Mittwoch, 31. Oktober 2018

Gesang, Zombies, Spaß: "Anna und die Apokalypse"


Ganz gleich, ob man die High School Musical-Filme mag oder nicht: Es ist äußerst faszinierend, wie sie das Gesicht der Disney Channel Original Movies nachhaltig verändert haben. Zuvor bediente der Sender mit seinen Film-Eigenproduktionen eine gewisse Bandbreite. Von Sportkomödien über geradlinige Familienkomödien hin zu übernatürlichen Familiengeschichten. Der Humor in den Disney Channel Original Movies konnte überdreht sein oder beiläufig, slapstickhaft oder sitcomähnlich, gediegen oder flippig. Seit High School Musical hat der Disney Channel jedoch seine Nische gefunden. Innerhalb des Disney-Konzerns. Und innerhalb des Angebots an kinder-, jugend- und familienorientierten Fernsehfilmen. Seit High School Musical dominiert der Camp im Disney Channel. Fernsehfilme des Disney Channels, die sich ernst nehmen, sind nunmehr eine Rarität. Ein tüchtiger Schuss Ironie ist mittlerweile Pflicht, es wird süffisant dem Publikum entgegen gezwinkert, alles ist eine Spur überdreht und zuckrig-fabulös stilisiert. Und der Disney Channel wird campiger und campiger.

Der erste High School Musical-Teil ist über längere Strecken noch ganz schlicht ein typischer Fernsehfamilienfilm, bloß als halbwegs verschüchtertes Musical, das nicht ganz zu seiner Identität steht. Es versteckt mehrere Gesangsszenen in einer "weltlichen" Logik - es wird Karaoke gesungen, für ein Stück geprobt und vorgesungen. Doch dann bricht immer wieder Kenny Ortegas Stil aus. Der Hocus Pocus-Regisseur wählt Farben, die knallen, er lässt es glitzern und lässt Ashley Tisdale und Lucas Grabeel grinsend von der Leine. Nun vergleiche man das mit dem knalligen, ironisch jubilierenden Teen Beach Movie. Und den vergleiche man mit dem wahnsinnig bunten, hibbeligen, stolz-durchgedrehten Descandents 2. Aber selbst das Teenie-Beinahe-Schurken-Fantasy-Coming-of-Age-Musical verblasst im direkten Vergleich mit Z-O-M-B-I-E-S.


Dieses "Zombeau und Julia"-Musical, das die pastellfarbene Menschenwelt und die Industrial-Grunge-Look-Zombiewelt kollidieren lässt, erzählt von einer verbotenen Liebe, institutionalisiertem Rassismus sowie von Cheerleading und Football. All dies in altmodischen (wenngleich verdisneychannelten) Musicalklängen und disneyfiziertem Dubstep-Rap-Clash. All dies bereichert durch ständige Brüche der vierten Wand und völlig überdrehte, glücklich-grimassierende Performances. Dieser Film badet in augenzwinkernder Albernheit, quirlig vermittelter Selbstironie und Zuckerwatte-Camp. Es ist auf wundervolle, gewollte Weise bescheuert. Es. Ist. Großartig!

Und in einer Welt, in der Disney ein derart hart an Selbstparodie grenzendes, knalliges Zombie-Liebesmusical veröffentlicht ... In solch einem filmischen Klima ... Erscheint natürlich ... Ein schottisches, blutiges Weihnachts-High-School-Zombie-Musical! Und dieses schottische, blutige Weihnachts-High-School-Zombie-Musical ist natürlich ... herzlicher, ehrlicher und ungekünstelter als der Disney-Film?! Was?!

Richtig gelesen. Auf dem Fantastic Fest von euphorischem Publikums- und Kritikerecho entgegen genommen und auf dem Fantasy Filmfest 2018 als feierlicher Abschlussfilm zelebriert, ist Anna und die Apokalypse das parallel zu Z-O-M-B-I-E-S entwickelte, blutigere sowie gefühlvollere, geradlinige Pendant zum irren, campigen Disney-Channel-Zombiemusical. Die auf einem Kurzfilm basierende, schottische Indie-Produktion wird in ihrem Trailer trashiger verkauft als sie ist. Denn was wie eine durchgeknallte, subversive Parodie anmutet, ist in Wahrheit … Naja, noch immer subversiv. Aber John McPhails Regiearbeit bewahrt sich dabei ein großes Herz und strahlt allem Zombie-Splatter zum Trotz dort eine wohlige Glühwein-Wärme aus, wo Disneys Z-O-M-B-I-E-S mit ironischer Distanziertheit auftrumpft. Irre, oder?


Anna und die Apokalypse ist womöglich die Überraschung des Kinojahres 2018, ein erzählerisches Wunderwerk, das eine unglaublich schwierige Tonfall-Choreografie meistert, als wäre es das Leichteste auf der Welt. Es ist ein High-School-Musicalfilm, der zur Weihnachtszeit spielt, und von den typischen Konflikten solcher Filme erzählt. Titelheldin Anna (Ella Hunt) will gegen den Wunsch ihres geliebten, aber störrischen Vaters nach der High School das College erst einmal warten lassen und die Welt bereisen. Ihr bester Freund John (Malcolm Cumming) ist heimlich in sie verliebt und sorgt sich, ob er beim kunstaffinen College seiner Wahl angenommen wird. Annas und Johns sich aus dem schulischen, sozialen Geschehen zumeist raushaltende Mitschülerin Steph (Sarah Swire) wiederum plant einen Enthüllungsartikel für den Schulblog, wird allerdings vom strengen Schulleiter Savage (Paul Kaye) ausgebremst. Und Annas Ex Nick (Ben Wiggins) wird von Tag zu Tag arroganter und vorlauter – und wundert sich dann noch, weshalb die Beziehung mit Anna in die Brüche ging. Nur Film-Geek Chris (Christopher Leveaux) und seine Freundin, die dick auftragende, aber gutherzige Schauspielerin/Sängerin Lisa (Marli Siu) haben keinen Grund zum Klagen. Jedenfalls, bis Chris einen wichtigen Termin versäumt …

Nach einem Drehbuch von Alan McDonald und Ryan McHenry spielt Regisseur John McPhail dies zunächst weitestgehend wie eine normale High-School-Musicalkomödie aus. Er trägt hier und da für ein paar Augenblicke etwas dicker auf, um so das subversive Element vorzeitig einzuführen, trotzdem nimmt er die Schulfreuden und Schulleiden für bare Münze, statt sie zu persiflieren oder Kenny-Ortega-Camp aus ihnen zu spinnen. Und dann bricht in eben dieser gutherzigen, musikalischen Weihnachtskomödie plötzlich ein Zombiefilm aus, der sich in groben Pinselstrichen den Gesetzen George A. Romeros unterwirft. Oder ist Anna und die Apokalypse ein Zombiefilm, der immer wieder in Gesang ausbricht und sich mehrmals grobe Späße erlaubt?

So oder so: McPhail lässt mit Anlauf zwei Filmgattungen kollidieren, die nicht zusammengehören – und lässt das auf magische Art und Weise harmonisch funktionieren. Wo sich der Disney Channel bei Z-O-M-B-I-E-S in Camp, Sarkasmus und Dauerüberzeichnung flüchtet, wagt es McPhail, beiden Genres mit Respekt und Geradlinigkeit zu begegnen. Und dennoch gelingt es ihm, dem Publikum das zu liefern, was es bei solch einem Genreclash erwartet, und zieht aus der riesigen Diskrepanz zwischen Weihnachts-Schulkomödienmusical und Zombieapokalypse jede Menge Humor. Das klingt nahezu unmöglich, und dennoch gelingt Anna und die Apokalypse das mit der beschwingten Leichtigkeit eines verliebt singenden, hopsfidelen Teenies.

Dies ist unter anderem den fantastischen Liedern von Roddy Hart und Tommy Reilly zu verdanken. Wirklich jeder Song in Anna und die Apokalypse ist ein Volltreffer – sie sind poppig-lebhaft und dabei "showtune-iger" als die meisten, elektronisch aufgepeppten Disney-Channel-Filmlieder der Post-High School Musical-Ära. Paradebeispiel dafür ist der resignierende, gleichzeitig zum Mitwippen einladende Ohrwurm Hollywood Ending, der auf begnadete Weise ausdrückt, wie desillusioniert die zentralen Figuren sind, dabei eine vitale Energie beibehält und kurz nach einem Disney-Seitenhieb mal eben, völlig ironiefrei, Teile der Stick To The Status Quo-Choreografie aus High School Musical kopiert. Dekonstruktion und Hommage in einem – und das in einem herzlich-ehrlichen, munteren Tonfall – wow, einfach nur wow.


Kurz ins Parodistische wagt sich derweil eine mit Doppeldeutigkeiten vollgestopfte Weihnachtsnummer, die Lisa auf der Schulfeier singt und die selbst den "Wir singen über das Hochschlafen"-Geschwistern Sharpay und Ryan Evans die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Ein späterer Song lässt unterdessen den Anti-Helden Nick rockig von seinen Zombie-Abmetzel-Künsten prahlen, und natürlich gibt es auch einen ikonischen Schurkensong. Diese und auch die anderen Lieder in Anna und die Apokalypse haben eine verspielte, elegante Choerografie gemein, für die Nebendarstellerin Sarah Swire zuständig war. Swire gibt auch vor der Kamera eine großartige Leistung ab – als sozial engagierte, verschlossene Jungjournalistin Steph bringt sie obendrein Witz und Power mit sich, und sobald die Zombiekacke so richtig dampft, changiert sie auf mitreißende Weise zwischen verängstigt und vom Adrenalinrausch des Überlebenskampfes angetrieben.


Mindestens genauso stark ist Hauptdarstellerin Ella Hunt, die Anna leinwandfüllendes Charisma mitgibt. Die archetypischen Storyentwicklungen, die Anna und die Apokalypse in all seinen Genres durchmacht, übermittelt sie mit solcher Treffsicherheit, dass die Gags genauso gut sitzen wie die emotionalen Beats. Marli Siu wiederum wirkt in ihrer Rolle so, als sei Anne Hathaway zu Plötzlich Prinzessin-Zeiten von Ashley Tisdale als Sharpay Evans besessen worden. Und aus dem durch und durch soliden Cast an männlichen Darstellern sticht Paul Kaye als genüsslich-diabolischer Schulleiter denkbar hervor.

Aufgrund der überzeugenden Schauspielleistungen des gesamten Ensembles und McPhails begnadeter tonaler Orchestrierung sind die Sprünge von Weihnachts-Schulmusical zu Zombiefilm gleichzeitig packend und spaßig. Wenn Anna und John bei ihrer musikalischen Morgenroutine die um sie herum stattfindende Zombieplage ignorieren, ist das genauso komisch, wie die verkaterte Variante des Ganzen in Edgar Wrights Shaun of the Dead. Und die ersten Kampfsequenzen der schockiert-genervten Hauptfiguren gegen die Horde an Untoten sind in ihrer literweise Blut verschüttenden Deutlichkeit genauso lustig. Wenn McPhail dann aber zügige, einfallsreiche Slapstick-Action gegen ruhiger erzähltes Vor-den-Zombies-verstecken austauscht, und die Figuren um ihr Leben bangen, lässt er mit einem Fingerschnippen Suspense entstehen. Man will mit Anna und Co. lachen, kann das auch oft – und umso mehr fiebert man mit ihnen mit, wenn aus Absurdität wieder Ernst wird.

Hinzu kommen Ryan Clachries farbenfrohe Kulissen und Fi Morrisons Kostüme, die subtil den Charakter jeder Figur unterstreichen, sowie Sara Deanes das Geschehen mit scharfem Auge einfangende Kameraarbeit. Manche Außenaufnahmen weisen zwar einen künstlichen, leicht überbelichteten Glanz auf, doch die Dynamik, mit der sich die Bildsprache unterschwellig an den gerade vorherrschenden Tonfall anpasst, macht dies mehr als wett. Selbiges gilt für Mark Hermidas Schnitt, der den Witz überbordender Slapstick-Splatterei genauso zu unterstreichen weiß wie die Herzlichkeit der ruhigeren Momente.


Alles in allem ist Anna und die Apokalypse ein Feel-Good-Be-Shocked-Musical, das mit grundehrlichem Gemüt einen subversiven, schmalen Genregrat entlang tanzt und seinem Publikum sogleich mehrere potentielle Stars von morgen in denkwürdigen Rollen präsentiert. Die Gags sind urkomisch, die Lieder mal schön, mal cool, aber immer einprägsam und die Referenzen auf filmische Vorbilder sind pfiffig, aber nie aufdringlich. Kurzum: Anna und die Apokalypse ist ein Geniestreich von einem Genremix und einer der besten Filme des Jahres.

Und nun ist Geduld angesagt: Anna und die Apokalypse startet am 6. Dezember 2018 in den Kinos.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Resident Evil: The Final Chapter


Die umstrittene Resident Evil-Filmreihe meldet sich ein letztes Mal zurück. Und zu gewissem Grade wird sich bei Resident Evil: The Final Chapter kaum etwas ändern: Fans der Videospielreihe wird es aufregen, dass Paul W.S. Anderson (seines Zeichens Regisseur, Autor, Produzent sowie Ehegatte der Hauptdarstellerin) aus einer Survival-Horror-Game-Marke eine Sci-Fi-Actionhorror-Kinosaga formt. Filmliebhaber, die in jedem Genre gehobene Ansprüche an die Narrative und Charakterzeichnung stellen, werden genervt die Augen rollen. Und Freunde von Sci-Fi-Actionhorrorstreifen, ganz gleich ob Underworld oder nun einmal Resident Evil, werden dennoch einen Blick riskieren.

Ähnlich wie bei Underworld: Blood Wars erwartet Genrefans nach einem besonders actiongeladenen Vorgänger beim neusten Part allerdings eine böse Überraschung in Form eines vollauf lahmen Films. War es beim Kampf „Vampire gegen Lykaner“ so, dass schleppende Dialoge jegliche Energie aus dem Film saugen, verliert der sechste Kinoeinsatz der agilen Zombiebekämpferin Alice seinen Drive durch eine nahezu inkompetente Schnittarbeit. Anderson lässt seinen Cutter Doobie White (Gamer) sämtliche Actionszenen in einer so hohen Frequenz ohne jeglichen Rhythmus schneiden, dass sich die Kampfchoreografie nicht einmal mehr erahnen lässt, geschweige denn in aller Fülle genießen. Während Resident Evil: Retribution zumindest in den Actionszenen ein visuelles Fest darstellt, ist Resident Evil: The Last Chapter hektischer als ein Mix aus Ein Quantum Trost und Jason Bourne, der in einen Kessel voll Energy Drink gefallen ist.

Verquickt mit einer ungeheuerlich schattigen Ausleuchtung, dunklen Farbfiltereffekten und der zumeist sehr nah an den Darstellern verorteten Kameraarbeit Glen MacPhersons (Pompeii 3D) verkommt ein Großteil der Kämpfe zu reinen Lärmattacken, während auf der Leinwand respektive auf dem Bildschirm Lichter flackern. Und was die Handlung anbelangt, ist der wenige Wochen nach dem Vorgänger spielende Film gewohnt schlicht gehalten:

Nachdem Alice (souverän: Milla Jovovich) vom Umbrella-Corporation-Firmenchef Wesker (Shawn Roberts) hinters Licht geführt wurde, droht der Menschheit der endgültige Untergang durch die rapide um sich greifende Zombieseuche. Alice kämpft sich zurück nach Racoon City, dem Ort, wo alles begann und wo laut dem Computersystem Red Queen ein Gegenmittel zu finden ist. Die Red Queen war früher jedoch eine Kontrahentin – kann ihr Alice nun also wirklich vertrauen? Zusammen mit neuen Bekannten (darunter eine verschenkte Ruby Rose) und alten Verbündeten (wie etwa eine solide agierende Ali Larter) lässt sie es drauf ankommen …

Tonal ist Resident Evil: The Final Chapter ein Zwischending aus bisherigen Filmen dieses Franchises. Wenn Alice durch eine verlassene Wüstenlandschaft wandert (Resident Evil: Extinction lässt grüßen), erzeugt Anderson eine leichte Endzeithorror-Atmosphäre und setzt auf vereinzelte Jumpscares. Später greift er hingegen Elemente aus Teil vier und fünf erneut auf und liefert vor allem nüchterne Action, in den letzten Minuten kehrt dann sogar etwas Humor zurück – aber nicht genug, um nach der zerschnittenen, somit unfassbar monotonen Action für Wiedergutmachung zu sorgen.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Oliver Masucci: 'Bei Kunst zählt die Idee'

Ich habe mit Schauspieler Oliver Masucci über Werk ohne Autor, die Arbeitsweise von Regisseur und Autor Florian Henckel von Donnersmarck sowie unschäne Floskeln gesprochen.

Ich mutmaße, dass sich der Großteil des Diskurses rund um Werk ohne Autor auf die Geschichtsverarbeitung Deutschlands beziehen wird. Aber eine Szene, die mir sehr imponiert hat, ist die Museumsführung direkt zu Beginn. Indirekt zeigt sie auf, welch deutsches Unding die oft im harmlosen Scherz gesagten Sprüche "Ist das Kunst oder kann das weg?" und "Also, das hätte ein fünfjähriges Kind auch malen können!" sind ...
Es ist furchtbar! Es ist grauenhaft! "Das kann ich auch" gehört genauso zu solchen schlimmen Sätzen. Bei Kunst zählt die Idee, die ist das interessante. Das Herstellen am Ende ist nur sekundär. Es ist mir egal, wenn jemand denkt, sein kleines Kind könnte technisch dasselbe abstrakte Bild herstellen – es würde in kaum einem Fall auf dieselbe Idee kommen! Die Idee steht in der Kunst über dem Herstellungsprozess, die Idee muss daher entlohnt werden – was manch einer aber nicht begreifen will. Damit bekommen wir dann solche Sätze zu hören wie: "Ja, wenn ich die Idee gehabt hätte, hätte ich das genau so machen können …" Aber man hat die Idee nicht gehabt, das ist ja der Punkt! Da herrscht so eine Begriffsstutzigkeit vor, bei manchen Menschen, das ist zum Haare raufen.

Wenn man mal überlegt, wie Beuys, an den meine Figur in Werk ohne Autor angelehnt ist, die Nation gespalten hat, bloß weil er einen Hut getragen hat. Er wurde dadurch zu einem Hüter, oder für manche zum Verräter, des Menschseins, des Kunstprozesses und des Kunstverständnisses, und das zu großem Teil allein dadurch, dass manche Leute ihn partout nicht verstehen wollten. Man kann mir nicht sagen, dass die Leute Beuys nicht verstehen konnten – sie wollten ihn nicht verstehen! Allein, weil er einen Hut getragen hat. Durch so etwas kann man unsere Nation spalten! Das finde ich irre!

Erst recht, wenn man bedenkt, was er dann letztlich trotz dieser Kontroversen uns hinterlassen hat: Erst kürzlich bin ich in Kassel mit dem Auto an den Bäumen vorbeigefahren, die er gepflanzt hat – die sind zu einer richtigen Allee herangewachsen. Das ist ein landschaftliches Kunstwerk, das über seinen Tod hinaus Bestand hat und noch immer weiter wächst. Das ist absoluter Wahnsinn, mir sind die Tränen gekommen, als ich das gesehen habe. Aber was hat die 'Bild'-Zeitung geschrieben, als Beuys gestorben ist? "Deutschlands größter Scharlatan ist tot." Das muss man sich mal vorstellen, was das für eine Zeit war, in der er agiert hat und sich zerschlissen hatte. Beuys meinte ja: Der Mensch muss am Ende seines Lebens zerschlissen sein, denn wenn er in gutem Zustand stirbt, wäre das tragisch, eine Verschwendung. Wenn ein zerschlissener Mensch stirbt, habe es dagegen einen Sinn. Dann hat er sich aufgebraucht, für die Menschen um sich herum und für die Kunst. Und so einen klugen, einsichtigen Menschen nannte man damals Scharlatan …

Wo liegen denn Ihre persönlichen Vorlieben in der Kunst? In der Aktionskunst wie der von Beuys, in der abstrakten oder doch eher in der naturalistischen Malerei, oder, oder ..?
Mein Kunstlehrer war Beuys-Schüler, und daher habe ich viel über Fluxus und Happenings gelernt – und ich denke, das hat meinen Blick auf Kunst schon stark beeinflusst. Und dann war auch noch der Vater meiner ersten Freundin ein Künstler, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe. Er war ebenfalls Beuys-Schüler, und wir haben zusammen ein Pergament bemalt, das wir daraufhin dreidimensional als Plastik gestaltet haben.

Ich habe auch danach mit einigen Künstlern zusammengearbeitet. Ich habe zum Beispiel mit Erwin Wurm einige One Minute Sculptures gemacht und auch eine Wortskulptur in Salzburg, wozu er einen kunsttheoretischen Text geschrieben hat, den wir in der Skulptur ausgedrückt haben. Wir haben ihn auf einer Ausstellung aber auch vorgetragen, was eine sehr interessante Erfahrung für mich war, weil Ausstellungspublikum komplett anders reagiert als Theaterpublikum.

Ich habe immer gerne mit diesem Schlag von Leuten zu tun. Ich betrachte auch die Schauspielerei als Kunst. Das geht für mich alles Hand in Hand. Und es ist stets schön, Impulse zwischen den Künsten auszutauschen, denn schauspieltechnisch können wir das, was in einer Aktionskunst von jemandem wie Marina Abramovic steckt, gar nicht erfassen. Doch die Gefühle, die bei mir entstehen, wenn etwa Abramovic auf der Chinesischen Mauer auf ihren Mann zuläuft, um sich danach von ihm zu trennen, nehme ich oft in mein Schauspiel mit.

Ich nehme mir nicht vor "Ich mache das jetzt so oder so", sondern ich nehme diese Eindrücke als Fundament für mein Gemüt und spiele dann drauf los. Ich halte das für ergiebiger als das große Theoretisieren meines Schauspiels, denn so kann ich einen fremden Erfahrungsschatz zumindest zu einem Teil für mich vereinnahmen, was die Bandbreite der Rollen, die ich mir zutraue, enorm erweitert. Ich muss mich so nicht auf einen Satz oder ein Wort aus dem Skript verlassen, sondern kann mich von der Kunst beflügeln lassen.

Wie ist Ihr Eindruck von Florian Henckel von Donnersmarck als Regisseur? Gehört er zu den Regisseuren, die ihr Ensemble an der langen Leine lassen? Oder hat er eine sehr konkrete Vision, die er seinen Darstellern einflößt?
Ganz klar letzteres. Er hat eine sehr starke, ausformulierte Vision und er ist sehr genau in dem, was er tut. Sein Arbeitsprozess besteht daraus, dass er sich sehr viel Zeit nimmt, einem zu erklären, was er sehen möchte und weshalb. Er will, dass wir verstehen, wieso etwas auf eine bestimmte Weise gemacht werden sollte. Gleichzeitig ist er aber auch ein Regisseur, der sich auf der Suche befindet. Er sucht sehr genau, auch noch während der Arbeit. Das heißt, dass die Drehtage mit ihm sehr lang werden, weil es sein kann, dass man zwei Stunden etwas gedreht hat, er es dann aber verwirft, so dass man wieder neu anfängt, damit er eine Szene völlig neu aufrollen kann. Das klingt vielleicht paradox, aber das sind zwei ergänzende Seiten an ihm.

Und die Genauigkeit kommt seinem Drehbuch sehr zugute, da es wirklich bis in die kleinsten Psychologismen ausgearbeitet ist und wir als Schauspieler eine sehr verständliche, fundierte Grundlage erhalten. Dieser Vorarbeit zum Trotz nimmt er uns Schauspieler als Künstler sehr ernst, weswegen er in einem sehr respektvollen Umgang mit uns auf die Suche geht, was abseits des Drehbuchs möglich wäre, oder sich aus ihm heraus noch erarbeiten ließe. Da, wo Andere nur schnell, schnell fertig werden wollen, nimmt er sich die Zeit, weiter zu suchen. Und das habe ich sehr, sehr an der Arbeit mit ihm genossen. Dass sich jemand so viel Zeit nimmt, so genau zu arbeiten und darauf wert zu legen, das zu erreichen, was ihm vorschwebt und darüber vielleicht sogar hinaus geht, statt einfach bloß das Ding in den Kasten kriegen zu wollen, hat mir sehr imponiert. Erst recht, weil er dabei dich als Person und Künstler so sehr wertschätzt und mit dir ein Team bildet.

Ich schätze, dass das der Grund war, weshalb Werk ohne Autor so viel später fertig wurde als anfangs vermeldet, denn er hat auch im Schnitt so genau gearbeitet wie mit uns am Set. Was sich aber auch voll und ganz gelohnt hat! Es ist ein sehr spannender und dramatischer Film geworden.

Und ein thematisch sehr dichter. Die vorhin besagte Komponente, dass er die weitläufige Kunstskepsis in unserem Land kritisiert, ist ja nur einer von vielen inhaltlichen Aspekten des Films. Er ist darüber hinaus ja unter anderem der Versuch einer kulturellen Zeitkapsel dreier deutscher Epochen …
Richtig, wobei ich finde, dass sich der Kern des Films dessen ungeachtet auf einen Satz reduzieren lässt: Die Kunst erahnt etwas, was der Geist noch nicht begreifen kann. Damit lässt sich der Film in all seinen Facetten zusammenfassen. Es geht um ein Bild, in dem mehrere Personen zu sehen sind, die auf tragische, erschreckende Weise verbunden sind – und der Künstler weiß es nicht. Im Fall Gerhard Richter, der die Inspiration zu Tom Schillings Figur in Werk ohne Autor war, fand erst Jahrzehnte nach Entstehung des Bildes, ein Geschichtshistoriker diese Zusammenhänge heraus. Aber in der Kunst hat dieser Mann diese Personen bereits zusammengebracht – da bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke. Und das ist ja kein Einzelfall. Ich bin davon überzeugt, und finde es daher so aufwühlend: Die Kunst kann dem Verstand voraus sein.

Man sagt nicht umsonst 'Das Leben imitiert die Kunst', denn Beispiele gibt es zur Genüge. Orwells 1984 dürfte da wohl eines der Paradebeispiele für sein …
Ganz genau. Der hat es vorausgeahnt und wir sind da nun schon weit drüber hinausgeschossen. Es ist erschreckend. Wir sind so überwachbar, und wir merken es nicht einmal. Schlimmer noch: Wir nehmen es als Luxus wahr. Keiner will zu kritisch darüber nachdenken, denn würde man es, müsste man Konsequenzen daraus ziehen und sein Leben verändern. Und Veränderung ist dem Menschen ja zuwider. Veränderung kommt mittlerweile nicht mehr aus den Menschen heraus, sondern kommt von außen. Wenn Kriege ausbrechen oder ähnliches passiert, dann bequemen wir uns langsam aus der Gewohnheit heraus. Aber von uns aus, in Voraussicht, Dinge zu bewegen? Dafür graut es vielen Menschen, leider. Der Mensch erträgt lieber Situationen, die er ganz furchtbar findet, statt eine Veränderung zu wagen. Denn die Angst vor der Veränderung ist noch größer als das Leiden unter der gegebenen Situation. Das ist so irre. Deshalb verliert man mit dem Wort 'Strukturveränderung' jede Wahl. (lacht)

Zum Abschluss eine generelle Frage über Ihre Rollenwahl: Zieht es Sie eher zu Rollen, die Ihnen völlig fremd sind, oder ziehen Sie es doch vor, sich wenigstens in einem Aspekt Ihrer Rolle wiederzufinden?
Ich suche immer nach der Komponente, die mir am nächsten ist. Wenn ich den Punkt finde, der bei mir ist, dann kann ich die Figur mit Leben füllen – und dann kann ich mir auch all das an ihr erarbeiten, was überhaupt nicht meinem Naturell entspricht. So war es auch beim van Verten in Werk ohne Autor: Der eine Kreis bin ich als individuelle Person. Der andere Kreis, das ist das Vorbild Beuys. Und in der Mitte, da ist eine Schnittmenge. Ich versuche, mich zu der hinzubewegen und von dort aus die eigene Sprache dieser Figur van Verten zu entwickeln, und von da aus entwickelt sie dann ihre weiteren Eigenheiten.

Ich brauche das – in jeder Figur brauche ich etwas, das mich berührt. Und das können die Emotionen einer Figur sein, oder ich ziehe mir die Emotion aus einem Umweg. Wenn ich zum Beispiel Genre spiele, und eine wirklich widerliche, fiese Type spiele, dann suche ich mir ein Vorbild und ziehe meine Emotion aus dem Spaß daran, dieses Vorbild auf meine eigene Weise zu interpretieren. Das kann auch eine große Freude sein. Aber die Rollen, die mir am meisten gefallen, sind dann doch die, die etwas tief in mir berühren, das ich vielleicht auch selber nicht benennen kann, was mich aber zu Tränen bewegt. Die Rollen fallen mir dann auch am leichtesten zu spielen, weil ich aus dieser Emotion heraus einfach entstehen lassen kann.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Werk ohne Autor ist in vielen deutschen Kinos zu sehen.