Montag, 9. November 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XIV)

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Platz 10: Ich bin bereit ("How Far I'll Go") aus Vaiana

Musik und Text: Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Thomas Amper)


Dieser soulige "Ich will"-Musicalsong von Lin-Manuel Miranda drückt aus, wie Vaiana sich mit ihren inneren Bedürfnissen auseinandersetzt. Denn anders als so manch schlichter geratener "Ich will"-Song, oder auch Mirandas ursprünglicher Songentwurf More, handelt Ich bin bereit davon, wie Vaiana ihre Liebe für ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde und ihren Respekt für deren Gebote damit aufwiegt, wie sehr sie sich danach sehnt, neue Horizonte zu erkunden und ihren Abenteuerdrang zu befriedigen.


Diese konfusen, sich widersprechenden Gefühle, dieses Ringen zwischen dem Wir-Gefühl und den individuellen Wünschen, formuliert Ich bin bereit bedeutungsvoll, mit großer Symbolkraft und in einer wunderschönen Melodie aus, die den "Wellengang" von Vaianas Gefühlen, das Hin-und-Her zwischen Zurückhaltung und Vorwärtstrieb, akustisch greifbar macht. Ein großartiges Lied zum Mitschmettern.


Platz 9: Die Story geht weiter ("We're Doing a Sequel") aus Muppets Most Wanted

Musik und Text: Bret McKenzie (dt. Version: Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)


Nie zuvor widmete sich ein Lied der Muppets derart ihrem Faible für Metahumor und Selbstironie wie Die Story geht weiter. Während sich die Muppets-Lieder üblicherweise entweder deren Liebe für Wortspiele hingeben, ihrer herzlichen Seite, ihrer von Grund auf ehrlichen Albernheit oder aber schlicht ihre stilistisch breit gefächerte Musikalität repräsentieren, so eröffnet Muppet Most Wanted (das siebte Sequel zu ihrem Original-Film!) endlich mit einem Song, der die Meta-Spielchen voll aufdreht und dann noch einen Klecks Sahne drauf packt: Die Muppets befinden sich nach dem Ende von Die Muppets endlich wieder auf der Erfolgsstraße. Nun gut, nicht derart deutlich wie gedacht (die zahlreichen Fans, die die Muppets bejubelt haben, waren schlussendlich doch nur Statisten). Aber sie waren ausreichend populär, um prompt noch einen Film zu rechtfertigen! Das ist für die alten Kultchaoten, die zwischenzeitlich eher popkulturelle Underdogs waren, überhaupt nicht mehr der gewohnte Gang der Dinge. Und daher Anlass genug, zu singen und zu tanzen!

Und so besingen die Muppets im Introlied zu Muppets Most Wanted (der als Titel zwar halb so tolldreist ist wie das geplante The Muppets ... Again!, dafür aber wunderschön mehrdeutig) voller Freude und altmodischem MGM-Musical-Glamourstil, dass sie nun ein Sequel machen! Schließlich hält das Studio sie gerade für ein wirtschaftlich tragbares Franchise ... Jedenfalls jetzt genau in diesem Moment, wo es darauf wartet, dass Tom Hanks einwilligt, Toy Story 4 zu machen. 

Die Story geht weiter ist nicht nur unheimlich prophetisch (die Muppets sollten direkt, nachdem sie dieses Eisen geschmiedet haben, solange es heiß war, wieder kalter Kaffee werden, während sich Disney am anhaltenden Erfolg der Toy Story-Figuren laben durfte), sondern obendrein eine riesige, musikalische Wonne. Muppets Most Wanted in der Pressevorführung zu sehen und die ganzen herzlichen, frohen Lacher anderer anwesender Muppet-Fans zu hören, die glücklich mitwippen, ist eine meiner liebsten PV-Erinnerungen. Und die Muppets mit einem verdienten "Ha, wir sind gerade wieder oben angelangt und können weiter unseren Irrsinn machen"-Moment zu erleben, der so pfiffig hingeträllert wird, ist (war) doch auch mal schön! Auf dass sie sich erneut wieder nach oben ackern können.


Platz 8: BAMM aus Zombies - Das Musical

Musik: Ali Dee Theodore, Sergio Cabral, Julian Davis, Sarai Howard und Anthony Mirabella, Text: Ali Dee Theodore und Anthony Mirabella


Nach meinem Begleittext zu Rang neun schäme ich mich fast schon für Platz acht. Aber ... halt nur "fast"! Meine Liebe zum Disney Channel Original Movie Zombies - Das Musical (auch bekannt als Disney Zombies und Z-O-M-B-I-E-S, denn wer braucht schon Klarheit in der Namensgebung, wenn man auch einfach sagen kann: "Na, der bunte Zombie-Film halt. Wo die singen. Von Disney!"?) sollte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Und BAMM trägt daran einen beachtlichen Anteil. Um mich selbst zu zitieren: "Es ist bescheuert, es macht enormen Spaß, ich liebe es."

Dieser zuckerinduzierte, tauringetränkte Partysong, in der Cheerleaderin Addison die Gute-Laune-Unterwelt der Zombies kennt, die in ihrem Teil der Stadt einfach sie selbst sein und sich sowie ihre Kultur feiern können, statt sich an die Menschen anzupassen, ist laut. Schrill. Schräg. Und er hat dennoch eine inhaltliche Relevanz (wie eben schon angeschnitten). Lasst mir den Spaß!


Platz 7: Gotta Be Me aus Teen Beach 2

Musik und Text: Niclas Molinder, Joacim Persson, Johan Alkenas und Charlie Mason


Ich werde nicht müde, Teen Beach 2 als Geniestreich-Ausnahmefilm unter den Disney Channel Original Movies zu bezeichnen. Teen Beach Movie-Regisseur Jeffrey Hornaday kehrt zurück in die von ihm geschaffene, aufgedrehte Welt mit Retrocharme-Campiness und vereint dieses Mal die bunte, schillernde, frohe Attitüde, die man von Disney Channel Original Movies erwartet, mit überraschend großem erzählerischen Anspruch und einer lobenswert konsequent verfolgten, thematischen Haltung. Und das auf derart beiläufige, selbstverständliche Weise, dass es Hornaday und das Drehbuch-Duo Matt & Billy Eddy ihrem Publikum nicht ins Gesicht schreien. So kommt es dann zu einem Ende, das weitab von jeder Familienfernsehfilmnorm ist - es ist ein wilderes erzählerisches Wagnis als gewohnt und es verfolgt seine Aussage verbissener und konsequenter, als üblich. Und das, ohne dem Publikum vorzukauen, wieso es nur so thematischen Sinn ergibt und nur so seinen Figuren gerecht wird.


Aber noch bevor Teen Beach 2 seinen kühnen Abschluss findet, beweist schon die Szene, wie homogen dieses Comedy-Musical seine smarte Seite und seine aufgedrehte Zuckerschock-Disney-Fernsehfilm-Seite vereint. Nämlich der große Schulball, der in einem Disney Channel Original Movie von der Stange einfach nur das fröhliche, alle Probleme zuckrig bei Seite schiebende Finale wäre. Hier aber ist es strukturell gesehen die Verzögerung vor dem echten Schluss. Und zweitens: So, so froh, mitreißend, locker-leicht und stimmungsreich es auch ist, so ist hier die Figuren-Entwicklung durchdachter und mit Wortwitz vollendeter als es sich für Familienfernsehmusicals "gehört". Zwischen unserem Protagonistenpaar Mack und Brady wurde in den vorhergegangenen Filmminuten ein Graben gezogen, weil sie in Sachen Selbstbild, Interessen und Lebensgrundgefühl sehr unterschiedlich sind. Der formelhafte Disney-Channel-Film würde im Finale ein "Wir sind ja gar nicht so unterschiedlich"- oder ein "Wir können uns in der Mitte treffen"-Liedlein trällern und alles undurchdacht wegwischen.


In Teen Beach 2 dagegen wird ein losgelöstes, endorphingetränkes, modernes Poplied mit Rockabilly-Attitüde abgefeuert, das oberflächlich nach "Hach, sie lieben sich wieder, so einfach geht das!" klingt, dessen Text (und Choreographie) dagegen die Differenzen zwischen Mack und Brady eloquent ausdiskutiert, während sie einander versichern, dass sie sie selbst sein müssen, um glücklich zu sein. Der Verzicht auf einen Kompromiss, das Erkennen, nur dann glücklich zu sein, wenn man sich nicht verbiegt, und das mit Körperbewegungen und Blicken gefundene Verständnis, allen Unterschieden und sämtlichem, teils gegensätzlichem Selbststolz zum Trotz zusammenzupassen und zusammenzugehören, ist viel, viel nuancierter und setzt viel, viel mehr Beziehungserfahrung für das volle Verständnis dieser Figurendynamik voraus, als sich sonst für einen Disney Channel Original Movie geziemt. Und Gotta Be Me rockt diese Entwicklung sauber vom Parkett, als sei das hier ein Disney-Channel-Happy-End von der Stange. Selbststolzhymne trifft Wiedervereinigungsliebeslied trifft Teeniepartysong. Und es funktioniert bestens. Wow. Hut ab!


Platz 6: Glänzend ("Shiny") aus Vaiana

Musik und Text: Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Thomas Amper)


Ich bin bekanntlich kein Synchro-Snob, und gerade Disney steht üblicherweise für liebevoll gemachte, clever übersetzte, toll besetzte Synchronfassungen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn eine Synchronfassung eines Walt Disney Meisterwerks vermasselt ist. So zuletzt geschehen bei Vaiana. Und ausgerechnet in der Fassung habe ich den Film zum ersten Mal gesehen. Das hatte seine Folgen: Ich war während der Pressevorführung völlig vom Film distanziert, emotionale Momente waren gehemmt, Gags zündeten nicht. Aber dann kam Glänzend. Der Befreiungsschlag, der Knotenplatzer. Die Szene, die mich mit ihrer Freude, ihrer Bildgewalt und ihrer hervorragenden Synchronperformance von Tommy Morgenstern gepackt und in das Filmgeschehen gesogen hat. Es war ein Neustart meines Kinoerlebnisses und gestattete es mir, den Rest des Films involviert zu erleben. 


Allein schon deshalb hat sich Glänzend einen der vorderen Plätze in meinem 2010er-Disney-Songranking erarbeitet. Aber hier endet es noch nicht. Denn Lin-Manuel Mirandas Schurkensong, der mehr in der Tradition von King Louie und anderen "Ein Störfaktor auf unserem Weg"-Fieslingen steht als in der von plottragenden Bösewichten, bringt einen schimmernden, spaßigen David-Bowie-Vibe mit sich, ohne eine irritierend offensichtliche, aus dem Film reißende Hommage zu sein. Und obwohl der Song oberflächlich wie eine bunte Spaßnummer für zwischendurch wirkt, ist sie überaus durchdacht.


Denn die Bling-Bling-Krabbe Tamatoa ist eine überdimensionale Versinnbildlichung von Vaianas und Mauis inneren Ängsten. Als gieriges Monstrum, das primär Wert auf sein Äußeres legt, ist er das Zerrbild dessen, was der ebenfalls sehr eitle und selbstverliebte Maui werden könnte, wenn er seinen Anstand ablegen sollte. Und zugleich macht sich Tamatoa in seinem Song über Familienwerte, Gemeinschaftssinn und Traditionen lustig - womit er die grinsende Fratze dessen ist, was Vaiana befürchtet, durch ihren Abenteuerdrang zu werden, weil sie die Wünsche und Sorgen ihres Vaters missachtet und zudem etwas (auch) aus eigenem Antrieb in Angriff nimmt. Durch diese Begegnung werden die Figuren ihrer Ziele gewisser. Und wir haben einen Disney-Störenfried-Song mit Hintersinn erhalten, der enorm Spaß macht.

Samstag, 31. Oktober 2020

Relic

Wann immer Leute rummaulen, Popcorn-Kassenschlager wie Avengers || Endgame würden das Kino zerstören, kriege ich einen inneren Schreikrampf. Denn diese Statements zeigen sich vollkommen ignorant gegenüber der Realität des Standorts Kino: In einer Ära, in der sich Millionen und Abermillionen von Menschen einreden, Filme seien umsonst, wenn sie als Teil einer monatlichen Flatrate angeboten werden, wurde der "Dafür gehe ich ins Kino"-Impuls zahlreicher Personen nun einmal kleiner. Das ist eine Entwicklung, die schon vor dem Aufkommen des Marvel Cinematic Universe begonnen hat. Man schaue sich bloß einmal die sinkende Erfolgskurve von Dramen und Komödien mittleren Budgets in den USA an, wo Kabelfernsehen und Netflix deutlich früher und stärker Einfluss auf das Kinokonsumverhalten hatten als in Westeuropa. 


Filme wie Avengers || Endgame sind nicht der Untergang des Kinos, sondern deren Notnagel, den es benötigt, solange Otto und Anna Durchschnittskonsum denken "Ach, ich hab keine Lust, Geld auszugeben und vor die Tür zu gehen, ich schau was auf Netflix". Und ein Umdenken wird angesichts der Nachrichtenlage 2020 so rasch nicht eintreten. Aber es gibt noch einen Grund, weshalb das MCU nicht den Untergang des Kinos bedeutet: Zahlreiche "Verbrecher" nehmen die Gage für ihren "Verrat an der Kunst", um Filme zu finanzieren, die sonst nicht gemacht worden wären oder zumindest weniger Verbreitung gefunden hätten. So haben die Brüder Joe & Anthony Russo ihre satten Marvel-Gehälter genommen, um AGBO zu gründen, ein Label, das seither unter anderem die großartige Gesellschaftssatire Assassination Nation vertrieben hat und (gemeinsam mit Jake Gyllenhaal) Relic mitfinanzierte, das feinfühlige, gefühlvoll-schaurige Regie- und Drehbuch-Langfilmdebüt von Natalie Erika James.


Und als sensible Grusel-Auseinandersetzung mit Mutter-Tochter/Enkelin-Mutter-Großmutter-Dynamiken, in denen Verständnis und Einfühlungsvermögen bedeutendere Komponenten sind als Terror, Twists, Schrecken und blutige Konflikte ist Relic kein Stoff, der mal eben finanziell gestemmt, umgesetzt und der Masse zugänglich gemacht wird, noch dazu auf diesem Niveau. 


Als Kay (Emily Mortimer) von den Nachbarn ihrer Mutter Edna (Robyn Nevin) besorgniserregende Nachrichten erhält, fährt sie prompt mit ihrer Tochter Sam (Bella Heathcote) in ihr altes Elternhaus: Edna sei nicht mehr ganz sie selbst. Nachdem sie vor wenigen Monaten beinahe einen fatalen Haushaltsunfall hatte, sei es kürzlich zudem zu einem weiteren schrägen Vorfall gekommen. Und nun ist sie auch noch spurlos verschwunden. Kay und Sam gehen schon vom Schlimmsten aus, als sie im Haus mitten im Wald ankommen. Tatsächlich finden sie es leer vor, Wände und Lebensmittel sind bereits von Schimmel befallen. Überall sind Notizzettel, teils mit simplen Alltagserinnerungen, teils mit ominösen Anweisungen. Als Edna plötzlich wieder auftaucht, voller blauer Flecken, von denen sie selber nichts zu wissen behauptet, überkommen Kay und Sam große Sorgen: Geht hier mehr vor als Demenz? Sie wissen nur eines: Edna braucht ihre Familie. Und zwar jetzt! Aber kann Edna das akzeptieren ..?


Wer bei Relic den Psychoterror von Hereditary erwartet oder geisterhaften Grusel, der nebenher auch das Thema Demenz behandelt, ist bei Relic an der falschen Stelle. Natalie Erika James verzichtet vollkommen auf Jumpscares, nennenswerte Gewaltausbrüche oder eine verschachtelte Mythologie. Es gilt keinen Fluch zu entschlüsseln, einen übernatürlichen Schurken zu bezwingen oder durch literweise Ekeleffekte zu waten. James stellt ihr Publikum nicht einmal vor ein verschachteltes Rätsel, sondern legt schon früh im Film inszenatorisch die Karten auf den Tisch: Ihr Film ist eine einzige, große (genreesk überspitzte) Analogie auf das Gefühl, seine (Groß-)Eltern beim Älterwerden zu erleben, und auf alle Gedanken und Gefühle, die damit einhergehen. 


Dadurch, dass James sämtlichen Plotmechanismen, die mit einer verkopften Verarbeitung dieses Themenkomplexes einhergehen würden, gar nicht erst anpackt, sondern früh und zielstrebig den Pfad einschlägt, assoziativ ihre Emotionen in bewegte Bilde zu kanalisieren, gibt es keine Nüsse zu knacken. Keine Ebenen kaputt zu analysieren, um Relic erst einmal auf den Grund zu gehen. So deutlich, wie Ednas Kondition ist, ist auch die Frage, worauf Relic hinausläuft. Und das ist hier durch und durch positiv gemeint. Es bahnt den Weg für eine herzlichere Geschichte. Und tiefer verborgene, existenziellere Befürchtungen.


James kreiert mit Relic eine sehr kunstvolle, berührende filmische Konfrontation mit dem Gespenst namens Altern, und die nachtschwarz-melancholische Weise, wie sie damit verbundene Ängste in Filmbilder und unerklärliche Geschehnisse überträgt, bohrt tiefere Löcher in die Seele als es die meisten Fließband-Geisterschocker tun. Zumal James die unmissverständliche Parabel, die sie erzählt, damit ausschmückt, dass sie den Grusel emotional nuanciert verankert.


Kay und Sam durchlaufen sowohl Ängste um Edna ("Was, wenn ihr was passiert?"), als auch Ängste vor Edna ("Was macht sie da nur?") und um/vor sich selbst ("Was, wenn ich auch so werde ... oder schon bin?"), die Emily Mortimer und Bella Heathcote gleichermaßen genregemäß (was diesem einfühlsamen Horrorfilm weiterhin eine beklemmende Grundstimmung verleiht) wie berührend-feingliedrig zur Schau stellen. James derweil beweist in Sachen Bildgestaltung, Kameraführung und (vor allem im Finale) zusammen mit ihrem Editing-Duo Denise Haratzis & Sean Lahiff im Schnitt schon bei ihrem Langfilmdebüt großes atmosphärisches Verständnis des Mediums, indem sie ein "irrationale Wahrheiten" visualisiert, also das Innenleben unmittelbar nach außen kehrende Bilder schafft.


Fazit: Relic ist waschechter Old-School-Grusel nach Schule des frühen, dunkelemotionalen Schauerkinos. Nichts für Fans des schnellen Schocks - und zugleich einer der betrüblich-schönsten Filme des Jahres.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Hexen hexen

 Robert Zemeckis meldet sich zurück im Fach des Familiengrusels: Der Zurück in die Zukunft- und Falsches Spiel mit Roger Rabbit-Regisseur nähert sich nur selten dem schaurigen Fach, doch mit Der Tod steht ihr gut hat er einen der besten Filme aus der Sparte "Tim-Burton-Filme, die Tim Burton nie gemacht hat" abgeliefert, die es so zu finden gibt. Und auch wenn seine Weihnachtsgeschichte so ihre Makel hat (einige gar eklatante), so ist die Motion-Capturing-Tour-de-Force mit Jim Carrey reizend familienfreundlich-gruselig geraten. Insofern war ich vorfreudig-neugierig auf Zemeckis' Hexen hexen, die neuste Adaption der Roald-Dahl-Geschichte, die 1990 bereits von Nicolas Roeg (Wenn die Gondeln Trauer tragen) verfilmt wurde. 


Die Story dreht sich um einen Waisenjungen, der bei seiner liebevollen Großmutter lebt, die über großes Vorwissen über Hexen verfügt und ihren Schützling sofort in ein opulentes Seebad-Hotel verfrachtet, als sich abzeichnet, dass Hexen es auf ihn abgesehen haben. Denn Hexen greifen üblicherweise nur Kinder vom unteren Ende der Sozialleiter an - sie würden doch nie in ein Luxushotel gehen ... Aber ausgerechnet jetzt bittet die Hoch-Großmeisterhexe der Welt ihre Weggefährtinnen aus allen Teilen des Erdballs in genau dieses Hotel, um unter falscher Identität bei einem Kongress einen Plan zu schmieden, wie sie alle Kinder der Welt in Mäuse verwandeln und zerquetschen können ... 


Ich habe die Rezeption von Roegs Hexen hexen gespaltener in Erinnerung als sie nun mit einem Blick auf Aggregatorseiten wie Rottentomatoes wirkt: Mit Respekt für die praktischen Effekte, aber Verständnis für Roald Dahls überaus kritische Sicht auf den Film (vor allem auf sein gegenüber der Vorlage abgeschwächtem Ende) und viel Schulterzucken für Passagen, in denen Hexen hexen auf der Stelle tritt, schien mir die erste Adaption gemeinhin mehr als Film wahrgenommen, der zwar recht harsch für einen Kinderspaß war, aber erzählerisch halt dennoch unausgegoren ist. Doch der sehr positive Rottentomatoes-Konsens und die völlig aus dem Nichts gekommene, urplötzlich-unabdingbare Liebe für die erste Verfilmung, die nun aus den sozialen Netzwerken trieft, machen mir offensichtlich, dass ich da eher eine Minderheit als Teil der Mehrheit bin. 


Doch ich muss der aktuell so deutlichen Liebe für Hexen hexen von 1990 in einer Hinsicht deutlich widersprechen. Es geht um das Hexen-Make-up von Anjelica Huston.


Das Hexen-Make-up Hustons wird derzeit herumgereicht als strahlendes Beispiel dafür, was 1990 alles richtig war in Hollywood und was heute im auf Computereffekte setzenden Hollywood alles falsch liefe, denn Huston sei ja noch gruselig gewesen. Sagen zumeist Leute jenseits der 30 oder gar 40, die es vermissen, sich als Grundschulkind aufgrund von Bergen von Schminke zu ängstigen. Aber selbst ich als jemand, der einen gut gemachten, praktischen Effekt enorm zu schätzen weiß, würde dem entgegnen: Ja, Hustons Hexenform ist beeindruckende Handwerkskunst. Aber ich finde sie nicht mehr gruselig. Wenn ich sie mir als Erwachsener anschaue, sehe ich etwas, bei dem ich sofort an die Stunden an Arbeit denke, die da wohl reingeflossen sind. Ich respektiere diese Leistung sehr, doch sie ist zu sehr Hexen-Klischee-Abarbeiterei, als dass sie mir irgendeine Form von Schauer entlocken würde. Dafür ist es zu karikaturesk-grotesk. Und ich wage zu behaupten, dass es selbst der Kernzielgruppe des Films so heute in weiten Teilen geht, da entstellte, absurde Anblicke nunmehr in der Popkultur viel weiter verbreitet sind. Hässlich ist heute nicht mehr automatisch angsteinflößend.


Egal, wie viele die visuelle Grundentscheidung hinter Zemeckis' Hexen hexen hinterfragen, muss ich grundsätzlich sagen: Der Cast Away-Filmemacher verfolgt da einen guten Impuls, wenn er sich bei der Absurdität des Hexendesigns zurücknimmt. Anne Hathaway als Hexe lässt mir deutlich eher einen Schauer über den Rücken laufen, wenn ihre dezent zu großen Augen in die Kamera starren und sich ihr Lächeln langsam über die Breite dehnt, die ein Menschenlächeln haben dürfte. Die "Uncanny Valley" hat angerufen, eine ihrer Bewohnerinnen ist ausgebüxt ... 


Das Problem ist jedoch: Zemeckis weiß offenbar nicht, was er da an der Hand hat. Im fertigen Film enthüllt er Hathaways volle Hexenform viel zu früh, er zeigt mehrmals, wie sie mutiert und sofort wieder in menschliche Form zurück schwenkt und so den Schrecken wieder zurücknimmt. Er gewöhnt sein Publikum durch kleine, stetige Tropfen an das visuelle Grauen und Unwohlsein - und das ist symptomatisch für den kompletten Film. Zemeckis' Version ist auf dem Papier näher an der Buchvorlage und garstiger. Doch in der Umsetzung dämpft Zemeckis diese Härte, Schaurigkeit und Gemeinheit unentwegt dadurch ab, dass etwa einige besonders garstige Anblicke extrem cartoonig und schlacksig animiert sind. Oder aber der Schnitt konterkariert sie. Oder aber die in Mäuse verwandelten Kinder schneiden Grimassen, als stünden sie für ein DreamWorks-Animation-Poster Modell, was in seiner aggressiven "Bin ich nicht hip?"-Art allem kurz zuvor aufgebautem Flair die Fallhöhe nimmt. Ähnliches gilt für Alan Silvestris Score, bei dem auf jede Minute mit dunkler Märchenatmosphäre fünf Minuten kommen, die so klingen, als hätte Zemeckis ihm gesagt: "Hey, gib mir deine Avengers | Infinity War-Entwürfe, das kam doch gut an?!"


Dessen ungeachtet bleiben mir Chris Rocks sehr launigen (aber quantitativ etwas übertriebene) Erzählkommentare positiv in Erinnerung, das routiniert-warmherzige Spiel von Octavia Spencer als liebende Großmutter sowie natürlich Anne Hathaway, die ihre in Ocean's 8 und Glam Girls begonnene "Ich übertreibe maßlos und habe Spaß daran"-Saga mit ansteckender Freude fortführt. Leider reicht das nicht, um das (auch der Vorlage geschuldete) Auf-der-Stelle-treten abzuschütteln oder das Gefühl, Zemeckis hätte seinen eigenen Stoff nicht so ganz erfasst.


Aber: Hey, wenigstens bekommen wir den Film (kurzzeitig) im Kino zu sehen (anders als die USA), und für einen Kinonachmittag mit jüngeren Kindern, die sich gruseln wollen, ist dieser Hexen hexen noch immer annehmbares Herbstkino!

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XIII)

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Platz 15: Ich bin Vaiana ("I am Moana") aus Vaiana

Musik von Mark Mancina, Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda, Text von Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Tommy Amper)


Mit Ich bin Vaiana finden die drei musikalischen Stimmen aus Vaiana zusammen: Score-Komponist Mark Mancina, Musicalstar Lin-Manuel Miranda und der preisgekrönte Musiker Opetaia Foa'i, der zum Projekt hinzugezogen wurde, um einen authentischen südpazifischen Touch zu erhalten. Inhaltlich ist das Lied derweil quasi zugleich Staffelstabübergabe und Motivationslied: Zunächst singt Vaianas Großmutter dieses Lied der Ahnen für Vaiana, dann adaptiert sie es im Gedenken an ihre Oma und voller Stolz für sich selbst. Rührend und mit gesundem Pathos ist Ich bin Vaiana eine wunderschöne Powerballade!


 

Platz 14: Ways to be Wicked aus Descendants 2

Musik und Text von Sam Hollander, Josh Edmondson, Grant Michaels und Charity Daw


Müsste ich jemandem erklären, was der Disney Channel in den 2010er-Jahren so fabriziert hat, ich würde wohl zuallererst obiges Musikvideo zu Ways to be Wicked vorführen, dem Introsong zu Descendants 2. Denn ich wüsste keinen Clip, der kompakter zusammenfasst, wofür Disney-Channel-Eigenproduktionen dieses Jahrzehnts stehen: Extrem von Elektropop und anderen modernen Einflüssen geprägte Musik, ein junger Cast an Schauspiel-Gesang-Tanz-Dreifachtalenten, knallige Farben, Musikvideo-Sounddesign, Schul-Geschichten, pubertierende Hauptfiguren und Konzepte, die mit einem Fuß in klassischen Disney-Gefilden stehen, und mit dem anderen irgendwie flippiger, bunter oder schräger sein wollen. 


Und darüber hinaus macht mir Ways to be Wicked einfach absurd viel Spaß. Wikipedia sortiert ihn als Dance-Rock ein, äh, ja gut, meinetwegen, ich würde es dagegen als "Disney-Introsong auf kennyortegasche Disney-Channel-Logik nach vier Dosen Energy Drink, wild in einer knallig gefärbten Kunstlederjacke von einer Lautsprecherbox zur nächsten springend" bezeichnen. Aber gut, das wird wohl kein geläufiges Genre. Die Nummer ist ein gigantischer Fake-out, die eine ganz andere Story für den auf sie folgenden Film anteasert, und zugleich doch inhaltlich kohärente Etablierung von Mals Dilemma, ein laut und wild voranpreschendes Stück Zuckerschock, die kitschig-alberne, ungeheuerlich liebenswerte Disney-Channel-Vision dessen, was wohl Punk-Attitüde wäre. Gaga und genau richtig so.


Platz 13: Lost in the Magic aus Disneyland Paris

Musik von Mark Hammond, Text von Carolyn Gardner


Seit 1989 arbeitet Vasile Sirli für Disney. Seither hat sich der Rumäne zum Musikalischen Direktor des Disneyland Paris aufgeschwungen. Anfangs verfasste er auch selbst unzählige der Songs, die während Shows oder Paraden unseres europäischen Disneylands ertönt sind - und während dieser Phase entstanden auch die für mich größten Original-Ohrwürmer, die "mein Heimatpark" so zu bieten hat. Die Paradensongs nach Sirlis aktiver Zeit direkt an der musikalischen Front sind zwar auch allesamt für unzählige unvergessliche Momente zuständig (*versoffene Piratenstimme an*"Magic Everywhere!!!"*versoffene Piratenstimme aus*), jedoch dauerte es bis zum 25-jährigen Jubiläum des Disneyland Paris, bis sich ein neuer Paradensong so sehr in mein Herz, meinen Verstand und meinen Gehörgang gebohrt hat, dass ich ihn mir auch außerhalb der Tore des Pariser Disneylands immer wieder anhöre. 


Der frühere A*Teens-Produzent und Arrangeur mehrerer Alan-Menken-Kompositionen lässt im Paradensong Lost in the Magic beide Welten seines früheren Schaffens wundervoll kollidieren und erschafft eine poppige, knallige Kollision aus einem neuen klanglichen roten Faden und den zahlreichen Disney-Stücken, durch die er sich hier schlängelt. Dieser Paradensong setzt auf eine sehr künstliche, aber auch sehr kräftige Klangkulisse, die das Marschieren der Tänzertruppen und Disney-Figuren vor Ort vortrefflich begleitet und auch in den eigenen vier Wänden zumindest bei mir für ordentlich Laune und Energie sorgt. Mit Lost in the Magic fühle ich mich beim Staubwischen, Wäscheaufhängen oder Fenster- und Bodenputzen als wäre ich bei einer magischen Parade und lasse in Gedanken großartige Erinnerungen wieder aufleben.



Platz 12: Mutter weiß mehr ("Mother Knows Best") aus Rapunzel

Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)

Während Rapunzel gemeinhin auf Lieder setzt, die durch Pop und Soft Rock inspiriert sind, so baten die Regisseure Byron Howard und Nathan Greno das Songwriter-Duo Alan Menken & Glenn Slater darum, auch eine broadwayeskere, klassischere Nummer zu schreiben. Und so bekam Mutter Gothel eine Schurkennummer spendiert, in der sie mit selbstdarstellerischer Genüsslichkeit all die Gefahren aufzählt, die Rapunzel angeblich außerhalb ihres Turms erwarten. Gespickt mit passiv-aggressiven Attacken, getarnt als Fürsorge, die Rapunzel kleinhalten und gefügig machen sollen, ist Mutter weiß mehr in seiner beiläufigen Garstigkeit sehr sondheimesk. Die Lyrics der Hauptversion dieses Songs reichen leider weder im Original noch in der deutschen Synchro an Sondheim-Größe heran, jedoch ist Gothel einer der wenigen Disney-Fieslinge, denen eine Reprise vergönnt ist – und die baut sich melodisch wie textlich wundervoll-fies auf. Gepaart mit dem ominöseren, kraftvolleren Arrangement ist es die Reprise, die Mutter weiß mehr in meinem Ranking auf diesen Platz schiebt. 

Platz 11: Wann fängt mein Leben an? ("When Will My Life Begin?") aus Rapunzel

Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)

Der Eröffnungssong von Rapunzel ist zugleich ihr „Ich will“-Lied, wobei sich Rapunzel ihren Sehnsüchten nicht von Beginn an durch und durch klar ist: Zunächst listet das blonde Langhaar all das auf, womit es sich seine Zeit im Turm vertreibt. Und das in einer munteren, mild-flotten Art, die Andrew Lloyd Webbers Evita auf den Blumenkinderrock von Joni Mitchell treffen lässt. Das Arrangement lässt die Akustikgitarre klar in den Vordergrund treten, doch auch die Percussion ist deutlich und zunächst flippig. Erst, wenn Rapunzel allmählich aufgrund der Monotonie ermüdet und sich ihre Sehnsucht herauskristallisiert, an ihrem Geburtstag die alljährlich den Nachthimmel erleuchtenden Lichter von ganz nah zu erleben (oder gar generell mehr von all dem da draußen mitzubekommen, sollte Mutter es denn gestatten), wird die Melodie langsamer und die Streicher werden deutlicher.

Wann fängt mein Leben an? drückt Rapunzels Dilemma (sie kennt nur ein Leben, ist weitestgehend komfortabel damit, fühlt sich dennoch eingepfercht, aber aufgrund ihrer Ziehmutter hat sie Angst vor dem Unbekannten, so dass sie sich nicht im Klaren ist, ob, und wenn ja, wann sie ein Leben im Freien führen will/wird, geschweige denn ein Leben der freien Entscheidungen) auf den Punkt genau aus – und war laut Alan Menken der erste Song, der für Rapunzel geschrieben wurde. Diese Nummer bestätigte die Disney-Legende darin, den Weg einzuschlagen, die Musik im Film durch Mitchell beeinflussen zu lassen, und wurde auch im Score zu Rapunzels Leitmotiv.

Für Wann fängt mein Leben an? wurden zwei Reprisen verfasst, wobei die erste es nur auf den Soundtrack geschafft hat, während die zweite den Wendepunkt im Film markiert, an dem sich Rapunzel aus dem Turm hinaus wagt. Anfangs zögerlich, hüpft diese Reprise geradezu in immer freiere, forschere, frohere Klanggefilde und mündet in ein großartiges Gänsehaut-Crescendo. 

Dienstag, 6. Oktober 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XII)

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Platz 20: My Year aus Zombies - Das Musical

Musik und Text von Hannah Jones, Jack Kugell und Matt Wong


Wie sieht ein klassischer "Happy Village"-Song aus, in einer Filmwelt, die comichaft, auf keusche Art campy, mit Retro-Ästhetik versehen und von hip-modernen Einflüssen durchzogen ist? In einem Film, der Rassismus sowie Klassismus anklagt, dies aber via einer Romeo-und-Julia-Geschichte über einen Zombie und eine menschliche Cheerleaderin? Noch dazu auf dem Disney Channel? Nun, ganz einfach: So! My Year lässt Musical-Zeitlosigkeit mit modernen Einflüssen kollidieren, all dies übermäßig fröhlich, bis es selbstsicher-albern wird, aber nicht direkt eine Persiflage darstellt, selbst wenn die dazugehörige Szene mehrmals gezielt bis ganz nah an die Grenze herandüst. Ich find's überaus faszinierend und vergnüglich.


Platz 19: Wir kennen den Weg ("We Know the Way") aus Vaiana

Musik von Opetaia Foa'i, Text von Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Tommy Amper)


Wir kennen den Weg ist zwar nicht weiter der erste Song im Film, war aber der erste Song, den Mark Mancina, Opetaia Foa’i, und Lin-Manuel Miranda für Vaiana geschrieben haben und zudem ist es der erste Song, den viele Fans und Pressemitglieder zu Gehör bekommen haben. Und es war auch ein echt starker Vorgeschmack für das, was Vaiana zu bieten hat: Mit starker Percussion und von Fernweh, Stolz und Abenteuerdrang versehenen Lyrics ist Wir kennen den Weg eine extrem schöne Feier der seefahrenden Vorfahren unserer Titelfigur. In einer frühen Filmfassung eröffnete das Lied übrigens den Film und zeigte unter anderem die Geburt Vaianas.


Platz 18: Cruisin' for a Bruisin' aus Teen Beach Movie

Musik und Text von Mitch Allan, Jason Evigan, Jason Charles Miller und Nikki Leonti


Die Retronummer in Teen Beach Movie: Protagonist Brady und Protagonistin Mac sind in Bradys Lieblingsfilm gelandet, und es gibt für Brady nichts, das schöner wäre, als mitzuerleben, wie die grease-ige Rockerbande im Lieblingsschuppen der chilligen Surfer landet und eine Rockabillynummer zum Besten gibt, in die er schon immer mal einsteigen wollte. Dass Brady wirklich da einsteigt, war im Film eigentlich nicht geplant, aber weil Brady-Darsteller Ross Lynch die Choreo zum Song beherrschte und voller Passion hinlegte, wurde die Szene umarrangiert. Der Song selbst ist einfach richtig schön kaugummigroovy und riesiges Vergnügen.

Platz 17: Ich geb' dir, was du willst ("I'll Get You What You Want (Cockatoo in Malibu)") aus Muppets Most Wanted

Musik und Text von Bret McKenzie (dt. Version: Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)


Schurkensong, Bret-McKenzie-Style: In Muppets Most Wanted ersetzt ein böses Double Kermit in der Muppet-Truppe, und zerstört das Teamwork und den Teamgeist sowie die besondere Chemie in deren Show, indem er einfach allen unentwegt das gibt, was sie wollen. Um eine grantelnde Miss Piggy milde zu stimmen, äußert Constantine in Kermit-Verkleidung eine Nummer im Stil von Lionel Richie, Michael McDonald und den Doobie Brothers. Mit Groove, Flair, Disco-Funkel-Funkel und (urkomisch geratener) Bemühung, sexy zu sein, gibt er Miss Piggy immer absurdere Versprechen. Sehr, sehr lustig, doppelbödig und echt groovy!

Platz 16: Der Einband kann täuschend sein ("A Cover Is Not The Book") aus Mary Poppins' Rückkehr 

Musik von Marc Shaiman, Text von Scott Wittman und Marc Shaiman (dt. Text von Nina Schneider)


Bei meinem ersten Anschauen von Mary Poppins' Rückkehr war noch Stellt euch das nur mal vor ganz klar mein Lieblingslied aus dieser späten, späten Mary Poppins-Fortsetzung. Die Melodie der Tauchfahrt-Begleitnummer hat mich einfach mehr mitgenommen. Aber als Gesamtszene betrachtet hat mich schon während der Pressevorführung mit weitem Abstand Der Einband kann täuschend sein mehr gepackt. Viel mehr! Sehr, sehr viel mehr. Noch während des ersten Anschauens dieses Rob-Marshall-Filmmusicals habe ich mich in diese Szene schockverliebt. Emily Blunt, die eh schon super in dieser Rolle ist, blüht förmlich auf, während sie Mary Poppins spielt, die nun in Velma-Kelly-Bob eine Cockney-Vaudeville-Dame spielt, die zusammen mit Laternenanzünder Jack kleine (oft anzüglich angehauchte) Geschichtlein zelebriert. Chicago trifft Walt Disney Pictures, und Marshall inszeniert das mit Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Geschmack. Lin-Manuel Miranda spielt besser als im restlichen Film, das bewusst künstliche Bühnenbild ist wunderschön und die Zeichentrickfiguren lassen mein Herz höher schlagen. Eine Bombenszene, die mich kurz glauben ließ, Mary Poppins' Rückkehr könnte mein Lieblingsfilm 2018 werden. Leider brach der Film danach brutal ein, aber die Szene selbst blieb in meinem Herzen, weshalb ich die Szene immer und immer wieder geguckt habe - was wiederum mein Ansehen des Songs vergrößerte. Die darin nacherzählten Geschichten stammen übrigens allesamt aus Travers-Büchern.

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Samstag, 22. August 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XI)

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Platz 25: It's Goin' Down aus Descendants 2
Musik und Text: Antonina Armato, Tim James, Tom Sturges und Adam Schmalholz

Dieser Song ist einer der zentralen Gründe, weshalb ich Descendants 2 als den Höhepunkt von Kenny Ortegas knalliger Fieslingssprößlingetrilogie erachte: Raus mit dem pappigen Herzschmerz von Teil eins, rein mit "Wie stellt sich Kenny Ortega eigentlich eine dramatische Actionszene vor ... nach eigener Art?" Disneys Spezialist für Camp und glitzernder Musicaltheatralik gestaltet das, was in einem handelsüblichen (TV-)Abenteuerfilm über den Kampf zwischen Gut und Böse wäre, mit gerapptem Egostreicheln, hektischem Elektrobass, einem Soundeffekt, der so klingt, als würde direkt neben dem Filmgeschehen ein unbehelligter Super Mario seelenruhig Münzen einsammeln und einer peppigen inneren Dramaturgie. Das ganze macht einfach Laune, und weil Descendants 2 der klotzende Höhepunkt der Trilogie ist, ist das alles gar nicht der Höhepunkt von Akt drei, sondern nur das Vorspiel für das eigentliche Filmfinale. 


Platz 24: Rotten to the Core aus Descendants
Musik und Text: Joacim Persson, Shelly Peiken und Johann Alkenas

Der Song, mit dem alles begann: Nach großem Vorab-Antihype älterer Disney-Fans, die das Konzept "Was, wenn alle Disney-Schurken ihre Filme überlebt hätten, ungefähr zur selben Zeit aktiv gewesen wären und Kinder bekommen hätten, die wiederum nun zusammen mit den Kindern der Helden auf dieselbe Schule gehen?" als großen Affront abgetan haben, der unmöglich Spaß machen könnte, lief dieser bunte Irrsinn 2015 im Disney Channel. Und beim Eröffnungssong Rotten to the Core sollte schnell klar werden: Aha, so läuft dieser Hase also. Ironisch-dick aufgetragen und selbstbewusst-durchgeknallt, übergossen mit einer dicken Soße aus EDM und disneytauglich-weichgewaschenem Dubstep. Muss man nicht mögen, sollte man aber als seine ganz eigene, schräge Nummer erkennen, die keinerlei Anspruch erhebt, Teil des Meisterwerke-Kanons zu sein. 

Fun Fact: Einer der Verantwortlichen hinter dieser sehr tanzbaren "Hallo, das sind wir, hier sind die Markenzeichen unserer Figuren und so klingt dieser Film halt"-Eröffnungsnummer ist Joacim Persson, einer der Auddly-Geschäftspartner von ABBA-Mann Björn Ulvaeus, der unter anderem schon Nummern für Kelly Clarkson, John Legend, Lady Gaga und Miley Cyrus verantwortete.


 
Platz 23: Can't Back Down aus Camp Rock 2: The Final Jam
Musik und Text: Antonina Armato, Tim James und Tom Sturges

Anhand der Camp Rock-Filme lässt sich sehr gut der Einfluss der High School Musical-Reihe auf die Disney Channel Original Movies messen: Teil eins kam 2008 heraus, wurde aber erst kurz nach der Ausstrahlung von HSM 2 gedreht und entwickelt, während der HSM-Zug erst ins Rollen kam. So fügt sich der Film zwar in Disneys Tendenz ein, im Fernsehen mehr und mehr auf Musik zu setzen. Jedoch verfolgt Camp Rock noch eine "Realweltlogik", die Songs sind allesamt diegetisch: Sie ertönen in Momenten, in denen in einem Musiker-Sommercamp auch wirklich gesungen würde. Camp Rock 2 hingegen wurde von der HSM-Welle getroffen und vermischt (ähnlich wie die HSM-Filme) Realweltlogik mit Momenten, die vollauf eine Musicalhaltung einnehmen. Das mag ein Bruch mit den Paramatern der Filmreihe sein, führte aber zum stärksten Moment der zweiteiligen Saga: Can't Back Down ist ein mit Wucht und Zorn und Power gesungener Protest- und Durchhaltesong, in dem sich die Protagonisten anfeuern, gegen die widrigen Umstände aufzulehnen, die ihnen widerfahren. Nämlich ... die mögliche Abschaffung ihres Lieblingssommercamps. Ja, die Unverhältnismäßigkeit zwischen Ernsthaftigkeit und Vehemenz der Musik sowie der Performances einerseits und den flippigen Tanzmoves mehrerer Figuren sowie des Anlasses für die Nummer ist Teil des Charmes. Und es ist einfach ein waschechter "Banger", unter anderem geschrieben von Antonina Armato, die schon den ähnlich operierenden Troy-Bolton-Selbstfindungs-Tanzsong Bet On It verfasst hat. Wenn man's weiß, hört man's glatt raus, oder?


Platz 22: Kinderlümper ("Kinderlumper") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Michael Diederich, Robert F. Hughes, Martin Olson, Dan Povenmire und Michael Singleton (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Ein sehr unterhaltsamer Song, der exzellent einfängt, was an Phineas & Ferb so großartig ist: Hier, in der nunmehr vierten Staffel, gönnen wir dem albern-sympathischen Schurken Dr. Doofenshmirtz eine ausführliche, jazzige Big-Band-Nummer im Stil von Cab Calloways Minnie the Moocher, die gleichzeitig riesiges Mitleid für ihn erzeugt, weil ihm in seiner Kindheit grausige Bösnachtmärchen eingetrichtert wurden, die andererseits aber auch eine große Lachnummer ist, da sie ein vollkommen übertriebener Kinderschreck ist. Was auf der visuellen Ebene jedoch kaum gebrochen wird - der titelgebende Kinderlümper sieht schon schrecklich aus und kreist unheimlich um die in grau-braunen Rückblenden gezeigten, verängstigten Kinderlein.

Später in der Folge kommt es zu einer fröhlicheren Reprise - als Invertierung dessen, wie Musicals gerne zu einer dramatischen Reprise tendieren.

 
 Platz 21: You and Me aus Descendants 2
Musik und Text: Mitch Allan und Nikki Leonti Edgar

Das wahre Finale von Descendants 2: Auf einer Yacht treffen unsere Figuren zusammen und feiern die große Liebe, die sich kurz zuvor in einem CG-Kampf durchgesetzt hat. Alle sind klatschnass, das Deck steht knöcheltief unter Wasser und es wird ein harmonischer, poppig-froher Song angestimmt, der Freude und Verständnis feiert, und uns alle in die Verantwortung zieht, dies zu vermitteln. Kenny Ortegas Choreografie der Szene ist wirklich hübsch und unterstreicht die ansteckende Glückseligkeit der Nummer sehr gut. 

Fortsetzung folgt ...

Donnerstag, 30. Juli 2020

Hey, Disney-Fans: Kennt ihr "Lucid Dreams of Gabriel"?

Geht es um wenig bekannte, atypische Disney-Kurzfilme, wird liebend gern auf die Weltkriegs-Propagandafilme wie Reason and Emotion verwiesen, oder aber auf The Story of Menstruation. Noch obskurer dürfte aber ein Film aus dem Jahr 2014 sein: Lucid Dreams of Gabriel. Dieser experimentelle Realkurzfilm erzählt auf surreale und non-lineare Weise die Geschichte einer Mutter, die einen Weg sucht, ihrem Sohn nahe zu sein.



Lucid Dreams of Gabriel behandelt den Übergang vom Leben ins Jenseits und spielt sich auf mehreren Ebenen ab: In der realen Gegenwart, der Welt des Übernatürlichen und einem luziden Traum, der Erinnerungen und Wunschvorstellungen vereint. 

Geschrieben und in der Schweiz gedreht von Sasha A. Schriber, dient Lucid Dreams of Gabriel primär einem Zweck: Der Erforschung der erzählerischen Möglichkeiten einer höheren Bildrate. Während die Realweltszenen mit 24 Bildern pro Sekunde gefilmt wurden, wurde der Rest des Films mit 48 Bildern die Sekunde gedreht. Man versuchte also, so etwas herzustellen wie in Tron: Legacy oder Coraline, wo die reale Welt und die digitale / magische Welt durch 2D und 3D getrennt werden. Darüber hinaus ist Lucid Dreams of Gabriel ein frühes Exempel für High Dynamic Range, also eine besondere, brillante Farbdarstellung. Außerdem werden einzelne Pixel manipuliert, um einen "Zeitverlaufeffekt" zu erzielen.

Der Kurzfilm ist eine Arbeit der Züricher Disney-Rechercheabteilung, die sich insbesondere in Computeranimationstechnologien ihren Ruhm erarbeitet hat. Vor diesem Hintergrund muss Lucid Dreams of Gabriel auch dringend betrachtet werden: Die Absicht hinter dem Film war es, unterschiedliche Gruppen innerhalb Disney Research Zurich zusammenzubringen, indem sie an einem gemeinsamen Ziel arbeiten, den Nachforschungsgruppen vorzuführen, wie schwierig selbst die Produktion eines Kurzfilms sein kann, und schlussendlich, wie schon erwähnt, sowie vor allem, um Vorführmaterial für das Potential von 48 fps zu haben. Es ist kein klassischer Disney-Kurzfilm.


Dienstag, 14. Juli 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil X)

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Diese Ausgabe von Musikalisches Immergrün ist voll mit Spoilern für Teen Beach 2, Rapunzel - Die Serie, Once Upon a Time in Hollywood und Ryan Murphys Netflix-Serie Hollywood. Ihr seid gewarnt!



Platz 30: What's My Name aus Descendants 2
Musik: Tom Sturges und Adam Schmalholz, Text: Antonina Armato, Tim James, Thomas Sturges, und Adam Schmalhol

Unter anderem produziert von Rock Mafia, dem Produktions-Duo, das unter anderem mit Eminem, Gwen Stefani, Green Day, Mariah Carey, Justin Bieber, Flo Rida, Ellie Goulding und Tokio Hotel zusammengearbeitet hat und sich in jüngeren Jahren dem Disney Channel und seinen Stars öffnete, präsentiert sich dieser Schurkinnensong als eine wuchtige Mischung aus Electrohop und Pop-Rap. Tja, es ist halt ein modernes Disney-Channel-Musical. Da sind solche Stilmischungen an der Tagesordnung. Und da China Anne McClain alias Ursulas Tochter Uma eine ziemlich voluminöse Stimme mitbringt, die an den ganzen Beats und Soundeffekten vorbeischmettern kann, ist dieser Egoboost-Fieslingssong auch schön kraftvoll geraten. Macht Spaß!


Platz 29: Ich bin Tex Richman ("Let's Talk About Me") aus Die Muppets 
Musik: Bret McKenzie, Text: Ali Dee Theodore (dt. Text von Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)

Einst produzierte Disney einen Film über eine Gruppe filzig-haariger, musikalischer Gestalten, die sich nach einer langen, gefeierten Karriere zerstritten haben. Nun will ein raffgieriger Geldhai die letzte Gedenkstätte an ihr Vermächtnis zerstören. Und zwar aus Gier. Und aus Rache daran, dass sie (in seinen Augen) einst daran Schuld getragen haben, dass er blamiert wurde. Aber genug von Die Country Bears. Lasst uns über Die Muppets reden.

Die Parallelen zwischen den beiden Disney-Musikkomödien mit genialen Puppentricks, die entweder aus Jim Hensons Puppenschmiede stammen oder einst aus ihr stammten, sind frappierend. Auch wenn Die Muppets eine Parallele aus dem Film gekürzt hat: Ursprünglich sollte Tex Richmans albern-selbstsicherer, prahlerischer Song auch von seiner peinlichen Muppet-Begegnung handeln. Das ist im Bonusmaterial der Blu-ray und auf dem Soundtrackalbum noch zu hören. Aber auch in der gestutzten Filmfassung ist diese wunderbar-dämliche Nummer ein großes Vergnügen.


Platz 28: Es ist vorbei ("Crossing the Line") aus Rapunzel - Die Serie
Musik: Alan Menken, Text: Glenn Slater (dt. Text von?)

Rapunzel - Die Serie ist ein wichtiger Baustein in dem Gebilde, das ich "Das neue Goldene Zeitalter der Disney-Serien" nennen möchte. Denn neben den neuen DuckTales, Willkommen in Gravity Falls, Die Legende der Drei Caballeros und Tron - Der Aufstand setzt auch Rapunzel - Die Serie auf eine bestechende Balance zwischen "Jede Episode steht dank eines Gimmicks oder eines klaren, abgeschlossenen Storybogens für sich" und einer horizontalen Erzählweise. Darüber hinaus vertieft die Rapunzel-Serie die Figuren aus dem Originalfilm, statt sie abzuflachen - das ist wahrlich nicht jeder Disney-Trickserie, die auf einem abendfüllenden Trickfilm basiert, vergönnt gewesen. Auch die neuen Figuren sind komplex - mit einer erstaunlichen/verwunderlichen Tendenz dazu, ins Machtgeile zu verfallen. Es ist vorbei ist eine echt starke, mit gesundem Pathos versehene Nummer, die Cassandras Wandlung fesselnd zur Schau stellt. 

Platz 27: That's How We Do aus Teen Beach 2
Musik und Text: Mitch Allan, Dan Book und Nikki Leonti

Es ist drehbuch- und songschreiberisch eine nicht genügend gewürdigte Leistung von Teen Beach 2, dass der Film einen schönen erzählerischen Bogen schlägt: Jeffrey Hornadays Musicalkomödie eröffnet mit einem Song, der gleichzeitig als Opener für Teen Beach 2 funktioniert als auch als Schlusssong des Films-im-Film Wet Side Story glaubwürdig ist. Zum Abschluss von Teen Beach 2 erklingt derweil ein Lied, das sowohl die perfekte Finalnummer dieses Films ist wie auch eine sehr plausible Eröffnungsnummer für den Film-im-Film. Aber damit noch nicht genug, denn Hornaday und die Teen Beach 2-Autoren Matt & Billy Eddy haben sich 2015 mit diesem Disney-Channel-Original-Movie-Streich in filmhistorischem Revisionismus geübt, bevor Quentin Tarantino und Ryan Murphy dafür gesorgt haben, dass es en vogue ist.

Denn dieses ach-so-seicht-wirkende, sommerliche Disney-Channel-Musical haut einen exquisiten, aussagekräftigen Twist heraus, dessen Botschaft zwar bereits 2015 vollauf angebracht war, jedoch erst wenige Jahre später zu einem thematischen Dauerthema im leichtgängigen US-Filmoutput werden sollte: Nachdem die Hauptfiguren des kitschig-stereotypen, aber auch sehr charmanten 1960er-Strandmusicals Wet Side Story einige Zeit in der realen Gegenwart verbracht haben, müssen sie zum Wohle der Existenz ihrer zurückgelassenen Freunde in die moralisch überholten und beengenden Begrenzungen ihres heimeligen Films zurückkehren. So fürchten sie jedenfalls. Aber: In einem sich einen feuchten Kehricht über "So waren solche Filme damals halt!"-Argumentationen kümmernden Twist, bekommt die in Wet Side Story bloß als rebellisch-hübsche, sich dennoch als Grazie in Nähe ihres vom System angestammten Platz fungierende Lela, die den sozialen Fortschritt lieben gelernt hat, eine Botschaft von unserer dieserweltlichen Protagonistin Mack gesteckt: "Mach die Geschichte zu deiner eigenen!"

Teen Beach 2 endet damit, dass die Rückkehr der nun aufgeklärten und angespornten Wet Side Story-Nebenfigur nicht nur ihren Film veränderte, sondern somit auch die reale Welt von Teen Beach 2: Aus dem zwar liebenswerten, allerdings auch arg verstaubten und rückständigen Film Wet Side Story wurde durch Lelas neu erworbenes, feministisches Selbstbewusstsein das für seine Zeit revolutionäre Strandmusical Lela - Queen of the Beach mit einer starken, nuancierten, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmenden Protagonistin.

In der Welt von Teen Beach 2 mutierte somit Lelas Film von "Einem besonders kurzweiligen von vielen Strandmusicals", das nur ein paar nostalgisch-nerdige Filmfreaks kennen, zu einem aussagekräftigen, inspirierenden Kult-Dauerbrenner der Güte eines Rocky Horror Picture Show oder gar mehr. Das wiederum führt dazu, dass Teen Beach Movie- und Teen Beach 2-Protagonistin Mack den Film nicht mehr bloß halb augenrollend, halb schmunzelnd genießt, weil sie von ihrem Freund mit aller Macht mit der Nase auf ihn gestoßen wird (und sind wir ehrlich: Viele von uns haben geliebte Menschen vehement an alte Filme herangeführt, die uns etwas bedeuten, ihnen aber nichts zu bieten haben), sondern den Film mit ganzem Herzen zelebriert. Und mit ihr feiern auch Dutzende von andere Jugendliche Lelas Leinwandabenteuer auch noch im Heute, weil dieses neue, feministische Strandmusical für die Jugend der Gegenwart mehr Identifikationspotential bietet als der nostalgische Rücksturz Wet Side Story, den wir im Teen Beach-Filmuniversum bis dahin erlebt haben.

Teen Beach 2 schreibt für sein konsequent die Bedürfnisse seiner weiblichen Figuren verfolgendes Happy End also mal eben die Regeln eines spießig-spaßigen Subgenres neu (an dem sich auch Disney-Legende Annette Funicello beteiligte) - und unser Protagonist Brady hat auch etwas davon, weil er nunmehr seine Retrofilm-Begeisterung auf Augenhöhe mit der Frau seiner Träume teilen kann. Die Aussage des Ganzen könnt ihr euch ja wohl selber zusammenreimen.

That's How We Do erzählt all dies in etwa sechs flippigen, flotten, quirligen Minuten, die gespickt sind mit keck-altmodischem 50er/60er-Jugendfilm-Jargon und einer fröhlichen Melodie, während textlich die Logik der Wet Side Story-Songs sinnvoll weitergedacht wird: Während Bradys "Das war doch voll cool, oder?"-esk an Andere herangetragene Lieblingsfilm, der sich der eigenständigen Mack nicht erschlossen hat, mit so seichten, nichts hinterfragenden oder inspirierenden Feststellungen wie Best Summer Ever aufwartet, trällert That's How We Do auf verspielte, überhaupt nicht didaktische, sondern selbstredende Art und Weise daher, dass Mann und Frau gleichermaßen den eigenen Kopf verfolgen kann, und dass etwaige Differenzen bloß zu einem vergnüglichen Miteinander führen, solange wir alle kooperativ-freundlich gestimmt sind. THAT'S How We Do!



Platz 26: Come Dream a Dream aus Disneyland Paris
Musik und Text: Joel McNeely

Im Disney-Themenpark-Sprech ist das große Nachtspektakel der Gutenachtkuss für das Publikum - denkt man das weiter, so ist Come Dream a Dream der wohl zärtlichste Kuss, den Themenpark-Disney seinen Fans je gegeben hat. Denn dieser nach einer kurzen Atempause nach dem betörend schönen Lichter-, Farb-, Musik- und Feuerwerkspektakel Disney Dreams! erklingende Song mit sanftem Gesang von Cara Dillon ist ein liebevolles, beruhigendes, leicht-melancholisches Abschiednehmen hinein in die Nacht, wie es im Buch der Träume steht. Hach.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil IX)

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Platz 35: Schnabeltiertrucker ("Mobile Mammal") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Robert F. Hughes, Jeff "Swampy" Marsh. Dan Povenmirewiki (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Ein Paradebeispiel für den Phineas & Ferb-Humor: Schnabeltier Perry alias Geheimagent Agent P schnappt sich im Einsatz einen fremden Truck, in dem ZUFÄLLIG ein Demoband eines Hobbymusikers liegt. Und ZUFÄLLIG handelt dieser Song von einem Trucks fahrenden Schnabeltier. Was im Storytelling der Folge genüsslich-beiläufig auf den Arm genommen wird. Und obwohl der Song ein großer, dummer Witz ist, ist diese Hommage an Truck Drivin' Girl griffig komponiert: Diese Nummer im Southern-Country-Stil geht ins Ohr und in den Bleifuß.


Platz 34: Ich warte hier auf dich ("Evermore") aus Die Schöne und das Biest
Musik von Alan Menken, Text von Tim Rice (dt. Fassung von Thomas Amper & Lutz Riedel)

Die Solonummer des unter gebrochenem Herzen leidenden Biests ist meine liebste Originalnummer aus dem Die Schöne und das Biest-Bühnenmusical - wobei das Lied vor allem durch die Einbindung der ominösen Eröffnungsmelodie punktet. Dass Bill Condons Realfilm die Bühnenfassung des Disney-Zeichentrickfilms hinter sich lässt, dabei aber dennoch ein neues Lied kreiert, das nahezu exakt dieselbe Funktion erfüllt wie Wie kann ich sie lieben, sorgte vorab unter Fans für Diskussionen. Und auch hinter den Kulissen unterstützte Alan Menken zunächst den Gedanken, einfach Wie kann ich sie lieben für den Film zu adaptieren. Zunächst 1:1, dann war zwischendurch im Gespräch, den Song dramaturgisch vorzuziehen (zur Stelle, als Belle erstmals fliegt) und umzutexten.

Um aber den Sinneswandel des Biestes stärker auf die Filmstruktur zugeschnitten erzählen zu können, wurde letztlich entschlossen, ein neues Lied zu verfassen. Eine sehr gute Entscheidung: Evermore ist für mich der stärkste neue Song in Die Schöne und das Biest und generell einer der besten Momente im Realfilmremake des Zeichentrickklassikers: Wie sich das Biest in seinem Monolog nach und nach aus seinem Frust und Kummer hin zu einer melancholisch-positiven Erwartungshaltung und Selbsterkenntnis steigert, ist sehr überzeugend geschrieben und wird durch Dan Stevens' Schauspiel sowie Condons Regieführung griffig zur Schau gestellt. Das schleichende Vermenschlichen seiner Stimme ist das Tüpfelchen auf dem i.


Platz 33: Danke, dass ihr bei uns wart ("Curtain Call/Time Spent Together") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Robert F. Hughes, Jeff "Swampy" Marsh, Dan Povenmire, Madison Scheckel und Martin Olson (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Manche Disney-Trickserien, die eine mehr oder minder fortlaufende Handlung aufweisen, haben ein großes Finale bekommen. Disney-Animationsserien, bei der episodenhafte Comedy zweifelsohne den Schwerpunkt darstellt, enden dagegen normalerweise einfach. Die letzte Folge könnte nahezu immer auch die vorletzte, die vierte oder die 32. sein, das macht keinen Unterschied. Nicht so bei Phineas & Ferb: Nach acht Jahren und einer dreistelligen Anzahl an Episoden sowie mehreren Specials in Filmlänge verabschiedete sich Phineas & Ferb mit einer unmissverständlich als großer Abschluss gemeinten Finalfolge. Und die kulminiert, voll und ganz im Sinne der Serie, in einem Finalsong, der die vierte Wand durchbricht: Die Stiefbrüder Phineas und Ferb, ihre Freunde und sogar der böse Dr. Doofenshmirtz singen hier gemeinsam über die vergangenen Episoden (die Lyrics sind quasi ein codiertes Best-of der Serie) und darüber, wie dankbar sie für ihr Publikum sind. Hier sprechen kaum kaschiert die Serienverantwortlichen durch die Figuren hindurch und verneigen sich vor den Fans, die Phineas & Ferb zu einem der größten Phänomene unter den Disney-Serien gemacht haben. Es ist, ganz nebenher, zudem der längste Phineas & Ferb-Song. Also auch in diesem Sinne ein wahrer, großer Abschluss.


Platz 32: Der Weg des Schnabeltiers ("Way of the Platypus") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Robert Hughes, Martin Olson und Dan Povenmire (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Üblicherweise werden im Original die härteren, rockigeren Songs in Phineas & Ferb von Robbie Wyckoff eingesungen. Als diese energiereiche Nummer, die eine Trainingsmontage begleitet, aufgenommen werden musste, was Wyckoff jedoch verhindert. Als Ersatz wurde Rick Cowling, der zu dieser Zeit Teil der Art-Rock-Band Ambrosia war, angefragt, von dem die Serienmacher "eine Mischung zwischen AC/DC und Axl Rose" verlangten. Da der Song aber obendrein ähnlich geschrieben ist wie viele Dio-Nummern und Cowling selbst derweil eine Stimmfarbe mitbringt, die leicht in Richtung Sammy Hagar tendiert, haben wir hiermit ein wahres Hard-Rock-Sammelsurium.


Platz 31: Rapunzels Zauberspruch ("Healing Incantation") aus Rapunzel - Neu verföhnt
Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)

Ein betörendes, ebenso schönes wie bedächtig klingendes, kleines Lied, das im Film mysteriös und zauberhaft ist und später in der Rapunzel-Serie an erzählerischen Wendepunkten behutsam abgewandelt wird. Klein, aber oho!

Montag, 11. Mai 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil VIII)

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Platz 40: Do What You Gotta Do aus Descendants 3
Musik und Text von Matt Wong, Jamie Jones und Jack Kugell

Im Finale der Descendants-Trilogie kommt es zur musikalischen Auseinandersetzung zwischen der Ex-Schurkin Mel und ihrem trickreichen, sich selbst immens genießenden, gemeinen Vater Hades. Diese entpuppt sich als gewitzt getextete, flockig-rockige Nummer voller augenzwinkernde passiver Aggressivität zwischen den Beiden.


Platz 39: Breakthrough aus Lemonade Mouth
Musik und Text von Bryan Todd, Maria Christensen, Shridhar Solanki und Adam Hicks

Breakthrough ist wohl die Nummer aus Lemonade Mouth: Unsere rebellische, wild Musikgattungen in einen Topf werfende Schülerband besingt selbstbewusst und mit energiereicher Attitüde ihren eigenen Durchbruch (während sie ihn hat. Wann denn auch sonst?) ... Bridgit Mendler, Adam Hicks, Hayley Kiyoko, Naomi Scott und Blake Michael geben dem Song Pepp, und es ist ein sehr eingängiger Höhepunkt für den charmanten Disney-Channel-Film.

Platz 38: Best Summer Ever aus Teen Beach 2
Musik und Text von Matthew Tishler und Amy Powers

Eine Musicalnummer in einer Musicalnummer: Zu Beginn von Teen Beach 2 sehen wir unsere Protagonisten Mac und Brady, wie sie sich das Ende von Wet Side Story anschauen und ihre eigene Gesang- und Tanzeinlage rund um den Schlusssong von Bradys Lieblingsfilm spinnen. Gespickt ist diese frohe, flockige Nummer mit Bergen an Referenzen an die Teen Beach Movie-Musicalnummern
Can’t Stop Singing, Surf’s Up, Meant To Be, Falling For Ya, Surf Crazy, Like Me, und Cruisin' For A Bruisin'. Also, mir macht's Spaß!


Platz 37: Stellt euch das nur mal vor ("Can You Imagine That") aus Mary Poppins' Rückkehr
Musik von Marc Shaiman, Text von Scott Wittman und Marc Shaiman (dt. Text von Nina Schneider)

In einem Realfilm und Zeichentrick vermischenden Disney-Kinomusical nimmt die erwachsene Hauptfigur eine Gruppe Kinder mit auf ein kunterbuntes, fantastisches Abenteuer über und unter Wasser, wo wir mit kuriosen Anblicken konfrontiert werden. Klingt nach Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett, ist aber Mary Poppins' Rückkehr: Bei der Erstsichtung dieser Rob-Marshall-Regiearbeit war Can You Imagine That mit großem Abstand mein Lieblingssong im Film, wenngleich mich die begleitende Szene mit ihren halbgaren CG-Effekten ziemlich enttäuscht hat. Das führt dazu, dass die Can You Imagine That?-Sequenz bei mir deutlich weniger Replay erhalten hat als eine Szene, die hier im Ranking noch folgt. Dessen ungeachtet ist es eine sehr schöne Nummer, die Emily Blunt mit ansteckender Freude performt und die im Rest des Films gewieft als neues Mary-Poppins-Leitmotiv eingebaut wird.


Platz 36: Erinnerung ("Pictures in my Head") aus Die Muppets
Musik und Text von Jeannie Lurie, Aris Archontis, Chen Neeman (dt. Text von Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)

Jeannie Lurie ist so etwas wie eine Disney-Geheimwaffe: Sie hat Musik für solche Disney-Serien wie Austin & Ally, Shake it up! und The Lodge geschrieben, wirkte an den TV-Filmen Teen Beach Movie und Teen Beach 2 mit, an Camp Rock 2, dem Hannah Montana-Film und auch am Disney+-Juwel High School Musical: Das Musical: Die Serie. Ihren Weg in die Disney-Familie fand sie jedoch durch den (böse verrissenen) Muppet-Fernsehfilm Muppets: Der Zauberer von Oz aus dem Jahr 2005. Jahre später sollte sie zu den Muppets zurückkehren und zusammen mit Aris Archontis und Chen Neeman Kermits emotionale Nummer in Die Muppets verfassen. Es ist der einzige Song in Die Muppets, an dem Bret McKenzie nicht mitgeschrieben hat, auch wenn er sich schlussendlich als Produzent beteiligte. McKenzies "Abwesenheit" führt dennoch nicht dazu, dass sich dieses Lied im Film deplatziert fühlt - zumal Komponist Christophe Beck die Melodie im weiteren Film wiederverwendet.

Erinnerung ist für Kermits Seite der Filmhandlung das große emotionale Rückgrat. Innerhalb kurzer Zeit führt uns das Lied vor Augen, wie sehr Kermit die Präsenz der Muppets in seinem Leben vermisst, wie viel sie ihm zuvor bedeuteten und wie viel Glanz sie seinem Leben geben würden, sollten sie und Kermit wieder zusammenfinden. Und was für alte Muppet-Fans als geschickter Tränenzieher erscheint, dient Muppet-Neulingen als kurze, knackige Vorstellung mehrerer wichtiger Mitglieder der Chaoten-Truppe. Und ich muss sagen: Beim allerersten Anschauen des Films (in einer Pressevorführung mit mehreren anderen Kritikern, denen die Muppets sehr am Herzen hängen) war Erinnerung einer dieser magischen Kinomomente. Dadurch, dass sich die Muppets zuvor "weg" angefühlt haben und nun dieser gelungene Film daherkommt und ein rührseliges, süßes Lied eben diese Emotion besingt, war ich den Tränen sehr, sehr nahe. Das war aber eine Momentaufnahme. Nun, da die Muppets ihr Comeback hatten und dieser singuläre, eine Augenblick, in dem das Lied anders wirkte, vorbei ist, geht ein Stück des Zaubers dieser Nummer verloren. Was aber bleibt, ist ein sehr schöner Muppet-Song mit großem Herz.

Freitag, 27. März 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil VII)

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Platz 45: Someday aus Zombies - Das Musical
Musik und Text von Dustin Burnett und Paula Winger

Wenn der Zombie an seinem ersten Schultag auf einer Menschenschule während eines Alarms in den Zombie-Schutzraum flieht (weil er denkt, es sei ein Schutzraum für Zombies, nicht etwa vor Zombies), und dort einem aufgeweckten, aber auch etwas verschüchterten Menschenmädchen begegnet, dann ist die Grundlage geschaffen. Die Grundlage für eine poppige, neckisch flirtende Ballade mit solchen Lyrics wie "Girl, you look delicous ... oh, I mean gorgeous" und einer eingängigen Hook. Süßlich, aber auch leicht ironisch - ein feines Lied aus einem sehr unterhaltsamen Film!

Platz 44: Izzy hat 'ne Krause ("Izzy's Got the Frizzies") aus Phineas & Ferb
Musik und Text von Danny Jacob, Jeff "Swampy" Marsh, Martin Olson, Dan Povenmire und Jaret Reddick (dt. Fassung von von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Ein kurzer Song mit Funk: Am Ende der Phineas & Ferb-Folge Roboter Rodeo gibt es einen zusätzlichen Song, in dem Izzy ihre durch die hohe Luftfeuchtigkeit kraus gewordenen Haare schüttelt. Ein alberner, kleiner Gag, der mit für diese Serie typischer Energie ausgekostet wird - und die Nummer hat sich bei mir einfach eingeprägt.

Platz 43: Spieleabend ("Game Night") aus Schlimmer geht's immer mit Milo Murphy
Musik und Text von Dan Povenmire (dt. Fassung von Michael Ernst)

Die Spieleabend-Folge von Schlimmer geht's immer mit Milo Murphy gehört zu meinen liebsten Episoden, da sie klein anfängt und sich daraufhin in schnellere, wildere, absurdere Gefilde hochschraubt - so, wie ich den Humor in Povenmire-und-Marsh-Serien am meisten mag. Und dann mündet das Chaos noch in eine (für Disney-Verhältnisse) sehr fetzig-kernige Rock-Hommage. Da kann ich nicht widerstehen.

Platz 42: Surf's Up aus Teen Beach Movie
Musik und Text von Ali Dee, Alana Da Fonseca, Jordan Yaeger und Garrett Kotecki

Wenn sich Figuren, die sich wie in einem handelsüblichen Disney Channel Original Movie verhalten, in eine Disney-Channel-Original-Movie-hafte Hommage auf 50er/60er-Jahre-Strandfilme gesogen werden und darin eine kopflastige junge Dame die Freude an Gesang und Tanz lernt, ist das wohl unvermeidlich: Am Ende von Teen Beach Movie wird auch in der weniger aufgedrehten Realität des Films gesungen und durchchoreografiert getanzt - und auch Frau Tanzmuffel (Maia Mitchell) hat große Freude daran. Der bis dahin reduzierte Elektroanteil in der Hintergrundmusik wird hier auf's moderne Disney-Channel-Film-Maß aufgedreht, aber es bleibt die blubberig-poppig-frohe Grundmentalität alter Strandfilm-Musiknummern und so ergibt sich eine fesche Mischung, um den Film feierlich abzuschließen.



Platz 41: Silver Screen aus Teen Beach 2
Musik und Text von Jeannie Lurie, Aris Archontis und Chen Neeman

Was macht man, wenn eine Gruppe von Filmfiguren, mit denen man einst ein Abenteuer in ihrer Welt erlebt hat, plötzlich in der eigenen Realität herumstolpert und mit filmischem Verhalten sämtliche Aufmerksamkeit sowie Verdacht auf sich zieht? Na, klaro: Man erläutert den Filmlogik gewohnten Leutchen, dass sie nicht so sehr auffallen sollen. Aber was, wenn sich zeigt, dass dieser Ratschlag Probleme nach sich zieht, so dass man Ex-Filmfiguren erklären muss, dass sie sich wieder nach den Vorzügen einer Filmwelt sehnen sollten? Na, doppelklaro: Man singt ihnen vor, wie toll es im Film ist! Keine Toilettenpausen, die Haare sitzen immer perfekt und Beziehungen finden stets einen glücklichen Ausweg aus einem Streit. Silver Screen ist ein ironisches, aber passioniertes Loblied auf das Kino, inklusive Swashbuckler-Instrumentalteil und gewitzten Lyrics, die nicht nur Filme an sich kommentieren, sondern auch Teen Beach 2 selbst kommentieren und dennoch auch die Figurenzeichnung und Story vorantreiben, statt nur rumzualbern.

Samstag, 7. März 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil VI)

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Platz 50: Ich werd niemals schweigen ("Speechless") aus Aladdin
Musik: Alan Menken, Text: Benj Pasek & Justin Paul (dt. Text von Nina Schneider)

Ich bin wahrlich nicht der größte Fan des Aladdin-Realfilmremakes, doch im Falle des neu für die Guy-Ritchie-Regiearbeit geschriebenen Songs Speechless stelle ich mich dann doch auf die Seite jener, die den Film verteidigen. Ja, ich finde die dazugehörige Szene etwas ungelenk inszeniert, aber das Lied selber sagt mir zu. Nicht nur, dass Alan Menken sich die Mühe gemacht hat, die Melodie zu Speechless als neues Leitmotiv durch den Score zu ziehen und so dagegen zu arbeiten, dass es sich wie ein Fremdkörper anfühlt. Es ist auch hübsch konstruiert: Es beginnt mit einer sanften Piano-Melodie, ehe nach und nach zusätzliche Instrumente einsteigen, zu voller Alan-Menken-Power kulminieren und letztlich wieder zum simplen Arrangement zurückkehren. Naomi Scott singt das Stück im Original zudem mit packender Power.


Platz 49: Like Me aus Teen Beach Movie
Musik und Text: Antonina Armato, Tim James, Thomas Sturges, Jon Vella und IN-Q

Eine frohe, muntere, kleine und simple Nummer, die den Retro-Teen-Musical-Stil gekonnt mit der modernen Disney-Channel-Musical-Klangästhetik kollidieren lässt: "Die Jungs" und "die Mädels" aus Teen Beach Movie treffen sich, um sich rauszuputzen - und die Figuren aus dem Strandfilmklassiker, in dem unsere Realwelt-Hauptfiguren gelandet sind, singen mit altmodischen Rollen- und Schönheitsbildern auf die Protagonisten ein. Die reagieren verdattert. So entsteht ein Gute-Laune-Lied, das seine gewollte Altbackenheit immer wieder ein klein wenig aufbricht.


Platz 48: Determinate aus Lemonade Mouth
Musik und Text: Niclas Molinder, Joacim Persson, Johan Alkenäs, Charlie Mason, Ebony Burks und Hicks

Lemonade Mouth hält in der Riege der Disney Channel Original Movies eine eigenartige Position inne. Es ist ein musikzentrischer Film in der Post-High School Musical-Ära, gleichwohl hat er kaum etwas vom Camp-Element zu bieten, das die Disney-Channel-Filme seit 2006 so sehr ausmacht. Stattdessen ist es eine dramatische, leicht komödiantische Coming-of-Age-Geschichte über eine Band voller (gewollter und versehentlicher) Schulrebellen. Determinate bringt einen wuchtigen Elektro-Sound mit sich und eine jugendlich-ungestüme Attitüde, die dennoch auch nach (gut gemachter) Chart-Mucke klingt. Eine spannende Mischung!


Platz 47: At Last it's Me aus Freaky Friday
Musik: Tom Kitt, Text: Brian Yorkey

Welch verworrene Wege Disney-Projekte gehen können, lässt sich wunderbar an Freaky Friday von 2018 vorführen: Die Idee einer Körpertausch-Komödie, in der eine Jugendliche und ihre Mutter einen Freitag im Körper der jeweils anderen verbringen, nahm 1972 in einem Buch ihren Anfang, das Disney 1976 mit Jodie Foster und Barbara Harris fürs Kino verfilmt wurde. Dieser Kinoerfolg wurde 1995 fürs Fernsehen neu adaptiert (mit Shelley Long und Gaby Hoffmann) und 2003 noch einmal fürs Kino - dann mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan. 2016 feierte dann ein Bühnen-Musical seine Premiere, das von der Buchvorlage und den beiden Disney-Kinoadaptionen inspiriert war. Und 2018 wurde aus diesem Musical ein Disney Channel Original Movie, der zwar so seine dramaturgischen Schwächen hat, aber mit Cozi Zuehlsdorff eine regelrechte Entdeckung von einer Jung-Hauptdarstellerin mitbringt. Sie ist einfach brillant und hat so eine zugleich moderne, frische, junge Ausstrahlung wie eine zeitlos-galante, leicht bossige Qualität, wenn sie die Mutter im Körper ihrer Tochter spielt. Ich hoffe sehr, dass wir noch mehr von ihr sehen werden! Was die Songs im Bühnenstück und TV-Film angeht, so finde ich die meisten recht austauschbar - doch der Schlusssong ist so lebhaft und losgelöst, und hat dabei dennoch eine besonnene-gesittete Art an sich, die der Figur gut zu Gesicht steht.


Platz 46: Oh Biology aus Freaky Friday
Musik: Tom Kitt, Text: Brian Yorkey

Noch lieber als At Last It's Me finde ich aber Oh Biology, eine Nummer aus der Mitte des Films, wenn die Körper schon getauscht sind und die Mutter im Körper ihrer Teenie-Tochter pubertäres Hormonflattern erlebt, als sie sich einem Mitschüler nähert. Diese Prämisse der Szene sorgte für ein Mini-Skandälchen, da manche Leute dieses Schwärmen zwischen erwachsener Frau im Teenie-Körper und Teenager ... nun ja ... wagemutig fanden. Ich finde es eine gut geschriebene Nummer mit pfiffigen Lyrics und eingängiger Melodie. Mein Highlight des Freaky Friday-Musicalfilms!

Donnerstag, 20. Februar 2020

Die Känguru-Chroniken: Satire als Totalausfall



Die beliebten Geschichten von Marc-Uwe Kling eroberten schon die literarischen Bestsellerlisten und gingen als Hörbücher durch die Decke. Nun legt das kommunistische Känguru einen Film nach – einen Film in blamabler Qualität.

Es gibt gute Filme, es gibt schlechte Filme. Filme, die massentauglich sind, und Filme, die ein Nischenpublikum ansprechen. Und es gibt Filme, bei denen man sich fragt: "Wie zum Geier konnte das nur passieren?" Die Känguru-Chroniken ist solch ein Film. Nicht an der Oberfläche betrachtet, wohlgemerkt: Einen Die Känguru-Chroniken-Film musste man kommen sehen. Denn wieso sollten sich die sowohl in gedruckter Form als auch als Hörbücher immens erfolgreichen Känguru-Geschichten des Liedermachers, Kabarettisten und Autoren Marc-Uwe Kling den Sprung auf die große Leinwand entgehen lassen? Sobald man etwas tiefer bohrt, wird aber klar, welch unkoordinierter Sprung das gewesen sein muss. Denn was Inhalt und Umsetzung des Die Känguru-Chroniken-Films angeht, dürfte die neue Regiearbeit von Dani Levy (Alles auf Zucker) eines der rätselhaftesten, wenn nicht gar fragwürdigsten Kinoprojekte sein, die das wiedervereinigte Deutschland hervorgebracht hat.

Schlimmer als jede Hufeisen-Argumentation
Das hier ist nämlich der Plot: Faulenzer Marc-Uwe (Dimitrij Schaad), der behauptet, Künstler zu sein, aber eigentlich den ganzen Tag nur schläft und jammert, macht eines Mittags Bekanntschaft mit einem kleptomanischen, kommunistischen, leerstehende Wohnungen besetzenden Känguru, das nichts zur Gesellschaft beiträgt, außer Stunk zu machen. Sie beide leben in einem ranzigen, baufälligen Gebäude in Berlin und hängen mit weiteren Linken, wie einer veganen Hackerin (die einem befreundeten Späti geschäftsschädigende Streiche spielt) in einer versifften Kneipe ab. Als das Känguru bei einem Besuch im Park einen unschuldigen Hund misshandelt, hat es nicht die Rechnung mit dessen Besitzern gemacht, einer Gruppe Patrioten, die nicht fassen kann, wie diese Linken Spaß daran haben können, einen kleinen Wauwau zu verletzen.

So beginnt ein Kleinkrieg zwischen den Hundebesitzern und den linken Troublemakern, in den durch eine Täuschung des Kängurus und des "Künstlers" auch der Politiker und Geschäftsmann Dwigs (Henry Hübchen) reingezogen wird. Die Hundefreunde werden durch einen Trick nämlich dazu verleitet, das Auto des in dieser Sache unbescholtenen Immobilienbesitzers und Bauunternehmers schwer zu beschädigen. Und da endet das Elend noch nicht: Das Känguru und Marc-Uwe nehmen sich alsbald vor, die Baupläne Dwigs' zu untergraben, der das dringend Wohnraum benötigende Berlin mit einem topmodernen Hochhaus segnen möchte. Mit Diebstahl, Lug und Trug soll dieses Vorhaben zerstört werden, nur weil Dwigs sein Angebot an die Stadt ein bisschen aufgehübscht hat – doch wer tut das nicht? Statt dem freien Markt die Chance zu geben, darauf zu reagieren, beginnen Marc-Uwe und das Beuteltier eine Intrige, in deren Rahmen Panik und Sachbeschädigung erfolgen sollen. Können Dwigs und die sich ihm anschließenden Hundefreunde das verhindern?

Gewiss: Der Filmverleih fasst die Geschichte von Die Känguru-Chroniken anders zusammen und Marc-Uwe Kling, der nicht nur die Vorlage verantwortete, sondern obendrein das Drehbuch zum Film, wird die Handlung zweifelsohne ebenfalls anders nacherzählen. Aber genau hier fangen die vielen Probleme von Die Känguru-Chroniken an: Die Macher dieser Satire lehnen sich faul zurück und verlassen sich darauf, dass allein ihr Zielpublikum den Weg ins Kino finden und es mit vorgefertigter Deutung betreten wird.

Die Fangemeinde der Känguru-Werke ist vornehmlich im links-grünen Studierendenmilieu zu verorten, Kling ist politisch ohne jeden Zweifel links einzuschätzen und der Känguru-Chroniken-Film möchte sicherlich als Satire gegen rechts verstanden werden. Schließlich stellen sich die Hauptfiguren (die im Unterhaltungskino meistens zugleich als die Sympathieträger verstanden werden) gegen eine Gruppe Neo-Nazis und gegen einen Immobilienhai/Politiker, der inszenatorisch überdeutlich als Comic-Abziehbild der AfD positioniert wird. Und dann hämmert der Abspannsong auch noch froh und mit Nachdruck politisch linke Positionen heraus. Dennoch haben sich die Filmschaffenden offensichtlich kaum größere Gedanken, wie sie ihre Kernaussage vermitteln sollten.

Aber sei es aus Nachlässigkeit im Prozess des Drehbuchentwerfens, sei es schluderiges Erzählen, sei es eine unfassbar naive Inszenierung der Grundidee oder gar vollkommene Hybris, dass sich das Publikum ja wohl ungefragt hinter die Protagonisten mehrerer Bestseller stellen wird: Klammert man das Vorwissen, wie Die Känguru-Chroniken angesichts seiner Vorlage und deren Schöpfer gemeint sein muss, sowie sämtliche eventuell erworbenen Vorschuss-Sympathiepunkte für die Hauptfiguren aus, wird aus dieser gedachten Anti-Rechtspopulismus-Satire urplötzlich ein Film, der wie geschaffen ist für den Kemmerich-Flügel der FDP. "Schaut mal, die AfD macht ja wenigstens was für die Wirtschaft, diese widerlichen Linken hingegen sind eine Bedrohung für gute Bürger, brave Hunde, den freien Markt und unschuldige Autos!"

Keine Känguru-Chroniken, sondern ein Satire-Schwanengesang
Im heutigen Klima einen Film zu schreiben, zu drehen und zu veröffentlichen, der nicht nur der AfD-Anhängerschaft in die Karten spielt ("Dwigs hat einen kleinen Formfehler begangen, aber schaut euch mal diese Linken an!"), sondern zugleich jenen vermeintlichen Demokraten, die jedoch keine klare Kante gegen Rechts zeigen, sondern feige herumdrucksen und gar gelegentlich den Steigbügel halten, ist schon fragwürdig genug. Aber wenn das alles nicht aus Überzeugung, sondern aus Inkompetenz geschieht, drängt sich umso mehr die Frage auf: Wie zum Donner ist das passiert, und wie künstlerisch ratlos müssen die Verantwortlichen gewesen sein?

Wir wollen Die Känguru-Chroniken an dieser Stelle nicht zu viel Wirkungskraft unterstellen – der Film wird schon nicht aufgeschlossene, tolerante Menschen versehentlich zu AfD-Wählern machen. Aber er legt auf satirische Weise durchaus den Kemmerichs unter der FDP-Wählerschaft und den geistigen Seehofern in der Union Argumente raus, weshalb sie sich darin bestätigt sehen sollten, lauter vor links die Nase zu rümpfen als vor den Rechten. Angesichts politischer Entwicklungen, die täglich immer klarer unterstreichen, wie wichtig es ist, klare Zeichen gegen Hass und Intoleranz,zu setzen, ist das haarsträubend – und es ist doppelt haarsträubend, wenn all das quasi aus völliger Nachlässigkeit geschieht. Denn um Die Känguru-Chroniken kurz aus rein künstlerischer Sicht zu betrachten, ist es einfach ungeheuerlich peinlich und ärgerlich, wie dieser Film in Ermangelung einer kohärenten Vision und einer satirisch-markanten Umsetzung mehrmals gegen seine eigentliche Essenz ("Ja, wir Linken können chaotisch sein, aber wir sind sympathisch-unkoordiniert, die Rechten müssen dagegen dringend aufgehalten werden!") argumentiert.

Denn das, was Die Känguru-Chroniken treibt, ist keine satirische Unbequemlichkeit. Dieser Film ist nicht wie Sally Potters The Party, das schwarz-weiße Streitkomödien-Kammerspiel, das mehrere linke und grüne Positionen personalisiert darstellt, wie sie sich gegenseitig aufgrund von Nichtigkeiten zerfleischen, statt an einemStrang zu ziehen[/url]. Nichts in Die Känguru-Chroniken skizziert Fehlverhalten innerhalb der Linken nach, um beißend Lösungen aufzuzeigen – aber vieles in dem Film verharmlost Feinde von Demokratie und Frieden. Die Känguru-Chroniken ist ebenso wenig ein Allgemeinumschlagwie Dietrich Brüggemanns Heil, der mit Süffisanz, Fiebrigkeit und Stringenz gegen Medien, Parteien, Organisationen und Einzelpersonen jeglicher politischer Färbung tritt, um konzentriert zu sagen: "Sag mal, merkt ihr nicht, was da am rechten Rand abgeht?!"

Vielleicht glauben Marc-Uwe Kling und Dani Levy, eine Lustspiel-Variante der Er ist wieder da-Herangehensweise zu verfolgen. David Wnendts Bestsellerverfilmung über Hitler, der urplötzliche im Deutschland der Gegenwart auftaucht und Karriere als Komiker und Medienpersönlichkeit macht, gestattet seiner Interpretation des Despoten und Massenmörders mehrmals,richtig zu liegen. Etwa, wenn er sich über schlechtes Fernsehprogramm aufregt, die NPD als einen Haufen verirrter Jammerlappen enhüllt oder schlagfertige Witzlein reißt. Satire darf unbequem sein (oder muss es sogar, je nach Auffassung dieser Kunstform), und Er ist wieder da verfolgt diese Maxime: Der Film nutzt die phasenweise aufgebaute Toleranz gegenüber seiner Hauptfigur, um dem Publikum dramatisch den Boden unter den Füßen wegzuziehen und nachdrücklick aufzuzeigen, dass mit dem Wiederaufbäumen des sprichwörtlichen Hitlers in Deutschland eben [i]nicht[/i] zu spaßen ist.

Darüber, ob diese satirische Narrative in Er ist wieder da durchweg zweckgerichtet ausgeführt ist oder ob es effektiver gewesen, die Tonalität des Films früher zu kippen, lässt sich streiten. Doch die Umsetzung ist dank Wnendts Regieführung und Oliver Masuccis Spiel als Hitler eindrucksvoll, zumal das Ende einem gezielten Tiefschlag gleicht. Ganz anders verhält es sich mit Die Känguru-Chroniken: Die Situationen, in denen Kling und Levy die Neo-Nazis als unverdiente Opfer zeigen oder die Hauptfiguren mit unlauteren Mitteln Dwigs peinigen, verfolgen kein größeres erzählerisches Ziel und der notwendige Schlag in die Magengrube, den Er ist wieder da oderdie quietschig-fröhlich beginnende Faschismus-Satire JojoRabbit verteilen, um ihre Position gegen Hass zu unterstreichen, bleibt völlig aus.

An seiner Stelle tritt ein hastiges, zahnloses Ende, das niemanden, der schon als Känguru-Chroniken-Fan in den Saal gegangen ist, zum Nachdenken anregen wird, wohl aber (entgegen der Kernaussage des Films) der selbsternannten bürgerlichen Mitte sowie Anhänger der unentwegt nach rechts schielenden "Werte-Union" nur weitere Munition gegen liderliche Linke hinterlässt. Denn die "Wer wird uns schon hinterfragen?"-Arroganz, mit der die Hauptfiguren handeln und geschrieben sind, lässt sämtliche potentielle Selbstironie viel mehr als tumbe, versehentliche Selbstenttarnung aussehen. Somit rennt Die Känguru-Chroniken nicht einfach nur sehenden Auges in die Kreissäge, sondern schmeißt hüpfend und debil lachend auch noch Hufeisen um sich, ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet.

Und sonst so ..?
Es ist auch nicht so, als hätte Die Känguru-Chroniken derart viele anderweitige Qualitäten, dass man glauben könnte, das polit-satirische Element wäre halt ein Nebengedanke der Verantwortlichen gewesen und daher dermaßen schiefgelaufen. Unter anderem strecken Levy und Kling Die Känguru-Chroniken mit völlig kopflosen Videospiel- und Filmreferenzen. Popkulturreferenzen sind zwar auch Teil der geschriebenen und gesprochenen Känguru-Kurzgeschichten, doch während sie dort zumeist pointiert sind, wird in der Filmversion beispielsweise die Handlung völlig ausgebremst, um Raum für eine behäbige Imitation einer ikonischen Pulp Fiction-Szene zu schaffen. Weder bereichert sie den Plot oder die Charakterisierungen, noch fügt sich solch eine ausgelutschte Filmparodie in den sonstigen humoristischen Duktus des Films.

Und obwohl Die Känguru-Chroniken einen selbstironischen Erzählerkommentar aufweist, lassen sich die Filmschaffenden die ultra-offensichtliche Chance entgehen, ihre verstaubte und unlustige Pulp Fiction-Parodie letztendlich noch durch einen pfiffigen Meta-Twist zu retten. Mit der Faulheit dieser Filmreferenz werden in Die Känguru-Chroniken auch Videospiele "parodiert": Völlig unmotiviert ploppen in einer Actionszene für wenige Augenblicke Retro-Videospielgrafiken auf – und damit hat es sich auch schon. Levy bemüht sich nicht einmal, die Kampfchoreografie, geschweige denn die Gesamtästhetik der Szene in Richtung Videospiel-Nostalgie zu bewegen und auf eine große Pointe hinzusteuern. "Eine billige Grafik genügt", war wohl der Gedanke – und schon erklärt sich ein Stück weit, mit welcher Haltung wohl der Großteil des Films angepackt wurde.

Was aber sehr wohl funktioniert, sind jene Augenblicke, in denen der völlig krumm geratene Plot über Marc-Uwe, das Känguru und die rechten Verschwörer sowie sämtliche Versuche, sich an der Popkultur abzuarbeiten, fallen gelassen werden. Sketchartige Szenen rund um Dinge wie ein absurdes Aerobicvideo (inklusive unerwartetem Cameo) oder eine automatisierte Notruf-Hotline sind spritzig geschrieben und sehr wohl vergnüglich. Kurzum: Die Känguru-Chroniken funktioniert dann am besten, wenn Drehbuchautor Kling wie bei seinen Kurzgeschichten operieren und zusammenhanglos Albernheiten fabrizieren kann. Auch in den Film eingewobene Klassiker aus besagten Kurzgeschichten sind für sich betrachtet launig realisiert – nur die Art, wie sie in die Handlung integriert werden, holpert und poltert gelegentlich (Stichwort: Gewalt gegen Hunde). Die Hintergrundmusik wiederum ist zwar eingängig, jedoch gelegentlich überbetont-lustig, womit manchmal eine eigentlich solid Pointe erdrückt wird.

Die größte Stärke von Die Känguru-Chroniken ist unterdessen die Animation des Kängurus: Das quasselnde, Chaos stiftende Beuteltier ist detailreich animiert und fügt sich glaubwürdig in die Filmwelt ein – man könnte glatt glauben, es sei eine aufwändige, digital leicht überarbeitete Puppe, so nahtlos zeigt sich das Känguru als Teil seiner Umgebung. Dass das Känguru ab und zu eine schräge Schnute zieht, ist da leicht zu vernachlässigen, zumal das angesichts des kauzigen Spiels des menschlichen Ensembles fast schon wie Absicht wirkt. Sonderlich gefordert wird der menschliche Cast aber nicht: Daniel Zillmann gibt eine verwässerte Variante seiner Rolle in Dietrich Brüggemanns Heil, Bettina Lamprecht tritt quasi als rechtspopulistische Zwillingsschwester der Frau Bruck aus Pastewka auf, Henry Hübchen bekommt als schurkischer Dwigs viel zu wenig denkwürdiges Material, um der Rolle irgendwas abzuringen, und Rosalie Thomass bekommt die Aufgabe, eine blutarme Version des Öko-Trulla-Klischees zu verkörpern.

Nur Dimitrij Schaad, der immerhin die Filmversion der fiktionalisierten Version Marc-Uwe Klings zum Leben erwecken muss, hat die Chance, eine gute Figur abzugeben, da er viele verbale Schlagabtausche mit dem Känguru zu bewältigen hat und sie mit gutem Timing hinter sich bringt. Diese Szenen dürften es auch sein, die Fans der Bücher und Audio-Kurzgeschichten am ehesten noch milde stimmen werden, obwohl der Känguru-Chroniken-Film die Vorlage immer härter mit Füßen tritt, je länger man darüber nachdenkt.

Fazit: Satirisch schwach durchdacht, konzeptionell völlig konfus bis beleidigend-ärgerlich und angesichts des politischen Tagesgeschehens dumm bis leichtsinnig: Die Känguru-Chroniken ist kurz vor unverantwortlich. Das hat die Vorlage nicht verdient.

Die Känguru-Chroniken ist ab dem 5. März 2020 in vielen deutschen Kinos zu sehen.