Mittwoch, 28. Dezember 2022

Die schlechtesten Filme 2022

Immer mehr Filmschaffende und Mitglieder der Filmpresse lassen kein gutes Haar an Floplisten. Nachvollziehbar, denn seit popkulturelle Diskussionen in den sozialen Netzwerken im Sekundentakt in Geschrei und Gebrüll ausarten, ist der Diskurs über Kunst, Unterhaltung und unterhaltende Kunst verpestet. Dennoch halte ich vorerst an meiner hier Tradition des negativen Jahresrückblicks fest.

Einfach, weil ich es wertvoll finde, als Gegengewicht zu meinen filmverliebten Texten und Rankings in Erinnerung zu rufen, bei welchen Filmen ich ratlos oder gar grantig zurückgeblieben bin. Es braucht ja Schatten, um das Licht zu würdigen; wer nur lobt, dem glaub man's irgendwann nicht; yada yada. Man muss dabei ja nicht übermäßig beleidigend werden. Es geht darum, das Bild zu vervollständigen.

Und vielleicht, aber nur vielleicht, findet ihr in dieser Hitliste sogar Titel, auf die ihr neugierig werdet, weil ihr erahnt, sie mehr zu mögen als ich?


Platz 10: Hocus Pocus 2 (Regie: Anne Fletcher) und Das Versteck (Regie: Pascual Sisto)

Eröffnen möchte ich die Retrospektive der negativen Filmgefühle mit einem ungleichen Doppel: Ich liebe Hocus Pocus und bin mit meinem Kaufverhalten sozusagen Mitschuld daran, dass es einen zweiten Teil gibt. Doch beim Anblick von Hocus Pocus 2 habe ich mich gefühlt, wie ich mir vorstelle, was in denjenigen vorgegangen sein muss, die dem Original damals Verrisse verpasst haben:
Ich fand die jugendlichen Figuren weitestgehend egal, das Drehbuch zäh und unlustig und den Look des Sequels schäbig. Es hat zwar eine meiner liebsten Musikeinlagen des Filmjahres, aber sie überschattet den gesamten Rest des Films, dem einfach die Kenny-Ortega-Campiness fehlt.

Bei diesem Sequel bin ich überzeugt: Es ist sein Problem. Ich glaube, dass das zentrale Hexen-Trio engagiert war, in seiner Gesamtheit wirkt die Fortsetzung auf mich aber wie etwas, das mit der Haltung "Disney+ braucht einen neuen Exklusivfilm, hier, hau mal was raus" angegangen wurde. Ich war ein einfaches Ziel für diesen Film, und dennoch hat er meilenweit an mir vorbeigeschossen.

Das Versteck habe ich bereits 2021 unter dem Originaltitel John and the Hole im Rahmen des Fantasy Filmfests auf der großen Leinwand gesehen, und ich habe mich im anschließenden Gespräch mit anderen Besucher*innen wie im falschen Film gefühlt: Ich fand die Geschichte eines Teenagers, der seine Familie in einer Grube im benachbarten Wald gefangen hält, gähnend langweilig, affektiert gespielt und so tiefgreifend wie die Eintrittskarte, die ich für ihn gelöst habe.

Aber alle, mit denen ich sprach, waren begeistert. Und auch mein geschätzter Filmstarts-Kollege Oliver Kube hat eine schön geschriebene Lobesrede auf den Film verfasst, die mich an mir zweifeln lässt. Habe ich denselben Film gesehen? Es muss ein "Ich-Problem" sein, ich bin unfähig, die richtige Wellenlänge für diesen Film zu finden. Trotzdem hat mich dieser metaphorische Thriller so genervt, es wäre verlogen gewesen, ihn aus meiner Flopliste rauszuhalten. Ihr da draußen, derweil: Hört eher auf Oliver als auf mich.

Platz 9: Liebesdings (Regie: Anika Decker)

Ich drücke Anika Decker die Daumen. Ihr Regiedebüt Traumfrauen ist kurzweilig, ihre Verwechslungskomödie High Society hat mir Spaß gemacht und als Drehbuchautorin verhalf sie sowohl Til Schweiger (Keinohrhasen, Zweiohrküken) als auch Detlev Buck (Rubbeldiekatz) und Karoline Herfurth (SMS für Dich) zu gelungenen Erfolgen. Daher erklärte ich mir die unlustigen Trailer für Liebesdings als Auswüchse eines mies geleiteten Marketings. Dann habe ich den Film gesehen und einer meiner ersten Gedanken war: "Oh, das Marketing war ja noch schmeichelhaft."


Es liegt nicht am Ensemble. Lucie Heinze findet in der Rolle einer feministischen Komikerin eine gute Balance aus quirlig und bodenständig. Denis Moschitto, Peri Baumeister und Alexandra Maria Lara werten praktisch jeden Film auf, in dem sie aufkreuzen. Und Elyas M'Barek habe ich die Rolle eines von der Presse genervten Schauspielers ohne jeden Hauch eines Zweifels abgekauft.


Und Liebesdings hat Momente, die zünden. Etwa, wenn der wie ein Blutsauger gekleidete "Reporter" eines hetzerischen Boulevardblattes, das frappierend an ein reales, leider erfolgreiches Schmierenblatt erinnert, in der Kotze eines Stars rumwühlt, um eine Schlagzeile zu forcieren. Aber: Den Großteil von Liebesdings finde ich einfach stumpf.

Die Dialoge hören sich an wie Platzhalter in einem First Draft, die noch durch geschliffenere Umformulierungen ersetzt werden müssen. Monologe über queere, feministische oder anti-rassistische Belange kommen hier den Figuren nicht authentisch, raffiniert oder peppig von den Lippen, sondern klingen so, wie sich Mario Barth oder Dieter Nuhr wohl fälschlicherweise vorstellen, wie das Stand-up in der Die Caroline Kebekus Show sein könnte. Die Liebesgeschichte in diesem Film zündet nicht, die Figurenentwicklung ist irritierend-sprunghaft.

Alles in allem wirkt Liebesdings so, als hätte Bora Dagtekin im Das perfekte Geheimnis-Mindset anonym Reshoots bewerkstelligt und so Decker ihren Film weggenommen. Mich würde brennend ein ehrliches Making of dieser Komödie interessieren, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Deckers ursprüngliche Vision abbildet. Falls doch: Naja, wir alle haben mal ein Formtief. Nächstes Mal sitze ich wieder erwartungsvoll im Kino.

Platz 8: Falling for Christmas (Regie: Janeen Damian)

Ich habe Sympathie für Lindsay Lohan übrig und angesichts dessen, wie gut sie spielen kann, wenn sie in der Spur ist und das richtige Projekt gefunden hat, gönne ich ihr ein Comeback. Doch Falling for Christmas ist gleichzeitig ein Schritt nach vorne und ein Schritt zurück: Verkrampft inszeniert, klischee- und sprunghaft geschrieben und von mehreren ihrer Co-Stars mies gespielt, kann Lohan aus diesem Netflix-Weihnachtskitsch unmöglich eine Karrierte-Trumpfkarte formen.

Aber sowohl die Kernzielgruppe dieser Wohlfühl-Sinnlosfilme als auch die für die Memes und ironische Freude am Unfug hereinschauenden Nasen sind wohlwollend genug, um Lohan diesen Film nicht vorzuwerfen. Das macht Falling for Christmas trotzdem nicht besser. Aber irgendwo zwischen den miesen Witzen und übertriebenen Gefühlsschwankungen beweist Lohan charmante Selbstironie. Good for her.

Platz 7: Ice Age - Die Abenteuer von Buck Wild (Regie: John C. Donkin)

Animationen, die teilweise auf dem Niveau von Samstagmorgen-Computeranimationsserien vergangener Tage liegen, und viel, viel Leerlauf: Der direkt auf Disney+ rausgehauene Ice Age-Nachklapp Die Abenteuer von Buck Wild ist lieblos, träge und kalt kalkuliert. Donkin und sein Team trifft dabei längst nicht der Großteil der Schuld, wurde dieses Projekt doch einst als Serie entwickelt und nach einer entsprechenden Ankündigung unentwegt klein geschrumpft, bis nur noch ein mickriges Team an ihm tüftelte, das viel zu wenig Arbeitskraft hatte, um ein CG-Projekt in Spielfilmlänge zu stemmen, das versucht, visuell an das Ice Age-Erbe anzuknüpfen. In Sachen Budget wird es nicht anders gewesen sein, und wer könnte unter diesen Umständen schon kreativ aus den vollen Schöpfen?

Einen Trost gibt es allerdings: Nach Die Abenteuer von Buck Wild erschien mit der Kurzfilmsammlung Ice Age: Scrats Abenteuer noch ein Ice Age-Projekt auf Disney+. Und die kompakten Geschichten sind nicht nur viel besser animiert, sondern dienten der Belegschaft von Blue Sky Studios als Abschiedsvorstellung. Mit Passion und Witz zeigen sich Studio und Filmreihe darin noch einmal in Top-Form. Ich gebe zu, ich hatte nicht nur viel zu lachen, sondern gen Schluss auch aufgrund dieser außenstehenden Faktoren feuchte Augen. Ich war nie der größte Ice Age-Fan, aber in seinen besten Momenten war das Franchise sehr vergnüglich. Und Blue Sky hatte es nicht verdient, als Opfer der Disney/Fox-Übernahme einfach so gekillt zu werden.

Platz 6: 13 Fanboy (Regie: Deborah Voorhees)

13 Fanboy versucht, ein inoffizielles Wes Craven's New Nightmare für die Freitag, der 13.-Reihe zu sein: In diesem Meta-Slasher, inszeniert von einer früheren Darstellerin des Franchises, die ironischerweise und tatsächlich Deborah Voorhees heißt, jagt ein maskierter Killer frühere Darstellerinnen der Freitag, der 13.-Reihe. Einzelne Sequenzen in dieser Jason-Voorhees-Hommage sind für einen Direct-to-Video-Schlitzer ganz passabel konstruiert, etwa eine tödlich endende Stunt-Probe. Doch diese wenigen "Och, das ging ja"-Momente trösten nicht über diesen ungeheuerlich hässlich ausgeleuchteten, abartig zäh erzählten Rest dieses Slashers hinweg. 

Platz 5: Brain Freeze (Regie: Julien Knafo)

Ein neuer Turbodünger vergiftet das Wasser in einem geschlossenen, kanadischen Wohnkomplex und verwandelt alle, die es zu sich nehmen, in blutrünstige, zombieähnliche Unholde. Dieser Low-Budget-Partyhorror will mit abstruser Logik und schrillen Figuren ein Vergnügen für die Mitternachtsschiene oder Bier-und-Nacho-Filmabende sein. Gerne, bin ich für zu haben. Aber ich habe mich durch die 91 Filmminuten gequält und war nach ihnen erstaunt, dass es nur 91 Minuten waren. Es fühlte sich an wie eine gesamte Staffel einer belanglosen, lustig gemeinten, drögen Miniserie.

Die guten Gags sind rarer gesät als in einem Mario-Barth-Instagram-Live-Rant, Spannung ist non-existent und die Gewaltspitzen sind matschiges Effektchaos, wenn sie denn irgendwann mal passieren. Hier könnte man irgendeinen schnippischen Spruch über Hirnfrost einsetzen, wäre dies eine Flopliste nach alter Schule. 

Platz 4: The Man from Toronto (Regie: Patrick Hughes)

Sechs Wochen vor Drehstart verließ Jason Statham abrupt The Man from Toronto, laut Berichten des Branchenblogs Deadline Hollywood, weil ihm die eingeschlagene Richtung der Verwechslungs-Actionkomödie missfiel. Hastig wurde Woody Harrelson als Ersatz herangekarrt und so gut den Verantwortlichen möglich auf Statham-Look gestylt. All das ist zehntausendfach spannender als der eigentliche Film, der mit plumper Action, einem stumpf um die Gewaltspitzen herumtänzelndem Schnitt und haarsträubend-lustloser Charakterzeichnung langweilt.

Platz 3: 365 Days: Noch ein Tag (Regie: Barbara Białowąs & Tomasz Mandes)

Na, erinnert ihr euch an 365 Days? Einen dieser Filme, über die Netflix zahlreiche Rekordmeldungen rausgehauen hat und die 2020 für ein paar Wochen großer Streitpunkt in den sozialen Netzwerken war? Die Adaption des ersten Teils einer Erotikromanreihe von Blanka Lipińska war nur der Anfang, auch wenn es vergleichsweise einfach war, das zu versäumen, ließ der Buzz doch von Film zu Film nach! Ich bin aus morbider Neugier allerdings am Ball geblieben, und darf berichten: Das große Finale der Filmtrilogie ist extrem langweilig.

Die Figuren sind in einem paradoxen Irgendwas gefangen zwischen "Sie ändern ihre Ansichten total sprunghaft" und "Aber schlussendlich ändert sich eigentlich nie etwas" (die After-Reihe lässt grüßen), die Popmusik-Einlagen klingen wie schlechte Cover von schlecht abgekupferten Nummern aus der Fifty Shades of Grey-Reihe und der Look ist so passionslos gelackt, dass keine prickelnde Reibung entstehen kann. Und der ganze trashige Sex hat sich hier total abgenutzt, nun werden zumeist unmotiviert Körper aneinander gerieben, ohne irgendwelche Grenzen auszuloten, Figuren damit weiterzuerzählen oder Stimmung zu erzeugen.

Aber eines muss ich Barbara Białowąs & Tomasz Mandes lassen: Sie entwickeln auf der Zielgerade ab und zu Selbstironie, etwa mit einer Traumsequenz, in der sich unsere weibliche Hauptfigur einen Dreier mit den beiden um sie buhlenden Herren herbeiwünscht. Der ist mit einer süffisanten "Komm, hier, das passt noch rein"-Attitüde inszeniert, die ausreichte, um ihn vom Silberrang dieses Countdowns fernzuhalten. 

Platz 2: Jeepers Creepers: Reborn (Regie: Timo Vuorensola)

Was macht man als Studio, wenn man im Fundus eine Horrorreihe hat, deren Monster zu einer kleinen bis mittelgroßen Ikone des Schreckenskinos der 2000er-Jahre geworden ist, doch mehr und mehr Filmfans erkennen: Oh, diese Jeepers Creepers-Filme wurden von Victor Salva gedreht, der zuvor wegen sexueller Misshandlung eines Minderjährigen im Gefängnis saß. Keine Personalie, die man gerne anfeuert, noch dazu, wenn Salva beispielsweise in Teil drei Szenen einbaut, in denen Figuren mit Sexualstraftätern sympathisieren. Nun, man wirft diesen Mann raus und wagt sich an einem Kann-aber-nicht-muss-Reboot:

In Jeepers Creepers: Reborn werden Handlungspunkte aus den Vorgängern referenziert, allerdings wird auch darüber gesprochen, dass der Creeper eine Filmfigur sei, die auf lokalen Legenden basiert. Da darf sich das Publikum seine eigene Distanz zwischen Teil vier und den vorherigen Filmen herbei interpretieren. Klingt erst einmal nicht nach der allerschlechtesten Idee, und Regisseur Timo Vuorensola hat mit Iron Sky bereits eine schmissige Trash-Hommage verantwortet. Allerdings kam Vuorensola nicht auf Iron Sky-Niveau ans Set, sondern schluderte sich im Iron Sky 2-Stil sonst was zusammen:

Jeepers Creepers: Reborn sieht grässlich aus, der freudlose Score zerstört sämtliche jämmerlichen Reste an Spannung und die Story mäandert konsequenzlos vor sich her. Und der Creeper bekam ein Facelift, das ihm sein Grauen raubt. Einziger Lichtblick in dieser Graupe:

Meine Fast-Namensvetterin Sydney Craven, die in diesem Horrorfilm zwar wiederholt mit übertriebenem Spiel ins Auge sticht. Das halte ich allerdings für ein Versagen ihres schläfrigen Umfelds, denn isoliert betrachtet hat Craven eine spritzig-natürliche Energie, die in einem Projekt, in dem nicht alles um sie herum Murks ist, richtig gut zünden könnte. Ich wünsche ihr eine baldige Gelegenheit, ihren Ruf in bessere Bahnen zu lenken. Und der Creeper hat womöglich einfach ausgedient.

Platz 1: 365 Days: Dieser Tag (Regie: Barbara Białowąs & Tomasz Mandes)

365 Days ist Schrott zum Fremdschämen. 365 Days: Noch ein Tag ist ein langweiliger, motivationsloser Trilogieabschluss mit einem winzigen, winzigen Funken an "Wir haben nun Narrenfreiheit, oder? Es juckt ja niemanden, was hier abgeht?"-Rebellentum. 365 Days: Dieser Tag wiederum ist ein Nichts von einem Film: Die Brücke zwischen dem "Hier, guck mal, wie skandalös wir sind! Shades in fragwürdiger, Hallo, bitte beachtet uns!"-Auftakt und dem weichgespülten Ende hat absolut gar nichts zu sagen, zu erzählen oder zu zeigen.

Szenen beginnen und enden einfach irgendwo, Cliffhanger werden nicht etwa aufgelöst, sondern ignoriert, und die konfusen Twists werden mit einer gähnenden Gleichgültigkeit inszeniert, mit der andere ihre Socken wechseln. 365 Days: Dieser Tag ist das, was wohl dabei herauskäme, würde man den Film drehen, den sich die harschesten Verrisse der Fifty Shades-Sequels zusammenspinnen.

Montag, 28. November 2022

Strange World

 Als Kirk Wise und Gary Trousdale den Beschluss gefasst haben, nach dem Märchenmusical Die Schöne und das Biest und dem romantisch-dramatischen Musical Der Glöckner von Notre Dame mit Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt einen gezeichneten Action-Abenteuerfilm zu wagen, erklärten sie und ihr Produzent Don Hahn diesen Impuls mit einem Disneyland-Vergleich. Die von Walt Disney moderierte TV-Sendung und der von ihm erschaffene Themenpark sind in mehrere "Länder" unterteilt, die jeweils einem Genre respektive einer Erzähltradition gewidmet sind.

Während die Disney-Fernsehsendung aufgrund des immensen Erfolgs der Miniserie Davy Crockett gehäuft ins Frontierland wanderte, um auf die heimischen Mattscheiben Western-Geschichten zu werfen, sieht es in der Geschichte der Walt Disney Animation Studios anders aus:

Würde man die Filmografie des traditionsreichen Disney-Trickstudios in die Logik der Disneyland-Sendung zwängen, während deren Vorspann stets mitgeteilt wurde, in welches Land man heute schlendern wird, oder wie einen Parkbesuch auffassen, so übt ein Land eine überaus dominante Anziehungskraft auf die Studiobosse aus. Das Land direkt hinter dem Schloss. In Don Hahns Worten:

„Es gibt einen gewaltigen Bereich namens Adventureland im Disneyland, und wir sagten wir uns: Lasst uns einen Abstecher dorthin machen! Wir sind oft genug die Main Street entlang gelaufen und durch das Schloss ins Fantasyland gelangt – diesmal wollten wir die Abzweigung nehmen, nach links ins Adventureland gehen und dort ein bisschen Spaß haben.“

Leider folgte das zahlende Publikum Hahn, Trousdale und Wise während der Kinoauswertung von Atlantis bloß in überschaubaren Zahlen. Kurz darauf fiel auch Der Schatzplanet auf die Nase. Überhaupt zeigte sich über Jahre hinweg das Kinopublikum zögerlich, animierte Disney-Filme zu würdigen, die nicht ins Fantasyland passen.

Mittlerweile ist dieser Fluch gebrochen: Atlantis und Der Schatzplanet haben (vor allem unter Millennials) im Heimkino eine mittelgroße, stetig wachsende, sehr innige Fangruppe generiert. Und der dezent futuristische Superheldenfilm Baymax – Riesiges Robowabohu, der wohl am ehesten ins Tomorrowland gehört, wurde sogar zu einem der größten Hits der Walt Disney Animation Studios.

Insofern ist es nachvollziehbar sowie löblich, dass Der Schatzplanet- und Baymax-Produzent Roy Conli den Mut hatte, ein weiteres Mal das Fantasyland bei Seite zu lassen. Darüber, ob der von ihm produzierte Strange World nun eher ins Adventureland gehört oder in das (teilweise) an Jules Verne angelehnte, Pariser Discoveryland, lässt sich indes streiten. Bedauerlich ist derweil, dass sich bereits jetzt abzeichnet, dass sich die frühen 2000er-Jahre wiederholen:

Während sich das vergleichsweise überschaubare Echo von Raya und der letzte Drache noch durch die Pandemie erklären ließe, steuert Strange World nun ohne diese Ausrede auf einen ernüchternden Deutschland-Start hin. Die US-Zahlen sind ebenfalls nicht allzu euphorisch, erste Prognosen besagen, dass der Film Disney ein Minus von 100 Millionen Dollar einbringen wird. Zwei Nicht-Fantasyland-Filme mit bedauerlichen Zahlen, recht kurz nacheinander... Kein gutes Signal, dass das Publikum den Walt Disney Animation Studios da sendet. Aber unabhängig davon, wie schade dieses Déjá-vu im Prinzip ist... Wie finde ich eigentlich den Film, mal so ganz praktisch gesprochen?

Drei Abenteuergenerationen, ein anachronistisches Abenteuer

Es hat leider einen Grund, dass ich zunächst auf die ganze Fantasyland/Adventureland-Sache einging, statt direkt mit Strange World einzusteigen. Denn zumindest nach einmaligem Anschauen finde ich seine Position in der Disney-Filmgeschichte und die Wiederholung vergangener Publikumsreaktionen spannender und bedeutungsvoller als den Film selbst. Womit ich Strange World jedoch nicht absprechen will, Qualitäten zu haben. Regisseur Don Hall (inszenierte Winnie Puuh, verfasste unter anderem Mulan und Ein Königreich für ein Lama) und Autor/Ko-Regisseur (wirkte am Drehbuch von Raya und der letzte Drache mit) haben gute Ideen. Bedauerlicherweise ist deren Umsetzung zu oft lau, als dass diese Ideen oft genug reifen und aufblühen könnten.

Der wagemutige Entdecker Jaeger Clade und sein Sohn Searcher wollen die Welt erkunden und Wege finden, ihr kriselndes Heimatreich Avalonia zu stärken. Als sie während einer Expedition eine Elektrizität ausstoßende Pflanze entdecken, streiten sie sich: Searcher will mit der Pflanze heimkehren und Avalonia in eine neue Ära leiten, Jaeger will sich weiter durch die unüberwindbaren Berge kämpfen. Ihre Wege trennen sich. 25 Jahre später ist Avalonia ein utopisches Land, dessen Versorgung auf der von Searcher entdeckten und nun von ihm und seiner taffen Frau Meridian im großen Stil angebauten Pflanze fußt. Als immer mehr dieser Pflanzen verfaulen, müssen Searcher, Meridian und ihr gemeinsamer Sohn Ethan tief ins Innere der ihnen bekannten Welt vordringen, um der Sache auf dem Grund zu gehen...

Jules Verne trifft Kino-Serials, Abenteuercomics im Stile der großen Carl-Barks-Spektakel oder Tim & Struppi und B-Movie-Fantasyabenteuer, aufgepeppt mit einem Schuss kontemporärem Zeitgeist und Retro-Futurismus. Die Welt und Erzählhaltung von Strange World ist ein bunter Mix an Einflüssen, und das gilt allein schon, bevor die Clades einen auf Reise zum Mittelpunkt der Erde machen und durch eine wobbelige, wibbelige, glibberige, farbenfrohe Welt der Sonderbarkeiten stapfen, kämpfen und fliegen.

Ästhetisch geht Strange World dabei nicht derart markante Wege wie einst der im kantigen Mike-Mignola-Stil gehaltene Atlantis oder der an die Brandywine-Schule angelehnte Schatzplanet. Trotzdem sind mir an der Animation und dem Produktionsdesign Elemente besonders aufgefallen. So sind die Oberflächenstrukturen der Figuren und ihrer Umgebung in Strange World vor der zentralen Expedition atypisch spröde, rau, geradezu porös: Avalonia und seine Bevölkerung sind nicht so scheinend-glatt wie im Disney-CG-Animationskino gewohnt. So, als würden wir einen auf rauem Papier gedruckten Comic lesen, während Chaos im Netz etwa in dieser Metapher auf Hochglanzpapier gedruckt wurde.

Es passt zur Stimmung des Films und hebt Avalonia von der titelgebenden, sonderbaren Welt im tiefen inneren der unerforschten Berge ab. Die ist glibberig, wabbelnd und squishy. Doch hier kommt eine der Schwächen von Strange World zum Zuge: Der Film ist gleichzeitig zu lang, und doch zu hektisch erzählt. Die auf eine deutliche, punktgenaue Lösung zusteuernde Geschichte ist, um im Comic-Talk zu bleiben, ein Carl-Barks-30-Seiter, oder um ins Abenteuerkino von einst zu gehen, ein 75 Minuten langer Familienspaß, den man sich sonntags in der Matinee anschaut. Mit 99 Minuten Laufzeit (inklusive Abspann, zugegebenermaßen) überdehnt Strange World das, was er erzählt, hält sich für eine 70 Seiten Minimum einnehmende Geschichte im Lustigen Taschenbuch oder ein größeres, wortwörtlich abendfüllendes Stück Abenteuerkino. Das bringt mit sich, dass der halb-subtil vorab telegrafierte Schlussakt wirkt nicht wie eine konsequente Lösung. Sondern wie ein schlecht gehüteter Twist.

Gleichzeitig wirkt Strange World wie gehetzt, da Hall und Nguyen von Schauplatz zu Schauplatz hurten, um kurze Impressionen verschiedener Ecken von Avalonia und dem Expeditionsschauplatz zu zeigen und dann weiterzumachen. Atlantis und Der Schatzplanet sind ebenfalls reich an Eindrücken, finden aber immer wieder prägnante, ruhigere Momente, in denen wir im Publikum ebenso wie die Figuren die Gelegenheit erhalten, zu staunen, die Welt und ihre Kultur aufzusaugen und auch Bedrohungen richtig sacken zu lassen. Strange World hätte auf ein paar Szenen verzichten, die übrig gelassenen dafür mehr auskosten müssen, damit das verspielte Produktionsdesign und die Entdeckergeschichte besser wirken können. Oder, alternativ: Alles so richtig komprimieren, für ein rasantes Abenteuer-Destillat. So hingegen fällt der Film leider zwischen zwei Stühle.

Die vielleicht größte Enttäuschung war für mich die Filmmusik: Sie störte mich zwar nicht, jedoch gelang es ihr zu keinem Zeitpunkt, eine griffige klangliche Stimmung zu entwickeln. Somit ist sie wohl zu beachtlichem Teil dafür mitverantwortlich, dass Strange World mir nie so einen richtigen Vibe transportiert hat: Die 40er- bis 60er-B-Movie-Abenteuer-Stimmung, der Retro-Futurismus, die Jules-Verne-Ansätze, die Abenteuercomic-Ästhetik und die "esoterischeren" Elemente - es gibt genug Ansätze, an die sich die Musik haften könnte. Geschweige denn Aspekte, die vereint werden könnten.

Stattdessen dudelt der Score munter, manchmal auch dezent-dramatisch vor sich her, nie unpassend, aber auch nie in einer Form, die den Film aufwertet. Dass die Musik von Henry Jackman stammt, überrascht mich enorm, fand er doch in den Ralph reicht's-Filmen und bei Baymax so eine formidable Balance aus Gefühl und Aufregung, Disney-Tradition und frischen Anstrichen. 

Daher ist es ausgerechnet ein kurzer Moment, in dem die Clade-Familie zu einem in unserer Welt halbwegs aktuellen Electro-Swing-Radiohit in der Küche tanzt und gemeinsam kocht, in dem am ehesten die Bild- und Klangwelt von Strange World zusammenfinden: Ein Radio im 40er-Jahre-Look, Figuren, die flippig mit Gesten moderne Memes referenzieren, eine zeitlos-gemütliche Hütte, in der futuristische technische Versatzstücke für Leben sorgen, all das zusammengehalten von einem Stück, das heute und gestern vereint.

Generischer als es sein sollte

Ähnlich, wie mich Jackmans Score überraschend gleichgültig ließ, und daher dem gesamten Film Atmosphäre fehlte, fand ich die Dialoge ernüchternd: Figuren kabbeln und versöhnen sich in recht generischen Wortwechseln, die man zu großen Teilen aus diesem Film lösen und in zahlreiche andere familienorientierte Abenteuergeschichten pflanzen könnte, ohne dass es auffällt. Wenn sich Farmer/Forscher Searcher mit Entdecker/Kampfnatur Jaeger reibt oder Ethan sich vor seinem Schwarm für seinen Vater schämt, sind das zeitlose Mini-Konflikte mit breitem Identifikationspotential. So weit, so gut.

Doch sie äußern sich nicht so, dass ich je ein Gefühl dafür entwickeln konnte: "Ja, DAS klingt total nach Ethan!" oder "Aha, das ist also Jaegers tiefergehende Persönlichkeit". Die Wortwechsel bleiben schlicht funktional. Und daher fiel es mir schwer, die Figuren wirklich liebzugewinnen. Sie nervten nie. Aber sie blieben Abziehbilder, Entwürfe, noch zu verfeinernde Archetypen.

Dabei ist das Potential, das sie hätten entfalten können, offensichtlich: Ethan etwa ist Fan eines Gesellschaftsspiels, irgendwo zwischen Die Siedler von Catan und den Scharen an Sammelkartenspielen, bei denen man sich mit dem Kauf von Blisterpackungen dumm und dusselig zahlt. Er hat eine gute Bindung zu seinem Vater, ist aber auch voll in der Pubertät und würde ihn daher am liebsten verstecken, wenn sein Liebster auf der Familienfarm vorbeischaut. Er ist ein guter Taktiker, lässt sich aber auch schnell ablenken.

Dadurch müsste Ethan eine herausstehende Disney-Figur werden, oder wenigstens einer der spannenderen Protagonisten im animierten Disney-Abenteuerkino. So nacherzählt ist er es womöglich auch, im Film selbst geht ihm aber durch die "egalen" Dialoge Charakter abhanden. Ähnlich verhält es sich mit dem Rest seiner Familie, geschweige denn mit den Horden an anonymen Besatzungsmitgliedern, die sich an der Expedition beteiligen. Daher sind die wortlosen, nicht-menschlichen Sidekicks denkwürdiger als der tragende, menschliche Cast. Selbst Atlantis hat mehr aus seinem überdimensionierten Cast rausgeholt: Viele Nebenfiguren sind zwar auch nur zweidimensionale Persönlichkeiten, aber sie sind wenigstens waschechte Knallchargen, und nicht etwa Statist:innen mit Text.

So kommt es auch, dass ich wegen der Schlusslösung von Strange World nur sanft lächelnd mit den Schultern gezuckt habe. Dass ich es vorgeahnt habe, geschenkt. Aber hätte ich die Möglichkeit gehabt, mit den Figuren stärker mitzufiebern, hätte es mich berührt, wenn sie das erfahren, was ich vorgeahnt habe. Und ich hätte mitgelitten, wenn sie darauf basierend schwerwiegende Entscheidungen treffen.

Nicht missverstehen: Im Prinzip ist Strange World als Fortschritt darin, wen Disney in seinen animierten Produktionen prominent repräsentiert, genauso löblich, wie ich die Lektion, die die Figuren lernen, schlüssig sowie als Gesellschaftskommentar bemerkenswert finde. Aber in Praxis habe ich das metaphorische Comicheftchen zugeklappt und auf einen Stapel geschmissen, statt es zuzuklappen, amüsiert und berührt durchzuatmen und sorgsam ins Regal zu stellen. 

Das, was Strange World für den Disney-Kanon bedeutet, bedeutet mir mehr als der Film selbst. Der ist leider nur ein nettes, schnell vergessenes Disney-Abenteuer. Aber hey, für viele sind Atlantis und Der Schatzplanet genau das. Und ich bin sicher: So wie viele, viele andere animierte Disney-Flops, wird auch Strange World seine Kult-Fangemeinde entwickeln. Und ich gönne es ihm, aus Prinzip. Teil von ihr werde ich nicht sein können, dafür ist er mir in Praxis zu egal.

Strange World läuft aktuell im Kino.