Sonntag, 25. Januar 2015

Meine 30 Lieblingsfilme 2014 (Teil III)

Bevor ich meine filmische Jahresbestenliste 2014 mit den zehn Produktionen beende, die mich ganz persönlich am meisten begeistert haben, möchte ich noch einmal die Gelegenheit ergreifen, einige ehrenwerte Nennungen von mir zu geben. Diese Filme hätten in einem Jahr mit etwas weniger derart harscher Konkurrenz wohl den Einzug in meine Top 30 geschafft – und auch 2014 zählten sie für mich zu den schönen cineastischen Stunden. Auch abseits von Bestenlisten wartet Qualität! Dies zeigen etwa Mike Leighs impressive Malerbiografie Mr.Turner mit einer preiswürdigen Darbietung von Timothy Spall und schwärmerischer Kameraarbeit oder die Charlotte-Roche-Verfilmung Schoßgebete, die Familientragödie, aufgeschlossenes Familiendrama und lockeren Beziehungsspaß gekonnt vereint.

Nachdem ich den Vorläufer böse überbewertet fand, hat mich The Raid 2 sprichwörtlich vom Hocker gehauen, Stromberg – Der Film ist ein würdiger, pointenreicher Leinwandausflug des kultigen Büroekels inklusive leinwandreifer Charakterentwicklung und Zombiber ist unvergesslicher, selbstironischer Trash voller campiger Zitate (und könnte daher eine Halloween-Tradition für mich werden). Killing Time hat als spannendes, außergewöhnliches Kammerspiel zweier übellauniger Auftragskiller ebenfalls eine Erwähnung verdient und auch wenn ich mir von Denis Villeneuves surrealen Psychothriller Enemy so viel mehr versprochen habe, als ich geboten bekam, ist Jake Gyllenhaals Performance eine, die Cineasten noch jahrzehntelang feiern werden. Und das völlig verdient!

Und um den größtmöglichen Kulturschock zwischen meinen Sondernennungen und Rang zehn zu erzwingen, muss ich einfach noch Partei für Need for Speed ergreifen. Denn Scott Waughs Videospieladaption hat zwar ein, zwei Längen im Mittelteil, doch die furiosen Auto-Stunts und die 3D-Kameraarbeit, durch die sämtliche Wucht der Actionszenen spürbar wird, sowie das launige Ensemble ließen mich damals im Kino wunderbar unterhalten zurück. So viel besser als jeder einzelne Fast & Furious-Film!

Platz 10: Under the Skin (Regie: Jonathan Glazer)
Ästhetisch und beklemmend, poetisch und niederschmetternd. Der britische Regisseur Jonathan Glazer treibt in diesem Low-Fi-Arthaus-Thriller Superstar Scarlett Johansson zur bislang besten Leistung ihrer Karriere an: In der Rolle einer kühlen, weltfernen Femme fatale, die nach einer denkwürdigen Begegnung am eigenen Leibe erfährt, zu welcher Schönheit und Bitternis die Menschheit fähig ist, lotet sie mit minimalen Mitteln eine erstaunliche emotionale Bandbreite aus – und erschafft eine namenlose Protagonistin, die einen nicht mehr loslässt. Um sie herum komponieren Glazer und sein Kameramann Daniel Landin Bilder, die manchmal von nachhallender Kargheit sind, manchmal von bewundernswerter Vielschichtigkeit. Ein Film der fordert – und reich entlohnt.

Platz 9: Nymph()maniac (Regie: Lars von Trier)
Lars von Trier gewaltiger Abschluss seiner Depressions-Trilogie beginnt mit einer klaren Ansage. Nach minutenlanger Ruhe, allein gebrochen durch monotones Quietschen und Plätschern, dröhnt mit voller Wucht Rammsteins Führe mich aus den Boxen, während die schwer verletzte Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg) in einer schauerlichen Gasse vom alternden Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård) aufgelesen wird. Von nun an gibt es für über fünf Stunden kein Zurück mehr. Der dänische Autorenfilmer mit Hang zur Nachdenklichkeit, Provokation und Verbitterung, der sich trotzdem einen extrem eigenen und fiesen Sinn für Humor bewahrt hat, packt uns und führt uns durch eine wahrlich epische Geschichte über Sexualität, Verlogenheit und Sehnsucht. Entgegen dem weitläufigen Image, das von Trier genießt, übt er sich dabei nicht ausschließlich in Trübsinn und Pessimismus. Volume I strotzt auch vor ehrfurchtslosem Humor (siehe: Seligman und Joe debattieren über Symbolismus) und betörend-obszöner Poesie (Stichwort: Cantus firmus). Gewiss, Volume II erhöht (dramaturgisch völlig gerechtfertigt!) die Schlagzahl an dramatischen Entwicklungen und garstigen Gesellschaftskommentaren. Aber selbst dies ändert nichts daran, dass Nymphomaniac den zuversichtlichsten Part der Depressions-Trilogie darstellt. Dies mag zwar ein übermäßig … schattenhaftes Licht auf von Triers Gemüt werfen, dennoch: Da ist Licht! Ein winziger, winziger, verschwindend geringer Funken der Zukunftserwartung. Im trierschen Universum gleicht dies der Leuchtkraft von Tausend Sonnen! Und in der 'Wärme' dieses Lichts wuchs von Triers bislang (pardon!) geilster Film heran. Und das vielleicht unverblümteste Mantra des Kinojahres: Mea maxima vulva.

Platz 8: Her (Regie: Spike Jonze)
Bei so viel Tragik, Sex und nackter Haut in meinen Top 10 des Filmjahres könnte sich meine romantische Ader glatt vernachlässigt fühlen – aber glücklicherweise gibt es ja Spike Jonzes Zukunftsromanze Her! Mit einem zurückhaltenden, ungewohnt einfühlsamen Joaquin Phoenix in der Hauptrolle erzählt Being John Malkovich-Regisseur Spike Jonze eine intellektuelle, bittersüße Liebesgeschichte zwischen einem Mann und seinem empathischen, hyperintelligenten Betriebssystem … und dank gefühlvoller Dialoge ist diese Geschichte rührender und ergreifender als viele 'echte' Filmromanzen. Egal, aus welchem Winkel man Her betrachtet: Als Parabel auf Fernbeziehungen, die Verarbeitung von Trennungsschmerz, die Unvermeidlichkeit individueller Veränderungen zweier Liebespartner oder auf Liebe im Zeitalter der digitalen Kommunikation – dieser Film hat das Hirn und das Herz, um einen lang bleibenden Eindruck zu hinterlassen!

Platz 7: Snowpiercer (Regie: Bong Joon-ho)
Ein dystopischer Thriller, der nur so brodelt. Vor Kreativität und vor Spannung: Inspiriert von der französischen Graphic Novel Schneekreuzer erschafft Bong Joon-ho eine pessimistische Sci-Fi-Parabel auf Gesellschaftsstrukturen und Machtgefüge – erzählt seine harsche Geschichte allerdings unverschämt kurzweilig! Stylische Action, zahllose schockierende, verwundernde und teils saukomische Twists, eine kraftvolle Hintergrundmusik, ein durchweg engagiertes Ensemble und eine zünftige Prise Humor machen diesen Klassenkampf zu einem wahren Genrehighlight. Actionreich, intelligent und außergewöhnlich!

Platz 6: Boyhood (Regie: Richard Linklater)
Wie ungewöhnlich doch ein Film über das gewöhnliche Leben eines ganz normalen Teenagers sein kann. Und wie viel Magie einer Geschichte innewohnen kann, in deren Fokus ein Junge steht, dessen träumerische Seite nach und nach Raum für Ernüchterung macht. Aber Richard Linklater hat es mit seinem logistischen Albtraum eines Coming-of-Age-Dramas geschafft. Innerhalb von 165 Minuten sehen wir, wie Mason (Ellar Coltrane) die Höhen, die Tiefen und vor allem die bemerkenswerten Alltäglichkeiten des Erwachsenwerdens durchmacht. Nebenher sausen zwölf Jahre westliche (Pop-)Kultur am Zuschauer vorbei und graduell durchläuft er noch einmal die Weltsicht eines Heranwachsenden: Die Eltern (Patricia Arquette & Ethan Hawke) stehen auf einem Podest, sind rätselhaft, untragbar … echte Menschen mit Ecken und Kanten. Freunde kommen und gehen. Passionen tauchen auf, verschwinden und kehren wieder. Linklater hat es erfasst: Das Leben ist ein Abenteuer – ein stilles, und trotzdem ein genüssliches.

Platz 5: Saving Mr. Banks (Regie: John Lee Hancock)
Wohl kein Filmprojekt 2014 hat mich vorab nervöser gemacht – denn bei keinem bestand mehr Potential in beide Richtungen des qualitativen Spektrums. Diese Tragikomödie hätte eine unerträgliche Disney-Selbstbeweihräucherungsnummer werden können, in der Walt Disney als Engel von einem Menschen gezeichnet wird. Sie hätte eine rund zweistündige Mary Poppins-Dauerwerbesendung oder eine Ansammlung respektloser Fehldeutungen filmhistorischer Fakten werden können. Aber all meine Sorgen waren unberechtigt. John Lee Hancock schuf mit Saving Mr. Banks die Art Film, die ich mir häufiger von Disney wünsche: Herzzerreißend, amüsant und charmant. Emma Thompson in der Rolle der galligen Autorin P. L. Travers und Tom Hanks als der stets eine Show abziehende Walt Disney spielen vorzüglich, Thomas Newman zaubert einen smarten, effektiven Score und von der ersten bis zur letzten Minute versprüht dieser Film einen bittersüßen Zauber. Herrlich!

Platz 4: Can a Song Save Your Life? (Regie: John Carney)
Ein Film wie eine große Tasse warmer Kakao und die Lieblingsplatte an einem dank Sommerregen ins Wasser gefallenen Sonntagnachmittag: Regisseur und Autor John Carney kreiert ein filmgewordenes, zärtliches Loblied auf die Magie der Musik, ohne sich dabei zu fatalistischen Extremen hinreißen zu lassen. Gute, vom Herzen kommende Musik ist in dieser humorvoll-dramatischen Geschichte über eine Songwriterin und einen gescheiterten Musikproduzenten nicht fähig, sämtliche Probleme aus der Welt zu schaffen. Aber sie kann sie lindern – und zu verfolgen, wie Carney diesen Prozess schildert, ist ganz wundervolles Kino mit Indie-Charme. Tolle Musik, ausdifferenzierte, bezirzende Performances von Keira Knightley und Mark Ruffalo und obendrein die filmisch längst überreizte Metropole New York City, wie man sie sonst nie zu sehen bekommt. Ein reizendes Kleinod!

Platz 3: The Wolf of Wall Street (Regie: Martin Scorsese)
Mit über 70 Jahren ist Martin Scorsese noch immer einer der jungen Wilden Hollywoods. Wie hätte er es besser beweisen können, als dadurch, nach dem gemäßigteren Hugo Cabret eine gehaltvolle, beißende und losgelöste Komödie über Exzess raus zu hauen, die ihrem Thema alle Ehre macht? Nahezu drei Stunden lang hält uns der Meisterregisseur gefangen und lässt uns am unbändigen, regellosen und in hedonistischem Fehlverhalten ersaufendem Leben eines narzisstischen Finanzbetrügers teilhaben. Leonardo DiCaprio trumpft mit einer facettenreichen, urkomischen, widerlichen, schleimig-packenden, hochdramatischen Performance auf, die Dialoge sind brillant und trotz ausschweifender Laufzeit fühlt sich nicht ein einziger Moment überflüssig an. Berauschend, abartig und erschreckend erkenntnisreich: The Wolf of Wall Street ist der boshafte Partyfilm voller dramatischer Schattenseiten unter den Finanzsatiren.

Platz 2: The Return of the First Avenger (Regie: Anthony & Joe Russo)
Zur Seite, Platz da, das 'Marvel Cinematic Universe' hat einen neuen Höhepunkt. Selbst die geballte Power des ersten Avengers-Zusammentreffens unter der Federführung von Joss Whedon kann diesem Blockbuster-Meisterwerk nicht das Wasser reichen! Und sogar der dämliche deutsche Filmtitel ist nicht dazu imstande, die Grandeur von Captain America: The Winter Soldier zu schmälern. Kongenial verschmelzen in diesem megalomanischen Actionthriller die üblichen Zutaten eines Marvel-Hits und die Stärken eines politisch motivierten Suspensefilms zu einer entfesselten Einheit zusammen. Chris Evans, Scarlett Johansson, Samuel L. Jackson, Sebastian Stan, Cobie Smulders und Anthony Mackie geben die rundesten Darbietungen ab, die bislang das Licht des 'Marvel Cinematic Universe' erblicken durften. Henry Jackmans Score ist eine ungebremste, kraftvolle Zusammenkunft symphonischer und elektrischer Klangwelten. Die Actionszenen sind mitreißend, bombastisch und dramaturgisch perfekt ausbalanciert – und obendrein so abwechslungsreich, dass es trotz der von den Russo-Brüdern gebotenen, stattlichen Frequenz an Verfolgungsjagden, Schießereien und Faustkämpfen nie eintönig wird. Die Story ist spannend, kurzweilig erzählt, erschüttert das Marvel-Filmuniversum in seinen Grundfesten und schlägt jedem Zweifler, der Captain America noch immer für eine hohle Propagandafigur amerikanischer Konservativer hält, mit Genuss in die Fresse. Und obwohl Marvels Ausflug in eine pseudo-realistische, atmosphärische Ecke des Superhelden-Filmsektors keine Gefangenen macht, bleiben die Autoren der Mentalität ihres Protagonisten treu – und liefern mehr perfekt sitzende Pointen als so manche flockig gemeinte Comicadaption. Der erste Captain America-Film des 'Marvel Cinematic Universe' war bereits all seinen Vorläufern überlegen, Steve Rogers' zweite Mission wiederholt diese Glanzleistung auf noch höherem Niveau. Während der Wartezeit auf Avengers: Age of Ultron gibt es daher nur eins zu tun: Bestaunt noch einmal The Return of the First Avenger. Befehl des Captain!

Platz 1: Gone Girl (Regie: David Fincher)
Ein Suspense-Geniestreich nach alter Schule, vor gegenwärtigem Setting und mit moderner Bild- sowie Klangästhetik. Eine köstlich-gemeine Mediensatire. Ein Ehe-Drama, das kein Blatt vor den Mund nimmt. David Fincher, an der Oberfläche so leicht zugänglich wie nie zuvor. David Fincher, unterschwellig cleverer codiert denn je. Ein Unterhaltungsfilm, der ein hochspannendes, wendenreiches Erlebnis liefert, das seinesgleichen sucht. Ein unverschämt smartes Bravourstück, das voller kleiner Weisheiten, Gemeinheiten und cleveren Einfällen steckt. Niedere Unterhaltung, hohe cineastische Handwerkskunst. Gone Girl fühlt sich auf so vielen Ebenen wohl – und auf jeder einzelnen funktioniert Finchers brillante Regiearbeit fehlerfrei. Schriftstellerin Gillian Flynn perfektionierte ihren Bestseller für die Leinwand mit spürbarer Passion, die Komponisten Trent Reznor & Atticus Ross übertreffen sich selbst, Schnitt und Kameraarbeit sind auf den Punkt und jedes einzelne Ensemblemitglied ist nicht nur perfekt gecastet, sondern leistet auch bemerkenswerte Arbeit. Allen voran natürlich Rosamund Pike, die für ihre Leistung nicht genug Ehrwürdigungen erhalten kann. Beim ungespoilerten ersten Anblick ein Film, der den Atem stocken lässt, bei wiederholter Sichtung reiht sich dagegen ein Moment des Staunens ob der makellosen Umsetzung an den nächsten. Für mich das filmische Nonplusultra 2014. Fincher, was hast du mir da nur angetan. Was wirst du mir noch antun?

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