Freitag, 29. Juni 2012

Der Informant!

Es sind die frühen 90er: Mark Whitacre (Matt Damon) ist der aufstrebende Stern am Himmel des Agrarkonzerns Archer Daniels Midland (ADM). Als Biochemiker ist er für die Produktion der Aminosäure Lysin zuständig, durch welches sich der Nährwert von Tierfuttermittel bedeutsam steigert. Außerdem übernimmt er seit einiger Zeit zunehmend kaufmännische Tätigkeiten, was seine Stellung im Unternehmen stärkt und ihm erlaubt, seiner Frau und seinen Kindern einen stattlichen Lebensstandard zu bieten. Als es durch einen Virus zu einem Ausfall der Lysin-Erzeugung kommt, wittert Whitacre Sabotage durch die Konkurrenz. Das FBI wird eingeschaltet, was Whitacre nervös macht, da er sich im Namen von ADM der Preisabsprache mitschuldig machte. Das beichtet er dem charismatischen und vertrauenserweckenden Agenten Brian Shepard (Scott Bakula), der ihn als Informanten für's FBI anwirbt. Doch technische Schwierigkeiten, kleinlich auf's Vokabular achtende juristische Beistände und Whitacres Schusseligkeit legen dem Vorhaben allerhand Steine in den Weg. Whitacre lobt sich selbst derweil schon als amerikanischen Helden, hilft er doch, einen Industrieskandal aufzudecken. Aber nicht jeder sieht in dem Informanten einen Helden ...

Die verschrobene Intrigenkomödie Der Informant! stieß 2009 beim Kinopublikum weitestgehend auf Ablehnung, während das Feuilleton Steven Soderberghs auf wahren Begebenheiten basierender, fast schon grotesker Genrespielerei wohler gesonnen war. Möglicherweise gerade, weil Der Informant! seine Geschichte so erzählt, dass sie selbst belanglos wird. Industriespionage, Lügen mit doppeltem Boden und betrügerische Verräter, all das könnte einen Industriethriller abgeben, ein dramatisches Biopic welches Whitacres sich selbst den finanziellen Boden unter den Füßen wegziehendes Handeln hinterfragt oder auch eine geradlinige Komödie. Aber nach einem in Retrochic gehaltenem Anfang, in dem Matt Damon als liebenswerter Fachidiot mit wirrer Erzählerstimme noch die Zuschauersympathien auf sich zieht, gerät Der Informant! zunehmend zu einer narrativen Fingerübung. Handlung und Moralität schlagen derart viele und schnelle Bögen, dass spätestens nach der ersten Filmhälfte niemand mehr weiß, was man noch glauben darf. Soderbergh und ein wundervoll dümmlich agierender Matt Damon spielen dies nicht aufs Dramatische aus, sondern zielen auf den Effekt der Albernheit. Der Ausgang der Geschichte ist deswegen alsbald sekundär, was Zuschauer langweilen kann. Mir gefiel aber die zweite Filmhälfte deutlich besser.

Lassen anfangs nur Matt Damons Wortwitz und gelegentliche Situationskomik Schmunzler aufkommen, ist die groteske Verdrehung jeglicher in Geschichten über Industrieverrat geltenden Konventionen sowie die schiere Masse an neuen Enthüllungen überaus vergnüglich. Der neue Schwerpunkt des Films (aus der Frage "Wann kriegen sie die Konzernbosse endlich ran?" wird ein "Was denn noch alles?") bietet zwar weniger dramaturgischen Gehalt, doch da Soderberghs trockene Erzählweise in Der Informant! eh nur wenig Spannung zulässt, ist dies nicht weiter ärgerlich. Denn in der zweiten Filmhälfte erhalten die zahllosen US-Komiker, die in Nebenrollen besetzt sind, immer mehr Steilvorlagen für spröde gespieltes Entsetzen, während Matt Damon seinen liebenswürdigen Dämlack zu einer Kunstfigur hochstilisieren kann. Das wird dem wahren Mark Whitacre garantiert nicht gerecht – aber es erlaubt Matt Damon, Spießigkeit, Borniertheit, Stupidität und Weltferne mittels schwarzem Humor zu einer unglaublichen Mischung zu vereinen. Der Informant! ist ein perfides Spiel mit filmischen Gattungsgesetzen, wie es von den Coen-Brüdern stammen könnte, wenn auch nicht mit einem zwischenmenschlichen Pessimismus, wie er bei den Oscar-Preisträgern gerne vorherrscht. Soderbergh verleiht seiner Komödie eher das Gefühl einer schrägen Anekdote – und in der Geschichte der Industrieskandäle ist Whitacres Handeln auch exakt das.

Viele würden sich eine weniger subjektiv eingefärbte, nach Fakten und Inneneinsichten grabendes Drama oder einen Korruption anklagenden Thriller wünschen. Aber wer von Mark Whitacre noch nie gehört hat, sollte gar nicht erst nachschlagen, sondern sich auf eine träge erzählte, doch brillante Komödie einstellen und einfach mal schauen, welche Wirkung Der Informant! auf einen hat.

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