Montag, 18. Oktober 2021

Wieder entflammte Liebe: The French Dispatch

Ich bin großer Fan von Wes Anderson. Oder sollte ich lieber sagen: "Ich war es"? 
Dieser Gedanke plagte mich die vergangenen paar Jahre. Denn obwohl Die Royal Tenenbaums und Moonrise Kingdom zu meinen absoluten Lieblingsfilmen zählen und ich auch Durchgeknallt, Die Tiefseetaucher sowie Darjeeling Limited sehr liebe (und nach anfänglichen Problemchen Rushmore ebenfalls ins Herz geschlossen habe), ließ mich Grand Budapest Hotel 2014 äußerst enttäuscht zurück. 2018 konnte ich Wes Andersons zweitem Stop-Motion-Film, Isle of Dogs, noch weniger abgewinnen als dem charmanten und gewitzten, mich aber kalt lassenden Der fantastische Mr. Fox. Obwohl ich es nicht wollte, lastete letztlich auf The French Dispatch eine große Bürde: Kann Anderson mit seinem neusten puppenhäuschenhaft ausstaffiertem Film mein Herz zurückgewinnen, oder drängt sich der Gedanke auf, dass ich mit seinen neueren Werken einfach nicht auf einer Wellenlänge liege?

Wie die Überschrift euch bereits verraten hat: Ersteres trat ein, glücklicherweise! Das Thema und Setting von The French Dispatch hat sicherlich seinen Beitrag dazu geleistet: Andersons neuster Film ist ein cineastischer Liebesbrief an den kauzig-intellektuellen Journalismus, wie ihn The New Yorker leistet und in seiner Blütezeit förmlich lebte und atmete. Das ist ein Metier, mit dem man unmittelbar mein Interesse erhascht, und wie Anderson in seinem Filmuniversum daraus das exzentrische, anspruchsvolle französische Ablegerformat einer US-amerikanischen Kleinstadtzeitung macht, hat für mich immensen Charme - ebenso wie die verschachtelte, dreckige, gleichwohl pittoreske Stadt, in der das titelgebende Druckerzeugnis angesiedelt ist.

Außerdem nähert sich Wes Anderson dem Journalismus, wie ihn The New Yorker-Gründer Harold Ross vorlebte, mit einer Art kritischer Nostalgie: Die ebenso aufgeladene wie beschauliche Ästhetik, in der Andersons dem Auge schmeichelnde Symmetrieliebe und ein das Auge überforderndes Maß an markanten Details aufeinandertreffen, strahlt große Passion aus. Und sowohl Erzählstimme wie auch Erzählhaltung zeigen genauso sehr innige Begeisterung für diese Figuren und ihre Arbeit. Gleichwohl ist The French Dispatch kein kantenloses Fest der Verklärung. Sei es der Running Gag (oder eher: die herumlungernde Pointe) eines Redakteurs, der noch nie einen Artikel fertiggestellt hat, und trotzdem in den Redaktionsräumen herumsteht, oder eine Parade an Seitenhieben auf dramaturgische Freiheiten in der Berichterstattung sowie die journalistische Beobachterposition verlassende Reportagen. Seien es bewusst große Text/Bild-Scheren oder das Mantra des von Bill Murray verkörperten Chefredakteurs, laut dem man Fehler, Patzer und ähnliches einfach wie Absicht darstellen sollte: Anderson liebt alles, was er hier zeigt, weil er die Inspiration verehrt - doch er verleugnet nie, dass sich Kritikpunkte aufzeigen ließen.

Und so hatte The French Dispatch fast schon eine versehentliche, auf mich zugeschnittene Metaebene: Der Film schien mit mir über Wes Andersons Stärken und Passionen zu sprechen und sich für meine Antipathie gegenüber den vergangenen zwei Filmen entschuldigen zu wollen. Dass darüber hinaus dieser berückend schön gefilmte, von Alexandre Desplat musikalisch amüsiert untermalte, fabelhaft ausgestattete Film viel mehr Fokus auf das Charisma und den Witz seines Stoffes legt, und nicht wie Grand Budapest Hotel versucht, den flach skizzierten Figuren noch Pathos und Dramatik zu entlocken, macht ihn für mich zu einer viel runderen Angelegenheit.

Die Royal Tenenbaums und Moonrise Kingdom sind in meinen Augen unerreicht, dort entwickelt Anderson in seiner Ästhetik zudem noch runde, komplexe, mich bewegende Figuren. The French Dispatch ist dagegen das Partnerstück zu Grand Budapest Hotel: Nostalgie und visueller Prunk haben Vorrang. Bloß, dass der Neuere für mich abgerundeter und seine Tonalität besser einschätzender wirkt und mich von der Thematik her einfach deutlich mehr anspricht. 108 Minuten glückseliges Lächeln vor der Kinoleinwand!

Dienstag, 5. Oktober 2021

Titane

Julia Ducournau hat sich in kurzer Zeit zu einer Regisseurin entwickelt, der ich bis auf weiteres vertraue. Ihr Debüt-Kurzfilm, die empathische Pubertätsgeschichte mit Bodyhorrorelement Junior, ist echt clever. Ihr Kino-Langfilmdebüt Raw, eine mit viel Blutlust versetzte Spätpubertäts- und Coming-of-Sexual-Age-Geschichte, war einer meiner Top-20-Filme seines Jahrgangs. Als ihr zweiter Kino-Langfilm Titane im Sommer 2021 auf den Filmfestspielen von Cannes mit der Palme d'Or ausgezeichnet wurde und sich die Festivalpresse mit Superlativen des Schocks, begeisterten Ekels und der Verblüffung überschlug, war ich unfassbar heiß auf den Film. Und ... zumindest qualitativ wurde ich nicht enttäuscht.

Allerdings düste Titane inhaltlich meilenweit an meinen Erwartungen vorbei, was dem Tenor der frühen Kritiken und unmittelbar nach der Weltpremiere ins Netz geschleuderten Presse- und Publikumsreaktionen in die Schuhe zu schieben ist. Denn im Gegensatz zu den international näher an den jeweiligen, regulären Kinostarts verfassten Rezensionen, die Titane stärker aus dem Blickwinkel "Gewinnerfilm bei einem der, wahrscheinlich sogar dem prestigeträchtigsten Festivals der Welt" heraus behandeln, gingen die volles Rohr in Sachen "Titane, Tabubrecher!". "Most fucked up movie", Berichte über zahlreiche Leute, die während der Premiere den Saal verließen (es ist nicht Cannes ohne sowas), "schockierendster Film des Jahres", sowas halt.

Und dahingehend ist es von äußerster Bedeutung, in welches Publikum man sich eher gesellt. Wer primär das ruhig-nachdenkliche Nachmittagsprogramm im Programmkino besucht, wo so manche Festivaltitel laufen, wird von Titane sicher nachhaltig durchgerüttelt und verschreckt. Wer dagegen dauerhaft beim Fantasy Filmfest und anderen Feierlichkeiten des Abseitigen abhängt, dürfte sich fragen: "Äh ... ne?!"

Daher: Bei Titane gilt noch stärker als sowieso schon im Kino - bitte nicht den Film danach bewerten, wie sehr er den Ton anstimmt, den man sich durch vorherige Berichterstattung ausgemalt hat. Dieses Metall scheppert in seinem eigenen Takt!

Darum geht's

Seit einem Unfall in ihrer Kindheit trägt Erotiktänzerin Alexia (Agathe Rousselle) eine Titanplatte im Kopf. Als die emotional instabile, impulsiv-gewalttätige Frau eines Tages untertauchen muss, beschließt sie kurzerhand, sich als nach vielen Jahren der verzweifelten Suche wieder aufgetauchter Sohn des Feuerwehrmannes Vincent (Vincent Lindon) auszugeben. Der ist dermaßen gerührt von der Wiedervereinigung mit seinem Spross Adrien, dass er die wacklige Maskerade nicht durchschaut. Die neue, geborgene Heimat Alexias steht allerdings auf der Kippe, denn sie ist schwanger. Wie lange also wird sie noch als schüchterner junger Mann durchgehen ..?

So weit zumindest der grobe Plot von Titane. Wovon Julia Ducournau auf thematischer Ebene handelt, ist deutlich komplexer und selbstbewusst-wild durchgemischt. Während die Filmemacherin in Junior und Raw ihrer Beimischung von Horrorelementen zum Trotz recht stringent vorgeht, ist Titane ein passioniert um sich schlagender Film. Nicht umsonst bezeichnete sie sich, ihren Film, ihre Figuren und ihr Team in Cannes als "Monster", und bekundete ihre Dankbarkeit, dass diese Monster in den Reihen des Prestigefestivals willkommen geheißen wurden. Gezügelt ist an Titane kaum etwas.

In Titane geht es, das sind die Offensichtlichkeiten an diesem 108-minütigen Werk, unter anderem um die Suche nach Geborgenheit und emotionale Bindung. Vincents fast aufopferungsvolle, von stillem Schmerz verzehrte Sehnsucht nach seinem Sohn kommt da in den Sinn, die Lindon mit weichen, kummervollen Zügen in einem rauen Gesicht und zarten Gesten seines trainierten, kantigen Körpers ausdrückt. Und natürlich auch Alexias innere Zerrissenheit, dass sie sich bei Vincent wohler und angekommener fühlt als zuvor - wobei nicht eine Sekunde lang die Angst, ertappt und rausgeworfen oder bestraft oder sonstwie falsch behandelt zu werden, aus ihren Augen weicht.

Agathe Rousselles Darbietung als Alexia ist zudem voller Code Switching, so sehr, dass es zu einer Triebfeder des Films wird, weit über das Handlungselement "Flüchtige Person gibt sich als Mensch eines anderen Genders aus und will nicht entdeckt werden" hinaus, das andere Filmschaffende als Julia Ducournau schon deutlich konventioneller angepackt haben und auch wieder anpacken werden. Zugleich äußerst nuanciert, da voller filigraner Macken, Gesten und mimischen Angewohnheiten, und wild, aus sich herausgehend und wuchtig, lässt uns Rousselle an Alexia in vielen Positionen und Rollen teilhaben:

Als brutaler, orientierungsloser und ungezügelter Privatmensch. Als das selbstbewusst performende Stück Fleisch, das bei Erotikshows begafft werden will. Alexia als aufgepeitschte, zurecht von übergriffigen Fans angewiderte Post-Show-Privatperson im Gewand ihrer Bühnenpersona. Alexia als sexuell umtriebig-ungelenke Eroberin. Als cholerischer Nimmersatt. Alexia, unwohl darin, Adrien zu spielen. Alexia, komfortabel darin, Adrien zu spielen. Alexia als Adrien, der sich in femininem Selbstausdruck versucht. Alexia, so tief in der Rolle des Adrien angelangt, dass beidseitige Vater-Sohn-Gefühle zwischen ihr und Vincent aufkommen. Und so weiter, und so weiter. Eine echte schauspielerische Wucht, die dem Film konstant mit sanftem, allerdings klar die Richtung vorgebendem Nachdruck das Thema "Genderidentität" vorgibt. Ducournau hält auch nicht damit hinterm Berg, dass die nicht-binäre, wenngleich weibliche Pronomen verwendende Rousselle ab ihrem Vorsprechen deutlichen Einfluss auf Titane hatte.

Titanplatte im Kopf, Fremdkörper im Film

Man spürt einen persönlichen, sensiblen Touch in diesem Film, der mit Metaphern, grotesken Genreeinflüssen sowie wild durchgewürfelten, authentischen Beobachtungen aus höchst unterschiedlichen Alltagen um sich schleudert, so dass er eine faszinierend allgemeine, weltferne Erfahrung wird. So, wie Alexias Titanplatte zwar ein Fremdkörper, aber doch ein Teil von ihr ist, so ist Titane ein Ungetüm aus zu einer Einheit zusammengesetzten Fremdkörpern. Auf Storyebene, tonal und ästhetisch. Es ist ein Film über gefundene Familie, aber auch über Genderausdruck, Ruhefindung, toxische Maskulinität, eine Frau mit Blut an ihren Händen, unmögliche Schwangerschaft sowie Übergänge, womöglich auch in ein robusteres Morgen.

Titane riskiert, mit diesem rauen Gemisch, seinem nach dem ersten Drittel stark nachlassenden Gewaltgrad, seiner emotionalen Verletzlichkeit und für Unnahbarkeit sorgenden, grotesken Genreeinschlag, für Ratlosigkeit zu sorgen. Oder gar für schädliche Deutungen - Indiewire etwa nannte ihn kürzlich transphob, was eine Interpretation ist, auf die ich nie gekommen wäre und eine Absicht darstellen würde, die ich Ducournau niemals zutrauen würde. Es ist allerdings eine, bei der ich sehe, wo sie herkommt, denn anders als Junior und Raw kaut Titane seinem Publikum viel weniger vor. Was paradox ist, denn gleichzeitig ist es der unsubtilere Film, da schrillere, aufgedrehtere, entfesseltere in diesem Bunde.

Filme, die derart paradox sind, können in die Leitplanke krachen und darüber hinaus krachen. Oder sie haben mit diesem Schneid den Zunder, den es braucht, um mit Extrawumms über die Zielgerade zu brettern. Was darüber entscheidet, was geschieht, sind manchmal Millisekunden. Bei mir kam Titane bei Zweiterem aus, ich habe noch vor der Titeleinblendung zu ihm gefunden und mich an dieser verworrenen Reise ergötzen, während ihr mitfiebern und mitleiden können. Titane landet mit Sicherheit in meinen Tops des Jahres und ich kann allen, die nach diesen Zeilen neugierig geworden sind, nur raten, ihr Glück ebenfalls zu versuchen. Egal, ob ihr ihn lieben oder hassen werdet, der Film wird euch kaum egal sein.

Und wer nach dieser Kritik erstmal noch ratlos ist: Am 14. Oktober besprechen und interpretieren ihn Antje und ich bei Filmgedacht. Vielleicht können wir euch dann Lust auf den Kinobesuch machen. Oder aber ihr erkennt, dass euch der Film so unangenehm berühren wird wie ein Autounfall, der eine OP nach sich ziehen müsste, bei dem ihr eine Titanplatte eingesetzt bekommen würdet. Dann verzichtet lieber, das gönnt man doch niemandem ...

Titane ist ab dem 7. Oktober 2021 in den deutschen Kinos zu sehen.