Freitag, 25. Februar 2022

Meine Lieblingsfilme 2022 (Teil III)

Was bisher geschah...

Platz 30: Peter Hase 2 (Regie: Will Gluck)

Drei Jahre nach seinem überraschend erfolgreichen und überraschend gewitzt-charmanten Peter Hase setzt Regisseur Will Gluck die Geschichte des rotzbengeligen, dennoch herzlichen Langohrs fort. Und dieses Mal unterstreichen Gluck und der mit ihm für das Drehbuch verantwortliche Patrick Burleigh die Selbstironie des Vorgängers doppelt und dreifach! Peter Hase 2 handelt unter anderem davon, dass die liebenswürdigen, harmlosen Kindergeschichten der Autorin Beatrix Potter aufgrund des Drucks eines Geschäftsmanns (herrlich schmierig-grinsbackig: David Oyelowo) für eine massentauglichere, modernere Weiterverwertung frecher, lauter, größer und wilder werden sollen. Der Metahumor glänzt, der Slapstick hat tolles Timing, die flauschigen Figuren aus Teil eins werden schön weiterentwickelt und es gibt einen herrlich komischen Heist auf einen Bauernmarkt. Deadpool 2 trifft Paddington 2, was für ein Spaß! (Noch dazu einmal mehr kongenial synchronisiert mit Christoph Maria Herbst in Höchstform.)

Platz 29: Spider-Man: No Way Home (Regie: Jon Watts)

Ein großes Meta-Festival zu feierlichen, manchmal auch selbstkritischen Ehren des filmischen Spider-Man-Erbes und des Stands des Marvel Cinematic Universe, voller engagiert-amüsierter Superhelden-Performances, jeder Menge Witz und einer erstaunlich raffiniert eingefädelten Weiterentwicklung des Charakters Peter Parker. In der Mitte zieht er sich ein klein wenig, weshalb ich diese Popcornparty nicht noch höher in den Top 30 ansiedle. Trotzdem ein toller Abschluss der Home-Trilogie!

Platz 28: Yes, God, Yes (Regie: Karen Maine)

In schlanken, prägnanten 78 Minuten lässt Regisseurin und Autorin Karen Maine das Umfeld wieder aufleben, in dem sie einst ihre Sexualität entdeckt hat. Nämlich das unerotischste Umfeld, das sie sich als weiße US-Amerikanerin aus Iowa vorstellen kann: Katholische Jugendfreizeiten. Hauptdarstellerin Natalia Dyer spielt die neugierige, verschreckte, eine rebellische Ader und umso mehr Schuld entwickelnde Protagonistin brillant, die Dialoge sind (inklusive ihres christlichen Pathos) wie aus dem Leben gegriffen und wie Maine Empathie, Zorn und Witz vereint, um ihre Gedanken über Doppelmoral zu verarbeiten, ist einfach klasse.

Platz 27: Eternals (Regie: Chloé Zhao)

Vor atemberaubenden Schauplätzen lässt Chloé Zhao eine Gruppe praktisch gottähnlicher Superheld:innen über Pflichtbewusstsein, Ethik, Individualität und den Wert einzelner Leben sinnieren. Das Ganze hat Witz, schön ausdifferenzierte Figuren und einen starken Score von Ramin Djawadi. Klasse Film, zu Unrecht von der US-Kritik abgewatscht und aktuell völlig verdient in einer Art zweitem Aufwind, was seine allgemeine Rezeption angeht.

Platz 26: Pieces of a Woman (Regie: Kornél Mundruczó)

Vanessa Kirby und Shia LaBeouf geben wahre Tour de Forces als Pärchen ab, das nach einer Fehlgeburt versucht, zurück in den Alltag zu finden. Rechtsstreitigkeiten, Familienstress, Schuldzuweisungen, in sich hineingefressene Schuld, Zorn und emotionale Abgestumpftheit ergeben einen explosiven Gefühlscocktail, den Kornél Mundruczó mit kühler Zielstrebigkeit einfängt. Auf Ellen Burstyns improvisierten, konfusen Wutmonolog mittendrin könnte ich verzichten, aber allein schon das die Kehle zuschnürende Intro sichert dem Film eine Position in diesem Ranking.

Platz 25: Die Erlösung der Fanny Lye (Regie: Thomas Clay)

1657 in England: Zwei unbekleidete Fremde (Freddie Fox & Tanya Reynolds) suchen Unterschlupf auf der Farm des Kriegsveteranen John Lye (Charles Dance), der ein straffes Regiment auf seinem Grund und Boden führt. Doch die religiös liberalen, eloquenten jungen Leute fangen an, Johns Gattin Fanny (Maxine Peake) von Selbstbestimmung und sexueller Freiheit zu überzeugen und seinen Sohn... haltet euch fest... mit Spielen zu bespaßen! Das ist reinster Schock und Horror in Johns Augen, und so kommt es, wie es kommen muss: Ein Machtspiel zwischen den Weltanschauungen beginnt. Thomas Clay inszeniert dies als packenden Slowburner voll Sinnlichkeit, hervorragenden Monolog-Wettbewerben und fesselnden Performances. Große Klasse.

Platz 24: inside (Regie: Bo Burnham)

Bo Burnhams absurdes Kammerspiel inside vereint Comedyspecial-Duktus, Pandemie-Echokammer, Depressionstalk und seufzendes Generationenselbstporträt zu einer unwiderstehlichen Mischung aus Galgenhumor, medialer Selbstkritik, Ohrwürmern, Eskapismus und entnervtem Lachen in den bunt schimmernden Abgrund. Und ein bisschen UMBERTO! ist es auch.

Platz 23: Seitenwechsel (Regie: Rebecca Hall)

Rebecca Hall empfiehlt sich mit ihrem Langfilm-Regiedebüt Seitenwechsel (oder, wie es im Original deutlich treffender betitelt ist: Passing) als Top-Regisseurin, die wir alle im Blick behalten sollten. Ihre Romanadaption über zwei einst befreundete Schwarze, die unterschiedliche Lebensentwürfe haben, abhängig davon, wie sehr sie als weiß durchgehen, ist sensible Charakterstudie, stichelnde Gesellschaftskritik und großartige Bühne für Ruth Negga und Tessa Thompson, um schauspielerisch aus den Vollen zu schöpfen.

Platz 22: Nobody (Regie: Ilja Naischuller)

Manchmal sind es die einfachen, unscheinbaren Dinge, die so richtig einschlagen. Wie Nobody von Hardcore Henry-Regisseur Ilja Naischuller, ein wunderbar geradliniger Actionfilm, der dank eines großartig aufgelegten Bob Odenkirk, launig-herber Actionchoreografie, eines spaßigen Schurken und seines knackigen Erzählflusses einfach mächtig Bock macht. Jeder Kinobesuch war eine Sause!

Platz 21: The Power of the Dog (Regie: Jane Campion)

Jane Campions Western-Drama The Power of the Dog ist ein atmosphärischer Blick auf Menschen, die sich abschotten, indem sie Rollen einnehmen, aus denen sie ihr wahres Ich nur selten durchbrechen lassen. Der gesamte Cast spielt bemerkenswert, allen voran Benedict Cumberbatch und Kirsten Dunst. Der Score von Johnny Greenwod ist intensiv, die Bildwelten rau und die Charaktere höchst sensibel, selbst wenn sie alles tun, außer sich dies einzugestehen. 

Fortsetzung folgt...

Samstag, 12. Februar 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil II)

Was bisher geschah...

Platz 40: Benedetta (Regie: Paul Verhoeven)

Paul Verhoeven trollt mal wieder. Und trollt eigentlich gar nicht. Denn seine Nonnen-Lesben-Historiengeschichte hat selbstredend Elemente, die bei einigen Leuten für tomatenrote Ohren sorgen dürften. Und für die, die sich nicht von improvisiert herbeigeschnitztem Sexspielzeug schockieren lassen, gibt's noch immer den bewusst-extra peinlich-albernen Aspekt, dass die Titelheldin, wann immer sie vorgibt von Jesus besessen zu sein, mit der Stimme des Benedetta-Filmjesus spricht, was vorne bis hinten nicht zusammenpasst. Andererseits nimmt Verhoeven sein Sujet ziemlich ernst: Statt eine reine Lachnummer aus dem Stoff zu machen, streut er gehaltvolle Schlussfolgerungen in den Film, der auch über schlechtes Pandemie-Management und "Wer laut genug behauptet, Ahnung zu haben, bekommt sie zugeschrieben"-Betrugsmaschen abledert. Macht Spaß!

Platz 39: The Lost Leonardo (Regie: Andreas Koefoed)

In Andreas Koefoeds Dokumentarfilm The Lost Leonardo wird detailliert und erkenntnisreich die Geschichte des Gemäldes Salvator Mundi erzählt, das einst in einer Lagerhalle wiedergefunden und für eine niedrige vierstellige Summe verkauft wurde, dann in der Kunstszene als "schlecht erhaltenes, aber recht gut gemachtes Bild im Stile von Leonardo da Vinci" kursierte und letztlich vor wenigen Jahren für Rekordsummen als das letzte Gemälde des großen Meisters über den Auktionstisch ging. Koefoed strukturiert diese Chronik einer gigantischen Wertsteigerung fesselnd, macht sie dank perfekt ausgewählter Interviewpartner:innen lehrreich, kurzweilig und spannend, und immer wieder drängt sich die Frage auf: "Glaube ich dieser Person?" Kunstrestauration und -handel, Kunstmarketingmethoden und diplomatische Politik vereinen sich hier zu einem Thrillerdrama, wie es das Leben schrieb.

Platz 38: Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Regie: Dominik Graf)

Weitaus weniger Spaß macht diese geschlagene 186 Minuten lange, zermarternde Erich-Kästner-Adaption. Doch genau so muss das sein! Regisseur/Autor Dominik Graf und Autor Constantin Lieb nehmen die während des "Vorabends" des Nationalsozialismus verfasste, aufgrund ihres erschreckenden Wahrheitsgehalts lang zensierte Vorlage, und formen sie zu einem soghaften, deprimierenden Sittenzerfallgemälde. Mit komplexen Figuren und entsprechend facettenreichen Performances versehen, zeigt Fabian oder Der Gang vor die Hunde von Liebe, Hoffnungen und moralischer Verwüstung in der späten Weimarer Republik. Filmisch rüttelt Graf uns immer wieder auf, indem er beispielsweise die ausschweifende Historienfilmausstattung der Marke ARD-Degeto-Zweiteiler/ZDF-Primetime-Dreiteiler gegen ramschige Digitalkamerabilderästhetik knallen lässt oder durch historisch inakkurate Werbeplakate unmittelbare Verknüpfungen zur Gegenwart zieht. Kein Vergnügen, aber mein liebster deutscher Film 2021.

Platz 37: The Last Duel (Regie: Ridley Scott)

Rashomon im Frankreich des Jahres 1386, doch der Grundgedanke "Alles ist subjektiv, Erinnerung ist trügerisch, wem kann man schon trauen?" weicht dem kraftvoll umgesetzten Ansatz "Das patriarchale System spielt mit derart gezinkten Karten, dass sich Männer bequem ihre eigene Wahrheit schaffen können und Frauen, ganz gleich, wie nachdrücklich sie um Gehör bitten, an den Rand gedrängt werden". Der dramatische Gesellschaftskommentar im Gewand eines Ritterepos beginnt etwas zäh, doch nach und nach finden die Puzzleteile zusammen und offenbaren nicht nur eine kluge, passionierte Erzählung, sondern auch die Bühne für gute Performances von Matt Damon und Adam Driver sowie eine tolle Leistung von Ben Affleck und eine hervorragende von Jodie Comer. Inklusive kathartischem, dreckigem Schlussakt und zum Nachdenken anregendem, kurzem, die erlebte Erlösung wieder in Frage stellendem Epilog. In meinen Augen Scotts bester Film seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten.

Platz 36: Nomadland (Regie: Chloé Zhao)

Chloé Zhaos Oscar-Abräumer Nomadland reicht meiner Ansicht nach nicht ganz an die stille, komplexe Poesie ihres Beinahe-Dokumentarfilms The Rider heran. Dennoch ist diese Auseinandersetzung mit dem erzwungenen Findungsreichtum jener, die vom US-Turbokapitalismus ausgespuckt wurden, sich aber weigern, sich fortan als traurige Gestalten zu verstehen, ein hervorragend fotografiertes, gleichermaßen raues wie einfühlsames Porträt eines diffizilen Lebensentwurfes. Zhao lässt uns die Umstände, die Menschen dazu drängen, solch ein Leben zu akzeptieren, verurteilen, vermeidet aber die Falle der sozialvergleichenden "Elendspornografie": Wir schauen den Film nicht, um uns besser als die zentralen Figuren zu fühlen und uns die eigene Schulter zu klopfen, wie toll es ist, dass wir Mitleid haben. Zhao zeigt nämlich, dass es Menschen gibt, die auch in den kargsten Umständen Würde und Geborgenheit kreieren. Nomadland: Das filmgewordene Gegengift zu Hartz und herzlich und wie die ganzen giftigen RTL-II-Dokureihen sonst so heißen!

Platz 35: Red Screening (Regie: Maximiliano Contenti)

Wie im Intro zu Teil eins dieser Hitliste bereits festgehalten: Manchmal erscheinen Filme einfach zum richtigen Zeitpunkt, so dass sie sich als Essenzen des Jahreszeitgeistes in meiner Erinnerung festsetzen und für die Jahreshitliste aufdrängen. Im Falle von 2021 ist der aus Uruguay stammende Slasher Red Screening genau solch ein Film: Nach Monaten des pandemiebedingten Kinoentzuges erscheint ein Film auf Blu-ray, der aus jeder Pore Liebe zu sämtlichen Aspekten des Kinoerlebnisses triefen lässt, von den offensichtlichen und den heimlichen Glanzseiten bis hin zu den Schattenseiten, die man mit Abstand jedoch lieben lernt. Das wäre 2018 beispielsweise vielleicht dank der zielsicheren Regieführung und der stringenten Giallo-Stimmung eine ehrenwerte Nennung geworden, aber 2021?! Da wurde es eines meiner intensivsten, nachhaltigsten Heimkinoerlebnisse. Ich werde noch jahrelang die Pandemie und meine Kinosehnsucht fest mit diesem Film verbinden. Allein schon der Anblick der Blu-ray lässt Popcorngeruch in meine Nase steigen und das Phantomgefühl aufkommen, in einem Kinosessel zu sitzen.

Platz 34: The Suicide Squad (Regie: James Gunn)

Können böse, ruchlose und tabubrechende Gestalten, die von der Gesellschaft aufgegeben wurden, sich als wertvolle Personen beweisen, die Gutes bewegen? James Gunn, seines Zeichens von einer garstigen Kindheit geprägte Person, die jahrzehntelang mit boshaftem Humor auf sich aufmerksam gemacht hat und dann von Teilen der Twitter-Öffentlichkeit von Heute auf Morgen als unverzeihlich miese Gestalt gebrandmarkt wurde, sagt: Ja. Zweite Chancen müssen vergeben und angenommen und gemeistert und daraufhin als gemeistert anerkannt werden. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung mit Selbstgerechtigkeit, Widerlichkeit und der Kunst des Übersichhinauswachsens ist eine räudige, brutale, zutiefst verletzliche Komödie, voller toller Figuren, geplagt von ein paar "Ich formuliere meine Moral zu deutlich aus"-Augenblicken und gesegnet mit wunderbarem Witz und einer berührend-ehrlichen Ebene der Reflexion. Und Vögel kriegen eins vor den Latz.

Platz 33: Last Night in Soho (Regie: Edgar Wright)

Edgar Wright attackiert nostalgische Verklärungen, übergriffige Männer und empathielose Mitstudierende in einem Abwasch. All das stylisch gefilmt und punktgenau geschnitten - wie man es halt von ihm erwarten würde, wenngleich mit einer etwas gedrosselten Deutlichkeit seiner Handschrift. Das ist im Pantheon seiner vergleichsweise ernsteren Projekte deutlich runder als The World's End und punktet zudem mit Swinging-Sixtes-Flair, zielsicheren Horror-Anleihen und einer das Material geradezu atmenden Thomasin McKenzie. Die Grundidee hinter dem dritten Akt ist klasse, poltert in der Umsetzung jedoch ein wenig, ebenso habe ich das Gefühl, dass Anya Taylor-Joy zwar gut spielt, jedoch wie in einem anderen Filmm und Wright sie einfach ein bisschen hätte lenken müssen. Doch allein schon für die makellos geschnittenen, Zeitebenen und Personen verschwimmen lassenden Tanzszenen und die tolldreist-selbstbewusst vertretene Haltung des Films muss ein Top-35-Platz in meinen Jahrescharts her!

Platz 32: Matrix Resurrections (Regie: Lana Wachowski)

Hinter der Oberfläche einer selbstironischen Satire auf späte Fortsetzungen, die sukzessive zu einem Mix aus Best-of der Matrix-Trilogie und einer filmgewordenen Korrekturlesung wird, verbirgt sich verletzliche emotionale Ehrlichkeit: Durchsetzt mit Bildern aus suizidalen und depressiven Phasen der Regisseurin Lana Wachowski, filigransten und beiläufigen, aber zielgenau-deutlichen Details aus den Dingen, die ihr Leben formten, sowie mit der strengen Haltung "Ich muss meine ganz persönlichen Filme aus den Klauen der Leute retten, die mir das Leben zur Hölle machen wollen und der Schöpfung schmücken, die meine Schwester und ich einst der Filmwelt geschenkt haben" versehen, revidiert Matrix Resurrections die Matrix-Trilogie, ohne sie kleinzureden. Basierend auf der Ausgangsfrage "Wenn ich nochmal neu anfangen könnte, was würde ich tun?" feiert Wachowski die Höhepunkte ihrer einflussreichen Saga, tauscht das darin vorgeführte, kalte Abstrahieren aber gegen erlebte, gefühlte Überzeugung und verschafft ihren geliebten Figuren konsequenterweise einen zügigeren, farbenfroheren, das Herzen erfüllenden Eiltrip durch die Eckdaten der Ursprungsreihe. "Ich würd's wieder tun, aber früher, selbstbewusster und entschlossener, und daher glücklicher", lautet die Antwort, die Sci-Fi-Action-Dystopie wird daher zur Sci-Fi-Action-Romantikkomödie. Was für eine berührende, faszinierende Idee - meinetwegen hätte sich Wachowski nur noch dreister von der beengenden Schablone der vorherigen Teile befreien können.

Platz 31: Annette (Regie: Leos Carax)

Holy Motors-Regisseur Leos Carax widmet sich dem Musicalgenre: In Annette breitet er, begleitet von Musik der Sparks Brothers, vor unseren Augen die unromantische Geschichte einer Promibeziehung aus. Adam Driver ist ein impulsiver Schockkomiker, Marion Cotillard eine in ihren eigenen Sphären schwebende Opernsängerin. Wenn die Zwei zur Verwunderung (und Freude) der nach Themen gierenden Medien eine Bindung eingehen, lässt die Theatralik nicht lange auf sich warten - inklusive einer Marionette von einer Tochter. Simon Helberg beweist in einer Nebenrolle wieder einmal, dass er in The Big Bang Theory unter Wert verkauft wurde, Cotillard und Driver sind klasse in ihren Rollen, und die Songs dieses nahezu durchkomponierten Musicals sind eindrucksvoll. 

Fortsetzung folgt...

Sonntag, 6. Februar 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil I)

Ich habe mir wieder einmal den Januar über Zeit genommen, um das filmische Vorjahr sacken zu lassen und über meine Favoriten nachzudenken. Wieder einmal habe ich noch längst nicht alle 2021er Filme gesehen, die ich gerne gesehen hätte, aber man darf nicht vergessen: Jedes Jahr kommen weltweit Hunderte und Aberhunderte neue Filme heraus. Es wäre bereits eine Lebensaufgabe, auch nur mit den Neuveröffentlichungen während der eigenen Lebenszeit Schritt zu halten. Irgendwann muss ich halt für das zurückliegende Filmjahr wenigstens als halboffizielles Fazit einen Schlussstrich ziehen. Und der erfolgt hiermit.

Diese 50 Produktionen, die 2021 entweder ihre offizielle deutsche Ersterscheinung feierten oder aber 2021 im Festivalrahmen aufgeführt wurden und beim berühmt-berüchtigten "Redaktionsschluss" noch keinen "normalen" Starttermin hatten, ließen mein Filmherzen am lautesten in die Luft springen. Mal, weil ich sie besonders stark umgesetzt finde, mal, weil sie bei mir die richtigen Knöpfe gedrückt haben, wieder andere Male, weil sie mir im richtigen Moment unter die Augen gekommen sind. Oder, da wollen wir ehrlich sein: Weil sie volles Rohr meinen Geschmack treffen. Denn das hier ist keine Nominierungsliste für einen allgemeingültigen Kanon. Sondern ungefiltert, voll und ganz meine Liste. Klar soweit?! Na dann... Los!

Platz 50: Ich bin dein Mensch (Regie: Maria Schrader)

Unorthodox-Regisseurin Maria Schrader kreiert zusammen mit Co-Autor Jan Schomburg frei nach einer Kurzgeschichte von Emma Braslavsky eine Welt, in der Dating-Algorithmen obsolet geworden sind: Wieso das Internet nach dem perfekten Menschen durchforsten, wenn man den für sich perfekten Menschen erschaffen kann? Humanoide, künstliche Intelligenzen, die haarklein nach den Wünschen für den perfekten Lieblingsmenschen gebildet wurden, haben in dieser fiktiven, nahen Zukunft die Liebeswelt revolutioniert und machen rechtliche sowie philosophische Fragen über das Menschsein auf. Wissenschaftlerin Alma (nuanciert: Maren Eggert) lässt sich im Rahmen einer Studie ihren idealen Partner (befremdlich und doch ansprechend: Dan Stevens) bauen. Was folgt, ist eine mit Loriot-Feinsinn-Skurrilität gewürzte Grübelei darüber, was echt ist und wie viel Zufall Liebe braucht, sowie eine distanziert-melancholische Romanze, oberflächlich zwischen Mensch und Menschmaschine, zwischen den Zeilen zwischen verkopfter Wissenschaftlerin und ihrer in Vergessenheit geratenen Zuneigung zu sanften Gefühlen. Persönliches Urteil: Ein lächelnd geseufztes Hach! mit Denkfalten in der Stirn.

Platz 49: Judas and the Black Messiah (Regie: Shaka King)

Mit etwas Abstand bin ich zunehmend unentschlossener, ob ich Shaka Kings aufwühlendes Historiendrama nicht doch eine etwas stärker fokussierte Erzählperspektive gewünscht hätte. Dessen ungeachtet ist es ein aufwühlendes Stück Kino, das sein Publikum mitten in eine explosive gesellschaftliche Stimmung versetzt, in der den US-Geheimdiensten jedes Mittel recht und billig war, um die Bewegung für gleiche Rechte zwischen Menschen jeglicher Hautfarbe zu diskreditieren. LaKeith Stanfield und Daniel Kaluuya spielen mit Wucht und Intensität und die Dialoge haben große Sogkraft, vor allem die Reden Kaluuyas als Frank Hampton.

Platz 48: Everybody's Talking About Jamie (Regie: Jonathan Butterell)

Das erste, aber längst nicht das letzte Musical in meiner filmischen Favoritenliste 2021: Basierend auf einem Bühnenmusical, das wiederum auf einer BBC-3-Dokumentation basiert, erzählt Everybody's Talking About Jamie mit Verve, Style, Schmiss und Emotion eine britische Coming-of-Age-and-Coming-Out-Geschichte. Die Songs mögen nicht die einprägsamsten sein, aber es gibt auch keinen Ausreißer nach unten, sondern sind allesamt gefällige Kompositionen, die dem Cast die Bühne geben, sich ordentlich auszutoben. Max Harwood gibt einen sympathischen Protagonisten mit Makeln, Richard E. Grant ist als wohlmeinender, aber vergrämter Mentor eine Wohltat und alles in allem hat mir der Film einfach richtig gute Laune gemacht.

Platz 47: Things Heard & Seen (Regie: Shari Springer Berman & Robert Pulcini)

Meine werte, mich wie ihre Westentasche kennende Kollegin Antje hatte mir Things Heard & Seen ans Herz gelegt, mit dem Kommentar, ich würde den Film sicher mögen, weil er wie ein Rücksturz auf die teils eher an Dramen erinnernden Gruselfilme wirkt, die der Disney-Konzern zwischenzeitlich unter diversen Labels rausbrachte. Und was soll ich sagen? Antje kennt mich. Things Heard & Seen ist ein Beziehungsdrama das gelegentlich ins Horrorgenre ragt, und diese betont unspektakuläre, freundlich-dramatisch-schaurige Grundtonalität des Films hat es mir irrational angetan. James Norton und Amanda Seyfried geben ein glaubwürdiges Paar mit Problemen ab, Seyfried meistert den tonalen Balanceakt, Natalia Dyer ist eine charismatisch-unheilvolle Präsenz und die an Gemälde der Hudson River School erinnernden, unheilvoll-schönen Bilder sind bei mir prägnanter in Erinnerung geblieben als das meiste, was das "echte" Horrorkino 2021 zu bieten hatte.

Der Film mag gemeinhin verrissen worden sein, aber ich habe das Gefühl, dass er mit mir als Teil seines Zielpublikums im Sinn gemacht wurde. Und, ja, was soll's: Ich entlohne diese gezielte Ansprache mit einer Platzierung in meinen Jahrescharts, denn diese Ambition, mir zu schmeicheln, schmeichelt mir.

Platz 46: Die Mitchells gegen die Maschinen (Regie: Mike Rianda)

Familienaussöhnung trifft Robo-Apokalypse in einem Energy-Drink-Animationsfilm voller schriller Situationen, rasantem Dialogwitz und liebenswerten Figuren, die ein bisschen panne sind, aber genau das ist es, was sie so liebenswert macht. Hinzu kommt eine verspielte Ästhetik und dass unsere Heldin Katie riesiger Filmfan mit großem Vorstellungsvermögen ist, sorgt ebenfalls für viel Spaß.

Platz 45: The Hand of God (Regie: Paolo Sorrentino)

Nach seinem 204 Minuten langen Berlusconi-Epos Loro reißt sich Paolo Sorrentino wieder am Riemen, ohne seine Vorliebe für ruhiges, Anekdoten allmählich zu einer runden Geschichte ergänzendes Erzählen zu verraten: In The Hand of God verarbeitet der Regisseur während 130 wunderschön fotografierter, autobiografischer Minuten die emotional diffizile Zeit, als ihm seine Fußballbegeisterung das Leben gerettet hat. Intensives Italienflair und Zeitkolorit treffen auf kauzige Figuren und eine schwermütige, perplexe Stimmung zwischen Freiheitsgefühl und Beklommenheit. 

Platz 44: Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (Regie: Destin Daniel Cretton)

Der Finalakt könnte etwas Straffung und bessere Effekte vertragen. Doch davon abgesehen ist Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings ein Ritt durch neue Winkel des Marvel Cinematic Universe, der mir richtig Freude bereitet hat. Simu Liu ist als Shang-Chi ein charismatischer, zwischen sogleich mehreren Welten/Kulturen balancierender Held, der Halt sucht, Awkwafina hat als Katy Chen das Potential, einer der erfrischendsten MCU-Sidekicks zu werden, Tony Leung gibt (wenig überraschend) eine facettenreiche, verletzliche Performance als getriebener, gefährlicher Vater und Gangsterboss und Meng’er Zhang rockt in ihrer Debütrolle. Launiges Blockbusterkino mit Persönlichkeit.

Platz 43: Free Guy (Regie: Shawn Levy)

Wohl meine größte Filmüberraschung 2021: Die Kombination aus Shawn Levy, Gaming-Thematik und den recht anstrengenden Trailern sowie Ryan Reynolds' nunmehr patentiert-verkrampften Bemühungen, virales Marketing in Gang zu setzen, hat mir vorab absolute Minuslust auf diese Komödie gemacht. "Da passt doch nichts zusammen!", dachte ich. Selbst die hocherfreute Reaktion meiner geschätzten Filmgedacht-Partnerin Antje, deren Pressevorführung wieder einmal vor meiner stattfand, gab mir keinerlei Vertrauen in diesen Film. Und dann habe ich mich ins Kino gesetzt. Und habe fast zwei Stunden am Stück durchgegrinst.

Reynolds spielt nicht wieder sich selbst, sondern eher eine Will-Ferrell-Figur im Körper einer Ryan-Reynolds-Rolle: Ein ewig positiver, naiver Kindskopf, der dazulernen und die Welt nicht nur auskosten, sondern auch verbessern will. Jodie Comer ist charmant, taff, witzig und trägt die kuscheligsten Filmpullover, die ich seit langem im Kino gesehen habe. Ja, selbst Chris Evans' Pullis aus Knives Out sehen daneben kratzig und unbequem aus. Die Gags sitzen, Christophe Becks Score ist schön (und gipfelt in einen Wiederaufgriff des Paperman-Scores), die Cameos machen Laune und diese ungeheuerlich positive, freundliche, optimistische, überzeugend-lebensbejahende Grundattitüde des Films kommt nicht nur völlig unerwartet, sie hat mich durch und durch bezaubert.

Kurzum: Free Guy mag die Kosten und den Anschein eines Popcorn-Franchiseblockbusters aufweisen. Aber in Wirklichkeit ist er ein richtig schöner Vertreter des Genres "Sonntagnachmittagskuscheldeckenfilm". 💖

Platz 42: OSS 117 – Liebesgrüße aus Afrika (Regie: Nicolas Bedos)

12 Jahre nach OSS 117 - Er selbst ist sich genug kehrt der frivol-süffisant-arrogant-dämlich grinsende französische Spitzenagent OSS 117 zurück. Und er ist kein Stückchen besser geworden: Das ewige Relikt verkrusteter gesellschaftlicher Ansichten lächelt sich mit Dickschädel, unverschämtem Glück und geschmackvoller Mode durch die 1980er-Jahre, bleibt eine wandelnde Verballhornung von James Bond und beweist dieses Mal, wie denkbar wenig er von den Schäden der französischen Kolonialpolitik weiß. Jean Dujardin verleiht dem Ganzen nach zwei Filmen von Michel Hazanavicius nun unter der Regie von Nicolas Bedos ebenso sehr Schmielappigkeit wie Charme, die Situationskomik ist auch im dritten Teil der Reihe ebenso brillant wie herrlich-stumpf und es vergeht kaum eine Filmminute ohne gut sitzende Pointe, bissigen Seitenhieb oder detailgenauer Verehrung der guten Seiten früherer Genregenüsse. Und oft genug gibt's alles zusammen.

Platz 41: PG: Psycho Goreman (Regie: Steven Kostanski)

Ein machtgieriges Gör kann dank eines Artefakts einen außerirdischen, mörderischen Krieger nach ihrer Pfeife tanzen lassen, und nutzt das nicht nur, um ihren Bruder zu nerven: PG: Psycho Goreman ist eine Popcorn-Kostümparty für die Mitternachtsschiene, voller herrlicher, zitierwürdiger Einfälle, liebevoll gestalteter Kostüme und urkomischer Gewaltspitzen. Prost!

Fortsetzung folgt...

Samstag, 5. Februar 2022

Oscars 2022: Meine Prognose der Nominierungen


Die Oscar-Saison wirkte auf mich bislang so leise wie noch nie zu meinen Lebzeiten. Das Ausbleiben eines großen Golden-Globe-Happenings dürfte dazu beigetragen haben, und dass die Schmutzkampagnen (zum Glück!) eher kleiner sind als üblich, ist ebenso willkommen wie ein weiterer Aspekt, der den Rummel klein ausfallen lässt.

Das mag angenehm sein, hat mir die alljährliche Nominierungsprognose aber enorm erschwert. Doch ich glaube, dass das hier unsere Nominierungen 2022 sein werden:

Bester Kurzfilm
  • Censor of Dreams
  • Frimas
  • The Long Goodbye
  • Tala'vision
  • When the Sun Sets

Bester Kurz-Dokumentarfilm
  • Camp Confidential: America's Secret Nazis
  • Coded: The Hodden Love of J.C. Leyendecker
  • The Queen of Basketball
  • Three Songs for Benazir
  • When We Were Bullies

Bester animierter Kurzfilm
  • Affairs of the Art
  • Robin Robin
  • Mum is Pouring Rain
  • Step Into the River
  • Us Again

Bester internationaler Film
  • Drive My Car, Japan
  • The Hand of God, Italien
  • A Hero, Iran
  • Lamb, Island
  • The Worst Person in the World, Norwegen

Beste Dokumentation
  • Ascension
  • Flee
  • Procession
  • The Rescue
  • Summer of Soul

Bester Animationsfilm
  • Belle
  • Encanto
  • Flee
  • Luca
  • Die Mitchells gegen die Maschinen

Beste Effekte
  • Dune
  • Matrix Resurrections
  • Keine Zeit zu sterben
  • Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
  • Spider-Man: No Way Home

Bester Sound
  • Belfast
  • Dune
  • Keine Zeit zu sterben
  • The Power of the Dog
  • West Side Story

Bester Originalsong
  • So May We Start aus Annette
  • Down to Joy aus Belfast
  • Dos Oruguitas aus Encanto
  • Be Alive aus King Richard
  • No Time to Die aus Keine Zeit zu sterben

Beste Originalmusik
  • Hans Zimmer, Dune
  • Germaine Franco, Encanto
  • Alexandre Desplat, The French Dispatch
  • Alberto Iglesias, Parallele Mütter
  • Jonny Greenwood, The Power of the Dog

Bestes Produktionsdesign
  • Dune
  • The French Dispatch
  • Nightmare Alley
  • The Tragedy of Macbeth
  • West Side Story

Bestes Makeup & Hairstyling
  • Cruella
  • Dune
  • The Eyes of Tammy Faye
  • House of Gucci
  • The Suicide Squad

Bester Schnitt
  • Pamela Martin, Belfast 
  • Hank Corwin, Dont' Look Up 
  • Joe Walker, Dune 
  • Peter Sciberras, The Power of the Dog 
  • Sarah Broshar & Michael Kahn, West Side Story

Beste Kostüme
  • Jenny Beavan, Cruella
  • Massimo Cantini, Cyrano
  • Bob Morgan & Jacqueline West, Dune
  • Janty Yates, House of Gucci
  • Paul Tazewell, West Side Story

Beste Kamera
  • Haris Zambarloukos, Belfast
  • Greig Fraser, Dune
  • Ari Wegner, The Power of the Dog
  • Bruno Delbonnel, The Tragedy of Macbeth
  • Janusz Kaminski, West Side Story

Bestes Original-Drehbuch
  • Paul Thomas Anderson, Licorice Pizza
  • Zach Baylin, King Richard
  • Kenneth Branagh, Belfast
  • Adam McKay, Don't Look Up
  • Aaron Sorkin, Being the Ricardos

Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Jane Campion, The Power of the Dog
  • Maggie Gyllenhaal, Frau im Dunkeln
  • Ryusuke Hamaguchi, Drive My Car
  • Sian Heder, CODA
  • Kim Morgan & Guillermo del Toro, Nightmare Alley
Bester Nebendarsteller
  • Jamie Dornan, Belfast
  • Ciarán Hinds, Belfast
  • Troy Kotsur, CODA
  • Jared Leto, House of Gucci
  • Kodi Smit-McPhee, The Power of the Dog

Beste Nebendarstellerin
  • Caitriona Balfe, Belfast
  • Ariana deBose, West Side Story
  • Kirsten Dunst, The Power of the Dog
  • Aunjanue Ellis, King Richard
  • Ruth Negga, Seitenwechsel

Bester Hauptdarsteller
  • Benedict Cumberbatch, The Power of the Dog
  • Leonardo DiCaprio, Don't Look Up
  • Andrew Garfield, tick, tick... Boom!
  • Will Smith, King Richard
  • Denzel Washington, The Tragedy of Macbeth

Beste Hauptdarstellerin
  • Jessica Chastain, The Eyes of Tammy Faye
  • Olivia Colman, Frau im Dunkeln
  • Penelope Cruz, Parallele Mütter
  • Lady Gaga, House of Gucci
  • Nicole Kidman, Being the Ricardos

Beste Regie
  • Paul Thomas Anderon, Licorice Pizza
  • Kenneth Branagh, Belfast
  • Jane Campion, The Power of the Dog
  • Steven Spielberg, West Side Story
  • Denis Villeneuve, Dune


Bester Film
  • Belfast
  • CODA
  • Don't Look Up
  • Drive My Car
  • Dune
  • Licorice Pizza
  • King Richard
  • The Power of the Dog
  • tick, tick... Boom!
  • West Side Story
Ich habe bei dieser Prognose ziemliche Kopfschmerzen, aber, joah, das ist sie halt.