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Samstag, 1. Juni 2013

Im Schatten der Maus - Spezial: Brave New Look?


Im Mai erhielt Merida, die Protagonistin des Oscar-prämierten Pixar-Films Merida – Legende der Highlands (beziehungsweise Brave, wenn man den englischen Originaltitel bevorzugt) mehr als zwei Monate nach den Academy Awards und fast ein Jahr nach US-Start ihres Kinoabenteuers erneute Aufmerksamkeit. Unerwartet war dies nicht, denn die Merchandising-Abteilung des Disney-Konzerns, Disney Consumer Products, hielt eine „offizielle“ Zeremonie ab, in deren Rahmen Merida zur elften Disney-Prinzessin gekrönt wurde. Diese PR-Aktion sollte dafür sorgen, dass der Rotschopf wieder ins Gespräch kommt und sollte somit auch dem Verkaufsstart der neusten Produkte der Disney-Princess-Produktlinie förderlich sein. Mit der schieren Masse und der Lautstärke an Reaktionen hat in Disneys Merchandising-Abteilung jedoch wohl kaum jemand gerechnet, geschweige denn mit der Zornigkeit, die in diesen Diskussionen vorherrscht.

Anlass war nicht die Krönung Meridas als solche, sondern die zeitgleich stattgefundene Enthüllung des neuen Designs der Pixar-Prinzessin im Rahmen der Disney-Princess-Marke. Der Wildfang wurde in ein hellgrünes Glitzerkleid gesteckt, tauschte seinen Bogen gegen einen breiten Gürtel mit güldener Schnalle ein, verlor ein paar Kilo, so dass er eine sexy Wespenteile zeigen kann, die auch Meridas Vorbau stärker betont. Auch der Ausschnitt ist etwas weiter und Meridas Gesichtsausdruck scheint zu sagen „Hallo, Schwester! Ich würde mich riesig freuen, mit dir Tee zu trinken und über Hochzeitspläne zu tratschen. Haha!“

Somit wurde Merida durch die selbe jegliche Persönlichkeit raubende Glitzer-Puder-Maschine gejagt, durch die bereits sämtliche anderen Disney-Prinzessinnen aus erfolgreichen, großen Disney-Filmen gequält wurden. Doch während diese Entwicklung früher kaum mehr als ein Schulternzucken oder ein kurzes Augenrollen auslösten, wurde Meridas Umgestaltung zu einer riesigen Kontroverse aufgebauscht. Um deren Bedeutung abzubilden, bietet sich meiner Ansicht nach ein Blick zurück in Disneys Vergangenheit mit Neugestaltungen seiner Figuren zu werfen, um dann abschließend auf die Frage einzugehen, ob es akzeptabel ist, dass Merida nun den Weg geht, den zuvor Rapunzel, Tiana, Jasmin, Arielle und Co. gingen …

Die stets neu erfundenen Ur-Figuren
Figuren umzugestalten ist eine Methode, die bei Disney eine längere Tradition hat, als die Produktion abendfüllender Zeichentrickfilme. Die Figuren, auf deren Schultern das Disney-Imperium erbaut wurde, also Micky, Donald, Goofy, Pluto, Minnie und mit etwas Gutwillen auch Daisy und Kater Karlo, wurden in regelmäßigen Abständen mit einem neuen Look versehen. Dies geschah zunächst parallel zu der Weiterentwicklung der Cartoons, die von krude animierten Schwarz-Weiß-Filmchen zu farbenfrohen Cartoons wurden, in denen nicht mehr die Musik den Takt angab, sondern die Persönlichkeit der Figuren. Also wurden Micky, Donald und Co. ausdrucksstärker und bekamen ein runderes und „zeitgemäßeres“ Aussehen, so dass die Schöpfungen der 30er-Jahre auch in den 40ern und 50ern auf der großen Leinwand einen guten Eindruck machen konnten.




Diese Umgestaltungen gehören wohl zu den künstlerisch fundiertesten: So lange die klassischen Disney-Stars regelmäßig in neuen Cartoons auftraten, konnte man eine graduelle Neugestaltung akzeptieren, da sie im Regelfall auch den neuen Cartoons zugutekamen. Dass Micky, Donald und Co. später auch neuen Trends wie dem kantigen UPA-Animationlook angepasst wurden, war ebenfalls verzeihlich, da es keine permanente Änderung war, sondern für einzelne Filme und Merchandisingartikel galt. Und mit den Neudesigns dieser Figuren nach Ende ihrer Leinwandkarriere hatte schlussendlich niemand ein Problem, weil es bei ihnen eh Alltag war.



Zudem gab es, nachdem Micky seine Augen mit Pupillen bekam und Donald seinen kürzeren Schnabel, keine allgemeingültige Generalüberholung mehr. Wenn sie auf einer 90er-Produktlinie im Graffitistil erschienen, keine Bange, es gab auch genug andere Produkte, auf denen sie normal erschienen. Die Rasselbande rund um Micky etablierte sich als Chamäleon der Disney-Welt, sie können auf Merchandising abseits ihrer Stammoutfits auch in allen möglichen anderen Kleidern auftauchen (schließlich gab es auch immer wieder Geschichten, in denen die Figuren untypisch gekleidet sind) und durch die Comics, deren Zeichner das geübte Auge am Bleistiftstrich identifizieren kann, und vielen Cartoons war jedem Disney-Fan klar, dass er kein einheitliches Bild erwarten soll.

Die Prinzessinnen bis Ende der 90er … und der radikale Wandel im neuen Jahrtausend
Auch wenn es einige von uns kaum noch für möglich halten werden: Die Disney-Prinzessinnen stellten noch bis in die letzten Züge der Disney-Rennaissance hinein keine eigenständige Marke dar, sondern wurden als alleinstehende Entitäten behandelt. Sofern nicht gerade ein sonderbares Comic-Crossover anstand, etwa zur Eröffnung eines Disney-Parks oder zum Jubiläum einer Comic-Publikation, blieben Schneewittchen, Cinderella, Aurora, Arielle, Belle und Jasmin voneinander getrennt und selbst wenn es immer wieder Mal miese Abbildungen auf Merchandising gab, so orientierten sich die Darstellungen der Prinzessinnen im Regelfall nah am ursprünglichen Filmdesign. Ja, es gab auch in den frühen 90ern solche Produkte wie Cinderella-Puppen mit speziellem Glitzerkleid oder Pocahontas-Figuren mit mehreren Outfits, doch Abweichungen vom ursprünglichen Modell waren stets ganz klar eins: Absolute Ausnahmen. Was sich auch von selbst erklärte: Anders als Micky, Donald und Co., die ungezählte Abenteuer bestanden und sich darin durch massenhaft Klamotten probierten, haben die Grazien aus den Disney-Meisterwerken einzig und allein ein relevantes Werk, das von ihnen berichtet. Jasmin sei dank der Aladdin-Serie da mal ausgenommen.

Auftritt des Mannes, dem nahezu jeder erwachsene Disney-Fan am liebsten an die Gurgel gehen würde: Andy Mooney, ehemaliger Nike-Geschäftsführer, wird im Januar 2000 zu Disney Consumer Products beordert, um das kränkelnde Geschäft mit den Merchandisingverkäufen aufzupeppen. Eine seiner wirtschaftlich klugen Ideen war es, nicht weiter die Kernlizenzen an zahllose Hersteller zu vergeben, sondern nur einzelnen, fähigen Firmen anzuvertrauen. Jedoch löste Mooney auch einen nicht mehr aufhaltbaren Wandel in Disneys Umgang mit seinen Prinzessinnen aus. Er bemerkte, dass sich junge Mädchen zu Veranstaltungen wie „Disney on Ice“ mittels generischen Kostümen als die Disney-Prinzessinnen verkleideten und fällte daraufhin die Entscheidung, dass Disney in eben diese Marktlücke springen muss – der Konzern sollte sich stärker um die Vermarktung seiner Märchenprinzessinnen bemühen und kleinen Mädchen eine Vielfalt an Produkten bieten, um ihren Durst nach Prinzesssinnenartikeln zu stillen.

So wurde die Disney-Princess-Marke erfunden, die Schneewittchen, Cinderella, Aurora, Arielle, Belle sowie Jasmin unter einem Schirm vereinte und von ihrem dazugehörigen Film losgelöst behandelte. Mooney setzte eine ungewöhnliche Strategie durch: Zwar wurden die Verweise auf die jeweiligen Disney-Klassiker, aus denen die Figuren stammen, auf ein Minimum gekürzt und teils vollkommen gestrichen, dennoch sollten die Prinzessinnen nicht als eine homogene Gruppe miteinander interagierender Figuren auftreten. Crossover-Comics, um die Produktline zu bewerben, blieben ebenso aus, wie etwa Kalenderbilder, auf denen Jasmin und Arielle gemeinsam Beach-Volleyball spielen. Auf ihren gemeinsamen Merchandisingabbildungen blicken die Prinzesssinnen stets in eine leicht andere Richtung, als seien sie sich der sie umgebenden Damen unbewusst – so dass diese Bilder eher eine Collage sind, denn wirkliche, sinngemäße gemeinsame Auftritte.

Das ist man heute gar nicht mehr gewöhnt: Die Prinzessinnen sind (weitestgehend) "on model"!

Die neue Produktmarke verhalf Disney aus seiner Verkaufskrise, innerhalb von bloß fünf Jahren schossen Disneys jährliche Merchandising-Einnahmen von 300 Millionen Dollar auf 3 Milliarden Dollar, woran die pinke Mädchenreihe einen nicht unerheblichen Anteil hatte. Aber die aggressive Ausbeutung der Prinzessinnen zog neue Schwierigkeiten nach sich. Das Image der Disney-Studios wandelte sich. Man muss einfach mal festhalten: Ich habe unfassbare Probleme, Artikel aus der Zeit vor der Jahrtausendwende zu finden, in denen die Rede davon ist, Disney hätte ein „Jungsproblem“.

Zeitgenössische Kritiken zu Arielle, die Meerjungfrau gehen davon aus, dass er Jungs, Mädchen und deren Eltern gleichermaßen gefallen werde, selbiges gilt für Die Schöne und das Biest und sowieso für Aladdin. Mir ist nicht ein Stück Disney-Sekundärliteratur bekannt oder ein Artikel von Industrieportalen, wo besprochen wird, dass der Filmtitel Pocahontas Jungs abschrecken könnte und dass Der Glöckner von Notre Dame sowie Hercules Versuche der Disney-Studios wären, die verlorene junge männliche Zielgruppe nach mehreren „Weiberfilmen“ wieder ins Boot zu holen.

Doch da die Disney-Princess-Produkte immer omnipräsenter wurden und das Disney-Marketing der Märchenfilme, um auf dieser Erfolgswelle mitzuschwimmen und gleichzeitig auch die Merchandisingverkäufe weiter anzutreiben, immer stärker auf junge Mädchen zugeschnitten wurde, änderte sich das Image. Rosa, Glitzer und Pastelltöne, auch Mulan und Pocahontas wurden ab nun auf vereinzelten Princess-Produkten abgebildet, Printmagazine unter der Disney-Princess-Marke, „Teeparty“-DVDs und vieles mehr: Um den kleinen „Ich wäre so gern eine Prinzessin“-Mädels zu gefallen, stimmte Disneys Marketing immer mehr die selben gepuderten Töne an. Damit ging einher, dass die Märchenfilme plötzlich als Mädchenfilme betrachtet wurden und Medienbeobachter Disney ein „Jungsproblem“ anrechneten, da einige der größten Klassiker die jungen Buben verschrecken würden, während Marken wie Pirates of the Caribbean im Merchandisingbereich weniger erfolgreich liefen. So wurde Cars zur Jungsmarke in der Größe der Prinzessinnen aufgebaut, doch diese Marke wuchs immer weiter.

Graduell erhielten die Prinzessinnen auf ihren Produkten ein kleines Makeover. Samtweiche Haut, rundere, einheitlichere Gesichtszüge. Die Prinzessinnen lebten auf Gruppenbildern weiter nebeneinander her, doch Produkte mit ihnen, auf denen sie nicht aussehen, als stammten sie aus einem einzelnen Film über eine riesige royale Familie wurden immer seltener.



Die immer lauter werdenden Beschwerden – und die von Merida ausgelöste Explosion
Spätestens 2007 drehte Disney Consumer Products völlig durch und entrückte die Prinzessinnen noch ein gutes Stück mehr von ihrem ursprünglichen Design. Die kleinen Kinder störte es natürlich nicht, unter erwachsenen Disney-Fans wurde das entnervte Aufstöhnen dagegen lauter – da die Prinzessinnen anders als Goffy, Pluto und Co. „einen echten Look“ haben, wurden Abweichungen vom Standard kritischer aufgenommen und dass die Neugestaltungen den Figuren ihre Persönlichkeit rauben, um sie zu reinen Wunschprojektionen kleiner Mädchen umzumünzen, fand wenig überraschend wenig Freunde bei den Disney-Anhängern. Ein wiederkehrender Kritikpunkt in Disney-Foren ist der Barbieeffekt – den ich mit eigenen Augen und Ohren erlebt habe. Als mir meine Nichte ihre Tischunterlage mit Cinderella, Aurora und Arielle zeigte, fragte ich sie, ob sie mir den Namen der drei Damen nennen kann. „Ja. Das ist Barbie. Und das ist Barbie in einem anderen Kleid. Und das ist Barbie mit roten Haaren.“ Sie meinte es todernst. Und ich bin in diesem Moment ein wenig gestorben vor Leid.

Und dann kam Küss den Frosch. Die Produktion aus dem Jahr 2009 stellte Disneys Rückkehr zum Zeichentrickmedium dar, nachdem fünf Jahre zuvor Die Kühe sind los! einen unrühmlichen Abschluss markierte. Es war auch das Comeback der Aladdin-Regisseure John Musker und Ron Clements, die 2002 mit Der Schatzplanet ihre erste finanzielle Bruchlandung erlebte. Vor allem aber ist und bleibt Küss den Frosch der erste Disney-Märchenfilm, der nach Einführung der Disney-Princess-Marke in die Kinos kam. Und, wow, das merkt man. Der Film selbst blieb glücklicherweise von bösen Einflüssen durch Disney Consumer Products befreit, aber das ganze Drumherum konnte die Konnotation mit dem glitzernden Franchise nicht abschütteln. Und so tauchten Beobachtungen auf, die man vorher im Bezug auf neu erschienene Disney-Märchenmusicals in dieser Prominenz nie zuvor finden konnte: Kritiker vermuteten hinter dem Film einen einzigen,großen Marketingschachzug, an Eltern gerichtete Publikationen nahmen ihn als Anlass, über die Erziehung von Mädchen und den korrekten Umgang mit der Prinzessinnensache zu philosophieren und in der Presse wurde gemutmaßt, dass der Film Jungs weniger reizen könnte.

Was uns zum nächsten Punkt führt: Küss den Frosch ist auch der erste Disney-Märchenfilm seit der Renaissance, mit dessen Einspielergebnis der Konzern nicht im Geringsten zufrieden war. Begründet wurde das enttäuschende Einspiel damit, dass der Film die männlicheZielgruppe nicht erreichte – woraufhin es in den USA zu der berühmt-berüchtigten Umbenennung von Rapunzel in Tangled kam und das Marketing sich mit aller Kraft verrenkte, um in Trailern und auf Postern das liebevolle, ambitionierte Märchenmusical als dreiste, freche Komödie im DreamWorks-Animation-Stil zu verkaufen. Derweil wurde Tiana, die im Film noch eine atypische Protagonistin für einen Disney-Trickfilm abgab, assimiliert und im Merchandising zur dummen, grinsenden Schaufensterpuppe degradiert.


Rapunzel hingegen lachte das Glück, denn auf die schizophrene Repräsentation ihres Films sowie die zweigleisige Darstellung ihres Charakters durch Disneys Marketing- und Merchandisingabteilungen folgte ein großer kommerzieller Clou. Jungs, Teenager und Erwachsene wurden durch die Trailer imDreamWorks-Style manipuliert, während die Prinzessinnen-Zielgruppe weiterhin ihre volle Wagenladung an „Ist sie nicht süß?“-Rapunzelpüppchen und großäugige, naive, pastellfarbene Rapunzelzeichnungen in Bilderbüchern erhielten. Jeder bekam den Film vorgegaukelt, von dem er dachte, dass er ihn sehen wollte, und am Ende war das Ergebnis ein ganz anders gelagerter Kinofilm, der jede Menge Geld einspielte und sehr gut besprochen wurde.

Vielleicht war es auf Fanseite die Euphorie endlich wieder einen hervorragenden und zudem erfolgreichen Disney-Film zu haben und im Hinblick auf die generelle Presse die Erschöpfung durch die ganze „Ist Küss den Frosch ein rassistischer Kleinemädchenfilm?“-Debatte, eventuell erschien den meisten das ursprüngliche Rapunzel-Standarddesign der Disney-Princess-Reihe einfach nur zu unspektakulär – jedenfalls gab es nach Kinostart von Rapunzel vorerst wieder Ruhe um die Prinzessinnenreihe. Rapunzels gezeichnete Merchandising-Version kommt manchen Fans, darunter auch meiner Wenigkeit, etwas zu jung und zu dümmlich-verspielt vor, allerdings schüttle ich dies schulternzuckend ab. Ausgleichende Gerechtigkeit nach den „Boah, meine Fresse, ist das 'ne krasse, sarkastische Rockerbraut!“-Marketingversuchen, mehr nicht.


Rapunzel, Power-Haar-Belle und "die neue Cinderella"

In den Disney-Geschichtsbüchern wird man diese Phase wohl als die Ruhe vor dem Sturm betrachten. Allein schon die Ankündigung, dass die Pixar-Figur Merida in die Disney-Princess-Reihe aufgenommen wird, sorgte für Murren unter den Disney-Fans eines gewissen Alters. Mit der Enthüllung ihres Designs jedoch erlebte Disney Consumer Products einen PR-Reinfall, wie der Disney-Konzern ihn schon lange nicht mehr erlebt hat. Die gezeichnete, fesche, mädchenhafte Merida mit betonteren Kurven und jeder Menge Glitzer, der auf Merchandisingartikeln plötzlich Charakterzüge zugesprochen werden, die total prinzesssinnenhaft sind (und somit nahezu durchgehend dem widersprechen, wofür sich der Wirbelwind in seinem Film aussprach), löste eine gewaltige Debatte aus. Dieses Mal aber beschränkte sie sich nicht allein auf Disney-Fanforen, sondern breitete sich auf die Massenmedien aus. Die Beschwerden waren vielfältig: Die natürliche, wilde Figur mit ihren ästhetischen Ecken und Kanten wurde mit seinem sexualisierten Victoria's-Secret-Model verglichen, was eine fragwürdige Botschaft vermittle. Eine weitere Kritik ist, dass die neue Merida das Prinzessinnenklischee verstärke, dass es einzig und allein ums Aussehen ginge. Und auch der Verrat Disneys Merchandising-Abteilung an Pixars Schöpfung wurde thematisiert – eine Figur, die sich gegen Adelspflichten aussprach, unterwirft sich nun eben dieser Konformität.

Eine Onlinepetition wurde ins Leben gerufen und auch Brenda Chapman, die Erfinderin der Figur und ursprüngliche Regisseurin von Merida – Legende der Highlands äußerte sich zur Kontroverse: Die Merida-Umgestaltung sei „unverantwortlich“, „abscheulich“ und „unverholen sexistisch“. Sie erläuterte, dass sie Merida, die auf ihrer Tochter Emma basiert, erschuf, um ein gutes, starkes Vorbild für Mädchen zu schaffen, dem man leicht nacheifern kann. Dass Disney Merida nun verändere, würde gegenüber Mädchen, die sie bislang als Vorbild nahmen, den Eindruck erwecken, dass diese Figur bislang makelhaft war und verbessert werden musste – doch dieses neue Bild Meridas würde nur schlechte Stereotypen fördern.



Wie Brenda Chapman betont, sollte es sich bei dieser Kontroverse allerdings nicht nur um Merida drehen, denn dies sei nur die Spitze des Eisberges. Und diesem Punkt kann ich am lautesten zustimmen. Um das Merida-Umdesign (über dessen Permanenz Disney angesichts der lauten Kritiken plötzlich sehr widersprüchliche Aussagen trifft) gestaffelt zu betrachten: Die ganze Debatte, dass Merida „zu sexy“ sei, wird ein wenig zu heiß gekocht. Ich verstehe leidenschaftliche Diskussionen in Fanforen, dass Elternverbände eintreten, ist dagegen etwas übertrieben, denn Merida erscheint auf dem Disney-Princess-Kram nun auch nicht gerade als billige Hure. Sie wurde etwas aufgehübscht und das ist insofern verständlich, da Disney Artikel verkaufen will, und hübsch verkauft sich gut. Micky, Donald und Goofy zeigen sich auf Merchandising-Produkten auch eher selten von ihrer hässlichsten Seite. Im Falle Meridas ist es aber besonders ärgerlich, dass diese Aufhübschung durch eine schlankere Hüfte und ein sanfteres Gesicht erreicht wird, da diese Figur sich auch durch ein „raues“ und leicht ungelenkes Äußeres von anderen Disney-Prinzessinnen abhebt. Kurioserweise erscheint dafür Rapunzel in der Princess-Reihe kindlicher und unschuldiger, obwohl die Animatoren sich bei der Produktion zum Ziel setzten, eine sexy Figut zu erschaffen – über solche Sachen kann man sich als Disney-Fan gut und gerne den Kopf zerbrechen.

Ich denke, dass zumindest unter Disney-Fans das Timing von Meridas Umgestaltung half, die Kontroverse voranzutreiben, wurden doch kurz zuvor alle Prinzessinnen umgestaltet und mit mehr Rouge, wilderem Haar und sinnlicheren Posen dargestellt – wobei insbesondere Cinderella auffiel. Einst das unauffällige Mädchen von nebenan, nun die sexy Bitch mit frecher Frisur und keckem „Ich stell gleich sonstwas mit dir an“-Blick. Und diese Version Cinderellas ersetzt nun zudem das Original in den Parks.



Hinsichtlich der öffentlichen Aufregung finde ich viel bedeutsamer, dass Merida nun völlig ihres Charakters beraubt wird und einfach nur schmuck aussehen soll. Ja, auch Belle, Jasmin, Tiana und Rapunzel haben viel Persönlichkeit, die in diesen Abbildungen abhanden kommt. Allerdings gibt es bei Merida in ihrem Fillm nicht einen Moment, in dem sie irgendwie „prinzessinnenhaft“ wirkt und dies ist sogar ein großer Plotpunkt. Schon Jasmin kämpfte gegen arrangierte Ehen, schon Tiana kämpfte selbst für ihr Schicksal und Rapunzel kann vielleicht sogar besser austeilen als Merida – doch der Wildfang vereint all dies und stellt dies ins Zentrum seines Handelns. Merida war wirklich nicht die feministische Revolution, zu der sie von manchen Fans des Films gemacht wird, aber sie ist von allen Märchenmusical-Protagonistinnen die, die am schwierigsten in das Disney-Princess-Franchise zu prügeln ist.

Und daher ist Meridas Darstellung im Rahmen des Disney-Princess-Franchises ein absonderliches Beispiel dafür, wie Disney Consumer Products die Erinnerung an die Filme übertönt und verfälscht. Das Merchandising hat es bereits sehr arg getrieben, und dass nun das Fass zum Überlaufen gebracht wurde, und sich mehr Leute auflehnen, ist aus vielerlei Gründen erfreulich. Einerseits, weil man nun wenigstens hoffen darf, dass das Merchandising vielleicht wieder stärker die Aufgabe hat, die Erinnerung an die mitunter so kunstvollen Disney-Filme frisch zu halten. Und zum anderen, weil eine Zurechtstutzung der Disney-Princess-Marke bedeuten könnte, dass sich Disneys „Jungsproblem“ wieder egalisieren könnte. Und zu guter Letzt: Je mehr wieder die Persönlichkeit der Prinzessinnen beleuchtet wird, desto größer die Hoffnung, dass Mädchen wieder zu ihnen aufsehen, weil etwas hinter ihnen steht – und nicht nur, weil sie hübsche Kleider tragen. Denn das sind wirklich dumme Gründe, eine Figur zu mögen.

Kurzum: Die ganze Merida-Kontroverse kommt zu spät und konzentriert sich zu sehr auf die übertrieben beliebte Pixar-Dame. Dennoch wurde es langsam Zeit, dass Disney zu spüren bekommt, dass die Disney-Princess-Marke nicht nur Geld bringt, sondern auch Kritik.  

Samstag, 1. Oktober 2011

Kay Kamen

Another Nine widmet sich, in Anlehnung an Walt Disneys Nine Old Men, den über viele Jahrzehnte prägenden Trickfilmern des Studios, neun großartigen Künstlern, deren Einfluss bisher nur unzureichend erkannt und gewürdigt wurde. Vorgestellt werden Menschen, die ihre kreative Arbeit in völlig verschiedenen Bereichen verrichtet haben – Im Schatten der Maus.


Der zweite Teil dieser Serie widmet sich einem Mann, dem vor 80 Jahre gelang, was bis heute Bestand hat – Walt Disney zum weltweit bedeutendsten Hersteller von Merchandising zu machen: Kay Kamen


Tumbusch, T. (1990): Disneyana Catalog & Price Guide, Tomart, S. 282

Walt Disneys Weg zur Symbolfigur des amerikanischen Traums war gespickt mit Stolpersteinen. Nicht nur visionäre Ideen und ein unbändiger Wille, sondern auch – vielleicht auch insbesondere – Glück zur richtigen Zeit und das Vertrauen in gute Freunde verhinderten, dass Walt Disneys Traum frühzeitig der Realität weichen musste. Zweifelsohne war er immer von Künstlern umgeben, die seine Hingebung teilten. Doch was wäre aus ihm geworden, wenn nicht Roy Disney ganz hinter und oftmals schützend vor ihm gestanden wäre und einen drohenden Ruin mehr als einmal verhindert hätte? Ein Walt Disney, mit den Gedanken der Gegenwart stets einen Schritt voraus, ohne das Verständnis, die Klugheit und Vernunft seiner Frau Lillian – kaum vorstellbar. Oder Gunther Lessing, für die einen diabolischer Arbeitgeberanwalt, für die anderen ein Genie, das schon für Pancho Villa Papierschlachten schlug, pflasterte, bei allen moralischen Verfehlungen, zuverlässig den Boulevard, den die Übergestalt Disney gehen sollte.

Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. In seinen Visionen bestätigt, in seinem Wahnsinn noch angetrieben, das wurde der aufstrebende Walt Disney vor allem von einem Mann, der ihm de facto gar vertraglich gleichgestellt war: Kay Kamen, seines Zeichens Spielzeugfreund und selbsternannter, größter Micky-Maus-Fan aller Zeiten. Walt Disney brachte seine Filme ins Kino – Kay Kamen in die Wohn- und Kinderzimmer, den Vorratsschrank und die Garage.

Kay Kamen 1931 mit den Darstellern der Kleinen Strolche (Quelle: diamondgalleries.com)

Was Kay Kamen, eigentlich Herman Samuel Kamen, geboren 1892 in Baltimore, tat, bevor er sich 1928 mit Hal Roach zusammenschloss, liegt weitestgehend im Dunkel der Geschichte – auch wenn die ersten 35 Lebensjahre dieses Mannes interessant gewesen sein müssen, wenn sie denn nur halb so interessant gewesen sind, wie die folgenden zwanzig. Für Hal Roach, der vor allem als Produzent von Laurel und Hardy bekannt ist, arbeitete er an der Serie Die kleinen Strolche – im übrigen die Hollywoodproduktion, in der erstmals gleichgestellte, schwarze Schauspieler beschäftigt wurden – und kurbelte den Ruhm der Serienhelden an, indem er Lizenzverträge für Bücher, Geschirr und diverses Kinderspielzeug vergab. Gleichzeitig begann er, eine eigenständige Marke zu entwickeln und vertrieb unter dem Namen The Boys Outfitter, alles, was das Herz eines all-american boy begehrte. Neben Kleidung wurde dem jungen, männlichen Zielpublikum auch die Möglichkeit geboten, ein kostenloses Handbuch zu erhalten, in dem beschrieben wurde, wie man sich zu geben und verhalten habe – ganz im Sinne der Gesellschaft und Kay Kamens.

Walt Disney, Gunther Lessing, Kay Kamen und Roy Disney 1933 (v.l., Quelle: diamondgalleries.com)

Die Zusammenarbeit zwischen Kay Kamen und Walt Disney begann mit einem selbstbewussten Telefonanruf. Der Geschäftsmann aus Kansas hatte Kontakt zu den Disney-Studios aufgenommen und witterte in der Inexistenz einer großflächigen Präsenz der Marke seine Chance. Die Brüder an der Spitze Disneys waren von seinen Ideen angetan und vereinbarten, bereits 48 Stunden später für ein persönliches Gespräch bereit zu stehen. Die Ergebnisse der zahlreichen darauf folgenden Treffen lassen sich schnell zusammenfassen: Kay Kamen wurde zum alleinigen Lizenzverwalter des Studios ernannt und sollte 40 Prozent der ersten erwirtschafteten 100.000 US-Dollar erhalten, darüber hinaus gehende Einnahmen würden zu gleichen Teilen in die Taschen der Geschäftspartner fließen. 1933 war der erste Vertrag unterschrieben.

Als ersten Schritt kündigte Kamen alle bestehenden Lizenzverträge Disneys, die oft nur Kleinstsummen in die Studiokassen spülten. Er ersetzte den Lizenzbeauftragten für das wichtige Überseegeschäft in London durch seinen Neffen George Kamen und begann, Fakten zu schaffen. Die ursprünglich kalkulierten 100.000 US-Dollar waren bereits wenige Monate nach Vertragsunterzeichnung mehrfach übertroffen und bescherten beiden Partnern einen unverhofften Geldsegen. Tatsächlich zahlte General Foods nur ein Jahr nach dem Beginn von Kay Kamens Engagement für Disney die bis dato unvorstellbare hohe Summe von 1,5 Millionen US-Dollar, um Disney-Figuren auf Cornflakes-Packungen drucken zu dürfen – inflationsbereinigt rund 25 Millionen US-Dollar. Diese Vereinbarung bedeutete nicht nur, dass Disney augenblicklich das Grundkapital für seinen ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm zur Verfügung stand, sondern auch, dass seine Figuren auch die Kinderzimmer derer Familien bevölkerten, die durch die Wirtschaftskrise gezwungen waren, auf den Besuch im Kino und den Kauf von teurem Spielzeug zu verzichten.

Damit begann Kay Kamens Konzept aufzugehen. Sein Ziel war die Entstehung eines erdrutschartigen Effekts, der dafür sorgen sollte, dass Disney im ganzen Land und allen gesellschaftlichen Schichten Fuß fassen konnte. Neu war der Gedanke, die Figuren rund um Micky Maus im Alltag der Menschen zu platzieren und hiervon ausgehend auf andere Bereiche zu expandieren – den allgemeinen Spielzeug- und Bekleidungsmarkt, das Weihnachtsgeschäft (das zu dieser Zeit eine noch weitaus größere Rolle im Einzelhandel spielte als in der Gegenwart) und die Filme Walt Disneys. Insbesondere die Idee, neue Produktionen über bereits vorhandene Vertriebswege zu bewerben und mit ihnen zusätzliche Einnahmen zu generieren anstatt für teure Werbung zu bezahlen, sorgte für großen Erfolg – und ist heute zum gängigen Standard geworden.

Micky-Maus-Uhr von Ingersoll-Waterbury (Quelle: serioustoyz.com)


Mickey Mouse Hand Car von Lionel (Quelle: Lionel)

Der Anschein, Kay Kamens Antrieb sei alleine der wirtschaftliche Erfolg gewesen, trügt. So vergab er bewusst günstige Verträge an Unternehmen, die faktisch bereits bankrott waren. Dazu zählte auch der Uhrenhersteller Ingersoll-Waterbury, heute bekannt als Timex, dessen Ruin nur dadurch verhindert wurde, weil ab 1933 Micky-Maus-Uhren produziert wurden, die reißenden Absatz fanden – an einem einzigen Tag vor Weihnachten gelang es der Kaufhauskette Macy's, 11.000 Uhren zu verkaufen.

Noch dramatischer war die Situation des Modelleisenbahnherstellers Lionel, der durch die Depression scheinbar irreparabel in finanzielle Schieflage geraten war. Einzelne Lokomotiven aus Lionels Produktpalette, die sich nur noch wenige leisten konnte, wurden zu Preisen eines gebrauchten Ford T-Modells verkauft. Als Folge dessen übernahm im Mai 1934 ein Konkursverwalter die Geschäftsleitung, im Monat darauf schlug Kay Kamen einen Vertrag vor, auf den die verantwortliche Bank einging. Lionel sollte letztmalig 350.000 US-Dollar erhalten um ein neues Modell herzustellen, unter der Bedingung, die Summe bis Januar des nächsten Jahres zu tilgen. Unter dem Namen Mickey Mouse Hand Car entstand eine Aufziehlokomotive, die speziell für die leeren Haushaltskassen ihrer Zeit konstruiert worden war und für 1 US-Dollar verkauft wurde. Sie verkaufte sich innerhalb der ersten vier Monate rund 250.000 mal, im November schließlich konnte der gesamte Kredit zurückgezahlt werden. Nach Weihnachten war Lionel in der Lage, auch die restlichen Schulden auszuzahlen und damit gerettet.

1935 zählten neben Ingersoll-Waterbury und Lionel rund 80 andere Unternehmen in den USA zu den Herstellern von Micky-Maus-Spielzeug, alle großen Kaufhäuser in den USA führten eine Vielzahl an Disney-Produkten. Der Erfolg der Artikel wurde noch befeuert durch erstmals eingesetzte, elektrische Diaromen, die in den Schaufenstern der Geschäfte standen. Ein weiterer Anreiz, Micky und seine Gefährten in das Sortiment mit aufzunehmen, stellten die zahlreichen Werbeaktionen dar, die Kay Kamen initiierte. Diese reichten von Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften, über Werbung im Radio, bis hin zu kostenlosen Broschüren und Beigaben, die der Einzelhandel an seine Kunden weiterreichen konnte. Besuchte Kay Kamen zu Beginn seiner Arbeit für Disney tatsächlich noch selbst viele Kaufhäuser, begann er bald, aufwändig hergestellte Kataloge zu vertreiben, die meist jährlich erschienen.

Spätestens zu Weihnachten 1935 waren die Spielzeuge Walt Disneys die beliebtesten und meistverkauftesten im ganze Land – innerhalb von nur drei Jahren hatte Kay Kamen es geschafft, aus einem kleinen Zubrot eine der Hauptfinanzquellen des Trickfilmstudios zu machen. Der Höhepunkt war Mitte der 1930er Jahre noch lange nicht erreicht. So bezahlten die Bürger der Vereinigten Staaten alleine 1948 mehr als 100 Millionen US-Dollar für mehr als 2.000 angebotene Lizenzprodukte, darunter die insgesamt fünfmillionste Uhr mit Disney-Motiv – inflationsbereinigt entspricht das einer Summe von über einer Milliarde US-Dollar. Mit verkauften Merchandisingprodukten im jährlichen Wert von etwa 30 Milliarden Dollar ist Walt Disney noch heute der bedeutendste Lizenzgeber der Welt.

Kay Kamen (2. v. l.) bei einem Besuch in den Disney-Studios (Quelle: Disney)

Hinter der Fassade des peniblen Geschäftsmanns war Kay Kamen, zusammen mit seiner Frau Katie, ein schillernders Unternehmerehepaar in New York City. Dorthin war die Kay Kamen Ltd. gezogen, nachdem sich der dauerhafte Erfolg als Lizenzverwalter Disneys abgezeichnet hatte. Seine Begeisterung für Micky Maus war nicht nur geschäftlicher Natur – er bezeichnete sich selbst nicht grundlos als „größter Disney-Fan der Welt“.

So sicherte sich Kay Kamen auch frühzeitig die Telegrammadresse Mickmouse. Seine Mitarbeiterinnen waren angewiesen, sich am Telefon piepsstimmig als „Mickey Mouse“ zu melden – Micky Maus sei einfach viel bekannter als er selbst, begründete Kamen diese Idee. Zeitweise stellte sich die Begrüßung der Gesprächspartner am Telefon sogar als hinderlich für den reibungslosen Betriebsablauf dar. Nach dem öffentlichen Bekanntwerden von Kamens Order wurde sein Unternehmen von den vielen Neugierigen überrascht, die sich mit einem Anruf einzig und allein davon überzeugen wollten, dass sie am anderen Ende der Leitung tatsächlich von Micky begrüßt werden würden.

Das Ehepaar, das keine eigenen Kinder hatte, gehörte zum engsten Freundeskreis Disneys und insbesondere Katie Kamen pflegte ein liebevolles Verhältnis zu den Kindern Diane und Sharon. Den regelmäßigen Weg nach Kalifornien nahm das Ehepaar nicht etwa in einem Flugzeug auf sich – aufgrund Kay Kamens panischer Flugangst vermied er es, ein solches zu benutzen und besaß stattdessen einen luxuriös ausgestatten, privaten Eisenbahnwagon. Nur wenn eine Reise nach Europa anstand, verzichtete er darauf.


Die Tragik dieses Umstands zeigt sich im Unfalltod des Ehepaars Kamen. Zusammen mit 46 anderen Menschen starben sie am 28. Oktober 1949, als ihr Rückflug von Paris nach New York kurz vor einer Zwischenlandung auf den Azoren am Monte Redondo auf der Insel São Miguel zerschellte. Unter den Passagieren waren auch der ehemalige Weltmeister im Mittelschwergewichtsboxen und Liebhaber Èdith Piafs, Marcel Cerdan, Ginette Neveu, eine der bekanntesten Violinistinnen ihrer Zeit, der Maler Bernard Boutet de Monvel und die Patentochter Antoine de Saint-Èxuperys. Noch am Tag zuvor hatte er einen Brief an die Vizepräsidentin seines Unternehmens geschickt, in dem er von seiner Angst vor dem Flug berichtete.

Sonntag, 7. November 2010

Disney eröffnet Tron Store

Während die Tron-Euphorie in Deutschland noch in verhaltenen Maßen grasiert, lässt zumindest das Internet vermuten, dass es in den USA ganz anders aussieht. Und um noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, eröffnet Disney am 19. November in Losa Angeles einen offiziellen Tron Legacy-Store, der sechs Wochen lang zum Mekka der Tron-Fans hochstilisiert werden soll.

Neben solchen hochexklusiven und stylischen (aber absurd teuren) Produkten wie der Tron-Motorraduniform und den Tron-3D-Brillen wird es auch die üblichen Merchandise-Artikel wie Tron-Spielzeug, T-Shirts, Kappen und Pullis oder Tron-Controller für aktuelle Spieleskonsolen geben.
Außerdem sollen wöchentlich Exklusivartikel ins Sortiment aufgenommen werden, die es sonst nirgends zu erwerben gibt. Zu diesen speziellen Angeboten wird auch eine Tron-Schmuckkollektion zählen. Disney zielt also auch ganz klar auf weibliche Geeks - oder welcher Kerl würde sich in solche Schuhe wie den rechts auf dem Bild zwängen?
Des Weiteren plant Disney mehrere Events, die in der Boutique stattfinden werden, wie etwa einen "Tron Fun Day" für die ganze Familie.

Auf dieser Seite kann man in das originelle und schmucke Produktangebot des Tron-Stores hineinschnuppern.

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Montag, 4. Oktober 2010

Schaurig Schönmachen mit den Disney-Schurken

Prinzessin, Prinzessin, Micky Maus, Winnie Puuh, Cars, Tinkerbell, Winnie Puuh, Cars, Cars, Winnie Puuh,  Prinzessin. Prinzessin.

Die Figurenpalette ist beim Disney-Merchandising längst nicht so breit gefächert, wie sie sein sollte. Pünktlich zum Schauermonat Oktober trägt das Kosmetik MAC seinen Anteil dazu bei, dies zu ändern. Vier Minikollektionen unter dem Decknamen Venomous Villains Collection sollen die glamouröse Seite der Boshaftigkeit zelebrieren. In den klassischen Bösewichtfarben Schwarz, Lila und boshaftem Rot (sowie einem ganz fabelhaft fiesen Blau-Grün) präsentierten Dr. Facilier, Cruella de Vil, Malefiz und die Böse Königin aus Schneewittchen und die sieben Zwerge diabolische Kosmetik für die durchtriebene Frau von heute.

Eine komplette Übersicht der Produkte findet ihr hier. Und ich muss sagen, es ist herrlich erfrischend mal kein prinzessinnenhaftes Quietschepink sehen zu müssen. Schurkenkosmetik bringt abwechslung in die Welt des Disney-Merchandisings und man suchte sich auch gute Bilder von den Figuren aus. Nicht so wie die armen Micky, Donald und Co. die seit einigen Jahren mit dem selben hässlich-ausdruckslosen Standardstück Clip Art auf die Welt losgelassen werden.

Donnerstag, 26. August 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil LVIII)

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Platz 13: Er lebt in dir ("He Lives in You") aus Rhythm of the Pride Lands
Musik und Text von Mark Mancina, Jay Rifkin und Lebo M (dt. Filmfassung von Frank Lenart / dt. Musicalfassung von Michael Kunze)

Wohl kein Bonussong hat in der Disney-Geschichte eine weitreichendere Laufbahn beschreiten können als Er lebt in dir. Weder speziell für einen Film, eine Fernsehserie, ein Videospiel noch für einen Themenpark geschrieben, ist Er lebt in dir ein erfolgreiches Leidenschaftsprodukt von Musikproduzent Jay Rifkin, einem Kindheitsfreund von Hans Zimmer, dem afrikanischen Komponisten, Sänger und Chorleiter Lebo M und Mark Mancina, dem Verantwortlichen für viele der Arrangements von Hans Zimmers und Lebo Ms Filmmusik für Der König der Löwen. Nach der Arbeit an Der König der Löwen verwirklichten sie aus Hingabe zur Filmmusik dieses Disney-Meisterwerkes das Album Rhythm of the Pride Lands. Während die meisten der Lieder auf diesem Album von Lebo Ms und Hans Zimmers orchestralen Kompositionen inspiriert wurden und diese zu eigenständigen Liedern in verschiedenen afrikanischen Sprachen ausarbeiteten, wurde Er lebt in dir von den inhaltlichen Themen in Der König der Löwen beeinflusst. Das im Original auf Englisch gesungene Lied erinnert an Simbas und Rafikis Unterhaltung darüber, dass Mufasa nicht tot ist, sondern in Simba weiterlebt und von den Sternen aus über uns wacht. Deshalb solle der vor seinem rechtmäßigen Platz im ewigen Kreis des Lebens fliehende Simba seinen Glauben wiederfinden und für das Recht einstehen. Das zweifelsohne auch religiöse Vorstellungen verarbeitende Lied thematisiert auch, dass alle durch einen Geist vereint sind und steht somit inhaltlich nahe am Eröffnungslied von Der König der Löwen, Der ewige Kreis, sowie an der Szene, in der Simba von seinem weisen und stolzen Vater erklärt bekommt, dass Löwen und ihre Beute philosophisch betrachtet alle eins sind. Er lebt in dir, von Lebo M sehr einfühlsam und mit einer andächtigen Glaubensstärke gesungen, ist in dieser Ursprungsfassung kein spektakulärer Song. Das Arrangement ist bedächtig, am meisten stechen die Percussions hervor, der afrikanische Backgroundchor verleiht dem Lied eine leicht mystische Note. Allerdings gefällt das Lied genau deswegen, es kopiert nicht einfach Der ewige Kreis, sondern schlägt einen eigenen, gesammelten Weg ein, der dank Lebo Ms seelenvollen Texten und überzeugtem Gesang überaus einprägsam ist und das Lied direkt zu Herzen gehen lässt.

Als sich Broadway-Regisseurin Julie Taymor der Aufgabe widmete die Songliste von Der König der Löwen auf eine musicaltaugliche Länge zu erhöhen, bat sie nicht nur Elton John und Tim Rice um drei neue Lieder für Figuren, die ihrer Meinung nach noch eine (weitere) Gesangseinlage benötigten (Der Wahnsinn von König Scar, Der Morgenreport, Putz weg), sie nahm sich auch dem ambitionierten Album Rhythm of the Pride Lands an, welches sie als Quelle für weitere Musik nahm, die den Einfluss afrikanischer Kultur auf das Musical verstärken sollte. So nahm sie das lockere, zelebrierende One by One (Platz 203) unverändert in das Bühnenstück auf, um die Pause zu beenden und in den zweiten Akt überzuleiten. Das Stück Lala textete sie dagegen um, so dass es als Endlose Nacht (Platz 108) ein handlungstragendes musikalishces Motiv für Simba darstellen kann. Er lebt in dir schließlich beeindruckte Julie Taymor ganz besonders, für sie hatte es das Potential neben Der ewige Kreis als zweite thematische Hymne für Der König der Löwen zu dienen. Deshalb entschloss sie sich nicht nur dazu, das Lied mit einigen textlichen Veränderungen als Sie lieben hier ("They Live in You") als berührendes Gesangssolo für Mufasa an seinen noch jungen Sohn Simba einzusetzen, sondern es, parallel zu Der ewige Kreis, mit einer ausführlichen Reprise zweimal im Musical zu verwenden. Die Reprise wiederum trägt wieder den Titel Er lebt in dir und dauert mit fast viereinhalb Minuten sogar länger als Mufasas Sie leben hier. Während Sie leben hier für die Szene genutzt wurde, in der Mufasa seinem Sohn unter dem Sternenhimmel über die vergangenen großen Könige und seine eigene Sterblichkeit berichtet, wird Er lebt in dir von Rafiki gesungen, der den zunächst zweifelnden Simba an seinen Vater Mufasa und seine Lehren erinnert und ihn davon überzeugt, ins geweihte Land zurückzukehren. Sie leben hier ist aufgrund des väterlichen Gesangs der Mufasas und der natürlicher wirkenden Instrumentierung nicht ganz so geheimnisvoll wie Lebo Ms Originalfassung, aber es geht aus eben diesen Gründen noch mehr zu Herzen. Die Musicalversion von Er lebt in dir beginnt der zuvor gehörten Version Mufasas sehr ähnlich, nur mit dezent zügigerem Tempo und weniger dezenter Orchestrierung, doch schnell wird Rafikis Botschaft an Simba eindringlicher, der Hintergrundchor ist stärker zu vernehmen und letztlich mündet es in ein zelebrierendes, losgelöstes Stück mit kräftigen Trommeln, in das auch ein energischer und wiedererstarkter Simba mit einstimmt.
Die Verwendung von Er lebt in dir blieb allerdings nicht nur auf das erfolgreiche Broadway-Musical beschränkt. Denn nicht nur Julie Taymor sah in dieser Komposition ein Werk des Kalibers von Der ewige Kreis, auch die Schöpfer von Der König der Löwen 2: Simbas Königreich sahen diese Parallelen. Regisseur Darrell Rooney nahm diese Sichtweise von Lebo Ms Lied sogar noch strenger als Julie Taymor und verwendete Er lebt in dir als direkten Stellvertreter von Der ewige Kreis, indem er ihn als Begleitmusik für die Intro und Ende des Originalfilms spiegelnden Anfangs- und Schlusssequenzen gebrauchte. Diese Version war eine gekürzte Fassung von Lebo Ms Originalaufnahme. Außerdem ließ man eine leicht aufgepeppte Version von Tina Turner einspielen (welche andere Disney-Videofortsetzung kann so große Namen für sich verbuchen?), die aber noch immer deutlich werkgetreuer geriet als die meisten anderen Popfassungen großer Disneystücke. Sie nutzt lediglich ein leicht westlicheres Klangbett, dass eher an Elton Johns Der König der Löwen-Lieder erinnerte und auch auf Turners röhrendes Timbre zugeschnitten wurde. Welche Fassung des Songs mir am liebsten ist, kann ich so nicht sagen. Alle genannten Versionen haben ihre Daseinsberechtigung und erfüllen ihre gesetzte Funktion ideal. Welche Aufnahme ich bevorzuge hängt also primär von meiner Stimmung ab. Aber ganz unabhängig davon ist Er lebt in dir ein wahnsinnig starkes Lied, das ein schweres Erbe antritt und es grandios ausfüllt.

Platz 12: Schattenland ("Shadowland") aus Der König der Löwen - Das Broadway Musical
Musik von Lebo M & Hans Zimmer, Text von Lebo M und Mark Mancina (dt. Fassung von Michael Kunze)

Die wenigsten "Inspired by"-Alben haben einen wirklich hohen Zusammenhang mit dem Werk, von dem sie (vermeintlich) inspiriert wurden. Sehr häufig nutzen Hollywood-Studios diese Musiksammlungen, um thematisch lose mit einem Film verknüpfte Musik an den Sammler zu bringen. Oder würde irgendjemand tatsächlich behaupten, dass Almost Alice für Tim Burtons Alice im Wunderland einen sonderbaren Mehrwert aufwies? Ich gehe an dieser Stelle sogar so weit zu sagen, dass selbst unter Berücksichtigung der besseren (weniger kommerziell durchgerechneten) Alben dieser Art keines an das ambitionierte Musikprojekt Rhythm of the Pride Lands heranreicht, dessen Kompositionen man das Herzblut anmerkt, dass die Verantwortlichen dort hineinsteckten. Anders als die meisten "Inspired by"-Alben wuchs die Lust auf Rhythm of the Pride Lands wirklich aus den Musikern von Der König der Löwen, die von ihrer Arbeit an diesem Film angetrieben weitere Stücke schrieben um ihrer Kreativität aus, die letztlich auf dieses Album gepackt wurden. Basierend auf einem kurzen, sehr emotionalen Motiv aus Hans Zimmers orchestraler Hintergrundmusik zu Der König der Löwen entstand die auf Zulu gesungene Ballade Lea Halalela, der die Bühnenregisseurin Julie Taymor große Ohrwurmqualitäten zusprach, weshalb sie dieses Lied als Stück für Nala im Broadway-Musical vorsah. Taymor fand, dass es Der König der Löwen an starken Frauenrollen mangelte, weshalb sie nicht nur den weisen Affen Rafiki von einer Frau spielen ließ, sondern auch Nala mehr Belang für die Geschichte zuwies. Außerdem sollte Nala für den Zuschauer eine emotional bedeutungsvollere Figur werden. Umarrangiert, mit einer strafferen Musikdramaturgie sowie englischen Texten versehen sollte Lea Halalela es ermöglichen, ins Herz und die Gedanken Nalas zu blicken und ihre Hintergrundgeschichte zu vertiefen, so dass sie nicht einfach im zweiten Akt auf der Suche nach Futter plötzlich wieder in Simbas Leben (und der Geschichte) auftaucht. Schlussendlich wurde auf der Grundlage von Lea Halalela mit klarer Orientierung am Stück aus Rhythm of the Pride Lands die schwerwiegende Ballade Schattenland konzipiert, die im Anschluss an Hakuna Matata (Platz 47), das losgelöste Stück One by One (Platz 203) und Scars bitter-manischen Szenensong Der Wahnsinn des König Scar (Platz 260) die atmospärische Verdunklung während des Musicals direkt mehrere Schritte weiterführt. Waren in Scars kurzer Gesangseinlage noch latent-böse Humorelemente enthalten, ist das direkt daran anschließende Stück Schattenland eines der ernsthaftesten und zunächst auch bedrückendsten Lieder des gesamten Disney-Pantheons. Nalas Vorschläge, wie das unter König Scars Wahnsinnsherrschaft zu Grunde gerichtete und leergejagte geweihte Land zu retten ist, finden kein Gehöhr, weshalb sich Nala von ihrer Familie verabschieden muss, in der Hoffnung neue Jagdgründe abseits ihrer vernarbten, zum Schattenland verkommenen Heimat. Bereits Nalas Beschreibung, was mit Mufasas einst stolzem Königreich geschah ist ergreifend, doch wenn sich Nala im Refrain von ihrem Stamm verabschiedet und ihnen verspricht, dass sie ihn im wohin auch immer ihr Weg sie führen mag im Herzen tragen wird, stellt sich bei mir bereits Gänsehaut ein. Wie Nala und später auch die anderen Löwinnen davon singen, dass sie ihren Glauben an den Traum einer glücklichen Zukunft für ihr Land nicht aufgeben werden, ganz gleich wie finster sämtliche Anzeichen sein mögen, ist äußerst bewegend, ebenso wie Hans Zimmers Melodie im Zusammenspiel mit dem Gesang Nalas Trennungsschmerz von Heim und Familie einfängt und scheinbar mühelos auf den Zuhörer überträgt. Der vornehmlich für seine einschlägigen, launisch-wummernden Actionthemen bekannte Zimmer hat für bekümmernden Reiseschmerz, der Tief in seinem Kern einen unbehelligten und zaghaft keimenden Hoffnungsschimmer trägt, ein wahrlich beachtliches Talent. Neben einigen rein instrumentalen, mich mitten ins Herz treffenden Momenten während Schattenland, die ambivalent zwischen unerschütterlichem Erfolgsglauben und tiefstem Schmerz wandeln sind auch einige Stücke aus seinem Score zu Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt großartige Momente, in denen er dieses Können unter Beweis stellt. In seiner Wirkung ist Schattenland aufgrund seiner inneren, emotionalen Dramaturgie allerdings schwer vergleichlich. Wenn der Chorgesang in Nalas Abschiedsgesang einstimmt entwickelt Schattenland eine unglaubliche Tiefe und packende, mitfühlsame Leidgeprüftheit. Sämtlicher erdrückender, auf dem gesamten Schattenland lastender Schmerz wird so vollkommen ehrlich und unverfälscht vermittelt, dass man glauben mag, dass der vor seiner Karriere als Musiker von der Apartheid geschundene, seines Landes verstoßene und zwischenzeitlich in Armut lebende Lebo M all sein persönliches Leid in diesem Stück verarbeitete. Und dennoch ist Schattenland kein unverdaulicher musikalischer Brocken an Unglück und Schmerz. Nicht nur der bereits erwähnte, zarte Hauch einer Zuversicht bewahrt Schattenland vor dem Umkippen, auch seine Eingängigkeit stützt diesen Song und hebt ihn mit strenger Sicherheit zu einem meiner liebsten Disneylieder aller Zeiten empor, und das obwohl ich üblicherweise nicht der Typ für belastende, weniger pompöse Balladen bin. Denn Schattenland vermag es bei aller Bedrückung ins Ohr zu gehen, mehr noch als viele der wundervoll witwippbaren Gute-Laune-Songs aus dem Disneyfundus. Schattenland anzuhören ist ein Genuss, für den man nicht gerade schicksalsgeschunden sein muss oder den dramatischen Kontext des Musicals benötigt. Und daran kann man ablesen, welche Klasse in dieser Ballade steckt. Schattenland ist eine intelligent konzipierte, beseelte und ausdrucksvolle Ballade über Leid und Hoffnung, die sich schmiegsam in den Verstand ihres Zuhörers begibt, statt ihn selbstgeiselnd zu bedrücken. Wie kann man dieses Lied nicht lieben?

Platz 11: Die drei Caballeros ("The Three Caballeros") aus Drei Caballeros
Musik von Manuel Esperón, Text von Ernesto Cortázar (engl. Text von Ray Gilbert, dt. Text von Frank Lenart)

Bahn frei für etwas vollkommen anderes. Der Titelsong des psychadelischen, mit frenetischen visuellen Gags und beschwingter lateinamerikanischer Musik gewürzten Geheimtipps unter den Disney-Meisterwerken ist kein Stück weit dramatisch oder gefühlvoll. Und handlungstragend ist es erst recht nicht, denn in Drei Caballeros gibt es keine wirkliche Geschichte, die man vorantreiben könnte. Die drei Caballeros ist höchstens insofern von inhaltlicher Relevanz, als dass es die Freundschaft zwischen dem gerade seinen Geburtstag feiernden Donald Duck, seinem bereits aus Saludos Amigos (Platz 185) bekannten José Carioca und dem ganz frisch und unverbraucht über die Leinwand hechtenden Panchito beschreibt und die drei als über die aus dem Film bekannten Grenzen hinaus eingespanntes Trio etabliert. Somit erfüllt das Lied, auch wenn es keine ernstzunehmende dramaturgische Relevanz hat, durchaus eine weitere Funktion, als einfach nur den Zuschauer mit spaßigen, mexikanisch angehauchten Rhythmen zu umgarnen, während auf der Leinwand gerade erneut ein durchgeknalltes Feuerwerk an einfallsreichem Zeichentrickzauber abgefeuert wird. Die drei Caballeros ist auch ein weiteres Disney-Freundschaftslied, welches das unbeschwerte und sämtliche Lebensfreude in sich aufsaugende Dreiergespann besingt. Somit steht es in Verwandschaft zu Hakuna Matata und Probier's Mal mit Gemütlichkeit (wobei Die drei Caballeros keine Mentorfunktion erfüllt), Ohne dich wär' ich des Lebens nicht froh, The Boys Are Back, Bop Bop Bopbop Bop (Ich lieb dich so), Freundschaft ist das schönste auf der Welt, Du hast 'n Freund in mir und aufgrund der dieses Lied begleitenden Filmsequenz vor allem zu Nur ein kleiner Freundschaftsdienst, während dem Aladdins neuer Freund Dschinni mit effektvoller und comichafter Magie im Sekundentakt erstaunt. Der Unterschied ist nur, dass während Nur ein kleiner Freundschaftsdienst der Dschinni Aladdin und das Filmpublikum überwältigt. Während Die drei Caballeros zündet das ganze Trio dank wild gewordener Animation, fantastischem Timing und akuten Anfällen magischer Kräfte (beziehungsweise dank passend zum Takt partiell aussetzenden physikalischen Gesetzen) einen Gag nach dem anderen ab. Visuell, akustisch, inhaltlich. Die drei Caballeros ist eine rasante und energetische Spaßnummer mit ansteckend froher Laune und einem die Sinne kitzelnden lateinamerikanischen Flair. Für die authentische musikalische Note konnte Walt Disney den mexikanischen Komponisten Manuel Esperón gewinnen, der sich bei der Entstehung von Die drei Caballeros auf seinem Lied Ay, Jalisco, no te rajes! stützte, ähnlich wie fast sechzig Jahre später Mark Keali'i Ho'omalu auf zwei seiner eigenen Interpretationen hawaiianischer Volksweisen basierend He Mele No Lilo (Platz 21) für das Intro von Lilo & Stitch verfasste. Die drei Caballeros behält die Grundmelodie von Esperóns Klassiker bei, strafft das Lied aber insgesamt und wird auch schneller gespielt, wodurch ein stärkerer Showeffekt entsteht als beim mit mehr traditionellem Lokalkolorit versehenen Original, welches Panchito zum Schluss des Liedes auch sofort anstimmt. Die Verwandschaft zwischen Ay, Jalisco, no te rajes ist also vergleichbar mit der Beziehung von Schattenland zu Lea Halalela. Der neue spanische Text stammt von Ernesto Cortázar, der in Mexiko für seine moderne klassische Musik berühmt war, während Songtexter Ray Gilbert (Zip-A-Dee-Doo-Dah) aus den Disney-Studios den englischen Text verfasste. Anders als etwa Komm ich schenk' dir mein Herz (Platz 77) wurde Die drei Caballeros im Film für die deutsche Fassung nicht übersetzt, was aber für ein deutsches Sing mit uns-Video nachgeholt wurde. Diese Aufnahme ist, wohl auch wegen der Produktionskosten (für ein solches Video fliegt man nicht extra irgendeinen großartigen Sänger ein, man nimmt was da ist), nicht ganz so treffsicher gesungen wie die spanische und die englische Variante, allerdings bin ich mittlerweile wahrlich erstaunt, wie treffsicher der Text ins deutsche übertragen wurde. Als Kind nahm ich das einfach als gegeben hin. Damals sah ich das Video zu Drei Caballeros wohl fast genauso häufig, wie die entsprechende Stelle auf der besagten Mitsing-Kassette, weshalb ich für die deutsche Fassung genauso nostalgische Gefühle habe, wie für das "Original" aus dem Film. Und aufgrund der überraschend fantastischen deutschen Texte könnte ich auch heute nicht sagen, welche Version dieses wundervoll aufgelegten Ohrwurms mir lieber ist. Doch so oder so, es ist ein perfektes Gute-Laune-Freundschaftslied und eine einprägsame Mischung aus aufgedrehtem Disneystil und mexikanischen Klängen. Besser kann man diese beiden Richtungen nicht vereinen.

Freitag, 9. Juli 2010

Merchandising im Wunderland

Am 22. Juli kommt Tim Burtons Alice im Wunderland auf DVD und Blu-ray raus. Der ideale Zeitpunkt, um eine neue Welle an Merchandising rund um den Milliardenerfolg zu veröffentlichen. Und neben dem üblichen Kram wie die obligatorischen Videospiele können Alice-Fans in den kommenden Wochen einige richtig originelle Stücke erwerben.

Wer beispielsweise seine Lippen mit dem Geschmack des Wunderlandes benetzen möchte, kann vom 16. Juli bis zum 7. August auf www.allmytea.de die exklusive Märzhasenmischung bestellen und so kulinarisch an der verrücktesten Teeparty aller Zeiten teilnehmen. Aus naheliegenden Gründen musste der Online-Teehandel jedoch auf die Verwendung ominöser Kräuter verzichten, die dabei helfen, aus seinem eigenen Leben einne dem Wunderland gleichenden Hort psychadelischer Ereignisse zu verwandeln.

Wer sich lieber modisch ans Wunderland anlehnen möchte, kann sich währenddessen eine der Männer- oder Frauentaschen zum Film bestellen. Das in Hamburg stationierte Modelabel Camouflage Deluxe wird in seiner nächsten Kollektion verrückte, vom Film inspirierte Designs sowie Taschen mit Motiven aus Alice im Wunderland anbieten.

Die absolute Krönung kommt jedoch aus Regensburg. Hutmacher Andreas Nuslan von der Hutmanufaktur Hutkönig durfte pünktlich zum DVD-Start von Alice im Wunderland eine Replik des Hutmacher-Huts erstellen. Der Sinn hinter dieser Kooperation dürfte ebenso verworren sein, wie der Verstand des Hutmachers. Denn bestellen, kann man den Hut nicht. Man kann auf der Website der Hutmanufaktur lediglich Impressionen aus dem Herstellungsprozess verfolgen.
Da sind die Alice-Schmuckstücke im Disneyshop schon sinnvoller.

Siehe auch:

Freitag, 4. Juni 2010

"Liebes Wunderland, du hast gerade die Milliardengrenze überschritten, was wirst du als nächstes tun?"


Alice im Wunderland durchbrach als sechster Film der Geschichte die magische Milliarden-Dollar-Grenze. Das ist unstreitbar ein riesiger Erfolg, ganz egal, ob man es dem Film gönnt oder nicht. Ich etwa gönne es ihm, denke allerdings nicht, dass er es wirklich verdient hat, derart erfolgreich zu sein, während allerhand bessere Filme (auch von Tim Burton) nur einen Bruchteil dessen einnehmen.

Aber das soll gar nicht weiter die Frage sein. Uns soll an dieser Stelle die Frage interessieren, was als nächstes für Alice im Wunderland ansteht. Wenn die Einnahmen eine Milliarde übersteigen, wird man sich wohl kaum auf diesen finanziellen Lorbeeren ausruhen, insbesondere nicht, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um einen Disneyfilm handelt. Denn die Disney Studios sind die Meister der Zweit- und Drittverwertung ihrer Filme. Ob Merchandising oder Themenparkattraktion, wenn man seinen Film zu einem unsterblichen Evergreen heranziehen möchte, Disney beherrscht die Mittel dazu. Und das ist meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung. So lange das Merchandising den eigentlichen Film nicht beeinflusst (wie etwa unter der ehemaligen Zeichentrick-Geschäftsführung von David Stainton, als man Filme einstellte, weil sie nicht Happy Meal-tauglich waren) ist es vollkommen legitim, wenn man durch solche Mittel die Erinnerung an einen Film oder eine Figur aufrecht erhält.

Doch wie möchte Disney seine Mittel und althergebrachte Hollywood-Taktiken einsetzen, um Burtons Alice im Wunderland nicht zum unbedeutensten Milliardenerfolg zu machen? Zumindest eine Fortsetzung sollte dieses Mal eher unwahrscheinlich sein. Tim Burton sprach in späteren Interviews über Alice im Wunderland verhaltener als gewohnt, es ging mehr nahc dem Motto "es war eine interessante Erfahrung, aber ich bin froh, dass es nun vorbei ist", was nicht gerade so klingt, als sei er für eine Fortsetzung zu haben. Und auch die Disney-Geschäftsführung soll laut Jim Hill eher daran interessiert sein, dass Burton mit seinem Malefiz-Film vorankommt.

Stattdessen plant man limitierte Wiederaufführungen, um Alice im Wunderland zu einem Dauerbrener a la Nightmare before Christmas zu machen.
Natürlich soll auch die Merchandising-Linie zu Alice erweitert werden, was eine der logischsten Entscheidungen ist. Burtons Stil verkauft sich bei einer bestimmten jugendlichen Zielgruppe nahezu wie von selbst.

Etwas schwieriger hat es Disney mit der Themenpark-Verwertung des Films, da dort ein gewisser anderer Film mit gleichem Titel und Thema bereits sehr präsent ist. Insbesondere die von vielen Parkbesuchern angeleierte Idee, den verrückten Hutmacher im Park herumlaufen zu lassen, stellt sich als Problem heraus, da der "alte" Hutmacher ebenfalsl zu den gefragtesten Figuren im Park gehört. Und es ist schon irgendwie seltsam, zweimal die gleiche Figur in völlig anderen Umsetzungen herumlaufen zu haben. Eine solche Herausforderung hatte Disney bislang noch nie. Nur Cruella DeVil kam als einzige Disney-Figur mit unterschiedlichen Quellen und anders angelegter Darstellung in die Parks, aber rein optisch ist der Unterschied zwischen der Spielfilm- und der Trickfilm-Cruella nicht nennenswert. Bezüglich der Art, wie Cruella sich verhält, scheint man indes meistens auf eine Symbiose beider Interpretationen zu setzen, es sei denn sie taucht in einer Show auf, bei der es sich anbietet, sich mehr an einer der beiden Cruella-Versionen anzulehnen.

Laut Hill überlegt man derzeit, das Hutmacher-Problem zu lösen, indem man die beiden Figuren auf die Parks verteilt. Während die Zeichentrickvariante die Parks im Magic Kingdom-Stil als Heimat erhalten soll, würde Depps Hutmacher in den Filmparks oder Disney California Adventure zu sehen sein. Wenn ihr mich fragt, sollte man stattdessen aus der Verwirrung Kapital schlagen, und beide gemeinsam auftreten lassen. Wenn es eine Figur gibt, bei der es egal ist, dass sie in zwei unterschiedlichen Umsetzungen herumläuft, dann diese. Sie ist doch eh vollkommen verrückt! Entwerft eine kleine Show mit beiden Hutmachern gemeinsam auf der Bühne! Lasst den Wahnsinn zur Methode werden!

Und in ein paar Jahren könnte dann Malefiz zur Show dazustoßen...

Siehe auch: