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Sonntag, 9. Juni 2024

Mediatheken-Tipps Spezial (9. Juni 2024)

Ich habe Donald Duck zwar schon bei FILMSTARTS zu seinem "90. Geburtstag" gratuliert, aber er verdient selbstredend noch mehr Liebe. Zum Glück lassen sich die deutschen Medien nicht lumpen:

Happy Birthday, Donald Duck! (Brisant-Beitrag, 2024) Ich will ehrlich sein: Ich habe eigentlich wenig für das Boulevardmagazin Brisant übrig, aber dieser mit Comicliebe und vielen schön zusammengestellten Schnittbildern voller Donald-Memorabilien und -Zeichnungen ist richtig hübsch gemacht. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 9. Juli 2024

Zeitreise: 90 Jahre Donald Duck (Morgenmagazin-Beitrag, 2024): Das ARD-Morgenmagazin quetscht 90 Jahre Donald in einen gewitzten Beitrag, inklusive "Exklusivinterview" mit dem Jubiläum feiernden Schnatterich. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 5. Juni 2026

Volle Kanne vom 7. Juni 2024 (Frühstücksmagazin, 2024) Ab Minute 34 geht es in dem ZDF-Frühstücksmagazin, das nach dem Morgenmagazin läuft, um Donald Duck. Im Beitrag gibt es unter anderem ein kurzes Archiv-Statement von Dr. Erika Fuchs, Ulrich Schröder lobt die Universalität Donalds und es gibt die riesige Merch-Kollektion zu Donalds 90. zu sehen... DIE NOCH IMMER NICHT ÜBER DEN DEUTSCHEN DISNEYSTORE ZU BEZIEHEN IST. WOLLT IHR MEIN GELD ETWA NICHT, DISNEY?! ZDF-Mediathek, abrufbar bis zum 7. Juni 2026

Der ewige Aktivist: Donald Duck wird 90 (Radio-Reportage, 2024) Donald-Zeichner Jan Gulbransson spricht mit SWR-Kultur darüber, wie sich die Donald-Comics in der jungen Bundesrepublik durchsetzen mussten, seine Liebe zum Erpel und den nicht immer offensichtlichen, aber keinesfalls zu vernachlässigen kulturellpolitischen Wert Donalds. ARD-Audiothek, mir unbekanntes Ablaufdatum

Das Wort zum Dienstag: Donald Duck (Radio-Satire, 2024) Jana Fischer räumt mit den ständigen Vergleichen zwischen dem besten und dem orangegetöntesten Donald auf und kommt zu einem klaren, ententarken Fazit. ARD-Audiothek, mir unbekanntes Ablaufdatum

Happy Birthday Donald Duck: Ein Antiheld für alle (Radio-Interview, 2024) SWR-Aktuell spricht mit dem Donaldisten Karsten Bracker (seines Zeichens Präsident/Präsiderpel) über die Krönung der Fiktion und ganz besonders über seine Qualitäten als Aufstehmännchen. ARD-Audiothek, mir unbekanntes Ablaufdatum

1934: Erster Auftritt von Donald Duck (Radio-Beitrag, 2024) Kurz und knapp: 90 Jahre Donald in zwei Minuten. Werden Fans darin was lernen? Nein. Aber ich beneide auch keine Seele, die so viel Popkultur in so wenig Zeit quetschen muss. Da ist das hier schon ein fein gemachter Abriss. ARD-Audiothek, mir unbekanntes Ablaufdatum

Warum Mediatheken-Tipps? Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind ein unablässig sprudelnder Quell an sehenswerten Produktionen. Ob Spielfilm, Dokumentarfilm, Reportage, Konzertfilm, Serie, oder oder oder. Doch nicht nur, dass man da leicht den Überblick verlieren kann: Ich kenne einige Menschen, die den Mediatheken kaum oder gar keine Beachtung schenken. Mit dieser Artikelreihe möchte ich Orientierung bieten, ebenso wie Anreiz, sich vermehrt mit den Mediatheken zu befassen. Dazu gebe ich wöchentlich sechs Anschautipps.

Die Mediatheken-Tipps erheben selbstredend keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt viel mehr zu sehen, als ich hier Woche für Woche nennen könnte.

Samstag, 12. Februar 2022

Meine Lieblingsfilme 2021 (Teil II)

Was bisher geschah...

Platz 40: Benedetta (Regie: Paul Verhoeven)

Paul Verhoeven trollt mal wieder. Und trollt eigentlich gar nicht. Denn seine Nonnen-Lesben-Historiengeschichte hat selbstredend Elemente, die bei einigen Leuten für tomatenrote Ohren sorgen dürften. Und für die, die sich nicht von improvisiert herbeigeschnitztem Sexspielzeug schockieren lassen, gibt's noch immer den bewusst-extra peinlich-albernen Aspekt, dass die Titelheldin, wann immer sie vorgibt von Jesus besessen zu sein, mit der Stimme des Benedetta-Filmjesus spricht, was vorne bis hinten nicht zusammenpasst. Andererseits nimmt Verhoeven sein Sujet ziemlich ernst: Statt eine reine Lachnummer aus dem Stoff zu machen, streut er gehaltvolle Schlussfolgerungen in den Film, der auch über schlechtes Pandemie-Management und "Wer laut genug behauptet, Ahnung zu haben, bekommt sie zugeschrieben"-Betrugsmaschen abledert. Macht Spaß!

Platz 39: The Lost Leonardo (Regie: Andreas Koefoed)

In Andreas Koefoeds Dokumentarfilm The Lost Leonardo wird detailliert und erkenntnisreich die Geschichte des Gemäldes Salvator Mundi erzählt, das einst in einer Lagerhalle wiedergefunden und für eine niedrige vierstellige Summe verkauft wurde, dann in der Kunstszene als "schlecht erhaltenes, aber recht gut gemachtes Bild im Stile von Leonardo da Vinci" kursierte und letztlich vor wenigen Jahren für Rekordsummen als das letzte Gemälde des großen Meisters über den Auktionstisch ging. Koefoed strukturiert diese Chronik einer gigantischen Wertsteigerung fesselnd, macht sie dank perfekt ausgewählter Interviewpartner:innen lehrreich, kurzweilig und spannend, und immer wieder drängt sich die Frage auf: "Glaube ich dieser Person?" Kunstrestauration und -handel, Kunstmarketingmethoden und diplomatische Politik vereinen sich hier zu einem Thrillerdrama, wie es das Leben schrieb.

Platz 38: Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Regie: Dominik Graf)

Weitaus weniger Spaß macht diese geschlagene 186 Minuten lange, zermarternde Erich-Kästner-Adaption. Doch genau so muss das sein! Regisseur/Autor Dominik Graf und Autor Constantin Lieb nehmen die während des "Vorabends" des Nationalsozialismus verfasste, aufgrund ihres erschreckenden Wahrheitsgehalts lang zensierte Vorlage, und formen sie zu einem soghaften, deprimierenden Sittenzerfallgemälde. Mit komplexen Figuren und entsprechend facettenreichen Performances versehen, zeigt Fabian oder Der Gang vor die Hunde von Liebe, Hoffnungen und moralischer Verwüstung in der späten Weimarer Republik. Filmisch rüttelt Graf uns immer wieder auf, indem er beispielsweise die ausschweifende Historienfilmausstattung der Marke ARD-Degeto-Zweiteiler/ZDF-Primetime-Dreiteiler gegen ramschige Digitalkamerabilderästhetik knallen lässt oder durch historisch inakkurate Werbeplakate unmittelbare Verknüpfungen zur Gegenwart zieht. Kein Vergnügen, aber mein liebster deutscher Film 2021.

Platz 37: The Last Duel (Regie: Ridley Scott)

Rashomon im Frankreich des Jahres 1386, doch der Grundgedanke "Alles ist subjektiv, Erinnerung ist trügerisch, wem kann man schon trauen?" weicht dem kraftvoll umgesetzten Ansatz "Das patriarchale System spielt mit derart gezinkten Karten, dass sich Männer bequem ihre eigene Wahrheit schaffen können und Frauen, ganz gleich, wie nachdrücklich sie um Gehör bitten, an den Rand gedrängt werden". Der dramatische Gesellschaftskommentar im Gewand eines Ritterepos beginnt etwas zäh, doch nach und nach finden die Puzzleteile zusammen und offenbaren nicht nur eine kluge, passionierte Erzählung, sondern auch die Bühne für gute Performances von Matt Damon und Adam Driver sowie eine tolle Leistung von Ben Affleck und eine hervorragende von Jodie Comer. Inklusive kathartischem, dreckigem Schlussakt und zum Nachdenken anregendem, kurzem, die erlebte Erlösung wieder in Frage stellendem Epilog. In meinen Augen Scotts bester Film seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten.

Platz 36: Nomadland (Regie: Chloé Zhao)

Chloé Zhaos Oscar-Abräumer Nomadland reicht meiner Ansicht nach nicht ganz an die stille, komplexe Poesie ihres Beinahe-Dokumentarfilms The Rider heran. Dennoch ist diese Auseinandersetzung mit dem erzwungenen Findungsreichtum jener, die vom US-Turbokapitalismus ausgespuckt wurden, sich aber weigern, sich fortan als traurige Gestalten zu verstehen, ein hervorragend fotografiertes, gleichermaßen raues wie einfühlsames Porträt eines diffizilen Lebensentwurfes. Zhao lässt uns die Umstände, die Menschen dazu drängen, solch ein Leben zu akzeptieren, verurteilen, vermeidet aber die Falle der sozialvergleichenden "Elendspornografie": Wir schauen den Film nicht, um uns besser als die zentralen Figuren zu fühlen und uns die eigene Schulter zu klopfen, wie toll es ist, dass wir Mitleid haben. Zhao zeigt nämlich, dass es Menschen gibt, die auch in den kargsten Umständen Würde und Geborgenheit kreieren. Nomadland: Das filmgewordene Gegengift zu Hartz und herzlich und wie die ganzen giftigen RTL-II-Dokureihen sonst so heißen!

Platz 35: Red Screening (Regie: Maximiliano Contenti)

Wie im Intro zu Teil eins dieser Hitliste bereits festgehalten: Manchmal erscheinen Filme einfach zum richtigen Zeitpunkt, so dass sie sich als Essenzen des Jahreszeitgeistes in meiner Erinnerung festsetzen und für die Jahreshitliste aufdrängen. Im Falle von 2021 ist der aus Uruguay stammende Slasher Red Screening genau solch ein Film: Nach Monaten des pandemiebedingten Kinoentzuges erscheint ein Film auf Blu-ray, der aus jeder Pore Liebe zu sämtlichen Aspekten des Kinoerlebnisses triefen lässt, von den offensichtlichen und den heimlichen Glanzseiten bis hin zu den Schattenseiten, die man mit Abstand jedoch lieben lernt. Das wäre 2018 beispielsweise vielleicht dank der zielsicheren Regieführung und der stringenten Giallo-Stimmung eine ehrenwerte Nennung geworden, aber 2021?! Da wurde es eines meiner intensivsten, nachhaltigsten Heimkinoerlebnisse. Ich werde noch jahrelang die Pandemie und meine Kinosehnsucht fest mit diesem Film verbinden. Allein schon der Anblick der Blu-ray lässt Popcorngeruch in meine Nase steigen und das Phantomgefühl aufkommen, in einem Kinosessel zu sitzen.

Platz 34: The Suicide Squad (Regie: James Gunn)

Können böse, ruchlose und tabubrechende Gestalten, die von der Gesellschaft aufgegeben wurden, sich als wertvolle Personen beweisen, die Gutes bewegen? James Gunn, seines Zeichens von einer garstigen Kindheit geprägte Person, die jahrzehntelang mit boshaftem Humor auf sich aufmerksam gemacht hat und dann von Teilen der Twitter-Öffentlichkeit von Heute auf Morgen als unverzeihlich miese Gestalt gebrandmarkt wurde, sagt: Ja. Zweite Chancen müssen vergeben und angenommen und gemeistert und daraufhin als gemeistert anerkannt werden. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung mit Selbstgerechtigkeit, Widerlichkeit und der Kunst des Übersichhinauswachsens ist eine räudige, brutale, zutiefst verletzliche Komödie, voller toller Figuren, geplagt von ein paar "Ich formuliere meine Moral zu deutlich aus"-Augenblicken und gesegnet mit wunderbarem Witz und einer berührend-ehrlichen Ebene der Reflexion. Und Vögel kriegen eins vor den Latz.

Platz 33: Last Night in Soho (Regie: Edgar Wright)

Edgar Wright attackiert nostalgische Verklärungen, übergriffige Männer und empathielose Mitstudierende in einem Abwasch. All das stylisch gefilmt und punktgenau geschnitten - wie man es halt von ihm erwarten würde, wenngleich mit einer etwas gedrosselten Deutlichkeit seiner Handschrift. Das ist im Pantheon seiner vergleichsweise ernsteren Projekte deutlich runder als The World's End und punktet zudem mit Swinging-Sixtes-Flair, zielsicheren Horror-Anleihen und einer das Material geradezu atmenden Thomasin McKenzie. Die Grundidee hinter dem dritten Akt ist klasse, poltert in der Umsetzung jedoch ein wenig, ebenso habe ich das Gefühl, dass Anya Taylor-Joy zwar gut spielt, jedoch wie in einem anderen Filmm und Wright sie einfach ein bisschen hätte lenken müssen. Doch allein schon für die makellos geschnittenen, Zeitebenen und Personen verschwimmen lassenden Tanzszenen und die tolldreist-selbstbewusst vertretene Haltung des Films muss ein Top-35-Platz in meinen Jahrescharts her!

Platz 32: Matrix Resurrections (Regie: Lana Wachowski)

Hinter der Oberfläche einer selbstironischen Satire auf späte Fortsetzungen, die sukzessive zu einem Mix aus Best-of der Matrix-Trilogie und einer filmgewordenen Korrekturlesung wird, verbirgt sich verletzliche emotionale Ehrlichkeit: Durchsetzt mit Bildern aus suizidalen und depressiven Phasen der Regisseurin Lana Wachowski, filigransten und beiläufigen, aber zielgenau-deutlichen Details aus den Dingen, die ihr Leben formten, sowie mit der strengen Haltung "Ich muss meine ganz persönlichen Filme aus den Klauen der Leute retten, die mir das Leben zur Hölle machen wollen und der Schöpfung schmücken, die meine Schwester und ich einst der Filmwelt geschenkt haben" versehen, revidiert Matrix Resurrections die Matrix-Trilogie, ohne sie kleinzureden. Basierend auf der Ausgangsfrage "Wenn ich nochmal neu anfangen könnte, was würde ich tun?" feiert Wachowski die Höhepunkte ihrer einflussreichen Saga, tauscht das darin vorgeführte, kalte Abstrahieren aber gegen erlebte, gefühlte Überzeugung und verschafft ihren geliebten Figuren konsequenterweise einen zügigeren, farbenfroheren, das Herzen erfüllenden Eiltrip durch die Eckdaten der Ursprungsreihe. "Ich würd's wieder tun, aber früher, selbstbewusster und entschlossener, und daher glücklicher", lautet die Antwort, die Sci-Fi-Action-Dystopie wird daher zur Sci-Fi-Action-Romantikkomödie. Was für eine berührende, faszinierende Idee - meinetwegen hätte sich Wachowski nur noch dreister von der beengenden Schablone der vorherigen Teile befreien können.

Platz 31: Annette (Regie: Leos Carax)

Holy Motors-Regisseur Leos Carax widmet sich dem Musicalgenre: In Annette breitet er, begleitet von Musik der Sparks Brothers, vor unseren Augen die unromantische Geschichte einer Promibeziehung aus. Adam Driver ist ein impulsiver Schockkomiker, Marion Cotillard eine in ihren eigenen Sphären schwebende Opernsängerin. Wenn die Zwei zur Verwunderung (und Freude) der nach Themen gierenden Medien eine Bindung eingehen, lässt die Theatralik nicht lange auf sich warten - inklusive einer Marionette von einer Tochter. Simon Helberg beweist in einer Nebenrolle wieder einmal, dass er in The Big Bang Theory unter Wert verkauft wurde, Cotillard und Driver sind klasse in ihren Rollen, und die Songs dieses nahezu durchkomponierten Musicals sind eindrucksvoll. 

Fortsetzung folgt...

Samstag, 20. November 2021

Ein Loblied auf den "neuen" Phantomias

Ein Zeitreisender will eine zahlreiche Menschenleben kostende Explosion abwenden, doch die Polizisten der Zeitbehörde möchten nicht, dass dieses vorbestimmte Ereignis verhindert wird. Egal, wie schrecklich es ist. Ein idealistischer, aber kompromissfeindlicher Wissenschaftler will die zugebaute Westküste eines Kontinents zerstören, um unberührtes Land freizulegen und der Menschheit einen ökologischen Neustart zu schenken. Selbst, wenn dabei Millionen sterben werden … Wer setzt sich mit diesen Dilemmata auseinander? Donald Duck.

Eine Rasse Außerirdischer, die die Emotionen und Lebensenergie ihrer Opfer aussaugt, nimmt die Erde als nächstes Ziel ins Visier – und das Militär kooperiert willentlich mit ihnen. Zu den wenigen Widerstandskämpfern gehört … Donald Duck. Eine Androidin verliert den Lebenswillen und stürzt sich in den Tod. Als sich Techniker anschicken, sie zu reparieren, redet es ihnen jemand aus. Nämlich … Donald Duck.

Das klingt für Uneingeweihte womöglich wie die Zusammenfassung finsterer Fanfiction, die nichts mit echten Disney-Comics zu tun hat. Aber wer in den späten 1990ern ein bestimmtes, in Deutschland sehr nischiges monatliches Disney-Magazin gekauft hat, oder jetzt zur treuen Leserschaft des edel aufgemachten „LTB Premium“ gehört, weiß, was Sache ist. Diese dramatischen, moralisch komplexen Disney-Comicgeschichten existieren. Und sie sind außerordentlich gut.

Die Rede ist von der in Italien erfundenen Comicsaga „Paperinik New Adventures“, oder wie sie hierzulande getauft wurde: „Der neue Phantomias“.

Vom Pechvogel zum Rächer zum sanften Helden zum „neuen Phantomias“

Dass sich Donald Duck in Maske und Umhang kleidet, um als Teilzeiträcher und Superheld Phantomias durch die Nacht zu springen, ist seit 1969 Teil des Disney-Comic-Kanons aus Italien. Erdacht wurde das Alter Ego des zornigen Erpels, weil vielfach der Wunsch geäußert wurde, Donald doch mal auf der Siegerseite zu sehen. Also bekam er eine Geheimidentität, die ihm half, sich an Peinigern zu rächen oder Diebe in die Flucht zu schlagen. Phantomias erfreute sich großer Beliebtheit – bis diese Popularität in den frühen 1990er-Jahren kurzzeitig abnahm.

Bei Disney Italia erkannte man, dass die einst sehr forsche Figur zuletzt zu zahm wurde – und dachte sich daher, dass es an der Zeit sei, Phantomias endlich in eine Superwelt zu hieven, die sich neben die an Jugendliche und junge Erwachsene orientierenden Marvel- und DC-Reihen gesellen kann. Eine Truppe von italienischen Disney-Comicschaffenden, die damals als junge Wilde den Status quo hinterfragten, nahm sich diesem Gedanken an. Und so erschufen Claudio Sciarrone, Alessandro Barbucci und Silvia Ziche sowie die Autoren Tito Faraci und Francesco Artibani ein futuristisch angehauchtes Entenhausen, in dem fortlaufende Geschichten mit immensen Bedrohungen und fahrigen moralischen Dilemmata erzählt werden.

Donalds Alter Ego Phantomias tauscht in „Paperinik New Adventures“ seine wie kindische Wasserpistolen gestalteten Waffen und seine Sprungfeder-Stiefel gegen einen Transformerschild und berät sich nicht weiter mit dem kauzigen Erfinder Daniel Düsentrieb, sondern mit der Künstlichen Intelligenz Eins, die im Laufe der Saga erst noch Empathie lernen muss. Die Comics sind reich an Action, die teils ordentliche Blessuren beim Titelhelden hinterlassen, und Donald alias Phantomias ackert sich mit großem Sarkasmus und viel Galgenhumor durch die vielen Situationen, die weit schwerwiegender sind als alles, was er von früher gewohnt ist.

Dieser Humor ist sehr schnippisch geschrieben – und lässt zugleich weiter durchschimmern, dass sich hier ein Pechvogel und Faulpelz in Kämpfe stürzt, die er lieber Anderen überlassen würde. Würden sich doch nur Andere finden, die diese Kämpfe zu schlagen wüssten. Doch weil es halt sonst niemand übernimmt, löffelt halt Donald Duck ebenso emsig wie augenrollend für uns alle die Suppe aus.


Anfangs ordentlich am Markt vorbei gebrettert

In Deutschland startete der Verlag Ehapa 1996, nur kurze Zeit nach dem Debüt in Italien, den ersten Versuch, diese Comicreihe ans Publikum heranzutragen. Als monatliche Heftreihe in etwas edlerer Aufmachung, aber ähnlichem Format wie das altbekannte „Micky Maus Magazin“, bekam es eine Aufmachung verpasst, die wie ein Hybrid aus klassischen Disney-Heftchen und den Superheldenheften von DC und Marvel anmutete. So weit, so gut. Aber die Saga startete in Deutschland direkt mit einem gigantischen Problem:

Die allererste Geschichte, die erklärt, weshalb Donald Duck nun in einem 151 Stockwerke hohen Wolkenkratzer lebt, mit einer Künstlichen Intelligenz befreundet ist, keinen Kontakt mehr zu seinen Neffen und alten Weggefährten hat, und in der Gestalt von Phantomias nicht etwa Diebe, sondern Killer-Aliens und Diebe aus der Zukunft jagt, wurde ausgelassen. Anspielungen auf „kürzliche Ereignisse“ wirkten nicht wie ausgereifte, innere Kontinuität, sondern wie schlechtes Geschichtenerzählen.

Jahre später wurden „lizenzrechtliche Schwierigkeiten“ als Grund dafür öffentlich gemacht, der Schaden ließ sich aber nicht rückgängig machen: Im deutschen Disney-Comicmarkt, der sich Mitte der 1990er-Jahre noch weniger um Erwachsene bemühte als heute, und für den „PkNA“ somit eh ein schwer zu positionierendes Projekt darstellte, wurde diese Reihe so gestartet, dass sich beim Publikum die Fragezeichen nur so stapelten. Nach bloß neun Heften gab der Verlag die Reihe auf. Vorerst.

1999 folgte ein zweiter Anlauf – mit weniger Inhalt pro Ausgabe, aber zu einem höheren Preis. Die Ursprungsgeschichte der Saga wurde streng limitiert nachgereicht. In Schwarz und Weiß. Und nicht etwa zu Beginn dieses erneuten Versuchs, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. Wer braucht schon eine chronologische Veröffentlichung bei einer kontinuierlich erzählten, eng verwobenen Geschichte? Mehr Leute, als dem Verlag damals wohl lieb war: Erneut spielten nur wenige Menschen dieses Spiel mit – nach insgesamt 15 Bänden war mangels Erfolg Schluss.

Das Taschenbuch-Format bringt die späte Rettung

Am 1. März 2012 gelang es dem futuristischen, verwegenen Phantomias endlich, seine Pechsträhne in Deutschland zu überwinden: Unter dem Titel „Der neue Phantomias“ wurde ihm der zweite Band der hochpreisigen, gezielt an ältere Disney-Fans vermarkteten Reihe „LTB Premium“ gewidmet. Darin wurden erneut die Geschichten abgedruckt, die den Grundstein dieser Saga darstellen und die relevantesten Gegner sowie Unterstützer des Helden im Cape einführen – inklusive des zuvor so sagenumwobenen, erst ausgelassenen, dann limitierten „Band 0“. Dieses Mal sogar in Farbe!

Seither sind die „PkNA“-Chroniken fester Bestandteil der Premium-Reihe unter dem „Lustiges Taschenbuch“-Banner. Die Bände vier und sieben folgten mit einer Kombination aus chronologischen Nachdrucken bereits veröffentlichter Hauptgeschichten und deutschen Erstveröffentlichungen pointierter Kurzgeschichten, die die Nebenfiguren der Saga vertiefen. „LTB Premium 9“ belohnte im Oktober 2015 geduldige Fans des neuen Phantomias endlich mit seit vielen Jahren herbei ersehnten, deutschen Erstveröffentlichungen langer Geschichten aus dem zentralen Handlungsstrang. In den „LTB Premium“-Ausgaben elf, 14, 16, 18, 20, 23 und 25 ging die Saga auf zunehmend komplexere Weise weiter, mit lang im Voraus geleistetem Foreshadowing, weit zurückreichenden Kontinuitätsrückgriffen und einer steigenden Schlagzahl an Comics, die entweder sehr actionreich sind oder sehr dramatische, verschachtelte Plots erzählen.

Donald alias Phantomias stellt sich Robo-Auftragskillern, begegnet Aliensöldnern und entwickelt ein ihn immens beißendes, schlechtes Gewissen für Dinge, die er seit Jahrzehnten in seinen klassischen Spaßgeschichten tut. Die Zeitreisegeschichten werden immer verzahnter – und nach dem tragischen Ausgang der Reise einer peppigen Nebenfigur sowie nach einer „Predator“-Parodie findet die Sage in Band 25 einen esoterischen Quasi-Abschluss.

Quasi-Abschluss daher, weil „PkNA“ in Italien so beliebt und erfolgreich war, dass die dortige Disney-Dependence die Reihe fortführte – erst mit einer 18-teiligen Comicsaga, die unmittelbar nach den „PkNA“-Comics spielt, aber zunehmend auf Mystery, charakterbezogene Dramatik und grau-graue Moralität, statt auf Action setzt. Diese Sequel-Saga feierte in Deutschland im August 2020 in „LTB Premium 27“, 19 Jahre nach ihrem Debüt in Italien, ihre Premiere und hat ihre Geheimnisse mittlerweile auch vor dem hiesigen Publikum vollständig enthüllen dürfen. 

Es ist noch lange nicht Schluss!

Mit Witz, Emotion, Action und Dramatik sind die „PkNA“-Geschichte richtige Juwelen im Disney-Comictresor, und da die Ursprungssaga in Deutschland nach all den Fehlstarts letztlich doch komplett erschienen ist, können sich alle Neugierigen endlich ohne Sorge, etwas zu versäumen, in sie hineinzustürzen. Beim „Binge Reading“ entwickelt die Reihe eine noch größere Sogkraft als bei einer über viele, viele Monate hinweg erfolgten Veröffentlichung, werden so durch die Charakterbögen erst richtig deutlich.

Und es ist schon für viel, viel Nachschub gesorgt. Eine alternative Dimension rund um einen ähnlichen, aber nicht exakt gleichen neuen Phantomias spaltete einst die italienischen Fans und hält nun Einzug ins Premium. Aber die „PkNA“-Kontinuität schlägt zurück: In Italien wurde vor wenigen Jahren ein neuer Handlungsstrang rund um den schnippische Sprüche klopfenden, sich durch explosive Auseinandersetzungen wuselnden Erpel mit Maske aufgenommen. Während Comic-Deutschland sich also gerade in die dramatische Zwischenphase des neuen Phantomias begeben hat, arbeitet Italien munter weiter an der Zukunft des futuristischen Phantomias. Wenn ihr mich fragt: Immer nur her damit!

Mittwoch, 3. November 2021

Eternals

 


Regisseurin/Autorin Chloé Zhao ist bislang vornehmlich für ihre leisen Arbeiten bekannt, die sich im semi-dokumentarischen Stil zwischenmenschlichen Dynamiken nähern. Songs My Brothers Taught Me widmet sich einem Sioux-Geschwisterpaar. The Rider ist ein beeindruckendes Porträt eines Rodeo-Reiters, der bei einem schweren Unfall enorme Verletzungen davongetragen hat und sich dennoch wieder in den Sattel schwingen will - und Zhao fängt seinen Antrieb ebenso akribisch ein wie die Reaktionen seines überforderten, hin- und hergerissenen Umfelds. Und Nomadland widmet sich im selben Tonfall der bittersüßen Poesie darin, wie wacker sich von der rücksichtslosen Wirtschaft abgehängte "Jobnomaden" ein Leben in Würde erkämpfen, wo das System keine Würde mehr vorgesehen hat.

Es ist nur konsequent für eine Filmemacherin, die große Passion für die dornige Komplexität von Situationen und Gefühlslagen aufbringt, dass sich auch Chloé Zhao nicht einfach in eine einzelne Schublade stecken lässt. Denn selbst wenn ihre ersten drei Regiearbeiten zweifelsohne aus demselben Holz geschnitzt sind, so sind Zhaos Interessen breiter gefächert als "unmittelbar aus dem Leben gerissene, leise Schicksalsgeschichten". Die unter anderem von Spike Lee unterrichtete Verehrerin der Arbeiten von Werner Herzog, Ang Lee, Wong Kar-wai und Terence Malick ist auch comicvernarrt, inniger Sci-Fi-Fan, fieberte daher beispielsweise Denis Villeneuves Dune entgegen (und war letztlich überaus begeistert vom Endergebnis), schwärmt von James Camerons Terminator und hat einen weiterhin aktiven Fanfiction-Account (den sie jedoch nicht offenlegen will). Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Zhao sich in die Genrewelten des Fantastischen bewegt.

Mit ihrem vierten Film ist es nun so weit: Bereits nach The Rider ging Zhao mit einer umfangreichen Präsentation bewaffnet auf die Marvel Studios zu - sowie mit der Bitte, ein Projekt zu übernehmen. Sie war daher sowohl für Black Widow als auch für Eternals im Gespräch. Sie erhielt für den Letztgenannten den Zuschlag und entwickelte ihn während ihrer Arbeit an Nomadland. Wir werden wohl nie erfahren, wie Zhaos Black Widow geworden wäre, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass der Agentinnen-Actioner eine bessere Wahl für Zhao dargestellt hätte: Zwar ist einer der Schwerpunkte des Auftaktfilms der Phase IV im Marvel Cinematic Universe die diffizile Familiendynamik, in der sich Natasha Romanoff befindet, allerdings bietet Eternals Zhao eine viel breitere Spielwiese, um ihren Stil und ihre schreiberischen Sensibilitäten in fabulöse Welten zu übertragen.

Eternals handelt von einer zehnköpfigen Gruppe nahezu unsterblicher Personen, den Eternals. Ihnen wurde von den gottgleichen Wesen namens Celestials der Auftrag gegeben, sich auf der Erde unter die Menschen zu mischen und sie vor blutrünstigen Monstern namens Deviants zu beschützen. Aber auch nur vor ihnen. Vor Jahrhunderten schienen sie alle Deviants bezwungen zu haben, doch nach den Ereignissen aus Avengers || Endgame tauchen die drahtig-muskulösen Viecher wieder auf. Also müssen sich die über den ganzen Globus verteilten Heldinnen und Helden sammeln. Doch frühere Konflikte und jahrtausendelang verschleppte Gewissensbisse erschweren die Mission ... 

Zhao und die ebenfalls für das Drehbuch verantwortlichen Patrick Burleigh, Ryan Firpo & Kaz Firpo überfrachten ihr Publikum im Prolog mit mythologischen Begrifflichkeiten, Erklärungen und Andeutungen. Nach diesem etwas erzählerisch holprigen Einstieg breiten sie allerdings eine ruhig, doch konzentriert aufgezäumte Geschichte vor ihrem Publikum aus, in dem sich nahezu unsterbliche, menschenähnliche Wesen mit massiven Kräften von einer Zwickmühle in die nächste begeben. Diese sind interpersoneller Natur, kämpferischer Art oder betreffen ethische/philosophische Fragen.

Vor allem letzter Aspekt ist von Interesse: Zhao macht in Eternals nämlich das, was sich im Superheldenkino aufgrund der dort agierenden, mächtigen Figuren nahezu aufdrängt, abseits ihr jedoch nur Zack Snyder mit Man of Steel im Mainstream auf auffällige Weise tat. Sie widmet sich dem Dilemma, wie denn als gütig behauptete und überaus mächtig geschilderte Figuren Leid zulassen können - geht also einer vercomicten Version der Theodizeefrage nach. Bedenkt man, dass Snyders "Superman kann ja auch nicht andauernd alle retten"-Film mein klarer Favorit unter seinen DC-Filmen ist, damals jedoch auch viel Schelte abbekommen hat, kommt mit angesichts der bisherigen Eternals-Reaktionen prompt ein Déjà-vu ... 

Mit Man of Steel teilt sich Eternals auch die zwischen Zeitebenen springende Erzählweise, wobei Zhao in den Rückblenden durch die Menschheitsgeschichte düst und dies gleichermaßen für Kostüm- und Kulissenprunk nutzt wie für das sehr beiläufige Säen von Zwietracht, Misstrauen, Zuneigung und Vertrauen innerhalb der titelgebenden Truppe. Beispielsweise wird der von Kumail Nanjiani mit viel Witz verkörperte, jedoch auf's Kämpfen spezialisierte Kingo als jemand gezeigt, der im privaten Umfeld ein lockeres Mundwerk hat und neidisch auf die Gabe von Sprite (Lia McHugh) ist, die lebensechte Projektionen erzeugen kann und diese in ruhigen Momenten nutzt, um die Sterblichen zu unterhalten. Dass Kingo in der Gegenwart der Handlung als seit Jahrzehnten tätiger Bollywood-Star aufkreuzt, der nach all der Zeit im Showbiz noch vorlauter und schnippischer ist und mehr flotte Sprüche raushaut als zuvor, ist eine fast schon erschreckend schlüssige Begründung Zhaos, mit Kingos Wiedereingreifen in die Handlung ein Comic Relief einzuführen.

Nicht alle Eternals bekommen gleich viel erzählerische Aufmerksamkeit, der koreanische Filmstar Don Lee etwa fällt mit seiner Rolle nahezu unter den Tisch, wohingegen beispielsweise die taube Lauren Ridloff ihrer Heldin in ihren wenigen Szenen eine fesselnde Energie verleihen kann und McHugh als Sprite überzeugend zwischen ewig-jugendlicher Frische und jahrtausendealtem Frust balanciert. Gemma Chans Sersi dient mehr oder minder als Protagonistin, hält sich jedoch zurück, statt dem Film mit Nachdruck ihren Stempel aufzudrücken. Das reibt sich mit den MCU-Sehgewohnheiten, sind die Filme der Marvel Studios, klammert man Black Panther und Chadwick Bosemans sehr stark die Bälle zum Nebencast passende Performance aus, ja gemeinhin stark auf ihren zentralen Star ausgerichtet. Trotzdem (oder gerade deshalb) sollte man Chans Leistung in Eternals nicht unterschätzen - wenn ich schauspielerisch was zu mäkeln habe, trifft das viel mehr Kit Harrington als Sersis Love Interest und Richard Madden als ihr Ex und Eternal-Kollege zu. Beide ackern sich für meinen Begriff zu steif durch ihre Szenen, wobei Ramin Djawadis urig-epochaler Soundtrack durchaus die eine oder andere Szene ordentlich vorantreibt und dabei auch das Spiel der beiden Herren im besten Sinne zu übertönen versteht.

Visuell ist Eternals die Handschrift Zhaos noch stärker anzumerken als darin, in welchem Duktus sie die Dialogpassagen taktet. Kameramann Ben Davis schafft allerhand hübsche Panoramen, und die digitalen Trickeffekte sind nach den in ihren schwächeren Momenten etwas angestaubt wirkenden Black Widow und Shang-Chi eine echte Wonne. Wenn manche dieser digital getricksten Elemente mit mahnender Schwere im Bild stehen bleiben, darf sogar Gänsehaut aufkommen - vorausgesetzt, man ist zu diesem Zeitpunkt noch emotional und gedanklich in das Geschehen involviert.

Die durchwachsenen Vorabkritiken zu Eternals machen mir deutlich, dass das längst nicht auf alle zutreffen wird, ich aber würde nur den Einstieg des Films etwas begradigen und beim nahezu obligatorischen Actionfinale (das sich allerdings viel organischer entwickelt und zügiger abspielt als bei den vergangenen zwei Phase-IV-Filmen) ein paar Minuten stutzen. Sonst bin ich echt angetan vom Film und bin gespannt, ob (und wenn ja: wie) Zhaos nachdenklich-kurzweilige Sci-Fi-Vision weitergeht. Vielleicht werden wir bei ihrer achten Regiearbeit schlauer sein?

Fazit: Eternals gut. Gerne mehr. Weitere große Worte überlasse ich den zehn Eternals.

Donnerstag, 15. Juli 2021

Darf Schweinchen Dick rappen?

Ja.

Danke, Ende.


Okay, okay, ich hol weiter aus: In den vergangenen Tagen wurde mir einmal mehr das immense Dilemma deutlich, in dem sich ikonische Cartoon- und Comic-Figuren befinden, die Generationen überdauern. Denn für sie bleibt die Zeit stehen und schreitet dennoch voran. Als wäre ihre Position im kulturellen Zeitstrang kein einfacher Punkt, sondern ein sich dehnendes Gummiband, so dass diese Figuren gleichzeitig Ergebnisse einer vergangenen Zeit sind und eine gegenwärtige Präsenz.

Bei den Simpsons macht sich das sehr offensichtlich bemerkbar, rutscht die gelbe Familie aus Springfield doch stets ins Heute, ohne es je James Bond oder den Leinwandversionen von Batman, Spider-Man und Co. gleichzutun und den Reset-Button zu drücken. Und so haben wir eine Serie, in der die Eltern zweier Grundschulkinder erklären, wie sie sich als Jungspunde in den 1990er-Jahren kennengelernt haben, obwohl wir zuvor mit angesehen haben, wie die Kinder dieses Ehepaares durch die 1990er gewuselt sind.

Aber auch andere gezeichnete Ikonen durchlaufen dieses Dilemma: Ob Micky Maus, Donald Duck, Goofy und Co. oder deren turbulenten Kolleg:innen aus dem Warner-Studio, sie alle wurden zu einer Zeit populär, bevor die Eltern oder gar Großeltern von Millionen ihrer heutigen Fans überhaupt auf der Welt waren. Das bedeutet, dass seit Jahrzehnten das Image dieser Figuren feststeht und somit auch die an sie gerichtete Erwartungshaltung. Nicht nur älterer Fans. Wer in den frühen 2010er-Jahren solche Ikonen kennengelernt hat und sie heute weiterhin mag, hat eine gewisse Erwartung, dass diese Figuren, "die schon immer da waren", sich treu bleiben. Obwohl neue Fans nachwachsen. Doch so lief es schon in den 2000er-Jahren und in den 1990er-Jahren und in den 1980er-Jahren und so weiter, und so weiter. 

Hinzu kommt, dass gerade bei solchen Figuren wie der klassischen Disney-Truppe oder der chaotischen Warner-Gang, nur ein verschwindend kleiner Bruchteil ihrer Fans diese Schöpfungen allein aus Filmen, Serien und Comics kennt, die aus seiner eigenen Lebenszeit stammt. Weil der lang zurückreichende Katalog (wenigstens teilweise) immer und immer wieder verwendet wird, gewöhnt man sich mittels einem Mischmasch der Inkarnationen an seine liebsten generationenübergreifenden Trickstars. Menschenskinder, selbst Lustige Taschenbücher aus den 2020er-Jahren kommen mitunter mit mehrere Jahrzehnte alten (Deutschland-)Erstveröffentlichungen daher. Kein Wunder, dass für manche Disney-Fans der Anblick von Dagobert Duck, der ein Smartphone nutzt, immer noch ein Kuriosum darstellt, wenn nicht sogar einen Kulturschock. 

Doch diesem "Dagobert hat über sechs Jahrzehnte kein Smartphone genutzt, wieso sollte er heute eines nutzen?!"-Argument muss man entgegenstellen: Dagobert war schon immer eine Figur, die in der Gegenwart stattfindet! Carl Barks hat seine Disney-Comics nicht als "Historienstoffe" entwickelt und bewusst eine vergangene Epoche als Schauplatz gewählt, sondern sie in seinem Heute spielen lassen. Was zu einem ähnlichen Effekt führte, wie ihn später Die Simpsons durchmachen sollten: Tick, Trick und Track hätten am Ende von Barks' Karriere längst eine eigene Familie gründen können, blieben aber weiter die Kinder aus seiner Anfangszeit, obwohl die Zeit in Entenhausen nicht stehen geblieben ist, sondern sich Mode und Technologie weiterentwickelten.

Die Ducks, Micky Maus und Freunde, und auch die durchgeknallten Menschen und Tiere aus den Looney Tunes- und Merrie Melodies-Reihen existieren im Heute und sind dennoch ihrer langen Historie verpflichtet. Es ist ein Mindscrew-Widerspruch, den wir einfach akzeptieren müssen. Natürlich gibt es Ausnahmen: Italienische Disney-Comicschaffende lieben es, für einzelne Geschichten den altbekannten Kader an Figuren als Personen aus vergangenen Jahrhunderten zu besetzen. Und für Don Rosa spielten seine Comics in der Vergangenheit, so dass sie realistisch im Kanon mit Barks sein können (obwohl "realistisch" und "Kanon mit Barks" aus genanntem Grund auch nur hinhaut, wenn man die Augen ganz fest zusammenkneift, nicht zu lange nachdenkt und einige Comics ignoriert). 

Aber gemeinhin gilt: Diese Figuren müssen sich schrittweise aktualisieren, wenn sie relevant bleiben sollen. Und dennoch dürfen sie sich nicht zu sehr verändern, sonst sind sie ja nicht mehr wiederzuerkennen. Dann könnten die Film-, Serien- und Comic-Schaffenden ja gleich neue Figuren erfinden. Es ist ein Drahtseilakt: Was darf ins Heute wandern, was muss bleiben? 

Ein Beispiel: Donald Ducks Matrosenjacke war schon immer ein seltsames Kleidungsstück für einen jähzornigen Erpel auf dem Bauernhof / in der Kleinstadt / in der Großstadt. Aber es wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kurioser. Und dennoch möchte ich nicht, dass Donald dieses Jäckchen dauerhaft ablegt. Ich bin riesiger Verteidiger von Quack Pack, wo er ohne weitere Erklärung ein Hawaiihemd trägt. Aber diesen "Eingriff" in Donalds Ikonografie dulde ich in Quack Pack nur, weil es halt allein für diese eine Serie gilt.

Doch Dagobert, der ein Smartphone nutzt (entweder ein gebrauchtes oder aus eigener Herstellung, teure Konkurrenzprodukte würde er natürlich nicht fabrikneu erwerben!)? Goofy, der Online-Dating betreibt? Tick, Trick und Track, die ihr Taschengeld aufbessern, indem sie streamen, wie sie Videospiele spielen? Klar! Warum nicht? Das sind einfach neue Geschichten im Heute, keine Veränderungen des Charakters oder der Ästhetik.

Allerdings wurde neulich noch einmal deutlich, wie viele erwachsene Fans nicht so wie ich über ihre uralten fiktiven Stars denken, die sie schon aus ihrer Kindheit kennen. Denn ein Clip aus Space Jam: A New Legacy wurde in den sozialen Netzwerken härter verrissen als auf einer FDP-Parteisitzung der Gedanke, Mieten zu drosseln.

Zunächst einmal: Im Kontext des Films ergibt die Szene Sinn. Die Looneys müssen ein Basketballspiel gegen die Schergen eines machtgierigen Fieslings gewinnen, um ihre Haut zu retten. Mal wieder. Aber dieses Mal geben Kreativität und Style Bonuspunkte. Daher bekommt die Gegenseite überraschend wertvolle Punkte zugeschrieben, weil sie beiläufig etwas gesagt hat, das sich reimt. So ein "Huch, das hat sich ja gereimt, war keine Absicht!"-Verlegenheitsmoment. Wir alle hatten mal so einen. Den Looneys steht daraufhin der Gedanke klar in die Augen geschrieben: Aus dem Versehen müssen wir ein Rapbattle machen, um aufzuholen! 

Bugs Bunny schaltet von allen am schnellsten und drängt ein völlig unvorbereitetes Schweinchen Dick dazu, diesen sinnbildlichen Ball aufzunehmen. Das ist typisch Bugs. Er kann so seine eigene Haut retten und gleichzeitig wen in Verlegenheit bringen. Mit Schweinchen Dick alias Porky Pig (die Space Jam: A New Legacy-Synchro hat sich für den altbackenen deutschen Namen der Figur entschieden) hat er auf sogleich zweifacher Ebene das perfekte Opfer für diesen Moment gefunden: Der Ringelschwanzträger ist schüchtern und unter allen Looneys das, was am ehesten einem Spießer gleicht, also ist es für ihn extra unangenehm. Der Erwartungsdruck, das Basketballspiel für sich entscheiden zu müssen und daher auch beim ungeplanten Rapbattle zu überzeugen, raubt dem Schweinchen allerdings jegliche Option zu kneifen. Und da Porky eh rhyth­misch spricht, besteht die Aussicht, dass er über sich hinauswächst, wenn er erstmal bis zum Hals im kalten Wasser steckt.

Leute: Das passt schon! Ja, die Szene ist zu lang, sie schreit danach, ein rascher Gag in einem turbulent-chaotischen Basketballspiel zu sein. Aber darüber regt sich nahezu niemand auf. Der große Aufschrei dreht sich um 

Looney Tunes ... und Rap?! Darf das?! 

Warum nicht? The Notorious B.I.G. (der ganz offensichtlich primär wegen des Wortspiels "Notorious P.I.G. als Referenz gewählt wurde) landete vor 24 Jahren an der Spitze der US-Albencharts. Eine "Es ist peinlich, wie verzweifelt ihr euch auf etwas aktuelles stürzt, ohne zu wissen, ob es die Zeit überdauert"-Kritik kann man da nicht gelten lassen. Ebenso wenig lasse ich ein "Peinlich, ihr denkt, das ist aktuell, aber es ist schon längst verjährt" durchgehen. Notorious B.I.G ist seit bald einem Vierteljahrhundert tot und immer noch ein Begriff in der Musikkultur, und Rap wird so schnell auch nicht mehr irrelevant. 

Bliebe also höchstens "Das passt nicht zu den Looneys", aber ... wieso? Ja, Warner Bros. hätte die Figuren aus den Looney Tunes schon vor Jahrzehnten in Watte packen, einschweißen und auf dem Dachboden verstauen können, damit sie für immer und ewig genau so bleiben, wie sie damals waren. Den Weg ist man aber nicht eingeschlagen. Und die Looney Tunes können nicht für alle Zeit ausschließlich Referenzen auf Oper, Klassik, Jazz und Ragtime-Musik machen. Ja, das hat sich, weil sie dies zu ihren Glanzzeit getan haben, in ihre DNA gebrannt, es wäre schade, würden sie sowas nie wieder machen.

Aber ich halte "Lasst uns das Prinzip von damals wiederholen" für ebenso veritabel wie "Lasst uns dieselben Dinge von damals wiederholen". Denn, ja: Für Menschen meines Alters waren "Looney Tunes und Ragtime" schon immer ein Paar und sowohl die Warner-Cartoon-Reihe als auch die Musikrichtung schon immer "was von vor meiner Zeit". Doch ich möchte daran erinnern: Was wir beim Anblick von Looney Tunes- und Merrie Melodies-Cartoon als alt (und somit in manchen Augen und Ohren automatisch als Teil der Hochkultur) auffassen, war zum Produktionszeitpunkt dieser Filme naturgemäß aktueller. Und manchmal sogar neu.

In One Froggy Evening von 1955, der gemeinhin als einer der besten Cartoons aller Zeiten gilt, kommen einige Lieder vor, die damals schon altbewährte Klassiker ihrer Richtung waren. Doch zudem werden ein (bewusst altmodisch klingender) Originalsong und Kompositionen aus den Jahren 1921 und 1930 gesungen. Der jüngste alte Song in One Froggy Evening war damals also fast genauso alt wie es Notorious B.I.G.s Nummer-eins-Album heute ist.

Und während wir heute die vielen jazzbasierten Warner-Cartoons sehen und denken "Ah, ja, damals ... Jazz ... das war so kultiviert!" waren diese Kurzfilme zu ihrer Zeit ... nunja ... genauso aktuell und nah am Geschmack junger und musikalisch aufgeschlossener Menschen wie es heute Verweise auf Rapmusik sind. 

Will ich, dass Porky Pig dauerhaft zum Rapper wird? Nein, das passt nicht zu ihm. Aber dass es zu ihm nicht passt (charakterlich! nicht, weil er schon so lange existiert!) ist Teil des obigen Space Jam: A New Legacy-Gags. Regt euch liebend gern über die Umsetzung auf. Aber nicht über das Prinzip. Diese Figuren waren in ihren Glanzzeiten aktuell, wieso sollten sie nun reine Museumsexponate sein?

Sonntag, 2. Februar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil II)

zurück zu Teil I

2019 war nicht bloß ein sehr gutes Filmjahr, in dem ich mich stressen musste, meine Hitliste auf 50 Ränge zu kürzen. Es war auch ein gelungenes Jahr für Animationsfilme. Neben den Titeln, die wir hier schon gesehen haben, und jenen, die noch folgen werden, gab es drei weitere Animationsfilme, die denkbar kurz davor standen, sich noch in mein Ranking zu mogeln. Bevor es mit den Lieblingsfilmen 2019 auf Platz 40 bis 39 weitergeht, möchte ich daher diese animierten Ehrennennungen vorstellen. Da wäre DreamWorks Animations Trilogiefinale Drachenzähmen leicht gemacht 3 - Die geheime Welt, ein überaus schön animiertes Wikingerabenteuer mit satten Wiesen, atmosphärischen Schatten, einladend lodernden Feuern und einem ebenso rührenden wie konsequenten Ende. Dann wäre da The LEGO Movie 2, der mir viel besser gefällt als das Original. Herrlich-ironische Songs und eine clevere Story über Gendergleichberechtigung und Vorurteile machen die Komödie zu einem großen Vergnügen, das mit jedem weiteren Rewatch noch steigen könnte - aber ich will diese Liste nicht erst 2030 veröffentlichen. Und einfach bezirzend-charmant: Shaun das Schaf - UFO-Alarm, ein wirklich liebenswerter Film. Weniger herzlich, sondern spannend, ist die Doku des Filmjahres und daher ist sie ebenfalls eine Ehrennennung wert: Free Solo, die Geschichte eines wahnsinnigen Kletterversuches und einer Beziehung, die nur die zweite Geige spielt.

Nun genug der Vorrede. Hier sind die nächsten Einträge in meine Herzensliste des Filmjahres 2019:

Platz 40: Alita: Battle Angel (Regie: Robert Rodriguez)

So sieht es also aus, wenn Robert Rodriguez ein für seine Verhältnisse saftiges Budget erhält und es nicht komplett für die Gagen seines Casts verpulvern muss! Alita: Battle Angel ist eine mit Witz und Persönlichkeit erzählte Sci-Fi-Actiongeschichte, deren Actionszenen flott geraten sind, deren Design hübsch-markant-seltsam ist (vor allem das Figurendesign!) und die mit Rosa Salazar eine sehr engagierte Hauptdarstellerin hat. Christoph Waltz gefällt als kauziger, aber auch ernster Cyber-Arzt und das 3D gehört zu den besten des Filmjahres. Wäre da nur nicht dieser extrem offensichtliche Sequel-Hook, bei dem ich leider anzweifle, dass er noch aufgelöst wird ...

Platz 39: Parasite (Regie: Bong Joon-ho)

Es ist nunmehr jahrzehntealte Tradition: Jede Oscar-Saison gibt es eigentlich einen Anwärter auf den Academy Award in der Kategorie "Bester Film", den ich geradezu verabscheue. Es ist der Extrem laut und unglaublich nah-Gedenkpreis, wenn man so will. Im Rennen zum 92. Academy Award ist mir das erspart geblieben - dafür gibt es aber sogleich zwei Filme in der Spitzensparte, die sehr anstrengende Fans zu Tage gebracht haben. Da wäre einerseits Joker, der einige sehr ätzende Verteidiger im internationalen Filmdiskurs hat, die so tun, als sei es der härteste, mutigste, intelligenteste, komplexeste Film, den es je gegeben hat. Und alle, die ihn nicht mindestens super finden, sind in den Augen dieser Leute jämmerliche Babys. Und dann ist da Parasite, dessen wohlverdientes Lob sich in der Blase internationaler Filmportale und (semi-)professioneller Schreiberlinge zum Thema Film sukzessive in eine Wahnvorstellung hineingesteigert hat, laut der Bong Joon-ho mit diesem Film die Konzepte "Kapitalismussatire" und "Genrewechsel innerhalb einer Erzählung" praktisch erfunden hat. Was totaler Murks ist (selbst wenn man ausschließlich auf Bong Joon-hos Schaffen blickt, gibt es schon frühere Beispiele dafür). Aber ich will in meinen Jahrescharts Filme nicht für lästigen Diskurs um sie herum bestrafen oder für die seltsamsten Auswüchse ihres Fandoms.

Zumal sich diese lange Hinleitung ironischerweise thematisch sehr schlüssig in diesen südkoreanischen Satire-Thriller fügt, erzählt er doch von einer Familie der Unterschicht, die sich mit pfiffigen Tricks gut bezahlte Jobs beschafft - woraufhin sich irgendwann die Frage stellt, ob nach dem findigen Trickzug nicht irgendwann eine Grenze überschritten und alles übertrieben wurde. Mit eindrucksvollem Produktionsdesign versehen und mühelos zwischen Witz und Ernst wechseln, ist Parasite ein wenig so etwas wie der zahmere, aber ambitionierter in Szene gesetzte, südkoreanische Cousin von HERRliche Zeiten. Die Wirtschaftskritik fällt mir etwas zu sanft aus, doch schon der Look allein hebt Parasite dennoch in meine Top 40.

Platz 38: Can You Ever Forgive Me? (Regie: Marielle Heller)

Hallo nochmal, Marielle Heller: Die Regisseurin befand sich schon mit ihrem Debüt The Diary of a Teenage Girl in meinen Jahrescharts. 2019 platzierte sie sich mit ihrem zweiten Film erneut in meinem Ranking der Filme, die mich besonders angesprochen haben. Diese auf wahren Begebenheiten basierende Dramödie handelt von einer Schriftstellerin, die nach früheren Erfolgen als ausgebrannt gilt und nun mit gefälschten Briefen großer Persönlichkeiten ihren Unterhalt ermogelt. Einfühlsam erzählt, mit Witz und dennoch mit kritischer Distanz, ist dies ein wunderbarer "Showcase" für Melissa McCarthys darstellerisches Talent - und Richard E. Grant ist als Komplize und seelische Teilzeitstütze einfach eine Wonne!

Platz 37: Captain Marvel (Regie: Ryan Fleck & Anna Boden)

Während Alita: Battle Angel eine der besten 3D-Versionen des Jahres hat, ist Captain Marvel ein Anwärter auf den 3D-Negativpreis. Vor allem das erste Drittel gerät in 3D (zumindest meiner Auffassung nach) geradezu irritierend - also noch irritierender, als es sein sollte. Denn Ryan Fleck und Anna Boden haben mit Captain Marvel einen Film erschaffen, der sehr eng an seiner Hauptfigur orientiert ist. Wir begegnen Vers, einer fähigen Kämpferin mit einem gesunden, zurückhaltenden, trockenen Sinn für Humor, die gemeinhin aber eine sehr ruhige, vernunftbetonte Person ist. Und dennoch erzählen ihr andauernd alle um sie herum, sie sei eine emotionale, unberechenbare Frau, die sich endlich mal einkriegen soll. Und dann erfährt sie auch noch, dass ihre vermeintliche Heimat und ihre vermeintlichen Verbündeten womöglich über ihre Intentionen und Vers Vergangenheit gelogen haben. Es folgt ein schmissiger Mix aus Selbstfindungstrip, Empowerment (oder im Falle unserer Heldin wohl eher Re-Powerment) und Buddy-Cop-Movie mit einer ausdrucksstarken, dennoch subtilen Brie Larson und einem digital beeindruckend gut verjüngtem Samuel L. Jackson. Captain Marvel ist definitiv ein Film, der mit einem Rewatch gewachsen ist, da sich das etwas ziehende erste Drittel rückblickend viel besser in den Rest des Films fügt. Und zumindest in diesem Film haben die Marvel Studios mein "Superman-Problem" (actionbasierte Filme, deren Hauptfiguren extrem stark sind, sind für mich eher öde, da es den Kämpfen an Spannung mangelt), als dass es hier gar nicht primär um "Wer wird gewinnen?" geht, sondern darum, ob sich unsere Heldin selber findet und lernt, ihre Kräfte auszubauen. Ähnlich wie in Man of Steel, wenn man so will! Dann hoffen wir mal, dass Captain Marvel eine Justice League-Blamage erspart bleibt.

Platz 36: Vox Lux (Regie: Brady Corbet)

Als hätte Lars von Trier A Star Is Born gemacht.

Platz 35: Jumanji: The Next Level (Regie: Jake Kasdan)

Sony Pictures brachte 2019 sogleich zwei Popcorn-Actionkomödien heraus, die nicht nur temporeich, witzig und überaus gefällig sind, sondern unter ihrer äußerst vergnüglichen Oberfläche auch erstaunlich clever. Das hier ist die nach Starttermin betrachtet zweite von ihnen, in diesem Ranking ist sie derweil die erste: Jumanji: The Next Level verbildlicht das Konzept des Code Switchings sowie das Gefühl, durch sich verändernde Umstände nicht mehr dieselbe Person wie früher zu sein, in Form einer Abenteuerhandlung. Die bunt gemischte Heldentruppe landet in einem Videospiel (viele von ihnen erneut), doch die wenigsten von ihnen spielen die Figuren, die sie schon einmal gespielt haben. Und so müssen sie nicht nur in den Schuhen Anderer durch diverse Herausforderungen wandeln, sondern in völlig ungewohnten Schuhen Anderer. Und dann gibt es auch noch die Möglichkeit/Notwendigkeit weiterer Persönlichkeitswechsel ... Sehr pointiert gespielt, mit einem bestens aufgelegten Cast und mit videospielesk eskalierenden Actionszenen ist Jumanji: The Next Level sehr flottes, vergnügliches Popcornkino. Doch dadurch, wie das Dilemma der zentralen Figuren auf oberflächlich-konzeptueller als auch auf herzlich-emotionaler, tiefer gehender Ebene konsequent durchgezogen wird, ist Jumanji: The Next Level obendrein auch noch ein geistreicher, herzlicher Film. Jedenfalls meiner Meinung nach - man muss diesen Aspekt am Film halt einfach erstmal sehen ...

Platz 34: Hotel Mumbai (Regie: Anthony Maras)

Anthony Maras widmet sich in seinem Regiedebüt einem verheerenden Terroranschlag, der hierzulande erschreckend wenig behandelt wurde. Maras nimmt die zahlreichen Hürden, die sich bei Katastrophenfilmen über reale Attentate stellen, mit scheinbarer Leichtigkeit und liefert ein packendes, niederschmetterndes Thrillerdrama ab, das frei von falschem Pathos oder gefährlichem Voyeurismus ist. Stattdessen ist Hotel Mumbai geradliniges, handwerklich beeindruckendes Spannungskino, das sich wiederholt behände in die richtige Richtung lenkt, wann immer es droht, abzudriften. Angesichts dessen, wie sehr dieser Film unterging: Absolute Geheimtipp-Sehempfehlung!

Platz 33: The Peanut Butter Falcon (Regie: Tyler Nilson & Michael Schwartz)

Ich mag Shia LaBeouf. Das filmvernarrte Internet hat ihm jahrelang Unrecht getan. Aber sowas kann es ja gut. Auch Dakota Johnson ist eine ganz Tolle, die von manchen Dödeln als unfähig abgetan wird, weil sie es sich erdreistet hat, bei einem sicheren Gehaltsscheck namens Fifty Shades of Grey zuzusagen. Ein Film, der diese beiden Leutchen, die ich liebend gerne in Schutz nehme, vereint, hat bei mir eh schon Punkte gut. Wenn sie dann auch noch ihre Stärken ausspielen können (Shia als verletztes Hündchen von einem Mann, das sich eine harte Schale angeeignet hat, Dakota mit viel beiläufigem Witz), hat der Film noch mehr Punkte bei mir gut. Und dann ist The Peanut Butter Falcon auch noch mit dem talentierten Newcomer Zack Gottsagen und einer Bluegrass-Märchenstimmung gesegnet, mit der diese Road-Trip-Tragikomödie von Selbstvertrauen, Akzeptanz und Lebensträumen erzählt. Hach!

Platz 32: Leid und Herrlichkeit (Regie: Pedro Almodóvar)

In diesem autobiografisch angehauchten Drama (oder ist es schon autobiografisch durchsetzt?) von Pedro Almodóvar spielt Antonio Banderas in einer potentiellen Karrierebestleistung einen alternden Regisseur, der aufgrund der digitalen Restauration und der folgenden Wiederaufführung eines seiner gefeierten Frühwerke ins Grübeln gerät. Darauf folgt ein stilles, zerbrechliches Sinnieren über das Altern, vertane Chancen, Ehrlichkeit gegenüber sich und seinen Liebsten und über Liebe, die man nicht zugelassen hat. Einfach schön.

Platz 31: Brittany Runs a Marathon (Regie: Paul Downs Colaizzo)

Comedy-Nebenrollen-Wunder Jillian Bell (u.a.: 22 Jump Street, Girls' Night Out, G.änsehaut, Fist Fight) bekommt ihre erste Film-Hauptrolle und spielt in Brittany Runs a Marathon die schnippische, sich durch ihr Leben mogelnde Brittany, die es sich in einer ganz bestimmten Nische in ihrem beruflichen und privaten Gefüge bequem gemacht hat: Sie ist die fröhliche, lustige Pummelige. Als ihr Arzt sie warnend zur Seite nimmt, sie sei nunmehr ungesund rund, will sie es zunächst nicht wahrhaben. Dann folgt eine Phase der völligen Desillusionierung und Verzweiflung. Als sie sich einer Laufgruppe anschließt, findet sie neue Freunde und steht für ihre alten Freunde nicht mehr durchweg zur Verfügung, was Brittany (und ihr Selbstbild) mehr verändert als der schlichte Akt des Laufens und Abnehmens ... Paul Downs Colaizzo schafft mit Brittany Runs a Marathon eine unbequem-schöne, frech-ehrlich-aufmunternde Geschichte über ungesunde Bequemlichkeit, sei sie in Sachen Sport, Selfcare, Freundschaftspflege oder kritischem Hinterfragen des eigenen Umgangs, und darüber, wie man diese Faulheit bezwingt. Fein beobachtet werden alltägliche Gemeinheiten analysiert und abgebildet, der Film hütet sich vor vorschnellen Urteilen, Brittanys charakterlicher Wandel ist genauso witzig wie berührend und Jillian Bell wächst mit ihren neuen schauspielerischen Aufgaben. 

Mittwoch, 29. Januar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil I)

Jahr für Jahr dieselbe Leier: Ich musste und wollte das vergangene Filmjahr erst einmal ein wenig sacken lassen, bevor ich es mir anmaße, seine feinsten Produktionen in eine Hitliste zu zwängen. Nun aber ist es endlich so weit: Ich wage mich einmal mehr in das Abenteuer namens Rangliste. Womöglich wisst ihr schon, was nun folgt. Denn meine Lieblingsfilme 2019 sind nicht zwingend die Filme, die ich in einen allgemeingültigen, für alle filmverrückten empfohlenen Kanon wählen würde, der die Glanzleistungen 2019 würdigt. Hier wähle ich mit meinem Filmherzen. Die Frage ist also: Welche Filme haben 2019 mein Herzen höher schlagen lassen, mich am meisten darin erfreut, wie sie ihr Ding durchziehen?

Immerhin: Wie schon 2018 präsentiere ich euch 50 Ränge, statt der 45 aus den Jahren 2015 und 2016 oder der 35 Stück aus dem Jahr 2017. Denn wieder einmal gab es zu viele Filme, die ich unbedingt noch einmal an dieser Stelle loben und feiern wollte. So viel also zum ständigen "Es läuft ja nichts mehr" ...

Platz 50: Vice - Der zweite Mann (Regie: Adam McKay)

sowie: Official Secrets (Regie: Gavin Hood)

Das letzte Unentschieden in meinen Jahrescharts ist schon ein paar Jahre her, doch beim Rückblick auf 2019 kam ich nicht umhin, den letzten Platz doppelt zu vergeben. Aber dieses Mal passen die beiden Filme wenigstens zusammen: Sowohl Vice als auch Official Secrets blicken zurück auf ein politisches Thema, das die Welt (und auch mich) in den frühen 2000er-Jahren extrem bewegt hat, nämlich auf den Angriffskrieg der USA auf den Irak. Adam McKay wiederholt seinen The Big Short-Mix aus Drama und Satire, um mit Wut und Witz vorzuführen, wie Dick Cheney zum mächtigsten und gefährlichsten Mann der Welt aufsteigen konnte. Official Secrets dagegen blickt aus europäischer Sicht auf den Irakkrieg und zeigt Keira Knightley (wieder einmal großartig aufspielend) als Frau, die über politische Mauscheleien stolpert, mit denen die USA Unterstützung für den Kriegseintritt erzwingen wollen. Wo Vice knallig gespielt ist und argumentiert, ist Official Secrets ein ruhiges Thrillerdrama über den inneren Tumult einer Whistleblowerin und die weiten Strecken, die eine Zeitung geht, um ihre Informationen zu verifizieren. Der eine Film hat Style, der andere Emotion. Das ergibt ein kurzweiliges, spannendes Double Feature.


Platz 49: Ich habe meinen Körper verloren (Regie: Jérémy Clapin)

Jérémy Clapins Ich habe meinen Körper verloren verquickt Zeichnungen und 3D-Elemente zu einer nachdenklichen, feinfühligen  Geschichte über eine abgeschnittene Hand, die sich ihren Weg zurück zum Rest "ihres" Körpers macht. Verschränkt wird dies mit Rückblenden über die Geschichte des Jungen, der seine Hand verloren hat. So entsteht eine zärtliche, kleine Romanze, die in Wahrheit aber vor allem eine Erzählung über das Verarbeiten von Schuld und das Finden von Mut ist. Das Ende gerät mir eine Spur zu zügig, so dass die Emotionen, die der Film sachte, aber stetig aufbaut, in den letzten Minuten geradezu zu einem Abschluss geprescht werden, aber der Look und der trockene, teils makabre Humor gleichen das weitestgehend wieder aus.

Platz 48: Ready or Not (Regie: Matt Bettinelli-Olpin & Tyler Gillett)

Aus dem neuen Trend-Genre "Reiche, wa?!" präsentiert euch Fox "Ich heiße nur noch Searchlight Pictures" Searchlight Pictures diese flotte, blutige, böse Horror-Komödie über eine Braut, die an einem blutigen Ritual ihrer Schwiegerfamilie teilnehmen muss. Das Regie-Duo Bettinelli-Olpin & Gillett hüllt sein pointiertes Jagdspiel in einen edlen, schattigen Look, Samara Weaving ist einfach wie für Horrorkomödien gemacht (siehe auch: Netflix' The Babysitter und den Horror-Comedy-Actioner Mayhem) und selbst wenn ich das Ende thematisch inkonsequent finde, sorgt es im vollen Kinosaal einfach für massig Stimmung, so dass ich es dem Film nur ein bisschen übel nehme. Die launigen Kills und feinen Spannungsschübe bleiben ja dennoch.

Platz 47: The Art of Self-Defense (Regie: Riley Stearns)

Jesse Eisenberg zum Ersten: Im dezent skurrilen Stil eines The Double gehalten, erzählt The Art of Self-Defense von einem Niemand, der von allen runtergebuttert und eines Nachts überfallen sowie verprügelt wird. Daraufhin meldet er sich in einem Selbstverteidigungskurs an und hält sich plötzlich für den größten Macker von allen. So beginnt eine intellektuelle, nicht aber borniert-verkopfte Komödie über das toxische Selbstbild von Männern und die wohl noch giftigere Erwartung an sich selbst, die sie aufbauen. Garniert wird das mit staubtrockenem, hintersinnig-bescheuertem Situationswitz, wunderbar treffenden Parodien kantiger Chauvis und einer grandiosen Imogen Poots als die einzige Frau in einer Gruppe verschwitzter Typen. Und dann ist da natürlich die Schlusspointe!

Platz 46: Gemini Man (Regie: Ang Lee)

Old-School-Bruckheimer-Action trifft auf Ang Lee, der filmtechnische Fingerübungen macht: Gemini Man ist ein Sci-Fi-Actionthriller mit flotten Actionsequenzen (Stichwort: Motorradkampf!), einem hervorragend digital verjüngtem Will Smith in einer Doppelrolle, einer sympathisch-schnippischen Mary Elizabeth Winstead und dem ersten Einsatz von High Frame Rate, der mich überzeugt. Flüssiges 3D und gestochen scharfe Bilder machen das Geschehen von Gemini Man förmlich greifbar und so ergibt sich eine Mischung aus Bruckheimer-Rücksturz und Ang-Lee-Filmfuturismus, der leider nur sehr wenige Kritiker überzeugte und auch an den Kinokassen enttäuschte. Aber ich hab das Gefühl, genau die Zielgruppe des Films zu sein: Ich fand's gut, ich weiß nicht, was ihr alle hattet.

Platz 45: Shazam! (Regie: David F. Sandberg)

Na endlich! Ich mag Man of Steel, hatte Batman v Superman: Dawn of Justice in meinen Flops, fand Suicide Squad schwach, aber anschaubar, Wonder Woman und Justice League waren wieder Flop-Kandidaten und auch den Hype um Aquaman konnte ich absolut nicht verstehen. Aber mit Shazam! kam für mich endlich die Rettung des DC-Filmuniversums daher: David F. Sandberg kreiert eine überaus vergnügliche, energiegeladene Superheldengeschichte mit ein paar Verweisen auf seine Horrorwurzeln und einer überraschend rührenden Familien-Hintergrundgeschichte. Zachary Levi hat ansteckend viel Spaß, Jack Dylan Grazer gefällt als Beinahe-Rüpel mit Herz und die Gags sitzen. Runder, quirliger Comicspaß!

Platz 44: Dumbo (Regie: Tim Burton)

Das beste (und einzige gute) Disney-Remake des Jahres 2019 erzählt von einem kleinen Zirkus mit einer Star-Attraktion, der von einem riesigen Entertainment-Zirkus aufgekauft und daraufhin massiv beschnitten wird. Anders gesagt: Tim Burton macht in Dumbo einen auf Die Dinos und nimmt Disney-Geld, um unter dem Disney-Markennamen wirtschaftliche Entscheidungen des Disney-Konzerns zu kritisieren. Diesen Schneid muss ich einfach belohnen, und dann kommt noch hinzu, dass ich den Film sehr liebenswert finde. Selbstredend reicht er nicht an das Original heran, doch Burton erzählt Dumbo mit einer großäugig-verzauberten Erzählhaltung, das Produktionsdesign ist nostalgisch-verschnörkelt, die Titelfigur ist knuffig animiert und es gibt jede Menge kleine Einfälle und Dialogfetzen, die mir einfach ein lang anhaltendes Grinsen ins Gesicht zaubern.

Platz 43: Zombieland: Doppelt hält besser (Regie: Ruben Fleischer)

Satte zehn Jahre nach dem Original stand sie auf einmal an: Die Rückkehr nach Zombieland. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich die Fortsetzung heiß erwartet habe. Aber umso überraschter war ich dann, als ich sie gesehen habe: Die alte Gang ist zurück, wird ergänzt um spaßige Neuzugänge und schon geht er ab, der Spaß. Flott erzählt, mit immenser Gag-Frequenz und stattlicher Trefferquote ist Zombieland: Doppelt hält besser eine schmissige Zombie-Action-Komödie, die mich bestens unterhalten und extrem positiv überrascht zurückgelassen hat.

Platz 42: Gloria - Das Leben wartet nicht (Regie: Sebastián Lelio)

Sebastián Lelio liefert mit Gloria - Das Leben wartet nicht das Remake seines 2013 veröffentlichten Films Gloria ab, und führt formidabel vor, wie Eigen-Remakes auszusehen haben: Diese Dramödie mit einer toll aufspielenden Julianne Moore erzählt von einer geschiedenen Frau mittleren Alters und ihrem tragikomischen, zwischen Banalitäten, Freude und Rückschlägen schwankendem Leben. Ohne stringenten Plot, sondern nur mit ein paar wiederkehrenden, lose verbundenen Handlungsfäden versehen, lernen wir in diesem "Slice of Life"-Film die Titelheldin kennen, leiden mit, wenn sie versetzt wird, freuen uns, wenn sie ihr Leben in die Hand nimmt und lachen/schimpfen/schimpflachen über John Turturro als schwer einzuschätzenden Flirt. Etwas munterer als das Original und dennoch (oder gerade daher) sogar noch einfühlsamer ist Gloria ein festlicher Film über unfestliche Lebensjahre. Wunderbar.

Platz 41: Riot Girl (Regie: Jovanka Vuckovic)

Aus der Kategorie "Filme, deren Zielgruppe ein kleiner Fleck auf einem Venn-Diagramm darstellt, und ich bin stolzer Teil dieses Flecks" präsentierte uns das Fantasy Filmfest 2019 Riot Girls, einen postapokalyptischen Nostalgietrip, der in einem alternativen 1995 spielt. Ein mysteriöser Virus hat alle Erwachsenen ausgelöscht und nun haben Teenager die Welt an sich gerissen. Und wie es mit Teenagern so ist, haben sich prompt Grüppchen gebildet. Dort stromern die Punks durch die Ruinen der zurückgelassenen, alten Welt. Drüben leben die reichen, sportlichen Kids in einem feucht-autoritären Traum eines strengen Schulregimes, inklusive mit Stolz getragener Varsity-Jacken. Wir folgen der relativ vernünftigen Nat (Madison Iseman) und der aufmüpfigeren Scratch (Paloma Kwiatkowski) bei einem riskanten Manöver hinter feindlichen Linien, und erleben dabei einen von Jovanka Vuckovic genüsslich orchestrierten Whiplash an tonalen Schwankungen:
In der einen Minute Punkerinnen-Flick, dann Amblin-eske Kinderfantasie, dann wird im feinsten Disney-Channel-Original-Movie-Camp über den Erhalt des Status Quo und das Ehren der Schulkleidung gejammert - und dann werden Köpfe in kleine Bröckchen zerschossen. Jovanka Vuckovic feiert diese pubertären Stimmungsschwankungen mit süffisant überspitzten Klischees, die sie wahlweise so sehr überzieht, dass es herrlich-lustig wird, oder aber mit Vehemenz konterkariert. Die haptischen Effekte rocken, der Mix aus bunter, heiler Welt und dreckig-unangepasster 80er-Attitüde sowie motziger 90er-Revoluzzerstimmung ist einmalig und die beiden Hauptdarstellerinnen sind einfach bombig! Voll. Mein. Ding!