Donnerstag, 24. Dezember 2020

Die schlechtesten Filme des Jahres 2020

Ein Filmjahr lässt sich nicht so schnell abschließen. Jahr für Jahr erscheinen im Kino, auf DVD, auf Blu-ray und im Streaming so viele Filme aus allen möglichen Ländern, dass man noch viele Jahre später weitere Perlen und weitere Stück Kohle entdecken kann. Aber weil sich im Jahr 2034 wohl wenige für die Tops und Flops des Jahres 2020 interessieren würden, ist es Tradition, solche Listen zeitnah zu veröffentlichen. Und während ich mir für's Lob doch lieber etwas mehr Zeit lasse, um die Komplimente so richtig reifen zu lassen, habe ich kein Problem damit, die Negativität zügiger rauszuspülen. Und somit: Willkommen zu meiner alljährlichen Negativliste.

Da das Filmjahr 2020 ein ungewöhnliches war, halte ich meine Flopliste jedoch kürzer als sonst. Das liegt einerseits daran, dass in diesem Jahr, in dem mehrere Studios Entscheidungen getroffen haben, mit denen sie dem Kulturstandort und der medialen Technik Kino in Zeiten dringender Unterstützung stattdessen fiese Tritte gegen das Schienbein verpasst haben, nicht wirklich allzu viel weiteres Gemecker hinterher gejagt werden muss. Es war alles mies genug. Und zweitens habe ich in diesem heimkinointensiven Jahr bei den neuen Starts stärker selektiert, um die vielen, vielen Stunden auf dem heimischen Sofa stattdessen mit Rewatches geliebter Filme und mit Erstsichtungen von bislang versäumten Klassikern und Geheimtipps zu verbringen. 

Daher: Dieses Jahr gibt's nur eine Flop 10. Und, sicherheitshalber wie jedes Jahr auch hier die Erklärung: Die Überschrift ist übertrieben, doch "die mir unliebsten Filme 2020" ist so ungelenk, dass ich mich nicht traue, das als Überschrift zu wählen. Was folgt, sind also nicht die zehn Filme, die ich mit kritisch analytischem Verstand nach ganz unten packe (auch wenn ein paar Filme dabei sind, die ich sehr wohl auch aus kritisch-analytischer Sicht mies finde), sondern die zehn Filme, die mein Filmherz am meisten genervt, verärgert oder auf aggressive Weise angeödet haben. Klar soweit? Na wunderbar, dann geht's nun los ... 

Platz 10: Der Killer in mir (Regie: Adam Egypt Mortimer)

Um fair zu sein: In jedem "normalen" Jahr, in dem ich deutlich wahlloser Neuerscheinungen sehe und zudem auch einfach wesentlich mehr von ihnen (statt die brachliegende Kinolandschaft zu nutzen, um ältere Filme zu schauen), wäre Daniel isn't real (wie Der Killer in mir im Original heißt) wohl eher bei meinen größten Enttäuschungen des Jahres und vielleicht noch in meinen unehrenhaften Nennungen. Nicht aber in meinen Flops. Und ich würde den Film auch niemals für eine kopfgesteuerte Nominierungsliste einreichen, mit der die Titel gesammelt werden, die in einen Kanon der miesesten Filme 2020 aufgenommen werden sollten. Aber: Adam Egypt Mortimers Psychothriller über einen unsichtbaren Freund mit argem Hang zum Bösen (ein Konzept, das Familienfilme der 90er und 00er mehrfach abgegrast haben) hat dennoch auf einer rein gefühlgesteuerten Negativliste meines Jahres 2020 ganz eindeutig eine Nennung verdient. 

Mortimer ist durchaus vielversprechend als Regisseur - sein Gefühl für die Geschichte vertiefende Farbästhetiken ist sehr reizvoll und wie er psychologische Konzepte wiederholt durch puppenhäuschenhafte und mystische Settings visualisiert, ist ansprechend. Aber: Sämtliche Suspense in diesem Film wird mehrmals durch galliges Overacting von Miles Robbins und Patrick Schwarzenegger zerstört. Welches Verhalten die Nebenfiguren lange, lange erdulden, kaufe ich ihnen partout nicht ab, und die Songeinsätze sind wiederholt unfreiwillig komisch. Und auch wenn Mortimer in Interviews sehr empathisch und nachdenklich wirkt, finde ich die Aussage des fertigen Films mit jedem Tag, der vergeht, mehr und mehr ärgerlich: Mortimer will sicherlich nichts Schädliches über mentale Probleme aussagen, und doch finde ich die Storymechanismen dieses Films (selbst an Genremaßstäben gemessen) überaus banal, tumb und garstig. Und das nicht in einem "Oh, das wird mich noch lange heimsuchen"-Horrorsinne, sondern in einem "dein Plot widerspricht sehr deutlich dem, was als moralische Absicht durch den Film hindurchschimmert"-Sinne.

Platz 9: 365 Days (Regie: Barbara Bialowas & Tomasz Mandes)

Um ein Vielfaches fragwürdiger als der erste Fifty Shades of Grey-Teil, der aufgrund seiner erzählerischen Inkompetenz es nicht gebacken bekam, eine brauchbare BDSM-Beziehung zu skizzieren, und so stattdessen eine giftige, elendige Romanze entwarf, die ein Bein bereits in der Tür namens häuslicher Gewalt hat. Aber auch deutlich kurzweiliger zu schauen: 365 Days ist wie ein Hochglanz-Schundheft fotografiert (das ist ein Lob ... irgendwie), ständig in Bewegung (das auch) und strunzdämlich (das in diesem Fall nicht). Aber wenigstens fühlt sich dieses "Ich verliebe mich in meinen Entführer, denn er ist so gut im Bett!"-Elend nicht dreimal so lang an wie es ist. Daher "nur" Platz 9 der Flopliste - die Dialoge sind grottig, die Figurenzeichnung völlig unplausibel und der "skandalöse" Sex, der manche (teils seriöse) Filmportale die Frage aufwerfen ließ, ob Netflix etwas so pornöses überhaupt zeigen darf, ist gar nicht so skandalös und überhaupt nicht pornös. Da wurde sich mal wieder aufgeregt, wo kein Grund zur Aufregung war, um Klicks zu generieren. Aber irgendwie ist der steif gespielte, ranzig geplottete Murks schmissig übermittelt - und ich bin daher neugierig auf Teil zwei. Vielleicht rettet sich diese polnische Bestselleradaption-Filmreihe noch? Wunder geschehen ... 

Platz 8: Ruf der Wildnis (Regie: Chris Sanders)

Ein hässlich überanimierter Digitalhund soll die ganze emotionale Stärke dieses Abenteuerfilms stemmen - und scheitert dabei katastrophal. Das Vieh sieht einfach dämlich aus, und kombiniert damit, wie uneinig sich der sonst so großartige Regisseur Chris Sanders (Lilo & Stitch) ist, ob diese Geschichte plausibel oder eine hibbelige "Hahaha, was für ein lustiger Hund!"-Komödie sein soll, wurde Ruf der Wildnis für mich sehr schnell zur Geduldsprobe. Ich kam beim Gucken aus dem Augenrollen nicht mehr raus, da helfen auch kein knurriger Harrison Ford, eine komödiantisch eitel agierende Karen Gillan und ein liebenswerter Omar Sy. Es ist (aufgrund abgeschlossener Verträge erklärbar, doch künstlerisch gesehen) absolut verrückt, dass dieser klebrige Schund ins Kino entlassen wurde, und der um Meilen spannendere und emotionalere Togo als Disney+-Original direkt als Streamingtitel verramscht wurde.

Platz 7: Slaxx (Regie: Elza Kephart)

Die größte Enttäuschung auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest: Ein Film über eine Killerjeans, der "Fast Fashion", Modekult und unmenschliche Produktionsbedingungen kritisieren will? Das klingt mega! Die Umsetzung ist jedoch ungeheuerlich lahm und arm an Verve. Schade.

Platz 6: Die Hochzeit (Regie: Til Schweiger)

Daran erkennt man, welch seltsames Filmjahr 2020 für mich war: Die Hochzeit, die Fortsetzung von Klassentreffen 1.0 - Die unglaubliche Reise der Silberrücken entließ mich Anfang des Jahres mit dezenter Hoffnung. Der Film hat ein paar eklatante Makel. Einige sehr, sehr in die Länge gezogenen Gags sind sehr, sehr träge und hohl. Die Entscheidungen, welche Songs wie lange in welcher Lautstärke laufen, sind mitunter rätselhaft und lassen das fertige Produkt in Sachen Tonschnitt und Tonabmischung halbgar wirken. Und dass sich Til Schweigers Figur von einer ihrer ärgsten Kritikerinnen angraben lässt und sie dann heroisch in den Wind schießt ... Ähm ... Ja. Sehr unangenehm. Und doch: Die Hochzeit ist viel, viel besser als der unausstehliche, peinliche, unfähig zusammengeklatschte Vorgänger. Er hat einige Momente der Kurzweil und feilt die Hauptfiguren fein, die im ersten Teil noch so grobschlächtig waren. Ich dachte nach meinem Kinobesuch: "Joah, der war zwar nicht gut, wird aber auch überhaupt nicht in meinen Flops landen." Und dann geschah 2020. Sorry ...

Platz 5: Amulet - Es wird dich finden (Regie: Romola Garai)

So, jetzt aber: Während Die Hochzeit in einem normalen Jahr wahrscheinlich meiner Flopliste entgangen wäre, so hätte es diesen Horrorfilm (?) definitiv so oder so in meine Flops verschlagen. Romola Garais Gruselgeschichte handelt von einem Mann, der seine ihn zermürbende Vergangenheit hinter sich lassen will, und nun in einer neuen Heimat Unterschlupf bei wohlmeinenden Frauen des Glaubens findet. Der Film springt zwischen zwei Erzählebenen hin und her, es braucht etwas, bis sich abzeichnet, ob es Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Traumwelt oder sonstwie verbundene Ebenen sind ... Und je weiter dieser Film voller Overacting, das sich mit der ruhig-ominösen Inszenierung beißt, voranschreitet, desto stärker dämmert es: Ja. Der Film steuert wirklich die langweiligste Lösung von allen an und vermittelt sie mit extra großer Schwerfälligkeit. Nicht spannend, nicht schaurig, nicht bewegend, nicht anspruchsvoll - dieser Film ist einfach nichts. Naja, okay, das praktische Make-up ist achtbar. Das reicht aber nicht.

Platz 4: Timmy Flop: Versagen auf ganzer Linie (Regie: Tom McCarthy)

Wenn ich mir sämtliche Filme vor Augen führe, die 2020 ihre Deutschlandpremiere hatten, so gibt es keinen, bei dem mich der US-Pressekonsens ratloser zurückgelassen hat. Mein US-Kollegium war einheitlich von der Überzeugung, dass Timmy Flop das Highlight des ersten Schubs an Disney+-Originalfilmen sei. Der Film wäre so wunderbar "undisney" und so kreativ und smart und ... Nein. Nein, nein, nein, was habt ihr denn da bitte alle gesehen? Ich verstehe diese Lobeshymnen überhaupt nicht. Nicht das kleinste bisschen. Timmy Flop ist das, was ich mir vorstelle, was vollauf überzeugte Disney-Hater denken müssen, wie sämtliche Disney-Familienkomödien sind. Denn diese Kinderdetektivgeschichte dreht sich um ein vollkommen unausstehliches, neunmalkluges Kind, das einen Elternteil verloren hat und sich nun in eine weltfremde Halbfantasie flüchtet. Aber weil das ja so niedlich ist, korrigiert niemand dieses Kind, das eigentlich in professionell helfende Hände gehört, statt amüsiert begafft. So dass es frei von jeglichem Verantwortungsgefühl Chaos und Unfrieden stiftet - aber weil es ein ach-so-süßer-Disney-Kinderprotagonist ist, sollen wir das zelebrieren. Timmy Flop würde sich bestens mit der Rostlaube Hook, wie sie in Cars 2 dargestellt wurde, und dem Titelhelden eines gewissen, von mir verhassten, gemeinhin geliebten deutschen Oscar-Anwärters vertragen. Die drei Unverantwortungstiere. Demnächst in meinen Albträumen ... 

Platz 3: Artemis Fowl (Regie: Kenneth Branagh)

Was für ein Auffahrunfall: Nach jahrelanger Verzögerung in der Vorproduktion, vergleichsweise unauffälligen Dreharbeiten und zahlreichen Verschiebungen ab Beginn der nebulösen Postproduktion wurde die einst als Kino-Franchisebeginn erachtete Jugendbuchadaption Artemis Fowl diesen Sommer auf Disney+ geparkt. Und dort sorgte Artemis Fowl für Lachflashs und Kopfschütteln. Dem Film steht "Ich hatte Produktionsprobleme" noch stärker auf die Stirn geschrieben als Josh Tranks Fantastic Four: Den Großteil des Films über wird darüber gesprochen, dass etwas geschah oder getan wird. Aber es passiert nur sehr wenig. Entweder erzählt Josh Gad in die Kamera, was wir hätten sehen sollen, oder aus dem Off wird Exposition nachgereicht oder aber es finden plotentscheidende Dialoge komplett im Off statt. Wenn mal was passiert, dann ist es lustlos inszeniertes digitales Chaos mit Effekten, die selten gut, und sehr häufig mies sind. 

Platz 2: Die Känguru-Chroniken (Regie: Dani Levy)

Eine Kinosatire, die nur bruchstückhaft den Charme der Vorlage auf die Leinwand rettet, deren Inszenierung jegliches Flair vermissen lässt (wenngleich das titelgebende Känguru sehr gut animiert ist), und deren Skript so tumb und denkfaul ist, dass man es fast schon auf Applaus von der falschen Seite anlegt. Den es wohl daher nicht gab, weil kurz nach Kinostart ein anderes Thema jegliche Aufmerksamkeit forderte: Die Känguru-Chroniken ist ein erschreckend dämlicher Film, dessen politische Pointen viel zu oft nach hinten losgehen. Ätzend.

Platz 1: Verotika (Regie: Glenn Danzig)

Samhain- und Danzig-Gründer Glenn Danzig adaptiert in diesem Horror-Episodenfilm Comics seines eigenen Verlags Verotik. 2019 feierte Verotika seine Weltpremiere auf dem Filmfestival Cinepocalypse in Chicago, wo das Publikum den Film in Anwesenheit des Filmschaffenden lauthals verlacht hat. Und in der anschließenden Frage-und-Antwort-Stunde gab sich Danzig völlig ratlos, was denn geschehen sei. Er habe den Film nicht als Komödie angelegt, wieso also lachen die Leute an Stellen, an denen er nicht lachen würde?

Diese Anekdoten machten mich neugierig. Ich habe eh eine Schwäche für Horror-Episodenfilme, und nachdem 'Bloody Disgusting', 'Entertainment Weekly', 'The AV Club' und 'Vulture' Vergliche mit Tommy Wiseau und Ed Wood gezogen haben, war ich gebannt: Ist Verotika etwa ein möglicher, neuer Kultfilm der Marke "So schlecht und inkompetent, dass es wieder gut wird?" Und könnte ich hier früh auf den Kultzug mit aufspringen? Kaum wurde Verotika dieses Frühjahr erstmals in Deutschland feilgeboten (als Bezahlstream auf Amazon), musste ich zuschlagen. Und ... Ich habe es bereut. Wieder einmal kann ein Schrottfilm seinem Ruf nicht gerechtwerden: Verotika ist vollkommen unfähig zusammengeschustert, doch nicht auf spaßige, aufregende Weise. Sondern einschläfernd. Naja, oder ich habe einfach ganz anders veranlagte Lachmuskeln, schließlich finde ich viele "OMG, WTF, was ist das?!"-Kultmüllfilme einfach nur uninteressant ... 

Verotika umspannt drei Episoden. Es geht um eine Pariser Prostituierte mit Augäpfeln als Nippel, die von einer Albinospinne verfolgt wird, die sich in einen Killer in Menschengröße verwandeln kann. Es geht um eine Stripperin, die andere Frauen aufgrund ihrer Schönheit attackiert. Und um eine Herzogin, die Jungfrauen ermorden lässt. Aus all diesen Konzepten lassen sich brauchbare wie trashig-vergnügliche Horrorstoffe weben, doch Danzig hat kein Auge für Atmosphäre, kein Gehör für akustische Suspense und kein Händchen für ... irgendwas. Die laienhaft inszenierten Episoden plätschern kopflos vor sich her, mehrmals setzt Danzig auf Schockeffekte, die nicht schocken, weil ein einfach nur schäbig-hässliches Kostüm oder ein ranziger Effekt ewig lang eingefangen wird, und der Cast ist weitestgehend unfähig (Trinkspiele auf wechselnde oder brechende Akzente wären bei Verotika tödlich). Einzig die Damen aus der Rahmenhandlung, rund um eine folternde Erzählerin, haben einen Funken schauspielerisches Talent im Leib. Und bedenkt man, dass eine von ihnen in Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. und V/H/S Viral mitgespielt hat (Noelle Ann Mabry), und die Andere über 170 Schauspielcredits sowie 42 Regie-Nennungen in der IMDb hat (Kayden Kross), lässt sich das wohl mit "Okay, die hat Danzig wohl vorm noch ausstehenden Durchbruch aufgegabelt" und "Nunja, stete Arbeit schleift womöglich das Talent, ganz gleich, welche Art Film man so dreht" erklären.

Verotika ist mit Abstand der schlechteste Film, den ich seit langer, langer Zeit gesehen habe. Und doch würde ich nicht dafür stimmen, dass man sich dieses Elend anschauen müsste. Die Faszination hat Verotika für mich (anders als bei vielen anderen Schreiberlingen) nicht.

Tja ... in diesem Sinne: Frohe Weihnacht, frohe frohe Weihnacht, euch allen!

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XV)

 zurück zu Teil XIV

Unsere lange Reise durch die Disney-Musik der 2010er-Jahre nimmt ein Ende: Phineas und Ferb hatten viele tolle Sommertage, die Muppets haben gescherzt, der Disney Channel hat ... öh ... gedisneychannelt, und das ganz fabelhaft. Und auch der Disney-Animationsfilm-Kanon war natürlich wieder präsent. Ganz klare Sache. Schließlich ist er es, der die Verbindung zwischen Disney und Musik überhaupt erst so prägnant gestaltet hat. Ob sich auch ein Disney-Meisterwerk die Nummer eins dieser Hitliste schnappt? Gleich erfahrt ihr es ... 

Platz 5: Mann oder ein Muppet ("Man or Muppet") aus Die Muppets

Musik und Text von Bret McKenzie (dt. Fassung von Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)


Am 26. Februar 2012 war es endlich so weit. Die Muppets, die wohl musikalischste Schauspiel- und Comedy-Truppe des Film- und Fernsehgeschäfts, haben ihren ersten Academy Award für den besten Song gewonnen. Zweimal waren sie zuvor nominiert aber "aller guten Dinge sind drei". Darüber hinaus hat Walt Disney Pictures bei den 84. Academy Awards endlich das Dutzend voll gemacht und sich zum zwölften Mal einen Song-Oscar eingesackt. Komponist und Songtexter Bret McKenzie gab sich bereits nach der Nominierung bescheiden und betonte, niemals damit gerechnet zu haben.


McKenzie nahm sich vor, mit Mann oder ein Muppet ein Lied zu schreiben, das "urkomisch und wunderschön" ist, sowie gleichzeitig "ehrlich wie albern" wirkt. Das ist ihm vollauf gelungen, weshalb Mann oder ein Muppet ein verdienter erster (und hoffentlich nicht finaler) Muppet-Oscar-Gewinner ist. Denn dieses Lied trifft die Herzlichkeit der Muppets ebenso sehr wie ihre Überzogenheit. Denn Mann oder ein Muppet ist ein aus ganzem Herzen kommendes Lied über Sinnsuche, das Zweifeln an seiner Identität sowie ein Ausdruck dessen, endlich sich selbst erkennen und für den richtigen Weg entscheiden zu können. Bloß, dass das Dilemma der beiden singenden Figuren, Walter und Gary, lautet, nicht zu wissen, ob sie (im Inneren) Muppet oder Mensch sind, was sie mit überaus dick aufgetragenem Kummer herausschmettern. 


Trotz allem Humor in der Umsetzung ist es (dank McKenzies schön strukturierter Melodieführung und der emotionalen gesanglichen Darbietung) aber noch immer eine gelungene, ehrliche Form der Sinnkrisenbewältigung via Gesang. Powerballade auf Muppet-Art. Ich lieb's!

Platz 4: Alles ist grandios ("Life's a Happy Song") aus Die Muppets

Musik und Text von Bret McKenzie (dt. Fassung von Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)


Richtig gesehen: Die Muppets aus dem Jahr 2011 hat es sich sogleich zwei Mal in meinen Top 5 der besten Disney-Lieder der 2010er-Jahre bequem gemacht! Während Bret McKenzie mit Mann oder ein Muppet eine gefühlvoll-lustige Selbstfindungs-Powerballade geschaffen hat, ist dieser Eröffnungssong des formidablen Muppet-Quasi-Comebacks (sie waren ja nicht richtig weg, aber zweifelsohne ein paar Jahre nicht in Form und außerhalb der Aufmerksamkeit des Mainstreams) eine muppettastische Quintessenz des Happy Village-Song-Archetyps, der mich allein schon durch seine songschreiberische Dramaturgie gewinnt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich bekomme allein schon dadurch eine Gänsehaut, wann im letzten Viertel des Songs wie eine Marschkapelle einsetzt und so das finale Gute-Laune-Crescendo dieser Nummer einleitet!


Vielleicht liegt es an der Attitüde, mit der McKenzie diesen Song geschrieben hat: Gegenüber der 'Los Angeles Times' erklärte er, dass Alles ist grandios als waschechte Musicalnummer aufblühen sollte, aber zugleich die Mechanismen einer Parodie haben müsse. Das Lied sollte, je nach Blickwinkel Gute-Laune-Eröffnungsnummern durch den Kakao ziehen oder einfach nur eine ernstzunehmende Gute-Laune-Eröffnungsnummer sein, die in die Vollen geht. Das passt nicht nur gut zu den Muppets generell und dem Film Die Muppets im Speziellen, sondern stützt auch wundervoll die Ausgangslage von Walter und Gary zu Beginn des Films: 


Der völlig verblendete, nicht erwachsen gewordene Walter und der nur minimal gefestigtere Gary denken, ihr Leben sei superfröhlich, leichtfüßig und perfekt, während es an Mary nagt, dass Gary nicht einmal erkennt, dass er erwachsenere Verpflichtungen und Bindungen eingehen sollte. Geschweige denn, dass er fähig wäre, sie einzugehen. Dafür lebt er zu sehr in einer Traumwelt. Alles ist grandios kann also wahlweise eine Spur drüber sein und sich neckisch über Garys und Walters Heile-Muppet-Kuschelherz-Welt erheben oder aber mit flauschiger Begeisterung ein Loblied auf diese heile, funktionierende Welt sein, die in den folgenden Minuten zerstört wird, wenn Walter erfährt, dass die Muppets, nunja, mehr als nur ein simples Karrieretief durchmachen. Doch für die finalen Takte von Alles ist grandios ... ist alles grandios! 


Platz 3: Lass jetzt los ("Let it Go") aus Die Eiskönigin

Musik und Text: Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez (dt. Fassung von Thomas Amper)


Was ist eine musikalische Disney-Hitliste in der Post-Eiskönigin-Ära ohne Lass jetzt los? Elsas große Powerballade hat die Welt im Eissturm erobert und hat sich innerhalb kurzer Zeit unwiderruflich an das "Disney-Erlebnis" festgeeist. Seit Beendigung der Eiskönigin-Kinoauswertung hatte ich keinen Disney-Parkbesuch mehr, ohne dass mir das Lied begegnet ist. Kaum eine Parade verzichtet auf diese Nummer, selbiges gilt für Disney-Lichterspektakel oder Eiskunstlauf-Tourneen. Geschweige denn für Disney in Concert-Veranstaltungen. Lass jetzt los hat sich zu einer disneykulturellen Stellung katapultiert, die Zip-a-dee-doo-dah Konkurrenz macht (und die Distanz zwischen den beiden Titeln wird nur noch wachsen), nunmehr über Hakuna Matata liegt, und nur von historisch gewachsenen, völligen Ausnahmetiteln wie Wenn ein Stern in finstr'er Nacht überschattet wird. 


Und was soll ich sagen? Ich versteh's. Total. Mein Genöle über Die Eiskönigin als filmisches Gesamtwerk habe ich schon oft genug vom Stapel gelassen, dennoch bleibt Elsa eine hervorragende Figur und ihr großer Glanzlichtmoment bleibt für mich glasklar Lass jetzt los. Dass der Song gleichermaßen den Film vorwärtsbringt, wie er auch für sich stehend aufgeht, ist sicher Teil seines Erfolgsrezepts. Die Power-Performance der zahlreichen offiziellen Elsa-Stimmen weltweit und die kraftvolle Songdramaturgie, die die Stärken aus Musical und Pop vereint (als Inspirationen dienten gleichermaßen Menkens Nummern aus der Disney-Renaissance und Stücke aus Sweeney Todd wie die Stilistiken von Adele, Aimee Mann, Avril Lavigne, Lady Gaga und Carole King), runden dieses Paket formidabel ab. 


Bekanntlich hatte Lass jetzt los ja sogar die Kraft, den ganzen Film zu verändern: Bevor das Lied geschrieben wurde, war Elsa noch schurkischer angelegt. Doch weil Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez Elsa als verschreckte, junge Frau sahen, die ihre Gabe weder zu kontrollieren, noch zu schätzen weiß, und während dieses Liedes all ihr Zaudern sich selbst gegenüber aufgibt, und dieses Lied einfach so kräftig und mitreißend war, musste halt der Film neue Wege einschlagen. Und auf diesen versuchen, qualitativ mit dem Song mitzuhalten. (Hier dürft ihr euch nun eure eigenen Gedanken machen, ob das aufging.)


Platz 2: Wo noch niemand war ("Into the Unknown") aus Die Eiskönigin II

Musik und Text: Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez (dt. Fassung von Thomas Amper)


Disney und die Popsong-Versionen seiner Filmsongs ... es ist ein ewiges Leid. In fast allen Fällen finde ich die Abspann-Cover der Filmlieder schwach oder gar zum Davonlaufen. Die Filmversionen sind einfach schöner, haben mehr Charakter und sind daher emotionaler. Aber es gibt sie, die berühmten Ausnahmen von der Regel. Elton Johns Can You Feel the Love Tonight schwebt meines Erachtens nach meilenweit über der Filmfassung des Der König der Löwen-Liebeslieds. Und auch wenn Wo noch niemand war in Die Eiskönigin II für mich zu den gelungensten Szenen gehört (egal ob in deutscher oder englischer Fassung), so gefällt mir das Lied nochmal um Längen besser, wenn nicht Elsa, sondern Panic! At the Disco es schmettert.


Das Arrangement von Into the Unknown im Abspann hat mit dem prägnanten Bläser-Einsatz und der poppig-rockig-opernhaften Dramaturgie (Wikipedia ordnet das Genre dieses Covers bezeichnenderweise als Pop-Rock, Showtune & Operatic Pop ein) glatt das Zeug dazu, in einem alternativen Universum das Titellied eines James-Bond-Films zu sein. Bevorzugt des ersten James-Bond-Films innerhalb eines Reboots. Das passt doch wie die Faust aufs Auge! Der Prolog ist zu Ende, der 007-Darsteller (oder die Darstellerin! Emily Blunt for Jane Bond, folks!) ist enthüllt, der erste Akkord von Into the Unknown ertönt und wir stürzen hinaus in eine bisher unerforschte, aufregende Bond-Welt!


Ich kann mir die dazugehörige Sequenz und glatt die ganze Tonalität des Bond-Films, der diesem Titelsong gebühren würde, förmlich vor dem inneren Auge ausmalen. Und das kommt wohl nicht von ungefähr. Denn: Der Text von Into the Unknown ist spezifisch genug, dass er ein detailliertes Kopfkino gestattet, hat man sich erst für ein Bild entschieden, das man mit den Lyrics und der klanglichen Attitüde der Nummer füllen möchte. Aber er ist vage genug, um vielfältige Deutungen zuzulassen. Das gibt dem Song ein großes Identifikationspotential und funktioniert auf filmischer Ebene als Wendepunkt, von dem aus der eigentliche Plot von Die Eiskönigin II ins Rollen kommt, ausgezeichnet. Es ist der Funken, der ein Abenteuer entfacht, und zugleich Inspirationsquelle für eine metaphorische Lesart von Elsas Reise.


Dass man sich im Hause Disney ziemlich uneinig war, wofür Elsas Reise steht, kann man in der herausragenden Dokumentarserie Into the Unknown auf Disney+ nachschauen, die auch zeigt, wie der Song (inklusive der Szene) Show Yourself (dt.: Zeige dich) im Produktionsprozess zum Stein des Anstoßes für ausführliche Debatten und Anreger von massig Arbeitsstress wird. Aber Into the Unknown, der die Story und die Parabel nicht auflösen muss, sondern sie nur in die Wege leitet, kann das völlig egal sein. Geht es um Abenteuerlust? Geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit einem Familiengeheimnis oder gar mit den Privilegien der eigenen Herkunft? Ist es Elsas "Wage ich es, mich mit meiner Sexualität auseinanderzusetzen und letztlich gegenüber meinen Liebsten – oder einfach nur ohne weitere Ausflüchte und Abwiegelungen, sondern in voller Klarheit mir selbst gegenüber – ein Coming Out in Erwägung zu ziehen?"-Song, in dem die Elsa lockende Frauenstimme wortwörtlich eine sie anziehende Frauenstimme ist, weshalb sie gedanklich ausdiskutiert, ob es den bedauerlichen, potentiellen gesellschaftlichen Gegenwind wert ist, und dieser Sehnsucht zu folgen, indem sie das ihr bisher Unbekannte zu erkunden wagt?


Gerade letztere Interpretation wird in der vom Film losgelösten, hymnenhafteren Pop-Rock-Version mit operettenhafter Schmetterqualität befeuert: Elsa wurde sowieso schon nach Teil eins von vielen Fans als Lesbe gelesen, und Lyrics wie "There's a thousand reasons / I should go about my day / And ignore your whispers", "I'm sorry, secret siren / but I'm blocking out your calls [...] I don't need something new / I'm afraid of what I'm risking if I follow you" und "Or are you someone out there / Who's a little bit like me? / Who knows deep down / I'm not where I'm meant to be?" fügen sich formidabel in solch eine queere Interpretation des Songs. Dass ein offener Pansexueller die Popvariante von Into the Unknown performt, schnürt das queere Päckchen noch hübsch zusammen. 


Clark Spencer, Präsident der Walt Disney Animation Studios, fasste Into the Unknown in der 'Los Angeles Times' allerdings allgemeiner zusammen: Es ist seiner Ansicht nach ein Lied darüber, den Ruf der Bestimmung zu hören. Elsa zaudert zunächst, doch im Laufe dieses dramaturgisch mitreißenden, packend komponierten Songs überzeugt sie sich, keine Scheu mehr zu zeigen. Und egal, wie ich über den Film insgesamt denke: Dieser Song lässt mich Elsa gehörig anfeuern! Stürz dich ins Unbekannte, gute Frau!


Platz 1: Endlich sehe ich das Licht ("I See the Light") aus Rapunzel

Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)


Vergleichsweise kurz nach Beginn der 2010er-Jahre hat sich Endlich sehe ich das Licht auf die Spitzenposition meiner liebsten neuen Disney-Lieder seit Veröffentlichung meiner ersten Musikalisches Immergrün-Reihe gesetzt. Und seither verharrt diese Pop-Ballade mit Folkrockeinflüssen auf dem Spitzenrang. Dieses Lied ist einfach wunderschön: Rapunzel und Eugene alias Flynn Rider singen hier nicht einfach bloß ein romantisches Duett - wenngleich Endlich sehe ich das Licht durchaus, zweifelsohne ein herrliches, emotionales Liebesduett ist. Aber zugleich ist diese herrliche Komposition von Alan Menken (und Texter-Spitzenleistung von Glenn Slater) auch ein introspekties, zerbrechlich-feinfühliges Lied über Wunscherfüllung, Selbsterkenntnis, Verletzlichkeit und diesen zarten, flüchtigen Augenblick, wenn man bereit ist, sich seinem bedeutsamen Gegenüber erstmals tiefgreifend zu öffnen.


Rapunzel und Eugene führen während Endlich sehe ich das Licht innere, gesungene Monologe darüber, etwas zu erreichen, dass sie bis dahin für unerreichbar hielten - und nicht nur durch die dazugehörige Szene und ihre Umsetzung, auch schon dadurch, wie sie stimmlich ihre Zeilen betonen und verstärken, verändert sich im Laufe dieses Liedes die Bedeutung dessen. Der Schwerpunkt verlagert sich, von einem in sich geschlossenen, völlig insularen Wunsch zu einem geteilten Glück, was Endlich sehe ich das Licht so unfassbar romantisch macht: Es ist ein Liebeslied, das die einzelne Erfahrung der beiden Liebenden und das gemeinsame Erlebnis zugleich behandelt und ineinander verflechtet (womit der alberne US-Filmtitel Tangled fast beinahe ansatzweise rehabilitiert wäre).


Ursprünglich plante Menken eine kräftigere Komposition, eine Art Hymne, jedoch wurde Endlich sehe ich das Licht im Verlauf der Produktion von Rapunzel sanfter und "folkiger", was eigentlich nicht meine präferierte Rock-Subrichtung ist. Jedoch ist Endlich sehe ich das Licht in dieser Version so harmonisch und flüchtig-hübsch, dass es perfekt zum Text und dem Kontext der Szene sowie der Charakterisierung der Figuren passt, dass ich mir den Song gar nicht mehr als Powerhymne vorstellen mag. Ein Jammer, dass dieses Lied um den wohl verdienten Oscar als bester Song beraubt wurde. Aber dafür ist es die Nummer eins in dieser Hitliste. Ein schwacher Trost? Womöglich, aber ein unschlagbarer Abschluss für diesen ausgedehnten Countdown! 

Montag, 7. Dezember 2020

Soul


Joe Gardner ist ein frustrierter Musiklehrer, der von Größerem träumt: Mit einer Jazzlegende auf der Bühne stehen und eine Profikarriere beginnen. Genau dieser Traum scheint sich ihm nun zu erfüllen. Doch dann kommt ihm etwas dazwischen: Der Tod. Nicht willens, ins Jenseits zu fahren, büxt Joes Seele aus und landet im Great Before, an dem Ort, an dem Seelen geformt werden, ehe sie ihre irdische Hülle erhalten. Dort lernt Joe 22 kennen, eine sture Seele, die auf gar keinen Fall ein Leben haben möchte. Ausgerechnet durch 22 könnte Joe seinem Ziel, wieder lebendig zu werden, näher kommen ... 


Als bekannt wurde, dass die Pixar Animation Studios mit Soul einen Film planen, in dem die Seele eines Toten abspenstig wird, hatte ich sofort zwei Gedanken: "Natürlich ist das der neue Film von Alles steht Kopf-Regisseur Pete Docter!" und "Oh, ist das Pixars Irrtum im Jenseits?" Denn die wegweisende Komödie von Michael Powell und Emeric Pressburger aus dem Jahr 1946 handelt immerhin von einem Flieger, der nach einem Absturz aufgrund eines flüchtigen Zählfehlers nicht direkt ins Jenseits fährt und nun darum bangt, vollauf offiziell weiterleben zu dürfen. 


Powell und Pressburger nutzen, wie zuvor Der Zauberer von Oz, sowohl Schwarz-Weiß-Fotografie als auch Technicolor, um ihre Geschichte zu erzählen und eine deutliche visuelle Grenze zwischen den Reichen zu ziehen. Doch anders als das legendäre Judy-Garland-Filmmusical zeigt A Matter of Life and Death (wie der deutlich treffendere Originaltitel von Irrtum im Jenseits lautet) unsere Welt in Farbe und die fiktive Spielwiese in Schwarz und Weiß. Erklärt wurde dies seitens des Filmemacher-Duos damit, dass es doch irrsinnig sei, die Welt, die wir alle in Farbe kennen, durch eine monochrome Ästhetik zu verzerren. 



Hinzu kommt für mich aber auch folgender Reiz: Durch das Zeigen der Realität in glorreichem Technicolor und dem Leben danach in öde gehaltenem Schwarz und Weiß wird eine emotionale Distinktion getroffen. Das Hier ist vielseitig, einladend und voller Reize, das Da nicht. So wird das Leben schöner und (so simpel kann es sein:) lebenswerter gezeigt, was generell eine positive Grundhaltung ist und zweitens der Geschichte entgegen kommt - während in den Jahrzehnten danach ja so manche Filme über ein Jenseits den Weg gegangen sind, den Himmel bunter, fantasievoller und toller als die Wirklichkeit darzustellen. Was gelinde gesagt einen fragwürdigen Beigeschmack haben kann ... 


Pixars Soul trennt das Leben und die von den Filmschaffenden gesponnenen Welten nicht 1:1 so wie zuvor Powell und Pressburger. Doch ich glaube, einen Einfluss von Irrtum im Jenseits zu erkennen. Oder zumindest eine vergleichbare Denkweise: Joes Wirklichkeit, namentlich New York City, wird auf eine Weise gezeigt, die ich als "Pixars Haus-Stil" bezeichnen würde:


Das Trickstudio aus Emeryville hat ein hervorragendes Händchen dafür entwickelt, Landschaften und die Elemente naturalistisch abzubilden. So detailgetreu, dass sie im ersten Augenblick täuschend echt wirken, doch schaut man genauer hin, sind sie dezent stilisiert, zumeist, um schöner als echt zu sein, quasi ein Idealbild dessen zu werden, wie es in echt aussehen sollte. Lebewesen wiederum sind bei Pixar karikiert, was uns die sogenannte Uncanny Valley erspart (den Effekt, das etwas sehr echt, aber nicht überzeugend genug, und daher abschreckend aussieht), und zudem die Persönlichkeit der Trickfiguren greifbarer macht und ihnen mehr Ausdruck verleiht. Und so, wie in Ratatouille Paris nicht wie das echte Paris, sondern der Traum vom echten Paris erscheint, ist Souls New York City die Idealversion von New York (inklusive aller Macken, die New Yorks Bevölkerung aber zu lieben gelernt hat). 


Die Fantasiewelten von Soul dagegen sind neue Design-Meisterleistungen Pixars. Die Kunstschaffenden aus dem Trickhaus haben sich richtig ausgetobt und Wesen geschaffen, die an Drahtskulpturen erinnern, sowie Aerogel-Bäuschen und Monsterchen aus schwarzblauem Glitzersand. Die bildästhetische Verspieltheit von Alles steht Kopf geht hier munter weiter - aber auch mit einem klaren Konzept: Alle Winkel der nicht irdischen Welten sind in sich sehr reduziert - sie haben in sich harmonische, aber auch stark begrenzte Farbspektren und auch hinsichtlich der Texturen besteht nur wenig Varianz. Es ist für die Laufzeit des Films eine Wonne, sich diese Designeinfälle anzuschauen - aber es lädt nicht gerade dazu ein, darin ein Leben zu verbringen. Da ist die Erde, wie Pixar sie zeigt, mit ihren mannigfaltigen Reizen und faszinierenden Imperfektionen wesentlich einladender. 


Das spielt nicht nur dem in die Karten, was hier als Joes Ziel skizziert wird. Es ist auch auf beiläufige, zugleich konstante Weise wundervoll lebensbejahend. Soul ist, und das ohne verkrampft geschriebene, kitschig vermittelte Moral-Monologe, ein erhellender, gutherziger, rührender Film darüber, wie sehr wir das Leben genießen sollten. Docter und seine Crew reden nichts schön, dies ist kein Film darüber, dass man sich etwas nur genug wünschen muss, und es geht in Erfüllung. Stattdessen dreht sich Soul darüber, dass es auch mal dreckig und schwierig und frustrierend und einsam werden kann - nur dass die Gesamtheit des Lebens eben doch zu wertvoll ist, um sich davon dauerhaft aus der Bahn werfen zu lassen. 


Ich wünschte, ich hätte Soul im Kino sehen können, statt ihn als Presse-Screener mit riesigem Wasserzeichen im Bild zu sehen. Und doch habe ich mehrmals Tränchen verdrückt, einfach, weil Soul gestalterisch wunderschön ist und ebenso wunderschön erzählt wird. Das dürfte euch einen Eindruck verschaffen, wie sehr mich das Storytelling dieses Films gepackt hat. Denn zusätzlich zur bereits erwähnten visuellen Gestaltung und dem sehr effektiven Score von Trent Reznor & Atticus Ross (machen den warmen, ätherischen Score für das Nicht-Diesseits) und Jon Batiste (verantwortlich für die beseelten Jazz-Passagen) hat mich auch die Figurenzeichnung begeistert.


Joe ist so genau geschrieben, dass er als Figur vollauf glaubwürdig und echt wirkt, aber auch so allgemein gehalten, dass er als Identifikations-Spiegel funktioniert, und 22 ist ein liebenswert-schrulliger Dickschädel. Das führt zwangsweise zu sehr viel Dialoghumor und Situationskomik - und die vielen, vielen, nie aufgesetzt wirkenden Lacher machen diese nachdenklich stimmende, rührende Geschichte nicht bloß verdaulicher. Sie sind essentiell, um diese positive Story authentisch zu vermitteln. Denn ein nachdenkliches, rührseliges Drama darüber, wie schön das Leben allen Hürden zum Trotz ist, trägt nahezu zwangsweise das Päckchen mit, so zu wirken, als würde es sich verstellen, damit man es ernst nimmt. Soul dagegen ist, wie es ist.


Soul ist ab dem 25. Dezember 2020 auf Disney+ abrufbar.

Montag, 9. November 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XIV)

 zurück zu Teil XIII


Platz 10: Ich bin bereit ("How Far I'll Go") aus Vaiana

Musik und Text: Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Thomas Amper)


Dieser soulige "Ich will"-Musicalsong von Lin-Manuel Miranda drückt aus, wie Vaiana sich mit ihren inneren Bedürfnissen auseinandersetzt. Denn anders als so manch schlichter geratener "Ich will"-Song, oder auch Mirandas ursprünglicher Songentwurf More, handelt Ich bin bereit davon, wie Vaiana ihre Liebe für ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde und ihren Respekt für deren Gebote damit aufwiegt, wie sehr sie sich danach sehnt, neue Horizonte zu erkunden und ihren Abenteuerdrang zu befriedigen.


Diese konfusen, sich widersprechenden Gefühle, dieses Ringen zwischen dem Wir-Gefühl und den individuellen Wünschen, formuliert Ich bin bereit bedeutungsvoll, mit großer Symbolkraft und in einer wunderschönen Melodie aus, die den "Wellengang" von Vaianas Gefühlen, das Hin-und-Her zwischen Zurückhaltung und Vorwärtstrieb, akustisch greifbar macht. Ein großartiges Lied zum Mitschmettern.


Platz 9: Die Story geht weiter ("We're Doing a Sequel") aus Muppets Most Wanted

Musik und Text: Bret McKenzie (dt. Version: Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)


Nie zuvor widmete sich ein Lied der Muppets derart ihrem Faible für Metahumor und Selbstironie wie Die Story geht weiter. Während sich die Muppets-Lieder üblicherweise entweder deren Liebe für Wortspiele hingeben, ihrer herzlichen Seite, ihrer von Grund auf ehrlichen Albernheit oder aber schlicht ihre stilistisch breit gefächerte Musikalität repräsentieren, so eröffnet Muppet Most Wanted (das siebte Sequel zu ihrem Original-Film!) endlich mit einem Song, der die Meta-Spielchen voll aufdreht und dann noch einen Klecks Sahne drauf packt: Die Muppets befinden sich nach dem Ende von Die Muppets endlich wieder auf der Erfolgsstraße. Nun gut, nicht derart deutlich wie gedacht (die zahlreichen Fans, die die Muppets bejubelt haben, waren schlussendlich doch nur Statisten). Aber sie waren ausreichend populär, um prompt noch einen Film zu rechtfertigen! Das ist für die alten Kultchaoten, die zwischenzeitlich eher popkulturelle Underdogs waren, überhaupt nicht mehr der gewohnte Gang der Dinge. Und daher Anlass genug, zu singen und zu tanzen!

Und so besingen die Muppets im Introlied zu Muppets Most Wanted (der als Titel zwar halb so tolldreist ist wie das geplante The Muppets ... Again!, dafür aber wunderschön mehrdeutig) voller Freude und altmodischem MGM-Musical-Glamourstil, dass sie nun ein Sequel machen! Schließlich hält das Studio sie gerade für ein wirtschaftlich tragbares Franchise ... Jedenfalls jetzt genau in diesem Moment, wo es darauf wartet, dass Tom Hanks einwilligt, Toy Story 4 zu machen. 

Die Story geht weiter ist nicht nur unheimlich prophetisch (die Muppets sollten direkt, nachdem sie dieses Eisen geschmiedet haben, solange es heiß war, wieder kalter Kaffee werden, während sich Disney am anhaltenden Erfolg der Toy Story-Figuren laben durfte), sondern obendrein eine riesige, musikalische Wonne. Muppets Most Wanted in der Pressevorführung zu sehen und die ganzen herzlichen, frohen Lacher anderer anwesender Muppet-Fans zu hören, die glücklich mitwippen, ist eine meiner liebsten PV-Erinnerungen. Und die Muppets mit einem verdienten "Ha, wir sind gerade wieder oben angelangt und können weiter unseren Irrsinn machen"-Moment zu erleben, der so pfiffig hingeträllert wird, ist (war) doch auch mal schön! Auf dass sie sich erneut wieder nach oben ackern können.


Platz 8: BAMM aus Zombies - Das Musical

Musik: Ali Dee Theodore, Sergio Cabral, Julian Davis, Sarai Howard und Anthony Mirabella, Text: Ali Dee Theodore und Anthony Mirabella


Nach meinem Begleittext zu Rang neun schäme ich mich fast schon für Platz acht. Aber ... halt nur "fast"! Meine Liebe zum Disney Channel Original Movie Zombies - Das Musical (auch bekannt als Disney Zombies und Z-O-M-B-I-E-S, denn wer braucht schon Klarheit in der Namensgebung, wenn man auch einfach sagen kann: "Na, der bunte Zombie-Film halt. Wo die singen. Von Disney!"?) sollte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Und BAMM trägt daran einen beachtlichen Anteil. Um mich selbst zu zitieren: "Es ist bescheuert, es macht enormen Spaß, ich liebe es."

Dieser zuckerinduzierte, tauringetränkte Partysong, in der Cheerleaderin Addison die Gute-Laune-Unterwelt der Zombies kennt, die in ihrem Teil der Stadt einfach sie selbst sein und sich sowie ihre Kultur feiern können, statt sich an die Menschen anzupassen, ist laut. Schrill. Schräg. Und er hat dennoch eine inhaltliche Relevanz (wie eben schon angeschnitten). Lasst mir den Spaß!


Platz 7: Gotta Be Me aus Teen Beach 2

Musik und Text: Niclas Molinder, Joacim Persson, Johan Alkenas und Charlie Mason


Ich werde nicht müde, Teen Beach 2 als Geniestreich-Ausnahmefilm unter den Disney Channel Original Movies zu bezeichnen. Teen Beach Movie-Regisseur Jeffrey Hornaday kehrt zurück in die von ihm geschaffene, aufgedrehte Welt mit Retrocharme-Campiness und vereint dieses Mal die bunte, schillernde, frohe Attitüde, die man von Disney Channel Original Movies erwartet, mit überraschend großem erzählerischen Anspruch und einer lobenswert konsequent verfolgten, thematischen Haltung. Und das auf derart beiläufige, selbstverständliche Weise, dass es Hornaday und das Drehbuch-Duo Matt & Billy Eddy ihrem Publikum nicht ins Gesicht schreien. So kommt es dann zu einem Ende, das weitab von jeder Familienfernsehfilmnorm ist - es ist ein wilderes erzählerisches Wagnis als gewohnt und es verfolgt seine Aussage verbissener und konsequenter, als üblich. Und das, ohne dem Publikum vorzukauen, wieso es nur so thematischen Sinn ergibt und nur so seinen Figuren gerecht wird.


Aber noch bevor Teen Beach 2 seinen kühnen Abschluss findet, beweist schon die Szene, wie homogen dieses Comedy-Musical seine smarte Seite und seine aufgedrehte Zuckerschock-Disney-Fernsehfilm-Seite vereint. Nämlich der große Schulball, der in einem Disney Channel Original Movie von der Stange einfach nur das fröhliche, alle Probleme zuckrig bei Seite schiebende Finale wäre. Hier aber ist es strukturell gesehen die Verzögerung vor dem echten Schluss. Und zweitens: So, so froh, mitreißend, locker-leicht und stimmungsreich es auch ist, so ist hier die Figuren-Entwicklung durchdachter und mit Wortwitz vollendeter als es sich für Familienfernsehmusicals "gehört". Zwischen unserem Protagonistenpaar Mack und Brady wurde in den vorhergegangenen Filmminuten ein Graben gezogen, weil sie in Sachen Selbstbild, Interessen und Lebensgrundgefühl sehr unterschiedlich sind. Der formelhafte Disney-Channel-Film würde im Finale ein "Wir sind ja gar nicht so unterschiedlich"- oder ein "Wir können uns in der Mitte treffen"-Liedlein trällern und alles undurchdacht wegwischen.


In Teen Beach 2 dagegen wird ein losgelöstes, endorphingetränkes, modernes Poplied mit Rockabilly-Attitüde abgefeuert, das oberflächlich nach "Hach, sie lieben sich wieder, so einfach geht das!" klingt, dessen Text (und Choreographie) dagegen die Differenzen zwischen Mack und Brady eloquent ausdiskutiert, während sie einander versichern, dass sie sie selbst sein müssen, um glücklich zu sein. Der Verzicht auf einen Kompromiss, das Erkennen, nur dann glücklich zu sein, wenn man sich nicht verbiegt, und das mit Körperbewegungen und Blicken gefundene Verständnis, allen Unterschieden und sämtlichem, teils gegensätzlichem Selbststolz zum Trotz zusammenzupassen und zusammenzugehören, ist viel, viel nuancierter und setzt viel, viel mehr Beziehungserfahrung für das volle Verständnis dieser Figurendynamik voraus, als sich sonst für einen Disney Channel Original Movie geziemt. Und Gotta Be Me rockt diese Entwicklung sauber vom Parkett, als sei das hier ein Disney-Channel-Happy-End von der Stange. Selbststolzhymne trifft Wiedervereinigungsliebeslied trifft Teeniepartysong. Und es funktioniert bestens. Wow. Hut ab!


Platz 6: Glänzend ("Shiny") aus Vaiana

Musik und Text: Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Thomas Amper)


Ich bin bekanntlich kein Synchro-Snob, und gerade Disney steht üblicherweise für liebevoll gemachte, clever übersetzte, toll besetzte Synchronfassungen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn eine Synchronfassung eines Walt Disney Meisterwerks vermasselt ist. So zuletzt geschehen bei Vaiana. Und ausgerechnet in der Fassung habe ich den Film zum ersten Mal gesehen. Das hatte seine Folgen: Ich war während der Pressevorführung völlig vom Film distanziert, emotionale Momente waren gehemmt, Gags zündeten nicht. Aber dann kam Glänzend. Der Befreiungsschlag, der Knotenplatzer. Die Szene, die mich mit ihrer Freude, ihrer Bildgewalt und ihrer hervorragenden Synchronperformance von Tommy Morgenstern gepackt und in das Filmgeschehen gesogen hat. Es war ein Neustart meines Kinoerlebnisses und gestattete es mir, den Rest des Films involviert zu erleben. 


Allein schon deshalb hat sich Glänzend einen der vorderen Plätze in meinem 2010er-Disney-Songranking erarbeitet. Aber hier endet es noch nicht. Denn Lin-Manuel Mirandas Schurkensong, der mehr in der Tradition von King Louie und anderen "Ein Störfaktor auf unserem Weg"-Fieslingen steht als in der von plottragenden Bösewichten, bringt einen schimmernden, spaßigen David-Bowie-Vibe mit sich, ohne eine irritierend offensichtliche, aus dem Film reißende Hommage zu sein. Und obwohl der Song oberflächlich wie eine bunte Spaßnummer für zwischendurch wirkt, ist sie überaus durchdacht.


Denn die Bling-Bling-Krabbe Tamatoa ist eine überdimensionale Versinnbildlichung von Vaianas und Mauis inneren Ängsten. Als gieriges Monstrum, das primär Wert auf sein Äußeres legt, ist er das Zerrbild dessen, was der ebenfalls sehr eitle und selbstverliebte Maui werden könnte, wenn er seinen Anstand ablegen sollte. Und zugleich macht sich Tamatoa in seinem Song über Familienwerte, Gemeinschaftssinn und Traditionen lustig - womit er die grinsende Fratze dessen ist, was Vaiana befürchtet, durch ihren Abenteuerdrang zu werden, weil sie die Wünsche und Sorgen ihres Vaters missachtet und zudem etwas (auch) aus eigenem Antrieb in Angriff nimmt. Durch diese Begegnung werden die Figuren ihrer Ziele gewisser. Und wir haben einen Disney-Störenfried-Song mit Hintersinn erhalten, der enorm Spaß macht.


weiter zu Teil XV

Samstag, 31. Oktober 2020

Relic

Wann immer Leute rummaulen, Popcorn-Kassenschlager wie Avengers || Endgame würden das Kino zerstören, kriege ich einen inneren Schreikrampf. Denn diese Statements zeigen sich vollkommen ignorant gegenüber der Realität des Standorts Kino: In einer Ära, in der sich Millionen und Abermillionen von Menschen einreden, Filme seien umsonst, wenn sie als Teil einer monatlichen Flatrate angeboten werden, wurde der "Dafür gehe ich ins Kino"-Impuls zahlreicher Personen nun einmal kleiner. Das ist eine Entwicklung, die schon vor dem Aufkommen des Marvel Cinematic Universe begonnen hat. Man schaue sich bloß einmal die sinkende Erfolgskurve von Dramen und Komödien mittleren Budgets in den USA an, wo Kabelfernsehen und Netflix deutlich früher und stärker Einfluss auf das Kinokonsumverhalten hatten als in Westeuropa. 


Filme wie Avengers || Endgame sind nicht der Untergang des Kinos, sondern deren Notnagel, den es benötigt, solange Otto und Anna Durchschnittskonsum denken "Ach, ich hab keine Lust, Geld auszugeben und vor die Tür zu gehen, ich schau was auf Netflix". Und ein Umdenken wird angesichts der Nachrichtenlage 2020 so rasch nicht eintreten. Aber es gibt noch einen Grund, weshalb das MCU nicht den Untergang des Kinos bedeutet: Zahlreiche "Verbrecher" nehmen die Gage für ihren "Verrat an der Kunst", um Filme zu finanzieren, die sonst nicht gemacht worden wären oder zumindest weniger Verbreitung gefunden hätten. So haben die Brüder Joe & Anthony Russo ihre satten Marvel-Gehälter genommen, um AGBO zu gründen, ein Label, das seither unter anderem die großartige Gesellschaftssatire Assassination Nation vertrieben hat und (gemeinsam mit Jake Gyllenhaal) Relic mitfinanzierte, das feinfühlige, gefühlvoll-schaurige Regie- und Drehbuch-Langfilmdebüt von Natalie Erika James.


Und als sensible Grusel-Auseinandersetzung mit Mutter-Tochter/Enkelin-Mutter-Großmutter-Dynamiken, in denen Verständnis und Einfühlungsvermögen bedeutendere Komponenten sind als Terror, Twists, Schrecken und blutige Konflikte ist Relic kein Stoff, der mal eben finanziell gestemmt, umgesetzt und der Masse zugänglich gemacht wird, noch dazu auf diesem Niveau. 


Als Kay (Emily Mortimer) von den Nachbarn ihrer Mutter Edna (Robyn Nevin) besorgniserregende Nachrichten erhält, fährt sie prompt mit ihrer Tochter Sam (Bella Heathcote) in ihr altes Elternhaus: Edna sei nicht mehr ganz sie selbst. Nachdem sie vor wenigen Monaten beinahe einen fatalen Haushaltsunfall hatte, sei es kürzlich zudem zu einem weiteren schrägen Vorfall gekommen. Und nun ist sie auch noch spurlos verschwunden. Kay und Sam gehen schon vom Schlimmsten aus, als sie im Haus mitten im Wald ankommen. Tatsächlich finden sie es leer vor, Wände und Lebensmittel sind bereits von Schimmel befallen. Überall sind Notizzettel, teils mit simplen Alltagserinnerungen, teils mit ominösen Anweisungen. Als Edna plötzlich wieder auftaucht, voller blauer Flecken, von denen sie selber nichts zu wissen behauptet, überkommen Kay und Sam große Sorgen: Geht hier mehr vor als Demenz? Sie wissen nur eines: Edna braucht ihre Familie. Und zwar jetzt! Aber kann Edna das akzeptieren ..?


Wer bei Relic den Psychoterror von Hereditary erwartet oder geisterhaften Grusel, der nebenher auch das Thema Demenz behandelt, ist bei Relic an der falschen Stelle. Natalie Erika James verzichtet vollkommen auf Jumpscares, nennenswerte Gewaltausbrüche oder eine verschachtelte Mythologie. Es gilt keinen Fluch zu entschlüsseln, einen übernatürlichen Schurken zu bezwingen oder durch literweise Ekeleffekte zu waten. James stellt ihr Publikum nicht einmal vor ein verschachteltes Rätsel, sondern legt schon früh im Film inszenatorisch die Karten auf den Tisch: Ihr Film ist eine einzige, große (genreesk überspitzte) Analogie auf das Gefühl, seine (Groß-)Eltern beim Älterwerden zu erleben, und auf alle Gedanken und Gefühle, die damit einhergehen. 


Dadurch, dass James sämtlichen Plotmechanismen, die mit einer verkopften Verarbeitung dieses Themenkomplexes einhergehen würden, gar nicht erst anpackt, sondern früh und zielstrebig den Pfad einschlägt, assoziativ ihre Emotionen in bewegte Bilde zu kanalisieren, gibt es keine Nüsse zu knacken. Keine Ebenen kaputt zu analysieren, um Relic erst einmal auf den Grund zu gehen. So deutlich, wie Ednas Kondition ist, ist auch die Frage, worauf Relic hinausläuft. Und das ist hier durch und durch positiv gemeint. Es bahnt den Weg für eine herzlichere Geschichte. Und tiefer verborgene, existenziellere Befürchtungen.


James kreiert mit Relic eine sehr kunstvolle, berührende filmische Konfrontation mit dem Gespenst namens Altern, und die nachtschwarz-melancholische Weise, wie sie damit verbundene Ängste in Filmbilder und unerklärliche Geschehnisse überträgt, bohrt tiefere Löcher in die Seele als es die meisten Fließband-Geisterschocker tun. Zumal James die unmissverständliche Parabel, die sie erzählt, damit ausschmückt, dass sie den Grusel emotional nuanciert verankert.


Kay und Sam durchlaufen sowohl Ängste um Edna ("Was, wenn ihr was passiert?"), als auch Ängste vor Edna ("Was macht sie da nur?") und um/vor sich selbst ("Was, wenn ich auch so werde ... oder schon bin?"), die Emily Mortimer und Bella Heathcote gleichermaßen genregemäß (was diesem einfühlsamen Horrorfilm weiterhin eine beklemmende Grundstimmung verleiht) wie berührend-feingliedrig zur Schau stellen. James derweil beweist in Sachen Bildgestaltung, Kameraführung und (vor allem im Finale) zusammen mit ihrem Editing-Duo Denise Haratzis & Sean Lahiff im Schnitt schon bei ihrem Langfilmdebüt großes atmosphärisches Verständnis des Mediums, indem sie ein "irrationale Wahrheiten" visualisiert, also das Innenleben unmittelbar nach außen kehrende Bilder schafft.


Fazit: Relic ist waschechter Old-School-Grusel nach Schule des frühen, dunkelemotionalen Schauerkinos. Nichts für Fans des schnellen Schocks - und zugleich einer der betrüblich-schönsten Filme des Jahres.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Hexen hexen

 Robert Zemeckis meldet sich zurück im Fach des Familiengrusels: Der Zurück in die Zukunft- und Falsches Spiel mit Roger Rabbit-Regisseur nähert sich nur selten dem schaurigen Fach, doch mit Der Tod steht ihr gut hat er einen der besten Filme aus der Sparte "Tim-Burton-Filme, die Tim Burton nie gemacht hat" abgeliefert, die es so zu finden gibt. Und auch wenn seine Weihnachtsgeschichte so ihre Makel hat (einige gar eklatante), so ist die Motion-Capturing-Tour-de-Force mit Jim Carrey reizend familienfreundlich-gruselig geraten. Insofern war ich vorfreudig-neugierig auf Zemeckis' Hexen hexen, die neuste Adaption der Roald-Dahl-Geschichte, die 1990 bereits von Nicolas Roeg (Wenn die Gondeln Trauer tragen) verfilmt wurde. 


Die Story dreht sich um einen Waisenjungen, der bei seiner liebevollen Großmutter lebt, die über großes Vorwissen über Hexen verfügt und ihren Schützling sofort in ein opulentes Seebad-Hotel verfrachtet, als sich abzeichnet, dass Hexen es auf ihn abgesehen haben. Denn Hexen greifen üblicherweise nur Kinder vom unteren Ende der Sozialleiter an - sie würden doch nie in ein Luxushotel gehen ... Aber ausgerechnet jetzt bittet die Hoch-Großmeisterhexe der Welt ihre Weggefährtinnen aus allen Teilen des Erdballs in genau dieses Hotel, um unter falscher Identität bei einem Kongress einen Plan zu schmieden, wie sie alle Kinder der Welt in Mäuse verwandeln und zerquetschen können ... 


Ich habe die Rezeption von Roegs Hexen hexen gespaltener in Erinnerung als sie nun mit einem Blick auf Aggregatorseiten wie Rottentomatoes wirkt: Mit Respekt für die praktischen Effekte, aber Verständnis für Roald Dahls überaus kritische Sicht auf den Film (vor allem auf sein gegenüber der Vorlage abgeschwächtem Ende) und viel Schulterzucken für Passagen, in denen Hexen hexen auf der Stelle tritt, schien mir die erste Adaption gemeinhin mehr als Film wahrgenommen, der zwar recht harsch für einen Kinderspaß war, aber erzählerisch halt dennoch unausgegoren ist. Doch der sehr positive Rottentomatoes-Konsens und die völlig aus dem Nichts gekommene, urplötzlich-unabdingbare Liebe für die erste Verfilmung, die nun aus den sozialen Netzwerken trieft, machen mir offensichtlich, dass ich da eher eine Minderheit als Teil der Mehrheit bin. 


Doch ich muss der aktuell so deutlichen Liebe für Hexen hexen von 1990 in einer Hinsicht deutlich widersprechen. Es geht um das Hexen-Make-up von Anjelica Huston.


Das Hexen-Make-up Hustons wird derzeit herumgereicht als strahlendes Beispiel dafür, was 1990 alles richtig war in Hollywood und was heute im auf Computereffekte setzenden Hollywood alles falsch liefe, denn Huston sei ja noch gruselig gewesen. Sagen zumeist Leute jenseits der 30 oder gar 40, die es vermissen, sich als Grundschulkind aufgrund von Bergen von Schminke zu ängstigen. Aber selbst ich als jemand, der einen gut gemachten, praktischen Effekt enorm zu schätzen weiß, würde dem entgegnen: Ja, Hustons Hexenform ist beeindruckende Handwerkskunst. Aber ich finde sie nicht mehr gruselig. Wenn ich sie mir als Erwachsener anschaue, sehe ich etwas, bei dem ich sofort an die Stunden an Arbeit denke, die da wohl reingeflossen sind. Ich respektiere diese Leistung sehr, doch sie ist zu sehr Hexen-Klischee-Abarbeiterei, als dass sie mir irgendeine Form von Schauer entlocken würde. Dafür ist es zu karikaturesk-grotesk. Und ich wage zu behaupten, dass es selbst der Kernzielgruppe des Films so heute in weiten Teilen geht, da entstellte, absurde Anblicke nunmehr in der Popkultur viel weiter verbreitet sind. Hässlich ist heute nicht mehr automatisch angsteinflößend.


Egal, wie viele die visuelle Grundentscheidung hinter Zemeckis' Hexen hexen hinterfragen, muss ich grundsätzlich sagen: Der Cast Away-Filmemacher verfolgt da einen guten Impuls, wenn er sich bei der Absurdität des Hexendesigns zurücknimmt. Anne Hathaway als Hexe lässt mir deutlich eher einen Schauer über den Rücken laufen, wenn ihre dezent zu großen Augen in die Kamera starren und sich ihr Lächeln langsam über die Breite dehnt, die ein Menschenlächeln haben dürfte. Die "Uncanny Valley" hat angerufen, eine ihrer Bewohnerinnen ist ausgebüxt ... 


Das Problem ist jedoch: Zemeckis weiß offenbar nicht, was er da an der Hand hat. Im fertigen Film enthüllt er Hathaways volle Hexenform viel zu früh, er zeigt mehrmals, wie sie mutiert und sofort wieder in menschliche Form zurück schwenkt und so den Schrecken wieder zurücknimmt. Er gewöhnt sein Publikum durch kleine, stetige Tropfen an das visuelle Grauen und Unwohlsein - und das ist symptomatisch für den kompletten Film. Zemeckis' Version ist auf dem Papier näher an der Buchvorlage und garstiger. Doch in der Umsetzung dämpft Zemeckis diese Härte, Schaurigkeit und Gemeinheit unentwegt dadurch ab, dass etwa einige besonders garstige Anblicke extrem cartoonig und schlacksig animiert sind. Oder aber der Schnitt konterkariert sie. Oder aber die in Mäuse verwandelten Kinder schneiden Grimassen, als stünden sie für ein DreamWorks-Animation-Poster Modell, was in seiner aggressiven "Bin ich nicht hip?"-Art allem kurz zuvor aufgebautem Flair die Fallhöhe nimmt. Ähnliches gilt für Alan Silvestris Score, bei dem auf jede Minute mit dunkler Märchenatmosphäre fünf Minuten kommen, die so klingen, als hätte Zemeckis ihm gesagt: "Hey, gib mir deine Avengers | Infinity War-Entwürfe, das kam doch gut an?!"


Dessen ungeachtet bleiben mir Chris Rocks sehr launigen (aber quantitativ etwas übertriebene) Erzählkommentare positiv in Erinnerung, das routiniert-warmherzige Spiel von Octavia Spencer als liebende Großmutter sowie natürlich Anne Hathaway, die ihre in Ocean's 8 und Glam Girls begonnene "Ich übertreibe maßlos und habe Spaß daran"-Saga mit ansteckender Freude fortführt. Leider reicht das nicht, um das (auch der Vorlage geschuldete) Auf-der-Stelle-treten abzuschütteln oder das Gefühl, Zemeckis hätte seinen eigenen Stoff nicht so ganz erfasst.


Aber: Hey, wenigstens bekommen wir den Film (kurzzeitig) im Kino zu sehen (anders als die USA), und für einen Kinonachmittag mit jüngeren Kindern, die sich gruseln wollen, ist dieser Hexen hexen noch immer annehmbares Herbstkino!

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XIII)

 zurück zu Teil XII

Platz 15: Ich bin Vaiana ("I am Moana") aus Vaiana

Musik von Mark Mancina, Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda, Text von Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Tommy Amper)


Mit Ich bin Vaiana finden die drei musikalischen Stimmen aus Vaiana zusammen: Score-Komponist Mark Mancina, Musicalstar Lin-Manuel Miranda und der preisgekrönte Musiker Opetaia Foa'i, der zum Projekt hinzugezogen wurde, um einen authentischen südpazifischen Touch zu erhalten. Inhaltlich ist das Lied derweil quasi zugleich Staffelstabübergabe und Motivationslied: Zunächst singt Vaianas Großmutter dieses Lied der Ahnen für Vaiana, dann adaptiert sie es im Gedenken an ihre Oma und voller Stolz für sich selbst. Rührend und mit gesundem Pathos ist Ich bin Vaiana eine wunderschöne Powerballade!


 

Platz 14: Ways to be Wicked aus Descendants 2

Musik und Text von Sam Hollander, Josh Edmondson, Grant Michaels und Charity Daw


Müsste ich jemandem erklären, was der Disney Channel in den 2010er-Jahren so fabriziert hat, ich würde wohl zuallererst obiges Musikvideo zu Ways to be Wicked vorführen, dem Introsong zu Descendants 2. Denn ich wüsste keinen Clip, der kompakter zusammenfasst, wofür Disney-Channel-Eigenproduktionen dieses Jahrzehnts stehen: Extrem von Elektropop und anderen modernen Einflüssen geprägte Musik, ein junger Cast an Schauspiel-Gesang-Tanz-Dreifachtalenten, knallige Farben, Musikvideo-Sounddesign, Schul-Geschichten, pubertierende Hauptfiguren und Konzepte, die mit einem Fuß in klassischen Disney-Gefilden stehen, und mit dem anderen irgendwie flippiger, bunter oder schräger sein wollen. 


Und darüber hinaus macht mir Ways to be Wicked einfach absurd viel Spaß. Wikipedia sortiert ihn als Dance-Rock ein, äh, ja gut, meinetwegen, ich würde es dagegen als "Disney-Introsong auf kennyortegasche Disney-Channel-Logik nach vier Dosen Energy Drink, wild in einer knallig gefärbten Kunstlederjacke von einer Lautsprecherbox zur nächsten springend" bezeichnen. Aber gut, das wird wohl kein geläufiges Genre. Die Nummer ist ein gigantischer Fake-out, die eine ganz andere Story für den auf sie folgenden Film anteasert, und zugleich doch inhaltlich kohärente Etablierung von Mals Dilemma, ein laut und wild voranpreschendes Stück Zuckerschock, die kitschig-alberne, ungeheuerlich liebenswerte Disney-Channel-Vision dessen, was wohl Punk-Attitüde wäre. Gaga und genau richtig so.


Platz 13: Lost in the Magic aus Disneyland Paris

Musik von Mark Hammond, Text von Carolyn Gardner


Seit 1989 arbeitet Vasile Sirli für Disney. Seither hat sich der Rumäne zum Musikalischen Direktor des Disneyland Paris aufgeschwungen. Anfangs verfasste er auch selbst unzählige der Songs, die während Shows oder Paraden unseres europäischen Disneylands ertönt sind - und während dieser Phase entstanden auch die für mich größten Original-Ohrwürmer, die "mein Heimatpark" so zu bieten hat. Die Paradensongs nach Sirlis aktiver Zeit direkt an der musikalischen Front sind zwar auch allesamt für unzählige unvergessliche Momente zuständig (*versoffene Piratenstimme an*"Magic Everywhere!!!"*versoffene Piratenstimme aus*), jedoch dauerte es bis zum 25-jährigen Jubiläum des Disneyland Paris, bis sich ein neuer Paradensong so sehr in mein Herz, meinen Verstand und meinen Gehörgang gebohrt hat, dass ich ihn mir auch außerhalb der Tore des Pariser Disneylands immer wieder anhöre. 


Der frühere A*Teens-Produzent und Arrangeur mehrerer Alan-Menken-Kompositionen lässt im Paradensong Lost in the Magic beide Welten seines früheren Schaffens wundervoll kollidieren und erschafft eine poppige, knallige Kollision aus einem neuen klanglichen roten Faden und den zahlreichen Disney-Stücken, durch die er sich hier schlängelt. Dieser Paradensong setzt auf eine sehr künstliche, aber auch sehr kräftige Klangkulisse, die das Marschieren der Tänzertruppen und Disney-Figuren vor Ort vortrefflich begleitet und auch in den eigenen vier Wänden zumindest bei mir für ordentlich Laune und Energie sorgt. Mit Lost in the Magic fühle ich mich beim Staubwischen, Wäscheaufhängen oder Fenster- und Bodenputzen als wäre ich bei einer magischen Parade und lasse in Gedanken großartige Erinnerungen wieder aufleben.



Platz 12: Mutter weiß mehr ("Mother Knows Best") aus Rapunzel

Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)

Während Rapunzel gemeinhin auf Lieder setzt, die durch Pop und Soft Rock inspiriert sind, so baten die Regisseure Byron Howard und Nathan Greno das Songwriter-Duo Alan Menken & Glenn Slater darum, auch eine broadwayeskere, klassischere Nummer zu schreiben. Und so bekam Mutter Gothel eine Schurkennummer spendiert, in der sie mit selbstdarstellerischer Genüsslichkeit all die Gefahren aufzählt, die Rapunzel angeblich außerhalb ihres Turms erwarten. Gespickt mit passiv-aggressiven Attacken, getarnt als Fürsorge, die Rapunzel kleinhalten und gefügig machen sollen, ist Mutter weiß mehr in seiner beiläufigen Garstigkeit sehr sondheimesk. Die Lyrics der Hauptversion dieses Songs reichen leider weder im Original noch in der deutschen Synchro an Sondheim-Größe heran, jedoch ist Gothel einer der wenigen Disney-Fieslinge, denen eine Reprise vergönnt ist – und die baut sich melodisch wie textlich wundervoll-fies auf. Gepaart mit dem ominöseren, kraftvolleren Arrangement ist es die Reprise, die Mutter weiß mehr in meinem Ranking auf diesen Platz schiebt. 

Platz 11: Wann fängt mein Leben an? ("When Will My Life Begin?") aus Rapunzel

Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Thomas Amper)

Der Eröffnungssong von Rapunzel ist zugleich ihr „Ich will“-Lied, wobei sich Rapunzel ihren Sehnsüchten nicht von Beginn an durch und durch klar ist: Zunächst listet das blonde Langhaar all das auf, womit es sich seine Zeit im Turm vertreibt. Und das in einer munteren, mild-flotten Art, die Andrew Lloyd Webbers Evita auf den Blumenkinderrock von Joni Mitchell treffen lässt. Das Arrangement lässt die Akustikgitarre klar in den Vordergrund treten, doch auch die Percussion ist deutlich und zunächst flippig. Erst, wenn Rapunzel allmählich aufgrund der Monotonie ermüdet und sich ihre Sehnsucht herauskristallisiert, an ihrem Geburtstag die alljährlich den Nachthimmel erleuchtenden Lichter von ganz nah zu erleben (oder gar generell mehr von all dem da draußen mitzubekommen, sollte Mutter es denn gestatten), wird die Melodie langsamer und die Streicher werden deutlicher.

Wann fängt mein Leben an? drückt Rapunzels Dilemma (sie kennt nur ein Leben, ist weitestgehend komfortabel damit, fühlt sich dennoch eingepfercht, aber aufgrund ihrer Ziehmutter hat sie Angst vor dem Unbekannten, so dass sie sich nicht im Klaren ist, ob, und wenn ja, wann sie ein Leben im Freien führen will/wird, geschweige denn ein Leben der freien Entscheidungen) auf den Punkt genau aus – und war laut Alan Menken der erste Song, der für Rapunzel geschrieben wurde. Diese Nummer bestätigte die Disney-Legende darin, den Weg einzuschlagen, die Musik im Film durch Mitchell beeinflussen zu lassen, und wurde auch im Score zu Rapunzels Leitmotiv.

Für Wann fängt mein Leben an? wurden zwei Reprisen verfasst, wobei die erste es nur auf den Soundtrack geschafft hat, während die zweite den Wendepunkt im Film markiert, an dem sich Rapunzel aus dem Turm hinaus wagt. Anfangs zögerlich, hüpft diese Reprise geradezu in immer freiere, forschere, frohere Klanggefilde und mündet in ein großartiges Gänsehaut-Crescendo. 

Dienstag, 6. Oktober 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XII)

 zurück zu Teil XI


Platz 20: My Year aus Zombies - Das Musical

Musik und Text von Hannah Jones, Jack Kugell und Matt Wong


Wie sieht ein klassischer "Happy Village"-Song aus, in einer Filmwelt, die comichaft, auf keusche Art campy, mit Retro-Ästhetik versehen und von hip-modernen Einflüssen durchzogen ist? In einem Film, der Rassismus sowie Klassismus anklagt, dies aber via einer Romeo-und-Julia-Geschichte über einen Zombie und eine menschliche Cheerleaderin? Noch dazu auf dem Disney Channel? Nun, ganz einfach: So! My Year lässt Musical-Zeitlosigkeit mit modernen Einflüssen kollidieren, all dies übermäßig fröhlich, bis es selbstsicher-albern wird, aber nicht direkt eine Persiflage darstellt, selbst wenn die dazugehörige Szene mehrmals gezielt bis ganz nah an die Grenze herandüst. Ich find's überaus faszinierend und vergnüglich.


Platz 19: Wir kennen den Weg ("We Know the Way") aus Vaiana

Musik von Opetaia Foa'i, Text von Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda (dt. Text von Tommy Amper)


Wir kennen den Weg ist zwar nicht weiter der erste Song im Film, war aber der erste Song, den Mark Mancina, Opetaia Foa’i, und Lin-Manuel Miranda für Vaiana geschrieben haben und zudem ist es der erste Song, den viele Fans und Pressemitglieder zu Gehör bekommen haben. Und es war auch ein echt starker Vorgeschmack für das, was Vaiana zu bieten hat: Mit starker Percussion und von Fernweh, Stolz und Abenteuerdrang versehenen Lyrics ist Wir kennen den Weg eine extrem schöne Feier der seefahrenden Vorfahren unserer Titelfigur. In einer frühen Filmfassung eröffnete das Lied übrigens den Film und zeigte unter anderem die Geburt Vaianas.


Platz 18: Cruisin' for a Bruisin' aus Teen Beach Movie

Musik und Text von Mitch Allan, Jason Evigan, Jason Charles Miller und Nikki Leonti


Die Retronummer in Teen Beach Movie: Protagonist Brady und Protagonistin Mac sind in Bradys Lieblingsfilm gelandet, und es gibt für Brady nichts, das schöner wäre, als mitzuerleben, wie die grease-ige Rockerbande im Lieblingsschuppen der chilligen Surfer landet und eine Rockabillynummer zum Besten gibt, in die er schon immer mal einsteigen wollte. Dass Brady wirklich da einsteigt, war im Film eigentlich nicht geplant, aber weil Brady-Darsteller Ross Lynch die Choreo zum Song beherrschte und voller Passion hinlegte, wurde die Szene umarrangiert. Der Song selbst ist einfach richtig schön kaugummigroovy und riesiges Vergnügen.

Platz 17: Ich geb' dir, was du willst ("I'll Get You What You Want (Cockatoo in Malibu)") aus Muppets Most Wanted

Musik und Text von Bret McKenzie (dt. Version: Christine Roche & Klaus-Rüdiger Paulus)


Schurkensong, Bret-McKenzie-Style: In Muppets Most Wanted ersetzt ein böses Double Kermit in der Muppet-Truppe, und zerstört das Teamwork und den Teamgeist sowie die besondere Chemie in deren Show, indem er einfach allen unentwegt das gibt, was sie wollen. Um eine grantelnde Miss Piggy milde zu stimmen, äußert Constantine in Kermit-Verkleidung eine Nummer im Stil von Lionel Richie, Michael McDonald und den Doobie Brothers. Mit Groove, Flair, Disco-Funkel-Funkel und (urkomisch geratener) Bemühung, sexy zu sein, gibt er Miss Piggy immer absurdere Versprechen. Sehr, sehr lustig, doppelbödig und echt groovy!

Platz 16: Der Einband kann täuschend sein ("A Cover Is Not The Book") aus Mary Poppins' Rückkehr 

Musik von Marc Shaiman, Text von Scott Wittman und Marc Shaiman (dt. Text von Nina Schneider)


Bei meinem ersten Anschauen von Mary Poppins' Rückkehr war noch Stellt euch das nur mal vor ganz klar mein Lieblingslied aus dieser späten, späten Mary Poppins-Fortsetzung. Die Melodie der Tauchfahrt-Begleitnummer hat mich einfach mehr mitgenommen. Aber als Gesamtszene betrachtet hat mich schon während der Pressevorführung mit weitem Abstand Der Einband kann täuschend sein mehr gepackt. Viel mehr! Sehr, sehr viel mehr. Noch während des ersten Anschauens dieses Rob-Marshall-Filmmusicals habe ich mich in diese Szene schockverliebt. Emily Blunt, die eh schon super in dieser Rolle ist, blüht förmlich auf, während sie Mary Poppins spielt, die nun in Velma-Kelly-Bob eine Cockney-Vaudeville-Dame spielt, die zusammen mit Laternenanzünder Jack kleine (oft anzüglich angehauchte) Geschichtlein zelebriert. Chicago trifft Walt Disney Pictures, und Marshall inszeniert das mit Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Geschmack. Lin-Manuel Miranda spielt besser als im restlichen Film, das bewusst künstliche Bühnenbild ist wunderschön und die Zeichentrickfiguren lassen mein Herz höher schlagen. Eine Bombenszene, die mich kurz glauben ließ, Mary Poppins' Rückkehr könnte mein Lieblingsfilm 2018 werden. Leider brach der Film danach brutal ein, aber die Szene selbst blieb in meinem Herzen, weshalb ich die Szene immer und immer wieder geguckt habe - was wiederum mein Ansehen des Songs vergrößerte. Die darin nacherzählten Geschichten stammen übrigens allesamt aus Travers-Büchern.

vorwärts zu Teil XIII

Samstag, 22. August 2020

Musikalisches Immergrün – Die besten Disney-Songs der Dekade (Teil XI)

zurück zu Teil X


Platz 25: It's Goin' Down aus Descendants 2
Musik und Text: Antonina Armato, Tim James, Tom Sturges und Adam Schmalholz

Dieser Song ist einer der zentralen Gründe, weshalb ich Descendants 2 als den Höhepunkt von Kenny Ortegas knalliger Fieslingssprößlingetrilogie erachte: Raus mit dem pappigen Herzschmerz von Teil eins, rein mit "Wie stellt sich Kenny Ortega eigentlich eine dramatische Actionszene vor ... nach eigener Art?" Disneys Spezialist für Camp und glitzernder Musicaltheatralik gestaltet das, was in einem handelsüblichen (TV-)Abenteuerfilm über den Kampf zwischen Gut und Böse wäre, mit gerapptem Egostreicheln, hektischem Elektrobass, einem Soundeffekt, der so klingt, als würde direkt neben dem Filmgeschehen ein unbehelligter Super Mario seelenruhig Münzen einsammeln und einer peppigen inneren Dramaturgie. Das ganze macht einfach Laune, und weil Descendants 2 der klotzende Höhepunkt der Trilogie ist, ist das alles gar nicht der Höhepunkt von Akt drei, sondern nur das Vorspiel für das eigentliche Filmfinale. 


Platz 24: Rotten to the Core aus Descendants
Musik und Text: Joacim Persson, Shelly Peiken und Johann Alkenas

Der Song, mit dem alles begann: Nach großem Vorab-Antihype älterer Disney-Fans, die das Konzept "Was, wenn alle Disney-Schurken ihre Filme überlebt hätten, ungefähr zur selben Zeit aktiv gewesen wären und Kinder bekommen hätten, die wiederum nun zusammen mit den Kindern der Helden auf dieselbe Schule gehen?" als großen Affront abgetan haben, der unmöglich Spaß machen könnte, lief dieser bunte Irrsinn 2015 im Disney Channel. Und beim Eröffnungssong Rotten to the Core sollte schnell klar werden: Aha, so läuft dieser Hase also. Ironisch-dick aufgetragen und selbstbewusst-durchgeknallt, übergossen mit einer dicken Soße aus EDM und disneytauglich-weichgewaschenem Dubstep. Muss man nicht mögen, sollte man aber als seine ganz eigene, schräge Nummer erkennen, die keinerlei Anspruch erhebt, Teil des Meisterwerke-Kanons zu sein. 

Fun Fact: Einer der Verantwortlichen hinter dieser sehr tanzbaren "Hallo, das sind wir, hier sind die Markenzeichen unserer Figuren und so klingt dieser Film halt"-Eröffnungsnummer ist Joacim Persson, einer der Auddly-Geschäftspartner von ABBA-Mann Björn Ulvaeus, der unter anderem schon Nummern für Kelly Clarkson, John Legend, Lady Gaga und Miley Cyrus verantwortete.


 
Platz 23: Can't Back Down aus Camp Rock 2: The Final Jam
Musik und Text: Antonina Armato, Tim James und Tom Sturges

Anhand der Camp Rock-Filme lässt sich sehr gut der Einfluss der High School Musical-Reihe auf die Disney Channel Original Movies messen: Teil eins kam 2008 heraus, wurde aber erst kurz nach der Ausstrahlung von HSM 2 gedreht und entwickelt, während der HSM-Zug erst ins Rollen kam. So fügt sich der Film zwar in Disneys Tendenz ein, im Fernsehen mehr und mehr auf Musik zu setzen. Jedoch verfolgt Camp Rock noch eine "Realweltlogik", die Songs sind allesamt diegetisch: Sie ertönen in Momenten, in denen in einem Musiker-Sommercamp auch wirklich gesungen würde. Camp Rock 2 hingegen wurde von der HSM-Welle getroffen und vermischt (ähnlich wie die HSM-Filme) Realweltlogik mit Momenten, die vollauf eine Musicalhaltung einnehmen. Das mag ein Bruch mit den Paramatern der Filmreihe sein, führte aber zum stärksten Moment der zweiteiligen Saga: Can't Back Down ist ein mit Wucht und Zorn und Power gesungener Protest- und Durchhaltesong, in dem sich die Protagonisten anfeuern, gegen die widrigen Umstände aufzulehnen, die ihnen widerfahren. Nämlich ... die mögliche Abschaffung ihres Lieblingssommercamps. Ja, die Unverhältnismäßigkeit zwischen Ernsthaftigkeit und Vehemenz der Musik sowie der Performances einerseits und den flippigen Tanzmoves mehrerer Figuren sowie des Anlasses für die Nummer ist Teil des Charmes. Und es ist einfach ein waschechter "Banger", unter anderem geschrieben von Antonina Armato, die schon den ähnlich operierenden Troy-Bolton-Selbstfindungs-Tanzsong Bet On It verfasst hat. Wenn man's weiß, hört man's glatt raus, oder?


Platz 22: Kinderlümper ("Kinderlumper") aus Phineas & Ferb
Musik und Text: Michael Diederich, Robert F. Hughes, Martin Olson, Dan Povenmire und Michael Singleton (dt. Fassung von Christine Roche, Ursula von Langen & Thomas Amper)

Ein sehr unterhaltsamer Song, der exzellent einfängt, was an Phineas & Ferb so großartig ist: Hier, in der nunmehr vierten Staffel, gönnen wir dem albern-sympathischen Schurken Dr. Doofenshmirtz eine ausführliche, jazzige Big-Band-Nummer im Stil von Cab Calloways Minnie the Moocher, die gleichzeitig riesiges Mitleid für ihn erzeugt, weil ihm in seiner Kindheit grausige Bösnachtmärchen eingetrichtert wurden, die andererseits aber auch eine große Lachnummer ist, da sie ein vollkommen übertriebener Kinderschreck ist. Was auf der visuellen Ebene jedoch kaum gebrochen wird - der titelgebende Kinderlümper sieht schon schrecklich aus und kreist unheimlich um die in grau-braunen Rückblenden gezeigten, verängstigten Kinderlein.

Später in der Folge kommt es zu einer fröhlicheren Reprise - als Invertierung dessen, wie Musicals gerne zu einer dramatischen Reprise tendieren.

 
 Platz 21: You and Me aus Descendants 2
Musik und Text: Mitch Allan und Nikki Leonti Edgar

Das wahre Finale von Descendants 2: Auf einer Yacht treffen unsere Figuren zusammen und feiern die große Liebe, die sich kurz zuvor in einem CG-Kampf durchgesetzt hat. Alle sind klatschnass, das Deck steht knöcheltief unter Wasser und es wird ein harmonischer, poppig-froher Song angestimmt, der Freude und Verständnis feiert, und uns alle in die Verantwortung zieht, dies zu vermitteln. Kenny Ortegas Choreografie der Szene ist wirklich hübsch und unterstreicht die ansteckende Glückseligkeit der Nummer sehr gut. 

Fortsetzung folgt ...