Dienstag, 23. März 2010

Sex, Lügen und Video

Sex, Lügen und Video gehört zu den Filmen, die Hollywood veränderten: Er löste nicht nur Steven Soderberghs Karriere aus, er etablierte ebenfalls das Sundance Festival als respektables Sprungbrett für junge Filmemacher und beschehrte die bereits rund ein Jahrzehnt lang aktiven Miramax-Studios mit ihrem ersten Erfolg in Mainstream-Ausmaßen. Der Independentfilm erhielt Aufmerksamkeit von Publikumsgruppen, die ihn vorher nicht beachteten und wurde von großen Hollywoodstudios erstmals ernst genommen.

Steven Soderberghs Debütfilm galt 1989 aufgrund seines offenen Umgangs mit Sexualität zudem als große Provokation. Dabei verzichtet das Drama vollständig auf Nacktszenen, die Sexualakte zwischen den Figuren werden nur angedeutet und in künstlerischen, lediglich die Gesichter zeigenden Kamerawinkeln eingefangen. Soderbergh behandelt Sexualität und Sinnlichkeit in diesem Film nicht explizit-viszell, sondern auf einer intelektuellen Ebene:

Die engelsgleiche, verklemmte Ann (Andie MacDowell) hat keine Lust auf Sex. Sie findet es seit einiger Zeit bereits abstoßend, wenn ihr Ehemann sie berührt. Um ihrer Prüderie auf den Grund zu gehen, besucht Ann einen Psychologen, bei dem sie über ihre Ehe und ihre Sexualität spricht. Erfolgversprechend verlaufen die Therapiestunden jedoch nicht. Ihr Ehemann, der Anwalt John (Peter Gallagher) betrügt Ann derweil mit ihrer barschen und extrovertierten Schwester Cynthia (Laura San Giacomo), die es besonders prickelnd findet, es im Ehebett ihrer Schwester zu treiben. Dieses Beziehungsdreieck und die Einzelschicksale dieser Personen wird für immer verändert, als Johns alter Schulfreund Graham (James Spader) darum bittet, sich bei John und Ann einquartieren zu können. Der zurückhaltende, aber neugierige Graham wird Ann schnell sympatisch und sie tauschen sich über Sexualität aus. Graham, der stets mit ruhiger und einfühlsamer Stimme spricht, offenbart Ann, die Sex für überbewertet hält, dass er impotent ist und deswegen kein Sexualleben haben kann. Stattdessen verbringt er seine Zeit mit einem aufwändigen "Privatprojekt": Er zeichnet mit seiner Videokamera Frauen auf, während er sie über Sex und Beziehungen befragt. Anns Sympathie für Graham schwindet wieder, während ihre nymphomane Schwester hellhörig wird...

Die denkwürdigste dieser vier Rollen ist zweifelsohne James Spader als der sich zurückhaltend verhaltende, durchdringende Fragen stellende Graham. Mit seinem gemächlichen, verführerischen und außergewöhnlichen Sprechrhythmus bestimmt Spader Geschwindigkeit und Tonfall des Films und zieht den Zuschauer mühelos in seinen Bann. Hervorragend ist aber auch Andie MacDowell als vor Sexualität scheuende Ann, die mit ihrem natürlichen Charisma die Sympathien der Zuschauer erhält und die emotionale Stütze des Films darstellt. Peter Gallagher ist als durchtriebener, fremdgehender Ehemann komisch und Laura San Giacomo bringt nicht nur die Leinwand zum Prickeln, sondern vermag es auch die anfangs unausstehliche Cynthia dem Publikum mit jeder ihrer Szenen ein Stückchen näher zu bringen.
Wie bereits erwähnt, sind die Sexgespräche in Sex, Lügen und Video niveauvoll und nicht rein provokanter Natur. Sie dienen, um den Figuren Tiefe zu verleihen und eine dramatische sowie packende Geschichte über Begehren, Liebe und (Selbst-)Betrug zu erzählen, und nicht etwa um zu schocken. Die brisanten Dialoge werden einfühlsam vermittelt und profitieren von Soderberghs außerordentlich straffen Federführung, die den anspruchsvollen Sex, Lügen und Video zugänglicher macht als die wirrere Quasifortsetzung Voll Frontal.

Sex, Lügen und Video ist ein sinnliches und amüsantes Drama mit sehr viel Tiefgang und tollen Figuren, dass überaus offen mit dem Thema der Sexualität umgeht und dabei sehr sensibel bleibt. Die sich ver- und wieder entwirrenden Schicksale der vier Hauptfiguren berühren und regen zum Nachdenken an. Soderberghs Debütfilm gehört mit Abstand zu den besten Filmen seiner Sparte und ist ein absolutes Muss für jeden Filmliebhaber.

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