Montag, 19. Januar 2015

Meine 30 Lieblingsfilme 2014 (Teil II)

Es ist zum Mäusemelken: Da veröffentliche ich bereits eine Top-30-Liste und dehne obendrein die Definition einer solchen sehr weit aus, indem ich auf den letzten Rang mittels Gleichstand sogar drei Filmen Platz gebe – und das reicht noch immer nicht aus! Es gibt einfach so viel mehr als nur Höhen und Tiefen in einem Filmjahr, nämlich auch viele, viele Produktionen, die sich dazwischen befinden. Und einige von ihnen haben so viele Pluspunkte zu bieten, dass es eine Schande wäre, im Rahmen meiner Jahresbestenliste nicht wenigstens ein paar gute Worte über sie zu verlieren.

Zu diesen ehrenwerten Nennungen gehört etwa Anton Corbijns Spionagekrimi A Most Wanted Man, der durch Phillip Seymour Hoffman auf ein ganz hohes Niveau gehoben wird. Auch Tommy Lee Jones' grimmes Westerndrama The Homesman kämpfte lange um den Einzug in meine Top 30, genauso wie das hierzulande direkt auf DVD gebannte Biopic Lovelace, das mit seiner sehenswerten Erzählstruktur und einer tollen Amanda Seyfried in der Hauptrolle des Pornostars Linda Lovelace auftrumpft. Die satirische, bittere und teils melancholische Hollywood-Dokumentation Verführt und verlassen hätte es in einem anderen Jahr wohl ebenfalls in meine Bestenliste geschafft. Gleiches gilt für die äußerst interessante Doku Finding Vivan Maier über eine talentierte Fotografin, die erst nach ihrem Tod Aufmerksamkeit erlangte.

Weitere Ehrennennungen gibt es im Finale meiner Jahresbestenliste, aber zuvor präsentiere ich euch meine Plätze 20 bis 11:

Platz 20: Maps to the Stars (Regie: David Cronenberg)
David Cronenberg begab sich für diese soghafte Mixtur aus Drama, Thriller und Satire erstmals nach Hollywood – soft ist der kanadische Regisseur durch die Nähe zur Traumfabrik aber wahrlich nicht geworden. Der Regisseur stellt sich ganz und gar in den Dienst des Skripts aus der Feder Bruce Wagners und lässt dysfunktionale Menschen in einem kaputten System allmählich gen Verderben treiben. Julianne Moore ist fulminant als verzweifelte, determinierte Schauspielerin, die alle Hebel in Bewegung setzt, um in einem nach Oscar-Gloria riechendem Biopic über ihre Mutter die Hauptrolle zu übernehmen. Mia Wasikowska tänzelt wirkungsvoll auf einer feinen Linie zwischen bemitleidenswert und rätselhaft-verängstigend und Jungschauspieler Evan Bird ist wunderbar eklig sowie unterhaltsam als arroganter, schmieriger, drogensüchtiger Teenie-Star. Bitterböse, von dunkler Poesie durchzogen und stellenweise nervenzerreißend – Cronenbergs bester Film seit A History of Violence!

Platz 19: Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I (Regie: Francis Lawrence)
Deutlicher lässt sich wohl kaum vorführen, dass mir das Kinojahr 2014 noch besser gefiel als das Kinojahr 2013: Obwohl mir der dritte Teil der Tribute von Panem-Saga noch mehr zusagte als der zweite Part, schneidet das Vorglühen zum großen Finale der jugendtauglichen Dystopie hier um einige Ränge schwächer ab. 2014 kamen nun einmal sehr viele Produktionen raus, die mir überaus gefallen haben. Der erste Mockingjay-Teil etwa aufgrund dessen, dass er die Panem-Saga noch weiter über sich hinauswachsen und die Teenie-Ursprünge der Filmreihe abstreifen lässt. Dieses Sci-Fi-Epos ist ein dunkles, spannendes Drama über mediale Kriegsführung mit mehreren Gänsehautmomenten und guten Performances. Ich kann den Abschluss dieser Filmreihe kaum erwarten!

Platz 18: Nightcrawler (Regie: Dan Gilroy)
Oberflächlich betrachtet erzählt Dan Gilroys Regiedebüt von einem jungen Mann mit soziopathischer Störung, der eine Karriere als freier Journalist beginnt und sich in der Berichterstattung über Unfälle und Gewaltverbrechen spezialisiert. Doch unter der Oberfläche dieses mediensatirischen Thrillers brodelt eine bittere Erkenntnis über den Zeitgeist und den journalistischen Status quo. Der hier völlig verwandelte Jake Gyllenhaal ist nicht nur abscheulich, sondern zumindest bis zu einem gewissen Grade auch ein Opfer der Umstände. Die klassische journalistische Schule entschwindet, in der Generation Praktikum kann nur der auf sich aufmerksam machen, der sich über Regeln hinwegsetzt und rücksichtslos seinen Willen durchbeißt. Und so ist dieser Protagonist nicht nur hypnotisierend finster, sondern auch ein tragisches Statement.

Platz 17: 12 Years a Slave (Regie: Steve McQueen)
Zweifelsohne: Das erst 2014 nach Deutschland gelangte Historiendrama 12 Years a Slave gehört zu den besten Produktionen des US-Kinojahres 2013 und hat seine Oscars in den Sparten 'bester Film', 'bestes adaptiertes Drehbuch' und 'beste Nebendarstellerin' redlich verdient. An der Signifikanz und Qualität dieser nervenaufreibenden, hochemotionalen Produktion will ich auch gar nicht rütteln. Daher muss ich an dieser Stelle auch wohl kaum die berechtigten Lobeshymnen wiederholen – schließlich sollten sie allseits bekannt sein. Stattdessen mag ich erläutern, weshalb Steve McQueens dritte Regiearbeit in meiner ganz und gar subjektiven Jahreshitliste vergleichsweise niedrig abschneidet. Und dies liegt an einigen sehr, sehr kleinen Störfaktoren, die 12 Years a Slave objektiv wahrlich nicht schwächen, aber mich rein persönlich dazu bringen, ihn 'nur' hier zu platzieren. So finde ich den Schnitt partiell irritierend, und dies an Stellen, die meiner Auffassung nach nicht irritieren sollen. Und der von mir so geliebte Komponist Hans Zimmer steuert ein paar Stücke bei, die ich dann doch als zu dick aufgetragen für diese Art Film empfinde. Und Brad Pitts Minigastauftritt ist ziemlich missglückt. Das alles ist nur Haarspalterei, aber wenn ich mich mit dieser schwachen Platzierung schon unbeliebt mache, dann gehören solche Argumente einfach dazu. (So oder so: Wem es nach einem schmerzenden, markanten, stark gespielten Geschichtsdrama gelüstet, kann mit diesem nahezu gar nichts falsch machen!)

Platz 16: Mommy (Regie: Xavier Dolan)
Das kanadische Wunderkind Xavier Dolan nimmt den Zuschauer mit auf eine Achterbahn der Gefühle, indem er den himmelhochjauchzenden, zutiefst betrüblichen Alltag der alleinerziehenden Mutter Diane (Anne Dorval), ihres pubertierenden, ungezähmten Sohnes Steve (Antoine-Olivier Pilon) und ihrer schüchternen Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) in erschreckend intimen Bildern einfängt. Grobkörnige, kontrastreiche Aufnahmen im 1:1-Bildformat zeigen jedes Muskelzucken in den angespannten, geladenen Gesichtern dieses dysfunktionalen Trios. Es sei denn, es feiert gerade einen seiner raren, berauschenden Augenblicke des puren, losgelösten Glücks. Erschütternd und doch verzaubernd!

Platz 15: Guardiansof the Galaxy (Regie: James Gunn)
Marvels erster Originalfilm seit The Avengers trumpft vor allem mit seiner unvergleichlichen Attitüde auf: Die mit fantastischen Computereffekten und aufwändigen praktischen Bauten, mit mühseligem Make-up, stylischen Requisiten und saucoolen Kostümen geschaffene Welt der Guardians of the Galaxy sieht einfach verflucht toll aus und hebt sich ganz klar von anderen Sci-Fi-Fantasy-Filmwelten der jüngeren Vergangenheit ab. Denn die 'realistische' Schmutzigkeit, die nunmehr in diesem cineastischen Sektor erwartet wird, erhält hier durch zwölf Prozent Idiosynkrasie einen knalligen, schrillen Einschlag, ohne dass man sich als Zuschauer in eine Persiflage verirrt glaubt. Dieses Rezept findet sich auch im Drehbuch und inszenatorischen Stil wieder: James Gunn und Nicole Perlman erzählen eine Story, die nicht so recht als klassische Originstory durchgeht, sehr wohl aber an archetypische erste Filme in langlebigen Superheldenreihen erinnert. Und die Figuren sind allesamt exzentrisch und schrill, aber auch in der Handlung verwurzelt und von nachvollziehbaren Motiven getrieben. Die Action zählt zwar nicht durchgehend zum Besten, was die Marvel Studios so zu bieten haben, doch wann immer James Gunn sich von den Konventionen löst, werden die Actionpassagen nicht nur visuell imposant, sondern auch extrem lustig. Und was die Zusammenstellung von Archivmusik anbelangt, ist der Tromeo & Julia-Regisseur von nun an einer jener Regisseure, die es genaustens zu beobachten gilt!

Platz 14: Paddington (Regie: Paul King)
Was sicherlich eine x-beliebige Familienkomödie oder gar eine derbe Beleidigung der beliebten Vorlage hätte werden können, wurde zu einer der wohligsten Überraschungen des Filmjahres 2014: Regisseur/Autor Paul King und Co-Autor Hamish McColl verleihen dieser Geschichte eines gutmütigen, ungeschickten Bären, der in England nach einer neuen Familie sucht, nicht nur eine warmherzige Ausstrahlung, sondern auch zeitlosen, generationenübergreifenden Humor sowie dramatische, clevere Untertöne. Mit einer vergnüglichen, vor Ideen strotzenden Inszenierung und überaus engagierten Darstellern sowie einwandfreien Effekten ist diese britische Produktion ein wundervolles, denkwürdiges Filmerlebnis mit einzigartiger Atmosphäre. Hätte Disney die Rechte an den Paddington-Büchern erworben und Gore Verbinski damit beauftragt, frei nach Belieben daraus eine Realfilmkomödie zu spinnen, es wäre wohl exakt dieser Film bei herausgekommen. Und wer meinen Filmgeschmack kennt, weiß, was für ein Kompliment das ist. Magisch, smart, witzig, bewegend und dank vorsichtig eingesetzter Ironie und Dramatik auch erwachsen, ohne seine Unschuld zu verlieren. Bärenstark und superknuffig!

Platz 13: Interstellar (Regie: Christopher Nolan)
Überwältigende Bilder. Ein packender Filmschnitt. Hans Zimmer in absoluter Hochform, der tieftraurige, fragile, komplexe und treibende Melodien sowie intelligente 2001: Odyssee im Weltraum-Referenzen zu einem himmlischen Score vereint. Und eine Tonabmischung, die es in sich hat: Interstellar wurde für die große Leinwand gefilmt und für ein mächtiges Kino-Soundsystem vertont! Dieser Weltraumtrip reicht zwar nicht ganz an Inception heran, trotzdem ist es einmal mehr erstaunlich, wie Nolan es unter einen Hut bringt, dass er formal exorbitante Gefühle zum Ausdruck bringt, während es das Storytelling auf den Verstand des Betrachters absieht. Interstellar ist eine Parade zusammenhängender Gedankengänge – von der Diskrepanz zwischen Ehrlichkeit und kommunikativer Tauglichkeit über die Relativität der Zeit bis hin zum Stellenwert der Emotionen in der Evolution des Menschen. All dies umgesetzt in Form eines fesselnden Weltallabenteuers mit gewaltiger Bild- und Klangästhetik. Das ist so wirkungsreich, dass ich mehr als gewillt bin, vereinzelte, kleine Schwächen zu verzeihen!

Platz 12: Muppets Most Wanted (Regie: James Bobin)
Ohne jede Frage die sensationellteste, fabehalftelteste, blödelhaftelteste, muppetionelteste Komödie des Jahres! Die kultige Chaotentruppe lässt die Herzlichkeit ihres vorherigen Kinofilms hinter sich, um dafür in Sachen Wahnwitz, Meta-Humor und Albernheit drei oder vier Gänge hoch zu schalten. Wie auch 22 Jump Street trieft Muppets Most Wanted vor Selbstironie, verdrehten (oder überdrehten) Klischees und einer ansteckenden Just-for-Fun-Mentalität. Hinzu kommen Songs der Spitzenklasse, ein neues Ehrenmitglied des Pantheons irrer, urkomischer Disney-Schurken sowie Cameos, so weit das Auge blickt. Die Muppets war perfekt, um Kermit und Co. mit einem Paukenschlag zurück zu ihrer wahren Form zu bringen, Muppets Most Wanted dagegen fühlt sich wie ein Film an, den die Muppets zwischen zwei Staffeln ihrer Muppet Show gedreht hätten. Nicht ganz so massentauglich, dafür reicher an sinnlosen Explosionen und Fröschen, die die Kamera mit Vaseline beschmieren!

Platz 11: No Turning Back (Regie: Steven Knight)
Oder, wie dieses mobile Kammerspiel im Original heißt: Locke. Alternativ könnte es aber auch Tom Hardy ist einer der besten Schauspieler seiner Generation, und bloody hell, das führt er hier mit jeder seiner Faser seines Körpers vor – Der Film heißen! Autorenfilmer Steven Knight lässt nahezu den gesamten Film allein in einem Auto spielen, das der Bauleiter Ivan Locke in der Nacht vor dem größten Projekt seiner Karriere quer durch England fährt. Mit einer Freisprechanlage bewaffnet versucht er, familiäre wie berufliche Baustellen und seine widersprüchlichen, inneren Konflikte in Angriff zu nehmen. Dank der geschliffenen Dialoge, des kinetischen Schnitts und Hardys beispielloser Darbietung ist dies nicht nur eine 85-minütige Verneigung vor der Schauspielkunst, sondern auch eine fesselnde Charakterstudie.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gyllenhaals Nicht-Nominierung bei den Oscars ist ein Witz! Da hast du mit dieser Liste einen besseren Job geleistet.

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