Freitag, 1. Februar 2019

Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil II)

Heiter geht es weiter mit meiner erstmals 50-teiligen Hitliste der Filme, die mich im Laufe des deutschen Filmstartjahres am meisten erfreut haben. Bevor ich die nächsten Plätze vorstelle, spanne ich euch aber noch ein bisschen auf die Folter und reiße ein paar Ehrennennungen an, also Filme, die es fast in die Favoritenliste geschafft hätten.

Da wären Isabel Prahls reduziertes, deutsches Drama 1.000 Arten, Regen zu beschreiben, das von einer zerrissenen Familie handelt, die sich wundert, weshalb einer von ihnen sein Zimmer nicht mehr verlassen möchte. Gut gespielt und einfühlsam, ist es ein sehr empfehlenswerter Film für alle, die sich nochmal vor Augen führen wollen, wie vielseitig das deutsche Kino sein kann. Paul Feigs Nur ein kleiner Gefallen ist unterdessen eine von Blake Lively und Anna Kendrick pointiert gespielte, parodistische Thrillerkomödie mit umwerfend schönen Kostümen und boshaft-gerissenen Dialogen sowie völlig abstrusen Twists. Ant-Man and the Wasp ist feiner Marvel-Spaß mit tollem Tempo, Ghost Stories ist eine doppelbödige Horror-Hommage mit einem genialen Martin Freeman und The Florida Project ist eine grandiose Sozialstudie über Sozialschwache, die in der Nähe von Walt Disney World leben und wäre wohl für einen der vordersten Plätze in meiner Jahreslieblingsliste prädestiniert gewesen - doch leider verzeihe ich dem Film seine grobschlächtigen letzten paar Sekunden nicht. Es ist, rein mit dem Kopf argumentiert, einer der besten, denkwürdigsten Filme des Jahres, aber diese Rangliste wird von meinem Herzen bestimmt.

Da ihr nun vorgeführt bekommt habt, mit wem (und welcher Methodik) ihr es hier zu tun habt, folgt nun der zweite Part meiner Jahreslieblingsliste ...

Platz 40: The Night Comes for Us (Regie: Timo Tjahjanto)

Während ich zu den wenigen Meckerfritzen gehören, die dem indonesischen Actionspektakel The Raid seinen Kultstatus nicht so wirklich gönnen, oder ihn zumindest überhaupt nicht nachvollziehen können, bin ich ein Fan seiner wesentlich ambitionierteren und kreativeren Fortsetzung The Raid 2. Und so war ich dann auch richtig gespannt auf The Night Comes for Us, das neuste Projekt zahlreicher The Raid/The Raid 2-Veteranen, weshalb es mir ziemlich auf den Keks ging, als diese Schlachtplatte von einem Actionspektakel exklusiv zu Netflix ging. Aber da ließ sich leider nichts machen: Ich musste mir das brutale Niederstrecken von Handlangern, Schurken, Anti-Helden und Opportunisten in einem Club, einer nicht gerade hygienischen Metzgerei, diversen Treppenhäusern und einer Lagerhalle dann halt in den heimischen vier Wänden anschauen. Ein paar Längen im Mittelteil hat der Film bedauerlicherweise, da er zwischendurch von seiner schnurgeraden Methodik abweicht, seinen Plot ganz offen und ehrlich nur als schales Alibi zu behandeln. Aber wenn The Night Comes for Us austeilt, dann teilt The Night Comes for Us aus! Atemberaubende Stunts, wildes Gesplatter und praktische Effekte, die mich wundern lassen: "Wie zum Henker haben die das gemacht, ohne Stuntleute zu töten?" Highlight des Films: Der galant-widerliche Wettkampf dreier erbitterter Kämpferinnen.


Platz 39: Molly's Game (Regie: Aaron Sorkin)

Nenn' sie nicht Pokerprinzessin! Jessica Chastain spielt in diesem flotten Biopic voller Spannung, Glanz, Humor und charakterbezogener Spannung die gewiefte Molly Brown, die den größten illegalen Pokerring der USA oder gar der Welt aufgezogen hat, ohne dabei auf ruchlose Gangstermethoden zurückzugreifen. Chastain gibt eine kraftvolle, smarte, mehrschichtige Performance, Aaron Sorkin inszeniert mit Pepp und Daniel Pemberton untermalt diese launige, trotzdem auch dramatische Ganovinnenposse mit einem verspielten, coolen Score.

Platz 38: Searching (Regie: Aneesh Chaganty)

Eine Jugendliche verschwindet, und ihr besorgter Vater durchstöbert ihren Laptop nach Hinweisen, wo sie nun stecken könnte, woraufhin er feststellen muss, dass er seine Tochter gar nicht richtig gekannt hat. Komplett via Bildschirmaufnahmen erzählt, ist Searching eine immens spannende, aber auch stellenweise sehr gewitzt aufgezogene Geschichte über Elternliebe, digitale Kommunikation und Geheimnisse, die aus ihrem Gimmick ein erfrischendes Stilmittel formt.

Platz 37: Cam (Regie: Daniel Goldhaber)

Ich rege mich ja oft über den Netflix-Original-Content auf, finde beispielsweise die meisten Staffeln der Netflix-Marvel-Serien ermüdend langwierig erzählt und was auf Netflix aus Arrested Development geworden ist, ist einfach erschütternd. Aber eines klappt beim Video-on-Demand-Dienst auf wundersame Weise, und das ist die komplexe, auf respektvolle Augenhöhe erfolgende Auseinandersetzung mit allem, was irgendwie unter den groben Sammelbegriff "Sexarbeit" fällt. Neben Rashida Jones' unabhängig finanzierter, letztlich bei Netflix veröffentlichter Dokumentation Hot Girls Wanted sowie der von Netflix in Auftrag gegebenen und äußerst gelungenen Nachfolge-Dokuserie Hot Girls Wanted: Turned On zählt auch dieser Psychothriller/Mysteryhorror dazu: Aus dem Hause Blumhouse Pictures stammend, handelt Cam von einem kreativen Camgirl, das sich eigene, feste Regeln für ihre Online-Persönlichkeit gesetzt hat. Doch eines Tages sieht sie, wie eine andere Person auf ihrem Channel live streamt, ihr Äußeres perfekt imitiert und diese Regeln bricht ... Madeline Brewer spielt die Haupt(doppel)rolle mit Verve und Charisma, Regisseur Daniel Goldhaber inszeniert das Geschehen mit simplen, doch effektiven Mitteln und vor allem auf sehr selbstredende, statt geifernde Weise und Isa Mazzeis Skript gewährt nicht nur facettenreiche Einblicke in die Arbeitskultur der Camgirls, sondern lässt sich obendrein auf mehreren Ebenen lesen, sei es als reiner Horror, als nachdenkliche Moral über unser aller Onlineverhalten oder als erschreckende Parabel über Persönlichkeitsverlust ...

Platz 36: Reise nach Jerusalem (Regie: Lucia Chiarla)

Langzeitarbeitslose werden in unserer Gesellschaft enorm stigmatisiert. An Stelle von Empathie und Hilfsbereitschaft treten oftmals Unverständnis, Verachtung und Herabwürdigung - und so lange es voyeuristische, die Betroffenen kleinmachende Sozialreportagen im Fernsehen sowie reißerische Schlagzeilen des größten Schundblatts der Nation gibt, wird sich das wohl auch nicht ändern. Regisseurin und Autorin Lucia Chiarla springt da in die Bresche und zeichnet mit ihrer Dramödie Reise nach Jerusalem voller Verständnis ein komplexeres, menschlicheres Bild. Unsere Protagonistin (grandios: Eva Löbau) kommt aus der Warterei nicht heraus, wird unentwegt vertröstet, aus fehlgeleitetem Mitgefühl abgelehnt ("Aber Sie sind für die Stelle doch völlig überqualifiziert") oder für absolut dumm verkauft ("Grün! Grün ist eine schöne Farbe für eine Bewerbungsmappe!", lernt sie am x-ten Tag einer Zwangsschulung), was nachvollziehbar an ihr nagt. Gepaart mit ein paar eigenen Fehlentscheidungen und der ständigen Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung entsteht so eine Situation, in der ihr Leben zum endlosen Stuhltanz wird ...

Platz 35: Hereditary - Das Vermächtnis (Regie: Ari Aster)

Ari Asters Langfilm-Regiedebüt verfrachtet den Filmemacher aus dem Stand heraus auf meine Liste der Filmschaffenden, bei denen ich völlig unabhängig von Story und Cast auf ihre nächsten Werke gespannt bin. Aster nutzt in Hereditary eine entrückte, detailreiche Bildsprache, mit der er auf die Figuren herabblickt, als seien sie Figürchen in einem Puppentheater. Nicht etwa eines im Wes-Anderson-Zuckerbäckerstil, sondern eine im Sinne von dem, was John Cusacks Rolle in Being John Malkovich so treibt. So distanziert Asters Inszenierung sein mag, gestattet er seinen Figuren mehrschichtige Charakterisierungen, die wir im Laufe des horrenden, dramatischen Storyverlaufes genauer kennenlernen. Toni Collettes Spiel geht unter die Haut, die stillen Schrecken sind minutiös konstruiert (während die grelleren Schocks nach meinem Gefühl dem Familiendrama-Aspekt des Films ein Beinchen stellen), und das Skript ist dicht an dicht mit Vorausdeutungen und Metaphern bestickt. Ein Film, den ich im Kopf stärker achte als im Herzen, wo der gefühlte Eindruck seit meinem Kinobesuch etwas verblasste - dennoch für mich ein Muss in der Jahreslieblingsliste!

Platz 34: Der Nussknacker und die vier Reiche (Regie: Lasse Hallström & Joe Johnston)

Obwohl Der Nussknacker und die vier Reiche im Rest der Welt zumeist scheiterte, traf Disney mit seiner winterlichen, märchenhaften Geschichte in Deutschland den Nerv des Publikums: Hierzulande lockte die ungeplante Zusammenarbeit zwischen Lasse Hallström und Joe Johnston immerhin über eine Millionen Menschen in die Kinos. Und ich freue mich ungeheuerlich, dass das deutsche Kinopublikum in diesem Fall gegen den globalen Konsens schwimmt. Denn ich finde den Film trotz kleiner Schönheitsfehler (wie manchen Randfiguren und ein paar dick auftragenden Dialogzeilen) bezaubernd. Mackenzie Foy gefällt mir sehr in der Hauptrolle einer smarten Jugendlichen, die mit ihrem Kummer nicht umzugehen weiß, Keira Knightley brilliert mit ihrer vergnüglichen "Nachdem Johnny Depp und Orlando Bloom so ihre völlig durchgeknallten Performances abgeben durften, bin ich jetzt endlich am Drücker!"-Darbietung, die Kostüme sind bildhübsch, die animierten Mäuse sind knuffig, das Vergnügungsland ist ein besserer abgegrabbelter Tim-Burton-Albtraum als die letzten paar Kinderalbträume Tim Burtons, die Ballettszenen sind richtig schön, genauso wie James Newton Howards Instrumentalmusik, und das satirisch angehauchte Finale zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht. Oh, und: Der Nussknacker und die vier Reiche ist mein Kandidat für das beste Synchron-Dialogbuch 2018, denn während im englischsprachigen Original ein vergleichsweise generisches Vokabular vorherrscht, wird in der von Axel Malzacher verfassten deutschen Synchro ein entzückend-altmodisches Deutsch gesprochen, dass die Atmosphäre des Films intensiviert.

Platz 33: Nach dem Urteil (Regie: Xavier Legrand)

Das französische Drama Nach dem Urteil zeigt in einer semi-dokumentarischen Haltung den tristen Alltag eines ehemaligen Paares, nachdem das Familiengericht die Sorgerechtsfrage geklärt hat. Mittels filigranen Darbietungen ohne Schaueffekte lassen Léa Drucker und Denis Ménochet das ohne Vorgeschichte in das Leben des Paares geworfene Publikum lange im Unklaren: Ist der Vater das cholerische Arschloch, für das er gehalten wird, oder wird er stigmatisiert und so ungerechtfertigt an die Grenzen seiner Nerven gebracht? Nach und nach tröpfeln Hinweise, Warnsignale, aber auch Gegenargumente hinein, bis der Film in ein Ende mündet, bei dem es einem gerne die Sprache verschlagen kann. Xavier Legrand inszeniert punktgenau, die Dialoge sind wie aus dem Leben gegriffen und für den in der exakt richtigen Sekunde einsetzenden Abspann gibt es von mir zusätzliche Respektpunkte!

Platz 32: Thelma (Regie: Joachim Trier)

2017 unter großem Kritikerjubel in Norwegen gestartet, gelang Thelma 2018 auch in die deutschen Kinos, wo Joachim Triers Genremischmasch aus Drama, Coming-of-Age-Geschichte, Thriller, Mystery und Psychohorror zwar leider an den Kassen scheiterte, wohl aber völlig verdientes, sehr positives Presseecho erntete: Eine junge Studentin vom Land und mit konservativem Elternhaus zieht in die Großstadt und entwickelt nicht nur verwirrende romantische Gefühle, sondern erleidet auch seltsame Anfälle. Trier lässt in seinem kühl inszenierten, eiserne Anspannung erzeugenden Film lange offen, ob wir das Geschehen quasi aus der Perspektive einer jungen Frau verfolgen, die an psychischen Problemen leidet oder ob wir uns in einem übernatürlichen Horrorfilm befinden. Ebenso unklar ist eingangs, wo "in der Filmwelt passiert das wirklich" aufhört und rein metaphorisches Erzählen ohne werkimmanente Gesetze anfängt. Verankert von sehr plausiblen, allen den gebotenen leisen Schrecken zum Trotz außerdem sehr unaufgeregten Darbietungen, ist Thelma ein schön-schaurig-nachdenklich-beklemmend-anspornend-sinnlicher Film voller Wendungen, ohne dass er sich über diese Twists definiert.

Platz 31: Christine (Regie: Antônio Campos)

Nach einem Drehbuch des Autoren Craig Shilowich, der Anfang des Jahrtausends in eine Depression verfiel und seither mit dem entsprechenden Problemen zu kämpfen hat, inszeniert Regisseur Antônio Campos (Simon Killer) dieses Drama mit immensem Feingefühl: Christine handelt von einer Fernsehjournalistin, die Mitte der 1970er-Jahre mit allerlei Tücken zu kämpfen hat: Sie will mehr menschelnden Qualitätsjournalismus, der Chef will sie wahlweise auf schneller heruntergerissene Themen ansetzen oder doch lieber reißerische Geschichten von ihr haben. Am Arbeitsplatz wird sie aufgrund ihres Geschlechts nicht für voll genommen, als Dauersingle, der auf die 30 zugeht und obendrein mit Frau Mutter zusammenlebt, gilt sie sowieso als seltsam, und dann nähert sich obendrein im TV-Geschäft eine technologische Veränderung, die es zu begreifen gilt. Statt durch den Stress an die Decke zu gehen, entwickelt Christine schweren Trübsinn - aber sie nimmt sich fest vor, sich beruflich und privat neu aufzustellen ... Rebecca Hall erfüllt die Hauptrolle mit viel Gefühl, lässt sie berührendzwischen "Lasst mich alle in Ruhe"-Entnervtheit und "Wieso ist niemand auf meiner Seite"-Kummer gleiten, die Seitenhiebe auf das Journalismusgeschäft sind zeitlos und die karge, ausgebleichte Ästhetik des Films passt zum Setting (70er-Lokalfernsehen) sowie zu Christines Seelenleben. Stark.

Fortsetzung folgt ...

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