliche Veröffentlichung von der Rätselmanie, was genau innerhalb der Serienrealität abläuft, mitreißen. Während für mich die vielen Referenzen auf Marvel-Comics und -Schaffende nette, kleine, der Zerstreuung dienende Easter Eggs darstellten, sorgten die unzähligen Parallelen auf die bisherigen Marvel-Studios-Filme, die innerhalb Wandas zerbrechlicher Sitcom-Welt bemerkt werden konnten, für eine trügerische Auseinandersetzung mit Wandas Kummer:

Ich dachte beispielsweise bei den Werbespots an Situationen innerhalb der MCU-Timeline zurück, wie an Wandas Verlust ihrer Eltern. Oder an ihren tödlichen Fehler in Lagos. Sie wurden mir prägnanter in Erinnerung gerufen, das allerdings auf (oberflächlich betrachtet) emotional distanzierte Weise: "Ha, ich weiß, was die rote Flüssigkeit bedeuten soll, die komplett weggewischt wird, als sei nichts passiert. Wanda verdrängt Lagos! ... Ohwei ... wie böse." Ich durfte mir so vorkommen, als stünde ich über diesen Dingen, so als würde ich nur ein Rätselheft lösen. Aber ich wurde dadurch stärker involviert, womit sich die Fallhöhe für später vergrößerte. Und die zahlreichen Sitcom-Hommagen sowie -Anspielungen ließen eigene Nostalgie für heimelige TV-Momente aufkommen, sie ließen mich in selbst konsumiertem Eskapismus schwelgen. Ganz so wie Wanda. 

So kam es, dass es mich mittendrin sehr wohl unvorbereitet traf, als ungeschönt und direkt Wandas Trauer behandelt wurde, und die Serie in ein und derselben Episode vorführte, wie wohltuend seichte Unterhaltung sein kann, als auch, wie trügerisch und schlussendlich schädlich es ist, wenn man sich allein an Eskapismus festklammert, statt den wahren Problemen ins Auge zu blicken.

Ich möchte sagen: Regisseur Matt Shakman und Chefautorin Jac Schaeffer gelang es dank der Struktur ihrer Serie, der in emotionaler Ablenkung wie ungetäuschter Auseinandersetzung spitzen Dialogen, sowie des grandiosen Casts, mich gewissermaßen in Wandas Schuhe zu versetzen. Trotz von Anfang an bestehender Zweifel daran, dass ich ein reines eskapistisches Erlebnis haben werde, war ich willens, mich vom unter der Oberfläche brodelnden Ernst ablenken zu lassen. Bis es unvermeidbar war. Und unvermeidbar einprasselnde, schwere Gefühle wiegen sogleich doppelt so schwer. Die finale Auseinandersetzung damit wäre auch im ersten Moment einnehmender gewesen, wäre sie direkt im Tandem erfolgt. Aber Zeit ist ein dehnbarer Begriff: Noch liegt eine Woche zwischen dem Aufwühlen Wandas und dem Anbeginn des Aufbereitungsprozess, an die ich mich Tag für Tag erinnern kann. Schon in wenigen Wochen wird die Zeit zwischen den beiden Folgen für mich verschwimmen, ich werde wissen, dass sieben Tage zwischen Folge acht und neun lagen, aber das ist dann nur noch eine mir rational bewusste Zahl. Kein wahres Gefühl mehr. Darum werde ich WandaVision nicht daran messen, wie ich während der letzten Folge reagierte, sondern an der Gesamtheit der Serie und welchen Eindruck sie bei mir hinterließ.


WandaVision kann insofern für sich stehen, als dass der Erkenntnisprozess Wandas und ihre internen wie externen Querelen einen stimmigen Bogen ergeben. Und dass zwar angedeutet wird, dass Wanda die Kurve kriegen könnte, aber ein Hauch des Zweifels übrig bleibt, wäre ein ehrliches Ende (denkt an nur bis zum Abspann und erachtet alles danach als Vorschau auf andere Geschichten im selben Serienuniversum). Es ist ein ununterbrochener Prozess, sein Päckchen mit sich zutragen, und selbst wer lernt, schonender zu tragen, wird nie sicher sein können, ob man es nicht doch (wieder?) fallen lässt.


Doch da es das MCU ist, bleibt es nicht beim offenen Ende. Nun heißt es "Abwarten und Mitfiebern", ob Wanda wirklich die richtigen Schlüsse gezogen hat, oder in eine zornige Position gedrängt wird. Die Antwort bekommen wir voraussichtlich 2022. Und bis dahin hält unter anderem The Falcon and the Winter Soldier das MCU am Laufen. Ich freu mich drauf.

Freitag der Karibik #72

 Where's a Pirate?

Vieles ist seit dem letzten Freitag der Karibik geschehen! Box-Office-Analysten sagten die Pirates of the Caribbean-Saga tot, weil sie mit Teil fünf "nur" 794 Millionen Dollar eingenommen hat. Dann wurde öffentlich, dass Disney derzeit an zwei Pirates of the Caribbean-Filmen arbeitet. Nicht an zwei Entwürfen, von denen sich dann einer durchsetzen soll. Nein. Es werden zwei Filme entwickelt, die Disney umgesetzt sehen will. Gerüchteweise einer, der die altbekannte Filmwelt fortführt (wenngleich mit neuen Figuren im Fokus), und einer, der eher eine Art Neustart darstellt.

Und da drängt sich mir eine Frage auf: Was sollte mit He's a Pirate geschehen, wenn Jack, Will, Elizabeth und Konsorten nicht mehr im Fokus der Filmreihe stehen? Ist das Motiv so eng mit den Figuren verwoben, dass es unpassend wäre, es ohne sie weiter zu verwenden? Oder ist das Motiv eher mit der Filmreihe verquickt, so dass es falsch (und enttäuschend wäre), ohne es weiterzumachen?

Meine Position dazu: He's a Pirate könnte weiter verwendet werden. Während The Medaillon Calls alias "Jack Sparrows Einmarschmusik" fest mit Jack assoziiert ist, und daher ohne ihn nicht mehr in purer Form verwendet werden sollte (über kurze, kaschierte Referenzen ließe sich reden), ist He's a Pirate ein allgemeiner eingesetztes Stück. Allein schon, dass seine pure (und wohl am stärksten in den Köpfen des Publikums verankerte) Version im Abspann von Fluch der Karibik vorkam, und es generell im ersten Teil immer wieder während Actionmomenten variiert wird, sollte das deutlich unterstreichen.

He's a Pirate in einem Film ohne Will, Jack und Elizabeth einzusetzen, wäre also nicht so, als würde man einen heroischen Akt von Thorin Eichenschild in Der Hobbit mit einem schaurig-schurkischen Motiv aus Der Herr der Ringe untermalen. Oder sowas in der Art. Dennoch weiß ich nicht, wie ich zu einem sturen "Wir benutzen He's a Pirate exakt so wie früher, denn das ist, was die Fans wollen"-Denken stehen würde. 

Letztlich kommt es natürlich auf den Film, seine Tonalität, Story, Figuren und den Moment an, in dem man auf He's a Pirate zurückgreifen würde. Vielleicht findet man den perfekten Rückgriff, in dem es die altbekannte, pure Version sein muss, eventuell aber auch nicht. Per se, rein theoretisch gesprochen, würde ich aber hoffen, dass man dieses großartige Stück Musik nicht als Krücke benutzt, um sich im neuen Kapitel der alten Pirates of the Caribbean-Welt einerseits, geschweige denn beim ersten Kapitel in einem neuen Pirates of the Caribbean-Buch andererseits, auf alten Verlässlichkeiten ausruhen zu können.

Mein Gespür würde daher besagen, dass man bei Pirates of the Caribbean: Welchen Seemansgarn in der von Gore Verbinski errichteten Welt können wir denn noch so spinnen? musikalisch besser an Teil fünf anschließt als an Teil vier, sich also stärker darum bemüht, neue Themen prominent aufzubauen, statt alte abzuwandeln. Eine hörbar umarrangierte, aber klar wiedererkennbare He's a Pirate-Version, wie sie Geoff Zanelli im Abspann verwendet, darf liebend gern hier und da auftauchen. Ist ja auch die altbekannte Filmwelt, wenngleich wir uns in anderen Winkeln tümmeln, da ist das noch gut zu vernehmende Echo bekannter Musik durchaus angebracht.

Kniffliger wird es beim gerüchteweise eigenständigeren Pirates of the Caribbean-Projekt: Auf der einen Hand muss man diese Eigenständigkeit auch deutlich ausdrücken und durchziehen. Auf der anderen Hand wäre die Frage erlaubt, weshalb das denn dann noch Pirates of the Caribbean sein soll, statt etwa eines gänzlich neuen Piraten-Franchises, wenn man sich völlig von ikonischen Aspekten der Filmreihe distanziert. Wie etwa He's a Pirate.

Das ist eine wesentlich kompliziertere Balance, die man halten müsste, als beim obigen Gedankenspiel. Meine Annäherung wäre es wohl, in diesem Film He's a Pirate noch stärker umzuarrangieren und behutsam in die wahrscheinlich neue Klangwelt dieses Abenteuers einzuweben. So, dass das Publikum beim Zuschauen nicht raushört: "Oh, sie spielen endlich die Hits!" Es sollte eher eine unterbewusste Familiarität werden, quasi ein "Oh, wenn ich aufmerksam dem Album lausche, realisiere ich, weshalb ich dieses komfortable Gefühl habe, einen alten Bekannten wieder zu treffen: Da versteckt sich He's a Pirate in der Komposition!"


Aber egal, wie die Verantwortlichen vorgehen werden ... Ich kann erste, konkrete Meldungen über die zwei PotC-Filme nicht abwarten! 

Donnerstag, 4. März 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil III)

was bisher geschah ...

Wir nähern uns allmählich den Top Ten, aber alles schön der Reihe nach. Erst ein paar Ehrennennungen, dann die Ränge 20 bis 11, und dann bald das große Finale dieses Jahresrückblicks. Also: Spike Lees Da 5 Bloods hat mit Delroy Lindos Darbietung eines politisch streitbaren, schwarzen Vietnamkriegsveteranen eine der besten Schauspielleistungen des Jahres zu bieten. Um Lindo herum fehlt mir manchmal die Würze etwa eines BlacKkKlansman, aber allein schon seinetwegen muss der Film wenigstens in meine Ehrennennungen. Guy Ritchies The Gentlemen wiederum ist ein sehr unverfrorener, launiger Rücksturz in frühere Ritchie-Tonalitäten und besticht nicht nur mit denkwürdigen Zitaten, sondern vor allem mit einer atemberaubende Garderobe (Charlie Hunnams blauer Mantel allein ist schon Oscar-würdig!), während Judd Apatows The King of Staten Island die empathische Mutfindung eines kriselnden Endzwanzigers nachskizziert und dabei mit vielen denkwürdigen Dialogwitzen punktet.


Glen Keanes Animationsfilm Die bunte Seite des Mondes ist visuell beeindruckend, einfallsreich und hat einige Ohrwürmer zu bieten, Curtiz ist der zweitbeste Schwarzweiß-Film des Jahres über die Produktion eines Klassikers der goldenen Studioära, und Becky ist ein schön-bös-gewalthaltiges "Junges Mädchen attackiert Neonazis"-Filmvergnügen. Cathy Yans Birds of Prey (and the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn) schlussendlich ist in den besten Momenten ein Emanzipation auf mehreren Ebenen durchexerzierendes Superantiheldinnenerlebnis, in dem vor allem Margot Robbie und Mary Elizabeth Winstead schauspielerisch glänzen und Yan inszenatorisch aufdreht. Zwischendurch verliert der Film ein Stückchen weit an Verve, daher ist er ganz, ganz knapp an den Tops gescheitert. Aber ich will dringend mehr von Yan sehen und hoffe, dass DC öfter in der Brids of Prey-Stimmung operiert. So ... und nun ... die nächsten Plätze der Hitliste!

Platz 20: Relic (Regie: Natalie Erika James)

Natalie Erika James' Gruseldrama Relic über Alters- und Erbkrankheiten sowie Familienzusammenhalt, Fürsorge und die Angst, in die (gesundheitlichen) Fußstapfen seiner Eltern zu treten, ist ebenso poetisch-wunderschön wie herzzerreißend-besorgniserregend. Alle drei zentralen Frauen in diesem Film haben Seiten, die zur Identifikation und Empathie einladen, wie auch Aspekte an sich, die dazu einladen, kritisch über uns selbst nachzudenken und sich von ihrem Verhalten beunruhigen zu lassen. Aber nicht nur, dass Emily Mortimer, Robyn Nevin und Bella Heathcote mitreißend spielen, darüber hinaus ist James' Regieführung beachtlich. Vor allem der dritte Akt ist wundervoll desorientierend, was mich auf handwerklicher Ebene begeistert, auf rein oberflächlicher Grusel-Ebene sehr effektiv ist und schlussendlich emotionale Signifikanz für die Figuren hat und somit die Themen und Charakterisierungen des Films spitz zusammenbringt.

Platz 19: Bad Boys for Life (Regie: Adil El Arbi & Bilall Fallah)

Ein weiteres Bad Boys-Sequel, nun aber ohne Michael Bay auf dem Regiestuhl? Ich war skeptisch, immerhin definierten sich die ersten beiden Buddy-Actioner vor allem durch Bays Stilistik. Jedoch war ich auch neugierig, denn mit Adil El Arbi & Bilall Fallah heuerte Produzent Jerry Bruckheimer ein fähiges belgisches Regie-Duo an, das schon in seinem Heimatland eine Ästhetik entwickelte, die nah am Bruckheimer-Style der 90er und frühen 00er ist. Dass er das Gespann zudem sofort für zwei seiner Franchises einlud (nämlich auch für Beverly Hills Cop) gab mir ein wenig Vertrauen. Und, wie sich zeigen sollte: Das völlig zurecht! Bad Boys for Life ist unverschämt unterhaltsam! Will Smith und Martin Lawrence knüpfen da an, wo sie aufgehört haben, und glänzen nun mit der "eingelebten" Dynamik zweier alternder Freunde. Arbi und Fallah bleiben nah genug an der Hochglanz-Krawall-Seite Bays, dass der Film als Fortführung seines Schaffens verstanden werden kann, und finden dennoch eine eigene (weniger hektische) Bildsprache mit kräftigen Farbkontrasten. Die altbekannten Figuren werden stimmig vertieft, die neuen Schurken sind kurzweilig, es gibt mehrere Actionpassagen, die in Erinnerung bleiben, und die Sprüche machen Laune. Oh, und der Score von Lorne Balfe geht hier mehr in die Richtung, die ich mir von ihm in 6 Underground gewünscht hätte. Mehr davon!

Platz 18: Taylor Swift: Miss Americana (Regie: Lana Wilson)

In der Dokumentation Taylor Swift: Miss Americana begleiten Lana Wilson und ihr Team Taylor Swift auf einem Scheideweg: Während der Phase, während der sie eine neue Selbstwahrnehmung entwickelt, kritischer denn je über die Medienberichterstattung rund um sie nachdenkt, das Selbstbewusstsein entwickelt, sich dagegenzustellen, politisch offen zu kommunizieren und zudem ihre hoch theatralische Reputation-Phase abstreift. Wilson schafft daraus aber keinen filmischen Wikipedia-Artikel über Swift, sondern nutzt diesen Einblick in ihren Kreativ- sowie Selbstfindungsprozess als Sprungbrett, um größere, allgemeinere Themen anzuschneiden. Taylor Swift: Miss Americana ist eine großartige Dokumentation über Feminismus, Medienpolitik und sogleich mehrere mediensozilogische Phänomene. Sehr sehenswert!

Platz 17: Jojo Rabbit (Regie: Taika Waititi)

Ganz in der Tradition von Ernst Lubitsch weigert sich Taika Waititi in Jojo Rabbit, dem von ihm kritisierten Faschismus auch nur ein Stück Deutungshoheit zu gewähren. Denn eine Darstellung Hitlers oder ideologisch überzeugter Nazis als fähig und einschüchternd würde denen letztlich nur in die Karten spielen, holt so etwas doch immer irgendwelche politisch verwirrte Leute ab. Nimmt man ihnen jedoch ihre einschüchternde Wirkung, entzieht man ihnen ihre Kraft. Jojo Rabbit befolgt das und stellt unentwegte Propaganda überdeutlich als die Gehirnwäsche, die Leuten lächerliche, abscheuliche Ideen einredet, dar, die sie ist. Die große Kunst ist es, die Inhalte ins Lächerliche zu überziehen, ohne die grauenvollen, reellen Konsequenzen zu verlachen. Und auch das gelingt Jojo Rabbit: So beißend-urkomisch der Film zwischendurch sein kann, macht er noch immer klar, dass man auch die weltfernste, abartigste Denkweise nie unterschätzen darf, da von ihr noch immer große Gefahr ausgeht. Jojo Rabbit sorgt für Lachtränen wie auch Tränen der Erschütterung - und skizziert auf denkwürdige Weise, wie wertvoll es ist, gegen die Ausbreitung hasserfüllter Ideologien anzukämpfen und aufzuklären. 

Platz 16: Possessor (Regie: Brandon Cronenberg)

Aus der Kategorie "Festivalfilme 2020, die noch keinen deutschen Starttermin haben, und daher von mir der Einfachheit halber auch in die 2020-Topliste kommen": Die zweite Langfilm-Regiearbeit von Brandon Cronenberg. Der Film spielt in einer Welt, in der Auftragskiller eine neue, fiese Methode haben, um ihre Ziele zu erledigen. Denn eine Killeragentur versetzt ihre Täter in den Körper anderer Menschen, die dann, von den Killern besessen und fremdgesteuert, in die Nähe ihrer Ziele gelangen. Cronenberg macht daraus einen eisig kalten, hoch stilisierten Film, bei dem der Kontrollverlust gewieft visualisiert wird, und der uns tief in die verschwimmenden Leben des Kontrollierten  (stark: Christopher Abbott) und der Kontrollierenden (fantastisch: Andrea Riseborough) absteigen lässt. Die Gewaltspitzen sind rar, aber dafür ebenso wie die Mindfuck-Momente mit herausragenden praktischen Effekten umgesetzt. 

Platz 15: Happiest Season (Regie: Clea DuVall)

Weihnachtsmuffel Abby Holland (Kristen Stewart) und Weihnachtsnärrin Harper Caldwell (Mackenzie Davis) sind seit etwa einem Jahr zusammen und beschließen ultrakurzfristig, die Feiertage zusammen bei Harpers Eltern zu verbringen. Harper will ihrer Freundin somit das ungeliebte Fest wieder näher bringen, Abby freut sich derweil, somit eine vielversprechende Gelegenheit zu haben, um Harper zu fragen, ob sie sie heiraten will. Auf der Fahrt zu Harpers Eltern macht sie jedoch eine unerwartete Beichte: Sie hat sich in ihrer Familie noch nicht geoutet und bittet Abby daher, sich über Weihnachten nur als Mitbewohnerin auszugeben. Was folgt, ist eine bestechend toll geschriebene Festtags-Liebes-Dramödie, in der wir Abby dabei zusehen, wie sie mit ihrem Frust darüber hadert, von Harper in eine Art emotionale Gefangenschaft genommen worden zu sein, und wie Harper mit sich ringt, Verantwortung für dieses Handeln zu übernehmen und ihre Gründe für diese Trickserei auszudrücken. 

DuValls und Mary Hollands Skript lässt ohne Unterlass das Verständnis für die Maskerade bei Harpers Eltern fluktuieren, DuValls Inszenierung ist mit weihnachtlichem Glanz und immer wieder prägnant um die Ecke kommender Schwere versehen, und der Cast ist einfach famos! Kristen Stewart, Mackenzie Davis, Alison Brie, Aubrey Plaza, Dan Levy, Mary Holland, Victor Garber und Mary Steenburgen sind allesamt spitze gecastet und (dis-)harmonieren wundervoll. Könnte ein neuer Weihnachtsfilmklassiker werden.

Platz 14: Bliss (Regie: Joe Begos)

Now that's what I call Kunsthorror: In Bliss dreht sich alles um die freischaffende Malerin Dezzy, die sich gerade in einer Schaffenskrise befindet und daher Inspiration ... oder Ablenkung ... oder Erlösung von ihrem Frust ... oder alledreizusammen in Drogen und Party sucht. Und somit sehen wir Dezzy Drogen nehmen, Party machen, Sexpartner suchen, Sex haben, laut Metal hören und dabei, wie sie nackt malt. Und dann wieder beim Drogen nehmen, Party machen, Rumvögeln, laut Metal hören und nackt Malen. Woraufhin sie Drogen nimmt, Party macht, wild rumvögelt, laut Metal hört und nackt malt. Bis alles verschwimmt. Und ist sie womöglich besessen? Oder verliert sie ihren Verstand? Oder frisst ihre Kunst sie von innen auf? Oder alledreizusammen? Soghaft inszeniert, ungeheuerlich konsequent umgesetzt und dreckig-peppig gespielt.

Platz 13: Mank (Regie: David Fincher)

An der Oberfläche ist Mank eine Citizen Kane-Hommage, auf der zweiten Ebene ein Making-of-Drama wie Curtiz oder Ed Wood. Doch darunter ist Mank noch viel, viel mehr, und es ist unfassbar schade, dass so viele Leute Mank auf die ersten beiden Ebenen reduzieren. Es ist ein Drama über den Akt des Kunstschaffens, inklusive der Frage, wer wie viel Credit veredient und wie direkt oder indirekt Inspirationen aus dem eigenen Leben in das Schaffen einfließen. Es ist ein Meta-Kommentar sowohl auf den aktuellen Stand Hollywoods als auch darauf, wie sich die medienpolitische Historie immer wieder wiederholt. Es ist ein Drama über Selbstblendung, mediale Manipulation und das Verkennen der Zeichen, die schon an der Wand stehen. Gary Oldman ist wie gemacht für die Rolle des grantigen, wortgewandten Alkoholikers (Die dunkelste Stunde lässt grüßen), Amanda Seyfried glüht in jeder ihrer Szenen, und Finchers Regieführung ist überaus detailverliebt. 

Platz 12: The Assistant (Regie: Kitty Green)

Ein Tag im Leben einer Frau an einem männerdominierten Arbeitsplatz, in diesem Fall spezifisch einer Assistentin in einer Filmproduktionsfirma (ich denke, viele hören die Nachtigall hier schon trapsen), wenngleich ähnliches in unzähligen anderen Branchen geschehen könnte. Regisseurin und Autorin Kitty Green beobachtet ganz fein, lässt uns unangenehm nah an die andauernden Mikroaggressionen, Doppeldeutigkeiten, Abfälligkeiten und Blicke heranrücken. Julia Garner ist brillant in der Titelrolle und Matthew Macfadyen in völliger Beiläufigkeit ungeheuerlich ätzend in seiner Ignoranz und Arroganz.

Platz 11: Die Weite der Nacht (Regie: Andrew Patterson)

Ein Paradeexemplar für ein Langfilmregiedebüt mit immensem Selbstbewusstsein: Andrew Patterson lässt uns tief in die Welt einer Episode einer fiktiven Twilight Zone-Trittbrettfahrerserie im Sci-Fi-genre abtauchen. Kompliziert konstruierte Plansequenzen, lang beobachtende Einstellungen, die eine junge Telefonistin und einen jungen Radiomoderator bei ihrer Arbeit zeigen, bei der sie schalten, drücken, drehen und aufrollen wie im Schlaf. Das Bild verschwindet, um Radiodrama-Atmosphäre zu erzeugen. Was in schwächerer Hand konfus und überambitioniert werden könnte, dient hier dank Pattersons zielstrebiger Regiearbeit und dem atmosphärischen sowie doppelbödigen Skript einer packenden Sci-Fi-Mystery-Story, die wiederum auf den Schultern zweier großartiger Jungdarsteller ruht. Sierra McCormick und Jake Horowitz glänzen in ihren Rollen, die etwas progressiv für ihre Zeit sind, aber dennoch ganz klar Produkte ihrer Gesellschaft darstellen, und daher immer wieder an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft und ihres empathischen Verständnisses geraten.

Fortsetzung folgt ...

Mittwoch, 24. Februar 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil II)

 was bisher geschah ... 

Bevor ich euch die Plätze 30 bis 21 meiner Lieblingsfilme aus dem Jahr 2020 präsentiere, möchte ich euch noch ein wenig auf die Folter spannen, indem ich ein par Ehrennennungen tätige. Dies sind ein paar der Filme, die es fast in die Tops geschafft hätten: Das Beziehungsdrama Was wir wollten, in dem Elyas M'Barek und Lavinia Wilson mit Worten und Körpersprache den kinderreichen Urlaub eines kinderlosen Paares gefühlvoll aufbereiten. Togo, ein spannendes Disney+-Original, das Erinnerungen an Disney-Abenteuerdramen wie Iron Will und Wolfsblut erweckt. Die launige Musikkomödie Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga, deren Charme ich erst beim zweiten Mal so richtig zu spüren bekam, und die mit dem großen Partymedley und einer goldigst aufgelegten Rachel McAdams punktet. Das sehr atmosphärische deutsche Drama Der Geburtstag, dessen Kameraarbeit preiswürdig ist! Und der blutige polnische Krimi Plagi Breslau, der zwischendrin leider auf Autopilot schaltet, in seinen extremeren Momenten aber sehr schön tabulos ist.

Und nun, ohne weitere Ausschweifungen, die nächsten Tops!

Platz 30: Der Schacht (Regie: Galder Gaztelu-Urrutia)

Manche bezeichnen Der Schacht als "Snowpiercer, aber vertikal" und meinen das als Beleidigung. Das finde ich unverschämt. Schließlich ist das doch ein ziemliches Qualitätskriterium, zumal Galder Gaztelu-Urrutia ja nicht dreist klaut, sondern schlicht mit einer ähnlichen Mentalität operiert: Einmal Gesellschafts- und Wirtschaftssystemkritik, völlig unsubtil mit dem Vorschlaghammer gekonnt auf uns eingedroschen. Das Konzept dessen, wie Der Schacht die Unsinnigkeit des "Trickle-Down"-Wirtschaftsirrglaubens ins Absurde überführt, und nicht allein das kaputte System, sondern auch diejenigen, die daran festhalten, in Gefangenschaft nimmt, ist mit verständlicher Wut, nachvollziehbarer Angewidertheit und innerhalb der Logik dieser Metapher auch völlig konsequent durchgezogen. Es fehlt etwas von der Tragik und der stolz umgesetzten Schrägheit eines Snowpiercer, daher ist dies im Wettstreit der zwei oft verglichenen Filme der für mich schwächere, dennoch hätte ich Der Schacht mehr Standfestigkeit in der breiten Wahrnehmung gegönnt als den bloßen, kurzen "Erschien früh während der Pandemiemaßnahmen und daher haben ihn viele entdeckt, kurz gehyped und dann vergessen"-Rausch, den er erhalten hat.

Platz 29: Prom (Regie: Ryan Murphy)

Ryan Murphy ist in den Kreisen der Film- und Serienverliebten nicht unumstritten. Das ist für mich insofern nachvollziehbar, als dass die Qualität seiner Projekte massiv schwanken kann. Von solchem Elend wie American Horror Story: Apokalypse bis hin zu solchen unterschätzten Glanzleistungen wie Hollywood kann alles dabei sein. Nach der ernüchternden Einer flog über das Kuckucksnest-Prequelserie Ratched stand es bei neueren Murphy-Produktionen bei mir erstmal 1:1, doch dann konnte sein Musical Prom bei mir die Ryan-Murphy-Statistik 2020 ins Positive kippen: Als hätte jemand Kenny Ortega endlich mal wieder ein sattes Budget gegeben, lässt Prom seine campige Flagge stolz wehen und vermischt aufmunternde Gute-Laune-Coming-Out-Emotionalität mit massiver Selbstironie. Meryl Streeps Song darüber, wie toll sie ist, ist sehr lustig, ihre Chemie mit Keegan-Michael Key ist charmant, Nicole Kidman punktet endlich mal wieder in einem leichteren Stoff, und Jo Ellen Pellman ist wunderbar als das Schulmädchen, das an seiner Schule wegen seiner Orientierung gechasst wird. Kameramann Matthew Libatique kreiert glänzende Farbwelten und James Corden fällt nicht negativ auf.

Platz 28: Giant Little Ones (Regie: Keith Behrman)

Premiere: 2018 auf dem Toronto International Film Festival. US-Kinostart: 2019. In Deutschland im Frühling 2020 als DVD-Start verfügbar gemacht, und Ende 2020 bei Amazon Prime relativ prominent positioniert. Und noch immer weitestgehend unbekannt: Keith Behrmans Drama über einen Jugendlichen, der seine sexuelle Identität entdeckt (oder wenigstens intensiv über sie nachgrübelt), hat noch immer keine hörbare Lobby im Filmdiskurs. Was für ein Jammer! Denn Hauptdarsteller Josh Wiggins spielt den schüchternen Schüler und Schwimmsportler Franky, der sich nicht traut, mit seiner Freundin das erste Mal zu vollziehen, und durch ein volltrunkenes Abenteuer mit seinem besten Freund ins Grübeln gerät, sehr bestechend:


Ruhig, in sich gekehrt, nachdenklich und mit vielen pubertären Widerhaken. Er muckt Klischees raunzend gegen seinen homosexuellen Vater auf, während er selbst unter dem homophoben Mobbing leidet, das sein brutal selbstverleugnende Nun-nicht-mehr-Kumpel anstachelt. Wiggins vereint diese Widersprüche, die Frankys Selbstfindungsprozess begleiten, durch ein filigranes Spiel, und wie Regisseur/Autor Behrman Franky während dieses Prozesses neue Erkenntnisse über sein Umfeld machen lässt, rundet dieses Drama sehr gut ab: Sei es, dass sich Mouse (Niamh Wilson) ihm gegenüber offener zeigt, oder er endlich hinterfragt, wie der Rest seine Schule über Natasha (berührend: Taylor Hickson) denkt, der abfällige Gerüchte nachhängen, obwohl da eine ganz, ganz andere Geschichte hinter steckt ... All dies führt nicht nur Frankys Geschichte voran, sondern gibt Giant Little Ones auch plausible Gründe, andere Selbstentdeckungsstorys zu erzählen.

Platz 27: Monsieur Killerstyle (Regie: Quentin Dupieux)

Manchmal dauert es eben leider länger: Ich habe Deerskin bereits 2019 im Kino sehen dürfen, und zwar im Rahmen des Filmfestival Cologne. 2020 bekam die Quentin-Dupieux-Regiearbeit dann ihre reguläre Auswertung in unseren Breitengraden. Und anders als Die Wache wurde der satirische Fashion-Grusel sogar auf Blu-ray veröffentlicht. Dafür muss man einen dämlichen, neuen Titel schlucken. In Monsieur Killerstyle (*augenroll*) beschafft sich ein frisch getrennter, dusseliger Kerl mit Hang zum spontanen Flunkern (hervorragend: Jean Dujardin) eine altmodische Wildlederjacke. Und findet sich daher saucool. So megasaucool, dass er alle anderen Jacken aus dem Verkehr ziehen will. Weil die Jacke es ihm sagt. Oder er ziemlich fragil ist, entscheidet selbst. Trockener Humor, wissentlich-alberne Auswüchse des Plots und Adèle Haenel als unwissende (?!) Mithelferin des immer weiter den Bezug zur Realität verlierenden Protagonisten, machen dies zu einem vergleichsweise ruhigen, aber auch vergleichsweise bösen Dupieux-Vergnügen. 

Platz 26: Fried Barry (Regie: Ryan Kruger)

Barry ist ein alkoholsüchtiger Niemand, der seiner Familie nicht ausreichend Liebe zukommen lässt und viel zu oft in seine Stammkneipe flieht. Eines Tages entführen ihn Aliens, zuuuuuufälligerweise kurz nachdem er eine extra harte Droge probiert hat. (Oder: Er ist auf einem so harten Trip, dass er denkt, dass er entführt wurde.) Nun ist Barry nicht mehr in der Lage, richtig zu sprechen. Aber er ist nun auch eine nimmermüde, wenngleich lethargische Partymaschine: Regisseur Ryan Kruger entführt uns in Fried Barry auf einen ellenlangen Trip durch die ranzigsten Slums und leergefegtesten Clubs, bei dem wir ständig an Barrys Fersen haften, der mit durchgekokeltem Verstand jede Situation nimmt, wie sie kommt ... und ab und zu die seltsamsten, witzigsten oder verstörendsten Halluzination erlebt. Und gelegentlich Gutes tut, ohne dass man sich ganz klar sein kann, wie bewusst er sich dessen ist. Ein staubiger, siffiger, schräger Film, der leider wahlweise ein paar Minuten zu lang geht oder ein paar Minuten zu kurz ist, und dessen Rückgriffe auf gallige Schwulen-Stereotypen mir nicht passen (ich denke, es soll Barrys Milieu kritisch darstellen, kommt aber ganz anders rüber). ABER: Für die durchgeknallte Grundidee, die schrillen inszenatorischen Auswüchse zwischendurch, und die atemlose Konsequenz, mit der der Film sein Ding durchzieht, komm ich nicht umhin, ihn in meine Top 30 zu packen! Wie gesagt, ich hätte mir nur ein anderes Ende gewünscht ... Böser oder schräger, nicht aber diesen Kompromiss, den Fried Barry geht.

Platz 25: Ma Rainey's Black Bottom (Regie: George C. Wolfe)

Wenn bei der Aufnahme einer Jazzplatte alle Hemmungen fallen: Dieser Kammerspiel-Streitfilm auf Basis eines Thaterstücks von August Wilson lässt dickköpfige Persönlichkeiten über schwarzen Stolz, die Verpflichtungen sich selbst gegenüber und der Community, künstlerische Integrität und (vertane) Chancen streiten. Wolfe fängt das beengte Setting effizient ein und lässt den Cast glänzen, insbesondere Viola Davis und den viel zu früh verstorbenen Chadwick Boseman. Stark!

Platz 24: Swallow (Regie: Carlo Mirabella-Davis)

Hayley Bennett spielt in Swallow eine junge, verheiratete Frau und werdende Mutter, die unentwegt ihre Würde runterschluckt: Sie lässt sich von ihrem Mann herumkommandieren und kritisieren, ihre Schwiegereltern kommen niemals vom hohen Ross runter und die Freunde ihres Gatten sind alles andere als astrein. Als diese Frau, die obendrein eine äußerst unschöne Familienvorgeschichte hat, in einer Art gläsernen Palast von einem Käfig gelangweilt und eingesperrt vor sich hinlebt, entwickelt sie eine Neurose und schluckt spitze und/oder große, unverdauliche Dinge ... 

Davon ausgehend entwickelt sich Swalllow zu einem klugen, berührenden Drama über eine Frau, die sich freikämpft. Betörend inszeniert und so geschrieben, dass die ungesagten Dinge oft mehr schmerzen als die gesagten: Swallow ist sehr sehenswert und macht große Hoffnungen, dass Bennett öfter solche Rollen annimmt, denn hier ist sie wirklich herausragend.

Platz 23: Black is King (Regie: Beyoncé, Blitz the Ambassador, Ibra Ake, Emmanuel Adjei und Kwasi Fordjour)

"Disney macht auch nur noch Big-Budget-Popcornkino", ist so ein ernüchterndes Statement. Ignorieren Leute, die das behaupten, doch Filme wie Togo. Oder halt so etwas wie Black is King, das völlig ungerechtfertigt total untergegangen ist: Ein 85-minütiger Farbtrip, der auf assoziative Weise (mit Einflüssen aus Mythologien, Sci-Fi und urbaner Musikkultur) sehr frei Der König der Löwen neuinterpretiert und mit berauschender Exzentrik Black Pride und Black Heritage zelebriert? Ohja, der Mainstream und Popcornrumel schlechthin ... Die sporadischen Soundschnipsel aus Jon Favreaus Der König der Löwen-Remake hätte es wahrlich nicht gebraucht, weil sie in unregelmäßigen Abständen die Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit von Black is King stören, und leider ist Beyoncé, die den Soundtrack beisteuerte, einfach nicht auf meiner musikalischen Wellenlänge. Daher bleibt Black is King in meiner herzgesteuerten Hitliste ein wenig hinter den Möglichkeiten. In einer kopfgesteuerten, auch expliziter an ein Publikum gerichteten Liste "Welche Filme würde ich in den Kanon 2020 aufnehmen" wäre er aber nochmal deutlich höher. Das nun bei Seite: Auf jeden Fall ist dieses außergewöhnliche Projekt überaus denkwürdig, verdient sehr viel mehr Beachtung und eine regelrecht hypnotische Erfahrung. Unbedingt nachholen!

Platz 22: Die Misswahl (Regie: Philippa Lowthorpe)

Angelehnt an wahre Ereignisse, erzählt Die Misswahl überraschend nuanciert, aufmunternd und anregend von einem Frauenprotest während der Miss-World-Wahl 1970. In dieser Dramödie sehen wir die Historikerin Sally Alexander (Keira Knightley), die Feminismus der Denkschule "Wir müssen uns einen Platz am Tisch erkämpfen, um von dort aus Gleichberechtigung zu erkämpfen" betreibt, wie sie sich angesichts der Miss-World-Wahl-Veranstaltung einer linken Aktivistinnengruppe anschließt, die mehr nach dem Motto "Wir müssen den Männer-Stammtisch abfackeln, sonst erreichen wir nie etwas" handelt. Gemeinsam wollen sie ein Zeichen gegen die Objektifizierung von Frauen und das Kreieren einer beengten Normschönheit setzen. Innerhalb des Miss-World-Teilnehmerinnenfelds wiederum lernen wir Frauen kennen, die diesen Wettbewerb als Chance sehen, um durch Bekanntheit oder gar das Preisgeld endlich aus einer benachteiligten Position auszubrechen und/oder für Repräsentation und somit Inspiration zu sorgen.


In Philippa Lowthorpes Film treffen somit mehrere Ansätze aufeinander, die gegensätzlich sind, obwohl sie dasselbe Ziel (eine bessere Welt für Frauen) verfolgen. All das wird nicht in schwerfälliger Pädagogik formuliert, stattdessen lässt Lowthorpe ihre Figuren ihre Denkschulen und Motivationen ausleben, und durch dieses Tun, sowie durch den pointiert gezeigten Kontext, werden wir im Publikum zum Denken und Abwägen angeregt. Das spornt an, ist dank Lowthorpes leichtgängige, aber nie das Thema klein haltende Inszenierung sehr unterhaltsam, und macht im besten Sinne wütend!

Platz 21: Hamilton (Regie: Thomas Kail)

Lin-Manuel Mirandas Musical-Sensationserfolg, nun auch in Form bewegter Bilder: Drei Hamilton-Vorführungen und eine Handvoll an "Pick-up-Shots" verschmelzen zu einer filmischen Wiedergabe der Broadway-Fassung des popkulturellen Phänomens aus dem Jahr 2015. Kails Regieführung ist effektiv, fällt aber auch etwas zwischen zwei Stühle: Teils sind die inszenatorischen Entscheidungen so zurückhaltend, dass das hier nah an einem simplen "Konzertmitschnitt" erinnert, teils dann doch wieder so filmisch-prägnant, dass es eher ein "Konzertfilm" ist. Daher wohl auch die anhaltende Debatte, ob Hamilton als Film zu betrachten ist oder nicht. Für mich ist es ganz klar ein Film, so wie auch Shine a LightRammstein: Paris oder Hans Zimmer Live Filme sind. Wenngleich Kail hinter den Möglichkeiten, Hamilton zu filmen, gelegentlich zurückbleibt. Dessen ungeachtet: Mirandas Rap-Revisionismus der Alexander-Hamilton-Biografie ist eine mitreißende Geschichte über Passion, Besessenheit und Verbissenheit, sowie ein Umwuchten dessen, wer die US-Geschichte mitschreibt. Aber das wisst ihr alle sicher eh schon.

Fortsetzung folgt ... 

Mittwoch, 17. Februar 2021

Meine Lieblingsfilme 2020 (Teil I)

Endlich konnte ich das Filmjahr 2020 sacken lassen und mir gebührend Gedanken darüber machen, welche Projekte aus diesem Jahr mein Filmherz am meisten erfreuten. Aufgrund von Festivalstarts, die manchmal lange vor dem regulären Start stattfinden, ist die Unterscheidung "Was ist ein 2020-Film?" nicht gerade leicht. Ich mache es daher mittlerweile so: Wenn ein Festivalfilm zum Zeitpunkt, zu dem ich diese Liste begonnen habe, keinen regulären Deutschlandstart anstehen hat, gilt sein Festivaljahr. Ansonsten haben reguläre Starts Vorrang in der Einteilung.

Außerdem gilt hier, wie eh und je: Das sind nicht zwingend die Filme, die ich für einen allgemeingültigen Filmkanon 2020 einreichen würde. Ich votiere hier nicht kopflastig mit einer Intention für andere, sondern herzfokussiert für mich allein. Alles klar soweit?! Na dann, los:

Platz 40: The Hunt (Regie: Craig Zobel)

Bei The Hunt sehe ich es genauso wie meine werte Kollegin Antje Wessels: Das ist eine blutige, maßlos überzogene Komödie. Und ich habe einen Heidenspaß an ihr! Regisseur Craig Zobel und Drehbuchautor Damon Lindelof schlagen unentwegt Haken, um wen es geht, worum es geht und wie wir dazu stehen sollen. Munter werden Klischees und klischierte Reaktionen auf Klischees überspitzt, zelebriert und in die Luft gesprengt, und der Cast hat eine ansteckende Freude daran. Und so albern und chaotisch der Film auch sein mag, steckt er voller kleiner, gemeiner, treffgenauer Beobachtungen. Meine Lieblingsszene ist daher keine der pointenhaft inszenierten Gewaltspitzen, sondern der Moment, wo sich ein als Konservativer ausgebender Linker selbst verrät, indem er sich stammelnd dagegen ausspricht, ohne nähere Infos gegen das Opfer einer Gewalttat zu hetzen. Daraufhin kickt ihn die von Betty Gilpin gespielte Person, die somit von ihm in Schutz genommen wurde, achtkantig aus einem fahrenden Auto. Keine Erklärungen, der Film geht davon aus, dass wir die Punkte zu verbinden wissen. Es ist herrlich-witzig inszeniert, es ist ein tolldreister Kommentar auf die Aggressivität, mit der auf dem konservativen Spektrum Leuten stets die Schuld an ihrem Schicksal zugeschrieben wird, und es ist so konstruiert, dass wir für die Verweildauer dieses Momentes gegen die empathische Person fiebern müssen, damit es auf Handlungsebene spannender wird. Joah, also ich hab Spaß dran!

Platz 39: Bombshell (Regie: Jay Roach)

Jay Roach macht einen auf "Adam McKay light" und erzählt in gemäßigter Form dessen, wie The Big Short und Vice operierten, vom großen Skandal bei FOX News, in dessen Rahmen offenkundig wurde, wie die Senderspitze sexuell übergriffig gegenüber weiblichen Moderatorinnen wurde. Zwei Abbildungen realer Vorkommnisse (die Storylines rund um die von Charlize Theron und Nicole Kidman verkörperten Moderatorinnen) treffen hier auf eine fiktionalisierte Zusammenfassung weiterer Geschehnisse bei dem Hetzsender, der als Nachrichtensender verkauft wird (Margot Robbie). Roach erzählt dies ebenso dramatisch wie beißend-gewitzt und gibt seinen Darstellerinnen viel Raum, die inneren und äußeren Zwistigkeiten der Ziele sexueller Übergriffe greifbar zu machen. Hinzu kommen Kate McKinnon als Liberale, die in einer beruflichen FOX-News-Abhängigkeit gefangen ist, und zahlreiche, Zorn weckende Einblicke in die manipulative Berichterstattung dieses Scheißsenders. 

Platz 38: Ruben Brandt, Collector (Regie: Milorad Krstic)

In diesem ungarischen Animationsfilm über einen kunstliebenden Psychotherapeuten und eine diebische Halunkentruppe geht es in allererster Linie um eine reine Referenzenparty ohne jede Zurückhaltung. Dutzende an Kunstwerken, darunter Gemälde, Musikstücke, Filme und Skulpturen, werden verarbeitet, außerdem werden gesellschaftliche und kulturellen Denkströmungen wie Freuds Traumanalyse in diesen Flickenteppich gewoben. Es ist quasi das Bildungsbürgertum-Ready Player One, bloß längst nicht so ätzend, unter anderem, weil Milorad Kristic den Reiz der von ihm referenzierten Werke versteht und die Handlung keine Verästelungen beinhaltet, die arrogant zum Ausdruck bringen, man sei weniger wert, sollte man sich mit dem Metier des Films nicht all zu sehr auskennen. Schon absurd, dass die "Boah! Die Popkultur der 80er war so megageil! Und alles andere, was ununterbrochen wieder hochgekaut wird, auch!"-Referenzenparty auf einem höheren Ross sitzt ... 

Hinzu kommt, dass Ruben Brandt, Collector erzählerisch einen Mehrwert hat und einen Sinn darin findet, so viele Anspielungen zu beinhalten: Allerspätestens gegen Schluss finden in diesem Kleinod die Fäden zusammen und es wird klar, dass dies ein filmisches Sinnieren über die Wechselwirkung zwischen Kunstbewunderung, dem Klauen bei großen Vorbildern, und Kunsterschaffen ist. Das ist mir tausendmal lieber als der "Nur, wer bei einem Trivia-Wettbewerb gewinnt, ist ein echter Fan"-Müll in Ready Player One.

Platz 37: Why Don't You Just Die? (Regie: Kirill Sokolov)

Auf dem Fantasy Filmfest 2019 war es eines der vergnüglichsten Kinoerlebnisse, Anfang 2020 wurde dieser russische Filmspaß auch Nicht-Festivalleuten zugänglich gemacht: Kirill Sokolov lässt den dynamischen Schnitt eines Edgar Wright mit der um Gewaltspitzen bereicherten, non-linearen Erzählform eines Quentin Tarantino zusammenkrachen und zündet ein immer weiter eskalierendes Slapstick-Qualfeuerwerk ab. Schläge, Tritte, Schüsse, brechende Knochen und literweise Blut sowie eine peppige Erzählform. Besonders empfehlenswert für einen geselligen Filmabend mit ähnlich tickenden Filmfans (natürlich erst in ein paar Monaten).

Platz 36: Yummy - Grindhouse Cut (Regie: Lars Damoiseaux)

Amüsanter Zombiehorror aus Belgien, bis zum Bersten voll mit eindrucksvollen, handgemachten Splattereffekten und überzeugendem Verletzungs- und Mutations-Make-up. Der Ausbruch einer Zombieplage in einer dubiosen Schönheitsklinik bleibt erzählerisch zwar sehr nah an der Leitplanke für Standard-Zombiefilme. Aber ein paar spitze Späße, unerwartete Feinheiten in der gemeinhin sehr funktionalen Charakterzeichnung, und eine Handvoll von bissigen Kommentaren in Sachen Schönheitsideal und fragiler Männlichkeit haben sich dann doch reingeschlichen. Trotzdem sind es die das Material intuitiv begreifende Hauptdarstellerin Maaike Neuville und insbesondere die schon erwähnten Effekte, die Yummy zu einem Toplistenanwärter machen. Im speziellen "Grindhouse Cut", der in Deutschland exklusiv im Mediabook erhältlich ist, macht Yummy dann sogar den letzten Hüpfer: Das abgeranzte Bild lässt die stylische Lichtsetzung von Daan Nieuwenhuijs, sobald die Kacke erstmal am Dampfen ist, noch prägnanter wirken, und diese abgerockte, siffige Ästhetik wertet die Grundstimmung des Films nochmal deutlich auf

Platz 35: Der wunderbare Mr. Rogers (Regie: Marielle Heller)

Ein gefürchteter Journalist nimmt sich vor, einen Fluff-Artikelauftrag zu nutzen, um einen von der Öffentlichkeit geradezu geheiligten Kinder-TV-Star zu entzaubern ... und lernt, dass nicht überall, wo man sich eine schockierende Story herbeiwünscht, eine wartet ... und dass man stattdessen bei sich selbst und seinem direkten Umfeld um mehr Verständnis und dringend nötiger Aussprache umschauen könnte. Ich bin seit ihrem Debüt The Diary of a Teenage Girl Fan von Regisseurin Marielle Heller, und auch dieses Schauspielvehikel für Matthew Rhys und Tom Hanks hat mich um den Finger gewickelt: Gefühlvoller Flausch, der zugleich völlig harmlos ist (nein, lieber Herr Schockjournalist, Mr. Rogers hat keine Leichen im Keller!) und doch emotional roh (die interfamiliären Konflikte der Hauptfigur werden unverblümt aufgedröselt). Und Hellers Regieführung, die uns stets die schaurige Eskalation erwarten lässt und Erlösung in Form von Glücklichkeit verschafft, ist bemerkenswert!

Platz 34: Sound of Metal (Regie: Darius Marder)

In Darius Marders Drama Sound of Metal erleidet der Heavy-Metal-Drummer Ruben einen plötzlichen, rapiden Gehörverlust. Nicht nur, dass Marder diesen Prozess durch grandioses Sounddesign auf beklemmende Weise nachzeichnet: Rubens Hadern mit seinem nachlassenden Gehör, seine schleppenden Lektionen darin, sich in eine Community von Menschen einzugliedern, denen es ähnlich geht, und sein Einfinden in ein neues Leben, gestatten es Hauptdarsteller Riz Ahmed, eine wahre schauspielerische Tour de Force abzugeben. Nebendarsteller Paul Raci ist als Rubens Mentor nicht minder wundervoll. 

Platz 33: Cortex (Regie: Moritz Bleibtreu)

Was für ein beeindruckendes Regiedebüt: Moritz Bleibtreu gelang mit Cortex ein visuell beeindruckender Psychothriller, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Tagtraum, Halbschlaf, Wahnvorstellung und Traum unentwegt verwischen. Mit prägnanter Bildsprache, kräftig-atmosphärischem Sounddesign und einem fähigen Cast erzählt Bleibtreu zwar nichts, das Genrefans überraschen wird. Aber es spricht für Cortex, dass er nicht vom Überraschungsfaktor lebt, sondern davon, wie konsequent er uns in die sich aufweichende Weltwahrnehmung seiner zentralen Figuren versetzt. Ich hoffe, dass uns diese Seite des Regisseurs Bleibtreu erhalten bleibt, und er nicht den "Na gut, meine nächsten vier Filme werden romantische Dramödien"-Weg beschreitet.

Platz 32: Schwarz Weiß Bunt (Regie: David Moser)

David Mosers Independent-Film Schwarz Weiß Bunt hat leider eine verschwindend geringe Bekanntheit, aber ich hoffe, dass sich das noch ändert: Dieses weitestgehend improvisierte Slice-of-Life-Drama, in dem wir ein entscheidendes Wochenende im Leben einer Kellnerin betrachten, steckt voller Energie, Lebensfreude und herzlichen Momenten, in denen Eloquenz und Esprit Hand in Hand gehen. Es ist ein Coming-out-Film ohne Coming-out-Klischees, ein Coming-of-Age-Film frei vom genretypischen Pathos und dafür voller feiner Beobachtungen und authentischer Performances.

Platz 31: Z-O-M-B-I-E-S 2 (Regie: Paul Hoen)

Schade, schade, schade: Die Disney-Channel-Original-Movie-Saga rund um die Zombie- und Nicht-Zombie-Bevölkerung des in Pastellfarben erstrahlenden (und sowieso völlig verstrahlten) Seabrook geht nicht den Weg, den Descendants gegangen ist. Während Kenny Ortegas Disney-Schurkenkinder-Trilogie ihren Höhepunkt mit Teil zwei erreichte, lässt Paul Hoens Fiebertraum von einem Mischmasch aus Teenie-Komödie, Elektro-Pop-Musical, Horror-Tropoi-Verkindlichung, Das-letzte-Stück-Zurückhaltung-aus-dem-Fenster-schmeiß-Disney-Channel-Konvention-Zuspitzeritis und Intoleranzsatire einen Hauch nach. Z-O-M-B-I-E-S 2 lässt stilistisch hier und da etwas des "Was ... zum ... Donner?!"-Überraschungseffekts des Originals missen, was zum Beispiel daran liegt, dass hier die in dieser Saga bedienten Klangwelten stärker verschwimmen und somit der Clash aus Showtunes, tanzbarem Pop der Gegewart und disneyfizierter EDM weniger scheppert und daher auch weniger fasziniert.


Dessen ungeachtet ist auch dieses quietschebunte Sequel eines meiner Filmhighlights des Jahres 2020. Zuckerschock trifft auf Energy-Drink-Überdosis-Hibbeligkeit, wenn Menschen(?)-Cheerleaderin Addison und Zombie-Sportler-mit-Schülersprecherambitionen Zed ihre in Teil eins errungene Romanze vor alten (Intoleranz, Vorurteile, Neider) und neuen (potentielle Nebenbuhler! Missverständnisse!) Bedrohungen verteidigen müssen. Als Zed seine heuchlerische Seite entdeckt, indem er die von der menschlichen Kultur an den Rand gedrängten Seabrook-Ureinwohner (Werwölfe!) für sein Versagen verantwortlich macht, während die (wortwörtliche, nicht charakterliche) blasse Addison so begeistert von Werwölfen ist, dass sie versucht, deren Kultur für sich zu übernehmen und so eine neue Identität aufzubauen, ist Ärger vorbereitet! Dass die Menschen darüber hinaus eine der wichtigsten Gedenkstätten der anderen Seabrook-Kulturen plattwalzen wollen, heizt der Grundstimmung im Ort nur weiter ein ... Ach, und dann ist da natürlich noch das Rap-Battle um die (Schul-)Präsidentschaft! Wie kommen die beim Disney Channel nur auf solche Ideen?!


Oh, und dann ist Z-O-M-B-I-E-S 2 obendrein der allererste Disney Channel Original Movie, der anamorph im Bildformat 2.39:1 gedreht wurde. Hach, Klein-DC wird erwachsen! Ich kann Teil drei nicht abwarten! (Wehe, es kommt kein dritter Teil!)

Fortsetzung folgt ...