Montag, 3. Mai 2021

Red Screening – Blutige Vorstellung

 
Ich vermisse das Kino. Ich vermisse es in seiner Gesamtheit. Der Duft von frischem Popcorn. Der Geschmack von frischem Popcorn. Der Anblick eines Kinofoyers. Ich vermisse es, an Postern vorbeizugehen, und zu denken: "Boah, war der schlecht. Der war super! Auf den freue ich mich! Was ist das denn bitte für ein Poster?!" Ich vermisse es, mich in einen Kinosessel zu schmeißen, in den Saal hineinzublicken, abzuchecken wie voll es ist, und was für ein Publikum sich um mich herum versammelt. Das Warten darauf, dass sich das Licht dimmt und die Werbung beginnt. Das Freuen über angenehme Spots und Trailer, das Ärgern über dämliche Clips, und die riesige Freude darauf, dass der Hauptfilm beginnt. Das Wahrnehmen dessen, wie die Anderen den Film finden. Und das Loslösen aus der Filmwelt, um vom halbdunklen Kinosaal aus wieder Schritt für Schritt in die alltägliche Welt zu finden. 

In dieser melancholischen Stimmung der Kinosehnsucht kam Red Screening genau richtig: Dieser Slasher (mit ästhetischen Giallo-Anleihen) aus Uruguay trieft geradezu vor ehrlicher Lichtspielhausliebe. Lichtspielhausliebe für alles, was die Kinoerfahrung ausmacht. Von den Vorzügen des Filmtempels bis hin zu den ärgerlichen Kleinigkeiten, die aber einfach dazugehören, wie ein ab und zu nervendes Publikum. In dieses Schwelgen in Kinostimmung werfen Drehbuchautor Manuel Facal und Drehbuchautor/Regisseur/Produzent Maximiliano Contenti einen zielstrebigen Killer, der für geradlinige, handgemachte Slasher-Metzeleffekte sorgt – noch etwas, das ich vermisse, denn einen neuen, ironiefreien, stringenten Slasher gibt es derzeit ja auch selten zu erleben ... 

Eine stürmische Nacht in Montevideo im Jahr 1993: Direkt nach einer Familienvorstellung läuft im Kino "Cine Opera" ein Horrorfilm. Ana, die Tochter des Filmvorführers, hat ausnahmsweise die Nachtschicht für ihren sich ständig überarbeitenden Vater übernommen. Eigentlich kein Job, der besonders aufregend ist ... Das hat aber auch seinen Vorteil: Immerhin kann Ana somit während der Arbeit für eine bald anstehende, wichtige Prüfung büffeln. Doch denkste! Denn in dieser Nacht kann von Ruhe, gediegener Langeweile und ausreichend Zeit zum Lernen nicht die Rede sein: Ein erbarmungsloser Killer hat für die Vorstellung ein Ticket gelöst und lässt seinem Blutdurst im Schutze der Dunkelheit freien Lauf. Nun muss Ana nicht nur um ihr Überleben kämpfen, sondern auch versuchen, möglichst vielen Filmfans vor Ort einen grausamen Tod zu ersparen ... 

Ein Kino, wie man es sich kaum besser zusammenträumen könnte: Neonröhrenreklame, eine meterhohe, ikonische Frontfassade, ein großer Saal mit Stadium Seating, aber auch mit einer abgenutzten Holzvertäfelung, staubigen Sitzen mit leicht schimmerndem roten Bezug und (angesichts des zeitlichen Settings ganz alternativlos:) analogem Projektorsystem. Das Kino in Red Screening ist fantastisch ausgewählt und formidabel zurechtgemacht, so dass es ein nostalgisches, liebevolles Aufeinandertreffen von Programmkino-, Arthouse-Lichtspielhaus- und Massenfilmtempel-Ästhetik bietet und quasi zu einem prototypischen Kino wird, so dass wohl nahezu allen Kinobegeisterten durch das eine oder andere Detail das Herz in die Höhe hüpfen dürfte.

Um ein Klischee aus der Filmkritik abzuwandeln: Das Kino ist quasi ein heimlicher Protagonist in Red Screening. Seine Aufmachung, gepaart mit der Kameraarbeit von Benjamin Silva, der Red Screening eine leicht verwaschene, kontrastarme, aber farbenreiche Bildsprache verleiht, so als würden wir uns eine schlecht gepflegte 35mm-Kopie eines klein budgetierten, visuell ambitionierten Horrorfilms anschauen, verleiht dieser kleinen Genreproduktion eine immense, dichte Atmosphäre. 

Hinzu kommt die vortreffliche Auswahl an Figuren, die zwar allesamt kaum mehr sind als Archetypen, aber auch nicht mehr sein müssen, weil das Kinofeeling, die Größe des Casts und die Grundstimmung sowie die Genremechanismen ausreichen, um die nicht einmal 90 Minuten Laufzeit zu füllen: Da ist die Gang räudiger Teenager, die lärmend in den Saal stolpern, nachdem der Film begonnen hat. Der kleine Junge, der sich in den Film geschlichen hat (böse!), weil er zu jung ist und gerne einen Horrorfilm sehen will (na gut, das gibt dir Sympathiepunkte, Kleiner!) – und der in den brutalen Szenen hin- und hergerissen ist zwischen "Hände vor die Augen halten" und "Hinschauen wollen und mitfiebern" (wie goldig!). Da ist ein schüchtener Typ, der mit seinem Date einfach irgendeinen Film schauen will, und sich völlig uninformiert vom Programm überraschen lassen möchte. Und sein Date, das die Augen rollt, weil er nichts über den Film weiß, und sowieso ganz andere, fleischlichere Erwartungen an den Abend hegt. Dann ist da noch die junge Frau, die allein ins Kino geht und daher verlacht wird. Und der grantige, alte Typ, der mehr Ruhe im Saal will.

Es ist eine bunte Mischung aus sympathietragenden Figuren und willkommenem Kanonenfutter, die gestattet, dass wir in Red Screening sowohl gebannt mitfiebern, dass manche Figuren fliehen können, als auch diebisches Vergnügen an bösen Kills haben. Die sind übrigens nicht gerade aufwändig, wohl aber geradeheraus, haptisch umgesetzt und in ihrer Simplizität schön schmerzhaft, statt zynische Spektakel. Der Killer lässt sich Zeit, bevor er auftaucht, wird nicht übermäßig mit Hintergrundgeschichte versehen, und agiert zügig, kräftig, aber auch nicht makellos, so dass im großen Finale Raum für Anspannung bleibt: Wird er straucheln, daneben schlagen oder sich übertölpeln lassen? Oder behält er den Fokus und kommt mit noch einem und noch einem Mord davon? Das gestattet ein schnörkelloses, herbes Slashererlebnis, das Schaulust und Spannung gesund vereint – und nicht eine Minute zu lang oder zu kurz ist.

Red Screening ist also (im besten Sinne!) ein schlichter Film, der Slasher-Genrefans ein geradliniges, spannendes Sehvergnügen bietet, das dank des liebevoll eingefangenen und gestalteten Settings das Kinoherz höher schlagen lässt. Wenn ihr nach diesen Zeilen Lust bekommen habt, dann dürft ihr Red Screening als klare Sehempfehlung abspeichern!