Donnerstag, 29. Oktober 2015

Regression


Der chilenisch-spanische Regisseur Alejandro Amenábar hat ein Händchen für Filme, die dezent mit Horrorelementen spielen, aber eigentlich einem anderen Genre zugehören: Da kommt die Gewaltstudie Tesis – Der Snuff Film in den Sinn, der geheimnisreiche Thriller Virtual Nightmare, der mit Vanilla Sky ein Remake erhielt, oder das übernatürliche Mysterydrama The Others. Mit dem Psychothriller Regression wandelt der 43-Jährige einmal mehr auf diesen Pfaden: Der von ihm verfasste Film erzählt die Geschichte eines satanischen Kultes - und schwankt dabei wiederholt zwischen schalen Schreckversuchen, halbherziger Dramatik und fadenscheiniger Substanz. Kurzum: Das Spiel mit den Genrekonventionen, das Amenábar üblicherweise beherrscht, wird in Regression bloß auf dem Niveau eines lustlosen Partytricks abgehandelt.

Der amerikanische Nordwesten in den frühen 90er-Jahren: Der Polizist Bruce Kenner (Ethan Hawke) ist auf seinem Revier der absolute Überflieger. Doch der ehrgeizige, smarte Ermittler stößt in seinem jüngsten Fall an seine Grenzen: Die schwer traumatisierte 17-jährige Angela Gray (Emma Watson) beschuldigt ihren Vater John (David Dencik), dass er sie gemeinsam mit den Mitgliedern einer satanischen Sekte mehrfach vergewaltigt und gequält hat. Der frühere Alkoholiker beteuert, unschuldig zu sein - oder zumindest sich an nichts derartiges zu erinnern. Mit der sogenannten Regressionstherapie dringt jedoch der kürzlich hinzugezogene Psychologe Professor Kenneth Raines (David Thewlis) in die Erinnerungen des Automechanikers ein. Er glaubt, John überführt zu haben, doch Bruce lässt den mysteriösen Fall nicht darauf beruhen. Er gräbt tiefer und tiefer, verhaftet bald sogar seinen Polizeikollegen Nesbitt (Aaron Ashmore), da er offensichtlich Mitglied der Sekte ist, die in ihren finstersten Stunden auch Babys rituell geopfert haben soll. Bruce wird daraufhin von schaurigen Ereignissen geplagt ...

High School Musical 3-Kameramann Daniel Aranyó hüllt das Geschehen in verschiedensten Grauschattierungen, die nur selten von kühlem Blau oder dem rauen Grün einer ungepflegten Wiese aufgebrochen werden. Zusammen mit der Inszenierung Amenábars, der den Fokus seiner Szenen immer wieder in schleichenden Zooms auf scheinbar unbedeutende, daher beunruhigende Details legt, hat Regression eine solide Grundlage, um eine garstige Atmosphäre aufzubauen. Und partiell mag diese Rechnung sogar aufzugehen. Etwa wenn der von seinem Fall besessene Bruce einer Verhöraufzeichnung lauschend durch eine vergammelte Scheune wandert und sich vorstellt, welche Taten dort zuvor wohl begannen wurden. Die unheilvoll durch den Schauplatz schwebende Kamera und Ethan Hawkes überarbeitetes, Unsicherheit ausdrückendes Gesicht sowie der punktgenaue Schnitt zwischen Jetzt und vorgestellter Vergangenheit vermögen es, für wenige Minuten zu fesseln.

Dass dieser und einige wenige, ähnlich geartete Momente in Regression jedoch die absolute Minderheit darstellen, liegt vor allem am unentschlossenen Drehbuch - sowie daran, dass es Aranyó eingangs so sehr mit dem visuellen Symbolismus übertreibt, dass sich die falschen Fährten geradezu aufdrängen. Denn Regression will zu Vieles sein, fühlt sich all seinen Aspekten jedoch nur ungenügend verpflichtet. Im ersten Drittel scheppert der Soundmix immer wieder, um in ruhigen Szenen sowie bei Szenenübergängen verzweifelt Jump Scares zu erzeugen, und wiederholt suggeriert die Bildsprache, dass hinter den Ermittlungen in Sachen Satanismus mehr sein könnte als gedacht. Wer aber nur halbwegs aufmerksam hinschaut oder genügend mitdenkt, wird erkennen, dass die Erlöse uns von dem Bösen-artige Wende ins Übernatürliche ausbleiben wird, so dass diese halbherzigen Versuche, Thrill zu erzeugen, bereits im Keim erstickt werden. Daraufhin verlässt sich die Erzählung eine Zeit lang darauf, dass die mögliche Bedrohung durch eine Sekte wie ein Selbstläufer funktioniert und die allmähliche Überarbeitung der Hauptfigur zusätzlich Öl ins Feuer gießt. Da Hawkes Figur trotz guter Performance aber aufgrund des laschen Drehbuchs keine konstante, verlässliche Entwicklung durchmacht, sondern sich stets den Anforderungen der jeweiligen Szene anpasst, packt auch ihr Schicksal nicht.

Bleibt als treibende Kraft des Thrillers allein die Frage nach dem alles auslösenden Verbrechen. Und auch das Potential dieses Plotfadens verhaut Regression: Erst im letzen Drittel kommt es nach all dem vorhergegangenen Hokuspokus zu nennenswerter Ermittlungsarbeit, weshalb das Crime-Element arg abgehetzt wirkt. Angesichts dessen, dass Regression dann noch etwas über Massenpanik, sowie die Zuverlässligkeit von Erinnerungen aussagen möchte, und dabei die Tiefe eines Kinderschwimmbeckens beweist, ist dieser Schluss trotz interessanter Ansätze immens enttäuschend. Da Emma Watson obendrein sehr aufgesetzt spielt und gleich zwei Mal einen soliden Schlusstusch versäumt, um Regression lustlos ausplätschern zu lassen, darf man diesen Psychothriller getrost vergessen.

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