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Mittwoch, 22. Juli 2015

Magic Mike XXL


Wo ein Erfolg ist, da ist ein Sequel eine Möglichkeit. Erst recht in der heutigen Kinolandschaft. Aber eine Fortsetzung zur Tragikomödie Magic Mike, Steven Soderberghs vorletzter Leinwand-Regiearbeit? Angesichts des Genres und der finalen Minuten des Originals sowie des Abtauchens Soderberghs ins TV-Geschäft eine sonderbare bis desaströse Vorstellung. Dennoch: Via Twitter gab Hauptdarsteller und Produzent Channing Tatum im Jahr 2012 bekannt, einen zweiten Teil drehen zu wollen. Schön für ihn, die Frage sei trotzdem gestattet: Wovon soll der Film denn bitte handeln, nachdem die Titelfigur sich zum Schluss des Erstlings erfolgreich aus dem Teufelskreis des Erotikmilieus befreit und ein neues Leben an der Seite einer gefestigten Frau angefangen hat? Und aus Sicht eines harschen Kritikers von Magic Mike sei zudem folgender Punkt angerissen: Muss sowas denn sein? Kann Tatum keine andere Rollen übernehmen, um sich auszutoben? Denn wenn schon ein fähiger Regisseur wie Steven Soderbergh aus dem Material keinen durch und durch sehenswerten Stoff formen kann, dann dürfte doch eh jegliche Hoffnung vergebens sein ...




Gleich zu Beginn der Werbekampagne zu Magic Mike XXL sendete Warner Bros. ein überdeutliches Signal: Magic Mike ist zurück, und er hat eine Latte voll Spaß im Gepäck. Und es wird viel getanzt. Gern geschehen. Wer sich vom Teaser nicht abgeholt fühlte, bekam unter anderem einen Trailer hinterher geworfen, der dieselbe Botschaft vermittelte.Das Kinopublikum darf sich im Saal auf einen Sack voller Freude gefasst machen. Filmfreunde, die aufgrund dieser Trailer ihre Zweifel nicht ablegen wollen, müssen ihr Haupt aber nicht in Schande senken. Denn ganz gleich, wie die persönliche Meinung bezüglich Magic Mike ausfiel; Misstrauen war noch immer gestattet. Bei Teil eins wurde der spaßige Faktor schließlich ebenfalls im Voraus überbetont. Und auch der Trailer bleibt dem Betrachtenden noch immer eine Erklärung schuldig: Wie wird die Rückkehr Mikes ins Strippergeschäft gerechtfertigt?

Aber so viele Fälle es auch geben mag, in denen Teaser und Trailer falsche Versprechungen gemacht haben, manchmal ist die Marketingmaschinerie plötzlich sehr wohl von Grund auf ehrlich. Und Magic Mike XXL ist da ein absolutes Paradebeispiel. Denn die Regiearbeit des langjährigen Soderbergh-Produzenten und -Regieassistenten Gregory Jacobs ist größer, besser, lustiger, befriedigender. Und letzteres ist nicht im Sinne des Schulnotensystems gemeint. Kurzum: Magic Mike XXL ist endlich der Film, der Magic Mike sein wollte! Oder wenigstens der Film, der Magic Mike hätte sein sollen!

Die Geschichte nimmt drei Jahre nach den Ereignissen aus Magic Mike ihren Anfang: Mike Lane arbeitet hart daran, seine eigene Schreinerei am Laufen zu halten, als er einen Anruf von 'Tarzan' (Kevin Nash) erhält und ihn auf dem neusten Stand der 'Kings of Tampa' hält: Ihr Boss Dallas ist von ihnen gegangen. Mike eilt, um seinen früheren Arbeitskollegen und Freunden zur Seite zu stehen und erfährt, dass jeder einzelne in der kleiner gewordenen Runde das Strippen aufgeben möchte. Allerdings wollen Mikes langjährigen Weggefährten nicht klammheimlich aus ihrem Beruf ausscheiden. Oh nein! Sie wollen mit einem gewaltigen Knall die Bühne verlassen und fahren daher zur großen Stripper-Convention in Myrtle Beach, wo ihre gemeinsame Karriere einst erst so richtig Fahrt aufgenommen hat. Mike, der zwar zu seinem neuen Leben steht, jedoch auch einige Rückschläge hinnehmen musste, kann sich nicht helfen und schließt sich der Truppe an. Nachdem er überstürzt und von Gram erfüllt seinen geliebten Beruf einst aufgegeben hat, will er nun einen runden Abschluss finden. Ein letztes Mal mit den Jungs durchs Land kurven. Sich noch einmal richtig austoben und ein wahres Feuerwerk abfackeln. Also schwingen sich Mike, Tarzan, Tito (Adam Rodríguez), Richie (Joe Manganiello) und Ken (Matt Bomer) in den von ihrem geliebten Pummelchen Tobias (Gabriel Iglesias) gefahrenen Frozen-Yoghurt-Van und machen sich auf eine Reise, die viele spannende Begegnungen mit alten und neuen Bekanntschaften für sie bereithält!

Oberflächlich betrachtet hat Magic Mike XXL mit seinem Road-Trip bloß eine hauchdünne Story zu bieten. Und ist man bloß gewillt, bei einem Film über Stripper an der Oberfläche zu kratzen, so ist ein Road-Movie die perfekte Formel: Während Magic Mike mit einer schlecht strukturierten, holpernd zwischen Hochgefühl und Drogendrama stotternden Geschichte keinen rechten "Flow" entwickeln wollte und obendrein den eskapistischen Sehgenuss störte, ist die XXL-Variante auf flotten Sehgenuss hingebürstet. Ein Road-Movie ist stets schon allein aufgrund der unumstößlichen Genregesetze einerseits episodenhaft erzählt (Reisen wickeln sich nun einmal in Stationen ab) und zugleich sehr zielgerichtet (schließlich haben die Reisenden eine klar definierte Destination). Wo der Erstling teils ziellos mäandert und ausgedehnte Passagen von Mikes Charakterentwicklung ablenken (oder umgekehrt), ist im Sequel die narrative Struktur weniger ambitioniert, dafür aber umso makelloser ausgeführt. Jede Station ist einfach nur ein Schritt, der auf der Reise zur Convention bewältigt werden muss - und den Strippern irgendwelche Ausflüchte gibt, zu tanzen, sich auszuziehen oder beides gleichzeitig zu erledigen. Wer fürs leicht verdauliche, fleischliche Vergnügen ein Ticket löst, wird also viel kompromissloser bedient als noch in Magic Mike.


Jedoch wäre Magic Mike XXL nicht solch ein (Wasch-)Brett(-bauch) von einem Film, würde sich Drehbuchautor Reid Carolin damit begnügen, auf seine tonal unausgegore Tragikomödie einen leicht bekleideten Tanzfilm on Tour folgen zu lassen. Carolin packt all den haltlos forcierten, unpointierten sowie unausgeglichen eingesetzten Selbstanspruch des Originals, überdenkt ihn komplett neu und nutzt ihn dieses Mal, um das sündige Leinwandvergnügen konstant zu unterfüttern. Magic Mike ist letztlich auch daher so eine kopfschmerzverursachende Angelegenheit, weil er einerseits eine "Wer seinen Körper verkauft, wird emotional und charakterlich versumpfen!"-Botschaft vermittelt und andererseits mit einigen der Kings of Tampa und deren Tanzeinlagen Spaß haben will. Dass sich das beißt, ist nicht zu vermeiden und geriert angesichts der Dialogzeilen, der Performances und auch der Inszenierung von Magic Mike zu einer arg problematischen Diskrepanz.

Der XXL-Strippertrip hingegen exerziert während seiner konstant spaßigen Szenen eine sehr gut durchdachte These durch. Diese zieht zwar kritisch mit dem Status Quo sexuell aufgeladener Berufe und mit Geschlechterrollen ins Gericht, gleichwohl ist sie, passend zum generellen Tonfall des Films, von Optimismus geprägt. Sagt Magic Mike noch "Alles scheiße, aber, hey, wir haben da gute Choreos in unserem Streifen, oder?!", schlägt Magic Mike XXL vor, wie man die Wirklichkeit verbessern könnte!

Auf ihrer Reise gen Myrtle Beach begegnen Mike und seine Kumpels (Alex Pettyfer respektive seine Rolle ist glücklicherweise nicht mehr an Bord!) diversen Frauen, die von Männern herbe enttäuscht wurden. Die bisexuelle Fotografin Zoe (Metacasting: Amber Heard) schwört dem Geschlecht mit dem Gemächt ab, weil sie ausgenutzt wurde. Die frisch geschiedene Südstaatenschönheit Nancy (augenscheinlich seit Sex, Lügen und Video höchstens fünf Jahre gealtert: Andie MacDowell) ist stolz auf alles was sie erreicht hat, liebt ihre Töchter und ist überhaupt eine echt starke, faszinierende Dame ... Doch sie bereut es, nach veralteten Vorstellungen gelebt und sich in ihrer Jugend für ihre nun gescheiterte Ehe aufgehoben zu haben. Und Mikes frühere Flamme Rome (Jada Pinkett Smith) verwandelte einen klassischen Nachtclub, in dem vom Leben enttäuschte Kundinnen wenigstens für ein paar Stunden alle Wünsche von den Augen abgelesen bekommen. Nicht auf die oberflächliche "Hier, schau dir meinen geilen Körper an!"-Weise, sondern mit Passion, Hingabe und Feingespür! Und durch eben diese Begegnungen lernen die Kings of Tampa, dass sie nicht einfach nur strippen sollten, um ihre Zuschauerinnen aufzugeilen. Sie lernen, dass sie sich in die Bedürfnisse und Wünsche von Frauen einfühlen sollten.

Zugleich entwickeln die Erotiktänzer durch die Anregungen des nun auch eine Sichtweise von außen einbringenden Mike, dass es nicht reicht, sich als hohle Dienstleister zu fühlen und altbekannte Tänzerroutinen zu verwursten. Wer sein Publikum glücklich machen will, ohne daran kaputt zu gehen, muss mit voller Hingabe dabei sein. Und wie gelingt es einem Künstler (und sei seine Kunst auch "nur" sich auszuziehen!), mit Leib und Seele seinem Tagwerk nachzugehen? Indem durch sein Schaffen sein Innerstes ausdrückt. Daher werfen die Kings of Tampa zu Beginn des Films ihre klischeehafte Ausrüstung weg und denken sich im Laufe der Handlung neue, individuellere Routinen aus. Dies ermöglicht nur nur ein unverschämt originelles Finale, sondern gibt Magic Mike XXL auch ein komplexeres Bild von der Erotikbranche: Wer sich für dieses Fach berufen fühlt, sich in sein Gegenüber einfühlt und dennoch sich nicht selber verliert, kann darin Freude finden und seinem Publikum tatsächlich etwas mitgeben, das nachhallt. Gegenüber einer Branche, in der Jahr für Jahr viele Menschen aufgrund schlechter Bedingungen zerbrechen und die zugleich auch Menschen hervorbringt, die ihr Tun lieben, ist dies eine viel gerechtere und konstruktivere Aussage als die von Magic Mike.


Vor allem jedoch ist es diese Philosophie, die Magic Mike XXL so eine extrem unterhaltsame Wucht mitgibt! Ganz gleich, wie sehr man bei dieser 14,8-Millionen-Dollar-Produktion nun sein Hirn eingeschaltet lässt: Dank der positiveren, nicht aber dümmeren Attitüde ist das Sequel ein filmischer Ritt, der die Laune hebt ohne mit genügend Abstand einen "Oh weh, ich hab zu viel Fast Food intus!"-Kater zu provozieren. Wobei die Darsteller ebenfalls einen wertvollen Beitrag leisten, um das Sequel meilenweit an der Vorlage vorbeiziehen zu lassen!

Gewiss: Nash und Rodríguez sind weiterhin vor allem aufgrund ihres Körpers Teil des Ensembles, genauso wie Bomer wegen seiner Kombi aus Körper und Stimme vor die Kamera treten darf und sich Iglesias allein durch seine humorvolle Ausstrahlung einen Platz im Cast erarbeitet. Aber das Zusammenspiel ist viel besser. All die Antipathie zwischen Tatum und Pettyfer, die Magic Mike vergiftet, wird hier durch kumpelhafte Sympathie zwischen den Kings of Tampa ersetzt - die auch allesamt einen ausgewogeneren Anteil der Filmlaufzeit erhalten. Davon profitieren die Charaktere, die zwar wirklich nicht die allerausgefeiltesten sind, aber genügend Eigenheiten zeigen, dass man nur zu gern an ihrer Reise teilnimmt. True Blood-Mime Joe Manganiello profitiert davon am meisten und mausert sich zum zweitwichtigsten Mann in dieser Runde: Er legt eine gereifte Ausstrahlung in die Waagschale, gepaart mit spitzbübischem Humor und einer versteckt aufglühenden dominanten Seite. Das erlaubt ihm abwechslungsreiche und daher überraschend-witzige Interaktionen mit seinen männlichen und weiblichen Leinwandkollegen - und beschert ihm auch zwei der absolute Highlightszenen in Form begnadeter Einzelchoreographien, die ebenso feuchtfröhlich-ironiedurchtränkt sind wie athletisch und körperbetont. Man lacht hier nicht über Managniello, sondern mit ihm. Dieses Lachen jedoch übertönt nie den Respekt vor der körperlichen Leistung - weshalb seine Szenen auch dann begeistern dürfen, wenn man kein Auge für artistische Halbnackttänze mitbringt.

Mehr noch als Manganiello erhellt aber Tatum dieses Road-Movie. Durch seine 21 Jump Street- und 22 Jump Street-Erfahrungen in seinem komödiantischen Timing über sich hinausgewachsen, brilliert Tatum in beiläufigerer Situationskomik wie auch in Comedypassagen mit gewaltigem Augenzwinkern. Sein tänzerisches Können kommt ebenfalls noch besser zur Geltung als im Original. Sei es durch mühelos eingearbeitete humorvolle Elemente (Stichwort: Garage) oder dadurch, dass ihm räudigere, selbstbewusst-frivolere Choreographien noch mehr Konzentration abverlangen als die klassischeren Nummern aus Teil eins.Schließlich wollen diese Tänze aggressiv-sexy, und trotzdem sympathisch dargeboten werden - und Tatum meistert diese Balance. Die ruhigeren Momente bringt Tatum nunmehr ebenfalls überzeugend hinter sich. Seien es seine stillschweigenden Reaktionen während der Gespräche mit diversen Frauen oder seine teils Resignation, teils Zukunftsmut signalisierende Körpersprache und Stimmlage, wenn er über seine Ehepläne und deren Ausgang spricht. Der dramatische Feinschliff in Magic Mike XXL bleibt wohlgemerkt genau dies - eine Veredelung des launig-energiereichen Gesamtwerks. Doch es reicht, um Mike als Figur besser zu begreifen als im ersten Part, und ihm seine Motivation in diesem Sequel abzukaufen.

Aber auch die Gaststars stehen dem launische Seitenhiebe gen Fifty Shades of Grey und Twilight austeilenden Stripperspaß gut zu Gesicht. Amber Heard ist so natürlich wie nie zuvor, nutzt endlich einmal ihre Gesichtsmuskeln dazu, authentische Emotionen zu vermitteln - und ist daher nicht wieder zu erkennen. MacDowell ist würde- und humorvoll und erfüllt mit gewohnter Präsenz die Leinwand, Danny Glover zeigt sich überzeugend als galant-romantischer Verführer und Elizabeth Banks wiederholt (leider nur sehr kurz und knapp) ihren besten Pitch Perfect-Modus. Wenn dann noch Jada Pinkett Smith während ihrer Anmoderationen als Stripclubchefin voller Überzeugung und mit beeindruckender innerer Kraft die Frauenpower-Trommel rührt, ohne dabei zum Abziehbildchen zu verkommen, bleibt einem die Spucke weg!


All dies wäre möglicherweise null und nichtig, würde sich Magic Mike XXL in der handwerklichen Umsetzung nicht ebenso vom Vorgänger abheben wie tonal. Jacobs' Regieführung ist losgelöster, lockerer als die seines erfahreneren Kollegen Soderbergh in Magic Mike, ohne je undurchdacht zu sein. Die Tanzsequenzen sind auf den Punkt geschnitten, zeigen ehrfürchtig die Agilität der Performer, punktuelle Gegenschüsse fangen aber obendrein die Umgebung ein und unterstreichen so das Thema, dass die Gefühle, die eine gute Darbietung auslösen, aus etwas Gutem erst etwas Herausragendes formen. Farbästhetisch wird außerhalb von Romes tiefrotem, sinnlichen Nachtclub auf einen realeren Look gesetzt, mit weniger offensichtlichen Farbfiltereinsätzen, wodurch sich das "Mittendrin, statt nur dabei"-Feeling intensiviert. Gerade dies explodiert im furiosen Finale auf der Stripperconvention: Man fühlt sich wie in einer Konzerthalle voller ekstatischer Ladys, denen preisverdächtige Routinen vorgesetzt werden. Das Tempo ist enorm, aber nicht eilig, die Musikauswahl genial und so bleibt einem nach der letzten Aufführung der Kings of Tampa nur der Wunsch: Mehr! Zugabe! Haut noch ein paar Nummern raus!

Der atemberaubende Schlussakt macht auch beinahe die Startschwierigkeiten von Magic Mike XXL vergessen. Denn nach einem sich in seiner Komik und seinem ansteckenden Feeling ansehnlichen Auftakt sorgt eine im Halbdunkeln gefilmte Strandsequenz für ein kurzes Holpern im sonst so dynamisch erzählten Film. Die Dialoge sind geschliffen, haben Flair und auch leisen Witz. Da die Szene jedoch auch viel von non-verbaler Kommunikation lebt und diese im minimalen Licht schwer zu erkennen ist, hätte es eine halb so lange Version dieses sandigen Abstechers auch getan. Sobald sich Mike und Konsorten wieder vom Strand lösen, steigert sich Magic Mike XXL allerdings unaufhaltsam, bis die finalen, feierlichen Sekunden die Frage aufwerfen: Wieso kann nicht das Soderberghs letzte Kino-Regiearbeit sein? Einen würdigeren Karriereabschluss hätte sich der Regisseur nicht wünschen können!

Da Soderbergh sich immerhin als Kameramann, Cutter und Produzent an Magic Mike XXL beteiligt hat, ist dieser kleine Geniestreich dessen ungeachtet auch ohne die entsprechende "Directed by"-Tafel ein Fest für Fans des 52-Jährigen. Erst recht aufgrund der metafiktionalen Parallelen zwischen der Titelfigur und dem Filmemacher: Eigentlich hatten sie beide die Schnauze voll. Aber mit den richtigen Partnern an ihrer Seite lassen sie sich nochmal zu einigen Schandtaten hinreißen, wobei sie sich nicht mehr in den Vordergrund drängeln. Und wenn Soderbergh nun wirklich aufhört, fürs Kino zu drehen, so kann sich Magic Mike XXL als abschließende Botschaft sehen lassen. "So, jetzt geh ich aber. Hat Spaß gemacht, Bitches!"

Fazit: Größer, geistreicher, geiler! Magic Mike XXL ist feinste Unterhaltung mit spritzigen Dialogen, fesselnden Tanzsequenzen und einem toll aufgelegten Ensemble sowie einem Showdown, den so leicht nichts übertrifft. Eingangs holpert der Erzählfluss ein wenig, aber das ist diesem unterschwellig-cleveren Stripperspektakel rasch vergeben: Dieser Film ist ein Muss! Und zwar völlig unabhängig der sexuellen Vorlieben - gute Performances wissen so oder so zu beglücken!

Dienstag, 21. Juli 2015

Magic Mike


Wir befinden uns in den letzten Zügen von Steven Soderberghs Laufbahn als Kino-Regisseur. Während sich der geschäftige Filmemacher (Sex, Lügen und VideoOcean's Eleven, Der Informant!) mit immer größer werdender Regelmäßigkeit kritisch über die Branche äußert, entwickelt sich der frühere Stripper Channing Tatum langsamen Schrittes zu einem Star mit Wiedererkennungswert. Zu jener Zeit entwickelt Tatum gemeinsam seinem Produktionspartner Reid Carolin ein potentielles Filmprojekt, in dem Tatum die Hauptrolle und einen Produktionsposten übernehmen will: Magic Mike, eine fiktionale Geschichte, die sich jedoch aus den Erfahrungen nährt, die Tatum als Erotiktänzer gemacht hat. Reid verfasste ein Skript, das laut Tatum das Feeling jener Jahre einfängt, und das an Regisseur Nicolas Winding Refn herangetragen wird. Dieser lehnt ab, um Only God Forgives drehen zu können. Als Plan B zieht der athletische Mime Steven Soderbergh heran, für den er vor Haywire vor der Kamera stand. Soderbergh war von der Idee begeistert, schob seine Überlegungen, in Frührente zu gehen, noch einmal bei Seite und schwang sich nach einer Revision des Drehbuchs auf den Regiestuhl. Was entstand, war 2012 ein Überraschungserfolg an den Kinokassen (Budget: 7 Mio. Dollar, weltweite Einnahmen: 167,2 Mio. Dollar) und zudem ein von vielen Kritikern geachtetes Werk.

Aber nicht jeder ist dem in Babyöl getränktem Strippercharme erlegen. Meine Kollegin Antje Wessels verfasste anlässlich des Kinostarts einen brutalen Verriss, und verübeln kann ich es ihr wahrlich nicht. Denn für mich zählt Magic Mike nicht nur chronologisch zu den Schlusslichtern in Soderberghs Kinoschaffen, sondern auch qualitativ. Was zu einem nicht unerheblichen Teil am Zusammenspiel der Hauptdarsteller Tatum und Alex Pettyfer (versagte zuvor schon in Ich bin Nummer Vier) liegt. Denn die giftige Chemie, die sich zwischen den Mimen vor der von Soderbergh geführten Linse entfaltet, steht lange Zeit im absoluten Gegensatz zur Handlung. Auf dem Papier handelt Magic Mike von dem 19-jährigen College-Abbrecher Adam (Pettyfer), der bei der Suche nach einem Handwerkerjob auf Mike (Tatum) trifft. Dieser ist seit sechs Jahren Stripper im von Dallas (Matthew McConaughey) geleiteten Club Xquisite und verschafft Adam eine Stelle in der Tänzertruppe des Ladens. Während sich zwischen Adam und Mike eine freundschaftliche Mentor-Beziehung entwickelt, wirft der erfahrene Erotiktänzer ein Auge auf Adams Schwester Brooke (Cody Horn).

So weit, so katastrophal gescheitert, denn Ex-Model Pettyfer blickt, ganz gleich was geschieht, ausdruckslos in die Ferne. Oder schaut perplex-entnervt gen Tatum, während die Dialogzeilen dem Duo hoch emotionale Freundschaftsbekundungen abverlangen, die Soderbergh auch entsprechend wohlmeinend in Szene setzt. Nicht, dass Tatum (zu Magic Mike-Zeiten noch deutlich näher an G.I. Joe als an 22 Jump Street) wesentlich besser agieren würde. Anders als der durch die Szenerie schlafwandelnde Pettyfer, der seine unbedarfte Rolle ins sträflich naive abdriften lässt, hat der Frontmann und Produzent durchaus Ausstrahlung. Und gerade in den Tanzsequenzen zeigt der Step Up-Veteran, wo der Hammer hängt. Agil, muskulös und mit ehrlicher Freude an seinem Tun ist Tatum eine gewinnende Präsenz - wenn er sich nicht durch die vorhersehbar geskripteten "Mit Erotik Geld verdienen verdirbt den Charakter!"-Dramapassagen des Films manövrieren muss. Dann gerät Tatum ins Stocken, spielt hölzern, wirkt teils geradezu verloren und orientierungslos. Womit er die halbseidenen ernsten Momente von Magic Mike noch eine Spur schwächer werden lässt.

Denn der Zerfall von Adams und Mikes Freundschaft ist derart unmotiviert und die Intrigen im Xquisite-Club sind dermaßen vorhersehbar, dass die Schicksale der Figuren kaum zu berühren wissen. Da sind die vereinzelten Versuche, Humor aus der Thematik zu kitzeln, schon effektiver. Zwar versanden einige Pointen, aber wenn McConaughey den selbstverliebten Moderator der Stripnächte gibt oder die Xquisite-Crew mit einem Augenzwinkern schlüpfrige Gags raushaut, dann sind durchaus einige Schmunzler drin. Selbst wenn die Tonartwechsel zwischen Komödie und Drama arg forciert rüberkommen. Aber das ist immerhin konsequent, ist doch auch die Optik ziemlich anstrengend. Außenszenen erstickt Soderbergh in einem aggressiven Pissgelb-Farbfilter, während die oftmals humorvoll gemeinten Stripclubszenen in einem ungalanten Blau-grau erscheinen und "Außeneinsätze" der Stripper in grün-braunem Matsch versinken. Wenigstens die Musikeinsätze sind prägnant und beweisen, dass Soderbergh Magic Mike nicht völlig lustlos hinter sich gebracht hat.

Dennoch ist das viel zu wenig, um dieser Tragikomödie ihre klaffenden Mängel zu verzeihen. Da war schon so mancher Striptease in einer Hafenspelunke solider. Und selbst wenn ein Strip genauso mies ist wie Magic Mike, so ist er im Normalfall deutlich rascher vorbei!

Fazit: Tatum-Fans und Soderbergh-Komplettisten dürfen reinschauen. Alle anderen sollten überlegen, ob sie dem Hype von 2012 wirklich Glauben schenken wollen. Die Höhepunkte (einige Tanzroutinen, manche Gags) sind zwar feucht-fröhlich, aber auch ernüchternd schnell vorbei. Ehe man es sich versieht, liegt man unter einem schnarchenden, schwitzigen Film, der bei längerer Betrachtung bei weitem nicht mehr so attraktiv ist wie auf dem ersten Blick.

Freitag, 29. Juni 2012

Der Informant!

Es sind die frühen 90er: Mark Whitacre (Matt Damon) ist der aufstrebende Stern am Himmel des Agrarkonzerns Archer Daniels Midland (ADM). Als Biochemiker ist er für die Produktion der Aminosäure Lysin zuständig, durch welches sich der Nährwert von Tierfuttermittel bedeutsam steigert. Außerdem übernimmt er seit einiger Zeit zunehmend kaufmännische Tätigkeiten, was seine Stellung im Unternehmen stärkt und ihm erlaubt, seiner Frau und seinen Kindern einen stattlichen Lebensstandard zu bieten. Als es durch einen Virus zu einem Ausfall der Lysin-Erzeugung kommt, wittert Whitacre Sabotage durch die Konkurrenz. Das FBI wird eingeschaltet, was Whitacre nervös macht, da er sich im Namen von ADM der Preisabsprache mitschuldig machte. Das beichtet er dem charismatischen und vertrauenserweckenden Agenten Brian Shepard (Scott Bakula), der ihn als Informanten für's FBI anwirbt. Doch technische Schwierigkeiten, kleinlich auf's Vokabular achtende juristische Beistände und Whitacres Schusseligkeit legen dem Vorhaben allerhand Steine in den Weg. Whitacre lobt sich selbst derweil schon als amerikanischen Helden, hilft er doch, einen Industrieskandal aufzudecken. Aber nicht jeder sieht in dem Informanten einen Helden ...

Die verschrobene Intrigenkomödie Der Informant! stieß 2009 beim Kinopublikum weitestgehend auf Ablehnung, während das Feuilleton Steven Soderberghs auf wahren Begebenheiten basierender, fast schon grotesker Genrespielerei wohler gesonnen war. Möglicherweise gerade, weil Der Informant! seine Geschichte so erzählt, dass sie selbst belanglos wird. Industriespionage, Lügen mit doppeltem Boden und betrügerische Verräter, all das könnte einen Industriethriller abgeben, ein dramatisches Biopic welches Whitacres sich selbst den finanziellen Boden unter den Füßen wegziehendes Handeln hinterfragt oder auch eine geradlinige Komödie. Aber nach einem in Retrochic gehaltenem Anfang, in dem Matt Damon als liebenswerter Fachidiot mit wirrer Erzählerstimme noch die Zuschauersympathien auf sich zieht, gerät Der Informant! zunehmend zu einer narrativen Fingerübung. Handlung und Moralität schlagen derart viele und schnelle Bögen, dass spätestens nach der ersten Filmhälfte niemand mehr weiß, was man noch glauben darf. Soderbergh und ein wundervoll dümmlich agierender Matt Damon spielen dies nicht aufs Dramatische aus, sondern zielen auf den Effekt der Albernheit. Der Ausgang der Geschichte ist deswegen alsbald sekundär, was Zuschauer langweilen kann. Mir gefiel aber die zweite Filmhälfte deutlich besser.

Lassen anfangs nur Matt Damons Wortwitz und gelegentliche Situationskomik Schmunzler aufkommen, ist die groteske Verdrehung jeglicher in Geschichten über Industrieverrat geltenden Konventionen sowie die schiere Masse an neuen Enthüllungen überaus vergnüglich. Der neue Schwerpunkt des Films (aus der Frage "Wann kriegen sie die Konzernbosse endlich ran?" wird ein "Was denn noch alles?") bietet zwar weniger dramaturgischen Gehalt, doch da Soderberghs trockene Erzählweise in Der Informant! eh nur wenig Spannung zulässt, ist dies nicht weiter ärgerlich. Denn in der zweiten Filmhälfte erhalten die zahllosen US-Komiker, die in Nebenrollen besetzt sind, immer mehr Steilvorlagen für spröde gespieltes Entsetzen, während Matt Damon seinen liebenswürdigen Dämlack zu einer Kunstfigur hochstilisieren kann. Das wird dem wahren Mark Whitacre garantiert nicht gerecht – aber es erlaubt Matt Damon, Spießigkeit, Borniertheit, Stupidität und Weltferne mittels schwarzem Humor zu einer unglaublichen Mischung zu vereinen. Der Informant! ist ein perfides Spiel mit filmischen Gattungsgesetzen, wie es von den Coen-Brüdern stammen könnte, wenn auch nicht mit einem zwischenmenschlichen Pessimismus, wie er bei den Oscar-Preisträgern gerne vorherrscht. Soderbergh verleiht seiner Komödie eher das Gefühl einer schrägen Anekdote – und in der Geschichte der Industrieskandäle ist Whitacres Handeln auch exakt das.

Viele würden sich eine weniger subjektiv eingefärbte, nach Fakten und Inneneinsichten grabendes Drama oder einen Korruption anklagenden Thriller wünschen. Aber wer von Mark Whitacre noch nie gehört hat, sollte gar nicht erst nachschlagen, sondern sich auf eine träge erzählte, doch brillante Komödie einstellen und einfach mal schauen, welche Wirkung Der Informant! auf einen hat.

Freitag, 21. Oktober 2011

Contagion


Wenn Steven Soderbergh ankündigt, einen neuen Film zu drehen, weiß man nie, was einen erwartet. Mit Filmen wie Sex, Lügen und Video, Voll Frontal, Ocean's Eleven und Der Informant! deckt der arbeitsame und vielseitige Regisseur zahlreiche Genres und Kinotraditionen ab.

Contagion ist ein neuer, unaufgeregter, dadurch aber besonders beklemmender Thriller von Soderbergh. Wie zuvor schon Traffic verzichtet auch dieser Film auf einen Protagonisten. Stattdessen erzählt er, wie unterschiedliche Personen mit einer Epidemie zu kämpfen haben. Biologen, Ärzte, Betroffene, sensationsgierige Journalisten...

Die Stimmung ist kühl und distanziert, die Figuren sind interessant und die gesellschaftlichen Folgen der unberechenbaren Epidemie glaubwürdig. Es fehlt irgendwie an einem letzten, den Magen umdrehenden Knalleffekt, doch die soghafte Wirkung von Contagion genügt, um ihn zu einem klaren Kino-Geheimtipp zu machen.

Dienstag, 23. März 2010

Sex, Lügen und Video

Sex, Lügen und Video gehört zu den Filmen, die Hollywood veränderten: Er löste nicht nur Steven Soderberghs Karriere aus, er etablierte ebenfalls das Sundance Festival als respektables Sprungbrett für junge Filmemacher und beschehrte die bereits rund ein Jahrzehnt lang aktiven Miramax-Studios mit ihrem ersten Erfolg in Mainstream-Ausmaßen. Der Independentfilm erhielt Aufmerksamkeit von Publikumsgruppen, die ihn vorher nicht beachteten und wurde von großen Hollywoodstudios erstmals ernst genommen.

Steven Soderberghs Debütfilm galt 1989 aufgrund seines offenen Umgangs mit Sexualität zudem als große Provokation. Dabei verzichtet das Drama vollständig auf Nacktszenen, die Sexualakte zwischen den Figuren werden nur angedeutet und in künstlerischen, lediglich die Gesichter zeigenden Kamerawinkeln eingefangen. Soderbergh behandelt Sexualität und Sinnlichkeit in diesem Film nicht explizit-viszell, sondern auf einer intelektuellen Ebene:

Die engelsgleiche, verklemmte Ann (Andie MacDowell) hat keine Lust auf Sex. Sie findet es seit einiger Zeit bereits abstoßend, wenn ihr Ehemann sie berührt. Um ihrer Prüderie auf den Grund zu gehen, besucht Ann einen Psychologen, bei dem sie über ihre Ehe und ihre Sexualität spricht. Erfolgversprechend verlaufen die Therapiestunden jedoch nicht. Ihr Ehemann, der Anwalt John (Peter Gallagher) betrügt Ann derweil mit ihrer barschen und extrovertierten Schwester Cynthia (Laura San Giacomo), die es besonders prickelnd findet, es im Ehebett ihrer Schwester zu treiben. Dieses Beziehungsdreieck und die Einzelschicksale dieser Personen wird für immer verändert, als Johns alter Schulfreund Graham (James Spader) darum bittet, sich bei John und Ann einquartieren zu können. Der zurückhaltende, aber neugierige Graham wird Ann schnell sympatisch und sie tauschen sich über Sexualität aus. Graham, der stets mit ruhiger und einfühlsamer Stimme spricht, offenbart Ann, die Sex für überbewertet hält, dass er impotent ist und deswegen kein Sexualleben haben kann. Stattdessen verbringt er seine Zeit mit einem aufwändigen "Privatprojekt": Er zeichnet mit seiner Videokamera Frauen auf, während er sie über Sex und Beziehungen befragt. Anns Sympathie für Graham schwindet wieder, während ihre nymphomane Schwester hellhörig wird...

Die denkwürdigste dieser vier Rollen ist zweifelsohne James Spader als der sich zurückhaltend verhaltende, durchdringende Fragen stellende Graham. Mit seinem gemächlichen, verführerischen und außergewöhnlichen Sprechrhythmus bestimmt Spader Geschwindigkeit und Tonfall des Films und zieht den Zuschauer mühelos in seinen Bann. Hervorragend ist aber auch Andie MacDowell als vor Sexualität scheuende Ann, die mit ihrem natürlichen Charisma die Sympathien der Zuschauer erhält und die emotionale Stütze des Films darstellt. Peter Gallagher ist als durchtriebener, fremdgehender Ehemann komisch und Laura San Giacomo bringt nicht nur die Leinwand zum Prickeln, sondern vermag es auch die anfangs unausstehliche Cynthia dem Publikum mit jeder ihrer Szenen ein Stückchen näher zu bringen.
Wie bereits erwähnt, sind die Sexgespräche in Sex, Lügen und Video niveauvoll und nicht rein provokanter Natur. Sie dienen, um den Figuren Tiefe zu verleihen und eine dramatische sowie packende Geschichte über Begehren, Liebe und (Selbst-)Betrug zu erzählen, und nicht etwa um zu schocken. Die brisanten Dialoge werden einfühlsam vermittelt und profitieren von Soderberghs außerordentlich straffen Federführung, die den anspruchsvollen Sex, Lügen und Video zugänglicher macht als die wirrere Quasifortsetzung Voll Frontal.

Sex, Lügen und Video ist ein sinnliches und amüsantes Drama mit sehr viel Tiefgang und tollen Figuren, dass überaus offen mit dem Thema der Sexualität umgeht und dabei sehr sensibel bleibt. Die sich ver- und wieder entwirrenden Schicksale der vier Hauptfiguren berühren und regen zum Nachdenken an. Soderberghs Debütfilm gehört mit Abstand zu den besten Filmen seiner Sparte und ist ein absolutes Muss für jeden Filmliebhaber.

Montag, 22. März 2010

Voll Frontal

Nach seinem immens erfolgreichen Debütfilm Sex, Lügen und Video baute sich Regisseur Steven Soderbergh zu einem Wandler zwischen den Hollywoodwelten auf. Stilbrüche und plötzliche Kehrtwenden wurden zu seinem Markenzeichen. In dem einen Moment drehte er Oscar taugliches Material wie Erin Brokovich oder Traffic, im nächsten Popcornkino wie Ocean's Eleven und dann wendete er sich wieder dem Experimentalkino zu, etwa mit seiner Komödie Schizopolis. 2002 erschien mit Voll Frontal Soderberghs möglicherweise experimentellstes Werk. Der 2 Mio. Dollar teure Episodenfilm über die Neurosen und Beziehungen einer Gruppe von Medienmenschen in Los Angeles fällt insbesondere durch seine von engen, selbstgesteckten Grenzen geprägten Ästhetik auf. In Anlehnung an die dänische Dogma-Bewegung werden die grobkörnigen Videokameraaufnahmen nur bei bereits existierendem Licht an echten Drehorten gedreht. Soderbergh drehte sehr schnell, in möglichst wenigen Takes. Er verbat es sich, zwischen verschiedenen Aufnahmen hin- und herzuschneiden, er wählte stets den besten Take. Innerhalb des Takes darf geschnitten werden, was zu stellenweise springendem Bild führt. Die Kamera verfolgt die Filmfiguren, bewegt sich frei um sie herum, dringt in ihre Privatsspähre ein. Voll Frontal wurde als inoffizieller Nachfolger von Sex, Lügen und Video angekündigt, wobei es keinen inhaltlichen Zusammenhang gibt. Die Verbindung besteht allein darin, dass es um die ungeschöhnten Seiten von Beziehungen geht und dass das Filmpublikum eine voyeuristische Haltung einnimmt. Doch bereits die Bedeutung der Videokamera wird in Voll Frontal umgedeutet: Sagte Soderbergh über Sex, Lügen und Video, er sei auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen, weil er die Videokamera als das Medium ansah, mit dem sich eine Person andere Menschen auf Distanz halten kann, nutzt er die Kameras in Voll Frontal um besonders nah an sie heranzukommen.

Der Film beginnt an einem Freitag Morgen und verfolgt die Geschenisse seiner Hauptfiguren, die alle über den Produzenten Gus (David Duchovny) verbunden sind, welcher am kommenden Abend seinen 40. Geburtstag feiert. Die Reporterin Catherine (Julia Roberts) schreibt eine Story über den afro-amerikanischen Fernsehschauspieler Nicholas (Blair Undwerwood), der versucht mit harter Arbeit in Hollywood Fuß zu fassen. Catherine begleitet Nicholas von Termin zu Termin, und während sie sich immer besser kennenlernen, entstehen zwischen ihnen die ersten Funken.
Drehbuchautor und Journalist Carl (David Hyde Pierce) wird entlassen, weil er nicht aufregend genug ist, und lebt in ständiger Angst, dass seine Ehefrau Lee (Catherine Keener) ihn verlässt, weil sie ihn uninteressant findet. Lee mus in ihrer Firma einen Angestellten nach dem anderen feuern und versucht diesen Job aufzulockern, indem sie die Angestellten in ihrem Büro schwachsinnige Aufgaben erfülen lässt. Ihre Schwester, die Masseurin Linda (Mary McCormack), plant derweil einen Kurzurlaub in Tucson um sich dort mit einem Typen zu treffen, den sie im Internet kennengelernt hat und auf diesem Wege ihr unerfülltes Liebesleben auszubessern. Dieser ihr bislang unbekannte Flirt aus dem Netz ist Theaterregisseur Ed (Enrico Colantino), der zusammen mit Carl den aktuellen Film von Gus schrieb und sich momentan mit dem Hauptdarsteller (Nicky Katt) seines Stücks The Sound and the Fuhrer in die Haare kriegt, da sich dieser unentwegt anmaßt über die kreativen Geschicke des Stücks zu entscheiden.

Visuell war Voll Frontal seiner Zeit voraus. Die zeitgenössischen Kritiken verrissen den optischen Stil von Soderberghs Billgproduktion. Er verursache Kopfschmerzen, die verwackelten und verrauschten Aufnahmen ohne jegliche Tiefenschärfe hinterlassen den Eindruck, man sehe sich ein schlechtes DVD-Bonusmaterial an, eine Hintergrunddokumentation über das Filmemachen, statt einer vollwertigen Kinoproduktion. Das heutige,von Youtube an wackelige Videos und grobkörnige Laienproduktionen gewöhnte Publikum dürfte in der ruhigen Kameraführung und den langen, ungeschnittenen Sequenzen in Voll Frontal dagegen eine erholsame Ruhepause von hektischen Streifen wie Cloverfield, Public Enemies oder die Bourne-Trilogie sehen.

Obwohl Voll Frontal in der heutigen Zeit wohl nicht ganz so große Teile des Publikums auf Anhieb abschrecken wird, wie noch vor acht Jahren, soll allerdings nicht bedeuten, dass Soderberghs provokatives Experiment auf mehr Verständnis stoßen würde. Erzähltechnisch und inhaltlich ist Voll Frontal zu ungewöhnlich und unfokussiert. Die Wahl der Szenenübergänge ist oftmals unersichtlich, der Großteil der Dialoge besteht aus skurril-nichtigem Alltagsgeblubber mit wenig bis gar keiner Bedeutung für die überaus geringe Handlung des Films. Voll Frontal ist ein Charakterfilm, keiner, der einen relevanten Plot erzählen will. Die Figuren gerieten für einen solchen Film jedoch sehr blass, es gibt keine ikonische Hauptfigur im Film, die den unbedarften Zuschauer zu fesseln weiß. Die Dialoge plätschern vor sich hin und die gewöhnlichen Macken der Figuren erstaunen nicht. Kein Wunder, dass die meisten Zuschauer die Geduld mit Soderberghs Spielerei verloren.

Ich persönlich finde aber, dass sich bei Voll Frontal die Geduld, von der man auf jeden Fall eine Menge mitbringen muss, auszahlt und sich der Film mit jedem Anschauen kontinuierlich steigert. Sobald man sich mit der anstrengenden und unaufregenden "French New Wave trifft Woddy Allen in LA auf Acid - im dänischen Dogma-Look"-Stilistik von Voll Frontal arrangiert hat, offenbart sich, wie die visuelle und erzählerische Form eine komplexe Symbiose mit der Spielweise der Darsteller und den Dialogen eingeht. Ja, Voll Frontal wirkt tatsächlich selbst unter diesem gesichtspunkt noch immer etwas affektiert, die Produktion strahlt das arrogante Bewusstsein aus wesentlich anspruchsvoller und tiefsinniger zu sein, als sie es wirklich ist, aber diese mit real greifbaren Skurrilitäten und Anekdoten gesprenkelte Abhandlung über Identität, Selbstbildnisse und menschliche (Un-)Verbundenheit ist bei weitem nicht die hohle Luftblase, die ihre Kritiker in ihr sehen. Neben der bereits genannten Deutungsebenen befindet sich in Voll Frontal auch eine Fingerübung darin, wie man experimentell die Diskrepanz zwischen Filmromanzen und realen Beziehungen erörtern kann, und was benötigt wird, um dem Zuschauer ein Filmkonstrukt glaubwürdig nahezubringen.

Voll Frontal hat auch sehr amüsante Elemente zu bieten: Nicky Katts postmoderne Interpretation von Hitler ist zum Schreien komisch, Jeff Garlin gibt sein bestes als täuschend echte Harvey-Weinstein-Imitation und zwei Gaststars parodieren in einer auf den Punkt gebrachten Szene den Drehalltag in Hollywood. In den Dialogen von Voll Frontal verstecken sicht außerdem laienphilosophische, skurrile Beobachtungen, die schon längst in die Popkultur eingegangen wären, stammten sie aus einem Tarantino-Film. Beispielsweise lassen sich Menschen laut einer Nebenfigur in Voll Frontal in zwei Schubladen einteilen. Es gibt die unaufregenden, die zu Hause ihr Bier aus dem Kühlschrank holen und es aus dem Glas trinken, und diejenigen, die es aus der Flasche trinken.

Solche Beobachtungen sind es, die diesen voyeuristischen Blick in sechs kaputte Beziehungsleben alltäglichen Ausmaßes letztlich sehenswert machen. Die Figuren mögen zwar nicht sonderlich denkwürdig sein, trotzdem bereitet es Vergnügen, ihnen bei ihren neurotischen Problemchen und den Versuchen sie zu überwältigen zu beobachten. Dazu trägt vornehmlich das sehr authentische, realitätsnahe Spiel des Ensembles, welches von Soderbergh während der einem Sommercamp gleichenden 18 Drehtagen zu einer eingeschworenen Gemeinde formte.

Die äußerst informative Sonderausstattung auf der Voll Frontal-DVD hilft weiter, einem diesen ungewöhnlichen Film näher zu bringen. Im gemeinsamen Audiokommentar von Soderbergh und Autorin Coleman Hough erfährt man sehr viel über den Reifeprozess des Drehbuchs und die ungewöhnlichen Dreharbeiten. Einen Einblick auf genau diese erhält man in kurzen Featurettes über die ans Set gebrachten Spionagekameras und die von Soderbergh aufgestellten Zehn Gebote des Voll Frontal-Drehs. Deleted Scenes mit optionalem Audiokommentar und In-Character-Interviews mit den Schauspielern runden das aufschlussreiche Paket ab.

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