Freitag, 25. März 2022

Die 94. Academy Awards: Meine Prognose der Gewinnerinnen und Gewinner bei den Oscars 2022


Obwohl wir Ende März haben, und die Oscars somit einmal mehr deutlich später im Kalenderjahr stattfinden als wir es durch die vielen "Februar, allerspätestens Anfang März"-Jahre der jüngeren Vergangenheit gewohnt sind... Ich muss sagen: Mir kam diese Oscar-Saison verflixt kurz vor. Die mitunter unausstehlich hitzig werdenden Oscar-Debatten kochten auf kleinerer Debatte als in der Pre-Pandemie-Ära, und die Indikator-Preise wurden in den einschlägigen Awards-Medien weniger rauf, runter und wieder rauf analysiert als in "normalen" Jahren.

Das ist auf eine Weise angenehm (weniger Galligkeit im Filmdiskurs ist immer eine gute Sache). Aber es nimmt auch Spannung aus der Reise gen Oscar-Nacht. Und... es erschwert die Vorhersage. Aber ich will meine liebgewonnene Oscar-Tradition nicht aufgeben. Also: Hier sind sie, meine ins Blaue geratenen Vorhersagen, wer bei der 94. Vergabe der Academy Awards siegreich hervorgeht.

Bester Kurzfilm
  • Ala Kachuu – Take and Run
  • The Long Goodbye - Gewinner
  • On My Mind
  • Please Hold
  • Sukienka
Bester Kurz-Dokumentarfilm
  • Audible
  • Lead Me Home
  • The Queen of Basketball - Gewinner
  • Three Songs for Benazir
  • When We Were Bullies
Bester animierter Kurzfilm
  • Affairs of the Art
  • Bestia - Gewinner
  • Boxballet
  • Robin Robin
  • The Windshield Wiper
Bester internationaler Film
  • Drive My Car, Japan
  • Flee, Dänemark
  • The Hand of God, Italien
  • Lunana, Bhutan
  • Der schlimmste Mensch der Welt, Norwegen - Gewinner
Ich habe die Befürchtung, dass ich mich ärgern werde. Ich habe seit Wochen das Bauchgefühl, dass Der schlimmste Mensch der Welt diesen Preis gewinnen wird, OBWOHL Drive My Car als "Bester Film" nominiert ist. Drive My Car könnte seine Votes splitten, zudem kam es während der Votingphase zu einem neuen Hoch an Lobpreisungen von Triers Romantik-Dramödie, das Der schlimmste Mensch der Welt über die Ziellinie gebracht haben könnte. Aber ist es klug, den ziemlich sicheren Tipp Drive My Car für ein Bauchgefühl zu opfern?! Nein, überhaupt nicht. Mach ich es dennoch? Ja. Ich bin echt der schlimmste Mensch der Welt...

Beste Dokumentation
  • Ascension
  • Attica
  • Flee
  • Summer of Soul  - Gewinner
  • Writing with Fire
Bester Animationsfilm
  • Encanto  - Gewinner
  • Flee
  • Luca
  • Die Mitchells gegen die Maschinen
  • Raya und der letzte Drache
Beste Effekte
  • Dune - Gewinner
  • Keine Zeit zu sterben
  • Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
  • Spider-Man: No Way Home
  • Free Guy
Bester Sound
  • Belfast
  • Dune - Gewinner
  • Keine Zeit zu sterben
  • The Power of the Dog
  • West Side Story
Bester Originalsong
  • Down to Joy aus Belfast 
  • Dos Oruguitas aus Encanto - Gewinner
  • Somehow You Do aus Four Good Days
  • Be Alive aus King Richard
  • No Time to Die aus Keine Zeit zu sterben
Beste Originalmusik
  • Nicholas Britell, Don't Look Up
  • Hans Zimmer, Dune - Gewinner
  • Germaine Franco, Encanto
  • Alberto Iglesias, Parallele Mütter
  • Jonny Greenwood, The Power of the Dog
Bestes Produktionsdesign
  • Dune
  • Nightmare Alley - Gewinner
  • The Power of the Dog
  • The Tragedy of Macbeth
  • West Side Story
Bestes Makeup & Hairstyling
  • Cruella
  • Dune
  • Der Prinz aus Zamunda 2
  • The Eyes of Tammy Faye - Gewinner
  • House of Gucci
Bester Schnitt
  • Hank Corwin, Dont' Look Up 
  • Joe Walker, Dune 
  • Pamela Martin, King Richard
  • Peter Sciberras, The Power of the Dog - Gewinner
  • Myron Kerstein und Andrew Weisblum, Tick, Tick…Boom!
Beste Kostüme
  • Jenny Beavan, Cruella - Gewinnerin
  • Massimo Cantini, Cyrano
  • Bob Morgan & Jacqueline West, Dune
  • Luis Sequeira, Nightmare Alley
  • Paul Tazewell, West Side Story
Beste Kamera
  • Greig Fraser, Dune
  • Dan Laustsen, Nightmare Alley
  • Ari Wegner, The Power of the Dog - Gewinnerin
  • Bruno Delbonnel, The Tragedy of Macbeth
  • Janusz Kaminski, West Side Story
Bestes Original-Drehbuch
  • Paul Thomas Anderson, Licorice Pizza - Gewinner
  • Zach Baylin, King Richard
  • Kenneth Branagh, Belfast 
  • Adam McKay, Don't Look Up
  • Joachim Trier und Eskil Vogt, Der schlimmste Mensch der Welt
Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Jane Campion, The Power of the Dog 
  • Maggie Gyllenhaal, Frau im Dunkeln
  • Ryusuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Sian Heder, CODA - Gewinnerin
  • Eric Roth, Jon Spaihts und Denis Villeneuve, Dune
Bester Nebendarsteller
  • Ciarán Hinds, Belfast
  • Troy Kotsur, CODA - Gewinner
  • Jesse Plemons, The Power of the Dog
  • J.K. Simmons, Being the Ricardos
  • Kodi Smit-McPhee, The Power of the Dog
Beste Nebendarstellerin
  • Jessie Buckley, Frau im Dunkeln
  • Ariana DeBose, West Side Story - Gewinnerin
  • Judi Dench, Belfast
  • Kirsten Dunst, The Power of the Dog
  • Aunjanue Ellis, King Richard
Bester Hauptdarsteller
  • Javier Bardem, Being the Ricardos
  • Benedict Cumberbatch, The Power of the Dog
  • Andrew Garfield, tick, tick... Boom!
  • Will Smith, King Richard - Gewinner
  • Denzel Washington, The Tragedy of Macbeth
Beste Hauptdarstellerin
  • Jessica Chastain, The Eyes of Tammy Faye
  • Olivia Colman, Frau im Dunkeln
  • Penelope Cruz, Parallele Mütter
  • Nicole Kidman, Being the Ricardos
  • Kristen Stewart, Spencer - Gewinnerin
Beste Regie
  • Paul Thomas Anderon, Licorice Pizza
  • Kenneth Branagh, Belfast
  • Jane Campion, The Power of the Dog - Gewinnerin
  • Ryūsuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Steven Spielberg, West Side Story
Bester Film
  • Belfast
  • CODA - Gewinner
  • Don't Look Up
  • Drive My Car
  • Dune
  • King Richard
  • Licorice Pizza
  • Nightmare Alley
  • The Power of the Dog 
  • West Side Story
Die Vernunft sagt The Power of the Dog, das Näschen für die Berichterstattung aus Hollywood und der Blick auf den Preis der Produzentengewerkschaft sagt CODA...

Mittwoch, 9. März 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil V)

Was bisher geschah...

Bevor wir endlich meine Top Ten des Jahres 2021 erreichen, hier rasch ein paar Ehrennennungen für Filme, die es fast in die Liste geschafft hätten. Da wären etwa die amüsante, galant-stilvolle Betrugskomödie Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von Detlev Buck, der einfallsreiche Zensurhorror Censor der Newcomerin Prano Bailey-Bond und die schräge Nicolas-Cage-Show Willy's Wonderland

Auch James Wans kreativer Wahnwitz Malignant und die von der Dynamik zwischen Emily Blunt und Dwayne Johnson profitierende Abenteuerkomödie Jungle Cruise haben mir (trotz mal größerer, mal kleinerer Schwächen) gefallen. Kaiserschmarrndrama gehört zur Speerspitze der Eberhofer-Krimis und wäre daher fast als positives Signal in meiner Liste gelandet. The Night House lässt Rebecca Hall klasse aufspielen und ist in seinen besten Momenten ein findiger Horror-Thriller über Depressionen, und mit Dinner for Two hätte ich gern einen dritten kulinarischen Film in die Liste gepackt. Doch nach dem sinnlich-spannenden, stylisch gefilmten Auftakt verliert sich der Film zwischendrin. Auch wenn das pfiffige Finale ihn fast wieder in die Charts gekickt hätte... Und Disney+ hatte mit Happier Than Ever: Ein Liebesbrief an Los Angeles, Flora & Ulysses und Summer of Soul drei sehr unterschiedliche, sehenswerte Originalfilme im Portfolio, die es in mein Ranking hätten schaffen können.

Und dann ist da natürlich Ghostbusters: Legacy mit einer grandiosen McKenna Grace, einem witzig-charmanten Paul Rudd und einer routinierten Carrie Coon sowie einem bunten Sortiment an Situationskomik und bewusst-miesen Wortspielen. Eine echte Charmekanone, bei der mich aber die Spielberg-Patina, der ins Nichts führende Subplot um den Bruder (den man einfach hätte raus schreiben können) und der Schluss, der berührend und erfüllend beginnt und dann so lange weitergeht, bis er den neuen Figuren ihren eigenen Film raubt, stutzig gemacht haben. Ich habe den Film sehr, sehr gern und vielleicht rutscht er über die Jahre noch in meine Favoriten von 2021, aber Stand jetzt ruht er auf Rang 51, eifrig in die Top 50 schielend. Was soll ich sagen, 2021 war für mich ein deutlich, deutlich stärkeres Filmjahr als 2020.

Platz 10: The Painter and the Thief (Regie: Benjamin Ree)

Klammheimlich feierte 2021 eine großartige Dokumentation im Programm von arte ihre Deutschlandpremiere: Benjamin Ree erzählt in The Painter and the Thief eine Geschichte, die so nur das Leben schreiben kann. Denn wäre dies ein fiktionaler Film, würde er mich dank seiner emotionalen Twists und seines cleveren, immer wieder zum Staunen einladenden und dank seines die Gedanken durchrüttelnden Schnitts begeistern - doch ich fürchte, viele Leute würden ihn als unglaubwürdig schelten. Malerin Barbora Kysilkova erfährt nach einer Ausstellung, dass eines ihrer wichtigsten Gemälde gestohlen wurde. Sehr zur Verwunderung ihres Lebensgefährten sucht sie Kontakt zu einem der beiden Diebe. Nicht nur, um Informationen über den Diebstahl aus ihm herauszuquetschen, sondern auch, um seine Lage zu verstehen, seine Motivation zu begreifen und um sich einen Eindruck von seinem Leben zu verschaffen. Eine komplizierte Freundschaft entsteht, in der sich Barbora und der Reue zeigende, dennoch weiter unberechenbare Karl-Bertil Nordland gegenseitig ständig herausfordern, sich reiben und zu charakterlichen Wandeln drängen. Überaus berührend, voller fesselnder Einsichten und inspirierend!

Platz 9: Bad Luck Banging or Loony Porn (Regie: Radu Jude)

Das Sexvideo einer Lehrerin wird gegen ihren Willen auf einer Pornoplattform veröffentlicht, woraufhin sich ihr Kollegium und die Eltern ihrer Schüler:in gegen sie stellen und sie mit Eifeseifer ihren Job verteidigen muss. Denn natürlich argumentieren die Eltern minderjähriger Kinder, die auf Pornoseiten herumsurfen, dass es die dort unwillentlich auffindbare Lehrerin ist, die die Moral dieser Kinder verdirbt, und selbstredend hat niemand Mitleid mit dem Opfer einer nicht eingewilligten Veröffentlichung intimer Aufnahmen. Das allein ist schon Stoff, aus dem sich ein scharfzüngiges Gesellschaftsporträt weben ließe, doch Radu Jude versieht diese Grundidee mit einer gigantischen Parade an Troll-Manövern, die Lars von Trier sicherlich Glückstränen ins Gesicht treiben würden, messerscharfen Detailbeobachtungen und wütenden Rundum-Austeil-Attacken, die zwar durch und durch Judes heimisches Rumänien abbilden, aber etwas gröber betrachtet genauso gut für Deutschland sprechen könnten. Hinzu kommen eine starke Performance ohne Scheu von Hauptdarstellerin Katia Pascariu und viele feine Augenblicke des Pandemie-Zeitgeistes.

Platz 8: Der Rausch (Regie: Thomas Vinterberg)

Vier befreundete Lehrer beklagen sich über ihr langweilig gewordenes Leben. Auf einer Geburtstagsfeier entscheiden sie, ihr Dasein aufzurütteln und fortan mehr zu trinken. Was mit Schalk im Nacken und Grinsen in den Backen als wissenschaftliche Studie entschuldigt wird, ist letztlich doch nur Flucht vor der Verantwortung, Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie ihre beruflichen Probleme, ihre Familiensorgen, ihren Liebesfrust oder ihre Einsamkeit überkommen können. Was folgt, ist teils "Mach dir dein kurzes Leben zum Fest, statt dich ständig selbst zu geißeln"-Manifest, teils Mid-Life-Crisis, teils Anklage der gesellschaftlichen Verharmlosung von Alkohol(ismus), teils Freundschafts- und Familiendrama, doch stets wundervoll-paradoxes Kino: In Gedenken an seine kurz nach Produktionsbeginn verstorbene Tochter macht Thomas Vinterberg Der Rausch zum lebensbejahendsten Film, den man über drei ständig saufende Deprimierte und einen Depressiven machen kann, und zugleich zu einem nachdenklichen, bitter-säuerlichen Prickelwasser von einem Film in Feierlaune. Das Ergebnis ist, nicht zuletzt dank eines einmal mehr brillanten Mads Mikkelsen, süffig, jedoch schwer; erfrischend, aber eine Explosion feiner, nuancierter Noten. Skål!

Platz 7: The Green Knight (Regie: David Lowery)

Da wird der in den Mediävistik-Vorlesungen hockende Germanistik-Student in mir wieder wach. Lasst die ganzen anderen verzweifelten Versuche, ein Filmuniversum im Stile des MCU zu bilden sein, gebt mir ein Artussagen-Filmuniversum im Stile von David Lowerys The Green Knight, verdammt noch eins. Eine zum Schneiden dichte, horroresk angehauchte Atmosphäre, erdrückende Bildgewalt, ein glänzender Dev Patel, mit dem Lowery archaische Männlichkeitsbilder kommentiert, und ein die Nackenhaare aufstellendes Klangbild machen The Green Knight zu einer unvergesslichen Erfahrung.

Platz 6: tick, tick... BOOM! (Regie: Lin-Manuel Miranda)

Gibt es in Musicalhausen ein größeres Phänomen mit strenger Generationengrenze als Rent? Ist man eine Spur zu alt, ist die Chance riesig, dass man das Erfolgsphänomen als anstrengend erachtet. Ist man eine Spur zu jung, zählt man es an den zahllosen "Ja, also, mittlerweile würden wir das aber anders anpacken..."-Aufhängern aus, die praktisch allem innewohnen, das zur selben Zeit entstanden ist, und versuchte, in einem älteren Medium progressiv zu agieren. Und eben diese strenge Zielgruppen-Altersgrenze hat sich auch bei der Filmversion von tick, tick... BOOM! bemerkbar gemacht, denn während jene Lin-Manuel Mirandas Ehrerbietung für den Rent-Schöpfer ins Aus geschoben haben, weil es halt Rent-Schöpfer Jonathan Larson feiert, haben sich die Anderen mitreißen lassen. Und was soll ich sagen: Ich habe Verständnis für alle über, die sich nicht von diesem Musical haben abholen lassen können. Aber als jemand, der sich hat abholen lassen konnte, muss ich sagen:

Ich find's auch schade für euch, denn Mirandas Adaption des weniger bekannten Larson-Musicals ist temporeich, gewitzt sowie gefühlvoll inszeniert, großartig von Andrew Garfield gespielt und wie viel Herzblut Mister "I am not throwing away my shot" in diese "Ich kann es nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, dass ich jetzt leisten muss und ich habe nichts zu erzählen, nur mein Umfeldund was soll ich denn jetzt tun?!" in diese Geschichte steckt, ist nahezu beängstigend. Als würde auch Miranda was über seine Zukunft befürchten. Und eben diese Unmittelbarkeit hat genug Nerven bei mir getroffen, dass ich diese passionierte Kreativgeschichte voller Ehrfurcht in meine Top Ten packe.

Platz 5: Malcolm & Marie (Regie: Sam Levinon)

Die absolute Nummer eins der unnötigen Filmkontroversen 2021 und obendrein ein echt toller Film: In Malcolm & Marie lässt Sam Levinson einen Regisseur (John David Washington) und seine Freundin/Muse (Zendaya) in gegensätzlicher Stimmung nach einer Filmpremiere nach Hause kehren. Was folgt, ist ein sinnlich sowie feurig gespieltes, dramatisches und bitterbös-witziges Streitgespräch über Liebe, Verantwortungsbewusstsein, Prahlerei, Aneignung fremder Geschichten und Kritikunfähigkeit. Und ganz gleich, wie gallig Malcolm und Marie aufeinander reagieren, die dünnhäutigste Partei in dieser Geschichte saß Anfang 2021 vor den Bildschirmen und redete sich ein, dass dieser Film ein einziger Angriff auf sie sei: Teile der Filmpresse. Dabei hat Malcolm & Marie mit seinem Streit zwischen Passion und Vernunft, Analyse und Gefühl, Beobachten und Erleben, und schlichtweg zwischen zwei Liebenden, die eine ätzende Nacht durchmachen, so viel spannenderes und besseres zu erzählen, als sich vollauf auf meinen Berufsstand einzuschießen. Gewiss, in meinen Jahrescharts bekommt Malcolm & Marie noch einen gehörigen Streit-Kammerspiel-Bonus, da ich eine riesige Schwäche für dieses Genre habe und Levinson das Genre mit Genuss bedient, doch selbst wenn ich diesen Bonus abziehe, bleibt ein mit Feuer und Flamme gespielter, mit kühl-versierter Hand inszenierter Film übrig. Mehr Respekt für Malcolm & Marie!

Platz 4: The Nest (Regie: Sean Durkin)

Und noch ein Liebespaar am Rande der Verzweiflung: In The Nest driften Spekulant Jude Law und Pferdehalterin Carrie Coon nach dem neusten Umzug auseinander. Sean Durkin erzählt dieses Liebesdrama gleichzeitig mit Feingefühl, als dass er keine der beiden Hauptfiguren dämonisiert (selbst wenn Laws berufliche Gier und Ignoranz gegenüber der Lage seiner Familie unmissverständlich die Antriebsfeder des Unheils ist), und mit inszenatorischer Wucht. Denn obwohl dies inhaltlich ohne jede Widerrede ein Drama ist, fühlt sich The Nest wie ein Horrorthriller an, in dem sich jeden Moment herausstellen könnte, dass das neue, weitläufige Anwesen dieser Familie verflucht ist und sich gegen sie wendet. Law und Coon spielen herausragend, ihre Filmkinder sind ebenfalls sehr gut, das Setting eindrucksvoll und der Film ist genauso effizient-knackig erzählt, wie thematisch vielschichtig.

Platz 3: The Empty Man (Regie: David Prior)

In der Sekunde, in der David Priors fiktionales Regiedebüt The Empty Man von US-Kritiker Rob Hunter mit den Arbeiten Gore Verbinskis verglichen wurde, wusste ich: Ich muss diesen Film sehen! Damit war jedoch auch die Fallhöhe enorm - was, wenn The Empty Man nicht hält, was er verspricht? Doch glücklicherweise hält The Empty Man das ein, was ich mir durch Rob Hunters Aussage versprochen habe. Und so, wie sich die titelgebende, tödliche Schreckensgestalt und ihre Botschaft in Priors loser Comicadaption reihenweise herumsprechen, ging auch im realen Leben die Botschaft dieses Films umher.

Hunter fixte mich an, ich habe meine Lieblingskollegin Antje darauf hingewiesen, die verbreitete die Botschaft in ihrem Kollegium, das verbreitete erfreute Hinweise auf den Film, und dann erfolgte urplötzlich und ohne Vorwarnung der deutsche Streamingstart (ganz ohne jegliche Fanfare) und ich durfte bei Filmstarts von The Empty Man schwärmen. Von diesem atmosphärisch dichten Film mit hervorragender Kameraarbeit, der unheilvoll durch mehrere Horrorsubgenres schleicht, von Orientierungslosigkeit, Abhängigkeit, Beeinflussbarkeit und Depression handelt, ein beunruhigendes Sounddesign hat und bei dem nach und nach die innere Logik zerfasert, so, wie auch der Protagonist des Films den Überblick dieser ausufernden Geschichte verliert.

Soghaft, finster, raffiniert, genau meinen Horrorgeschmack treffend und zu spannendem Effekt jegliche Tiefenwahrnehmung aushebelnd, hat sich The Empty Man in meinem Hinterkopf festgesetzt und lässt sich dort nicht mehr verjagen. Ich erwähnte weiter oben, dass (nach deutschen Veröffentlichungsterminen gehend) 2021 für mich ein besseres Filmjahr war als 2020. Das hier sollte doppelt und dreifach unterstreichen, wie viel besser: Würde ich The Empty Man basierend auf seinem US-Kinostart als 2020er-Film werten, müsste er sich die Nummer eins des Jahres 2020 schnappen. Und dennoch ist er in diesem 2021er-Ranking nur auf dem Bronzerang.

Platz 2: Encanto (Regie: Byron Howard, Jared Bush & Charise Castro Smith)

Wie gut fand ich das Filmjahr 2021? So gut, dass ich mit Herzschmerz, aber ohne zu zögern, Encanto nur auf Platz zwei setze. Encanto, den zauberhaften Disney-Animationsfilm, der mich in seiner Emotionalität mehr berührt hat, der mich in seiner Beschwingtheit mehr mitgerissen hat, den ich in seiner visuellen Brillanz - von den kräftigen Farben über die herrlichen Figurendesigns und der grandiosen Lichtsetzung bis hin zur ausdrucksstarken, detailreichen Animation und den fantastischen Tänzen - so sehr feiere wie seit Rapunzel keinen Film der Walt Disney Animation Studios. Encanto trifft bei mir einfach durchweg die genau richtigen Nerven. Das Abschneiden in einer Jahresbestenliste sagt halt nicht nur über den betreffenden Film etwas aus, sondern auch über das Jahr drumherum. Dieses Silber hier ist wertvoller als so manches Gold.

Platz 1: Sechzehn Stunden Ewigkeit (Regie: Ian Samuels)

Unbestritten mein Film des Jahres 2021. Einerseits, weil er der 2021ste Film meines Filmjahres ist. Wiederholungen. Sich irgendwie ganz passabel selbst amüsierend durch die Wiederholungen schlagen, wohlwissend, dass die Situation an anderen Nerven nagt. Die Suche nach den kleinen, bislang übersehenen Perfektionen, um sich die Wiederholungen und das Nicht-ausbrechen-können-oder-wollen-oder-sollen schmackhaft zu machen. Andererseits, weil ich mich 2021 in keinen anderen Film derart schockverliebt habe, wie in Sechzehn Stunden Ewigkeit. Diese kuschelige, freundlich-charismatische, betont unaufgeregte Teenager-/Young-Adult-Romantikdramödie hat mich mit ihren Figuren vollkommen bezirzt. Und damit, wie Kyle Allen und Kathryn Newton (hierdurch und durch Freaky wohl so etwas wie die heimliche Schutzpatin meines Filmjahres 2021) diese Freundschaft/Leidensgenossenschaft/potentielle Liebe ausspielen. Damit, wie klein-fein-beiläufig Samuels diese Geschichte umsetzt, ohne den ihr innewohnenden Witz, Zauber und auch Schmerz unter Wert zu verkaufen. Damit, wie Lev Grossmans Drehbuch schleichend den erzählerischen Fokus ver- und die Referenzen auf Genrekollegen hinfortschiebt, seine Geschichte somit allen deutlichen Vorbildern zum Trotz quasi emanzipiert.

Als ich Sechzehn Stunden Ewigkeit in einer zum Tag gewordenen Februarnacht zum ersten Mal sah, musste ich zwischendurch auf Pause drücken, um mir die vor Rührung wässrig gewordenen Augen trockenwischen zu können, ohne etwas vom Film zu verpassen. Es ist so, dass Sechzehn Stunden Ewigkeit bei mir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Knöpfe gedrückt hat, aber manchmal muss man so ehrlich sein und hyperspezifische "Japp, dieser süße, gut gemachte Film wird dadurch, wie er mich antrifft, in meiner Welt zu dem Film des Jahres"-Situationen als solche erkennen und anerkennen. So, wie es für mich 2004 kein Vorbei an Garden State gab, ist Sechzehn Stunden Ewigkeit das Nonplusultra meines zweiten Pandemiejahres.

Ich fürchte, dass ich durch diese hohe Platzierung bei allen, die das hier lesen und den Film noch nicht gesehen haben, die Erwartungen zu hoch schraube. Aber andererseits freue ich mich über jedes weitere Bisschen Liebe, das der Film erhält, wann immer noch jemand auf ihn neugierig gemacht wird. Denn manchmal sind es die kleinen Dinge, die Nachwirkung haben. Kleine Dinge, wie diese unbedeutende Jahresbestenliste, die im März des Folgejahres erscheint, und vielleicht, hoffentlich Sechzehn Stunden Ewigkeit noch ein paar Fans verschafft. Oder etwas größere, aber immer noch kleine Dinge wie dieser von Amazon beiläufig veröffentlichte Streamingtitel mit jeder Menge genreinterner Konkurrenz, der aber einfach seine Sache richtig hübsch durchzieht.

Freitag, 4. März 2022

Meine Lieblingsfilme 2022 (Teil IV)

Was bisher geschah... 

Platz 20: Barb and Star Go to Vista Del Mar (Regie: Josh Greenbaum)

Eine waschechte, ultrahochkonzentrierte Gute-Laune-Bombe: Kristen Wiig und Annie Mumolo erschaffen als Drehbuchautorinnen und Hauptdarstellerinnen ein immens sympathisches, witziges, frohes, quirliges, im besten Sinne verpeiltes Freundinnen-Duo. Josh Greenbaum inszeniert diese "Alles kann, Partystimmung muss!"-Komödie mit intuitivem Verständnis für die Stärken seines Hauptdarstellerinnendoppels und Co-Star Jamie Dornan (im besten Zac-Efron-Modus), das Kostüm- und Produktionsdesign ist ebenso schrill wie in seiner gagaweltlichen Logik stimmig und wenn gerade kein toller Wortwitz abgefeuert wird, dann eskaliert eine schrille Situation oder die Figurendynamik allein bringt mich zum Grinsen. Herrlich. Eine Schande, dass Barb and Star Go to Vista Del Mar noch kein Mitternachtskino-Popcornparty-Standard geworden ist. Sollte er sein.

Platz 19: À la Carte! (Regie: Eric Besnard)

Genuss, die Erste: Eine filmische Liebeserklärung ans Kochen, Essen und Gastgeben. Eric Besnards À la Carte erzählt lose inspiriert von wahren Begebenheiten und mit immenser Liebe zum historisch-kulinarischen Detail davon, wie im Vorhof der Französischen Revolution das Konzept der Gastronomie zu dem geformt wurde, was wir heute kennen. Köstlich gefilmt, mit deftiger Tonabmischung versehen und verführerisch gespielt, ist À la Carte Frankreichabstecher, Restaurantbesuch und freundschaftliches Mal-wieder-Treffen zugleich.

Platz 18: Luca (Regie: Enrico Casarosa)

Von Frankreich geht's rüber nach Italien: Enrico Casarosas Luca ist Sommergefühl, Kindheitsnostalgie, gechillte Freundschaftsfeier und fantasievolle, innige Toleranzgeschichte zugleich, mit bildhübschen Schauplätzen und charmanten Figuren. Einfach ein herzlicher Film!


Platz 17: Palm Springs (Regie: Max Barbakow)

Bereits 2020 in den USA auf Hulu veröffentlicht, noch dazu emotional passend mitten in der ersten Phase starker sozialer Kontaktreduktion aufgrund der Corona-Pandemie, und im selben Jahr in Deutschland auf dem Fantasy Filmfest gezeigt, feierte Palm Springs 2021 endlich seine reguläre deutsche Auswertung. Nach all der Warterei hat Max Barbakows emotional facettenreiche, locker-flockig erzählte und thematisch dennoch eng verzahnte Komödie nur an Reiz gewonnen. Andy Samberg als dezent genervter, überdeutlich sich ein Fest aus einer Notlage formender Selbstunterhalter und Cristin Milioti als herzlichere, verzweifeltere, findigere und ein schwereres Päckchen mit sich herum tragende Zeitgenossin sind ein großartiges Duo. Die Dialoge sind witzig und clever zugleich, und wie diese sommerliche Lebensfrustkomödie Einsamkeit, Sehnsucht, Verantwortungsbewusstsein und Liebe ebenso pfiffig wie nachdenklich touchiert, ist denkwürdig.

Platz 16: Promising Young Woman (Regie: Emerald Fennell)

Was für ein Debüt! Autorin und Regisseurin Emerald Fennell denkt in Promising Young Woman das Revenge-Genre weiter, indem sie Carey Mulligan auf eine großartig beobachtete Rachetour gegen das Weggucken, Nettspielen und Ausnutzen schickt. Ohne Selbstjustiz zu verherrlichen, gelingt es ihr dennoch, uns mit einem herrlichen "Das hast du dir jetzt verdient!"-Denkzettel nach dem nächsten zu unterhalten, und dabei mit (internalisiertem) Sexismus abzurechnen und Genrekonventionen auszuhebeln. Nicht nur im Revenge-Genre, sondern auch im Segment der dramatischen Indie-Romanze, die proklamiert, dass sich Traumata durch Liebe heilen ließe. Super gespielt, doppelt- wenn nicht gar dreifachbödig skizziert und tonal zielsicher, trotz hoch diffiziler Drahtseilakte.

Platz 15: Pig (Regie: Michael Sarnoski)

Genuss, die Zweite: Nicolas Cage spielt in Pig einen Einzelgänger, dem sein geliebtes Trüffelschwein gestohlen wird. Also begibt er sich gemeinsam mit seinem letzten menschlichen Kontakt (Alex Wolff) auf die Suche nach dem Ringelschwanztierchen, das ihm alles bedeutet. Was folgt, ist, wie es in der Kinowerbung so schön bezeichnet wird, ein ruhiger, verständnisvoller Empathiefeldzug. Cage ist ruhig. Und er ist verständnisvoll. Und ich find das äußerst befriedigend! Denn wie Cage mit enormer Präsenz Besonnenheit, Kummer und Einfühlungsvermögen ausstrahlt, um seinen Punkt klar zu machen... Um sich an allen Möglichkeiten einer glücklichen Aussicht festzuklammern... Um Konflikt vor sich herzuschieben oder auch mal sein Gegenüber zu Selbsterkenntnis zu drängen... Das ist fabelhaft. Ebenso wie Michael Sarnoskis Herangehensweise an die Themen "Nutze dein Leben" und "Verarbeite Rückschläge... egal, wie lang es dauert" herangeht. Und ein köstlicheres, appetitanregenderes Finale hätte ich mir für diesen im Vorabhype fälschlicherweise als "John Wick... mit einem Schwein!" angepriesenen Film nicht vorstellen können.

Platz 14: Titane (Regie: Julia Ducournau)

Nach Raw haut Julia Ducournau ein weiteres Brett raus: Ein Teil Bodyhorror, ein Teil wütender, queerer Thriller, ein Teil feministische Zornesfantasie und drei Teile überraschend einfühlsame, verletzliche, sich in Gefühlssackgassen hockende Geschichte über zwei orientierungslose Seelen, die mit großer Dringlichkeit Halt und Verständnis suchen, sich aber aus gesellschaftlichen Gründen nicht trauen, dies auszusprechen. Titane ist in seinen Spitzen hart wie Titanstahl und in seiner inneren Gesamtbefindlichkeit aufgerieben-weich wie eine frisch aufgeschlagene Schläfe. Agathe Rousselle und Vincent Lindon spielen klasse, der Look ist toll, Ducournau hat für die nächsten paar Jahre mein vollstes Vertrauen.

Platz 13: Freaky (Regie: Christopher Landon)

"Der blutigste Disney-Film überhaupt", das war das Ziel, das Happy Deathday-Regisseur Christopher Landon mit Freaky erreichen wollte - selbst wenn er die Slasher-Komödie für Blumhouse und Universal inszenierte, und nicht etwa für das Haus der Maus. Diese Attitüde, vermengt mit der Ambition seines Schreibpartners Michael Kennedy, einen stolzen, bunten, munteren, durchdacht-launigen Film über Identität zu machen, ergibt Freaky. Und Menschenskinder, was ist das für eine abgefahrene Kombo, die da an meiner Tür klopft und sagt: "Sonderlieferung speziell für dich." Vince Vaughn und Kathryn Newton sind als blutgieriger Killer und/oder schüchterne Schülerin eine absolute Wucht, die Kills machen gigantische Laune, die Nebenfiguren sind ebenso schrill wie charmant und die rote Lederjacke, die Newton trägt, wird in die Genregeschichte eingehen! Dass Freaky dann auch noch neben seines stattlichen Spaßfaktors eine runde Selbstfindungs- und vor allem Rückgratstärkungsgeschichte erzählt, rundet diesen Slasherspaß gewordenen Disney-Channel-Stoff herrlich ab.

Platz 12: Beyond the Infinite Two Minutes (Regie: Junta Yamaguchi)

Kammerspiel-Zeitreisespaß, Knuffelfilm und launiger Ensemble-Showcase: Regisseur Junta Yamaguchi und Autor Makoto Ueda haben für ihre japanische Theatertruppe einen Film geschaffen, der nur so vor Charisma strahlt. Ein verliebter, schüchterner Cafébesitzer findet heraus, dass der TV-Monitor in seiner kleinen, über dem Café liegenden Wohnung einen Blick zwei Minuten in die Zukunft gestattet. Prompt mischen sich seine Freunde und seine Angestellte ein und lassen sich Spinnereien einfallen, wie sich das für romantische Absichten, Spielereien, Scherze, Späße und zum Geldverdienen ausnutzen lassen könnte. Das locker-leicht umgesetzte, rasiermesserscharf konstruierte Drehbuch macht Laune, die mit winzigen Mitteln umgesetzte Regie verleiht dem Ganzen eine liebenswerte Lockerheit, während sie stets ihre Marker trifft. Und der bestens eingespielte Cast glänzt mit einer unbändigen Spielkind-Energie, die sich auf die Figuren überträgt - eine Gruppe hibbeliger, sich selbst amüsierender, freundlicher Spielkinder. 70 Minuten langes Bis-über-beide-Ohren-Grinsen-Kino!

Platz 11: The French Dispatch (Regie: Wes Anderson)

Kauzig, detailversessen und voller Witz. Und jetzt endlich wieder auf einer Wellenlänge mit mir: In Grand Budapest Hotel und Isle of Dogs habe ich den Wes Anderson, den ich so sehr liebe, schmerzlich vermisst. Die Ästhetik war da, doch das dahinter hat mich nicht ansatzweise so sehr erreicht wie in seinen vorherigen Filmen. The French Dispatch ist dagegen wieder der Anderson, den ich abfeiere. Das äußert sich dieses Mal als Augenweide von einem Film voller Charme, Einfällen, Stars und neckischen Verneigungen sowie liebevollen Attacken auf den selbstbezogen-intellektuellen Journalismus. Fabulös.

Fortsetzung folgt...