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Donnerstag, 4. Oktober 2018

Oliver Masucci: 'Bei Kunst zählt die Idee'

Ich habe mit Schauspieler Oliver Masucci über Werk ohne Autor, die Arbeitsweise von Regisseur und Autor Florian Henckel von Donnersmarck sowie unschäne Floskeln gesprochen.

Ich mutmaße, dass sich der Großteil des Diskurses rund um Werk ohne Autor auf die Geschichtsverarbeitung Deutschlands beziehen wird. Aber eine Szene, die mir sehr imponiert hat, ist die Museumsführung direkt zu Beginn. Indirekt zeigt sie auf, welch deutsches Unding die oft im harmlosen Scherz gesagten Sprüche "Ist das Kunst oder kann das weg?" und "Also, das hätte ein fünfjähriges Kind auch malen können!" sind ...
Es ist furchtbar! Es ist grauenhaft! "Das kann ich auch" gehört genauso zu solchen schlimmen Sätzen. Bei Kunst zählt die Idee, die ist das interessante. Das Herstellen am Ende ist nur sekundär. Es ist mir egal, wenn jemand denkt, sein kleines Kind könnte technisch dasselbe abstrakte Bild herstellen – es würde in kaum einem Fall auf dieselbe Idee kommen! Die Idee steht in der Kunst über dem Herstellungsprozess, die Idee muss daher entlohnt werden – was manch einer aber nicht begreifen will. Damit bekommen wir dann solche Sätze zu hören wie: "Ja, wenn ich die Idee gehabt hätte, hätte ich das genau so machen können …" Aber man hat die Idee nicht gehabt, das ist ja der Punkt! Da herrscht so eine Begriffsstutzigkeit vor, bei manchen Menschen, das ist zum Haare raufen.

Wenn man mal überlegt, wie Beuys, an den meine Figur in Werk ohne Autor angelehnt ist, die Nation gespalten hat, bloß weil er einen Hut getragen hat. Er wurde dadurch zu einem Hüter, oder für manche zum Verräter, des Menschseins, des Kunstprozesses und des Kunstverständnisses, und das zu großem Teil allein dadurch, dass manche Leute ihn partout nicht verstehen wollten. Man kann mir nicht sagen, dass die Leute Beuys nicht verstehen konnten – sie wollten ihn nicht verstehen! Allein, weil er einen Hut getragen hat. Durch so etwas kann man unsere Nation spalten! Das finde ich irre!

Erst recht, wenn man bedenkt, was er dann letztlich trotz dieser Kontroversen uns hinterlassen hat: Erst kürzlich bin ich in Kassel mit dem Auto an den Bäumen vorbeigefahren, die er gepflanzt hat – die sind zu einer richtigen Allee herangewachsen. Das ist ein landschaftliches Kunstwerk, das über seinen Tod hinaus Bestand hat und noch immer weiter wächst. Das ist absoluter Wahnsinn, mir sind die Tränen gekommen, als ich das gesehen habe. Aber was hat die 'Bild'-Zeitung geschrieben, als Beuys gestorben ist? "Deutschlands größter Scharlatan ist tot." Das muss man sich mal vorstellen, was das für eine Zeit war, in der er agiert hat und sich zerschlissen hatte. Beuys meinte ja: Der Mensch muss am Ende seines Lebens zerschlissen sein, denn wenn er in gutem Zustand stirbt, wäre das tragisch, eine Verschwendung. Wenn ein zerschlissener Mensch stirbt, habe es dagegen einen Sinn. Dann hat er sich aufgebraucht, für die Menschen um sich herum und für die Kunst. Und so einen klugen, einsichtigen Menschen nannte man damals Scharlatan …

Wo liegen denn Ihre persönlichen Vorlieben in der Kunst? In der Aktionskunst wie der von Beuys, in der abstrakten oder doch eher in der naturalistischen Malerei, oder, oder ..?
Mein Kunstlehrer war Beuys-Schüler, und daher habe ich viel über Fluxus und Happenings gelernt – und ich denke, das hat meinen Blick auf Kunst schon stark beeinflusst. Und dann war auch noch der Vater meiner ersten Freundin ein Künstler, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe. Er war ebenfalls Beuys-Schüler, und wir haben zusammen ein Pergament bemalt, das wir daraufhin dreidimensional als Plastik gestaltet haben.

Ich habe auch danach mit einigen Künstlern zusammengearbeitet. Ich habe zum Beispiel mit Erwin Wurm einige One Minute Sculptures gemacht und auch eine Wortskulptur in Salzburg, wozu er einen kunsttheoretischen Text geschrieben hat, den wir in der Skulptur ausgedrückt haben. Wir haben ihn auf einer Ausstellung aber auch vorgetragen, was eine sehr interessante Erfahrung für mich war, weil Ausstellungspublikum komplett anders reagiert als Theaterpublikum.

Ich habe immer gerne mit diesem Schlag von Leuten zu tun. Ich betrachte auch die Schauspielerei als Kunst. Das geht für mich alles Hand in Hand. Und es ist stets schön, Impulse zwischen den Künsten auszutauschen, denn schauspieltechnisch können wir das, was in einer Aktionskunst von jemandem wie Marina Abramovic steckt, gar nicht erfassen. Doch die Gefühle, die bei mir entstehen, wenn etwa Abramovic auf der Chinesischen Mauer auf ihren Mann zuläuft, um sich danach von ihm zu trennen, nehme ich oft in mein Schauspiel mit.

Ich nehme mir nicht vor "Ich mache das jetzt so oder so", sondern ich nehme diese Eindrücke als Fundament für mein Gemüt und spiele dann drauf los. Ich halte das für ergiebiger als das große Theoretisieren meines Schauspiels, denn so kann ich einen fremden Erfahrungsschatz zumindest zu einem Teil für mich vereinnahmen, was die Bandbreite der Rollen, die ich mir zutraue, enorm erweitert. Ich muss mich so nicht auf einen Satz oder ein Wort aus dem Skript verlassen, sondern kann mich von der Kunst beflügeln lassen.

Wie ist Ihr Eindruck von Florian Henckel von Donnersmarck als Regisseur? Gehört er zu den Regisseuren, die ihr Ensemble an der langen Leine lassen? Oder hat er eine sehr konkrete Vision, die er seinen Darstellern einflößt?
Ganz klar letzteres. Er hat eine sehr starke, ausformulierte Vision und er ist sehr genau in dem, was er tut. Sein Arbeitsprozess besteht daraus, dass er sich sehr viel Zeit nimmt, einem zu erklären, was er sehen möchte und weshalb. Er will, dass wir verstehen, wieso etwas auf eine bestimmte Weise gemacht werden sollte. Gleichzeitig ist er aber auch ein Regisseur, der sich auf der Suche befindet. Er sucht sehr genau, auch noch während der Arbeit. Das heißt, dass die Drehtage mit ihm sehr lang werden, weil es sein kann, dass man zwei Stunden etwas gedreht hat, er es dann aber verwirft, so dass man wieder neu anfängt, damit er eine Szene völlig neu aufrollen kann. Das klingt vielleicht paradox, aber das sind zwei ergänzende Seiten an ihm.

Und die Genauigkeit kommt seinem Drehbuch sehr zugute, da es wirklich bis in die kleinsten Psychologismen ausgearbeitet ist und wir als Schauspieler eine sehr verständliche, fundierte Grundlage erhalten. Dieser Vorarbeit zum Trotz nimmt er uns Schauspieler als Künstler sehr ernst, weswegen er in einem sehr respektvollen Umgang mit uns auf die Suche geht, was abseits des Drehbuchs möglich wäre, oder sich aus ihm heraus noch erarbeiten ließe. Da, wo Andere nur schnell, schnell fertig werden wollen, nimmt er sich die Zeit, weiter zu suchen. Und das habe ich sehr, sehr an der Arbeit mit ihm genossen. Dass sich jemand so viel Zeit nimmt, so genau zu arbeiten und darauf wert zu legen, das zu erreichen, was ihm vorschwebt und darüber vielleicht sogar hinaus geht, statt einfach bloß das Ding in den Kasten kriegen zu wollen, hat mir sehr imponiert. Erst recht, weil er dabei dich als Person und Künstler so sehr wertschätzt und mit dir ein Team bildet.

Ich schätze, dass das der Grund war, weshalb Werk ohne Autor so viel später fertig wurde als anfangs vermeldet, denn er hat auch im Schnitt so genau gearbeitet wie mit uns am Set. Was sich aber auch voll und ganz gelohnt hat! Es ist ein sehr spannender und dramatischer Film geworden.

Und ein thematisch sehr dichter. Die vorhin besagte Komponente, dass er die weitläufige Kunstskepsis in unserem Land kritisiert, ist ja nur einer von vielen inhaltlichen Aspekten des Films. Er ist darüber hinaus ja unter anderem der Versuch einer kulturellen Zeitkapsel dreier deutscher Epochen …
Richtig, wobei ich finde, dass sich der Kern des Films dessen ungeachtet auf einen Satz reduzieren lässt: Die Kunst erahnt etwas, was der Geist noch nicht begreifen kann. Damit lässt sich der Film in all seinen Facetten zusammenfassen. Es geht um ein Bild, in dem mehrere Personen zu sehen sind, die auf tragische, erschreckende Weise verbunden sind – und der Künstler weiß es nicht. Im Fall Gerhard Richter, der die Inspiration zu Tom Schillings Figur in Werk ohne Autor war, fand erst Jahrzehnte nach Entstehung des Bildes, ein Geschichtshistoriker diese Zusammenhänge heraus. Aber in der Kunst hat dieser Mann diese Personen bereits zusammengebracht – da bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke. Und das ist ja kein Einzelfall. Ich bin davon überzeugt, und finde es daher so aufwühlend: Die Kunst kann dem Verstand voraus sein.

Man sagt nicht umsonst 'Das Leben imitiert die Kunst', denn Beispiele gibt es zur Genüge. Orwells 1984 dürfte da wohl eines der Paradebeispiele für sein …
Ganz genau. Der hat es vorausgeahnt und wir sind da nun schon weit drüber hinausgeschossen. Es ist erschreckend. Wir sind so überwachbar, und wir merken es nicht einmal. Schlimmer noch: Wir nehmen es als Luxus wahr. Keiner will zu kritisch darüber nachdenken, denn würde man es, müsste man Konsequenzen daraus ziehen und sein Leben verändern. Und Veränderung ist dem Menschen ja zuwider. Veränderung kommt mittlerweile nicht mehr aus den Menschen heraus, sondern kommt von außen. Wenn Kriege ausbrechen oder ähnliches passiert, dann bequemen wir uns langsam aus der Gewohnheit heraus. Aber von uns aus, in Voraussicht, Dinge zu bewegen? Dafür graut es vielen Menschen, leider. Der Mensch erträgt lieber Situationen, die er ganz furchtbar findet, statt eine Veränderung zu wagen. Denn die Angst vor der Veränderung ist noch größer als das Leiden unter der gegebenen Situation. Das ist so irre. Deshalb verliert man mit dem Wort 'Strukturveränderung' jede Wahl. (lacht)

Zum Abschluss eine generelle Frage über Ihre Rollenwahl: Zieht es Sie eher zu Rollen, die Ihnen völlig fremd sind, oder ziehen Sie es doch vor, sich wenigstens in einem Aspekt Ihrer Rolle wiederzufinden?
Ich suche immer nach der Komponente, die mir am nächsten ist. Wenn ich den Punkt finde, der bei mir ist, dann kann ich die Figur mit Leben füllen – und dann kann ich mir auch all das an ihr erarbeiten, was überhaupt nicht meinem Naturell entspricht. So war es auch beim van Verten in Werk ohne Autor: Der eine Kreis bin ich als individuelle Person. Der andere Kreis, das ist das Vorbild Beuys. Und in der Mitte, da ist eine Schnittmenge. Ich versuche, mich zu der hinzubewegen und von dort aus die eigene Sprache dieser Figur van Verten zu entwickeln, und von da aus entwickelt sie dann ihre weiteren Eigenheiten.

Ich brauche das – in jeder Figur brauche ich etwas, das mich berührt. Und das können die Emotionen einer Figur sein, oder ich ziehe mir die Emotion aus einem Umweg. Wenn ich zum Beispiel Genre spiele, und eine wirklich widerliche, fiese Type spiele, dann suche ich mir ein Vorbild und ziehe meine Emotion aus dem Spaß daran, dieses Vorbild auf meine eigene Weise zu interpretieren. Das kann auch eine große Freude sein. Aber die Rollen, die mir am meisten gefallen, sind dann doch die, die etwas tief in mir berühren, das ich vielleicht auch selber nicht benennen kann, was mich aber zu Tränen bewegt. Die Rollen fallen mir dann auch am leichtesten zu spielen, weil ich aus dieser Emotion heraus einfach entstehen lassen kann.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Werk ohne Autor ist in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 11. November 2016

Steven Gätjen: "Rankings sind eine Reibungsfläche"


Nachdem ich vor wenigen Wochen mit Steven Gätjen über seine neue ZDF-Sendung sowie über das Geben und Aushalten von Kritiken gesprochen habe, haben wir uns nun erneut gesprochen. Dieses Mal ganz locker und ungezwungen zum Thema Disney. Denn demnächst geht es im Disney Channel mit der dritten Staffel Disney Magic Moments weiter. Ein weiteres Mal moderiert Steven Gätjen die ambitioniert und passioniert über die Disney-Wunderwelt informierende Rankingshow, und wie schon in Runde zwei bin auch ich als Kommentare von sich gebender Disney-Experte mit von der Partie. Grund genug, sich jeweils über die Show und unsere jeweilige Disney-Fanbiografie auszutauschen!

Wann und wie hat deine Leidenschaft für Disney begonnen?
Es fing mit den ersten Disney-Filmen an, die ich gesehen habe. Ich habe mich in diesen traumhaften, schönen Welten einfach wohl gefühlt. Und da mir meine Eltern schon sehr früh gerne vorgelesen haben, habe ich bereits als kleiner Junge gute Geschichten zu wertschätzen gelernt – und Disney kann das einfach! Intensiver wurde es dann, als ich mit 14 Jahren erstmals in Walt Disney World war. Das war für mich ein echter Wow-Moment, die Parks sind total genial, so märchenhaft und toll gemacht. Ich bin da mehrmals wieder hingereist, sowohl beruflich als auch privat.

Was war denn dein erster Disney-Film?
Ich weiß es nicht mehr so genau … Die ersten, an die ich vage Erinnerungen habe, sind Schneewittchen und die sieben Zwerge und Bambi, doch der, bei dem der Funke so richtig übergesprungen ist, war Das Dschungelbuch. Der hat meine Liebe zu Trickfilmen als Medium so richtig geprägt und mich nachhaltig geprägt.

Mein erster Disney-Film war ja Aladdin, aber meine Disney-Leidenschaft fing schon mit dem Disney Club im Ersten an, wo mich die Donald-Cartoons total gepackt haben …
Ohja, Donald ist ja auch richtig klasse!

… und daher war ich fast schon persönlich gekränkt als er selbst hier, im Entenland Deutschland, in Staffel zwei der Disney Magic Moments nicht zum lustigsten Tier gewählt wurde.
Ja, die Rankingergebnisse sind immer für eine Überraschung gut – da bleibe auch ich manchmal verdattert zurück. Ich bin mir sicher, dass du in der neuen Staffel bei der Ausgabe zu den besten Disney-Schauspielerinnen und -Schauspielern bei der einen oder anderen Platzierung fragend dreinblicken wirst. (lacht) Ich schätze, dass die Leute da mitunter danach abgestimmt haben, wie sehr sie die Personen generell mögen, und nicht konkret nach den Schauspielleistungen in deren Disney-Filmen. Aber das liegt in der Natur der Rankings: Sie sind ja eine Reibungsfläche, die Diskussionen anregen soll, wie man zu Filmen, Szenen und Künstlern steht, und da ist der vehemente Vergleich zwischen den eigenen Meinungen und der repräsentativen Abstimmung sehr willkommen.

Ja, ich freue mich schon sehr auf die Twitter-Debatten! Vor allem zu der Schauspieler-Folge, da kenne ich dank meiner Mitwirkung als Greenscreen-Kommentator bereits einige der Plätze. Das wird besonders spannend. Welche der Disney Magic Moments-Themen sind eigentlich deine Favoriten?
Ich zähle mal das Star Wars-Ranking dazu – da stand ja dasselbe Team dahinter, auch wenn es nicht als Disney Magic Moments lief. Die Folge hat mir riesigen Spaß gemacht, weil bei diesem Universum mein Herz aufgeht. Und in der neuen Staffel hatte ich besonders große Freude am Pixar-Ranking – auch hier, weil ich einen persönlichen Bezug zum Thema habe. Ich weiß noch, wie ich Toy Story im Kino gesehen habe und vorher dachte: „Ein computeranimierter Film über Spielzeuge, die zum Leben erwecken, das kann ja nichts werden …“ Und dann kam da so eine großartig erzählte Geschichte bei raus! Seither habe ich jeden Pixar-Film verschlungen und bin immer wieder enorm gespannt, wie die es schaffen, ihren Storys diesen speziellen Dreh zu verleihen. Einer meiner Favoriten von Pixar ist Die Unglaublichen. Allein die Idee, dass der Film in einer Welt spielt, in der Superheldsein verboten ist, weil die Bevölkerung dagegen geklagt hat, dass ihnen geholfen wird … Klasse. Oder Alles steht Kopf, wo uns Pixar in die Gefühlswelt eines jungen Mädchens entführt und mit einer kunterbunten Fantasiefigur bekannt macht … Bei Pixar gibt’s einfach immer wieder so brillante Einfälle.

Wo du Die Unglaublichen erwähnst: Da freue ich mich ja auch schon sehr auf die Fortsetzung!
Ich warte da erstmal ab. Ich bin natürlich gespannt, wie sie aussehen wird, aber … Ich weiß nicht. Findet Dorie fand ich zwar toll, aber längst nicht so gut wie das fantastische Original. Es fehlte mir da der Neuheitsfaktor.

Also bist du generell nicht so der Fortsetzungsfreund?
Daran liegt es nicht, ich mag viele Fortsetzungen. Aber gelegentlich fehlt mir bei ihnen halt was. Bei Avengers habe ich mich riesig gefreut, all diese Figuren erstmals auf der Leinwand miteinander interagieren zu sehen – und dann kam Avengers: Age of Ultron, der zwar als Film eigentlich genauso gut ist, doch er hat mich nicht mehr so sehr mitgerissen, weil ich halt schon wusste, wie es ist, wenn diese Helden aufeinander treffen. Aber er war wenigstens toll gemacht, genauso wie Pixar bei seinen Fortsetzungen bisher immer handwerklich top ist – gut, inhaltlich war Cars 2 nicht unbedingt mein Fall, dennoch hat er Achtung verdient. Ich habe mehr Probleme mit lieblos gestalteten Fortsetzungen wie Cap & Capper 2 oder Peter Pan: Neue Abenteuer im Nimmerland, die sich dann doch schwer tun, nicht wie Geldmache zu wirken …

Und wann hat bei dir die Faszination für die „Geschichten hinter den Geschichten“ begonnen, also für die Entstehung der Filme sowie für die Biografien der Macher? Meine erste Disney-Biografie habe ich mit 10 verschlungen, aber ich war sicher ein Frühstarter …
Oh, so jung war ich nicht, als das losging. Ich habe dennoch früh damit angefangen, mich dafür zu interessieren, wo die Ideen für die Filme herkommen, und auch die großen Persönlichkeiten hinter den frühen Disney-Filmen haben früh meine Aufmerksamkeit gewonnen. Intensiv habe ich mich mit der Materie aber erst im Erwachsenenalter auseinandergesetzt, als es mit der Disney Filmparade losging. Da dann aber so richtig – da habe ich mich auch mit der Disney-Arbeitsphilosophie befasst und der ganzen Einstellung des Unternehmens. Das fand ich richtig packend.

Auch wenn die kritischen Stimmen immer leiser werden, so hat es ja doch einige Unkenrufe gegeben, als Disney damit anfing, mehr und mehr Marken zu erwerben. Wie stehst du zu Disneys Kauf von Pixar, Marvel und Lucasfilm?
Wie alles im Leben, hat auch Disneys Unternehmensstrategie sicher positive wie negative Seiten. Aber ich glaube zum Beispiel nicht, dass George Lucas mit seinen letzten Filmen die Star Wars-Saga verbessert hat. Die Prequels sind bei weitem nicht so schlecht, wie sie gern geredet werden – aber so gut, wie man es sich gewünscht hätte, sind sie ebenfalls nicht. Mit Das Erwachen der Macht“ hat Disney hingegen gezeigt, dass sie der Reihe frischen Wind verleihen können. Und mit Rogue One, den tollen Castingentscheidungen beim Han-Solo-Film und den ganzen Marvel-Filmen beweisen sie auch, welche tollen Impulse sie setzen können und wie klug sie an diese Wahnsinnsaufgabe, solche Riesenfilme auf die Beine zu stellen herangehen. Und auch bei Pixar habe ich keine negativen Entwicklungen seit dem Disney-Einkauf bemerkt – es ist halt nur zu einfach, irgendwas negatives zu behaupten.

Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen eine alberne, kleine Rausschmissfrage: Welche Disney-Figur würdest du dir den USA anstelle Donald Trump als Präsident wünschen?
Es geht ja darum, eine Position zu besetzen, die Intelligenz erfordert und mit Erfahrung sowie bedachter Emotionalität bekleidet werden sollte … Da würde ich auf Carl Fredricksen aus Oben setzen, dessen kaltes Herz im Laufe des Films erwärmt wurde und der am Ende Witz und Lebensfreude mitbringt. Alternativ wäre ich für Judy Hopps aus Zoomania, die mit ganz viel Engagement und Leidenschaft dabei ist, die zudem immer willens ist, dazuzulernen und die voller Energie dafür kämpft, für jeden die Welt zu einem besseren Ort zu formen. Das ist die richtige Einstellung.

Besten Dank für das Gespräch!

Disney Magic Moments ist ab Montag, dem 14. November 2016, wöchentlich ab 20.15 Uhr im Disney Channel zu sehen - immer schön mittwittern unter #DisneyMagicMoments!

Montag, 2. Mai 2016

Aus dem Schneideraum: "The First Avenger: Civil War"-Interviews (Darsteller-Edition)

Bildquelle: James Gillham / StingMedia for Disney

Manchmal kommt es vor, dass ich mit einem Berg an Material von einem Interviewtermin zurückkomme und genau weiß: Es war zu spannend und unterhaltsam, als dass ich auch nur irgendwas wegwerfen wollen würde. Doch für meinen Auftraggeber ist nicht alles zu gebrauchen. Sei es wegen des Themenschwerpunkts, weil der Artikel sonst zu lang werden würde oder weil einzelne Fragen den Lesefluss stören,  der den zentralen Fragen und Aussagen zugrunde liegt. Daher habe ich hier bei SDB-Film eine neue Kategorie ins Leben gerufen. Unter dem Label "Aus dem Schneideraum" möchte ich euch jenes Interviewmaterial vorstellen, dass es nicht in meine Interviewfeatures an anderer Stelle geschafft habt. Den Auftakt machen Paul Bettany und Emily VanCamp,

Wie haben Sie die Drehtage in Leipzig erlebt?
Emily VanCamp: Ich glaube, ich hatte leider nur zwei Drehtage in Leipzig. Es war aber eine sehr schöne Zeit: Mein Freund ist mit rübergekommen und wir haben in den Drehpausen viel unternehmen können. Ich habe die Gelegenheit auch genutzt, um Berlin bei idealem Sommerwetter kennenzulernen und bei einer Radtour zu erkunden.

Erwartet Marvel, dass Sie sich, und auch die anderen Darsteller, nach Erhalt der Rolle dann doch in die Comicwelt hineinschmeißen und alle möglichen Storylines und Varianten ihrer Figuren verinnerlichen?
Paul Bettany: Nein, das erwarten sie nicht. Sie schicken einem aber sehr wohl Comics zu. Und sie sind sehr daran interessiert, was man von seiner Figur hält und was man denkt, welchen Weg sie einschlagen soll. Ich weiß nicht, was sie mit der Information dann anfangen, ob sie da überhaupt drauf hören. Aber sie erwecken zumindest den Anschein, sehr daran interessiert zu sein, was du von deiner Rolle hältst, weil sie wissen, dass du für eine lange Zeit mit dieser Figur leben musst.

Die Marvel-Figuren, wie sie in den Filmen auftreten, unterscheiden sich ja durchaus von den bereits vielfältigen Versionen ihrer Comic-Inkarnationen. Hatten Sie bereits bei der Entstehung der Film-Version Visions Einfluss auf die Richtung, die das Ganze einschlägt? Beziehungsweise: Ließ man Sie wenigstens im Glauben, dass dem so wäre? (lacht)
Paul Bettany: Nein, die Abwandlungen gegenüber den Comic-Varationen von Vision wurden nicht auf mein Drängen beschlossen. Es stimmt, dass es auch bei meiner Figur große Unterschiede zu den Comics gibt, aber diese Abweichungen sind allesamt sehr bewusst gewählt. Und ich habe das Gefühl, dass dies bei anderen Regisseuren und bei einem anderen Studio richtig schief gehen könnte. Doch bei Marvel wird immense Passion in die Filme gesteckt, die auf grundehrlicher Liebe zu den Vorlagen fußt. Der Moment, der mir dies am eindrücklichsten vorführte, ist folgender: Kevin Feige war bei Age of Ultron zugegen, als ich meinen ersten Drehtag als Vision hatte. Und da steht er, dieser Studioboss, der die Marvel-Figuren über alles liebt, und er sieht mich in meinem vollen Kostüm, woraufhin er vor Glück wie ein kleines Kind strahlt.

Ich finde, dass man daran erkennt, dass die Leute bei Marvel Studios nicht nur einen riesigen Haufen Geld verdienen wollen. Natürlich wollen sie auch das und das gelingt ihnen mit links. Aber es geht ihnen dabei stets darum, diesen Figuren und Geschichten einen Dienst zu erweisen, sie zu ehren und ihr Vermächtnis zu beschützen. Das bedeutet aber auch, dass zugunsten einer interessanten Adaption die Regeln verbogen werden können. Es gibt etwa das ungeschriebene Gesetz, dass jemand, der bereits eine Rolle im 'Marvel Cinematic Universe' spielt, nicht plötzlich eine andere übernehmen kann. Für mich wurde aber eine Ausnahme gemacht, noch dazu eine ohne Präzedenzfall. Jarvis war in keinem Comicuniversum die Voicematrix von Vision. Das hat man im 'MCU' geändert, und die Fans haben es geliebt. Würden Leute diese Filme verantworten, die nicht so viel Erfahrung mitbringen und nicht so gut in den Comics bewandert sind, so wäre die Fanboy-Welt sicher bereits voller Zorn Sturm gelaufen.

Welche Entwicklung sollte Vision denn Ihrer Meinung nach durchmachen?
Paul Bettany: Vision wurde in Age of Ultron geboren. Das wird ja sicherlich nicht noch einmal passieren. Und da war er omnipotent, aber auch unfassbar naiv. Das zu spielen hat sehr viel Spaß gemacht. Nun versucht er, herauszufinden, was Menschlichkeit ist. Und er kleidet sich in 50er-Jahre-Klamotten, weil er glaubt, sich so anpassen zu können, genauso, wie er versucht, sich endlich abzugewöhnen, durch Wände zu schweben, statt Türen zu benutzen. Ich glaube, Vision versteht nahezu ausschließlich das Konzept der Logik, weshalb es in seiner Sicht der Dinge keinen Raum für Loyalität gibt. Soll heißen: Jede neue Information könnte Visions Allianzen verschieben. Aber Liebe ist der Tropfen, der bei ihm das Fass zum Überlaufen bringt: Er ist von Scarlet Witch fasziniert, weil beide etwas gemeinsam haben. Sie wurde aus der selben unfassbaren Macht geboren wie er. Und sie beide kennen die Begrenzungen ihrer Fähigkeiten nicht. Sie sind wie meine vierjährige Tochter, die nicht weiß, wo ein Raum anfängt und wo er aufhört. Für sie beide existieren keine Regeln und Einschränkungen, und Vision erkennt in The First Avenger: Civil War, dass sie beide gefährlich sind. Darauf würde ich künftig gerne aufbauen.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie den für die Filme geplanten Look von Vision gesehen haben?
Paul Bettany: Ich dachte nur: "Na, das wird aber fucking viel Zeit im Make-up mit sich bringen. Mann ... das wird hart!" Es ist zum Glück nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Zu Beginn einer Produktion sind alle noch eingerostet, dann dauert es jeden Tag 1,5 bis 2 Stunden. Später kommt da eine Routine rein und es brauchen drei extrem talentierte Leute, die gleichzeitig an mir arbeiten, noch knapp eine Stunde dafür. Dabei muss ich aber meine Brille abnehmen, ohne die ich jedoch kaum etwas sehe. Das heißt, dass ich währenddessen nicht einmal ein Buch lesen kann, weshalb ich mich dabei zu Tode langweile. Danach kommen noch 30 bis 40 Minuten, um mir Visions Kleidung oder Rüstung anzulegen. Was mir gefällt, ist, dass Visions Look zwar digital ergänzt wird, dabei aber auch auf viele, alte Theatertricks zurückgegriffen wird. Ich habe eine Glatzenkappe und dann diese prothetischen Maskenteile, die mir bis zu den Augenbrauen gehen und festgeklebt werden mit ... ich glaube, es heißt Gaffcot, aber das kann es nicht sein. Das klingt wie eine Figur aus Star Wars, aber das stimmt ebenfalls nicht ... Hinzu kommt das lilafarbene Makeup, mit dem meine freiliegende Haut bemalt wird. Außerdem bekomme ich zu guter Letzt Kontaktlinsen eingesetzt, damit meine Augen wie Objektive aussehen.

Wären Sie auch bei einem realen Civil War-Konflikt im Team Iron Man?
Paul Bettany: Ja. Jede autonome Gruppierung von Wesen mit Superkräften stellt, ob gewollt oder nicht, ein Risiko dar, daher wäre es fahrlässig, sie nicht zu kontrollieren.

Mehr von Paul Bettany könnt ihr hier lesen, weitere Antworten von Emily VanCamp gibt es hier. Und selbstredend ist The First Avenger: Civil War im Kino eures Vertrauens in 3D und 2D zu genießen!