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Freitag, 7. Februar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil IV)

zurück zu Teil III

Ihr wisst, wie es nun abläuft: Bevor ich die nächsten zehn Ränge in meiner Hitliste präsentiere, halte ich euch noch ein wenig hin, um Raum zu schaffen für Ehrennennungen, also für Filme, die es nur ganz knapp nicht in das Ranking geschafft haben. Da wäre die von Seth Rogen produzierte, schmissige Teenie-Komödie Good Boys über minderjährige Freunde, die frisch die Liebe entdecken sowie  das Tabuthema Sex, von dem sie jedoch denkbar wenig Ahnung haben ("Du weißt doch gar nicht, was Nymphomanin bedeutet!" -"Doch! Sie hat Sex an Land und im Wasser!"). Außerdem hatte ich immens große Freude an Dora und die goldene Stadt, eine mit Selbstironie und Metaspäßen befeuerte Abenteuerkomödie, die nur noch einen winzigen Hauch überdrehter hätte sein dürfen. Das Gegenteil der optimistischen und frohen Dora ist die Hauptfigur in Systemsprenger. Das Drama über einen Quälgeist von einem Problemkind ist aufrüttelnd, stark gespielt und intensiv - setzt aber auf einen seichten Prolog, der die Kraft dieses Films verwässert. Sonst würden wir hier wohl von einem Top-Ten-Kandidaten sprechen. Und auch The Hate U Give ist als Film über systematischen Rassismus eine Wucht, die gen Schluss aber aufrüttelnden Zorn gegen etwas Deeskalation eintauscht. Das kann ich angesichts des jungen Zielpublikums verstehen, trotzdem reicht's so "nur" für die Ehrennennung.

Deutlich weniger zu klagen habe ich derweil bei diesen Filmen ...

Platz 20: Der goldene Handschuh (Regie: Fatih Akin)

Ein Serienkiller-Film, vollkommen frei von Glorifizierung und Entschuldigungstaktiken: Fatih Akin zeigt in Der goldene Handschuh das zugequarzte, versiffte Hamburger Kiezmilieu, in dem sich ein alkoholsüchtiger, dauerunzufriedener Typ an Frauen vergeht und sie (oft in Momenten eigener Impotenz) quält sowie anschließend ermordet. Akin deutet die Schreckenstaten visuell nur an, nutzt Geräuschkulissen und visuelle Gegenüberstellungen, um stattdessen ein brutales, niederschmetterndes Kino im Kopf des Publikums zu erzeugen. Jonas Dassler verschwindet völlig in der Figur Fritz Honka und die Nebendarstellerinnen sind unbeschreiblich gut: Manche verkörpern Frauen, die sich aufgegeben haben und deren Seelen scheinbar deren Körper verlassen, damit sie in Schockstarre Honkas Taten leichter überstehen, als würden sie noch voll da sein. In anderen brodelt es, dass es einem unter die Haut geht. Erschreckend detailreiche Nachbildungen der realen Schauplätze und bewusst gesetzte Lücken in Erzählung und Dialogen machen Der goldene Handschuh zu einem Film, der sich ins Gedächtnis brennt. Sehr starke Sache!

Platz 19: Dolemite Is My Name (Regie: Craig Brewer)

Nach "Ein passionierter Stümper dreht Filme und meint es wirklich gut" alias Ed Wood und "Ein völlig weltfremder Kerl mit Illusionen und Ego fabriziert totalen Müll, aber es ist irgendwie faszinierend" alias The Disaster Artist wird die thematische Trilogie an Filmen über reale, planlose Filmschaffende, die Kultwerke erschaffen haben, endlich komplett: Dolemite Is My Name erzählt vom erfolglosen Musikkünstler Rudy Ray Moore, der sich in den 1970ern letztlich als Vulgärkomiker versucht und mit seiner rotzig-ehrlichen Attitüde und seinem "Ein Anfänger, der es wissen will"-Charme zum Star wird. Auf der Höhe seiner Comedykarriere beschließt er, auch Filme zu drehen - obwohl kaum Profis mit ihm zu tun haben wollen und er selber null Ahnung vom Prozess hat. Dafür aber hat er umso mehr Passion und Wissen darüber, was sein Zielpublikum will. Eddie Murphy spielt so packend, charmant und komplex wie seit vielen Jahren nicht mehr, Regisseur Craig Brewer findet eine scheinbar mühelose Balance zwischen Witz, Dramatik und Zeitkolorit (die 70er und die schwarze Subkultur jener Zeit strahlen geradezu aus dem Film heraus) und die Nebenfiguren sind allesamt toll gespielt. Dass Rudy Ray Moore bei aller Derbheit eine deutlich liebenswertere Figur ist als Tommy Wiseau in The Disaster Artist und Dolemite Is My Name ebenso Kritiker einen Seitenhieb verpasst (eine besonders denkwürdige Szene zeigt den Unterschied zwischen annehmbaren und verletzenden Verrissen) als auch Spaß dran hat, Moores Macken wohlwollend vorzuführen, sorgt für weitere Sympathiepunkte.

Platz 18: 6 Underground (Regie: Michael Bay)

Was passiert, wenn ein Regisseur mit markantem Stil und einer durch zig Interviews bestens dokumentierten Liebe für die große Kinoleinwand von Netflix ein dreistelliges Millionenbudget in die Hand gedrückt bekommt und sich der Video-on-Demand-Dienst weitestgehend aus dem kreativen Prozess heraushält? Nun, offenbar erhält man dann dieses Glanzstück kinetischer Filmenergie: Michael Bays 6 Underground ist eine wuchtige, ruhelose Reise tief in die Bay-Ästhetik. Selbst bei ruhigen, intimen Gesprächen räkeln sich Damen in supermodischer Unterwäsche, als wären sie in einem Dessous-Werbespot. Auch die Herren werden athletisch in Szene gesetzt, als würden sie für Körperpflege werben, obwohl sie gerade einfach nur nachdenken. Die Actionszenen sind turbulent, überbordend, extrem kreativ und wann immer man denkt "Aha, ja, jede Menge Materialschaden, aber sonst nichts" knallt Michael Bay einem eine feierlich zelebrierte Gewaltspitze um die Ohren. Die Wetterumstände in der Filmwelt, der bestehende Schaden an Geräten und Gefährten, die Erzählstruktur, alles beugt sich Michael Bays ästhetischem Empfinden und seiner Adrenalinsucht. Kommt halt eine Rückblende auf eine Actionszene mitten in einer Actionszene! Sieht eine Trauerfeier halt aus wie ein Rumgetränk-Werbespot. Was soll's, es macht Spaß, es ist pure Stilistik, es ist die freie künstlerische Entfaltung eines Regisseurs mit dicker, fetter Handschrift. Und es ist Krachbumm-Action-Destillat voller loser Sprüche und großer Bilder. Arroganz rausoperieren lassen und genießen, Leute!
Platz 17: Beach Bum (Regie: Harmony Korine)

Ein ständig zugedröhnter Lebemann und Liebling seiner Heimatstadt irrt vollgesoffen, zugedröhnt und Party machend durch sein Leben. Es passieren ständig schlimme Dinge, Mann, aber, hey, so ist das Leben und ich hab gehört, da drüben wird heute richtig toll gefeiert, lass mal hingehen ... Harmony Korine verewigt im unter anderem von Hulu (und somit von Disney, oh Schreck!) gestützten Beach Bum das Lebensgefühl dieser Leute, von denen wir alle schon gehört haben oder die wir sogar kennen: Easy going, immer gut drauf, ganz gleich was passiert, hach, schau mal, der Himmel hat heut so schöne Farben und, ach, es gibt Drinks?!

Wenn Matthew McConaughey jemals erfährt, dass er hier mitgespielt hat, er wird sehr stolz auf diesen Film sein!


Platz 16: Dragged Across Concrete (Regie: S. Craig Zahler)

Zwei ungleiche Cops, die sich zwar häufig necken, aber dennoch ein starkes Team ergeben, haben im Dienst mal wieder die Regeln missachtet. Natürlich nur zum Wohle der Sicherheit, schwören sie! Und dennoch will ihr Vorgesetzter nichts davon hören. Also wird das Duo, das ein Lieblings-Diner hat, ein festes Menü und immer ein paar freche Sprüche im Ärmel, suspendiert. Aber was ist schon eine Suspendierung, wenn die Pflicht ruft? Also nehmen unsere Helden das Recht selber in die Hand und jagen Gangstern sowie deren Beute hinterher, selbst wenn dabei so manches zu Bruch geht ...

Was wie der neuste Film klingt, der aus demselben Holz geschnitzt ist wie die Bad Boys-Reihe, die Lethal Weapon-Saga, die Rush Hour-Trilogie oder (in Teilen) die Beverly Hills Cop-Filme, ist in Wahrheit eine ungeheuerlich beobachtungsstarke, kompromisslose sowie stringente Dekonstruktion von Buddy-Cop-Filmen. Praktisch jede Szene in Dragged Across Concrete lässt sich untertiteln mit "Erinnerst du dich an diese typische Sache aus den ganzen Polizeifilmen? Sag mal, hast du das je kritisch hinterfragt? Willst du mal wissen, wie das im echten Leben wäre?": Zwei alte, aggressive, zerknautschte Männer schimpfen im Diner über den Service und die Musik von heute. Cool? Nein, grantig! Zwei Cops machen Verdächtige mit unnötiger Härte dingfest. Geiler Scheiß? Vielleicht in Michael-Bay-Hausen, aber nicht in der echten Welt oder in Dragged Across Concrete. Zwei Cops observieren Verdächtige und mampfen dabei im Auto, während sie sich gegenseitig Sprüche über ihre jeweiligen Gewohnheiten reinwürgen? Zeit, sich bestens amüsiert sein Popcorn reinzuschmeißen? Ähhhh, nein! Dragged Across Concrete ist ein schlauer, gewollt-karger Gegenentwurf zu einem immens beliebten Action-Subgenre und obendrein bespickt mit harten, stark inszenierten Gewaltspitzen und einer sehr leise brodelnden Spannungskurve.

Platz 15: Wir (Regie: Jordan Peele)

Ein Horror-Regisseur legt nach seinem gefeierten Debüt ein ebenfalls sehr ambitioniertes, zweites Horrorprojekt nach, das mir persönlich deutlich mehr zusagt als der Vorgänger - Part III: Get Out mag ein sehr smarter Film sein, der viel auszusagen hat und randvoll mit Referenzen, Seitenhieben und Metaphern ist. Doch aufgrund eines zentralen Storyelements hat er mich auf der Spannungsebene verloren. Ich habe Respekt für Get Out über, aber für Jordan Peeles zweite Regiearbeit habe ich jede Menge Liebe über: Wir ist eine atmosphärisch dichte, vor Ideen nur so trotzende Horror-Analogie, in der eine Familie auf Doppelgänger trifft, womit sich die Schleusentoren für gesellschaftlichen und popkulturellen Kommentar öffnen. Davon ausgehend gibt Lupita Nyong'o eine Performance für die Horrorfilm-Geschichtsbücher, Winston Duke eine herrlich charmante Darbietung als der liebe, etwas peinliche Familienvater und auch ihre Filmkinder sowie ihre Film-Nachbarin Elisabeth Moss hauen tolle Leistungen raus. Peele erschafft eindrucksvolle Bilder, Michael Abels' Score ist bitter-schön und das Storytelling fies-elegant eingefädelt. Spitze!

Platz 14: Unicorn Store (Regie: Brie Larson)

Brie Larsons Unicorn Store ist womöglich so etwas wie Garden State für eine neue Generation an Nicht-ganz-Junggebliebenen-nicht-ganz-Erwachsenen: Diese bezaubernde, mit nachdenklichen und kummervollen Zwischentönen versehene Coming-of-Age/Coming-to-Sense-Dramödie handelt von einer Frau irgendwann in ihren 20ern, die eigentlich Künstlerin werden will. Doch da es mit ihrem Kunststudium nicht so ganz klappt, crasht sie vorübergehend bei ihren Eltern, zu denen sie ein wackliges Verhältnis hat. Einerseits drängen sie die kreative und ungebundene Kit in Richtungen, die nicht zu ihr passen, andererseits sind sie sehr wohlmeinend und unterstützend, was aber völlig an ihr vorbeigeht. Als Kit von einer Zeitarbeitsfirma in einer PR-Agentur geparkt wird, begegnet die naive Kit einem Sexismus und Konkurrenzkampf, der ihr bisher fremd blieb. Als dann ein Einzelhänder Kit Hoffnungen darauf macht, sich einen Kindheitstraum erfüllen zu können und ein Einhorn zu erhalten, muss Kit entscheiden: Wie geht sie mit berechtigtem und unberechtigtem Druck auf sie um?

Brie Larsons Regiedebüt tänzelt einen wunderschönen tonalen Tanz, zwischen magischem Realismus, quirliger Selbstfindung und trocken-treffsicherer Kommentare auf unnötige, tief verwurzelte Fehlstellungen. Sowohl in der Gesellschaft auch in der Mentalität frustrierter Spät-Millennials ... Larson und Samuel L. Jackson spielen super auf und ich kann Larsons nächsten Film nicht abwarten!

Platz 13: Colette (Regie: Wash Westmoreland)

Dieser auf wahren Begebenheiten basierende Mix aus Kostümdrama, Romantik-Dramödie, Kreativen-Porträt und Emanzipations-Kino handelt von Gabrielle-Sidonie Colette, die durch die Hochzeit mit einem Literatur- und Theaterkünstler von der französischen Provinz ins pulsierende Paris des späten 19. Jahrhunderts gelangt. Eingangs als Ghostwriterin für niedrige Aufgaben in der Schreibkunst-Fabrik ihres Gatten tätig, will sich Colette mehr und mehr selber verwirklichen. Teils ist ihr Mann für die Umstände und Konventionen jener Zeit unterstützend, in anderen Situationen ist er aber ein lästiger, rückschrittlicher Miesepeter. Was Regisseur Wash Westmoreland piefig und zurückhaltend inszeniert beginnt, entfaltet sich nach und nach wie die von Keira Knigthley eindrucksvoll gespielte Hauptfigur und wird zum amüsant-inspirierenden, queeren Lustspiel, zur energischen Gesellschaftskritik und zur hoch eloquenten, kecken Dramödie über eine Künstlerin, die vorausdenkt. Bildhübsch ausgestattet und mit punktgenauen Performances von Dominic West, Eleanor Tomlinson, Denise Gough und Aiysha Hart im erweiterten Cast ist Colette Historienkino, das bei mir sehr bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Platz 12: Plötzlich Familie (Regie: Sean Anders)

Die gelungenen Teile von Daddy's Home treffen auf den Mix aus Derbheit und verstecktem Hintersinn der Bad Neighbors-Filme, und dann wird all das mit einer extrem überraschenden, mich völlig um den Finger wickelnden Herzlichkeit versehen: Plötzlich Familie ist womöglich die Überraschung meines Filmjahres 2019. Es war einer der ersten Filme 2019, die ich gesehen habe. Die Pressevorführung fand im Doppel mit Chaos im Netz statt, und nachdem ich höchst zufrieden aus dem Disney-Animationssequel rausgekommen bin, hat mich Plötzlich Familie dann völlig umgehauen. Die von Adoptionserfahrungen des Regisseurs und Co-Autors Sean Anders inspirierte Dramödie hat es geschafft, selbst mich in Sachen "Guck mal, eine glückliche Familie! Na los, sei gerührt!"-Filmstoff eher sarkastisch veranlagten Typen dahinschmelzen zu lassen. Die Höhen, Tiefen und schwer einzuordnenden, halb-guten/halb-schlechten Stationen im abrupten Elternleben von Pete und Ellie Wagner sind rührend, ohne zuckrig zu sein, dramatisch, ohne verkrampft zu wirken, und herrlich-komisch, ohne die verfahrene Situation dieser Chaos-Familie zu vereinfachen. Kauzige Nebenfiguren, Mark Wahlberg, der in komischen Rollen mit strengen Zwischenphasen einfach so viel besser ist als in verbissenen Parts, eine herrliche Rose Byrne, die Witz, Empathie und Selbstmitleid mit Leichtigkeit unter einen Hut bringt, und Isabela "Aus der wird noch was ganz was großes" Moner machen Plötzlich Familie zu einem formidablen Vertreter der Filmgattung "Kuscheldeckenkino". Hach ...

Platz 11: Marriage Story (Regie: Noah Baumbach)

Scarlett Johansson ist in vielen filmischen Bereichen bewandert, doch sie ist eine Meisterin in Sachen Beziehungskummer-Geschichten. Erst spielte Scarlett Johansson in Sofia Coppolas filmgewordener Verarbeitung ihrer zerrütteten Beziehung mit Spike Jonze mit. Zehn Jahre nach Lost in Translation half sie sozusagen der Gegenseite aus und wirkte an Spike Jonzes Her mit, in dem der Regisseur seine in die Brüche gegangene Ehe mit Sofia Coppola verarbeitete. Und 2019 machte Johansson aus ihrer thematischen Dilogie eine Trilogie: In Marriage Story verarbeitet Regisseur und Autor Noah Baumbach (unter anderem) seine Scheidung von Schauspielerin Jennifer Jason Leigh. Und einmal mehr läuft Johansson zu Höchstform auf. Doch auch ihr Film-Partner Adam Driver begeistert mit einer mal verletzlichen, mal widerstandsfähigen, mal vernünftigen, mal naiven Persönlichkeit. Laura Dern fesselt als abgezockte Vollprofi-Scheidungsanwältin und Azhy Robertson ist als gemeinsamer Sohn des sich trennenden Paares mein Anwärter als "Heimlicher Spitzen-Unsympath des Jahres". Aber im guten, den Film bereichernden Sinne! Marriage Story ist überraschend gewitzt, dennoch ungeschönt und eine hervorragend gespielte, minutiös geschriebene und mit scharfem Auge, scheinbar beiläufig inszenierte Trennungsgeschichte, in der es weniger um den Zerfall einer Ehe geht, als um das Bewahren dessen, was zu retten ist. Intensiv, dennoch mit gewinnender Leichtfüßigkeit umgesetzt, und voller einprägsamer Szenen - ich kann es kaum abwarten, dass Scarlett Johansson eines Tages in Jennifer Jason Leighs Antwort auf Marriage Story mitspielt!

Montag, 18. Dezember 2017

Filmtipps: Sechs nicht genügend beachtete Hans-Zimmer-Arbeiten aus dem erweiterten Disney-Archiv



Heute Abend zeigt der Disney Channel nicht nur eine weitere, sehr spannende Ausgabe seiner wundervollen Rankingshow Disney Magic Moments, wir erreichen mit dieser Folge leider auch schon das Finale der vierten Staffel. Zum Abschluss der aktuellen Runde geht um die besten Songs der Rock- und Popstars. Ein reizvolles und aus dem sonstigen Rahmen der Show tanzendes Thema, auf das ich euch gerne einstimmen möchte, ohne zu viel vorwegzunehmen.

Daher möchte ich an dieser Stelle einige Filme vorstellen, deren Hintergrundmusik von niemand geringerem geschrieben wurde als Hans Zimmer, der spätestens seit seiner bestens besuchten Konzerttournee wohl eindeutig ebenfalls als Pop- oder Rockstar durchgeht. In seiner annähernd 200 Film- und Serien-Projekte umfassenden Karriere hat der Oscar-Preisträger auch diverse Male für den Disney-Konzern gearbeitet - die prominentesten Fälle dürften seine Stücke für Der König der Löwen, die Pirates of the Caribbean-Saga und die actionfilmstilprägende Musik zu The Rock sein. Um diese und andere oft referenzierte Scores soll es heute aber nicht gehen!

Dies soll zudem keinesfalls ein definitives Ranking darstellen. Stattdessen präsentiere ich hier in chronologischer Reihenfolge einen Querschnitt aus sechs nicht genügend gewürdigten Arbeiten des begnadeten Komponisten, die er für den Disney-Konzern geleistet hat. Vielleicht mache ich euch so ja Lust, diesen Filmen erstmals eine Chance zu geben oder sie erneut einzulegen?

Cool Runnings

Hans Zimmer untermalt eher selten reine Komödien, doch Jon Turteltaubs freie, aber herzliche Nacherzählung einer großartigen sporthistorischen Anekdote beweist, dass Deutschlands Exporttalent auch in diesem Genre zu brillieren weiß: Cool Runnings stammt aus Zimmers Schaffensperiode, in der er liebend gern ethnische Einflüsse prominent in seine Scores eingeflochten hat. Typische Sportfilmsymphonien (Crescendos sind Trumpf!) vereinen sich hier pointiert und liebevoll mit Calypso- und Reggae-Elementen und wer bei Finishing The Race/Walk Home keine Gänsehaut bekommt, dem traue ich nicht über den Weg!

Mr. Bill

Eine Dramödie, wie sie der Disney-Konzern in den 80ern und 90ern regelmäßig produzieren und seit der Jahrtausendwende kaum noch anpacken sollte: Die Touchstone-Pictures-Produktion Mr. Bill erzählt von Danny DeVito als schlagfertigen, dickköpfigen Englischlehrer, der Problemrekruten in der Armee freies Denken beibringt. Also "Dangerous Minds in Tarnfarbe". Ich habe eine Schwäche für diesen Film, da er die Balance aus Situationskomik, leichtfüßigem Pathos und literarischem Witz in meinen Augen problemlos hält, nicht zuletzt dank Zimmers jazzinspiriertem Score, der munter zwischen Elektroelementen und Kammerorchester wechselt.

Muppets - Die Schatzinsel

Lange bevor das Pirates of the Caribbean-Franchise Realität werden sollte und noch bevor Gore Verbinskis Karriere auf der großen Leinwand Gestalt annahm, komponierte Hans Zimmer bereits für eine andere Handvoll schräger Piraten. Der Score zur Schatzinsel-Interpretation der Muppets sollte paradoxerweise Zimmers klassischste Piratenkomposition werden: Kein moderner Jerry-Bruckheimer-Bombast, dafür ein großes Maß an fidelen Swashbuckler-Streichern und verspielter Seefahrerschunkelei.

Rendezvous mit einem Engel

Romanzen werden sehr selten von Hans-Zimmer-Musik begleitet, doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Da wären der sehr charmante, zwischendurch erfrischend selbstironische Liebe braucht keine Ferien, James L. Brooks' Budgeträtsel Woher weißt du, dass es Liebe ist und (nach Hans Zimmers Aussage) Hannibal. Auch dieser Sonntagnachmittagunterderwolldeckeeinkuschelnundeinenkakaotrinken-Film mit Denzel Washington und Whitney Houston zählt zu der kleinen Riege an Zimmer-Romantikfilmen und für die unaufdringliche, eindringliche Musik gab es auch prompt eine Oscar-Nominierung.

Pearl Harbor 

In den letzten eineinhalb Jahrzehnten aufwärts wurde bereits viel über Michael Bays letzte Zusammenarbeit mit Jerry Bruckheimer und dem Disney-Konzern gesagt und geschrieben (und gesungen, nicht wahr, liebe Team America-Fans?). Sehr viel. Extrem viel. Doch ganz egal, wie sehr Pearl Harbor an den Kinokassen enttäuschte und wie bemüht weite Teile des Films sein mögen. In einigen, wenigen Dingen dürften wir alle uns einig sein, oder? Cuba Gooding Jr. rockt in Pearl Harbor, rein handwerklich und effekttechnisch ist die Angriffssequenz beeindruckend und Hans Zimmers ungewohnt unpompöser, mit Holzbläsern bestückter, nostlagischer Score hat einen besseren Film verdient.

The Lone Ranger

Willkommen in der Ära des wilden Hans Zimmers! Selbst wenn das musikalische Glanzstück, nämlich die perfekt auf den Film abgestimmte Variation der mit den etablierten Leitmotiven aus den vorherigen Filmstunden bereicherten Willhelm-Tell-Overtüre, auf Geoff Zanellis Konto geht: In Gore Verbinskis sensationellem Westernepos erschafft Hans Zimmer eine faszinierende Klangtapete aus parodistischen, sich vor den Klassikern verneigenden, das Genre dekonstruierenden, losgelösten und grimmig-düsteren Kompositionen. Und damit verhilft Zimmer Verbinskis komplexer Genreübung zum genau richtigen Sound.

Die finale Ausgabe der vierten Disney Magic Moments-Staffel ist heute, am 18. Dezember 2017, ab 20.15 Uhr im Disney Channel zu sehen. Einschalten!


Donnerstag, 30. März 2017

Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows


Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und konsequenterweise kann auch die Lösung eines teuflischen Problems im Detail stecken. Dies führen etwa die von The Rock-Regisseur Michael Bay produzierten Turtles-Filme vor. Eines der vielen Probleme, die ein Gros des Publikums mit dem Erstling von 2014 hatte, betraf das Design der titelgebenden Schildkrötenmutanten. Zu gewaltig, zu finster, zu abscheulich. Nun, zwei Jahre später, kommen die Turtles auf die Leinwand zurück – und sie haben zwischendurch wohl eine Typberatung verpasst bekommen. Sie sind zweifelsohne weiterhin die von Natur aus gepanzerten Ninjakämpfer aus dem ersten Teil, aber durch kleine Änderungen wirken sie freundlicher und angenehmer. Sie sind keine „Disco-Pumper“ mehr, betonen also nicht weiter im übertriebenen Maße ihre Muskelpartien. Sie schauen freundlicher drein. Und auch ihre Reptilienhaut ist etwas blasser sowie nicht mehr dermaßen zerfurcht wie im ersten Part.

Und ganz getreu dem Leitspruch „Neuer Stil, neue Lebenseinstellung“ hat das heldenhafte Quartett in Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows eine neue Stimmung mitgebracht. Während der von Jonathan Liebesman inszenierte Vorgänger überdeutlich einen filmischen Cousin von Michael Bays Transformers-Reihe darstellt, fußt Dave Greens Fortsetzung stärker auf der überkultigen 80er-Zeichentrickserie und der aktuellen CG-Serie von Nickelodeon. Alles ist farbenfroher, netter und kindlicher als beim letzten Einsatz der Turtles – das betrifft auch den Humor, der stärker auf kindische Übertreibungen, knallige Ideen und Situationskomik setzt als das pubertäre Wettfrotzeln des 2014er Films.

Ein Reboot stellt Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows allerdings nicht dar. Die Ereignisse des Vorläufers sind weiterhin Kanon und dienen sogar als Sprungbrett für das neue Turtles-Abenteuer: Einige der Schildkrötenbrüder bereuen es allmählich, dass sie Vern Fenwick (herrlich selbstverliebt: Will Arnett) gestattet haben, sämtlichen Ruhm für ihren Kampf gegen den bösen Shredder (hat kaum etwas zu tun: Brian Tee) abzusahnen. Während die Meinungsverschiedenheiten darüber, ob sie sich vielleicht der Menschheit stellen sollten, den Teamgeist der Turtles schwächen, gelangt ihr Erzfeind wieder auf freien Fuß und nutzt dies prompt, um mit intergalaktischer Technologie die Kleinganoven Bebop & Rocksteady (genüsslich albern: Gary Anthony Williams & Sheamus) zu tierischen Schlägern mutieren zu lassen. Doch damit nicht genug: Shredder tüftelt an einer Gerätschaft, um das garstige Alien Krang (Brad Garrett) sowie dessen Superwaffe zur Erde zu teleportieren. Können die Turtles diesen Wahnsinn gemeinsam mit Reporterin April (Beiwerk: Megan Fox) und dem in Ungnade gefallenen Justizvollzugsbeamter Casey Jones (überraschend cool: Stephen Arnell) aufhalten ..?

Das Drehbuch von Josh Appelbaum und André Nemec ist auf eine spaßige Weise tumb. Die Bedrohung der Schurken wird nie spürbar, jedoch gibt das Geschehen den Turtles Anlass für kurzweilige Dialoge, durch welche die eh schon cartoonigen Ereignisse noch humorvoller daherkommen. Gelegentlich verkaufen die Filmemacher ihr Publikum leider dann doch auf unverschämte Weise für dumm, so wird die Einführung Krangs derartig unambitioniert und ideenlos mit dem Brecheisen in den Plot gehebelt, dass es fast schon weh tut. Gemeinhin verleiht Earth to Echo-Regisseur Dave Green seinem Blockbuster jedoch eine cartoonhafte „Alles ist möglich“-Stimmung, zu der auch die turbulenten Actionszenen passen. Diese inszeniert Green weitestgehend ohne Suspense, stattdessen steht der Faktor „Wie weit kann das noch eskalieren?“ im Vordergrund. Dank übersichtlicher Kameraarbeit von Lula Carvalho und eines zügigen, aber nie frenetischen Schnitts durch Jim May & Bob Ducsay sind diese Actioneinlagen zumeist auch sehr launig geraten – besonders sticht ein abenteuerlicher Abstecher nach Brasilien hervor, der die Turtles zu Lande, zu Wasser und in der Luft herumwirbeln lässt.

Aber auch Shredders Flucht aus einem Gefangenentransport im ersten Filmdrittel empfiehlt Green für weitere familienorientierte Actionfilme. Seine „Look übertrumpft Logik“-Herangehensweise provoziert zwar Fragen wie „Warum tragen Ninjas Anzüge mit roten, Tron-artigen Leuchtlinien?“, doch hier gilt: Kritisches Denken ausgeschaltet und genießt die Show. Dass Josh Appelbaum und André Nemec ausgerechnet bei diesem gewollt hirnlosen Ritt die erzählerisches Potential aufweisende Storyidee verbraten, dass die Turtles über eine Menschwerdung nachdenken, ist zwar ebenso bedauerlich wie die Austauschbarkeit des großen Finales. Trotzdem gelingt es Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows, die Filmreihe in eine stimmige, wenngleich nur wenige Glanzlichter aufweisende Bahn zu lenken. Sollte es einen dritten Teil geben, darf dieser gerne versuchen, noch den nötigen „Wow!“-Faktor hinzuzufügen. Aber da dieses Sequel total gefloppt ist – möglicherweise, weil Part eins zu viele potentielle Interessenten vergrault hat -, wird daraus wohl nichts.

Fazit: Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows ist kurzweiliger, unsinniger, familientauglicher Actionspaß mit vielen verrückten Ideen und wenig Spannung.

Mittwoch, 3. August 2016

Von Flop bis Top: Mein Ranking aller Michael-Bay-Filme


Michael Bay. Herr der Explosionen. Lautstarker Gegner der Kritikerzunft. Weltweit spielten seine Regiearbeiten (ohne Berücksichtigung der Inflation) bislang über 5,85 Milliarden Dollar ein. Und ob man es gut findet oder nicht: Dieser Mann hat eine klar erkennbare, inszenatorische Handschrift. Manche nennen ihn daher einen "Auteur", andere rümpfen bei dem Gedanken, Bay zu adeln die Nase, und betiteln ihn als "Vulgar Auteur". So oder so: Bay schuf seinen eigenen Stil und prägte das Hollywoodkino durchaus mit. Da sein bis dato am wenigsten Geld in die Kassen treibender Film 13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi demnächst auf DVD und Blu-ray startet, möchte ich auf Bays Schaffen als Kinoregisseur zurückblicken.

Nennt es meinetwegen "Brüste, Wummen, Explosionen" oder "Dummer Kommerzmist" oder "Musikvideo-Style trifft Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom". Oder einfach "Popcorn, Nachos und 'ne Buddel Bier, beim Film gönn' ich's mir". Ich nenne es "Von Flop bis Top". Dies sind sie. Michael Bays Regiearbeiten, sortiert danach, wie hoch sie in meiner Gunst stehen.

Platz 12: TransformersDie Rache (2009)

Der Höhepunkt (respektive Tiefpunkt) in Michael Bays Laufbahn als Filmregisseur, der die Bremse voll durchdrückt, seinen Film zum Stillstand bringt, und sich erst einmal Zeit nimmt, eine Darstellerin so intensiv zu fetischisieren, dass es irgendwas zwischen traurig und lustig wird (siehe Abbildung). Und das gehört noch zu den vergnüglicheren Momenten dieses spürbar während des Autorenstreiks geschriebenen Films, denn selbst für Bay ist der zweite Transformers unfassbar dumm und unsinnig. Eine dünne, unnötig verschwurbelte, viel zu sehr in die Länge gezogene Story mit ätzenden Figuren, demotiviert wirkenden Darstellern und ermüdenden Actionsequenzen, die eher so geschnitten und gefilmt sind, als wäre hier ein Bay-Imitator am Werk. Chaos pur, und das der anstrengenden Art. Linkin Park rockt aber.

Platz 11: Transformers (2007)

Lahm. Ich finde diesen Film einfach lahm. Shia LaBeouf bemüht sich, Megan Fox darf nur eine Witzfigur spielen (und das nicht besonders gut), Bay hält in den Actionszenen viel zu nah an den überdimensionalen CG-Roboteralienwesen drauf, so dass ich kaum etwas ausmachen kann. Linkin Park rockt aber.


Wir verlassen den "Ich kann dem Film praktisch gar nichts abgewinnen"-Bereich und betreten die Welt des "Ich finde das Gesamtwerk mies, aber muss sagen: Ein paar Treffer landet Bay dann doch". 13 Hours hätte einfach nur brutal um jegliche Wiederholung, anti-intellektuelle Phrase und pseudodramatische Erkenntnis/Rückbesinnung gekürzt werden müssen. Und dann hätten wir einen ultrastark ausgeleuchteten, gestochen scharf gefilmten Streifen über austauschbare, kernige Bartträger mit Herz aus Gold, die versuchen, zu überleben. Uninteressante Figuren, einige Längen, Action mit Konsequenzen, aber im Finale sehr einseitig gedreht: 13 Hours ist ein Flop, aber einer, der zwischendurch ganz nette Sequenzen in Edeloptik bietet.

Platz 9: Transformers – Die dunkle Seite des Mondes (2011)

Rosie Huntington-Whitley empfiehlt sich hier keineswegs als Schauspielstar. Aber sie fällt weniger negativ auf als Megan Fox in den ersten beiden Transformers. Und da beide von Bay eh nur als Eyecandy genutzt werden, muss ich sie ja fast schon als solche bewerten ... Und: Huntingon-Whitley bewahrt vor Bays Kamerasensor wenigstens einen Victoria's Secret-Glanz des Eleganten, während Fox ... Nunja. Auch der Humor gefällt mir hier eher. Es gibt noch immer kaum etwas, worüber ich lachen kann, aber die Augenroll-Pointen werden weniger. Patrick Dempsey ist ... ansatzweise lustig hier. Und die Story ist zwar unbedeutend, aber immerhin leidlich-duldbar, ebenso, wie das große Finale nach dem mageren Vorlauf eigentlich ganz nett ist. Linkin Park rockt aber.

Platz 8: Pearl Harbor (2001)

Pearl Harbor besteht aus exakt drei Akten: Eine unfassbar kitschige Romanze/Kameradschaftsgeschichte mit schöner Begleitmusik von Hans Zimmer, einem vergessenswerten Josh Hartnett, einem sich nicht in die Rolle einfühlenden Ben Affleck und einer annehmbaren Kate Beckinsale. Eine umwerfend gefilmte Kriegssequenz. Ein unnötig langer, pathetischer Epilog. Man werfe Cuba Gooding Junior in diesen Mix, der aus einem Nichts von einer Figur eine erstaunlich feine Performance rausholt und jede Menge richtig starke praktische Effekte.

Platz 7:  Bad Boys – Harte Jungs (1995)

Wir verlassen den Sektor der Frustration und landen bei richtig netten Filmen. Der erste Bad Boys ist, streng genommen, einfach nur ein Buddy-Cop-Movie. Die Story könnte aus zahllosen durchschnittlichen Genrevertretern stammen. Bays Regieführung hat zwar schon diese 90er-Clipästhetik, ist aber noch arg gezügelt. Will Smith und Martin Lawrence rocken aber.

Platz 6: Die Insel (2005)

Wieder ein qualitativer Sprung nach oben: Ewan McGregor und Scarlett Johansson spielen in dieser Sci-Fi-Geschichte top respektive gut. Steve Buscemi macht Mordsspaß. Sean Bean ist herrlich fies. Sowohl die anfängliche, strahlend weiße Zukunftswelt als auch die staubige Außenwelt sind überaus hübsch eingefangen. Die Story ... Nun, sie lässt viel des moralischen Potentials liegen, als Aufhänger funktioniert sie sehr gut. Die Musik von Steve Jablonsky ist klasse, Michael Clarke Duncan gefällt. Einen Hauch zu lang ist Die Insel vielleicht (etwas weniger auf-der-Stelle-treten in der Mitte hätte geholfen) und gelegentlich nervt das Product Placement. Dennoch: Jau, dieser Film hat einiges für sich.


Es kann einfach kein Zufall sein, dass Michael Bay seinen besten (soll heißen: seinen bislang einzig guten) Transformers-Film direkt nach seinem selbstironischen Befreiungsschlag Pain & Gain verwirklicht hat. Ära des Untergangs nimmt, wie Pain & Gain, alle "Bayism", und dreht die Markenzeichen dieses Regisseurs voll auf. Froschperspektive. Sonnenuntergänge. Explosionen. 360°-Kamerafahrten. Sonnenuntergänge. US-Flaggen. Sonnenuntergänge. Explosionen. 360°-Explosionen vor einem Sonnenuntergang neben einer US-Flagge. Intensive Farbästhetik. Eine winzig kleine Alibistory, die nach jeder als großes Finale dienen könnenden Actionszene einen Weg findet, noch einen Akt dranzukleben. Transformers: Ära des Untergangs ist exzessives Bombastactionkino in einer überdrehten Hyperästhetik und mit diesem verfluchten Charmebolzen Stanley Tucci! Teil eins bis drei wollten ein Minimum an Sinn ergeben und brachen sich so das Genick. Transformers: Ära des Untergangs ist ein freudig grinsendes Popcornmusical. Nur mit Explosionen und Sonnenuntergängen an Stelle von Stepptanz und Jazzhands. Leider geil? Nein. Leider oberaffengeil. Nur Imagine Dragons rocken nicht.

Platz 4: Pain & Gain (2013)

Der vielleicht ehrlichste Abspann der Hollywood-Geschichte (und somit der ältere Bruder des Deadpool-Vorspanns) gibt zu: Michael Bay steht als Regisseur auf Tod, Titten, (Farb-)Explosionen. Und einen passenderen Abschluss könnte Pain & Gain nicht haben, denn die Nacherzählung einer unglaublichen, aber wahren Geschichte ist sozusagen die aufgekratzte Parodie einer Realsatire. Action-Kriminaldrama, Selbstparodie und Hochglanzamerikanismusbewegtbildmagazin in einem. Pain & Gain ist ein Mordsbrett, das mit jedem Angucken faszinierender wird.

Platz 3: Bad Boys II (2003)

Bad Boys - Dieses Mal im vollen Michael-Bay-Stil. Gekauft.

Platz 2: Armageddon – Das jüngste Gericht (1998)

An Armageddon hängen nostalgische Gefühle an die Zeit, als ich pubertierend die Blockbusterwelt kennenlernte. Und während sich manche Filme aus jener Zeit bei erneuter Betrachtung abnutzen, habe ich Armageddon noch immer richtig gern. Eine unvergleichliche Mischung aus Pathos, Style Over Substance, unterhaltsamem Cast und vergnüglichen Zerstörungsorgien. Und Trevor Rabin hat wohl nie einen noch besseren, eingängigeren Score komponiert als hier.

Platz 1: The Rock – Fels der Entscheidung (1996)

Michael Bays Magnum Opus. Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ein entfesselter, saucooler Nicolas Cage. Sean Connery in seiner, ja, darf ich das sagen (?), besten Leistung nachdem er die Lizenz zum Töten abgegeben hat. Ed Harris als markiger Schurke mit (für Bay) nachvollziehbarer Motivation. Dutzende tolle Sprüche. Eine unnötig lange, aber verflixt geile Verfolgungsjagd durch San Francisco. Und ein Bombenscore. The Rock rockt.

Was ist eure Meinung zu Michael Bay und seiner Filmografie? Ich bin auf eure Kommentare gespannt!

Samstag, 23. Juli 2016

13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi


Krawallregisseur Michael Bay hat in seiner elf Langfilme umfassenden Regiekarriere bereits zwei Mal eine wahre Geschichte adaptiert. Bei seinem ersten Versuch lieferte er das pathetisch-patriotische Schmacht-Kriegsepos Pearl Harbor ab. Bays zweiter Film auf Basis realer Begebenheiten hört auf den Titel Pain & Gain und ist eine raue, schwarzhumorige Dekonstruktion des amerikanischen Traums. Mit seinem zwölften Spielfilm begibt sich Bay ein drittes Mal aufs Parkett der dramatisierten Leinwand-Nacherzählung verbürgter Geschehnisse – und diese fällt tonal ganz anders aus als Pearl Harbor sowie Pain & Gain. Da behaupte nochmal jemand, der Transformers-Regisseur sei nicht vielseitig!

Hohe filmische Qualität geht damit jedoch nicht sogleich einher: Das von Chuck Hogan (The Strain) verfasste Action-Drama druckst auf politischer Ebene herum und markiert sich dem thematischen Überbau zum Trotz über weite Strecken schlicht als harte Thrillerkost. Diese bleibt aufgrund von dramaturgischen Mängeln und einer im ausgedehnten Finale sehr monotonen Inszenierung allerdings hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Geschichte spielt 2012 in Bengasi: Die libysche Stadt ist längst zum politischen Brennpunkt verkommen, weshalb viele Nationen ihre diplomatischen und militärischen Vertreter zurückgezogen haben. Die CIA unterhält allerdings weiterhin einen Stützpunkt, der auf die Hilfe privater Sicherheitskräfte zählt.

Als in der Nacht des 11. Septembers 2012 das US-General-Konsulat in Bengasi mit schwerem Geschütz angegriffen wird, wollen der ehemalige Soldat Jack (John Krasinski) und seine Kollegen sofort eingreifen. Doch Jack, Rone (James Badge Dale), Tanto (Pablo Schreiber), Boon (David Denman), Oz (Max Martini) sowie Glen (Toby Stephens) wird es von ihrem Vorgesetzten strengstens untersagt, zu handeln. Als sich die Lage in der Botschaft zunehmend verschlechtert und es auch so aussieht, als wäre der CIA-Stützpunkt in Gefahr, beginnt für die knallharten Männer ein 13 Stunden andauernder Einsatz gegen die undurchschaubaren Milizen und die eigenen Schwächen …

Die rund 145-minütige Hollywood-Produktion eröffnet mit einem hochspannenden Einstieg: Jacks Eintreffen in Bengasi und der erste Einsatz seines Teams als Bewacher der Undercover-Agentin Sona Jillani (Alexia Barlier, Fast Track: No Limits) wecken Erinnerungen an den frühen Michael Bay. Rau, mit treibendem Erzähltempo und rasanten, doch nie frenetischen Schnitten hat der erste Akt von 13 Hours das Feeling eines „Bad Boys in Libyen“. Inhaltlich bringt dieser Prolog die Geschichte wohlgemerkt kaum voran, da Hogans Skript mit Informationen über die Motivation der jeweiligen Milizen spart und auch bei der Charakterzeichnung von Jack und Konsorten nur auf die üblichen Abkürzungen zurückgreift: Sie sind taffe Kerle mit großem Herzen für ihre Familie und verspieltem Humor. Allerdings ist der Anfang des Films zügig erzählt und abwechslungsreich in Szene gesetzt. Sobald die eigentliche Handlung beginnt, ändert sich dies jedoch.

Hogan tritt bei der Skizzierung der Ereignisse vom 11. September 2012 zunächst auf der Stelle, wendet viel Zeit dafür auf, die flache, kitschige Charakterzeichnung seiner Helden auszubreiten – inklusive pathetischer Erinnerungssequenzen an schöne Familienstunden. Sobald die Nacht hereinbricht und in Bengasi alles drunter und drüber geht, fasst 13 Hours zwischenzeitlich wieder Fuß: Bay fängt mit trockenem Witz und solider Dramatik ein, welch eigenartiger Mikrokosmos ein solcher Brennpunkt wie die lybische Hafenstadt sein kann. Während die US-Einsatzkräfte um ihr Leben bangen und unentwegt rätseln, wer auf ihrer Seite ist und wer ihnen nach dem Leben trachtet, schauen Anwohner unter dem Sternenhimmel Fußball. Die Actioneinlagen fängt Bay derweil mit angemessener Härte ein: Er zeigt, dass jeder Schuss tödlich enden kann und begeht einen diffizilen Balanceakt zwischen kinotauglichem Style und strikter Verweigerung einer voyeuristischen Haltung. Wenn dann aber der Ami-Stützpunkt vor Angreifern verteidigt werden muss, wird 13 Hours zu einem monotonen Bleihagel: Bay inszeniert die Schusswechsel zwischen den auf Dächern stationierten Amerikanern und den vom Boden aus angreifenden Terrormilizen genauso ausführlich wie einseitig.

Von Minute zu Minute sinkt die Spanungskurve ins Bodenlose, weil die bedrohlich geschilderte Action wie ein Presslufthammer auf den Betrachter einhämmert: Laut, hart, ohne jegliche Abwechslung. Lorne Balfes Musikuntermalung ist ähnlich einseitig: Effiziente, atmosphärisch-kühle Sounds wummern vor sich hin, ohne je neue Akzente zu setzen. Die größte Stärke von 13 Hours ist derweil die imposante Kameraarbeit des Oscar-Preisträgers Dion Beebe (Die Geisha). Unter der Verwendung hochmoderner, technisch herausragender Digitalkameras präsentiert sich der actionreiche Thriller in gestochen scharfen, kontrastreichen Bildern, die jeden einzelnen Tropfen Schweiß der Hauptfiguren sichtbar machen. Dass Beebe und Bay in zahlreichen Szenen auf den im modernen Actionkino überreizten Blau/Orange-Kontrast setzen, zeugt zwar nicht von großem Einfallsreichtum. Handwerklich ist die Kameraführung und Lichtsetzung in 13 Hours dennoch makellos. Ganz gleich, ob die „Secret Soldiers“ am helllichten Tag heimlich ihre Waffen zücken, oder es bei Nacht gilt, die Schatten lebloser Gegenstände von denen sich versteckender Feinde zu unterscheiden: Durch den präzise gesetzten Fokus und die dynamische Farbästhetik stellt Bays zwölfte Regiearbeit ein optisch eindrucksvolles Werk dar – selbst wenn Bay den ausgedehnten Höhepunkt erschreckend monoton abfilmt.

In der Schilderung des politischen Konflikts versucht sich 13 Hours derweil darin, nicht stur patriotische Lobeshymnen anzustimmen. Feinfühligkeit geht dem Drehbuch trotzdem abhanden: Auch wenn beiläufig der Sinn des US-Einsatzes hinterfragt wird und die Figuren auf libyscher Seite vergleichsweise abwechslungsreich gezeichnet werden, erlaubt sich das Dialogbuch lächerliche Plattitüden. Darüber hinaus feiert es Hogan völlig ohne kritische Nachfragen, wenn Amerikaner ihr Leben für ihr Heimatland aufs Spiel setzen, und vertritt eine widerliche anti-intellektuelle Haltung: Studierte Vorgesetzte, die erstmal abwarten, die Lage einschätzen und Strategien schmieden wollen, sind in der Weltsicht dieses Action-Dramas nutzlose Waschlappen. Der handelnde Soldat mit dem Finger am Abzug ist mehr wert als der grübelnde Stratege. Traurig, dass Bay ausgerechnet bei solch einem ernsten Film zu einer ungewollten Selbstparodie verkommt. Mit Pain & Gain bewies er doch noch, dass er anders kann …

Fazit: Durchwachsen angefangen, im Finale geht es steil bergab: Mit 13 Hours: The Secret Soldiers Of Benghazi erschafft Michael Bay ein hohles, gut aussehendes Action-Drama, dessen spannender Einstieg durch einen monotonen Abschluss niedergeprügelt wird.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Die schlechtesten Filme 2015 (Teil I)

Es ist wieder so weit: Das Kinojahr 2015 ist (so gut wie) vorbei, und als großer Filmliebhaber nehme ich mir die gemäßigte Zeit zwischen den Jahren, um über die großen Rückschläge nachzudenken. Über Produktionen, die fürstlich langweilen. Über Storys, die verärgern. Und über Werke, bei denen einfach alles schief zu gehen scheint. Vor allem aber geht es darum, welche Filme bei mir große Antipathien wecken.

Daher sei an dieser Stelle, wie schon in den Jahren zuvor, gesagt: Diese Liste müsste ich eigentlich "Meine Hassfilme 2015" betiteln, nur ist das so eine ungelenke und aggressive Überschrift, dass ich mich davor scheue. Zutreffend wäre es aber. Diese Filme sind nicht zwingend die handwerklich schlechtesten des Jahres (dann würden sich hier C-Filme aus der Videotheken-Grabbelkiste tummeln), sondern die Streifen, deren Mängel mich frustrieren, nerven, ärgern oder in Verzweiflung stürzen.

Platz 25: SPECTRE (Regie: Sam Mendes)

Und schon muss ich noch einmal unterstreichen, dass dies eine höchst subjektive Liste ist, die sich darum dreht, wie sehr mich die hier genannten Filme verärgern. Denn in einer rein nach dem Filmlehrbuch gebürsteten Liste handwerklich misslungener Produktionen dürfte SPECTRE nicht zu den 25 schlechtesten Werken des Jahres gehören. Dafür ist die Kameraarbeit von Hoyte van Hoytema zu malerisch und Léa Seydoux macht dafür zu viel aus ihrer unterentwickelten Rolle. Aber: Aufgrund des dramaturgisch fehlgeleiteten Drehbuchs empfiehlt sich SPECTRE durchaus für den einen oder anderen Verriss. Und da mir zudem, von der spektakulären, stimmungsvollen Prolog-Sequenz abgesehen, nicht eine einzige Actionszene in SPECTRE zusagt, drängelt sich Daniel Craigs vierte Bond-Mission leider auch in meine persönliche Filmfrust-Liste 2015. Plottwists, die keine sind, ein verschenkter Christoph Waltz, ein völlig uninteressant eingesetzter Dave Bautista und die erschreckend schale Inszenierung der typischen Bond-Tropoi, nachdem Mendes in Skyfall noch den Nagel auf den Kopf getroffen hat, haben es dann letztlich ermöglicht, SPECTREs Drängelei in meine Flopliste durchgehen zu lassen.

Platz 24: Project Almanac (Regie: Dean Israelite)

Found Footage kann außerhalb des Horrorgenres Wunder wirken. Josh Tranks Debütfilm Chronicle ist für mich ein Paradebeispiel dafür, was der Found-Footage-Überbau leisten kann, wenn er nicht dazu genutzt wird, effizient (oder einfach nur billig) Suspense aufzubauen und kleine Jump Scares zu ermöglichen. Daher habe ich dem Konzept hinter Project Almanac durchaus Potential zugeschrieben: Eine Gruppe Jugendlicher gerät an eine Zeitmaschine und filmt sich dabei, wie sie diese Erfindung nutzen, um Spaß zu haben, Liebesprobleme auszubügeln und ihren Lebensweg auszubessern. Doch diese Michael-Bay-Produktion krankt an einem unausstehlichen Hauptdarsteller, sowie an einem Storytelling, das große Probleme damit hat, so Schwerpunkte zu setzen, dass die Geschichte an Spannung und Flair gewinnt. Hinzu kommen vermeidbare Logikprobleme und dieses schale Gefühl, das nach der Sichtung übrig bleibt: "Wo sind die letzten Minuten Lebenszeit hin, und wie kriege ich sie zurück?"

Platz 23: Chappie (Regie: Neill Blomkamp)

District 9-Regisseur Neill Blomkamp erarbeitet sich eiligen Schrittes den Ruf eines One-Trick-Ponys: Der Genrefilmer hat ein starkes Auge dafür, der ungeordneten, ausgebleichten, schmutzigen Großstadt Johannesburg ein charakterstarkes, faszinierendes Aussehen zu verleihen. Vor diesem Setting, das Blomkamp wie kein Zweiter beherrscht, drei Mal hintereinander eine Klassenkampf-Geschichte zu erzählen, ist trotzdem allein schon aus Prinzip ermüdend. Wäre Chappie allerdings eine clevere Auseinandersetzung mit den von Blomkamp angerissenen Ideen über Künstliche Intelligenz sowie die Frage bezüglich Erziehung versus Herkunft, so ließe sich die Monotonie in Blomkamps Schwerpunktwahl verzeihen. Da Chappie aber als Film genauso tumb ist wie seine Hauptfigur, und obendrein auch in Sachen Action seinen Möglichkeiten hinterherhinkt, bleibt von Blomkamps Sci-Fi-Actionthriller-Pseudodrama nur eins positiv in Erinnerung: Die von Hans Zimmer komponierte Hintergrundmusik, die mit Intensität gegen den schlechten Film anspielt, so als hätte der Oscar-Gewinner mal wieder gesagt: "Ach, was soll's, den Film kann niemand retten, aber wenigstens ich hätte gern Spaß ... Zeit für dröhnende Genialität!"

Platz 22: Zu Ende ist alles erst am Schluss (Regie: Jean-Paul Rouve)

Bevor mein Stammkino Sneak Previews eingeführt hat, war ich dem Konzept der "Überraschungs-Vorpremiere" nicht sonderlich angetan. Mittlerweile bin ich Sneak-Stammbesucher. Doch zwischendrin habe ich vorgeführt bekommen, weshalb ich lange vor dieser Idee zurückgeschreckt habe: Da freut man sich auf einen ungewöhnlichen Kinoabend. Und was bekommt man vorgesetzt? Eine seelenlose Fließband-Tragikomödie, die sich in einer nachdenklich markierten Stimmung suhlt, aber letztlich alle Probleme mit müden, kleinen Witzlein weglacht. Einige der Darsteller haben Charisma und einzelne Running Gags sind ganz süß. Das reicht jedoch nicht, um über die gähnende Langeweile hinwegzutäuschen, die sich hier breit macht.

Platz 21: Self/less - Der Fremde in mir (Regie: Tarsem Singh)

Das passiert wohl, wenn ein Regisseur keinen Mittelweg kennt: Tarsem Singh musste sich in seiner bisherigen Kino-Karriere wiederholt der Kritik aussetzen, seine Regiearbeiten seien zu schräg, zu schrill, zu überdreht. Mit Self/less überkorrigiert Singh den Kurs und driftet ins Beliebige, Nichtssagende ab. Sämtliche philosophischen Fragen dieser Körpertauschgeschichte werden nach wenigen Minuten über Bord geworfen, um einen Thriller von der Stange zu erzählen. Bloß, dass Singh die entstehende Verfolgungsjagd zwischen Ryan Reynolds als wieder jung gewordener Millionär mit der Spannung eines schlaffen Gummibandes übermittelt. Bloß eine Szene sticht aus diesem grau-grauen, drögen Thriller heraus: Eine präzise geschnittene, kreativ vertonte, atmosphärische, belebende Montagesequenz, die den Protagonisten am Startpunkt eines neuen Lebens in New Orleans zeigt. Singh hat den Dreh raus. Nun muss er diesen Dreh nur für eine Laufzeit von mehr als einigen wenigen Minuten durchziehen.

Platz 20: Regression (Regie: Alejandro Amenábar)

Ein Historiendrama über gesellschaftliche und juristische Missstände, dass für rund 80 Minuten seiner Laufzeit so tut, als sei es ein sich langsam entfaltender Psychothriller, der sich wiederum orientierungslos an der Bildsprache und Dramaturgie von Horrorfilmen bedient: Regression könnte mit einem konzentrierten, tief schürfenden Drehbuch vielleicht eine packende Box-in-einer-Box-in-einer-Box darstellen. Aufgrund eines auf der Stelle tretenden, effekthascherischen Skripts und einer mühselig-erzwungenen Regieleistung ist Regression dagegen ein lascher, uninspirierter Film, der weder die grauen Zellen herausfordert, noch Gänsehaut erzeugt. Und Emma Watson wirkt darstellerisch so verloren wie nie zuvor. Sie kann es doch so viel besser!

Platz 19: The Gunman (Regie: Pierre Morel)

Nach einem angestrengten Prolog, der The Gunman so gerne Gewicht verleihen und diesen Actioner zu einem Werk mit Aussagekraft über heutige Kriegsgebiete machen würde, entwickelt sich Pierre Morels 40-Millionen-Dollar-Produktion zu einem vollkommen austauschbaren Stück Fließbandware. Obwohl: Das stimmt nicht. Auf Skriptseite mag dies der Fall sein, doch mit einem stoisch-gelangweilten Sean Penn in der Hauptrolle und Morels schwerfälliger Inszenierung ist The Gunman zu lahm, um als Fließband-Actionfilm durchzugehen. Von zwei lichten Momenten abgesehen (Stichwörter: Flammendes Bad und Duell mit Magazinen) ist The Gunman das, was wohl aus Jason-Statham-Filmen werden würde, wenn man so dumm wäre, sie mit Baldrian, Kamillentee und No-Name-Schlafmitteln außer Gefecht setzen. Und ihnen dann den Humor rausoperiert.

Platz 18: Blackhat (Regie: Michael Mann)

Michael Mann macht mir allmählich Sorgen: Der Thriller-Experte hat seinen letzten brillanten Film vor elf Jahren abgeliefert, und zwar mit dem mörderischen Nacht-Trip Colleteral. Public Enemies war in Ordnung, dafür sind Miami Vice und Blackheat übergroße, in körniger Digitalästhetik gehaltene Schlaftabletten. Zwar ist es löblich, dass Mann versucht, Hacking akkurat darzustellen, statt in typischer Hollywood-Manier. Aber ohne eine zündende Story und mit Figuren, die so flach sind, dass man durch sie hindurch ganz altmodisch eine Tageszeitung lesen könnte, ist authentisches Hacking nicht gerade ein Spitzenargument, um sich so einen undenkwürdigen Film anzuschauen.

Platz 17: Escape From Tomorrow (Regie: Randy Moore)

"Prätentiös" ist ein Begriff, der in Verrissen viel zu häufig genutzt wird. Aber auf Randy Moores mit Guerilla-Filmemachertaktiken in Walt Disney World und Disneyland gedrehter Schwarz-Weiß-Horrorfilm trifft dieses Label makellos zu. Schlechte Computereffekte und billig konzipierte Schreckmomente gehen hier Hand in Hand mit pubertär gedachter Satire, derbem Overacting und einer gehässigen Attitüde, die jedoch unter Konfusion darüber zu leiden scheint, wo eigentlich ihr Ziel liegt. Ich bin offen für gezielte, profunde, einfallsreiche Disney-Parodien und alternativ für Eltern-Horror, der inneren Tumult gegen das äußere Glück anspielen lässt. Escape From Tomorrow ist aber derartiges Kuddelmuddel, dass dieses berüchtigte Projekt bestenfalls als ungewollte Komödie funktioniert.


Platz 16: American Sniper (Regie: Clint Eastwood)

American Sniper ist (abgesehen von einer klar als solche erkennbaren Baby-Puppe, die für ein echtes Kleinkind einspringt) mit Abstand der Film im ersten Teil meiner Flop-Liste 2015, der technisch den größten Eindruck hinterlässt. Joel Cox und Gary D. Roach leisten als Cutter preiswürdige Arbeit: Wann und wie sie schneiden, lässt das Adrenalin hochkochen und wertet auch die Erzählweise enorm auf. Darüber hinaus sind Tonschnitt und -abmischung großartig: Der Kriegslärm rüttelt wach, brennt sich in die Gehörgänge, ist aber dennoch mehr als nur klangliche Dissonanz. Man merkt, dass hier Experten genau darüber nachgedacht haben, wann was wie herumtönt. Bradley Cooper agiert überdurchschnittlich gut als der titelgebende Spitzen-Scharfschütze Chris Kyle und Tom Sterns Kameraarbeit ist versiert - wenngleich im Zusammenspiel mit Eastwoods Regieführung teils arg pathetisch. Und hiermit erreichen wir die kritischen Aspekte dieses Dramas: American Sniper handelt von einer grantigen, vorurteilsbelasteten Persönlichkeit, der durch Pathos, Heldenverehrungskitsch und lasche Argumente der ihr politisch gegenüberstehenden Figuren keine komplexe, differenzierte Betrachtung zugutekommt. Sondern einseitiges Flaggenschwingen. In seinen besten Momenten ist American Sniper nur konservativ geraten, in seinen schlimmsten aber (aufgrund inszenatorischer Ausrutscher in diffizilen Szenen) verlogen und hetzerisch.

Demnächst findet ihr hier bei SDB-Film meine Flop 15 der Kino- und Videotheken-Filme 2015. Seid gespannt!

Samstag, 25. Juli 2015

Project: Almanac


Die cineastische Schublade des Found-Footage-Films wird vornehmlich von Horrorfilmen dominiert. Vom Kannibalenthriller Nackt und zerfleischt über den subtilen Schrecken Blair Witch Project bis hin zum Geisterbeobachtungsschocker Paranormal Activity und all seinen Trittbrettfahrern haben zahlreiche Horror-Untergattungen bereits eigene Found-Footage-Vertreter erhalten. Gelegentlich nutzen Filmemacher die Spielerei, fiktive Storys in ein dokumentarische Formalien zu kleiden, jedoch für Projekte außerhalb der Horror-Ecke – und einige dieser Ausnahmen von der Regel zählen auch prompt zu den findigeren Found-Footage-Werken. So erntete im Herbst 2012 das spannende Polizei-Drama End of Watch mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle großes Kritikerlob, ebenso wie der wenige Monate zuvor gestartete Chronicle – Wozu bist du fähig?.

Die geistreiche Verquickung aus Außenseiter-Drama und pessimistischer Superheldenstory machte Regisseur Josh Trank kurzfristig zu einer immens gefragten Person in Hollywood – seither wurden ihm das Fantastic Four-Reboot sowie ein Star Wars-Ablegerprojekt zugetragen. Letzteres hat sich mittlerweile zwar erledigt, trotzdem fällt es schwer, nicht zu mutmaßen, dass es die überaus positive Resonanz auf Tranks Debüt war, die den Weg für Project Almanac ebnete. Denn auch in der Ende 2012 in Auftrag gegebenen Produktion hält eine Gruppe pubertierender Schüler auf Video fest, wie sie eine futuristisch anmutende Entdeckung macht, dadurch enger zusammenwächst und schlussendlich in Trubel gerät. Denn selbstredend treibt irgendwann einer von ihnen mit seinen neuen Fähigkeiten Schindluder.

Im unter anderem von Michel Bay produzierten Project Almanac geht es aber nicht erneut um solche Superkräfte wie Telekinese oder die Fähigkeit, zu fliegen. Das 17-jährige Physikass David (Jonny Weston), sucht zu Beginn des Films verzweifelt nach einem Experiment, das ihm ein Stipendium beim MIT verschaffen könnte. Da David aber mit seinem Latein am Ende ist, durchstöbert er den Kram seines vor Jahren verstorbenen Vaters, der als Erfinder tätig war. Als ihm und seiner Schwester Christina (Virginia Gardner) eine alte Videokamera in die Hände fällt, traut er seinen Augen nicht: Auf einer Aufnahme seiner siebten Geburtstagsfeier ist im Hintergrund sein heutiges Ich zu sehen. David versichert sich bei seinen Freunden Adam Le (Allen Evangelista) und Quinn Goldberg (Sam Lerner), ob sie dasselbe sehen wie er. Und tatsächlich: Auch sie meinen, den 17-jährigen David im Video auszumachen – was die Theorie aufkommen lässt, dass sich unter den Hinterlassenschaften seines Vaters eine Zeitmaschine befindet. David und Co. stellen das Haus auf den Kopf, woraufhin sie ein unfertiges, hochkompliziertes Projekt vorfinden. Sie glauben, dass es sich dabei um die unvollendete Zeitmaschine handelt. Mit der mehr oder minder unwillentlichen Hilfe ihrer populären Mitschülerin Jessie Pierce (Sofia Black D'Elia) machen sie sich drauf und dran, das Gerät zum Laufen zu bringen …

Eine ungeschriebene Faustregel des Found-Footage-Films besagt: „Wenn der Zuschauer sich Gedanken über Sinn und Unsinn des Bildmaterials macht, ist gehörig etwas schief gelaufen!“ Es sagt daher viel über Project Almanac aus, wenn sich immer wieder solche Fragen aufdrängen wie: „Wieso filmt jemand freiwillig, dass er eine Straftat begeht?“ oder „Wieso filmen die Jungs, dass gerade überhaupt nichts passiert?“ Dass sich das Publikum solche Fragen in aller Seelenruhe stellen kann, liegt vor allem in der Struktur dieses Sci-Fi-Streifens begründet.

Einen großen Teil der Laufzeit widmen die Autoren Jason Harry Pagan und Andrew Deutschman dem Alltag von David und seinen Freunden vor Entdeckung der Zeitmaschine sowie den Fehlversuchen, das Gerät zu perfektionieren. Weil die Figuren jedoch allesamt keinerlei Dimension aufweisen, sondern nur flache Stereotypen sind (wenngleich halbwegs sympathisch dargestellte Stereotypen), ist dieser lange Einstieg nur bedingt unterhaltsam. So mancher verbaler Schlagabtausch zwischen den Figuren sorgt für ein leichtes Schmunzeln, dies genügt aber nicht, um diesen ersten Akt aufrecht zu erhalten. Erst sobald die Zeitmaschine funktioniert, wird Project Almanac richtig lebendig. Dass sich die Freunde erstmal nur in allerlei Albereien versuchen, ist sogar noch genrekonform – im Mittelteil ist Dean Israelites Regiearbeit im Grunde genommen eine Teenie-Sci-Fi-Komödie im Found-Footage-Look. Und was Found-Footage-Jugendeskapaden angeht, sind die Eskapaden in Project Almanac um ein Vielfaches erträglicher als die im unsäglichen Project X.

Da sich der Einfallsreichtum von David und Konsorten (respektive der Filmemacher) aber in Grenzen hält, werden auch die zu erwarten stehenden Zeitreise-Späße irgendwann alt. Die Chemie zwischen den Darstellern ist ansehnlich genug, um Project Almanac davor zu bewahren, ein lästiges Seherlebnis zu werden, trotzdem mangelt es lange an einem treibenden Konflikt. Wenn dieser dann endlich eintritt, weil einer der Freunde die Zeitmaschine aus eigenen Motiven benutzt, ist es allerdings zu spät: Was im Sinne eines mitreißenden Spannungsbogens spätestens nach dem ersten Drittel hätte geschehen sollen, wird stattdessen eiligst herunter gerattert. Fesseln kann das Finale durch die hastigen Entwicklungen ganz und gar nicht, so dass schlussendlich dem geneigten Genrefreund bestenfalls die teils pfiffigen, teils aufdringlichen Referenzen auf andere Zeitreise-Filme besonders in Erinnerung bleiben. Und die atmosphärischen Partyszenen werden sicher auch ihre Freunde finden. Als Gesamtwerk ist Project Almanac jedoch zu unentschlossen, nicht zielstrebig genug und zu arm an Alleinstellungsmerkmalen, als dass er sich auch nur ansatzweise mit besseren Found-Footage-Produktionen messen lassen könnte.


Fazit: Überproduzent Michael Bay bringt mit Project Almanac einen Found-Footage-Zeitreisefilm in die Kinos, der zu wenig gute Elemente aufweist, um seine unausgegorenen Passagen vergessen zu machen.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Meine 30 Lieblingsfilme 2014 (Teil I)

Die meisten Jahresrückblicke und Jahresbestenlisten liegen hinter uns. Die Rangliste meiner Favoriten des Filmjahres dagegen ließ bislang wieder auf sich warten. Ein paar Tage zusätzlich sollten mir helfen, 2014 wenigstens ein wenig sacken zu lassen. Wie immer gilt bei diesem Resultat meiner Überlegungen: Hier geht es nicht um die besten, sondern um meine liebsten Filme. Weshalb ich derart unterscheide? Weil unter den 'besten Filmen' allerlei verstanden werden kann. Sind es die einflussreichsten, die bedeutendsten oder die künstlerisch anspruchsvollsten Filme? Sind es diejenigen, die es verdient haben, jahrzehntelang analysiert und begutachtet zu werden? Oder die Filme, die ihre Ziele am deutlichsten erreichen – also die schaurigsten Horrorstreifen, die spektakulärsten Actionfilme, die spannendsten Thriller und die lustigsten Komödien?

All diese Argumentationen, was die 'besten Filme' ausmacht, sind schlüssig, aber selten führen sie zu denselben Ergebnissen. Was bei Ranglisten, die nur von einem einzelnen Autor erstellt werden, schnell unbefriedigend oder zumindest verwirrend sein kann. Die liebsten Filme dagegen sind leicht definiert. Meine Lieblingsfilme des Jahres sind die, die ich persönlich in mein Filmfanherzen geschlossen habe. Aus welchen Gründen auch immer. Darüber lässt sich zwar passioniert debattieren, abstreiten hingegen lässt sich da nichts. Weil mich diese Filme bewegen, sie mich zum Staunen bringen oder sie mich ihre gesamte Laufzeit über bestens unterhalten. Oder, oder, oder ... 

Bevor es endlich losgeht, seien noch rasch die Grundregeln erklärt: Qualifiziert sind alle Filmproduktionen, die 2014 ihren reguläre deutschen Erstauswertung hatten – ob als Kinofilm oder als Heimkinostart. Filme, die 2014 nur auf Festivals liefen (und somit nur einem sehr begrenzten Publikum zugänglich waren), aber 2015 auf DVD erscheinen werden, gelten nicht als 2014er-Filme. Im Gegenzug gelten Festivalfilme aus dem Jahr 2013, die keine Kinoauswertung erfahren haben und erst 2014 auf DVD veröffentlicht wurden, sehr wohl als Filme des Jahres 2014.

Alles klar soweit?! Na dann los ..!

Platz 30: Viel Lärm um Nichts (Regie: Joss Whedon)

sowie Transformers– Ära des Untergangs (Regie: Michael Bay)

sowie  Kreuzweg (Regie: Dietrich Brüggemann)
Es ist schon etwas her, dass ich in einer meiner Bestenlisten auf ein Unentschieden zurückgreifen musste. Aber beim Gedanken an das Kinojahr 2014 komm ich nicht drumherum, gleich drei Filme auf den 30. Platz zu setzen und ihnen somit gerade noch etwas Rampenlicht zu schenken. Und nach stundenlangem Ringen mit mir selbst, weiß ich noch immer nicht, welchen ich mehr mag. Dass sie so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, erleichtert mir meine Überlegungen nicht gerade. Joss Whedons Viel Lärm um Nichts führt vor, welch große Ergebnisse mit denkbar geringen Mitteln erzielt werden können. Innerhalb weniger Tage drehten befreundete Mimen im Haus des Regisseurs eine Shakespeare-Adaption, die sich sehr nah am Originaltext hält – und dies in Schwarz-Weiß. Zustande kam somit eine Komödie, die den Witz des Meisterbarden und seine Einsicht in die menschliche Natur in purer Form feiert.
Transformers – Ära des Untergangs dagegen kennt weder so etwas wie Restriktion, noch weiß dieses 3D-Effektgewitter, was ein gutes Skript ist. Auch gerade weil es eine der seltsamsten Shakespeare-Referenzen der vergangenen Kinojahre beinhaltet. Allerdings nimmt Michael Bay in Anlauf vier ein von mir mit Herzblut verhasstes Franchise und dreht einfach sämtliche seiner Markenzeichen auf 'Volles Rohr!', um so ein faszinierendes, plättendes, geradezu berauschendes Beispiel für filmischen Exzess zu kreieren. Anstelle eines sinnbefreiten, inkohärenten, seelenlosen Actionmachwerks ohne Alleinstellungsmerkmale erschuf Bay nun eine barocke Zerstörungsoper, die nur aus Ikonografie besteht. Ich kann es selbst nicht fassen, einen Transformers-Film positiv zu besprechen, und ihn obendrein in meine Jahresbestenliste aufzunehmen. Aber wenn ich monatelang diesen zügellosen Explosionsritt immer wieder verteidige, gerade weil er so rückhaltlos alles komplett falsch macht, bis es wieder brillant ist, muss er etwas an sich haben.
Dietrich Brüggemanns Kreuzweg wiederum steht gewissermaßen zwischen den anderen beiden Filmen, die sich Rang 30 teilen. Das deutsche Drama ist so etwas wie die intellektuelle Variante eines High-Concept-Films: Es erzählt die Geschichte der 14-jährigen Maria (beeindruckend: Lea van Acken), die einer erzkonservativen, nahezu sektenhaften Absplitterung der katholischen Kirche angehört. Das pubertierende Mädchen gerät kurz vor ihrer Erstkommunion häufiger denn je in den Konflikt mit ihrer gebieterischen Mutter, wird aufgrund ihres strengen Glaubens in der Schule ausgegrenzt und erfährt zudem erstmals, wie es ist, sich in einen Jungen zu vergucken. Illustriert wird diese niederschmetternde Geschichte über Extremismus und die zerstörerische, blendende Auslegung eigener Grundsätze in 14 Szenen, die in nur einem statischen Take gedreht sind. Eindringlich, herausragend gespielt und provozierend.

Platz 29: Die Karte meiner Träume (Regie: Jean-Pierre Jeunet)
Das 10-jährige Nachwuchsgenie T.S. Spivet lebt mit seiner Familie auf einer abgeschiedenen Ranch in Montana. Obwohl T.S. überdurchschnittlich intelligent ist und mit seinen Erfindungen großes Potential aufweist, wird ihm nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Der Vater ist stärker an seinem anderen Sohn interessiert, der eher nach seiner eigenen Art schlägt. Die Mutter verrennt sich in ihre Käferforschung und die ältere Schwester träumt von einer Modelkarriere. Als T.S. ins Smithsonian eingeladen wird, um seine Erschaffung des Perpetuum mobile vorzustellen, schleicht er daher davon und macht sich alleine auf dem Weg. Es beginnt eine Kreuzung aus Roadmovie, Familienkomödie und modernem Märchen über Trauer, Familienbande und Selbstfindung. Eine schöne Geschichte, von Thomas Hardmeier eingefangen in stechend scharfen 3D-Bildern. Traumhaft!

Platz 28: Planet der Affen – Revolution (Regie: Matt Reeves)
Der zweite Teil des Planet der Affen-Reboots nimmt die Schwächen des leicht überschätzten Vorgängers, unterstreicht im Gegenzug dafür dessen Stärken. Mit beeindruckenden Computereffekten, einem stimmigen Score und stringenter Regieführung erschafft Planet der Affen – Revolution eine trostlose Parabel auf unsere Gesellschaft – und dies, indem dieser Big-Budget-Blockbuster eine spannende Sci-Fi-Story über den Kampf zwischen Menschen und intelligenten Affen erzählt. Tolle Action, eine angenehme Prise Humor und eine von plausibler Charakterzeichnung gestützte Dramaturgie machen diese 170 Millionen Dollar teure Produktion zu einem klugen Stück Abenteuerkino.

Platz 27: Short Term 12 (Regie: Destin Daniel Cretton)
Ein authentisches, stille Hoffnung in die Gesellschaft aufbauendes und trotzdem auch deprimierendes Drama über die Bewohner und Betreuer eines Jugendheims für schwere Fälle – seien sie drogenabhängig, selbstmordgefährdet, gewalttätig oder aus gewalttätigem Hause. Neuentdeckung Brie Larson trägt als Gruppenleiterin den Film nahezu allein auf ihren Schultern: Sie ist ausdrucksstark, agiert dabei aber stets subtil. Autor und Regisseur Cretton trifft durchweg den richtigen Ton, erzählt seine Geschichte ohne Effekthascherei oder geheucheltes Mitleid, sondern von Anfang bis Ende mit Empathie und Finesse.

Platz 26: Stage Fright (Regie: Jerome Sable)
Unkonventionelle Musicals mit Meat Loaf – ein kleines, aber feines Subgenre. Nach der legendären Rocky Horror Picture Show und dem nicht ganz runden, aber überaus vergnüglichen Tenacious D – Kings of Rock folgt nun das verrückte, blutige Rockmusical Stage Fright. Die Story dreht sich um ein Sommercamp für angehende Musicaldarsteller, das während der Vorbereitungen für die revolutionäre Neuaufführung eines berühmt-berüchtigten Stückes von einer garstigen Mordserie heimgesucht wird. Extrem lustige, eingängliche Songs (teils im klassisch-konventionellen Musical-Stil, teils rockig-cool), allerhand pfiffige Ideen und blendend aufgelegte Darsteller sorgen bei diesem exzentrischen Nischenfilm für ununterbrochenes, breites Grinsen. Zumindest in seiner sehr begrenzten Zielgruppe, die wohl so Leute wie mich umfasst. Ein Film, der weiß, wie schräg er ist – und sein Ding von Anfang bis Ende durchzieht. Das rockt!

Platz 25: Sin City: A Dame to Kill For (Regie: Robert Rodriguez & Frank Miller)
Nach jahrelangem Warten hieß es 2014 endlich: Willkommen zurück in der Stadt der Sünde! Quentin Tarantinos unkonzentrierter Kumpel Robert Rodriguez brachte gemeinsam mit Frank Miller die heiß ersehnte Fortsetzung zu ihrer meisterlichen Comicadaption Sin City in die Kinos. Und auch wenn Part zwei nicht ganz die Brillanz des Originals erreicht, ist mir unerklärlich, weshalb dieser Pulp-Noir-Film eine so deprimierend negative Resonanz erhielt. Im Mittelteil wird mit A Dame to Kill For die wohl beste Geschichte des Sin City-Kinokosmos zum cineastischen Leben erweckt – und dies dank einer begnadet-verruchten Eva Green. Auch die extra für den Film geschriebene Episode, in der Joseph Gordon-Levitt einen selbstbewussten Gentleman-Zocker verkörpert, kann sich mühelos mit den Geschichten aus dem Originalfilm messen lassen. Die zwei restlichen Kapitel dieses in 3D gefilmten Trips in eine sündige, sündige Welt könnten tatsächlich etwas prägnanter sein. Dessen ungeachtet ist dieses Sequel stylisch und in genau der richtigen Weise schmutzig. Schundliteratur, eindrucksvoll umgesetzt. Mir egal, was andere sagen, ich will einen dritten Teil!

Platz 24: Gemma Bovery (Regie: Anne Fontaine)
Die indirekte Antwort auf Stephen Frears britische Provinzkomödie Immer Drama um Tamara: Erneut spielt die nicht ausreichend gewürdigte Gemma Arterton die Titelrolle in der Verfilmung einer Posy-Simmonds-Graphic-Novel. Und wie bereits im Geheimtipp aus dem Jahre 2010 verdreht sie vor wunderschöner Kulisse sämtlichen Männern den Kopf, was zu allerlei still dargebotenen, aber urkomischen Ergebnissen führt. Dieses Mal spielt sich das muntere Treiben jedoch nicht im beschaulichen Südwesten Englands ab, sondern in der idyllischen Normandie. Diese ist die neue Heimat der von Arterton verkörperten Gemma Bovery. Kaum mit ihrem Ehemann in der bezaubernden Heimat des Calvados angekommen, erweckt ihre Anwesenheit neue Geister im literaturversessenen Dorfbäcker Martin Joubert (Fabrice Luchini). Dessen Lieblingsbuch ist nämlich Madame Bovary, und der schelmische Backmeister kommt nicht umhin, erschreckende Parallelen zwischen seiner attraktiven Nachbarin und der literarischen Gestalt der Emma Bovary zu erkennen. Was ihn zu launischen Taten verführt ... Liebreizend, mitunter sehr sinnlich, mit einer dezenten Skurrilität gewürzt und wahrlich nicht auf den Kopf gefallen!

Platz 23: 22 Jump Street (Regie: Phil Lord & Christopher Miller)
Die Undercover-Ermittler Schmidt & Jenko melden sich zurück. Nachdem ihr erster Einsatz in der Comedy-Kinoadaption der Kultkrimiserie 21 Jump Street überraschend gute Resonanz erhielt (so sehr, dass ich den Film als leicht überbewertet sehe), setzen sie noch einen drauf. Unter der Regie des Duos Phil Lord & Christopher Miller streifen die grundverschiedenen Cops (Jonah Hill & Channing Tatum) durch ein saukomisches Skript von Michael Bacall, Oren Uziel und Rodney Rothman, das nur ein Ziel kennt: Volle Attacke auf die Lachmuskeln. Schon in den ersten Sekunden nimmt 22 Jump Street unnötige Sequels aufs Korn – und endet mit seiner süffisanten Selbstironie erst nach dem Abspann. Die Folge dessen: Unvergessliche Sprüche und herrlich schrille Situationen, in denen Tatum, Hill und Ice Cube ihr gesamtes Reservoir an komödiantischem Können unter Beweis stellen. Bing!

Platz 22: Das Schicksal ist ein mieser Verräter (Regie: Josh Boone)
So lustig 22 Jump Street ist, so todtraurig ist diese Romanadaption. Ohne auch nur eine einzelne Sekunde lang berechnend oder abgeschmackt zu wirken, erzählt dieses Liebes- respektive Freundschaftsdrama von der krebskranken Hazel, die auf Druck ihrer Eltern einer Selbsthilfegruppe beitritt. Dort lernt sie den mit seinem Galgenhumor glänzenden Gus kennen, der sich auf Anhieb in sie verguckt. Sie jedoch lehnt ihn ab – wovon er sich nicht entmutigen lässt, sondern vehement darauf besteht, wenigstens mit ihr befreundet sein zu dürfen. Das könnte enervierend formelhaft ablaufen, ist aber dank der toll besetzten, glänzend aufspielenden Hauptdarsteller Shailene Woodley & Ansel Elgort und der ausgefeilten Dialoge kurzweilig sowie ergreifend. Ein perfekter Film für einen Abend in Geborgenheit: Mal wie aus dem Leben gegriffen, dann plötzlich von melancholischer Poesie. Und immer bewegend!
Platz 21: Edge of Tomorrow (Regie: Doug Liman)
Es geschieht nicht aller Tage, dass eine kostspielige Produktion mit Tom Cruise in der Hauptrolle viel weniger einspielt, als sie eigentlich verdient hätte. Edge of Tomorrow ist ein solcher Fall, der weit unter den Studioerwartungen abschnitt. An der Qualität kann es nicht gelegen haben: Dieser dynamisch inszenierte, flott erzählte Sci-Fi-Actionspaß kreuzt Und täglich grüßt das Murmeltier mit stylischer Action und dem Flair eines humorvollen 'Trial'n'Error'-Shooters. Klingt kurios, macht aber enorm Laune. Tom Cruise und Emily Blunt sind toll aufgelegt, Doug Liman macht sich einen Heidenspaß daraus, Dinge zu wiederholen, abzuwandeln oder auszulassen ... und spannend ist dieser ideenreiche Blockbuster zudem auch noch!