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Freitag, 7. Februar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil IV)

zurück zu Teil III

Ihr wisst, wie es nun abläuft: Bevor ich die nächsten zehn Ränge in meiner Hitliste präsentiere, halte ich euch noch ein wenig hin, um Raum zu schaffen für Ehrennennungen, also für Filme, die es nur ganz knapp nicht in das Ranking geschafft haben. Da wäre die von Seth Rogen produzierte, schmissige Teenie-Komödie Good Boys über minderjährige Freunde, die frisch die Liebe entdecken sowie  das Tabuthema Sex, von dem sie jedoch denkbar wenig Ahnung haben ("Du weißt doch gar nicht, was Nymphomanin bedeutet!" -"Doch! Sie hat Sex an Land und im Wasser!"). Außerdem hatte ich immens große Freude an Dora und die goldene Stadt, eine mit Selbstironie und Metaspäßen befeuerte Abenteuerkomödie, die nur noch einen winzigen Hauch überdrehter hätte sein dürfen. Das Gegenteil der optimistischen und frohen Dora ist die Hauptfigur in Systemsprenger. Das Drama über einen Quälgeist von einem Problemkind ist aufrüttelnd, stark gespielt und intensiv - setzt aber auf einen seichten Prolog, der die Kraft dieses Films verwässert. Sonst würden wir hier wohl von einem Top-Ten-Kandidaten sprechen. Und auch The Hate U Give ist als Film über systematischen Rassismus eine Wucht, die gen Schluss aber aufrüttelnden Zorn gegen etwas Deeskalation eintauscht. Das kann ich angesichts des jungen Zielpublikums verstehen, trotzdem reicht's so "nur" für die Ehrennennung.

Deutlich weniger zu klagen habe ich derweil bei diesen Filmen ...

Platz 20: Der goldene Handschuh (Regie: Fatih Akin)

Ein Serienkiller-Film, vollkommen frei von Glorifizierung und Entschuldigungstaktiken: Fatih Akin zeigt in Der goldene Handschuh das zugequarzte, versiffte Hamburger Kiezmilieu, in dem sich ein alkoholsüchtiger, dauerunzufriedener Typ an Frauen vergeht und sie (oft in Momenten eigener Impotenz) quält sowie anschließend ermordet. Akin deutet die Schreckenstaten visuell nur an, nutzt Geräuschkulissen und visuelle Gegenüberstellungen, um stattdessen ein brutales, niederschmetterndes Kino im Kopf des Publikums zu erzeugen. Jonas Dassler verschwindet völlig in der Figur Fritz Honka und die Nebendarstellerinnen sind unbeschreiblich gut: Manche verkörpern Frauen, die sich aufgegeben haben und deren Seelen scheinbar deren Körper verlassen, damit sie in Schockstarre Honkas Taten leichter überstehen, als würden sie noch voll da sein. In anderen brodelt es, dass es einem unter die Haut geht. Erschreckend detailreiche Nachbildungen der realen Schauplätze und bewusst gesetzte Lücken in Erzählung und Dialogen machen Der goldene Handschuh zu einem Film, der sich ins Gedächtnis brennt. Sehr starke Sache!

Platz 19: Dolemite Is My Name (Regie: Craig Brewer)

Nach "Ein passionierter Stümper dreht Filme und meint es wirklich gut" alias Ed Wood und "Ein völlig weltfremder Kerl mit Illusionen und Ego fabriziert totalen Müll, aber es ist irgendwie faszinierend" alias The Disaster Artist wird die thematische Trilogie an Filmen über reale, planlose Filmschaffende, die Kultwerke erschaffen haben, endlich komplett: Dolemite Is My Name erzählt vom erfolglosen Musikkünstler Rudy Ray Moore, der sich in den 1970ern letztlich als Vulgärkomiker versucht und mit seiner rotzig-ehrlichen Attitüde und seinem "Ein Anfänger, der es wissen will"-Charme zum Star wird. Auf der Höhe seiner Comedykarriere beschließt er, auch Filme zu drehen - obwohl kaum Profis mit ihm zu tun haben wollen und er selber null Ahnung vom Prozess hat. Dafür aber hat er umso mehr Passion und Wissen darüber, was sein Zielpublikum will. Eddie Murphy spielt so packend, charmant und komplex wie seit vielen Jahren nicht mehr, Regisseur Craig Brewer findet eine scheinbar mühelose Balance zwischen Witz, Dramatik und Zeitkolorit (die 70er und die schwarze Subkultur jener Zeit strahlen geradezu aus dem Film heraus) und die Nebenfiguren sind allesamt toll gespielt. Dass Rudy Ray Moore bei aller Derbheit eine deutlich liebenswertere Figur ist als Tommy Wiseau in The Disaster Artist und Dolemite Is My Name ebenso Kritiker einen Seitenhieb verpasst (eine besonders denkwürdige Szene zeigt den Unterschied zwischen annehmbaren und verletzenden Verrissen) als auch Spaß dran hat, Moores Macken wohlwollend vorzuführen, sorgt für weitere Sympathiepunkte.

Platz 18: 6 Underground (Regie: Michael Bay)

Was passiert, wenn ein Regisseur mit markantem Stil und einer durch zig Interviews bestens dokumentierten Liebe für die große Kinoleinwand von Netflix ein dreistelliges Millionenbudget in die Hand gedrückt bekommt und sich der Video-on-Demand-Dienst weitestgehend aus dem kreativen Prozess heraushält? Nun, offenbar erhält man dann dieses Glanzstück kinetischer Filmenergie: Michael Bays 6 Underground ist eine wuchtige, ruhelose Reise tief in die Bay-Ästhetik. Selbst bei ruhigen, intimen Gesprächen räkeln sich Damen in supermodischer Unterwäsche, als wären sie in einem Dessous-Werbespot. Auch die Herren werden athletisch in Szene gesetzt, als würden sie für Körperpflege werben, obwohl sie gerade einfach nur nachdenken. Die Actionszenen sind turbulent, überbordend, extrem kreativ und wann immer man denkt "Aha, ja, jede Menge Materialschaden, aber sonst nichts" knallt Michael Bay einem eine feierlich zelebrierte Gewaltspitze um die Ohren. Die Wetterumstände in der Filmwelt, der bestehende Schaden an Geräten und Gefährten, die Erzählstruktur, alles beugt sich Michael Bays ästhetischem Empfinden und seiner Adrenalinsucht. Kommt halt eine Rückblende auf eine Actionszene mitten in einer Actionszene! Sieht eine Trauerfeier halt aus wie ein Rumgetränk-Werbespot. Was soll's, es macht Spaß, es ist pure Stilistik, es ist die freie künstlerische Entfaltung eines Regisseurs mit dicker, fetter Handschrift. Und es ist Krachbumm-Action-Destillat voller loser Sprüche und großer Bilder. Arroganz rausoperieren lassen und genießen, Leute!
Platz 17: Beach Bum (Regie: Harmony Korine)

Ein ständig zugedröhnter Lebemann und Liebling seiner Heimatstadt irrt vollgesoffen, zugedröhnt und Party machend durch sein Leben. Es passieren ständig schlimme Dinge, Mann, aber, hey, so ist das Leben und ich hab gehört, da drüben wird heute richtig toll gefeiert, lass mal hingehen ... Harmony Korine verewigt im unter anderem von Hulu (und somit von Disney, oh Schreck!) gestützten Beach Bum das Lebensgefühl dieser Leute, von denen wir alle schon gehört haben oder die wir sogar kennen: Easy going, immer gut drauf, ganz gleich was passiert, hach, schau mal, der Himmel hat heut so schöne Farben und, ach, es gibt Drinks?!

Wenn Matthew McConaughey jemals erfährt, dass er hier mitgespielt hat, er wird sehr stolz auf diesen Film sein!


Platz 16: Dragged Across Concrete (Regie: S. Craig Zahler)

Zwei ungleiche Cops, die sich zwar häufig necken, aber dennoch ein starkes Team ergeben, haben im Dienst mal wieder die Regeln missachtet. Natürlich nur zum Wohle der Sicherheit, schwören sie! Und dennoch will ihr Vorgesetzter nichts davon hören. Also wird das Duo, das ein Lieblings-Diner hat, ein festes Menü und immer ein paar freche Sprüche im Ärmel, suspendiert. Aber was ist schon eine Suspendierung, wenn die Pflicht ruft? Also nehmen unsere Helden das Recht selber in die Hand und jagen Gangstern sowie deren Beute hinterher, selbst wenn dabei so manches zu Bruch geht ...

Was wie der neuste Film klingt, der aus demselben Holz geschnitzt ist wie die Bad Boys-Reihe, die Lethal Weapon-Saga, die Rush Hour-Trilogie oder (in Teilen) die Beverly Hills Cop-Filme, ist in Wahrheit eine ungeheuerlich beobachtungsstarke, kompromisslose sowie stringente Dekonstruktion von Buddy-Cop-Filmen. Praktisch jede Szene in Dragged Across Concrete lässt sich untertiteln mit "Erinnerst du dich an diese typische Sache aus den ganzen Polizeifilmen? Sag mal, hast du das je kritisch hinterfragt? Willst du mal wissen, wie das im echten Leben wäre?": Zwei alte, aggressive, zerknautschte Männer schimpfen im Diner über den Service und die Musik von heute. Cool? Nein, grantig! Zwei Cops machen Verdächtige mit unnötiger Härte dingfest. Geiler Scheiß? Vielleicht in Michael-Bay-Hausen, aber nicht in der echten Welt oder in Dragged Across Concrete. Zwei Cops observieren Verdächtige und mampfen dabei im Auto, während sie sich gegenseitig Sprüche über ihre jeweiligen Gewohnheiten reinwürgen? Zeit, sich bestens amüsiert sein Popcorn reinzuschmeißen? Ähhhh, nein! Dragged Across Concrete ist ein schlauer, gewollt-karger Gegenentwurf zu einem immens beliebten Action-Subgenre und obendrein bespickt mit harten, stark inszenierten Gewaltspitzen und einer sehr leise brodelnden Spannungskurve.

Platz 15: Wir (Regie: Jordan Peele)

Ein Horror-Regisseur legt nach seinem gefeierten Debüt ein ebenfalls sehr ambitioniertes, zweites Horrorprojekt nach, das mir persönlich deutlich mehr zusagt als der Vorgänger - Part III: Get Out mag ein sehr smarter Film sein, der viel auszusagen hat und randvoll mit Referenzen, Seitenhieben und Metaphern ist. Doch aufgrund eines zentralen Storyelements hat er mich auf der Spannungsebene verloren. Ich habe Respekt für Get Out über, aber für Jordan Peeles zweite Regiearbeit habe ich jede Menge Liebe über: Wir ist eine atmosphärisch dichte, vor Ideen nur so trotzende Horror-Analogie, in der eine Familie auf Doppelgänger trifft, womit sich die Schleusentoren für gesellschaftlichen und popkulturellen Kommentar öffnen. Davon ausgehend gibt Lupita Nyong'o eine Performance für die Horrorfilm-Geschichtsbücher, Winston Duke eine herrlich charmante Darbietung als der liebe, etwas peinliche Familienvater und auch ihre Filmkinder sowie ihre Film-Nachbarin Elisabeth Moss hauen tolle Leistungen raus. Peele erschafft eindrucksvolle Bilder, Michael Abels' Score ist bitter-schön und das Storytelling fies-elegant eingefädelt. Spitze!

Platz 14: Unicorn Store (Regie: Brie Larson)

Brie Larsons Unicorn Store ist womöglich so etwas wie Garden State für eine neue Generation an Nicht-ganz-Junggebliebenen-nicht-ganz-Erwachsenen: Diese bezaubernde, mit nachdenklichen und kummervollen Zwischentönen versehene Coming-of-Age/Coming-to-Sense-Dramödie handelt von einer Frau irgendwann in ihren 20ern, die eigentlich Künstlerin werden will. Doch da es mit ihrem Kunststudium nicht so ganz klappt, crasht sie vorübergehend bei ihren Eltern, zu denen sie ein wackliges Verhältnis hat. Einerseits drängen sie die kreative und ungebundene Kit in Richtungen, die nicht zu ihr passen, andererseits sind sie sehr wohlmeinend und unterstützend, was aber völlig an ihr vorbeigeht. Als Kit von einer Zeitarbeitsfirma in einer PR-Agentur geparkt wird, begegnet die naive Kit einem Sexismus und Konkurrenzkampf, der ihr bisher fremd blieb. Als dann ein Einzelhänder Kit Hoffnungen darauf macht, sich einen Kindheitstraum erfüllen zu können und ein Einhorn zu erhalten, muss Kit entscheiden: Wie geht sie mit berechtigtem und unberechtigtem Druck auf sie um?

Brie Larsons Regiedebüt tänzelt einen wunderschönen tonalen Tanz, zwischen magischem Realismus, quirliger Selbstfindung und trocken-treffsicherer Kommentare auf unnötige, tief verwurzelte Fehlstellungen. Sowohl in der Gesellschaft auch in der Mentalität frustrierter Spät-Millennials ... Larson und Samuel L. Jackson spielen super auf und ich kann Larsons nächsten Film nicht abwarten!

Platz 13: Colette (Regie: Wash Westmoreland)

Dieser auf wahren Begebenheiten basierende Mix aus Kostümdrama, Romantik-Dramödie, Kreativen-Porträt und Emanzipations-Kino handelt von Gabrielle-Sidonie Colette, die durch die Hochzeit mit einem Literatur- und Theaterkünstler von der französischen Provinz ins pulsierende Paris des späten 19. Jahrhunderts gelangt. Eingangs als Ghostwriterin für niedrige Aufgaben in der Schreibkunst-Fabrik ihres Gatten tätig, will sich Colette mehr und mehr selber verwirklichen. Teils ist ihr Mann für die Umstände und Konventionen jener Zeit unterstützend, in anderen Situationen ist er aber ein lästiger, rückschrittlicher Miesepeter. Was Regisseur Wash Westmoreland piefig und zurückhaltend inszeniert beginnt, entfaltet sich nach und nach wie die von Keira Knigthley eindrucksvoll gespielte Hauptfigur und wird zum amüsant-inspirierenden, queeren Lustspiel, zur energischen Gesellschaftskritik und zur hoch eloquenten, kecken Dramödie über eine Künstlerin, die vorausdenkt. Bildhübsch ausgestattet und mit punktgenauen Performances von Dominic West, Eleanor Tomlinson, Denise Gough und Aiysha Hart im erweiterten Cast ist Colette Historienkino, das bei mir sehr bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Platz 12: Plötzlich Familie (Regie: Sean Anders)

Die gelungenen Teile von Daddy's Home treffen auf den Mix aus Derbheit und verstecktem Hintersinn der Bad Neighbors-Filme, und dann wird all das mit einer extrem überraschenden, mich völlig um den Finger wickelnden Herzlichkeit versehen: Plötzlich Familie ist womöglich die Überraschung meines Filmjahres 2019. Es war einer der ersten Filme 2019, die ich gesehen habe. Die Pressevorführung fand im Doppel mit Chaos im Netz statt, und nachdem ich höchst zufrieden aus dem Disney-Animationssequel rausgekommen bin, hat mich Plötzlich Familie dann völlig umgehauen. Die von Adoptionserfahrungen des Regisseurs und Co-Autors Sean Anders inspirierte Dramödie hat es geschafft, selbst mich in Sachen "Guck mal, eine glückliche Familie! Na los, sei gerührt!"-Filmstoff eher sarkastisch veranlagten Typen dahinschmelzen zu lassen. Die Höhen, Tiefen und schwer einzuordnenden, halb-guten/halb-schlechten Stationen im abrupten Elternleben von Pete und Ellie Wagner sind rührend, ohne zuckrig zu sein, dramatisch, ohne verkrampft zu wirken, und herrlich-komisch, ohne die verfahrene Situation dieser Chaos-Familie zu vereinfachen. Kauzige Nebenfiguren, Mark Wahlberg, der in komischen Rollen mit strengen Zwischenphasen einfach so viel besser ist als in verbissenen Parts, eine herrliche Rose Byrne, die Witz, Empathie und Selbstmitleid mit Leichtigkeit unter einen Hut bringt, und Isabela "Aus der wird noch was ganz was großes" Moner machen Plötzlich Familie zu einem formidablen Vertreter der Filmgattung "Kuscheldeckenkino". Hach ...

Platz 11: Marriage Story (Regie: Noah Baumbach)

Scarlett Johansson ist in vielen filmischen Bereichen bewandert, doch sie ist eine Meisterin in Sachen Beziehungskummer-Geschichten. Erst spielte Scarlett Johansson in Sofia Coppolas filmgewordener Verarbeitung ihrer zerrütteten Beziehung mit Spike Jonze mit. Zehn Jahre nach Lost in Translation half sie sozusagen der Gegenseite aus und wirkte an Spike Jonzes Her mit, in dem der Regisseur seine in die Brüche gegangene Ehe mit Sofia Coppola verarbeitete. Und 2019 machte Johansson aus ihrer thematischen Dilogie eine Trilogie: In Marriage Story verarbeitet Regisseur und Autor Noah Baumbach (unter anderem) seine Scheidung von Schauspielerin Jennifer Jason Leigh. Und einmal mehr läuft Johansson zu Höchstform auf. Doch auch ihr Film-Partner Adam Driver begeistert mit einer mal verletzlichen, mal widerstandsfähigen, mal vernünftigen, mal naiven Persönlichkeit. Laura Dern fesselt als abgezockte Vollprofi-Scheidungsanwältin und Azhy Robertson ist als gemeinsamer Sohn des sich trennenden Paares mein Anwärter als "Heimlicher Spitzen-Unsympath des Jahres". Aber im guten, den Film bereichernden Sinne! Marriage Story ist überraschend gewitzt, dennoch ungeschönt und eine hervorragend gespielte, minutiös geschriebene und mit scharfem Auge, scheinbar beiläufig inszenierte Trennungsgeschichte, in der es weniger um den Zerfall einer Ehe geht, als um das Bewahren dessen, was zu retten ist. Intensiv, dennoch mit gewinnender Leichtfüßigkeit umgesetzt, und voller einprägsamer Szenen - ich kann es kaum abwarten, dass Scarlett Johansson eines Tages in Jennifer Jason Leighs Antwort auf Marriage Story mitspielt!

Dienstag, 4. Februar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil III)

zurück zu Teil II

Es wird allmählich heiß in meiner Filmretrospektive 2019: Wir erreichen die Plätze 30 bis 21! Doch ehe es so weit ist, muss ich euch natürlich noch einmal auf die Folter spannen und ein paar weitere Ehrennennungen loswerden, dieses Mal aus dem Bereich des Genrefilms. Das Zac-Efron-Vehikel Extremley Wicked, Schockingly Evil and Vile ist eine eindrucksvolle Spannungsgeschichte darüber, wie sich die Gesellschaft vom Schein täuschen lässt. Harpoon ist eine sehr lustige, extrem böse Komödie, in der wir drei Drecksschweinen von Menschen dabei zuschauen, wie sie sich gegenseitig auf den Nerv gehen, während sie auf hoher See festsitzen. You Might Be The Killer ist eine sehr muntere Meta-Slasher-Parodie/-Hommage im Stile von Tucker and Dale vs Evil, nur sehr viel blutiger. Ziemlich harmlos, trotzdem sehr spaßig (nicht zuletzt dank der herrlich auftrumpfenden Jessica Rothe in der Hauptrolle): Die Sci-Fi-Horrorkomödie Happy Deathday 2 U. Aus der intellektuell-verschrobenen Ecke kommt derweil der neue Quentin Dupieux: Die Toxische-Maskulinität-Schreckenskomödie Deerskin. Und dann will ich M. Night Shyamalans Glass nicht unerwähnt lassen: Mir egal, wer alles über den Film hergezogen hat, für mich ist es eine passionierte, konsequente Fortsetzung von Shyamalans zwischen Pulp und Grübelei schwankender Comic-Analyse.

Nun aber lang genug gezaudert. Nun geht es weiter mit der Liste meiner liebsten Filme aus dem Jahr 2019!

Platz 30: Der Leuchtturm (Regie: Robert Eggers)

Ein Horror-Regisseur legt nach seinem gefeierten Debüt ein ebenfalls sehr ambitioniertes, zweites Horrorprojekt nach, das mir persönlich deutlich mehr zusagt als der Vorgänger - zum Ersten: Nach The Witch, der zu den wohl typischsten Filmen aus der Filmografie des US-Verleihers A24 gehört, nur dass er für mich deutlich mehr Schein als Sein ist, hat mich Robert Eggers' zweiter Langfilm völlig überzeugt. Gehalten in ebenso hypnotischem wie atmosphärischem Schwarz-Weiß sowie im altbackenen, beengenden 1,19:1-Seitenverhältnis, erzählt diese maritime Geschichte von einem Jung-Leuchtturmwärter und von einem alten Bären von einem Mann. Anfangs können sie sich nicht leiden, dann gewöhnen sie sich einander, dann haben sie die Schnauze gestrichen voll voneinander: Die Eskalation ist unvermeidlich. Packend gespielt von Willem Dafoe und Robert Pattinson, untermalt mit knirschend-schnarrend-dröhnender Musik, die mit dem Sounddesign verschmilzt, und voller altem Seemannsgarn ist Der Leuchtturm ein Trip in die Köpfe zweier Männer mit Lagerkoller und Problemen, zu ihren Gefühlen zu stehen.

Platz 29: Long Shot (Regie: Jonathan Levine)

Ein Kassenflop, der keiner hätte sein dürfen: Aufgrund waghalsiger bis selbstmörderischer Programmierung (in den USA gegen Avengers || Endgame, in Deutschland zwischen Aladdin und Pets 2) ging diese politische sowie romantische Komödie mit Seth Rogen und Charlize Theron völlig unter. Dabei hat sie alles, was für einen Publikumsliebling sorgen müsste: Flotte Sprüche, einen feinen Look (insbesondere für eine Mid-Budget-Komödie), eine bestechende Chemie zwischen Rogen und Theron, eine Prise Action und gepfefferte, gut gezielte politische Seitenhiebe. Darüber hinaus reiht sich Long Shot in die bewährte Riege namens "Seth Rogen produziert Filme, die platt und vulgär wirken, aber progressiv und warmherzig sind" ein, in der Bad Neighbors 2 noch immer die ungekrönte Königin ist und von der ich mir noch jede Menge weitere Vertreter sehen will!

Platz 28: Midsommar (Regie: Ari Aster)

Ari Asters sehr stylisch durchkomponierter, erzählerisch doppelbödiger Hereditary landete 2018 auf Rang 34 meiner Lieblingsfilme des Jahres, Asters zweiter Film kommt noch ein Stück besser weg und ist somit "Ein Horror-Regisseur legt nach seinem gefeierten Debüt ein ebenfalls sehr ambitioniertes, zweites Horrorprojekt nach, das mir persönlich deutlich mehr zusagt als der Vorgänger - Teil zwei": Aster gelingt das diffizile Kunststück, nahezu ausschließlich in helllichten Szenen Suspense zu erzeugen. Und er kreiert ein mehrbödiges, zwischendurch auch schwarzhumoriges, Schreckensspiel über einen Kult, dessen Traditionen anno dazumal stehen geblieben sind und einst vielleicht vernünftige Rituale auf herzlose Weise ins Heute übertragen werden, über eine kaputte Beziehung voller Gaslighting und über mangelndes Einfühlungsvermögen. Imposante Bilder voller schrecklicher Details, dreiste Vorausdeutungen, die ein Damoklesschwert über unsere Figuren schweben lassen, und eine großartige, intensive, unter die Haut gehende Performance von Florence Pugh kommen auch noch dazu. Ari Aster, ein Name, den ich im Auge behalte!

Platz 27: A Toy Story - Alles hört auf kein Kommando (Regie: Josh Cooley)

Eine Fortsetzung, die ich nicht haben wollte. Eine Fortsetzung, die kaum wer haben wollte. Und dann haben es die Pixar Animation Studios doch wieder einmal geschafft: Toy Story 4 (wie der Film im Original heißt) denkt den großartigen Toy Story 3 weiter und stellt die Frage "Was macht jemand, der jahrzehntelang das Sagen hatte, plötzlich nur noch die zweite oder gar dritte Geige spielt?" Hinzu kommen die Existenzängste und -fragen eines neuen "Spielzeugs" in Form des Göffels Forky, extrem detailreiche Animationen, toll sitzende Sprüche und ein clever in die Spielzeugwelt übertragener Generationenkonflikt.

Platz 26: Chaos im Netz (Regie: Rich Moore & Phil Johnston)

Ganz ehrlich: Wäre da nicht das etwas aufgesetzte Actionfinale, das ich dem Erzählfluss von Chaos im Netz einfach nicht abkaufe, würden wir hier von einem Top-Ten-Eintrag sprechen. Aber, hey, Platz 26 ist auch noch immer beeindruckend. Riesige Gagfrequenz, sehr gute Gag-Trefferquote, gut sitzende Seitenhiebe auf die Internet-Kultur und das Web-Business, spritzige Disney-Eigenparodien und vor allem: Eine seit Ralph reicht's glaubhaft entwickelte Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren, die schließlich zu einem emotional sehr nuancierten, thematisch komplexen Ende führt. Mein liebster Film unter dem Disney-Eigennamen 2019. (Wer's noch nicht gemerkt hat: Ich orientiere mich in meiner Rangliste nach dem deutschen Start.)

Platz 25: Das schönste Paar (Regie: Sven Taddicken)

Für ein Liebespaar wird der Urlaub zur Hölle auf Erden, als es von ein paar Halbstarken brutal attackiert wird. Monate später sieht Er zufällig den Anführer der Gruppe und Vergewaltiger seiner Frau wieder. Er stellt ihm nach, im Glauben, so Gerechtigkeit für Sie erreichen zu können. Doch er reißt nur eh kaum verheilte Wunden auf ... Atemberaubend gut gespielt von Maximilian Brückner und der sowieso famosen Luise Heyer ist Das schönste Paar ein karges, scharf beobachtendes, schmerzliches Drama über "Gut gemeint ist nicht gut gemacht", Traumabewältigung und dysfunktionale Tendenzen in der Beziehung zweier Menschen, die sich eigentlich lieben. Saustark.

Platz 24: Gut gegen Nordwind (Regie: Vanessa Jopp)

Ein Film, wie für mich gemacht: Ein Linguist beginnt eine digitale Brieffreundschaft mit einer schnippisch-schlauen, wortgewandten Frau. Das bedeutet also: Jede Menge gewitzte, eloquente, aber auch glaubwürdige Monologe und Dialoge. Und dann ist auch noch Nora Tschirner die weibliche Hauptrolle in Gut gegen Nordwind - die Idealwahl, will man charmant-schnippische, schlagfertige Frauen in Deutschland besetzen! Aber auch abseits dessen ist eine sehr gelungene, humorvolle, wortbasierte Romanze mit nuancierten Figuren, die mir in den paar Filmstunden ans Herz gewachsen sind.

Platz 23: John Wick - Kapitel 3: Parabellum (Regie: Chad Stahelski)

Eine kleine Prise härter als John Wick - Kapitel 2, im Mittelteil (trotz einiger sehr cooler Hunde-Stunts) eine kleine Prise zäher als John Wick - Kapitel 2, alles in allem einmal mehr ein toller Actionfilm: John Wicks blutiger Feldzug durch eine mysteriöse Unterwelt geht weiter, und Chad Stahelski setzt erneut auf lange, deutlich gefilmte Actionpassagen mit kernigen, schnellen Stunts, eingefangen in dunklen Bildern mit kräftigem Farbspektrum. Die John Wick-Saga ist einfach eine Wucht und die ständigen Neuzugänge in diesem Mythos sind auch allesamt sehenswert. Halle Berry räumt in ihren paar Szenen ab und Asia Kate Dillon als Adjudicator ist eine Top-Castingentscheidung!

Platz 22: Late Night (Regie: Nisha Ganatra)

Emma Thompson als Late-Night-Moderatorin, die ihre Sendung nur noch lustlos runterleiert, damit sie wenigstens Gäste einladen kann, die sie interessieren (aber sonst niemanden). Mindy Kaling als aufstrebende, durchsetzungswillige Autorin in einem ebenso monotonen wie faul gewordenem Autorenraum, die frischen Wind in die Sache bringen will. Man nehme diese beiden Zutaten, und wir erhalten die sehr komische, aber in ihren Wahrheiten über die Medien- und Arbeitswelt auch dramatische, Geschichte, wie eine fähige Moderatorin Ehrgeiz wiedererlangt, eine junge Autorin die Widrigkeiten eines ignoranten bis miesen Männer-Kollegiums übersteht und wie eine lahm gewordene Show aufgepeppelt wird. Großer Spaß mit viel Herz und scharfer Beobachtungsgabe. Man müsste ganz schön begriffsstutzig sein (oder willentlich Aspekte des Films unter den Teppich kehren), um Late Night zu unterstellen, er hätte schlechte Aussagen und würde beispielsweise die Kommerzialisierung einer Fernsehsendung feiern, wenn er in Wahrheit vom glorreichen Zurückgewinn früherer Ambitionen handelt.

Platz 21: Klaus (Regie: Sergio Pablos)

Wenn die Walt Disney Animation Studios ihr jahrzehntelanges Streben nach Innovation im Zeichentrickfilm einfach so abbrechen, dann müssen halt ein paar Ex-Disney-Leute dort weitermachen, wo das Traditionsstudio einst aufgehört hat: Klaus ist die konsequente Weiterführung dessen, wie Tarzan und Der Schatzplanet einst Zeichentrick und Digitaltricks verschmolzen haben. Dabei kommt eine bildschöne, warmherzige und komplexe Ästhetik heraus, die Regisseur Sergio Pablos nutzt, um die wunderschöne, witzige und liebevolle Geschichte zu erzählen, wie ein bequemlicher Briefträger und ein grantiger Spielzeughersteller das Weihnachtsfest für immer verändern sollten ...


Sonntag, 3. September 2017

Sausage Party


Comedystar Seth Rogen ist, wie viele Filmfreunde, bekennender Pixar-Fan. Weshalb sollte er es auch nicht sein? Die zum Disney-Konzern gehörende Trickschmiede produzierte unter anderem mit der Toy Story-Trilogie, Findet Nemo, Ratatouille und WALL·E diverse moderne Trickklassiker, die nicht nur die jüngsten Kinogänger begeistern, sondern auch erwachsene Cineasten. Doch während sich zahlreiche Pixar-Trittbrettfahrer finden lassen, so sind waschechte Parodien auf das mehrfach preisgekrönte Studio rar gesät. Aus einer Laune heraus nahmen sich Rogen sowie seine Dauerkollaborateure Evan Goldberg (Skript von Das ist das Ende) und Jonah Hill (Beim ersten Mal) vor, dies zu ändern.

Und zwar, an der Oberfläche betrachtet, auf die denkbar juvenilste Weise: Mit einem Animationsfilm namens Sausage Party wollten sie nach dem geheimen Leben von Spielzeugen, Fischen und den Monstern in unserem Schrank das geheime Leben von Lebensmitteln erzählen – inklusive zahlloser Zoten und der unvermeidlichen Erkenntnis: Diese ach-so-magische Grundidee verwandelt sich rasch in eine Horrorvorstellung. Jedoch ließen es Rogen und seine Ko-Autoren als das Projekt nach jahrelanger Vorarbeit in Produktion ging, nicht darauf beruhen: Der Komiker, der bereits mit The Interview einen Mix aus Blödelkomödie und Satire verantwortete, unterfüttert seinen an Erwachsene gerichteten, albernen, versauten Film mit so manch überraschend profunden Grundideen. Halt in bester Pixar-Manier – deren kurz zuvor gestartetes Projekt war ja schließlich auch eine Fischkomödie über Familienverlustängste sowie den Umgang mit psychisch benachteiligten Zeitgenossen …

Das Würstchen weiß, was es will …
Das Hot-Dog-Würstchen Frank hat einen Herzenswunsch: Gemeinsam mit seiner Brötchen-Freundin Brenda von den Göttern auserwählt werden, um in einem paradiesischen Jenseits seine Verpackung verlassen zu dürfen, so dass er endlich in Brenda eindringen kann. Eines Tages macht sich jedoch Verwirrung breit: Honigsenf, der von einem Kunden, pardon, Gott ausgewählt und kurz darauf in den Supermarkt zurückgebracht wurde, bebt am ganzen Leib und erzählt voller Schrecken und Wut, dass die Götter brutale Wesen seien, die den Produkten nur Leid zufügen wollen.

Als Brenda und Frank nach Honigsenfs Rückkehr gemeinsam in einen Einkaufswagen gehoben werden, und auch Honigsenf erneut den Laden verlassen soll, knallen bei der süß-herzhaften Soße endgültig die Synapsen durch: Sie verursacht durch ihren Suizid einen schweren Unfall. Brenda und Frank finden sich gemeinsam mit dem muslimischen Teigfladen Kareem Abdul Lavash und dem jüdischen Hefegebäck Sammy Bagel Jr. irgendwo im Supermarkt wieder – und müssen sich nun entscheiden: Wollen sie zurück in ihr Regal, um darauf zu warten, erneut auserwählt zu werden, oder stellen sie ihren Glauben aufgrund von Honigsenfs Warnungen in Frage und machen sich auf die Suche nach der Wahrheit?

Wer braucht schon Vorspiel? Direkt losgelegt und immer härter weitergemacht!
Als Mischung aus derbem Chaoshumor und smarteren Seitenhieben auf größere Themen (etwa auf den Nahostkonflikt) hat Sausage Party durchaus eine gewisse Artverwandtschaft mit The Interview und vor allem mit Das ist das Ende. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während Das ist das Ende vor sein postapokalyptisches Chaos eine selbstironische Promiparty schaltet, und sich davor die Zeit nimmt, die Freundschaft der beiden Protagonisten auf bodenständige Weise zu etablieren, und The Interview noch als Talkshowparodie beginnt, hechelt Sausage Party nahezu sofort in einen Vulgaritätsexzess.

Der Film eröffnet mit einer Parodie auf typische Disneymusical-Eröffnungslieder (für die Musik zeichnet sogar Disney-Hofkomponist Alan Menken zuständig), wobei bereits nach wenigen Takten die glücklichen, naiven Lebensmittel über die verbale Stränge schlagen und garstig Andersdenkende beleidigen. Somit startet Sausage Party prompt als Parodie der Marke „Was wäre, wenn Disney/Pixar auf Familienfreundlichkeit scheißen würden?“, statt als konzeptionelle Persiflage, die eine Disney-Grundidee nimmt und durch inhaltliche Entwicklungen nach und nach dekonstruiert. Ob dies nun ein Nachteil ist oder nicht, dürfte eine Geschmacksfrage sein, der Überraschungsfaktor wird dadurch aber de facto arger begrenzt als bei The Interview und Das ist das Ende.

Stattdessen setzt Sausage Party enorm auf den Schockfaktor und den Reiz des Kalauerexzesses: Phallische Würstchen reden unentwegt davon, endlich in ein warmes Brötchen eindringen zu wollen. Ein niedliches, kulleräugiges Glas Honigsenf spricht von der Lügenwichserei der Götter. Und eine Intimdusche will nichts sehnlicher, als mit seinem Rohr eine Göttin zu säubern … All dies gewinnt aufgrund der South Park-artigen Vehemenz, die auf die immer wieder durchschimmernde Warmherzigkeit trifft, die Rogens Humor üblicherweise ausmacht, einen sehr pubertären, aber naiv-albernen Charme. Denn aller Kodderschnauze zum Trotz zeigen die Autoren ein ehrliches Interesse an der Beziehungsdynamik von Frank und Brenda sowie an der Hassliebe zwischen Lavash und Bagel. Unzählige visualisierte Wortspiele und die pointiert-inkonsistente Filmwelt mit ihren hysterischen Konsequenzen für ihre Bewohner sorgen letztlich auch für humoristische Abwechslung.

Es ist angerichtet
Sobald die handelnden Lebensmittel erstmal in ihr Abenteuer gestürzt werden, denkt Sausage Party die „Was wäre, wenn Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände leben würden?“-Idee auf stets pointierte Weise weiter – und entwirft eine kranke Welt voller amüsiert-überspitzter Stereotypen, leidender Produkte und der Küche als Folterkammer. Nebenher zanken die Figuren aber auch darüber, ob sie blind ihrer Religion folgen und glücklich-naiv sein sollten, oder lieber aufgeklärt und zynisch – oder ob es einen dritten Weg gibt. Außerdem wird auf humorvoll-aggressive Weise Toleranz beworben: Sausage Party reibt frech grinsend seinem Publikum die „Jedem, wie es beliebt“-Message ins Gesicht, was in den besten Momenten trotz (oder gerade wegen) des simplen Designs und der technisch sehr bescheidenen, detailarmen Animation cartoonigen Pepp hat: Wenn die Figuren Schmerzen leiden oder sich gegen Schluss ihrer Leidenschaft hingeben, zeigen die Animatoren Schwung – andere Sequenzen sind derweil nicht nur technologisch karg, auch die Figuren bewegen sich sehr mechanisch.

Verbunden mit den bewusst grotesk gestalteten menschlichen Figuren sieht Sausage Party daher stellenweise eher einfach nur hässlich aus, statt gezielt den Anschein eines Fließband Pixar-Abklatschs zu erwecken. Insbesondere der etwas langsamer erzählte Mittelteil, in dem Teile der Heldentruppe durch den Supermarkt irren, leidet darunter, was angesichts des inhaltlichen Leerlaufs doppelt schwer wiegt – und als Antagonist überreizt die aggressive Intimdusche mehrmals ihren narrativen Nutzen. Die hohe Schlagzahl an durchgeknallten Ideen im klimatischen Finale entschädigt jedoch für einige der Schwächen im zweiten Drittel: Irgendwann lässt der von Anfang an enthemmte Sausage Party sämtliche Grenzen hinter sich und steigert sich in einen feucht-fröhlichen Angriff auf etwaige Schamgrenzen – oder eben auf die Lachmuskeln.

Fazit: Sausage Party ist das, was passiert, wenn lauter Humor auf Tolldreistigkeit und kunterbunten Ideenreichtum trifft: Ein derber, durch und durch bescheuerter Filmspaß, der sich so genussvoll in kalauernder Dummheit suhlt, dass er einen mit seinen klugen Einfällen gehörig überraschen kann. Anders gesagt: So gaga, dass man es gesehen haben muss!

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

Freitag, 7. Oktober 2016

Die Highligen Drei Könige


Weihnachtsfreunde, lasst mich erzähl'n von 'nem Film, wo's so richtig kracht,
er heißt Die Highligen Drei Könige, 's ist 'ne Komödie, die ist echt 'ne Pracht!
Puritaner, denen religiöse Feste heilig sind, und Leute mit Drogenhumor-Allergie;
eure Chance, den derben Spaß zu mögen, liegt wohl bei: „Wahrscheinlich nie.“
Aber wer schon Superbad, Bad Neighbors oder 50/50 lustig fand,
der wird es wohl kaum bereu'n, wenn er kommt ins Heimkino angerannt.

Die Geschichte beginnt 2001, aufgrund einer schicksalshaften Weihnachtsnacht,
da wurden die Eltern von Teenager Ethan bei einem Unfall umgebracht.
Aber seine Freunde Isaac und Chris, die sind auch am 24.12. zur Stelle,
mit Alkohol, Gras, Kameradschaft: Auf zum Genuss, in aller Schnelle.
Eine Tradition ward geboren, die das Trio ins Erwachsenenalter begleitet,
14 Jahre später Zweien ihr verändertes Leben den Spaß d'ran verleidet.
„Ein letztes Mal!“, so lautet deswegen die Ankündigung,
geben sich die drei Brüder im Geiste die volle Dröhnung.

Dann entdeckt Ethan, der einzige, der diese Tradition nicht aufgeben will,
drei Eintrittskarten für einen sagenhaften Ball, der ist ganz und gar nicht still.
Also geht das Trio auf, in eine so wahrlich noch nie da gewes'ne Nacht,
mit alten Gewohnheiten, neuem Zoff – und einer hat Drogen mitgebracht.
Es sollen Stunden der Höhen und Tiefen, der absurden Eskapaden werden,
all das beim Warten auf ein Event, das vielleicht so schön, man könnt' glatt sterben.

Gedreht wurd' das Ganze von Jonathan Levine, dem Warm Bodies-Regisseur,
und der verleiht seinem Film ein besond'res, ausgewog'nes Odeur.
Er zeigt ebenso den überwält'gen, bunten Prunk der Großstadt-X-mas-Partys,
und die peinlich berührte Geselligkeit, wenn man sitzt bei seiner Freunden Mammis.
Doch vor allem steht der Jonathan nie der Dynamik seines Titeltrios im Weg,
und das ist gut, denn die ist so köstlich wie so manches Steak.
S'harmonieren wundervoll, Seth Rogen, Anthony Mackie und Joseph Gordon-Levitt,
ihr Zusammen- und Gegen'anderspiel, so fesch und echt, 's hält den Streifen fit!
Bewirkt wird’s durch Aufnahmen, die sich konzentrieren auf die Truppe der Drei'n,
und eben jene lässt er versiert gen Pointe juxen, der Jonathan, der Levine.

Aber diese Buddy-Komödie ist nicht nur gesellig, sondern auch absurd,
und wenn's passiert, schnellt das Tempo so an, man braucht fast 'nen Gurt!
Ob entgleisender Drogentrip, wilder Toilettensex oder verrückte Partyideen,
was den drei Weggefährten geschieht, lohnt sich zu seh'n!
Highlight ist Michael Shannon als creepy Drogendealer, die Rolle hat's ihm angetan,
auch humorig und engagiert mit dabei: Mindy Kaling, Jillian Bell und Lizzy Caplan.
Nur bedauerlich: Diese Damen dürfen nur kurz ihr Potential zeigen; was ist da los?
Naja, immerhin gibt’s dafür hammergeile Cameos.

Ihr fragt euch, wie dieser Film denn all das macht,
wie er uns mit grobem, teils erzwung'nem Chaos zum Lachen gebracht?
Entscheidend ist das Gleichgewicht,
wie sich hier Plausibles und Schrilles mischt.
Die Figuren und ihre Sorgen sind geerdet genug,
dass sie nich' wirken wie flacher Kino-Betrug.
Wenn das Skript diese Bro's zu Bizarrem hinleitet,
vor Überraschung einem 'n lauter Lacher entgleitet.

Gleichwohl die Filmwelt von Die Highligen Drei Könige so benebelt ist,
so besoffen oder nur trunken von der Festtagsstimmung, an der sich alles misst,
man nie denkt: „Dies' Handeln, dieser Satz, diese Wende, hat die Logik gebrochen!“
Und so ein Rezept könn' nur rare Partyeskapaden, wie Hangover, kochen.
Der drei Helden Sorgen, ihr gelegentlicher Zwist,
stets nachvollziehbar auf jedermanns Seite ist.
Aber die Kabbelei von ihnen nie lang den Spaß versaut,
daher man zu den Kumpels 'ne Bindung aufbaut.
Ja, ein paar kleine Zieher hat diese Komödie zwar,
doch wenn sie aus allen Rohren feuert, ist's wunderbar.

Ein Fazit, das geb' ich euch nun wirklich gern,
dieser Film ist ein herzlich, zotig-frivoler Spaß
für diese Weihnacht und für Winter, die noch sind fern.
Denn bei aller Blödelei ist's kein hin'klotzter Kiffer-Fraß.

Sind's ein liebenswert' Trio, Joseph Gordon-Levitt, Anthony Mackie und Seth Rogen,
und den wen'gen Leerlauf übertönen fesche Szenen mit hoher Rewatchability,
daher sag ich: Die Highligen Drei Könige ist toll, jubel-di und jubel-den.
Anhänger herb-gutherz'ger Komödien, schaut ihn und lachet: „Ha-ha-hi!“
Also, wollt ihr Die Highligen Drei Könige sehen,
dann solltet ihr ab dem 20. Oktober in den Handel gehen!



Mittwoch, 13. April 2016

Steve Jobs




Für die zahllosen Apple-Fans weltweit ist es eine Selbstverständlichkeit. Und auch sämtliche Apple-Verweigerer müssen es sich wohl zähneknirschend eingestehen: Steve Jobs war ein Genie. Der Unternehmer trieb die Entwicklung von Heimcomputern voran und machte nach der Jahrtausendwende mit iTunes und dem iPod legale Musikdownloads sowie MP3-Player zu gigantischen Marktzweigen. In Jobs' späteren Jahren folgten schlussendlich seine womöglich größten Erfolge: Die iPhones, dank derer das Smartphone für weit mehr als eine Milliarde Menschen zu einem unverzichtbaren Alltagsgegenstand wurde.

Obwohl dank zahlreicher Zeitungsartikel sowie Biografien das Wesen des Mannes hinter diesen Erfolgen wohl publiziert ist, haben unzählige Apple-Jünger ein ganz eigenes Bild von Steve Jobs. Während ein Gros von Jobs' Angestellten und Weggefährten den Rollkragenpulloverträger als Egomanen zeichnet (und sogar eine Webseite mit entsprechenden Anekdoten existiert), schwärmen Millionen von treuen Nutzern in hohen Tönen von Jobs. Schließlich kennen sie ihn primär durch seine Auftritte bei Apple-Produktpräsentationen, beziehungsweise von den
Keynotes, wie sie letztlich getauft wurden. Und da präsentierte sich Jobs dank Showmanship und Selbstvermarktungstalent so, wie er sich selber sah: Als Maestro der Digitaltechnologie und des Designs. Wenn nicht gar als personifizierter Wegweiser der Menschheit in eine neue Zeitrechnung.

Deswegen ist es Geniestreich und äußerst kniffliges Unterfangen zugleich, dass Steve Jobs all diese bedeutenden Eckpunkte rund um seine 2011 verstorbene Titelperson konsequent vereint: Der langjährige Apple-CEO wird von Drehbuchautor Aaron Sorkin (The West Wing, The Social Network) und Regisseur Danny Boyle (Slumdog Millionär, 127 Hours) als Despot und Held dargestellt, darf sich als Vordenker feiern und Dickschädel beschimpfen lassen. Und all dies in drei stilistisch strikt getrennten Akten, die allesamt die letzten Minuten vor einer aufwändig gestalteten Produkteinführung repräsentieren. Mit dieser Vorgehensweise erfasst die in den USA gefloppte 30-Millionen-Dollar-Produktion die Essenz seiner hier porträtierten Hauptfigur. Es geht nicht um historische Genauigkeit – es werden unternehmerische und charakterliche Entwicklungen zusammengerafft, Aussagen zugespitzt und Running Gags erschaffen. Aber durch die narrative wie inszenatorische Stilisierung erweckt Steve Jobs, anders als viele andere Biopics, auch gar nicht erst den Anschein, schlicht eine Faktensammlung zu sein.

Sorkin und Boyle streben nach einer packenden, geistreichen und kurzweiligen Interpretation Jobs'. Ein so ambitioniertes Ziel könnte anhand diverser Kleinigkeiten scheitern – sei es ein zu sklavisches Orientieren an Jobs' echten Gestus, wodurch der Hauptdarsteller in seiner Performance behindert wird. Oder ein zu theatrales Herunterbrechen der realen Eckdaten und Manierismen auf die Bedürfnisse des Films, so dass die Figuren nicht mehr glaubwürdig wirken. Oder alternativ ein Übermaß an Informationshalden, die den Plot ausbremsen, um selbstgefällig den Kinobesuchern vorzuführen, wie viel Recherche die Filmemacher betrieben haben.

All diese Stolpersteine vermeidet dieses Ausnahme-Biopic jedoch mit konsequenter Leichtfüßigkeit. Überhaupt erstaunt es, wie behände und mit welch mitreißendem Tempo Boyle das vielschichtige, eloquente Skript auf die Leinwand bringt. Der Oscar-Preisträger nutzt sein Händchen für entfesselte, kinematografische Energie, indem er Informationen und Stimmungen audiovisuell so unterbringt respektive kreiert, dass sie dem von Wortwitz, Metaphern und tiefgehenden Monologen gespickten Drehbuch nicht im Weg stehen.

Der erste Akt, der 1984 kurz vor der Präsentation des Macintosh spielt, ist etwa in grobkörniger 16mm-Qualität gefilmt. Mit dem harschen Kontrast und dem altmodisch-grieseligen Look dieses Akts wird nicht nur markiert, in welcher Zeit er spielt – diese Ästhetik verleiht den ersten Steve Jobs-Minuten auch einen jugendlichen Leichtsinn. Die Optik steht stellvertretend für die Mischung aus Unerfahrenheit und großem Willen, der an den technischen Möglichkeiten scheitert, die Jobs in diesem Akt ausmacht.

Der zweite Akt ist im traditionellen 35mm-Format gedreht, und kommt entsprechend graziös und cineastisch daher – gepaart mit dem Filminhalt (Jobs stellt 1989 die Demo seines Soloprojekts NeXT vor, das er nach seinem Apple-Rausschmiss anpackte) und den stilvoll-aggressiven Rottönen des Schauplatzes wird die Stimmung einer überlebensgroßen Rachestory geschaffen. Der letzte Akt ist dagegen mit einer Alexa-Digitalkamera gedreht, hievt Steve Jobs also ins Heute. Klare, gedämpfte Farben und facettenreiche Weiß-, Grau- sowie Blautöne unterstreichen, dass die Welt, wie Jobs sie sich vorgestellt hat, hereinbricht – und weil der heutige Kinogänger bestens an die Digitalästhetik gewöhnt ist, wird er auch nicht weiter unterschwellig vom Leinwandgeschehen distanziert. Da sich Jobs, dargeboten von einem atemberaubenden, mannigfaltigen Michael Fassbender, allmählich seiner Medienpersona annähert, wirkt der Wegfall dieser subtilen Hürde zwischen stilisierter Filmwelt und dem Publikum sogar doppelt intensiv.

Nicht nur Fassbender brilliert vor der ausdrucksstarken Kamera Alwin H. Küchlers: Das gesamte Ensemble ist perfekt besetzt und darf seine Stärken ausspielen, ohne dabei in gewohnte Schemata zu verfallen. Comedy-Star Seth Rogen begeistert als Computeringenieur Steve Wozniak, den eine Hassliebe zu Jobs verbindet und der in jedem Akt ein freundschaftlich gemeintes, doch stets ausartendes Streitgespräch mit dem Apple-Mitgründer sucht. Kate Winslet darf als Jobs' rechte Hand Joanna Hoffman würdevoll ihren trockenen Humor ausleben, Jeff Daniels und Michael Stuhlbarg geraten unterdessen auf gänzlich unterschiedliche Weise in schweißtreibende Machtkämpfe mit Jobs. Und Katherine Waterston als Chrisann Brennan meistert die schwere Aufgabe, eine von Sorkin geschriebene, instabile Ex-Frau zu spielen, ohne dabei ein Abziehbild abzugeben. Auch das Trio an Darstellerinnen der lang verleugneten Jobs-Tochter Lisa (Makenzie Moss, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine) manövriert sich löblich durch die gestochen scharfen Wortgefechte.

Untermalt wird all dies von einem wandlungsfähigen, ins Ohr gehenden Score von Daniel Pemberton (The Counselor), der stets genau den Tonfall der jeweiligen Szenen trifft, dezent überhöht, aber nie ins lachhaft Übertriebene zieht. Von simplen, kühlen Retro-Elektronikklängen zu energischen Opernarien hin zu kraftvollen, elektronisch unterstützen Symphoniesounds wie sie aus 80er-Filmen bekannt sind: Pemberton treibt dieses eh schon zügig erzählte Biopic mächtig an.

Erst in den finalen Minuten geraten Sorkins Drehbuch und Boyles Regieführung doch noch ins Stolpern. Einerseits, da der emotionale rote Faden in Form der komplizierten Beziehung zwischen Jobs und seiner Tochter auf den letzten Metern zum alles überschattenden Thema wird. Die Wandlung vom beiläufig behandelten Konflikts hin zum explizit verbalisierten Vater-Tochter-Anbandeln wirkt in der gebotenen Offensichtlichkeit zu konstruiert und  obendrein zu platt für diesen flinkzüngigen Film. Die emotional aufgeladene Inszenierung unterstreicht diesen Bruch leider zusätzlich. Da zudem die Zielgerade von Steve Jobs mit erzwungenen Vordeutungen um sich schmeißt, welche Produkte Jobs nach dem iMac noch präsentieren wird, verliert das Finale – gemessen am zuvor gebotenen, immensen Niveau –  an Brillanz und Eleganz.

Denn Jobs' Werdegang zum Erfolgsunternehmer ist in diesem Akt abgeschlossen, nach der Filmhandlung geht es nur noch bergauf, und auch seine vertrackte private Seite ist – zumindest auf der Leinwand – bereits stabilisiert. Der Mann wird im Film also schon zur (streitbaren) Legende – die Anspielungen auf den iPod, das iPhone und das iPad sind vor diesem Hintergrund nur banale, überoffensichtliche Anbiederungen ans Publikum, statt inhaltliche Bereicherungen. So, als wolle Sorkin dem Zuschauer in die Seite boxen: Na, na, du weißt, worum es nun geht, richtig? Toll, oder?!

Diese künstlerischen Patzer sind jedoch gerade einmal Schönheitsfehler in einem sonst rundum beeindruckenden Film. Denn Steve Jobs ist herausragend konstruiert und faszinierend gestaltet – also genau das, was auch der echte Steve Jobs von seinen Produkten verlangt hat. Womit Sorkin und Boyle dem Mann, den sie in ihrer rund zweistündigen Kinoarbeit in solch einem unvorteilhaften Licht darstellen, letztlich doch einen ehrfürchtigen Tribut zollen.

Fazit: Mit gewitzten und geistreichen Dialogen und einer starken audiovisuellen Präsentation sowie preisverdächtigen Performances ist Steve Jobs energiereich, smart und obendrein beseelter als jedes Apple-Produkt.

Samstag, 22. Februar 2014

Meine 30 Lieblingsfilme 2013 (Teil I)

Ja, ja, ich weiß, welcher Kommentar einigen von euch in den Fingern juckt. Spart ihn euch: Ich weiß, dass ich mit der Aufzählung meiner liebsten Filme des vergangenen Kinojahres später dran bin als nahezu alle anderen Filmblogger dieser Welt. Doch ich möchte das Kinojahr ein wenig ruhen lassen und zu den Starts aus den späteren Monaten ein wenig Abstand gewinnen, ehe ich versuche, abzuschätzen, welche Produktion mir denn wie sehr ans Herz gewachsen ist.

Womit ich beim nächsten entscheidenden Punkt angelangt wäre. Und ich kann es wahrlich nicht oft genug wiederholen: Dies sind meine liebsten Filme 2013. Es sind nicht zwingend die meiner Ansicht nach wichtigsten Kinostreifen, es sind nicht die, die in der Filmgeschichte am ehesten einen Ehrenplatz verdient hätten. Es sind nicht meine Empfehlungen für jedermann oder den großen, geheiligten Kanon der Filmkunst. Es sind die Filme, an die ich am liebsten zurückdenke, die Werke, die mich am nachhaltigsten mit ihrem Spaß, ihrer Spannung oder ihrem Tiefsinn erfreuen. Es sind die Filme, die mein Herz höher schlagen lassen. Wenn also kein potentieller Oscar-Gewinner auf dem ersten Platz landet … lebt damit. ;-)

Platz 30: Drecksau (Regie: Jon S. Baird)
Eine Tour de Force von einem Psychodrama: James McAvoy spielt in dieser Romanadaption einen intriganten, drogensüchtigen, übellaunigen Cop, der sich zwecks einer Beförderung darin übt, seine Kollegen und Kolleginnen schlecht aussehen zu lassen. Gleichzeitig nimmt er einen schwer durchschaubaren Mordfall an, hoffend, so seinem Vorgesetzten zu beweisen, dass er das beste Pferd im Stall ist. In Wahrheit ist er aber nur eine unausstehliche Drecksau – oder doch nicht? McAvoy legt die Hauptfigur in diesem beklemmend inszenierten Psychogramm als teils mitleiderregenden, teils abscheulichen Verlierer in einem ständigen Kampf gegen innere Dämonen an. Erdrückende Musikbegleitung von Clint Mansell (seit Requiem for a Dream ein Maestro der psychotischen Filmmusik) und zunehmend albtraumhafte Bilder machen diese bittere Tragikomödie dann endgültig zu einem soghaften, schwer vergesslichen Schweinsgalopp durch das schwere Leben eines Soziopathen.

Platz 29: Prisoners (Regie: Denis Villeneuve)
Zwei befreundete Familien begehen unbedarft ihre jährliche, gemeinsame Thanksgiving-Feier. Bis plötzlich die beiden jungen Töchter der liebenden Eltern verschwinden. Einen Verdächtigen will der aufgebrachte Vater Keller Dover (Hugh Jackman) bereits ausfindig gemacht haben, aber der nervlich angeschlagen wirkende Polizist Loki (Jake Gyllenhaal) hegt mächtige Zweifel an Kellers Theorien. Regisseur Denis Villeneuve streut in seinem bedächtig erzählten, moralisch ambivalenten Kriminaldrama Indizien für beide Seiten dieser verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit, was es zu einer intellektuell packenden, berührenden Kinoantwort auf diverse TV-Krimiserien macht. Jackman und Gyllenhaal sowie Paul Dano als Hauptverdächtiger liefern intensive, die Dramatik schürende Performances ab und Kameralegende Roger Deakins taucht das Geschehen in kühle, schattige Bilder, die zu den besten des Kinojahres zählen. Eine bewusste Publikumsirreführung weniger hätte es sein dürfen, sonst aber ein wirklich runder Vertreter eines schnell unterschätzten Genres.

Platz 28: Das ist das Ende (Regie: Seth Rogen & Evan Goldberg)
Unter den Weltuntergangskomödien des Filmjahres 2013 ist diese mein Favorit: Wirkte im direkten Vergleich Edgar Wrights The World's End auf mich zu verkrampft, zu bemüht, zu hölzern, so ist das Langfilm-Regiedebüt von Seth Rogen und Evan Goldberg in meinen Augen ein herrlich losgelöster, wilder Kinospaß. Die unaufhaltsamen Wortgefechte zwischen Seth Rogen, Jay Baruchel, Danny McBride, Jonah Hill, James Franco und Craig Robinson sind nicht nur spitzzüngig, sondern demontieren gleichermaßen Hollywood-Freundschaftsklischees. Die Darstellertruppe zieht das Image jedes einzelnen Mitglieds dieser Bande durch den Kakao und obendrein gibt es zwischen den lauten Lachern auch einige glaubwürdige Randbemerkungen über die Funktionsweise von Freundschaftskreisen zu vernehmen. Hinzu kommt eine gute Prise apokalyptisches Chaos und fertig ist eine der lustigsten Hollywood-Komödien der vergangenen zehn Jahre.

Platz 27: Kon-Tiki (Regie: Joachim Rønning und Espen Sandberg)
Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schö-höön … Oder? Der Naturforscher und Entdecker Thor Heyerdahl macht es sich im Jahre 1947 zur Aufgabe, einen uralten Glauben der Geschichtsforschung zu widerlegen, wonach die ersten Einwohner Polynesiens aus Taiwan kamen. Befreundete Einwohner dieses sonnigen Paradieses erzählen in ihren Sagen nämlich von ersten Siedlern, die aus Richtung Südamerika kamen. Also trommelt der verbissene, wissbegierige Abenteurer eine eklektische Truppe zusammen, die ihm auf einem nur mit Mitteln aus der Zeit um 450 gebauten Floß auf eine Expedition begleiten, die beweisen soll, dass eine Überfahrt auf dieser Strecke tatsächlich möglich ist. Auf dieser todesmutigen Reise geraten Heyerdahl und seine Begleiter mehr als einmal in stürmische Auseinandersetzungen, während denen sich die Frage stellt, ob unverfälschte Forschungsergebnisse wichtiger sind als ein sich sicher fühlendes Forscherteam und wo der feste Glaube an wissenschaftliche These zu einem fanatischen Irrglauben wird – oder vielleicht zu einem Glauben an das Transzendentale. Sofern diese ganze Expedition nicht eh einen reinen Egotrip darstellt. Intensive Schauspielleistungen, poetisch-opulente Bilder und mit wenigen Mitteln erzeugte Hochspannung machen dieses Seefahrerdrama zu einem wahren Sehgenuss und wecken zugleich gigantische Hoffnungen auf das nächste Kinoprojekt des norwegischen Regieduos – eine weitere kleine, unabhängige Abenteuerproduktion über Seefahrer. Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales soll sie heißen, glaub ich ...

Platz 26: Evil Dead (Regie: Fede Alvarez)
Remakes haben unter vielen Filmliebhabern einen denkbar schlechten Ruf. Dabei zählen sie einerseits fast schon seit Beginn der Kinogeschichte zum cineastischen Alltag und andererseits sind einige große Klassiker, selbst wenn viele es vergessen haben, ihres Zeichens Remakes. Das atmosphärische Splatterfest Evil Dead wird wahrscheinlich nicht eines Tages als filmischer Meilenstein gefeiert, trotzdem zähle ich es stolz zu meinen persönlichen Favoriten 2013. Völlig humorbefreit, in garstigen, hochauflösenden Bildern und mit einer Parade an handgemachten Spezialeffekten (in einer Zeit der computergenerierten Dauereffekte): Evil Dead ist eine würdige Wiederbelebung von Sam Raimis trashig-kultigem Tanz der Teufel - und einfach richtig, richtig kurzweilig.

Platz 25: Only Lovers Left Alive (Regie: Jim Jarmusch)
Autorenfilmer und Musik-Connoisseur Jim Jarmusch entzaubert mit stillem Genuss den lange Zeit romantisierten, nun der Kommerzgier geopferten Vampirmythos und schöpft mit Only Lovers Left Alive eine atmosphärisch dichte, melancholische Erzählung über zwei ihrer Existenz müde gewordene Unsterbliche, die mit versnobtem Blick auf die verdummende, sich selbst und ihre Umwelt zerstörende Menschheit herabblicken. Ein berührend lakonischer Tom Hiddleston und eine staubtrocken, messerscharf witzige Tilda Swinton sinnieren in dieser geistreichen, stilvoll kargen Komödie über Literatur, Musik und die Reinheit der Menschheit, hinzu kommen ein vorübergehend die Spannungsschraube aufdrehender Auftritt von Mia Wasikowska als unkultivierte, ungestüme Jungvampirin sowie ein betörend nachdenklicher Soundtrack: Jarmuschs faszinierend urbane Vampirerzählung ist ein kleiner Geniestreich des lethargisch-gewitzten Kinos.

Platz 24: Der Geschmack von Rost und Knochen (Regie: Jacques Audiard)
Rau, unbeschönigt, kühl, aber einfühlsam, frei von Betroffenheitsvoyeurismus und eindrucksvoll gespielt: Das französische Drama Der Geschmack von Rost und Knochen lässt seine Zuschauer an der berührenden, gleichwohl erschreckenden Leidensgeschichte der Waltrainerin Stéphanie (mitreißend, vielschichtig und subtil: Marion Cotillard) teilhaben, die einen grauenvollen Unfall erleidet und sich seitdem allein auf der Welt fühlt. Ausgerechnet der cholerische, alleinerziehende Hobby-Boxer Ali (einzigartig, aber einen Hauch zu schroff: Matthias Schoenaerts) nimmt sich als einziger seiner Zufallsbekannten an, die seinem mitleidigen Freundschaftsdienst aber kaum etwas abgewinnen kann. Nur allmählich tauen die beiden Außenseiter auf, was Regisseur Jacques Audiard in kunstvollen, ruhigen Sequenzen illustriert. Ein Drama, das unter die Haut geht.

Platz 23: Tore tanzt (Regie: Katrin Gebbe)
Drei Kapitel, eine Leidensgeschichte: Der einzige bei den Filmfestspielen in Cannes 2013 gezeigte deutsche Filmbeitrag Tore tanzt berichtet sehr frei nach wahren Begebenheiten vom gutgläubigen wie auch strenggläubigen jungen Erwachsenen Tore (Julius Feldmeier), dessen Wege sich mit einer sozialschwachen Familie kreuzen. Tore beschließt, den von Konflikten geplagten Leuten beizustehen, nicht zuletzt auch aus Zuneigung zur heranreifenden Stieftochter des grantigen Patriarchen Benno (Sascha Alexander Gersak). Tores nicht im Geringsten korrumpierbare Seligkeit bringt diesen allerdings zunehmend aus der Fasson: Aus kumpelhaft gemeinten Hieben werden beabsichtigte Boxschläge, die Dankbarkeit für Tores unablässige Hilfsarbeiten macht Raum für kaltschnäuzigen Nachdruck, mit dem vom „Jesusfreak“ Handwerksdienste verlangt werden. Eine Spirale des Psychoterrors beginnt, der Tore nicht zu entfliehen gedenkt. Katrin Gebbe hält dokumentarisch auf Tores zermürbende Lage drauf, nahezu ohne inszenatorischen Kommentare und befreit von voyeuristischer Gier nach Leid. Lediglich die Überschriften der drei Akte dieses abgründigen Dramas und vereinzelte, doppelbödige Musikuntermalungen liefern Interpretationsansätze – ob die Regisseurin mit ihrem an frühe Arbeiten Lars von Triers erinnernden Film nun aussagen möchte, wie erfolgsversprechend das Prinzip der christlichen Nächstenliebe in unserer heutigen Gesellschaft ist oder ob sie eine emotional nachhallende Variante des Torture Porn beabsichtigte, ob sie Tore in rein positivem Licht zeichnet oder nicht … das kann der geneigte Zuschauer in diesen Momenten selber entscheiden.

Platz 22: The ABCs of Death (Diverse Regisseure)
Viele Episodenfilme sind ziemlich deutlich einem Genre zuzuordnen: Tatsächlich … Liebe etwa ist wenig überraschend ein Liebesfilm, Movie 43 eine grauenhafte Komödie und V/H/S ein Horrorstreifen. Und es liegt nahe, die unabhängig produzierte, wild zusammengewürfelte Episodenzusammenstellung The ABCs of Death ebenfalls ins Horrorfach zu stecken. Immerhin handeln die 26 Kurzfilme davon, auf welche Arten und Weisen der Tod einen Menschen heimsuchen kann und mit Filmemachern wie Ti West, Marcel Sarmiento oder Jake West waren einige Veteranen der schaurigen Erzählkunst an diesem Projekt beteiligt. Jedoch ist der Aufhänger „26 Wege, die in den Tod führen“ nichts weiteres als genau das: Eine lose Themenvorgabe für die 26 Regisseure dieses Episodenfilms, die naheliegend interpretiert werden und in eine kurze Schreckensgeschichte münden kann oder auch eine tonal völlig andere Auslegung erhalten darf. Und so umfasst diese außergewöhnliche Zusammenstellung an Kurzfilmen morbiden und albernen Humor, kunstvolle handwerkliche Übungen, psychisches Grauen, Splatter und Groteskes. Mehr als alle Mainstream-Episodenfilme ist The ABCs of Death ein kleines Happening der Filmkunst und weniger ein kohärenter Genrevertreter mit einer Vielzahl an Plotlines. Nicht jede Episode trifft ins Schwarze, aber dies ist unterm Stich leicht zu verzeihen. Hoffentlich bleiben sich die Produzenten treu und erschaffen mit The ABCs of Death 2 eine weitere Wundertüte an Episoden unterschiedlicher Ausrichtungen – und nicht etwa plötzlich einen reinen Horror-Episodenfilm.

Platz 21: Die Monster Uni (Regie: Dan Scanlon)
Pixar befand sich für einige Jahre auf einem absoluten Durchmarsch. Ratatouille, WALLE und Toy Story 3 zählen für mich zu den besten Filmen aller Zeiten und sind mir unfassbar eng ans Herz gewachsen, Oben, Die Unglaublichen, Findet Nemo finde ich ungeheuerlich stark und Die Monster AG sowie selbst der Original-Cars-Film gefallen mir sehr. Aber keine Glückssträhne hält ewig. Cars 2 zählt mit seinem tönenden Humor, seinen flachen Charakterisierungen und einer extrem fehlgeleiteten Moral für mich zum schlechtesten, was unterm Disney-Label je ins Kino entlassen wurde, 2012 folgte mit dem Schottenmärchen Merida – Legende der Highlands eine fehlgeleitete, frustrierende Produktion, die mich allmählich heftig an Pixar zweifeln ließ. 2013 fand Pixar aber zum Glück ein Stück weit zu seiner früheren Größe zurück: Dieses Prequel ist visuell in seinem Einfallsreichtum überaus beeindruckend und der Score von Randy Newman macht mit seiner spielerischen Adaption klischeehafter Collegefilm-Musik viel Spaß. Das Duo Mike Glotzkowski & James P. Sullivan ist viel zu sympathisch, als dass dieser Streifen enttäuschen könnte und die Monsterwelt, die Pixar hier ausbaut, ist erstaunlich fantasiereich. Hinzu kommt, dass Die Monster Uni für mich klar ein Film ist, der ab dem zweiten Mal Anschauen mehr Spaß macht als beim ersten Mal – denn die bei der Erstsichtung stets den Sehspaß bremsende Befürchtung, dies sein schlichtweg einfach irgendeine Uni-Komödie, verfliegt dank des Vorwissens, wie Pixar die Brücke zur Ausgangslage von Die Monster AG schlägt. Wieso es trotzdem nicht für meine Top 20 genügte? Der tonale Richtungswechsel kommt mir einfach etwas zu spät und so ist dies für mich lange „nur“ eine spaßige Komödie und erst gen Schluss ein wirklich, wirklich denkwürdiger Animationsfilm.

Fortsetzung folgt ...

Sonntag, 10. Februar 2013

Meine 25 Lieblingsfilme 2012 (Teil I)

2012 war in meinen Augen ein herausragendes Kinojahr. Das war zwar zu weiten Teilen auch einigen Filmen zu verdanken, die 2011 ihre Weltpremiere hatten und erst nach dem Jahreswechsel den Weg in die hiesigen Lichtspielhäuser fanden, dennoch hatte ich im Jahr des Superhelden-Blockbuster-Duells sehr oft enorme Freude an meinen Kinobesuchen. Nie zuvor schmerzte mich das Erstellen der Top Ten so sehr wie dieses Mal, denn es war nicht nur schwer, eine Rangfolge zu finden, sondern auch, überhaupt zu beschließen, welche Filme ich widerwillig der Top Ten verweise. Eine Top Ten mit 15 Filmen wirkt halt etwas unglaubwürdig ...

Gewohntermaßen dauert es allerdings noch, bis wir so weit sind. Los geht es erstmal mit einigen Produktionen, die mich entweder sehr gut unterhielten oder auf inszenatorischer oder intellektueller Ebene überzeugten, und trotzdem nicht das ganz hohe Feuer der Filmleidenenschaft bei mir entfachten.

Und wie immer gilt: Diese Hitliste repräsentiert nicht die 25 Produktionen, die ich in einen filmhistorischen Kanon packen würde oder für die größten cineastischen Errungenschaften des Kinojahres halte. Stattdessen sind es meine 25 Lieblinge, die Filme, die ich nahe an meinem Kinofanherzen trage.

Platz 25: Verblendung (Regie: David Fincher)

Skandinavische Eislandschaften und sterile Großstädte, so eiskalt wie die Seelen der Menschen, die darin leben. Korruption verstopft Politik und Wirtschaft, Frauenfeindlichkeit gehört zu den gepflegten Umgangsformen machtvoller Männer. Wo die schwedische, ins Kino beförderte TV-Verfilmung von Stieg Larssons Bestseller diesen Hintergrund nutzte, um eine klassische Ermittlungsgeschichte in einem jahrzehntealten Mordfall zu erzählen, wendet David Fincher in seinem US-Remake seinen Blick eben dieser kühlen, misanthropischen Kulisse entgegen. Wie das Original hat auch Finchers Verfilmung ein paar Pacingprobleme, aber die Sogwirkung von Regie- und Kameraführung machen dies weitgehend wieder wett. Bleibt nur die Frage, ob Fincher sich noch den Fortsetzungen annimmt …


Platz 24: Die Piraten! – Ein Haufen merkwürdiger Typen (Regie: Peter Lord)

Die Aardman Studios schufen mit diesem charismatischen Piratenspaß einen typisch britischen Stop-Motion-Trickfilm voller absurder, verschrobener Figuren und zahlloser Detailgags, die auch ein zweites oder drittes Anschauen rechtfertigen. Die Story des unrühmlichen, netten Piratenkapitäns, der zum Piraten des Jahres gewählt wird und bei der Suche nach fetter Beute Darwin und der Königin von England über den Seeweg läuft, ist sehr lässig erzählt und könnte zwecks Spannung etwas Fokus gebrauchen, doch als Piratenliebhaber kann ich dem Film nicht zu böse sein, dass er sich auf liebevolle Seeräuberkarikaturen versteift.


Platz 23: 50/50 (Regie: Jonathan Levine)

Die autobiographisch beeinflusste Tragikomödie von Drehbuchautor Will Reiser besticht insbesondere durch ihre feinfühlige Mischung aus Kumpelhumor und ehrlicher, nicht auf die Tränendrüse drückender Dramatik sowie ihr tolles Ensemble. Joseph Gordon-Levitt liefert eine facettenreiche, berührende Performance ab, während Anna Kendrick wieder einmal beweist, dass sie viel zu gut für Twilight war und Seth Rogen seiner typischen Kumpelrolle bewusst und effektiv einige anstrengendere Seiten einverleibt.


Platz 22: ParaNorman (Regie:Sam Fell & Chris Butler)

Der zweite Stop-Motion-Film in dieser Jahreshitliste hat wesentlich mehr Punkte für seine Story verdient als Die Piraten: Diese liebenswerte Horror-Hommage begnügt sich nicht bloß damit, ein Genre zu ehren, in dem die jüngeren Zuschauer kaum versiert sein sollten, sondern erzählt auch eine schöne Parabel über das Außenseitertum und wie es mit Missverständnissen zusammenhängt. Dabei schlagen die Macher dieser Trickkomödie nicht in altbekannte Kerben und nehmen Ausgestoßene bedingungslos in Schutz, sondern weisen auch darauf hin, wie sie sich in ihren Schmerz einigeln und selbst ihr Leid vergrößern. Grusel, Humor und eine tolle Aussage. Leider ist ParaNorman visuell nicht auf der Höhe von Laikas Meisterwerk Coraline und das Finale ist mir auch zu ausgedehnt, so dass es für einen Platz in den Top 20 dieser Liste dann doch nicht reichte.


Platz 21: Cosmopolis (Regie David Cronenberg)

Robert Pattinson als blutleerer, gefühlskalter Lackaffe, der sich selbst für den Größten hält? Welch perfekter Besetzungscoup! Nun, da der offensichtliche Gag aus dem Weg ist: Die Figuren in Don DeLillos wirtschaftskritischem Roman reden wie gedruckt – und das überträgt David Cronenberg in seiner Adaption ohne jede Rücksicht und ohne jegliche Verluste auch auf die Leinwand. Dies ist die ärgste Schwäche an Cosmopolis, da Cronenberg über das Ziel hinausschießt, so dass nicht nur die Künstlichkeit der Monologe übermittelt, sondern der Zuschauer teils vollkommen gegen die Wand geredet wird. Aber auch ohne hilfreiche, kurze Atempausen entwickelt die sterile Charakterdystopie eine erstaunliche Sogwirkung, da sämtliche Darsteller allein schon über den Sprachduktus das Wesen ihrer Rollen auszudrücken vermögen. Der unrealistische New-York-Trip nimmt eine geniale Wende, sobald Pattinsons Kapitalist einem ähnlich manischen Opfer der Wirtschaftslage begegnet und Arthouse-Liebling Paul Giamatti eine herrlich theatralische Darbietung abgibt.


Platz 20: Looper (Regie: Rian Johnson)

Zeitreisefilme rennen nahezu naturgemäß in Ansammlungen von Paradoxien, die entweder faszinierende Handlungselemente oder störende Logiklöcher sein können. Autorenfilmer Rian Johnson entwarf mit Looper einen Sci-Fi-Neo-noir-Thriller, der eine in sich plausible, dreckige, urbane Zukunft entwirft, in der Zeitreisen verboten sind und allein von Auftragskillern genutzt werden. Diese zahlen jedoch einen großen Preis dafür. Johnsons Herangehensweise ist in sich schlüssig und seine zahlreichen Verweise auf frühere cineastische Werke sind unaufdringlich und fügen sich wundervoll in die karge Grundatmosphäre ein. Bruce Willis und Joseph Gordon-Levitt spielen hervorragend auf, auch Emily Blunt spielt einmal mehr mehrschichtig und auf simple Art einvernehmend. Mein Problem mit Looper sind die übernatürlichen Non-Sci-Fi-Elemente, die mir zu sehr in den Fokus rückten und zudem auch mit zu viel Tamtam inszeniert sind, was sich für mich nicht ins Gesamtwerk einfügen wollte. Generell hätte der Film straffer sein dürfen.

Siehe auch: