Mittwoch, 23. April 2008

Alestorm: Captain Morgan's Revenge

Captain Henry Morgan ist einer der legendärsten Freibeuter.
Der ca. 1635 geborene Engländer kaperte ab 1665 von Jamaika ausgehend spanische Schiffe und sparte seine Beute so lange auf, bis er genug auf der hohen Kante hatte um die Raubzüge in Eigenregie veranstalten zu können - unter Mitwissen und der Billigung des Gouverneurs von Jamaika.
Endgültig ging er in die Geschichtsbücher ein, als er mit geschätzten 1.200 Piraten Panama brandschatzte und somit eine zahlenmäßig überlegene, dort stationierte Legion der spanischen Armee besiegte.

Nachdem der englische König einen Friedensvertrag mit Spanien abschloss, wurde Morgan verhaftet. Später jedoch wurde er begnadigt, geadelt und zum Vizegouverneur von Jamaika ernannt. Von da an kämpfte er mit harten Bandagen gegen Piraten und statte auch die Hafenstadt Port Royal mit neuen Geschützen aus.

Morgan war auch einer der Begründer des Piratenkodex, der unter anderem der Crew mehr Mitspracherecht und einen gesicherten, gerechten Anteil an der Beute garantieren sollte.

Der historische Piratenkodex hat also nur am Rande mit dem Piratenkodex zu tun, der so oft in der Pirates of the Caribbean-Trilogie angesprochen wird. Und der wahre Captain Morgan hat nahezu überhaupt nichts mit dem Captain Morgan zu tun, von welchem Alestorm auf ihrem Debütalbum singt.

Wer oder was ist denn nun schon wieder "Alestorm", werden sich jetzt einige sicherlich fragen. Nun, ein Alestorm bezeichnet eigentlich einen gewaltigen Sturm, bei dem Unmengen vom schottischen Standardbier Ale durch die Gegend geprustet werden. Also im Grunde genommen genau das, was sich alle Bier trinkenden Briten herbeisehnen, wenn der Durst sie packt. Bis auf die Iren vielleicht, die sich sicherlich eher einen Guinness-Storm wünschen würden.

Alestorm ist aber vor allem auch der Name einer Band, die ihre Musik selbst bezeichnenderweise als "True Scottish Pirate Metal" proklamiert.
Gegründet wurde die vierköpfige Band 2004, damals noch unter dem Namen Battleheart. 2006 veröffentlichte die Band zwei EPs auf ihrer Webseite, die man kostenlos downloaden konnte. Relativ schnell machte die Band auf sich aufmerksam, schaffte es sogar auf Compilation-Alben des Metal-Magazins "Metal Hammer".

2007 folgte dann ein Personalwechsel am Schlagzeug sowie die Umbenennung in Alestorm und das im Sommer 2007 aufgenommene Debütalbum "Captain Morgan's Revenge" erschien im Januar 2008 im Handel.

Und natürlich muss dieses Album von mir gehört werden, schließlich hat Alestorm bei mir einige Vorschuss-Sympathiepunkte geholt.
Denn auf einer der beiden Demo-EPs befand sich auch das instrumentale Stück "No Quarter", eine Metal-Adaption des He's a Pirate-Themas aus den PotC-Filmen.
Ja, richtig gelesen. Eine Pirate-Metal-Coverversion von He's a Pirate! Und noch dazu eine wunderbar gelungene. Irgendjemand sollte Disney verraten, dass dieses herrliche Stück Filmmusik im rockigen Gebiet viel besser aufgehoben ist als in der Techno-Szene.

Während andere Stücke von den Demo-EPs ihren Weg auf das Debütalbum gefunden haben, blieb "No Quarter" dieser Sprung verwehrt. Dieser Wermutstropfen sei der Besprechung des Albums vorausgeschickt.

Das Album:



Alestorm versteht es jedoch auch ohne ein Pirates of the Caribbean-Cover den Zuhörer umzublasen.
Ihr Debütalbum eröffnet mit dem fast vierminütigen Over the Seas, das nach einem ausführlichen Sturm an Synthie-Bläsern und Bass den Sänger der Band auf uns loslässt. Das instrumentale Opening stimmt bereits auf das ein, was folgen wird - das mit E-Gitarren und Keyboards gesegnete Piratentum, wie man es aus den besten Piratenstreifen kennt.

Wie eine aggressive Hymne zu einer stürmischen Seeschlacht treibt die Musik den Adrenalinpegel in die Höhe und die knarzige, rauchige Stimme des Sängers Christopher Bowes (rechts) trifft das Piratenthema genau auf den Nagel, ohne es zum Leidwesen der Melodie oder gar der Hörbarkeit zu übertreiben.

Natürlich ist nicht nur die von Whiskey und sicherlich auch jeder Menge Rum geschunde Stimme allein dem Piratentum verpflichtet. Auch der sehr piratige Text, in dem von einer Schatzsuche quer über die Weltmeere berichtet wird, tut seine Schuldigkeit. Und ein "man with a hook for a hand" darf hier seinen Gastauftritt erleben.

Over the Seas verquickt schließlich die Soundtrack-Piratenmusik mit Metal: Die E-Gitarren bekommen flotte Soli, die Drums werden geschunden wie Galeerenfahrer.

Das Tempo wird aufrecht erhalten, als der zweite Song loslegt, nämlich der 6:42 lange Titelgeber des Albums Captain Morgan's Revenge. Ein ausführliches Intro mit heftigen, schnellen Drums und heroischen Hörnern verkündet stolz den Beginn des Songs, bis eine Ziehharmonika eine Kneipenatmosphäre etabliert. Als würde er uralten, aber natürlich selbst erlebten Seemannsgarn spinnen legt Bowes weiteres knarren und knirschen in seine Stimme. Er erzählt, wie seine Crew eine Meuterei gegen Captain Morgan anzettelte und ihn über Bord wirft. Doch ein schrecklicher Fluch rächt den sagenumwobenen Käpt'n.

Die leicht schaurige, mystische Stimmung des Liedes wechselt langsam aber sicher zu einem Mitgröhl- und In-der-Kneipe-herum-schunkel-Kracher, der nach Minute Vier auch eine Zeit lang wieder sehr soundtrackhafte Züge gewinnt.

Für The Huntmaster, den dritten Track nehmen die filmisch-epischen Züge erstmals ab und der "Scotish Pirate Metal" legt seine Betonung auf letzteres. Die Keyboards, denen Alestorm die filmischen Bläser entlockt werden zurückgeschraubt, das Tempo noch höher gedreht, Bass und Gitarre übernehmen die Leitung, ganz klar ist nun Headbanging angesagt. Natürlich bleibt das Piratenthema weiterhin allgegenwärtig, aber alles ist wesentlich zeitgemäßer: "Sail into battle! Glory and Metal!" verkündet die Band lauthals, und wer möchte ihr da schon in die Quere kommen?! Das sind doch ehrenvolle Ziele!

Mit Nancy the Tavern Wench erreicht Alestorm das Gebiet von Tortuga. Ziehharmonika und gedämpftes Tempo erinnern an volltrunkene Piraten in verlassenen Hafenen oder überfüllten Kneipen, die so voll sind, das nichtmal mehr Prügeleien Spaß machen würden. Mitschunkeln und herzliches Mitsingen ist gefragt, wenn Barmädchen Nancy und ihr Café im Refrain geradezu angepriesen werden.

Beeindruckend ist die Stimme von Christopher Bowes. Nachdem kampfbereiten Piraten aus den ersten Tracks und dem alten, spinnerten Seebären aus Track Drei gewinnt er seinem Piratenorgan nun eine weitere Facette ab und wirkt wie der geschundene Saufkumpane in einer Seemannskneipe. Da erzähle nochmal jemand, dass Piraten immer gleich klingen.

Thematisch ist von nun an die Richtung des Albums klar: Schätze, die Seefahrt, Flüche, Seemannsgarn oder halt der holde Alkohol und erfrischende Magden. Oder umgekehrt. Halt richtig klassisch piratig.

Death before the Mast ist der fünfte Track des Albums und kitzelt den Trash-Metal-Anteil aus der Band heraus. Abrupte Tempowechsel und beabsichtigte Assonanzen untermalen den abgehakten Gesang, kurze Synthieklänge wecken kurzzeitig wieder Erinnerungen an klischeehafte Soundtrackstellen für Abenteuerfilme, die längeren instrumentalen Stellen sind dagegen ganz klar spielfreudigster Metal und weniger Old-School-piratenhaft.

Ähnlich beginnt auch Terror on the High Seas, das aber einen wesentlich stärkeren Refrain hat als "Death before the Mast" und dank den im Refrain eingeschobenen Keyboard-Spielereien macht Terror on the High Seas viel mehr Spaß. Ein seefahrt-erprobter Track zum wild herumsegeln, der gegen Ende auch wieder auf der akustischen Ebene stärker dem Piratenthema huldigt.

Set Sail and Conquer ist stilistisch wieder näher an den ersten Tracks des Albums: Die Hymne der eroberungsfreudigen und sich vor keinem Kampf fürchtenden Piraten treibt energisch voran, weiß sich aber nicht episch-filmischen Qualitäten zu verwehren, was vor allem in der ausgiebigen Instrumental-Strecke faszinierende Ebenen erreicht: Hier gleitet die Band elegant von sehr stark dem Old-School-Rock gediegenem Sound zu Piratenfilmmusik. An manchen Stellen macht sich jedoch auch das Alter der Band bemerkbar: In einigen Jahren wird sich Alestorm hoffentlich etwas atmosphärischere Keyboards leisten können, denn kurz wirkt das ganze doch etwas "billig".

Of Treasure ist dagegen ein sehr folkloristisches Lied, mit mittelalterlichem Flair.
Direkt danach holt Wenches and Mead den Zuhörer in die Gegenwart zurück: Wilde Keyboards, episch-atmosphärische Drums eröffnen das Lied, als eine Ziehharmonika dazu stößt um so der verrückten Arrangierung das Seefahrerflair zu verleihen.
In den Strophen gerät Bowes erstmals etwas aus seiner Balance, zum schnell dahin gesungenen Text passt seine Piratenstimme nicht ganz so sehr, wie sicherlich beabsichtigt. Im Refrain dagegen wird wieder klar, was gemeint war, die fetzende Notenfolge wird genau getroffen und die Stimme passt wie der Keks in den Papageienschnabel.

Zum Abschluss interpretiert Alestorm mit Flower of Scotland eine der drei inoffiziellen Nationalhymnen Schottlands. Das Mitsauf- und Schunkellied wird mit hörbarem Respekt und Gefühl behandelt und kaum umarrangiert, bietet sozusagen den passenden Abschluss- und Nach-Hause-Geh-Song für eine durchzechte Nacht.
Man sieht sie fast schon vor sich, die trunken nach Hause schlurfenden Saufkumpane in Piratenoutfit, wie sie noch ein paar Ale kippen, über den vergangenen Abend reden und sich freuen, dass wenigstens was rockiges zum Abschluss läuft. Denn ganz unrockig ist Alestorm natürlich auch hier nicht.

Gesamteindruck:
unten: Piraten und Gitarren passen wunderbar zusammen
Metal und das Piratentum sind zwei Welten, die sehr gut miteinander korrespondieren. Der Mix aus altertümlicher und klischeehafter Piratensprache, der vermeintlichen Seemannsmusik mit Chanty-Meldodien und Ziehharmonika, den epischen Soundtrack-Klängen und verrücktem Metal klingt zu keinem Zeitpunkt künstlich oder erzwungen, geht ganz natürlich ins Ohr und bleibt da auch.

Und entgegen der Befürchtung, die Pirate-Metal-Thematik könne schnell aufgebraucht sein, ist das Debütalbum von Alestorm auch sehr abwechslungsreich geworden. Ruhigere und melodiöse Tracks wechseln sich hier mit aggressiveren Titeln wie "Death Before The Mast", epischeren Liedern wie "Over the Seas", ausgelassenem Seemannsgarn wie "Captain Morgan's Revenge" oder Saufliedern wie "Nancy the Tavern Wench" ab.

Mit dem folkloristischen "Of Treasure" zeigt sich auf diesem Album weiteres Potential.
Und wer die Demo-EPs von Alestorm / Battleheart kennt weiß zudem, wie gut und vielfältig es die Band versteht, das Thema das sie sich auf ihre Fahnen schrieb auch instrumental umzusetzen. Spätestens beim Anhören dieser instrumentalen Tracks wünscht man sich, dass Jerry Bruckheimer und Co. auf die Schotten stoßen und sie dazu einladen Musik zum vierten PotC-Teil beizusteuern. Sollte man tatsächlich den Steampunk-Weg einschlagen, wäre auch eine plausible Erklärung für solch moderne Musik in Sichtweite.


Fazit: Alestorms "Captain Morgan's Revenge" ist ein fantastisches Debütalbum, dass den Hörer in die Welt der metal-lastigen Piratenmusik entführt. Die Stimme des Sängers passt hervorragend zu den harten Riffs und Drums, die zusammen mit dem piratigen Flair eingängige Melodien zum feiern, raufen, saufen oder einfach nur Pirat sein bilden. Jeden, dem das nicht gefällt sollte man kielholen!

Kurzum: Die perfekte Mischung aus modern, altmodisch, Klischee beladen, hart und rockigem Piratenspaß. Mögen noch viele Alben folgen.

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