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Freitag, 20. Dezember 2024

Mediatheken-Tipps (20. Dezember 2024)

Einsam zweisam (Großstadt-Drama, 2019) Cédric Klapisch erzählt mit Alltagspoesie und nach Anschluss suchendem Herzen die Geschichte zweier einsamer Menschen, die in Paris versuchen, ihr Leben wieder in die Bahn zu kriegen. Und unentwegt drängt sich die Frage auf: Können sie sich nicht einfach gegenseitig retten? Doch so einfach ist das nicht... ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 2. Januar 2025

No Turning Back (Kammerspiel-Thrillerdrama, 2013) In diesem Anwärter auf den Titel "Tom Hardys beste Performance" will ein Bauleiter vergangene Fehler und aktuelle Lebenskrisen meistern, all das während einer einsamen Autofahrt. Bewegend, spannend, saustark gespielt. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 8. Januar 2025

Die Regenschirme von Cherbourg (Durchkomponiertes Musical, 1964) Jacques Demy atemberaubendes Meisterwerk über Liebe, gebrochene Herzen und Sehnsucht, eingefangen in kräftig leuchtenden, märchenhaften Farben. Zum Dahinschmelzen! arte-Mediathek, abrufbar bis zum 8. Januar 2025

The Green Knight (Dramatische Fantasy, 2021) David Lowerys imposant gefilmte, intensive Atmosphäre aufweisende und vielschichtige Interpretation der romantischen Rittersage Sir Gawain und der grünen Ritter aus dem Sagengeflecht über die Tafelrunde. Ein Film mit einem unmwerfenden Dev Patel in der Hauptrolle und immenser Sogwirkung. ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 10. Januar 2025

Der schwarze Korsar (Piraten-Abenteuer, 1976) Sergio Sallimas Romanverfilmung über einen adligen Piraten auf Rachemission setzt mehr auf schmachtende Figuren, als auf Hochsee-Thrill, lebt aber von der ästhetischen und tonalen Patina des 70er-Abenteuerkinos aus Italien und prachtvollen Schauplätzen. arte-Mediathek, abrufbar bis zum 11. Januar 2025

The World of Hans Zimmer (Konzertfilm, 2024) Nach seinem Prager Konzertfilm zieht es Hans Zimmer gen Krakau. Unter anderem mit einem Chor und der Sängerin Lisa Gerrard präsentiert der einflussreiche Komponist neu arrangierte Kompositionen und Medleys aus Gladiator, Interstellar, Wonder Woman 1984, Dune: Part Two, Sherlock Holmes, Im Glanz der Sonne, Der König der Löwen und der Pirates of the Caribbean-Saga. arte-Mediathek, abrufbar bis zum 29. Mai 2025

Samstag, 23. März 2024

Mediatheken-Tipps (23. März 2024)

Dancer in the Dark (Schwermütiges Musical, 2000) Der dänische Regie-Provokateur Lars von Trier nimmt sich der Musicalkunst an: Sängerin Björk spielt eine Fabrikarbeiterin, deren Sehkraft rapide abnimmt. Um ihrem Sohn zu helfen, dem dasselbe droht, spart sie eifrig für eine Operation. Diesem Seelenleid steht die Musical-Liebe dieser Mutter gegenüber, die hofft, in einer Sound of Music-Aufführung mitspielen zu können. Die Produktionsumstände sind unverzeihlich, der Film selbst ist aber eine denkwürdig-tragische, finster-elegische Genre-Übung mit atemberaubenden Liedern, einer begnadeten Björk und einer einprägsam-garstigen Ästhetik. Wie harsch und musikalisch kann ein Drama sein, bevor es zum Horror-Musical wird? arte-Mediathek, abrufbar bis zum 12. April 2024

Mommy (Tragikomödie, 2014) Wahrscheinlich der beste, definitiv der mich am intensivsten fesselnde Film des einst als Regie-Wunderkinds gefeierten, nun unablässig mit der Regie-Frührente drohenden Xavier Dolan: Mit stillem, melancholischem Humor versehen und voller kleiner Dramen des Alltags, erzählt Mommy von einer ungelenken Mutter-Sohn-Beziehung. Bedrückende Gefühle und kleine Momente banaler Freude wechseln einander ab, was Dolan klangästhetisch und vor allem visuell meisterlich einfängt. Haltet die Taschentücher bereit! ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 16. April 2024

Transit (Drama, 2018) Christian Petzold versetzt Anna Seghers Exilroman Transit auf beklemmende Weise ins Heute: Politflüchtling Georg Seidler (Franz Rogowski) versteckt sich vor der Pariser Polizei - und gerät zufällig an die Papiere eines toten Schriftstellers. Er nimmt sie an sich, gibt sich fortan als er aus und reist nach Marseille. Dort begegnet er Marie (Paula Beer), der Frau des Mannes, dessen Identität er notgedrungen geklaut hat... Die Parallelen zwischen Gegenwart und Heute werden intelligent und aufwühlend aufgezeigt, Beer und Rogowski spielen brillant und es gibt eine tüchtige Prise Film-noir-Vibes in sonnig-kontemporären Bildern. arte-Mediathek, abrufbar bis zum 31. Mai 2024

Carpenter Brut: Hellfest 2023 (Konzertfilm, 2023) Musik, als würde man in einem John-Carpenter-Film oder einem Giallo festsitzen - bis der Knoten platzt und ein Cover aus einem 80er-Bruckheimer-Blockbuster (mit produktionshistorischem Horrorkino-Bezug) für den energiereich-heiteren Rausschmiss sorgt: Carpenter Brut steht für einen manchmal atmosphärischen, meist dröhnenden Hybriden aus Synthwave und Metal. Das knallt, wabert und wummst, dass es eine Freude ist! arte-Mediathek, abrufbar bis zum 16. Juni 2024

Spielerepublik Deutschland (Dokumentation, 2023) Innerhalb von 90 Minuten blickt diese Doku auf mehrere Brettspielentwickler*innen aus Deutschland: Was hat sie zu ihrem Beruf geführt, wie steht ihre Familie dazu und wie ist eigentlich das Verhältnis zur Konkurrenz in diesem Metier? Außerdem gibt es Einblicke in die Geschichte und Wirkung des Preises "Spiel des Jahres". ARD-Mediathek, abrufbar bis zum 30. November 2025

Paul oder die Zerstörung eines Hörbeispiels (Hörspiel-Dekonstruktion, 1969) Was wie ein Informationsbeitrag über den Alltag eines Lastwagenfahrers beginnt, wird zu einem assoziativen Wust aus narrativem Hörspiel, introspektivem Gedankenwust und Nachrichtenschnipseln. So kreiert Wolf Wondratscheck einen dezent unwohlig-bedrückenden, teils aber auch absurd-komischen Klangteppich, der uns vor die Herausforderung stellt, dort Sinn und Ordnung herzustellen, wo nicht zwingend Sinn und Ordnung herrschen. (Hinweis: Das Hörspiel enthält schwere rassistische Sprache) ARD-Audiothek, mir unbekanntes Ablaufdatum

Warum Mediatheken-Tipps? Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind ein unablässig sprudelnder Quell an sehenswerten Produktionen. Ob Spielfilm, Dokumentarfilm, Reportage, Konzertfilm, Serie, oder oder oder. Doch nicht nur, dass man da leicht den Überblick verlieren kann: Ich kenne einige Menschen, die den Mediatheken kaum oder gar keine Beachtung schenken. Mit dieser Artikelreihe möchte ich Orientierung bieten, ebenso wie Anreiz, sich vermehrt mit den Mediatheken zu befassen. Dazu gebe ich wöchentlich sechs Anschautipps.

Wieso sechs Tipps? Ich möchte, dass diese Artikelreihe händelbar bleibt. Für mich, damit ich sie neben meinen anderweitigen Verpflichtungen verfassen kann. Und für euch: Ich will euch nicht mit Anschautipps erschlagen. Sechs Tipps halte ich indes für umsetzbar: Selbst, wer alle Tipps ansprechend findet, kann sich täglich einen davon angucken, und hat dennoch bis zur nächsten Ausgabe der Reihe auch einen Tag "mediathekenfrei". 

Die Mediatheken-Tipps erheben selbstredend keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt viel mehr zu sehen, als ich hier Woche für Woche nennen könnte.

Freitag, 8. September 2023

Freitag der Karibik #75

Das Warten auf Pirates of the Caribbean 6 nimmt und nimmt kein Ende. Margot Robbie umgarnt die Disney-Studios seit Jahren, ihre eigene kleine Insel im verfluchten Karibikuniversum besiedeln zu dürfen. Disney hat Robbies Begehren nicht in die Tonne gekloppt, vorangekommen ist man aber partout nicht. Weshalb selbst Robbie dachte, Disney sei einfach desinteressert, woraufhin Produzent Jerry Bruckheimer öffentlich deklarieren musste, dass die Margot-Karibik nicht aufgegeben wurde. Es benötige nur etwas Zeit, bis man sie bereist. Dumm von Disney, so lange zu warten. In einem alternativen Universum wäre der Film bereits im Kasten und wartet darauf, als erstes Margot-Robbie-Projekt nach dem globalen Kinophänomen Barbie auf der weltweiten Welle der Begeisterung für die talentierte Australierin zu reiten.

So ernüchtert Robbie zuletzt klang, als sie sich über Pirates of the Caribbean äußerte, so positiv überrascht meldete sich kürzlich Craig Mazin zu Wort: Der Hangover 2 & 3-Autor und Chernobyl-Serienschöpfer steht seit nunmehr vier Jahren (!) gemeinsam mit PotC-Veteran Ted Elliott hinter einem Pirates of the Caribbean-Projekt, das parallel (und angeblich nicht in Konkurrenz) zu Robbies Film entwickelt wird. Jetzt endlich wurde uns ein winziger Einblick gestattet, was uns mit Mazins und Elliotts Film erwarten könnte - und wie es um ihn bestellt ist.

Gegenüber Variety erklärte Mazin, dass er und Elliot eine im etablierten Kanon spielende Grundidee vorgeschlagen haben, und vollauf davon überzeugt waren, dass Disney sie ablehnen wird. "Zu seltsam", sei sie. Und dann... hat Disney zugeschlagen. Das Skript ist laut Mazin fertig und nun warte man das Ende der Streiks ab, die die US-amerikanischen Schauspiel- und Drehbuch-Gewerkschaften anberaumt haben, weil sich die Studios immer größere Teile des sprichwörtlichen Kuchens in die Tasche stecken und noch dazu Kunstschaffenden damit drohen, sie durch KI zu ersetzen. Hisst die Flaggen!

Mal ganz davon abgesehen, dass seit Salazars Rache mehrere Projekte semi-offiziell angekündigt und von der Gerüchteküche heraufbeschworen wurden, ohne dass irgendwas passiert ist, und ich daher nicht zu früh jubilierend in die Luft springen möchte: Mazins "zu seltsam"-Kommentar und die Behauptung, dass es direkt nach den Streiks losgehen könnte, sind für mich Anlass genug, zu fabulieren:

Welche Talente könnten Bruckheimer und Disney auf dem Regiestuhl platzieren, um meine Vorfreude in die Höhe schnellen zu lassen und mir Mut zu machen, dass sich "zu seltsam" nicht als leere Phrase herausstellen wird? (Stets vorausgesetzt, dass sie auch wirklich Lust haben. "Naja, irgendwie muss ich ja meine Hypothek abbezahlen"-Motivation für den Regiejob brauche ich nicht in meiner Lieblingsfilmreihe.)

David Prior

Womöglich mein heimlicher Lieblingskandidat für den Pirates of the Caribbean-Regieposten. Mit The Empty Man schuf er den goreverbinskihaftesten Film, den jemals eine Person gedreht hat, die nicht Gore Verbinski ist. Und was wäre angebrachter bei einem PotC-Teil als genau diese Energie, noch dazu bei einem Skript, das angeblich disney-untypisch seltsam sein soll?

David Fincher

Ja, eine absolut unrealistische Wahl. Fincher steckt die Alien 3-Erfahrung noch immer zu tief in den Knochen, als dass er bereitwillig in eine bestehende Filmreihe springen würde, und seine gescheiterten Anläufe, bei Disney eine 20.000 Meilen unter dem Meer-Neuinterpretation vom Stapel laufen zu lassen, dürften ihn auch nicht von der Idee schwärmen lassen, für's Maushaus nun die Segel gen Karibik zu setzen. Aber: Allein, dass in Fincher ein abenteuerversessener Knabe steckt, der für Disney einen Effektfilm drehen möchte (wäre das Studio halt was zuvorkommender), macht ihn zu einem guten PotC-Kandidaten. Zumal man disneyfilmhistorisch eine direkte Linie von Käpt'n Nemo zu den verfluchten Piraten ziehen kann.

Noch dazu ist David Fincher bekennender Gore-Verbinski-Fan. Nicht, dass der Regisseur hinter Sieben, Zodiac, Panic Room, Fight Club, Gone Girl und Mank es nötig hätte, noch weiter in meiner Sympathie zu steigen. Aber eine Wertschätzung für Verbinskis Schaffen ist zweifelsohne ein großer Bonus, will man in meiner Fantasie den Pirates of the Caribbean-Regieposten ergattern.

Julia Ducournau

"Zu seltsam", Herr Mazin? Hm? Dann lasst uns das Skript doch der Regisseurin von Raw und Titane überreichen, es ihrem Geschmack anpassen und sie dann mit einem großen Budget in die Karibik verschwinden, wo sie fernab der sich einmischenden Disney-Studiobosse ihr Piratending zuzieht. Das würde mich vorfreudig zappeln lassen. Pirates of the Caribbean war eh schon das hormonell aufgeladenste Franchise unter der Disney-Flagge, mal gucken, was die schräge Bodyhorror-Indie-Französin mit einem Hang für sexuelle Unter-, Zwischen- und Übertöne draus macht!

Und Filmtwitter wieder einmal brennen sehen, weil sich irgendwer an ein Franchise "verkauft" hat, ist auch ein Spaß. (Zumal in einer idealen Welt Hollywood durch Barbie nicht die Lektion lernt "mehr Mattel braucht das Kino", sondern "lasst kreative Frauen mal mit massig Geld haushalten, wird schon".) 

Guillermo del Toro

Komm schon, Disney. Lass den Mann wenigstens eine Bahn verfilmen!

Aritz Moreno

Schräger Humor, ein Sinn für große Bilder und das Jonglieren vieler Figuren, gepaart mit einem Auge für's Sonderbare: Von Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden hinein in Disneys Fluch-Karibik. Also, ich fänd's spannend.

Joseph Kosinski

Hat eine etablierte Arbeitsbeziehung mit Disney (Tron: Legacy) und Jerry Bruckheimer (Top Gun: Maverick), kann hervorragende Bilder und die Soundtracks seiner Filme sind im Normalfall absolut klasse. So gesehen trifft er einige der Grundvoraussetzungen für einen Pirates of the Caribbean-Film, auch wenn er aus dieser Liste der am wenigsten "sonderbare" Kandidat wäre. Aber selbst wenn ihm der "Was? Er?!"-Faktor fehlt: Er hat einst Tron: Legacy durchgerungen, was auch nicht gerade der archetypische Disney-Big-Budget-Film ist. Und da wir hier gerade eh träumen: Direkt nach PotC 6 kann er ja auch endlich Tron 3 drehen. (Sorry, Joachim Rønning. Aber wenn ich die Wahl habe zwischen einem Tron-Film von dir und von Kosinski, dann nehme ich Kosinski.)

Alfonso Cuarón

Damit er auch mal in einem Franchise herumwerkelt, für das ich mich erwärmen kann. Und weil ich gespannt wäre, über wie viele Schiffsdecks er einen Longtake gehen lassen würde.

Coralie Fargeat

Die Revenge-Filmemacherin zählt David Cronenberg, David Lynch und Michael Haneke zu ihren Vorbildern, was nun nicht gerade nach einem Abstecher in Disneys Karibik klingt (auch wenn Cronenberg immerhin mit Keira Knightley zusammengearbeitet hat, will man hier Six Degrees of Disney Pirates spielen). Doch nicht nur, dass sie mit ihrer Regiearbeit an der Netflix-Serie The Sandman bewiesen hat, sich nicht vor etablierten Popkulturmarken zu scheuen:

Sie erklärte auch, sich zum absurd-opernhaften Kino zugezogen zu fühlen, und je nach Regisseur war die PotC-Saga auch durchaus eine sehr absurde Rockoper. Noch dazu nennt sie als weiteres Vorbild John Carpenter, und da Pirates of the Caribbean 6 laut Mazin "zu seltsam" wird, hätte Fargeat ja hiermit die Gelegenheit, ihrer Filmografie ein Projekt zuzufügen, das bei ihr ähnlich hervorsticht wie Big Trouble in Little China aus Carpenters.

Gina Prince-Bythewood

The Woman King vereint prunkvolle Action, Entertainment vor historischer Kulisse mit grandiosen Kostümen und nuancierte Charakterköpfe von Figuren, die locker von dramatisch zu schnippisch wechseln können. Der Film ist eigentlich ein starkes Bewerbungsvideo, von Hollywood eine Wagenladung voll Geld und den Auftrag "Hier, mach was Aufwändiges draus" zu erhalten, und mir kann niemand erzählen, dass Pirates of the Caribbean nach The Woman King ein Stilbruch für Prince-Bythewood wäre. Aber für Disney wäre sie eine interessantere Wahl als etwa einem Shawn Levy, Alan Taylor oder (sorry) Kenneth Branagh (der sich doch lieber seinen biografisch motivierten Passionsprojekten, Shakespeare und Agatha Christe widmen sollte, als dem Popcorn-Effektkino) die Zukunft der verfluchten Karibik zu überlassen.

Wen würdet ihr euch für Pirates of the Caribbean 6 wünschen? Und werden wir es jemals schaffen, wieder einen PotC-Film und einen neuen Gore-Verbinski-Film im selben Jahr spendiert zu bekommen? Beantwortet erste Frage gerne in den Kommentaren und drückt für ein "Ja" bezüglich der zweiten Frage die Daumen, me hearties, yo-ho!

Samstag, 11. März 2023

Oscars 2023: Meine Prognose für die 95. Academy Awards


Es ist wieder "Hinterher werden alle Gewinner:innen sowas von offensichtlich sein"-Zeit!

Bester Animationsfilm
  • Guillermo del Toro's Pinocchio
  • Das Seeungeheuer
  • Marcell the Shell with Shoes On
  • Der gestiefelte Kater: Der letzte Wunsch
  • Rot
Auch wenn Der gestiefelte Kater: Der letzte Wunsch seit Ende Dezember kontinuierlich neue Fans gewinnt und beispielsweise der Held des filmaffinen Internets ist (zweitbestbewerteter Film des Jahres 2022 bei Letterboxd): Ich denke, dass es hier keinen Weg gibt, der an Pinocchio vorbeiführt. Dafür ist sein Ansehen in der Filmbranche zu gut, sind seine Besprechungen in der Breite zu positiv, ist del Toros Anziehungskraft innerhalb der Academy zu groß.
Und auch wenn mein Herz etwas lauter für den Kater schlägt: Es wäre ein verdienter Sieger.

Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Im Westen nichts Neues, Edward Berger, Lesley Paterson & Ian Stokell
  • Top Gun: Maverick, Peter Craig, Ehren Kruger, Justin Marks, Eric Warren Singer & Christopher McQuarrie
  • Living, Kazuo Ishiguro
  • Glass Onion, Rian Johnson
  • Die Aussprache, Sarah Polley
Ich glaube, das Rennen wird sich zwischen Im Westen nichts Neues, der seit Wochen im englischsprachigen Raum ordentlich an Zugkraft zulegt, und Sarah Polleys wenig gesehene, aber viel bewunderte Romanadaption Die Aussprache entscheiden. Knapp sehe ich Polley vorne: Es ist die Kategorie, um dem Film etwas Liebe zukommen zu lassen, und vereint die Votingfraktion "Starke Dialoge" mit diejenigen, die eine starke Erzählstruktur würdigen.

Bestes Original-Drehbuch
  • Triangle of Sadness, Ruben Östlund
  • The Banshees of Inisherin, Martin McDonagh
  • Everything Everywhere All at Once, Daniel Kwan & Daniel Scheinert
  • Die Fabelmans, Steven Spielberg & Tony Kushner
  • Tár, Todd Field
Selbst in einem Jahr, in dem sich das Klima innerhalb der Filmindustrie nicht für die schräge Art von Everything Everywhere All at Once geöffnet hätte, wäre der Film hier ein Topkandidat. Dieses Jahr und nach den zahlreichen Auszeichnungen erst recht.

Beste Kamera
  • Im Westen nichts Neues, James Friend
  • Elvis, Mandy Walker
  • Empire of Light, Roger Deakins
  • Tár, Florian Hoffmeister
  • Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten, Darius Khondji
Ich denke, das machen Im Westen nichts Neues, Elvis und Tár unter sich aus. Und tippe mal auf die hypnotische Sogkraft von Elvis.

Beste Kostüme
  • Babylon, Mary Zophres
  • Black Panther: Wakanda Forever, Ruth E. Carter
  • Elvis, Catherine Martin
  • Mrs. Harris und ein Kleid von Dior, Jenny Beavan
  • Everything Everywhere All at Once, Shirley Kurata
Der "Wow, das und das und das ikonische Outfit haben die aber sehr gut getroffen"-Effekt könnte Elvis zum Sieg bringen.

Bester Schnitt
  • The Banshees of Inisherin, Mikkel E.G. Nielsen
  • Tár, Monika Willi
  • Elvis, Jonathan Redmond & Matt Villa
  • Everything Everywhere All at Once, Paul Rogers
  • Top Gun: Maverick, Chris Lebenzon & Eddie Hamilton
Noch bevor sich abgezeichnet hat, dass Everything Everywhere All at Once von den großen Filmpreisen akzeptiert wird, meinte ich: Dieser Film müsste den Oscar für den besten Schnitt gewinnen.
Ich werde diese Haltung jetzt nicht verraten, indem ich einen anderen als Sieger vorhersage.

Bestes Produktionsdesign
  • Avatar: The Way of Water, Dylan Cole, Ben Procter & Vanessa Cole
  • Babylon, Florencia Martin & Anthony Carlino
  • Elvis, Catherine Martin & Karen Murphy
  • Die Fabelmans, Rick Carter & Karen O'Hara
  • Im Westen nichts Neues, Christian M. Goldbreck, Ernestine Hipper
So viele detailreich ausstaffierte Sets in Babylon, kann das die generell spaltende Art des Films übertrumpfen?

Bester Dokumentarfilm
  • All that Breathes
  • All the Beauty and the Bloodshed
  • Fire of Love
  • A House Made of Splinters
  • Navalny
Die Doku-Sparte bringt mich regelmäßig zur Verzweiflung: Sage ich den vermeintlich sicheren Gewinnerfilm vorher, gewinnt eine Überraschung. Und umgekehrt. Für mich entscheidet es sich dieses Jahr zwischen Fire of Love (hervorragende Kritiken, wird für seine Bildgewalt und seine Emotionalität gefeiert, ist dank Disney+ leicht zugänglich und hatte somit viel Zeit, Buzz zu gewinnen) und All the Beauty and the Bloodshed (thematisch schwerer, aufwühlender und "wichtiger", spricht über die Relevanz von Medien). Ich gehe dieses Jahr auf "Relevanz" statt "Gefühl".

Bester Doku-Kurzfilm
  • Die Elefantenflüsterer
  • Haulout
  • How Do You Measure a Year?
  • The Martha Mitchell Effect
  • Stranger at the Gate
Meine Prognose: Die Horden an Walrössern ziehen die Aufmerksamkeit der Oscar-Stimmberechtigten auf sich.

Bester internationaler Film
  • Argentina, 1985, Argentinien
  • Im Westen nichts Neues, Deutschland
  • Close, Belgien
  • The Quiet Girl, Irland
  • EO, Polen
Pans Labyrinth verlor einst in dieser Kategorie gegen Das Leben der Anderen, obwohl del Toros Film auch in weiteren Sparten nominiert war. Es wäre also ausgleichende Gerechtigkeit, wenn dieses Mal ein vielfach nominierter deutscher Film den vermeintlich sicheren Oscar versäumt. Doch es wäre auch eine statistisch unweise Prognose. Müsste ich raten, wer in einer Wiederholung des 20 Jahre zurückliegenden Ereignisses dem Antikriegsfilm ein Schnippchen schlägt: Mein Gefühl sagt The Quiet Girl.

Bestes Makeup & Hairstyling
  • Im Westen nichts Neues
  • The Batman
  • Black Panther: Wakanda Forever
  • Elvis
  • The Whale
Die tollen Frisuren in Elvis (plus die zusätzlichen Pfunde an Austin Butler gen Ende) gegen die zusätzlichen Kilos on The Whale und Colin Farrell Verwandlung in The Batman. Oder zieht Im Westen nichts Neues mit seinem rundum großen Buzz davon? Nur das Marvel-Sequel erscheint mir hier trotz guter Arbeit eine unwahrscheinliche Wahl, und sage: Elvis hat einfach mehr Razzle Dazzle und gewinnt daher.

Beste Filmmusik
  • Babylon, Justin Hurwitz
  • The Banshees of Inisherin, Carter Burwell
  • Die Fabelmans, John Williams
  • Im Westen nichts Neues, Volker Bertelmann
  • Everything Everywhere All at Once, Son Lux
Eines Tages wird die Filmgeschichtsschreibung kollektiv den Kopf schütteln, weshalb Babylon bei den Oscars nicht mehr abgeräumt hat. Aber Justin Hurwitz' Ohrwürmer sind zu mitreißend, als dass sie ignoriert werden könnten.

Bester Song
  • Lift Me Up aus Black Panther: Wakanda Forever
  • This is a Life aus Everything Everywhere All at Once
  • Naatu Naatu aus RRR
  • Applause aus Tell It Like A Woman
  • Hold My Hand aus Top Gun: Maverick
Ich halte den Sieg von Naatu Naatu nicht für derart sicher, wie manche Kolleg:innen. Schließlich kommen zwar die Nominierungen aus der Musiksparte der Academy, während die gesamte Academy über den Sieg entscheidet. Und da rechne ich mit einigen, die RRR nicht gesehen haben und lieber diese Kategorie nutzen, um hier für einen favorisierten Film abzustimmen. Sollte sich hier also beispielsweise Top Gun: Maverick durchsetzen: Ich werde keine verwirrten Fragezeichen über dem Kopf haben. Dennoch: Mein Tipp geht gen Indien, weil sich die großen, ernst(er)en (Abspann-)Nummern gegenseitig auf den Füßen rumtreten.

Bester Animations-Kurzfilm
  • The Boy, the Mole, the Fox and the Horse
  • The Flying Sailor
  • My Year of Dicks
  • Ice Merchants
  • An Ostrich Told Me the World Is Fake and I Think I Believe It
Hoffentlich verleiht Riz Ahmed den Preis in dieser Kategorie, damit er diese Titel noch einmal vorlesen kann. Und obwohl die Trick-Kurzfilmkategorie seit vielen Jahren sehr mainstreamig ist und oft der niedlichste Nominierte gewinnt: Die stilistisch vielseitige, intim-ehrliche Coming-of-Sexual-Age-Geschichte My Year of Dicks wird gewinnen, so mein Gespür.

Bester Kurzfilm
  • An Irish Goodbye
  • Le Pupille
  • Nattrikken
  • The Red Suitcase
  • Ivalu
Indikatorpreise und "Es liegt Irland in der Luft" ergeben zusammen diese Prognose.

Bester Ton
  • Im Westen nichts Neues
  • Avatar: The Way of Water
  • The Batman
  • Elvis
  • Top Gun: Maverick
Top Gun: Maverick brachte die Kinos zum Beben und damit die Kassen zum Klingeln, nun ist es an der Zeit, dafür einen Oscar einzusacken.

Beste Effekte
  • Avatar: The Way of Water
  • Black Panther: Wakanda Forever
  • The Batman
  • Im Westen nichts Neues
  • Top Gun: Maverick
Es gewinnt nicht jedes Mal der teuerste Film, wie Ex_Machina bewiesen hat. Und nachdem monatelang fehlberichtet wurde, dass Top Gun: Maverick ja komplett praktisch gedreht wurde, könnte die Erkenntnis, wie viel hier top getrickst wurde, den Film an James Camerons Epos vorbeitragen.

Bester Nebendarsteller
  • Brendan Gleeson, The Banshees of Inisherin
  • Barry Keoghan, The Banshees of Inisherin
  • Ke Huy Quan, Everything Everywhere All at Once
  • Brian Tyree Henry, Causeway
  • Judd Hirsch, Die Fabelmans
Ke Huy Quan hat praktisch alles gewonnen, wofür er in den vergangenen Monaten nominiert wurde. Sehe diese Siegesserie nicht mehr abreißen.

Beste Nebendarstellerin
  • Kerry Condon, The Banshees of Inisherin
  • Jamie Lee Curtis, Everything Everywhere All at Once
  • Stephanie Hsu, Everything Everywhere All at Once
  • Hong Chau, The Whale
  • Angela Bassett, Black Panther: Wakanda Forever
Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass Bassett für "Ein bisschen streng und traurig gucken in einem Marvel-Film" einen Oscar gewinnt, und tippe daher auf "Oh, eine Ikone in einem vielfach beachteten Film"-Gewinnerin Curtis.

Beste Hauptdarstellerin
  • Ana de Armas, Blonde
  • Michelle Yeoh, Everything Everywhere All at Once
  • Cate Blanchett, Tár
  • Michelle Williams, Die Fabelmans
  • Andrea Riseborough, To Leslie
Es entscheidet sich zwischen Yeoh und Blanchett, in beiden Fällen habe ich jetzt schon die Schnauze voll von den reißerischen Essays und Tweets am Folgetag, in beiden Fällen gewinnt eine starke Schauspielerin in einer großartigen Rolle. Aber ich sage hier Blanchett vorher, die einfach noch eine Spur magnetischer ist in ihrem Film (so jedenfalls meine Meinung) und weil dies die Kategorie ist, wo Academy-Mitglieder, die Tár mögen, am ehesten ihre Begeisterung kanalisieren werden.

Bester Hauptdarsteller
  • Paul Mescal, Aftersun
  • Colin Farrell, The Banshees of Inisherin
  • Austin Butler, Elvis
  • Bill Nighy, Living
  • Brendan Fraser, The Whale
Es ist fatal, auf die "Willkommen zurück"-Narrative reinzufallen, schließlich hat Mickey Rourke auch keinen Oscar für The Wrestler bekommen. Aber da alle Zeichen darauf deuten, dass beim Nebendarsteller sehr wohl diese Karte gespielt wird, tippe ich hier ebenfalls darauf, dass sich die Academy in einer sentimentalen Stimmung befindet.

Beste Regie
  • Ruben Östlund, Triangle of Sadness
  • Martin McDonagh, The Banshees of Inisherin
  • Daniel Kwan & Daniel Scheinert, Everything Everywhere All at Once
  • Steven Spielberg, Die Fabelmans
  • Todd Field, Tár
Wenn die Daniels diesen Oscar nicht gewinnen, wird "Bester Film" nochmal richtig spannend.

Bester Film
  • Im Westen nichts Neues
  • Avatar: The Way of Water
  • The Banshees of Inisherin
  • Elvis
  • Everything Everywhere All at Once
  • Die Fabelmans
  • Tár
  • Top Gun: Maverick
  • Die Aussprache
  • Triangle of Sadness
Wären die vielen Indikatorpreise nicht gewesen, ich würde denken, dass der Film "zu seltsam" für Branchenpreise ist, aber so langsam zieht das Argument nicht. Aber wenn ein Film Everything Everywhere All at Once ausstechen könnte, dann The Banshees of Inisherin.

Freitag, 20. Januar 2023

Oscars 2023: Meine Prognose für die Nominierungen bei den 95. Academy Awards


Die Academy Awards bleiben auch in der Saison 2022/2023 ein undurchsichtiger Mischmasch aus offensichtlichen Antworten und Unberechenbarkeiten. Nach zwei stark von der Pandemie beeinflussten Jahren ist dieses Mal vor allem ein Element für meine Verwirrung zuständig: Zwiegespaltener Diskurs!

Babylon etwa hat zwar viele negative Kritiken und ein desaströses US-Einspielergebnis, doch diejenigen, die ihn lieben, lieben ihn. Sind genug Leute von diesem Schlag in der Academy, um ihm Nominierungen zu sichern? Top Gun: Maverick ist ein sehr gut gemachter, aber inhaltlich total normaler Action-Blockbuster - reicht das dieses Jahr aus, um die Academy in einen ähnlichen Taumel der Begeisterung zu versetzen wie die US-Presse, große Teile der internationalen Presse und das zahlende Publikum?

Everything Everywhere All at Once würde in jedem anderen Jahr als "zu schräg für die Academy" abgetan, aber reichte das monatelange Dauerfeuer an Hype seitens Filmfans und der Presse aus, um im Zusammenspiel mit der Verjüngung der Academy doch mehrere Nominierungen herbeizuwillen? 

Egal, wie es kommt: Am Ende wird es heißen "war doch klar!" Babylon, Top Gun: Maverick und Everything Everywhere All at Once sind drin? "Klar, deren Fans sind doch so vehement!" Sie werden aus dem Rennen ausgeschlossen? "War doch klar: Zu kontrovers, zu tumb, zu schräg!" 

Und was ist mit Die Fabelmans, einem Film, den viele als sichere Bank sahen, der in seinen ersten Schüben der Veröffentlichung auch viel und positiv diskutiert wurde, dann an den US-Kinokassen unterging und in der Industrie wenig besprochen wurde, bevor er gegen Ende der Nominierungs-Votingphase wieder an Fahrt zulegte, etwa durch die auf einmal wieder beachteten Golden Globes?

Ich bin sehr gespannt, was uns am Dienstag erwartet. Meine Vermutungen besagen, dass es folgendes Feld sein wird:

Bester Animationsfilm
  • Guillermo del Toro's Pinocchio
  • Der kleine Nick
  • Marcell the Shell with Shoes On
  • Der gestiefelte Kater: Der letzte Wunsch
  • Rot
Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Im Westen nichts Neues, Edward Berger, Lesley Paterson & Ian Stokell
  • Glass Onion, Rian Johnson
  • Living, Kazuo Ishiguro
  • The Whale, Samuel D. Hunter
  • Die Aussprache, Sarah Polley
Bestes Original-Drehbuch
  • Aftersun, Charlotte Wells
  • The Banshees of Inisherin, Martin McDonagh
  • Everything Everywhere All at Once, Daniel Kwan & Daniel Scheinert
  • Die Fabelmans, Steven Spielberg & Tony Kushner
  • Tár, Todd Field
Beste Kamera
  • Im Westen nichts Neues, James Friend
  • Elvis, Mandy Walker
  • Empire of Light, Roger Deakins
  • Nope, Hoyte Van Hoytema
  • Top Gun: Maverick, Claudio Miranda
Beste Kostüme
  • Babylon, Mary Zophres
  • Black Panther: Wakanda Forever, Ruth E. Carter
  • Elvis, Catherine Martin
  • Mrs. Harris und ein Kleid von Dior, Jenny Beavan
  • The Woman King, Gersha Phillips
Bester Schnitt
  • Avatar: The Way of Water, David Brenner, James Cameron, John Refoua & Stephen E. Rivkin
  • Babylon, Tom Cross
  • Elvis, Jonathan Redmond & Matt Villa
  • Everything Everywhere All at Once, Paul Rogers
  • Top Gun: Maverick, Chris Lebenzon & Eddie Hamilton
Bestes Produktionsdesign
  • Avatar: The Way of Water, Dylan Cole, Ben Procter & Vanessa Cole
  • Babylon, Florencia Martin & Anthony Carlino
  • Elvis, Catherine Martin & Karen Murphy
  • Die Fabelmans, Rick Carter & Karen O'Hara
  • Glass Onion, Rick Heinrichs
Bester Dokumentarfilm
  • All that Breathes
  • All the Beauty and the Bloodshed
  • Fire of Love
  • Moonage Daydream
  • Navalny
Bester Doku-Kurzfilm
  • The Elephant Whisperers
  • The Flagmakers
  • Holding Moses
  • How Do You Measure a Year?
  • 38 at the Garden
Bester internationaler Film
  • Argentina, 1985, Argentinien
  • Im Westen nichts Neues, Deutschland
  • Close, Belgien
  • Die Frau im Nebel, Südkorea
  • EO, Polen
Bestes Makeup & Hairstyling
  • Babylon
  • The Batman
  • Black Panther: Wakanda Forever
  • Elvis
  • The Whale
Beste Filmmusik
  • Babylon, Justin Hurwitz
  • The Banshees of Inisherin, Carter Burwell
  • Die Fabelmans, John Williams
  • Guillermo del Toro’s Pinocchio, Alexandre Desplat
  • Die Aussprache, Carter Burwell
Bester Song
  • Lift Me Up aus Black Panther: Wakanda Forever
  • Til You're Home aus Ein Mann namens Otto
  • Naatu Naatu aus RRR
  • Applause aus Tell It Like A Woman
  • Hold My Hand aus Top Gun: Maverick
Bester Animations-Kurzfilm
  • The Boy, the Mole, the Fox and the Horse
  • The Flying Sailor
  • My Year of Dicks
  • New Moon
  • An Ostrich Told Me the World Is Fake and I Think I Believe It
Bester Kurzfilm
  • An Irish Goodbye
  • Le Pupille
  • Nakam
  • The Red Suitcase
  • Warsha
Bester Ton
  • Im Westen nichts Neues
  • Avatar: The Way of Water
  • Babylon
  • Elvis
  • Top Gun: Maverick
Beste Effekte
  • Avatar: The Way of Water
  • The Batman
  • Doctor Strange in the Multiverse of Madness
  • Nope
  • Top Gun: Maverick
Bester Nebendarsteller
  • Brendan Gleeson, The Banshees of Inisherin
  • Barry Keoghan, The Banshees of Inisherin
  • Ke Huy Quan, Everything Everywhere All at Once
  • Paul Dano, Die Fabelmans
  • Eddie Redmayne, The Good Nurse
Beste Nebendarstellerin
  • Kerry Condon, The Banshees of Inisherin
  • Jamie Lee Curtis, Everything Everywhere All at Once
  • Stephanie Hsu, Everything Everywhere All at Once
  • Hong Chau, The Whale
  • Jessie Buckley, Die Aussprache
Spätestens durch ihren Globe-Gewinn und ihre Nominierung bei den SAG Awards nehmen immer mehr Oscar-Expert:innen Angela Bassett mit in ihre Prognose auf. Doch ich kann mir nicht helfen: Weder Black Panther noch Avengers || Endgame haben es geschafft, eine erste MCU-Schauspiel-Nominierung zu bewerkstelligen.
Also lässt sich sagen, dass die Academy in Sachen Schauspielwürdigung nicht an das MCU denkt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film, dessen Blockbusterbuzz von Avatar: The Way of Water weggewalzt wurde, da groß was ändern wird. Zumal die Academy-Mitglieder, die etwas außerhalb des Rahmens denken schon ihr Stimmgewicht hinter Everything Everywhere All at Once werfen müssen...

Beste Hauptdarstellerin
  • Ana de Armas, Blonde
  • Michelle Yeoh, Everything Everywhere All at Once
  • Cate Blanchett, Tár
  • Danielle Deadwyler, Till
  • Viola Davis, The Woman King
Die vernünftige Prognose wäre, Michelle Williams für Die Fabelmans anstelle von Ana de Armas vorherzusagen: Die Academy liebt gut zusprechende Mutterfiguren, Steven Spielberg und Michelle Williams! Aber: Williams wurde nicht für den SAG Award nominiert, also den Preis der Schauspielgilde! Und selbst wenn SAG und die Academy Awards in dieser Kategorie nicht immer deckungsgleich sind, gehe ich dieses Jahr einfach diesen Weg.

Die jüngere, internationalere Zusammensetzung der Academy lässt sich, so meine Vermutung, eher auf den umstrittenen Blonde ein. Wir werden es sehen...

Bester Hauptdarsteller
  • Paul Mescal, Aftersun
  • Colin Farrell, The Banshees of Inisherin
  • Austin Butler, Elvis
  • Bill Nighy, Living
  • Brendan Fraser, The Whale
Beste Regie
  • James Cameron, Avatar: The Way of Water
  • Martin McDonagh, The Banshees of Inisherin
  • Daniel Kwan & Daniel Scheinert, Everything Everywhere All at Once
  • Steven Spielberg, Die Fabelmans
  • Todd Field, Tár
Bester Film
  • Im Westen nichts Neues
  • Avatar: The Way of Water
  • Babylon
  • The Banshees of Inisherin
  • Elvis
  • Everything Everywhere All at Once
  • Die Fabelmans
  • Tár
  • Top Gun: Maverick
  • The Whale
Kürzlich sicherte sich Im Westen nichts Neues satte 14 Nominierungen bei den BAFTAs - und da beide Akademien einige Überschneidungen in der Zusammensetzung haben, halte ich es also für sehr wahrscheinlich, dass Deutschland einen Film im "Bester Film"-Oscar-Rennen stellen wird. Kurios, dass aus dem Land des ständig selbstgeißelnden "Wir können keine guten Filme!"-Aufrufs bislang so wenig Begeisterung über das Awards-Abschneiden, ach, über den Film generell zu vernehmen war.

The Whale hat zwar abseits Brandan Frasers Performance eher für zwiegespaltene Reaktionen gesorgt, aber ab und zu ist der Academy sowas egal. Und: Filme mit einer lautstark zelebrierten männlichen Performance rutschen üblicherweise auch ins Rennen um diese Kategorie.

Dass Top Gun: Maverick letztlich nicht nominiert wird, halte ich für wahrscheinlicher als wohl viele Oscar-Tippspielende. Doch dieses Oscar-Rennen ist so kurios, ich möchte keinen als sicher geltenden Tipp für ein törichtes Wagnis abgeben, also behalte ich den Mega-Blockbuster in meiner Vorhersage. Aber sollte er oder ein anderer Titel rausfliegen und dafür Glass Onion reinkommen, ich wäre nicht erstaunt.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Top Gun: Maverick

Top Gun hat interessante Loopings hinter sich: Ursprünglich von der Kritik negativ besprochen, aber vom zahlenden Publikum gefeiert, hat sich der von Tony Scott inszenierte Kampfjet-Pilotenfilm mittlerweile Kultklassikerstatus erarbeitet. Neue Generationen an Filmkritiker:innen lassen ihm zumeist die Liebe zukommen, die er 1986 in der Presse nicht erhalten hat. Beim breiten Publikum gibt es wiederum zwei Hauptlager: Entweder genießt man ihn als das, was er ist (und grinst sich ab und zu durch Sequenzen, die arg in 80er/Navy-Kitsch schwimmen). Oder man hat ironischen Spaß an ihm (und ist ab und zu wirklich gefesselt von ihm). 

Ich zähle zu einem Randlager im Top Gun-Diskurs: Obwohl ich eine Schwäche für Jerry-Bruckheimer-Produktionen habe und Regisseur Tony Scott wahrlich vermisse, konnte ich mit Top Gun nie was anfangen. Als Actionfilm reißt er mich nicht mit, als Drama über die beruflichen sowie privaten Dilemmata eines draufgängerischen Kampfpiloten ist er mir viel zu seicht in seiner Charakterzeichnung und/oder den ausgeloteten Themen. Ich finde Top Gun nicht grottig, denn oft genug kommt in Einzelszenen der Esprit bei mir an, auf den Scott es abgesehen hat. Man könnte meine Reaktion auf Top Gun wohl am besten mit einem Schulterzucken beschreiben, begleitet von einem energischen Kopfschütteln mit sanftem Lächeln.

Daher war ich hinsichtlich der Erwartungshaltung an Top Gun: Maverick in einem Camp, das meiner Vermutung nach winzig klein sein dürfte: Als angekündigt wurde, dass Joseph Kosinski (Tron: Legacy, Oblivion, No Way Out) Regie führen soll, raunte ich: "Schön, dass er wieder was zu tun hat. Aber dafür ist er doch viel zu schade!"

Wen ich jetzt schon verloren habe (ich könnte es nicht verübeln, es gäbe Filme, bei denen ich keine drei negative Absätze schlucken würde), dürfte zur Kernzielgruppe von Top Gun: Maverick zählen. Denn von allen "Legacyquels", die strukturell und thematisch beliebte Filme erneut mit Teilen des alten Casts aufkochen, aber als Fortsetzung dienen, die eine neue Generation einführt, ist dies das Originalgetreuste. Mehr als Star Wars: Das Erwachen der Macht. Mehr als Scream (5), aber ohne dies derart auf narrativer oder thematischer Ebene zu begründen wie das bitterbös-gewiefte Slasher-Legacyquel. Top Gun: Maverick sagt sich "Ihr mögt Top Gun? Ihr bekommt Top Gun mit allen Wiederholungen, die man sich vorstellen kann, und genug inhaltlicher Fortführung, um sich den Weg zu etwas Modernisierung und weiterem Fanservice zu bahnen!"

Die hauchdünne stilistische Begründung, die ich Top Gun: Maverick dafür in den Mund legen kann, ist dass sich Tom Cruises Figur Pete „Maverick“ Mitchell seit dem Ende des Vorläufers kaum verändert hat (mental, karrieretechnisch, körperlich), und der Film dieses Verharren durch die vielen, vielen Wiederholungen unterstreicht. Doch egal, ob das Intention oder wohlmeinende Interpretation von mir ist: Es sind nur Spurenelemente. Ähnliches gilt für das metafiktional durchschimmernde Element des "Vielleicht wird es sowas irgendwann nicht mehr geben, doch noch gibt's das!":

Die Titelfigur wird als Relikt bezeichnet, das sein Ding unbeirrt durchzieht - und das lässt sich sowohl auf Superstar Tom Cruise übertragen als auch auf Produzent Jerry Bruckheimer, der einst König des Popcornkinos war und jetzt eher zum alten Eisen gezählt wird. Vor allem aber ist es eine Art Selbstbeweihräucherung dieses Films: "Top Gun ist als Film nicht Schnee von gestern, und daher darf, soll, ja sogar muss dieses Sequel nun über die Leinwand düsen!"

Nicht, dass man Top Gun lieben muss, um Top Gun: Maverick mögen zu können. David Ehrlich hält wenig vom Original und ist nahezu begeistert von Teil zwei. Und auch ich finde die Fortsetzung viel besser als den Vorgänger. 

Für mich funktioniert Top Gun: Maverick praktisch als Verbesserung von Top Gun. Als wäre Tony Scotts Kultfilm von 1986 die Rohfassung, und dieser Film die 36 Jahre später nachgereichte, überarbeitete, überzeugt eingereichte Finalfassung. Die Story ist noch immer kein großer Wurf, aber Mavericks Hadern zwischen Verantwortungsbewusstsein und Teufelskerldasein wird ausgereifter erzählt und von Cruise packender gespielt als Mavericks Dilemma im Original.

Und auch wenn Top Gun: Maverick immer noch große Herzchenaugen beim Anblick der ganzen Militärmaschinerie entwickelt, geht ihm der kitschige Navy-Werbeclip-Enthusiasmus ab, was zugleich die Schlagzahl an unfreiwillig selbstparodistischen Sequenzen drosselt. Im Gegenzug gibt es Actionszenen, die mich deutlich mehr mitreißen als im Original: Spektakuläre, reale Stunts, weitestgehend nahtlose Digitaltricks und eine aufregende Erzählweise sorgen in der zweiten Filmhälfte für einen ordentlichen Adrenalinrausch.

Kosinski erwies sich als tolle Wahl für diesen Stoff: Seine distanzierte Inszenierung verlegt den Schwerpunkt vom "Hurra, militärische Kameradschaft und patriotisches Heldendasein"-Duktus zu einem mit stockendem Atem erfolgten Beobachten der bildschönen Landschaften, der von Jennifer Connelly geleiteten Pilotenbar, und vor allem der faszinierend akkurat eingefädelten Flugmanöver.

Der Score von Hans Zimmer und Top Gun-Komponist Harold Faltermeyer, der zudem Lady Gagas Abspannsong immer wieder thematisch einwebt, fühlt sich enorm nach 1980ern an und bedient sich intensiv beim ersten Teil, ist aber im Arrangement und der kräftig-dynamischen Abmischung im Heute angekommen. Das tröstet mich bei einem Film dieser Art größtenteils darüber hinweg, wie egal die meisten Figuren sind, auch wenn es wirklich nicht geschadet hätte, Mavericks Schützlingen mehr Profil zu verleihen.

Dafür gibt es eine großartige Szene mit Val Kilmer, der nach seiner Krebserkankung nun eine würdevolle Ehrenrunde machen darf, und ein finales Drittel, das zwar jegliche potentielle Dramatik aufgibt, aber endlich all den temporeichen Popcornspaß-Actionritt bietet, den ich bei der Kombi "Bruckheimer-Produktion und Kampfjets" schon vom Original erwartet hatte.

Wer auch nur einen Hauch Interesse an Top Gun: Maverick hat, sollte ihn aufgrund seiner audiovisuellen Kraft im Kino schauen. Wer hadert, aber die Mission: Impossible-Filme mag, bekommt eine Art Wegzehrung geboten. Und ich freue mich einfach für Kosinski, dass er diesen von der Kritik geachteten, visuell eindrucksvollen Film in seiner Vita stehen hat. Möge es ihn näher an eine Position bringen, stets nur das zu tun, worauf er Bock hat!

Top Gun: Maverick ist ab dem 26. Mai 2022 in den deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 25. Juni 2021

Freitag der Karibik #74

Was bisher geschah: Ich bin wieder voll im Piratenfieber. Daher widme ich mich nun den weniger bekannten Deleted Scenes aus Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen. Also den komplett gekippten oder gestutzten Filmpassagen, die erst in späteren, internationalen Sammeleditionen al Bonusmaterial zu finden waren. Die entsprechenden Szenen zu Teil zwei behandelte ich bereits hier.


Und nun weitere Deleted Scenes, inszeniert von Gore Verbinski!

Die Postproduktion von Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt war legendär-stressig. Der Drehschluss des großen Finales von Gore Verbinskis Piratentrilogie verschob sich aufgrund zahlreicher Komplikationen (von einem Hurrikan zerstörte Sets! Szenen, die komplett neu gedreht werden mussten, um bessere Effekte zu ermöglichen!) wiederholt nach hinten. Die kreativen Verantwortlichen beknieten daher Disney, den Starttermin von Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt ebenfalls zu verschieben. Doch sie lehnten ab. Und so mussten die sich stapelnden Erledigungen in deutlich weniger Zeit abgearbeitet werden, als geplant. Der Legende nach erhielt Gore Verbinski vom Studio während der Postproduktion Fahrverbot, weil es Angst hatte, dass der unzählige Überstunden schiebende Mann am Steuer einschlafen und so einen schweren Unfall bauen könnte.

Und dennoch kam am Ende ein wahrhaftiges Meisterwerk heraus (wenn man mich fragt, und da ihr auf meinem Blog seid, tut ihr das ja offenbar!), wenngleich ein Meisterwerk, um das die hitzigsten Diskussionen entstanden. Hätte mehr Material auf dem Boden des Schneideraums landen müssen? Weniger? Warum bitte landeten manche Dinge auf dem Boden des Schneideraums? Es ist an der Zeit, sich die Tonnen an Deleted Scenes näher anzuschauen und Gore Verbinski höchstpersönlich zu lauschen, während er erklärt, was er sich dabei gedacht hat ... 

(Titellos)

In der einzigen Aufnahme, die für den verworfenen Anfang von Am Ende der Welt gemacht wurde, sehen wir Barbossa nachdenklich an einem Tisch sitzen, mit einer Acht-Realis-Münze in der Hand. 

Gores Kommentar: Ursprünglich sollte Am Ende der Welt damit beginnen, wie jeder der Piratenfürsten eine solche Münze erhält, was als Einladung Barbossas zum Rat der Bruderschaft gelten sollte.

Mein Urteil: Hau weg den Dreck, keine Alternative kommt an den Hoist the Colors-Prolog ran!

The Canaries

Nachdem Barbossa und Elizabeth in das Badehaus Sao Fengs eingetreten sind, sehen wir bereits Tia Dalma (die in der endgültigen Filmfassung erst etwas später wiedereingeführt wird). Sie und Jack, der Affe nutzen die Drehorgel, um die Feilgeräusche zu übertönen, die Gibbs und Co. verursachen. Als die Wachen der East India Trading Company sie verjagen wollen, verrät Tia Dalma einem der Wachmänner etwas aus seiner Kindheit (er warf stets Laken in den Brunnen) sowie eine ihn tiefer treffende Wahrheit (dass seine Mutter ihn durchschaute, aber ihm verzieh). 

Gores Kommentar: "Es ist eine Art Verweis auf Obi-Wan in Star Wars ... 'Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht'. Ich glaube, die Autoren Ted & Terry waren als Kinder große Fans von diesem Film. Aber letztlich wollten wir zügiger zum Treffen mit Sao Feng kommen, also musste diese Szene weichen."

Mein Urteil: Keine Szene, bei der ich denke "Hach, wäre sie doch nur drin geblieben!", gestört hätte sie mich aber auch nicht. Doch ich will nicht wissen, wie ungeduldig das Publikum damals, im Mai 2007, während des Triple Features mit Mitternachtsvorpremiere geworden wäre, hätte es noch länger gedauert, bis wir zu Jack Sparrows Auftritt kommen. Also, ja, im Sinne des Publikums: Gut entschieden. Und auch ohne die Meute im Kino im Blick ist ja nichts wertvolles verschollen gegangen.

A Pox on Us All

Sao Feng kritisiert etwas länger den Gedanken einer Fürsten-Zusammenkunft, woraufhin Barbossa den Hohen Rat mit Nachdruck und romantisiertem Tonfall verteidigt.

Gores Kommentar: Er merkt an, dass das Treffen mit Sao Feng insgesamt viel ausführlicher war, doch letztlich beschloss er, es auf das Wesentliche zu reduzieren. Er vermisst jedoch die kurzen Zeilen, in denen Barbossa Sao Feng verdeutlicht, was der Hohe Rat der Bruderschaft den Piraten alles ermöglichte. Gore ist sich dessen bewusst, dass diese Informationen weiterhin im Film stecken, jedoch mag er es, wie Barbossa sie hier mittels seiner Gravitas als Verhandlungsmittel einsetzt.

Mein Urteil: Rush spielt wirklich klasse, aber die Szene wäre schon redundant ... 

You're a Pirate

Pintel begegnet während der Singapur-Kampfszene zwischen den Piraten und der East India Trading Company dem Verräter mit dem zerlaufenen Tattoo (der später auch als Leiche zu sehen ist, die die Wasserstelle vergiftet, die die Crew der Black Pearl nach der Up is Down-Szene nutzen möchte).

Gores Kommentar: Diese zweite von planmäßig eigentlich drei Szenen rund um die Verräterfigur sollte dafür sorgen, dass ihre dritte Szene (die als Leiche im Wasserloch) stärker nachhallt. Aber zu wenige Leute erkannten den Verräter in dieser zweiten Szene wieder, so dass sie auch direkt für etwas mehr Tempo fliegen konnte,

Mein Urteil: Kein Verlust, der Am Ende der Welt irgendwie mindern würde. Aber die kurze zusätzliche Action-, Humor- und Storyeinlage ist gut gefilmt und gespielt. Ich finde, sie hätte bleiben dürfen.

You Weren't Supposed to Get Caught

Während der Wegfahrt von Singapur auf dem von Sao Feng geliehenen Schiff: Barbossa ermahnt Will, dass er sich nicht hat erwischen lassen sollen. Wills kühle Antwort suggeriert, dass alles nach seinem Plan verlief, er sich also hat erwischen lassen, um bei der Unterredung mit Sao Feng dabei zu sein und verhandeln zu können.

Gores Kommentar: Er nennt keinen Grund, weshalb die Szene gekürzt wurde, merkt nur an, dass sie sehr früh aufgegeben wurde.

Mein Urteil: Der Szenenübergang von Singapur zu Davy Jones ist im fertigen Film so stark, ich glaube glatt, dass dieser zusätzliche Beat an Will-Ambivalenz (die ja dennoch in Am Ende der Welt spürbar ist) daher fliegen musste.

It's a Two-Part Plan

Murtogg und Mullroys Wiedereinführung fällt etwas länger aus, mit Gescherze über den Zustand der Flying Dutchman. Anschließend sehen wir, wie sich Gouverneur Swann in das Egomessen Lord Becketts und Davy Jones' einmischt und Jones anfährt, weil er den Piratenschiffen nicht ausreichend Möglichkeit gibt, sich zu ergeben. Jones behauptet daraufhin Swann gegenüber, dass Elizabeth tot sei und Beckett davon wüsste.

Gores Kommentar: Gore sagt, dass diese Szene für viele, eifrige Diskussionen sorgte und für Meinungsverschiedenheiten, ob sie Sinn ergeben würde. Daher habe sie weitere Handlungsfäden, vor allem die restlichen Szenen rund um Gouverneur Swann, in Mitleidenschaft gezogen. Daher hat er sie umgeschnitten.

Mein Urteil: Der zusätzliche Comedy-Beat mit Murtogg und Mullroy ist zurecht geschnitten worden: Ich mag die beiläufige Reintegration der Figuren, das Understatement passt zur Stimmung, die Am Ende der Welt im ersten Akt hat, und sie schürt die Vorfreude auf späteren Unfug mit den Beiden. Das Gespräch zwischen Jones, Beckett und Swann ist aber echt gut gespielt, und daher ist es schon schade, dass der fertige Film ohne die Szene auskommen musste. Aber ich verstehe Gores Bedenken und, hey, es gibt ja die Blu-ray mit der Sequenz in den Extras!

Swann Song

Emotional aufgrund der obigen Szene aufgelöst, rennt Gouverneur Swann zur Truhe des Todes und versucht, Davy Jones' Herz zu durchstechen. Norrington kann ihn davon abhalten. Ein in Tränen zerfließender Swann erzählt Norrington, dass Elizabeth tot sei, woraufhin Norrington mit brechender Stimme, aber strengem Auftreten den um ihn stehenden Soldaten befiehlt, den Raum zu verlassen. Jones betritt die Szene, wird sofort von Norrington mit einer gezückten Pistole bedroht, während er weiter Swann zu trösten versucht. Dieser erklärt Swann mit diabolischer Freude den Fluch, den er auf sein Herz gelegt hat. Mercer und Beckett stoßen dazu. Mercer klärt auf, dass Elizabeth noch lebt, und Beckett merkt schelmisch an, dass er dieses Wissen willentlich zu unterschlagen versucht hat. Swann verlässt entgeistert den Raum, Beckett schnaubt Jones an. Sobald Mercer und Beckett allein sind, spricht Mercer den Gedanken an, dass Swann und Norrington sterben müssen, weil sie zu viel wüssten. Beckett erklärt, dass er Norrington achtet und weiter gebrauchen kann, Swann dagegen ... 

Gores Kommentar: Durch die Kürzung der obigen Szene, musste zwangsweise auch diese weichen. Gore erklärt, dass man sich während der stressigen Produktion von PotC 2 & 3 an dieser Stelle in eine Ecke manövriert habe. Der Handlungsstrang rund um Gouverneur Swann war verfahren: Diese so emotional aufgeladene Szene verpuffe für das Publikum, weil es mehr weiß als der wütend-traurige Swann und der ihn mit Geheimnissen über seine Vergangenheit triezende Davy Jones. Dass Jones an dieser Stelle die Regeln des Fluchs vertiefe, würde zudem dafür sorgen, dass die Enthüllung von Swanns Tod an emotionaler Kraft verliert:

Wenn er als Geist gezeigt wird und Elizabeth die Regeln über Jones' Herz erklärt, drohe es laut Gore aufgrund dieser Szene, dröge zu werden, weil Swann etwas wiederkaut, das ohne diese Szene neu für uns wäre. In Gores Augen ist Swanns Tod bedeutsamer, wenn mit ihm auch Erkenntnisgewinn für Publikum und die Figuren einhergeht. Also wurde diese Szene gestrichen und ein verkürzter Ersatz geschrieben, um Mercers und Becketts Absicht, Swann zu töten, dennoch im Film zu haben. Am meisten trauert Gore um Jones' triezenden Monolog über seinen Fluch, der letztlich sein eigenes Ende begründet. Doch die Szene, die zu diesem Moment führt, habe zu große Kosten, um den Genuss an ihm zu rechtfertigen.

Mein Urteil: Als ich die Szene erstmals sah, dachte ich: "Wow! Wieso wurde die geschnitten?!" Jonathan Pryce, Jack Davenport, Bill Nighy und Tom Hollander spielen großartig auf, vor allem Pryce und Davenport lassen einen an ihrem Sturm der Emotionen teilhaben. Und David Schofield ist als Mercer einmal mehr herrlich fies. Die Szene ist, für sich stehend, einfach klasse anzuschauen. Und dann habe ich Gores Kommentar gehört und ... Ja, ich verstehe ihn. Die Szene ist an sich grandios, aber wenn ich mir vorstelle, sie wäre im Film, dann würde im Mittelteil bei einem wichtigen Wendepunkt Emotion fehlen. Der Schock wegen Swanns Tod wäre kleiner, der unmittelbare Gefühlsbogen rüber zur Anspannung, was wir mit der Information über Jones' Fluch anfangen soll und was Jack damit anfangen wird, wäre nicht mehr da, somit fiele der emotionale Wellengang aus, der uns quasi auf den Schwung von Up is Down raubt ... Es ist ein Jammer, dass man keine Möglichkeit fand, eine Version dieser Szene zu entwerfen, die im Gesamtwerk funktioniert. Denn, liebe, innige PotC-Fans: Wenn ihr diese Sequenz noch nicht kennt, besorgt euch umgehend ein Blu-ray-Set, in dem sie enthalten ist. Es lohnt sich, wenn ihr mich fragt!

This Was Your Idea

Pintel und Ragetti necken sich länger, während sie kopfüber am Mast der Black Pearl hängen.

Gores Kommentar: Gore ist kurz davor, das Entfernen dieser Szene zu bereuen, nennt sie eine der größten Verluste. Aber letztlich war sie unnötig und musste daher raus, damit der Kern der Geschichte stärker rausgearbeitet ist.

Mein Urteil: Gore ist voller Überraschungen. Das hier ist für ihn eine der Szenen, die er am ehesten/meisten vermisst? Verrückt.

Kraken Slayers, Pt.1

Pintel und Ragetti blödeln länger neben, um und auf der Leiche des Kraken herum

Gores Kommentar: Gore liebt alles, was Pintel und Ragetti am Strand treiben, während wir den Krakenleichnam sehen. Es sei absurd und passe zur Thematik des Films, denn letztlich würden Pintel und Ragetti ja die Kommerzialisierung von Mythen ausdiskutieren, unwissentlich, dass sie somit ideologisch mit Lord Beckett verbrüdert sind, obwohl er ihren Untergang bedeutet. Er vergleicht Pintel und Ragetti mit den sprichwörtlichen Leichenfledderern aus The Wild Bunch, die nicht erkennen, dass sie sich dem Ende ihrer Ära nähern.

Mein Urteil: Wow ... Also, wenn ich einer anderen Person Gore Verbinskis visuellen Stil erklären muss, so ist mein Paradebeispiel bislang die Szene am Steg im Hafen von Tortuga in Pirates of the Caribbean - Die Truhe des Todes. (Ja, ich weigere mich mal wieder, den richtigen deutschen Titel zu nehmen, ja, das ist kindisch von mir. Ignoriert es einfach.) Ted & Terry haben es ja in ihrem Audiokommentar genauso getan. Gore nimmt eine lange Dialogszene, in der viel Information übermittelt wird, und macht aus ihr eine Passage, die sich zügig bewegt, in der ein Gag nach dem nächsten zündet, und die jede Menge kinetische Ebenen hat (Statisten, die keinerlei Ruhe finden, Figuren, die in Bewegung bleiben, schaukelnde Schiffe) ... und eine Ziege.

Aber müsste ich demnächst wieder erklären, wie Gore Verbinski als Regisseur tickt, wenn es darum geht, wie er geistig an seine Filme herantritt ... Ich glaube, ich würde künftig womöglich diese Deleted Scene zeigen, zweimal nacheinander. Einmal pur, danach mit Audiokommentar. Im fertigen Film ist Pintels und Ragettis Geblödel kurz, knackig, es entspricht ihren Persönlichkeiten, es schafft eine Fallhöhe für Jacks und Barbossas unerwartet ernstes und sentimentales Gespräch. Als ich diese Deleted Scene das erste Mal sah, dachte ich nur: "Ja. Okay. Mehr Comedy." Und dann habe ich Gores Kommentar gehört, der damit beginnt,  wie enorm er diesen geschnittenen Passagen hinterher trauert, und ich war bereit, zu denken: "Gore! Was?! Warum?!"

Und dann enthüllt er, wie sehr er es liebt, dass diese Szene völlige Absurdität mit thematischer, ernster Konsistenz mit dem restlichen Film vereint, als dass sie zwei sympathietragende Dummbeutel als Leute zeichnet, die lachend in ihren Untergang schippern und sich unwillentlich ideologisch an die Seite der imperialistischen Macht stellen, die sie leiden und verenden sehen will ... Wow. Und es ist kein hochtrabendes Gerede, Gore hat völlig recht, die Szene drückt genau das aus, und es ist verblüffend, wie nahtlos das ineinander übergeht. Im fertigen Film kommt dieser Gedanke weiterhin rüber, und seit ich Gores Kommentar gehört habe, liebe ich die Szene rund um den toten Kraken mehr denn je, und ... Ja, wie kann man Gore Verbinski besser erklären, als "Das ist der Mann, der zwei tölpelige Nebenfiguren liebend gern Unfug reden lässt, und somit die schwere Thematik seines Films unterstreicht"? Das ist fast schon die Essenz dieses Mannes!

Kraken Slayers, Pt.2

Pintel und Ragetti scherzen nach Jacks und Barbossas schwermütigem Gespräch im Angesichts des toten Kraken weiter. 

Gores Kommentar: Gore liebt auch diese Stelle. Pintel und Ragetti sind, anders als Jack und Barbossa, bereit, ahnungslos und glücklich unterzugehen.

Mein Urteil: Siehe oben.

It's Just Good Business

Die deutlich verlängerte Verhandlung zwischen Käpt'n Jack Sparrow und Lord Cutler Beckett, die mehr ihrer gemeinsamen Vorgeschichte enthüllt (inklusive der durch den Roman The Price of Freedom wieder kanonisierte "People aren't cargo, mate"-Zeile Jacks, die erklärt, dass er zum Pirat wurde, weil er sich weigerte, für Beckett Sklaven zu verschiffen). Anschließend bedrohen und verwirren sich Jack und Beckett, schüchtern ein, versuchen einander durch Wortgeflechte in die Ecke zu drängen. Beckett legt seine Ideologie klipp und klar offen: Die Gesellschaft verlangt Waren "und solange alles pünktlich und ausreichend geliefert wird, sind Menschen damit einverstanden, bloß Zahlen in einem Kontobuch zu sein". Jacks Erdnuss-Running-Gag wird stärker herausgestellt, Beide bemühen sich, den jeweils Anderen dazu zu bringen, unwillentlich die ihm entgegengesetzten Ziele zu verfolgen. 

Gores Kommentar: Gore erklärt, dass die Szene ursprünglich als Einzelstück gedacht war, das so im Film abläuft, wie hier gezeigt, also ohne Parallelschnitt zu den weiteren Verhandlungen zu diesem Handlungszeitpunkt (Will und Sao Feng, Sao Feng und Barbossa, Sao Feng und Mercer, Barbossas Verhandlung via Blicke mit Tia Dalma, etc.). Gore wünschte sich eingangs nämlich eine substanzielle, gehaltvolle und schwere Szene, weil hier erstmals die Kontrahenten Beckett und Jack aufeinander treffen, die sich in der Vorgeschichte der Trilogie einander schufen. Doch im Schnitt bemerkte er, dass dieses philosophisch gefühlte Wettrüsten der Egos, während dem impliziert wird, wie sehr Beckett Jack für seine Freiheit beneidet und dass es "viel Unausgesprochenes" zwischen ihnen gibt, zu behäbig geraten sei. Daher habe er es gestutzt und in die Parallelmontage gepackt. Der Erdnuss-Gag ist für Gore mehr als ein Gag, nämlich auch eine dramatische Erinnerung an das fatale Schicksal, das Jack droht, sollte er scheitern.

Dass Jack Becketts Drinks stiehlt (was auch im fertigen Film zu sehen ist), versteht Gore als pointierte Vordeutung, dass Jack letztlich Beckett alles nehmen wird. Die Sequenz sei bewusst so geplant, dass erst Beckett die Oberhand gewinnt, mit Einschüchterungstaktik und kapitalistischer Überzeugungskraft, ehe Jack gewieft und teuflisch-widerlich das Sagen zurückgewinnt und für Freiheit einsteht, selbst wenn bei ihm die Angst im Raum steht, dass er für seine Freiheit alle anderen verraten wird. Doch so gelingt es ihm immerhin, Beckett dazu zu bringen, ihn zur Dutchman zu führen, weil Beckett denkt, dass Jack dies vermeiden will. 

Mein Urteil: Ich verstehe Gores Gedanken, dass die Szene gestrafft werden muss. Aber dass "People aren't cargo, mate" und Becketts Zitat über die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den verheerenden Folgen des Turbokapitalismus, solange sie ihre gewünschten Güter zügig und reichlich geliefert bekommen, gewichen sind, ist einfach schade. Die hätten doch drin bleiben können? Und vor allem Becketts Äußerungen würden in den Zeiten eines immer mächtiger werdenden Onlinehändlers Am Ende der Welt rückwirkend noch prophetischer dastehen lassen. Wirklich ein Jammer.

Ted & Terry erklärten mal, dass sie bei Diskussionen über Teil zwei und drei zumeist geschlossen hinter der Position "weniger erklären, mehr visuell andeuten und ambivalent lassen" standen. Also kann ich mir vorstellen, dass sie für "weniger konkrete Bestätigung der Jack-Hintergrundgeschichte" einstanden. Gore ist in Interviews ja sehr offen, wenn es darum geht, über Studio-Einmischerei zu sprechen, und er sagte nie, dass Disney die Filme zu kommerzkritisch waren - daher würde ich der These "vielleicht ließ Disney die Beckett-Zitate streichen" erstmal Wind aus den Segeln nehmen. Vielleicht war es Gore zu unsubtil? Oder die Zeilen waren ein weiteres Opfer von "Die Szene drum herum war mir zu träge, und durch die nötigen Kürzungen schwebten die starken Zeilen zusammenhanglos im Raum"Kill-your-Darlings-Problemen ... So oder so: Sollte es je eine Jubiläums-Extended-Cut-Veröffentlichung von Am Ende der Welt geben, würde ich diese Passage reintegriert sehen wollen!

Legendary

Barbossas Trickserei, Sao Fengs These, Elizabeth sei Calypso, zu verstärken und sie an ihn zu verhandeln, wird ausführlicher dargestellt. Außerdem hält er eine Rede über den Einfluss Calypsos, die letztlich an anderer Stelle im Film wiederaufgenommen wird (nachdem diese Fassung gekürzt wurde).

Gores Kommentar: Gore nennt dies die unsubtile Fassung dessen, was letztlich im Film steckt.

Mein Urteil: Jepp.

The Thing You Want Most

Jack und Beckett verhandeln weiter, nun darüber, wer wen ausgehändigt bekommt. So deutet Jack an, er wolle Elizabeth für sich, um Beckett bezüglich seiner wahren Intentionen in die Irre zu führen. Das Element mit Beckett, der Jacks Kompass hält, der wiederum auf Jack zeigt, wird etwas länger ausgespielt.

Gores Kommentar: Gore erklärt, dass das Jack-Will-Elizabeth-Liebesdreieck-Thema in Teil zwei ausgeschöpft wurde, und er eine Rückkehr zu dem Thema vermeiden wollte. Auch die "Beckett will Jacks Tod, aber auch wie Jack sein"-Dualität habe nicht in den Film gepasst.

Mein Urteil: Sehe es wie Gore.

Grammatically Incorrect

Sao Feng unterhält sich länger mit Elizabeth, die er für Calypso hält, und sie versucht, sich mit ihm argumentativ zu messen, doch nach etwas Zeit, in der sie die Überhand, deutet sich an, dass Sao Feng ihr in diesem Spiel über ist

Gores Kommentar: Gore befand, dass die Mitte von Am Ende der Welt drohte, überfüllt zu sein. Daher musste etwas von der Wortklauberei zwischen Sao Feng und Elizabeth weichen

Mein Urteil: Weiß nicht, wie das den Film hätte bereichern sollen.

Choices

Jack und Will diskutieren darüber, welche Entscheidungen sie treffen müssen und/oder nicht treffen können, um zum Ziel zu gelangen. Es ist eine längere Version ihres Gesprächs, bevor Jack Will über Bord jagt, damit er Beckett eine Botschaft überbringt.

Gores Kommentar: Gore nennt diese Szene ein Echo des Moralgesprächs in Teil eins ("Was ein Mann kann, und was er nicht kann") und somit eine Verdeutlichung eines zentralen Elements der Trilogie: Jacks Wissen darum, wie sehr wir durch unsere Entscheidungen definiert werden. Er nennt die PotC-Trilogie eine Reihe über Figuren, die Entscheidungen treffen, die ihren Gefühlen widersprechen, um das zu erreichen, das sie logisch als korrekt erachten. 

Mein Urteil: Schönes, längeres Gespräch zwischen Jack und Will, die deutlicheren Rückverweise auf Fluch der Karibik gefallen mir. Hätte drin bleiben können.

The Coming Storm

Barbossa und Calypso diskutieren länger miteinander, bevor die Pearl zur Schiffbruch Bay fährt. 

Gores Kommentar: Die Szene wurde aus logistischen Gründen sehr früh während der Dreharbeiten zu Teil zwei gedreht. Bei der Fertigstellung von Am Ende der Welt wurde deutlich, dass Teile des Gesprächs aufgrund Drehbuchanpassungen des Drehbuchfinales redundant wurden und daher gekürzt werden konnten.

Mein Urteil: Ja, das hier ist letztlich unnötig.

The Devil's Throat

Die Pearl durchfährt eine enge Schlucht, um zum Ort Schiffbruch zu gelangen.

Gores Kommentar: Durch den engen Zugang zum Ort sollte die Gefährlichkeit von Jacks Plan unterstrichen werden, was sich aber als unnötiger Schnörkel erwies

Mein Urteil: Hätte drin bleiben können, ich vermisse es aber auch nicht.

Honest Streak

Gibbs merkt zum Abschluss des Hohen Rats der Bruderschaft (deutlicher als im fertigen Film) an, dass er Jack nicht mehr vollauf wiedererkennt. 

Gores Kommentar: Gore findet, dass das Publikum das innere Ringen Jacks auch ohne Gibbs' Anmerkung begreift: Er ist noch ehrlicher, noch bemühter um das Vermeiden von Opfern, als zuvor, nun, da er aus Davy Jones' Reich zurückkehrte. Er ist weniger Pirat als die anderen Piratenfürsten und wünscht sich, er könnte seine ehrliche Seite runterschlucken - aber es ist ihm nicht möglich

Mein Urteil: Ja, es ist zu überdeutlich.

"Her"

Beckett deutet während der Parlay-Szene an, dass er denkt, Jack handle aus seinem Interesse an Elizabeth und dem Versuch, Will los zu werden.

Gores Kommentar: Wie schon weiter oben erwähnt, wollte Gore das Liebesdreieck größtenteils aus Am Ende der Welt entfernen: Die Folgen sollen drin bleiben, es selbst aber nicht weiter aufrecht erhalten. Dass Jack Beckett gegenüber so tut, als sei er weiter an Elizabeth interessiert, um mit diesem Trick einen anderen Trick durchzuziehen, um sein Ziel zu erreichen, war ihm zu viel der Komplikationen

Mein Urteil: Ja, ist gut, dass es raus ist.

Poppycock

Jack, seine "regulären" Doppelgänger und der verkrustete Jack reden noch mehr Unsinn.

Gores Kommentar: Jacks Herleitung, wie er aus der Brig entkommt, sollte ausführlicher sein: Er sollte Kopfweh haben, Kopfschmerzen erinnern ihn an Will, Will erinnert ihn an die Gefängnisflucht in Teil eins ... Gore erklärt, dass die Szene zu umständlich war, als dass sie im Handlungsfluss hätte funktionieren können.

Mein Urteil: Ja, ein Comedy-Beat zu viel.

The World We Know Ends Today

Vor der Befreiung Calypsos aus dem engen Körper Tia Dalmas hält Barbossa noch eine Rede

Gores Kommentar: Gore liebt die Reden, die Ted & Terry für Barbossa geschrieben haben, und wie Rush sie spielt, aber "es wurde inflationär, also musste diese weichen"

Mein Urteil: Du sagst es, Gore.

I Miss Him Already

Noch mehr Jack-Doppelgänger-Unsinn, nun mit der Rückkehr des Hühner-Jacks

Gores Kommentar: Für sich stehend liebt er die Absurdität der Szene, und generell bereitet es ihm riesige Freude, einen Film in den tonalen Extremen bis an seine Grenzen zu bringen ... aber dieser Gag ist kurz vor dem großen Endkampf deplatziert, weil er die Gravitas des Moments zerstört. Also musste er weg. 

Mein Urteil: Ja, wieder ein Comedy-Beat zu viel.

Ring Around the Capstan

Jack wirbelt Davy Jones während des Kampfes auf der Flying Dutchman länger umher

Gores Kommentar: Ein schöner Moment, den er nicht überreizen wollte, also stutzte er ihn

Mein Urteil: Ja, schon wieder ein Comedy-Beat zu viel.


Und das waren sie. Die selten gesehenen Deleted Scenes aus Am Ende der Welt. Welche hättet ihr drin behalten?!

Freitag, 9. April 2021

Freitag der Karibik #73

Ich bin wieder voll im Piratenfieber, und daher habe ich beschlossen, mich hier im Blog mit den weniger bekannten Deleted Scenes aus Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Fortsetzungen zu befassen. Denn zusätzlich zu den Szenen, die schon bei den DVD-Erstveröffentlichungen dabei waren, gibt es noch einen ganzen Haufen an komplett gekippten oder gestutzten Filmpassagen, die erst in späteren, internationalen Sammeleditionen zu finden waren.

Ich werde hier im Blog diese Szenen mit einer kurzen Inhaltsbeschreibung durchgehen, festhalten, was Gore Verbinskis Erklärung im Audiokommentar ist, weshalb die Szenen geschnitten wurden, und meine eigene Einschätzung abgeben, ob es diese Szenen in den Film hätten schaffen sollen oder nicht. In diesem Teil gehe ich auf die geschnittenen Szenen aus Teil zwei ein.


(Titellos)

Jack Sparrow flieht vor den Pelegosto (in zusätzlichen Kameraeinstellungen).

Gores Kommentar: Er sagt nichts spezifisch über diese Szene, sondern begrüßt uns zu seinem Audiokommentar der Deleted Scenes.

Mein Urteil: Es sind einfach nur ein paar alternative Perspektiven auf Jacks Flucht. Sie wieder reinzupacken würde nicht wirklich schaden, aber den Film auch nicht bereichern.


Steady As She Goes

Verlängerte Version davon, wie Jack Sparrow früh im Film aus der Kapitänskajüte torkelt, um sich Rum zu besorgen, was darin mündet, wie er Stiefelriemen Bill begegnet. Wir sehen mehr vom neuen Crewmitglied Leech (gespielt von San Shella), von der Pearl, Käpt'n Jack scherzt mit den Tieren an Bord (bezeichnet Schafe als "Ladys" und bedroht ein Huhn) und klopft gegen ein (vermeintlich?) leeres Rumfass, aus dem Klopfzeichen zurück kommen.

Gores Kommentar: Gore merkt an, wie aufwändig der reale Bau der Pearl war, und wie die verlängerte Szene mehr Gefühl für diesen Setbau gestattet. Darüber hinaus lobt er die von Johnny Depp improvisierten Sprüche in der Szene. Er kommt zum Entschluss, dass diese Passage aufs im fertigen Film gezeigte Maß eingedampft wurde, weil er dachte, dass das Kinopublikum bereit für das große Abenteuer ist, und wir daher schneller zu Stiefelriemen Bill kommen mussten, der Jacks Plot erst in Gang bringt.

Mein Urteil: Ich verstehe total, weshalb Gore Verbinski 2006 beschlossen hat, diese Szene durch das Auslassen einiger Kamerafahrten und allerhand Jack-Sparrow-Getorkel zu beschleunigen. Wir erinnern uns: Zwar generierte Die Truhe des Todes (ja, ich habe noch immer meine Probleme, den letztlich gewählten deutschen Untertitel zu verwenden) über eine Milliarde Dollar an den Kinokassen, gleichwohl gab es so manche Publikumsklage, er würde zu viel Drumherum ums Spektakel bieten. Ich glaube, damals hätte dieses Mehr die Euphorie der Leute nur gedrosselt.

Allerdings würde mich im Jahr 2021 durchaus ein Extended Cut reizen, der zum Beispiel diese Passage wieder in den Film packt. Denn wer sich von diesem Film die verlängerte Fassung anschaut, kennt den Plot schon, ist also gar nicht in der "Okay, wo bleibt Jacks Konflikt?!"-Verfassung. Und in dieser Verfassung wäre dieses kleine Extra an Black-Pearl-Flair durchaus reizvoll. Naja. Jedenfalls für mich.


East of India

Beckett erklärt Will ausführlicher die Absichten der East India Trading Company: "Wenn Güter keine Grenzen übertreten, tun es Armeen."

Gores Kommentar: Diese Szene sollte verdeutlichen, dass Beckett eine Manifestierung dessen ist, wie Fortschritt die Ära des Erkundens und der Piraterie beendete. Dass durch Profitgier alles gerechtfertigt werden kann und schlussendlich das Gesetzwidrige zum Gesetz wird. Damit sollte diese Szene die thematische Intention der Autoren Ted Elliott & Terry Rossio und von Gore selbst klarifizieren. Einen konkreten Grund, weshalb diese Szene gestutzt wurde, nennt Gore nicht.

Mein Urteil: Die Szene ist für sich betrachtet super: Die verbalen Seitenhiebe zwischen Will und Beckett, Becketts oben erwähntes Zitat ... Aber im Erzählfluss des Films ist sie eher Ballast, zumal die Grundaussage der Trilogie auch so deutlich wird. Naja. Jedenfalls meiner Ansicht nach. Die zeitgenössische Kritik sah es ja anders.


Don't Eat Me

Ein paar zusätzliche Takte auf der Insel der Pelegosto: Wenn Will Cottons Papagei begegnet, lässt er ihn nicht nach einem verdutzten "Ich werde dich nicht essen!" stehen, sondern beginnt ein längeres Gespräch mit ihm.

Gores Kommentar: Gore Verbinski betont, wie wichtig es ihm die gesamte Trilogie über gewesen sei, Will Turner eine Aura von D'Artagnan zu verleihen. Mit einer freundlichen Unbeholfenheit sollte er ein Gegengewicht zur piratigen Zynik anderer Figuren bieten. Dieser putzige Austausch zwischen Papagei und Welpe sollte einen weiteren Beitrag dazu leisten. Doch letztlich befand Gore, dass die Szene zu einem Zeitpunkt kommt, zu dem das Publikum gespannt wartet, was auf der Insel lauert. Und daher musste die Szene deutlich gekürzt werden, um den Flow des Films aufrecht zu erhalten.

Mein Urteil: Ähnlich wie bei "Steady As She Goes" muss ich sagen: Ich verstehe den "Mach vorwärts!"-Gedanken. Aber Orlando Bloom ist so gut in der längeren Fassung der Szene, dass ich mir glatt wünsche, die Szene hätte es in voller Länge in den Film geschafft. Sie hätte Will Turner etwas mehr Raum gegeben, dem Film auch seinen eigenen Stempel aufzudrücken, und als jemand, der Die Truhe des Todes schon 2006 nicht zu lang fand, denke ich mir: Es hätte im richtigen Moment etwas "Mit Will lachen" mitgegeben, bevor wir erst "Mit Jack lachen", dann mitfiebern und dann "Über Jack lachen", bevor es wieder spannend wird.


Lizzy Gets Her Gun

Ein kurzer Dialogschnipsel mehr zwischen Elizabeth Swann und ihrem Vater, während er sie aus dem Gefängnis zur Kutsche begleitet. Er betont, zu denken, er sei einflussreich und respektiert genug, um Beckett nicht führen zu müssen, und wir sehen, dass er es ist, der Elizabeth die Waffe gibt, die sie kurz danach auf Beckett richtet

Gores Kommentar: Sinngemäß: "War unnötig"
Mein Urteil: Ja, war es.


What of You and Jack?

Elizabeth und Beckett unterhalten sich etwas länger, als sie ihn nachts in seinem Büro bedroht. Er horcht expliziter aus, ob sie Interesse an Jack hat. Am Ende der Szene wird enthüllt, dass vor Becketts Büro ein Wachmann postiert ist, der jedoch schläft.

Gores Kommentar: Der Film sollte an Tempo gewinnen. Er wollte das Liebesdreieck Jack-Elizabeth-Will nicht überreizen. Und er wollte die East India Trading Company nicht geschwächt darstellen. Also musste das alles raus.

Mein Urteil: Sehe es exakt so wie Gore.


Never Mind

Käpt'n Jack fragt einen Pelegosto aus, weshalb er keine Kleinkinder auf der Insel sieht ("Sie schmecken am besten, oder?"), außerdem unterhalten sich Will und Gibbs noch etwas länger in den Knochenkäfigen. Unter anderem sehen wir explizit, wie Will Gibbs seinen Flachmann überreicht.

Gores Kommentar: Er liebt es, wenn in seinen Filmen zu sehen ist, wie Gegenstände weitergereicht werden und so ihre eigene Geschichte entwickeln, doch letztlich war all das zu unbedeutend, als dass er dafür den Film ausbremsen wollen würde.

Mein Urteil: Jupp, Gore weiß, was Sache ist.


Six Became Five

Eine langsamere Variante dessen, wie der Knochenkäfig der Black-Pearl-Crew zerstört wird, sich die Crew in einer Schlucht kurz sammelt und dann von den Pelegosto angegriffen wird. Wir sehen, wie ein Statist aus Wills und Gibbs' Knochenkäfig von einem Pfeil getötet wird.

Gores Kommentar: Es schmerzt ihn, den Filmtod des sechsten Piraten aus dem Knochenkäfig zu kürzen. Doch die Szene machte die Vefolgunggsjagd weniger mitreißend. Nun geht der Mann halt im Off verloren, was als Kontinuitätsfehler verstanden könnte. Doch der Erzählfluss war letztlich wichtiger.

Mein Urteil: Ich habe Die Truhe des Todes Dutzende Male gesehen, und nie bemerkt, dass zwischen Knochenkäfig und Ankunft an der Pearl ein Statist verloren geht. Und selbst wenn, so würde ich einfach denken, dass er zurückgelassen würde. Also: Kein Problem, aber durch den größeren Schwung der Sequenz ein Gewinn für den Film. Anders gesagt: Echt gut gestutzt, das Ganze!


Cutlery

Wir sehen, dass Käpt'n Jack versucht, mit einem Messer das Seil durchzuschneiden, mit dem er an einen Stock gefesselt ist, und wie Jack nach seinem Sturz durch eine Schlucht auf der Insel der Pelegosto nach dem Messer greift.

Gores Kommentar: Früh im Drehprozess war Jacks Flucht noch etwas anders geplant, doch Gore beschloss, die zwei Zusatzbeats rund um das Messer aufzugeben. 

Mein Urteil: Es wären keine besonders guten Gags gewesen, wieso also den Film für sie ausbremsen?


Where's My Profit?

Nach der Flucht von der Insel der Pelegosto unterrichtet Will Jack darüber, dass er einen Kaperbrief erhalten würde, sollte er mit Will kooperieren.

Gores Kommentar: Ursprünglich war geplant, dass Jack in zwei Etappen vom Kaperbrief erfährt. Erst durch Will, der ihm das Angebot überhaupt erst gibt, und dann durch Elizabeth, wer genau den Kaperbrief ausgestellt hat (nämlich Lord Cutler Beckett). Schlussendlich befand Gore, dass es das Publikum ermüde würde, so oft die Kaperbriefe erklärt zu bekommen, und dass es frustrierend wäre, derart explizit seinen eigenen Wissensvorsprung gegenüber Jack zu erfahren. Daher wurde diese Passage gekürzt, so dass die Kaperbriefe innerhalb Jacks Handlungsfaden erst dann zur Sprache kommen, wenn sie für ihn (und den ihn abhörenden Norrington) von Belang sind.

Mein Urteil: Ich bin regelrecht sprachlos, dass diese Szene überhaupt geschrieben und gedreht wurde. Sie ist völlig überflüssig und wurde aus guten Gründen geschnitten.


Tortuuuuga

Elizabeth fuchtelt noch etwas länger mit ihrem Kleid herum, um die Besatzung der Edinburgh Trader glauben zu lassen, ein Geist wolle ihnen den Hinweis geben, sie müssten auf Tortuga Halt machen. Die Crew macht einige dumme Sprüche, was sie denken, was gerade vorfallen würde, und Lizzie ruft letztlich in einer Geisterstimme: "Tortuuuuga!"

Gores Kommentar: Wir mussten vorwärts kommen.

Mein Urteil: Hält man im Hinterkopf, wie sehr die Autoren Ted Elliott und Terry Rossio im DVD-Audiokommentar betonen, ihnen hätte diese Szene gruseliger und ominöser vorgeschwebt, frage ich mich: Was zum Henker haben die erwartet? Die Dialoge sind sehr komödiantisch, und die Filmversion ist schon deutlich eher atmosphärisch als die Sequenz es wäre, wären diese Extrateile mit drin.


If You Believe Such Things

Gibbs' Monolog an Will, während die Black-Pearl-Besatzung unter Jacks Kommando zu Tia Dalma paddelt, ging ursprünglich noch etwas länger: Bevor Gibbs vom Kraken erzählt, berichtet er Will von der Sage von Davy Jones' Reich und was einen dort erwartet. (Oder ist dies eine alternative Szene, die statt Gibbs' Kraken-Monolog genutzt worden wäre? Das wird im Bonusmaterial nicht ganz klar.)

Gores Kommentar: Er hat letztlich beschlossen, Die Truhe des Todes und Am Ende der Welt ein Stück weit unabhängiger zu machen und diesen Jacks Schicksal in Am Ende der Welt vorausdeutenden und voraberklärenden Monolog zu tilgen, um sich an dieser Stelle stärker auf das zu konzentrieren, was in diesem Film von Belang ist.

Mein Urteil: Eine Änderung mit großer Auswirkung. Stellt euch vor, in der ersten Hälfte von Die Truhe des Todes wird in einem minutenlangen Monolog ausgebreitet, dass Jack Sparrow, sollte er vom Kraken verschluckt werden, eine Art Fegefeuer erwartet. Es würde die Wahrnehmung der Kraken-Actionsequenzen völlig verschieben und ebenso die Emotionalität des Filmendes. Es wäre nicht mehr folgende Abfolge von Gedanken: "Oh nein, eine nach aller weltlicher Logik ausweglose Situation, was, Tia Dalma glaubt, es gäbe einen Weg? Wie das? Huch, dramatische Wende, oh nein, Ende!" Es wäre: "Oh, Gibbs hatte Recht, joah, dann bekommen wir das in Teil drei sicher zu sehen." Die Filmfassung ist viel, viel besser, da sie Die Truhe des Todes gestattet, am Schluss stärker im Moment zu leben, und Am Ende der Welt den Platz lässt, trotz seines Status als Fortführung auf tonaler Ebene mehr eigene Identität zu entwickeln, weil sich dieses andersweltliche Element in dieser Deutlichkeit erst dort entfaltet.


Begins to Forget

Stiefelriemen Bills Vergesslichkeit, die in der Filmfassung nur sporadisch durchschimmert und sich erst in Am Ende der Welt drastisch ausbreitet, wird hier schon früher in den Fokus genommen. Im Gespräch mit Will wird klar, dass Stiefelriemen Bill nun schon den ersten Fluch vergaß, der auf ihm lag, sowie das ganze Kapitel in seinem Leben rund um Barbossa.

Gores Kommentar: Die Intention war, Stiefelriemen Bill mehr Aufmerksamkeit zu schenken und so seine Fallhöhe im ganzen Gewusel um die Truhe und Davy Jones' Herz zu vergrößern. Letztlich sei man aber zur Erkenntnis gekommen, dass mehr Stiefelriemen-Bill-Dramatik dem Film weniger Mehrwert gegeben hätte, als sich einfach während des Abschnitts auf Davy Jones' Schiff um Wills Dilemma zu kümmern und ihn konkreter zu fokussieren.

Mein Urteil: Bevor ich mir Gores Audiokommentar angehört habe, war mein Verdacht eher, dass man durch ein Verschieben, wann uns im Publikum Stiefelriemen Bills Erinnerungsverlust klar wird, die Wendepunkte in der Charakterzeichnung anders takten wollte. Zu Beginn von Die Truhe des Todes erinnert sich Stiefelriemen noch, dann muss er mitansehen wie (so weit er glaubt) Will durch den Kraken getötet wird, dann ist er in Am Ende der Welt nur noch ein Schatten seiner selbst. Wäre die geschnittene Szene noch im Film, wäre der Zerfall von Stiefelriemens Verfassung kontinuierlicher, und somit nicht derart aufwühlend (und implizit weniger davon abhängig, was er erlebt hat) - und das hätte in meinen Augen weniger Wirkung. Aber Gores Argumente sind auch überzeugend.


Manual Labor

Eine längere Diskussion über die Kaperbriefe an Bord der Black Pearl.

Gores Kommentar: Durch das Entfernen der Will-Kaperbrief-Szene wurde auch die verlängerte Version der Elizabeth-gibt-Jack-den-Kaperbrief-Szene unnötig. Beide Kürzungen bringen das Publikum näher an Jacks Erfahrungsstand, was den Film weniger umständlich macht.

Mein Urteil: Kann ich nicht besser ausdrücken.


Married to the Ship

Eine deutlich verlängerte Szene der Pirate's-Dice-Sequenz: Vor der Partie, die wir im fertigen Film sehen, spielt Will Turner im Duell gegen Davy Jones und setzt Stiefelriemen Bills Schuld als Wetteinsatz. Will gewinnt gegen Davy Jones und befreit somit seinen Vater (der diese Freiheit wieder in der uns bekannten Szene verliert). 

Gores Kommentar: Diese Szene zu kürzen gehört zu Gores liebsten Deleted Scenes, da sie atmosphärisch dicht ist: Das Schauspiel von Orlando Bloom und Bill Nighy, die herausragenden Trickeffekte von Industrial Light & Magic, die innere Dramaturgie der Sequenz, in der sich zwei Männer während eines Würfelspiels mit ihrem Wissen voneinander gegeneinander ausspielen. "Die Details sind hypnotisierend." Zudem befindet Gore, dass Wills Opfer in der Kinofassung (in der sich sein Vater einmischt) größer wird, wenn man zuvor sieht, wie er auf den eigenen Beinen stehend obsiegt. Letztlich entschied sich Gore jedoch, die Szene zu schneiden, weil sie mit ihrem Fokus auf Will und seinen Vater zu viel Laufzeit von Die Truhe des Todes einer Dynamik widmete, die erst im dritten Teil aufgelöst wird. Und er habe letztlich erkannt, dass es dem Film zugute käme, etwas mehr Anteil den Dingen zurückzugeben, die schon in Teil zwei aufgelöst werden.

Mein Urteil: Auch wenn wir ja beide zum Schluss kommen, dass die Szene weichen musste, so habe ich ganz andere Gründe dafür, weshalb ich die erste Runde des Piraten-Würfelspiels nicht in Die Truhe des Todes inkludiert hätte. Dadurch, dass Will erstmal in aller Seelenruhe, ungestört gegen Davy Jones spielt (und gewinnt!) wird die Charakterisierung von sogleich zwei Figuren verwässert: Einerseits Stiefelriemen Bill, der wenige Filmminuten zuvor noch einwilligte, seinen Sohn auszupeitschen, weil es ihm selbst zwar das Herz zerreißen würde, er so aber Will körperliche Schmerzen erspart, die ihm durch den kräftigeren Bootsmann zugefügt würden. Und jetzt, wo Will seine Freiheit aufs Spiel setzt, schaut er einfach nur zu? Das kaufe ich ihm nicht ab, die Filmfassung, in der er zügig mit einsteigt, um Will zu beschützen, finde ich schlüssiger.

Und dann ist da der Faktor Davy Jones: In einer Die Truhe des Todes-Version mit dem kompletten Würfelspiel verliert der alle einschüchternde, monströse, gerissene Teufel des Meeres in einem Spiel, das nicht nur Glück, sondern auch Taktik und Voraussicht erfordert. Das hemmt die Intensität, mit der wir ihn als unheimliche, nicht abwendbare Bedrohung wahrnehmen. In der Kinofassung bleibt derweil nur übrig, wie Jones kurz davor steht, zu verlieren, dann aber den aufopferungsvollen Stiefelriemen zum Verlierer machen kann. Das schadet seinem Status weniger als die ursprünglich geplante Version.


Not So Fortunate

Etwas längere Variante des unmittelbaren Vorspiels der Kraken-Attacke auf die Edinburgh Trader: Davy Jones schüchtert Stiefelriemen Bill deutlicher ein und betont, dass das, was nun folgt, nicht als Strafe für Will Turner gedacht ist, sondern als Strafe für ihn.

Gores Kommentar: Einzelne Shots dieser Deleted Scene gehörten zum Test, ob Davy Jones bei Tageslicht gut aussieht. Gründe für's Schneiden nennt Gore nicht.

Mein Urteil: Ich find die Szene einfach überflüssig, die kürzere Kinofassung macht alles genauso gut klar.


Every Man for Himself

Nach der Krakenattacke treibt Will auf einem Stück Holz, als ein Rettungsboot vorbei kommt. Die Männer weigern sich, ihn mit ins Boot zu nehmen, direkt danach wird es von einem Krakententakel zerschmettert.

Gores Kommentar: Gore fand es reizvoll, Will erneut als einzigen Überlebenden auf einem Stück Holz treibend zu sehen, genauso wie in Teil eins und später in Teil drei. Aber letztlich entschied er, dass es das Publikum ermüdend wird, noch einen Kraken-Attacken-Beat zu sehen.

Mein Urteil: Kein weiterer Kommentar nötig.


Salvation (& For Whom the Bell Tolls)

Pintel und Ragetti plänkeln länger über die korrekte Aussprache von "Kraken". Elizabeth und Norrington unterhalten sich anschließend sich über die Sage von Isla Cruces: Ein Gerücht (das sich später durch einen kurzen Kameraschwenk bewahrheitet), laut dem einst ein Priester auf diese Insel zog und sie missionierte - und kurz darauf tödliche Krankheiten alles Leben auf ihr auslöschten, bevor sich der Priester selbst das Leben nahm. Norrington kommentiert dies mit "Lieber verrückt wie der Rest der Welt als bei Sinnen und allein", was als Vordeutung seines kommenden Handelns intendiert ist.

Gores Kommentar: Gore bezeichnet diese Anekdote als wahres Kleinod, das nicht nur dem Schauplatz Bedeutung verleiht, sondern auch das thematische Element der Trilogie untermauert. Einen Grund für's Kürzen nennt er nicht. 

Mein Urteil: Eindeutig der größte Verlust unter allen Deleted Scenes für Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Filme! Keira Knightley und Jack Davenport sind herausragend in der Szene, und die Hintergrundgeschichte über Isla Cruces verleiht der furiosen Abfolge von Actionsequenzen, die im letzten Drittel des Films auf uns wartet, atmosphärische Textur. Darüber hinaus vertieft die Geschichte eines Geistlichen, der missionierend auf eine Insel kommt, die kurz danach von Kummer, Tragik und Tod heimgesucht wird, die zentrale Thematik der von Gore verantworteten Fluch der Karibik-Sequels. Und Ted & Terry schreiben einfach so schöne, sprachrhythmisch wohlklingende Monologe, die die Mythologie der Filme vergrößern, und gleichzeitig dadurch, wer wie was erzählt, die Figurenzeichnung bereichern. Ein echter Jammer, dass diese Passage fehlt, denn bei aller Bereicherung, die sie meiner Ansicht nach darstellt, hätte sie andererseits dem Film nicht geschadet: Sie kommt genau in einer Zäsur, kurz bevor die Action explodiert, und die paar Takte mehr hätten die Erzähldynamik meiner Ansicht nach nicht ausgebremst. (Und der kurze Kameraschwenk, der danach die Story als wahr enthüllt, sowieso nicht.)


Pot Kettle Black

Norrington, Jack und Will schüchtern einander weiter ein und verwirren gegenseitig, als der Schwertkampf zwischen ihnen ausbricht.

Gores Kommentar: Sinngemäß "Da war ein schönes Zitat drin, aber eigentlich wiederholt sich das alles nur, überflüssig, weg damit!"

Mein Urteil: Exakt!


Three Swords, One Key

Ein paar zusätzliche Beats für den Drei-Personen-Schwertkampf, unter anderem verheddert sich der Schlüssel zu Davy Jones' Truhe zwischen den Schwertern von Will, Norrington und Jack, woraufhin sich ein kurzer Anstarr-und-Antäusch-Wettbewerb ergibt, wer zuerst reagiert.

Gores Kommentar: Gore Verbinski bezeichnet die geschnittenen Passagen aus dem Drei-Leute-Schwertkampf als Folge dessen, was passiert, wenn man die Dreharbeiten beginnt, bevor sämtliche Drehbuchseiten finalisiert sind. Er und die Stuntcrew hätten sich bemüht, eine spannende, interessant choreografierte Actionszene zu gestalten, doch letztlich wurde im Schnitt klar, er hätte zu viel Material, als dass der Schwertkampf durchweg spannend bliebe. Daher kürzte er den Anfang, bevor das Trio das Wasserrad erreicht. In der langen Fassung sei zu offensichtlich, dass keine Gefahr besteht, weil keiner der Drei den Schneid hätte, die Gegner zu töten. Und generell habe Gore nach Fluch der Karibik die Nase bereits voll von konventionellen Schwertkämpfen und wolle daher so schnell wie möglich zum kreativen Teil.

Mein Urteil: Okay, Gore argumentiert überzeugend. Und dennoch trauere ich den Zusatzbeats etwas nach: Dariusz Wolskis Schwenks über Isla Cruces sind so bildhübsch, dass ich sie nicht missen möchte. Die drei "Ich will mein Ziel erreichen, aber nicht über Leichen gehen, doch auch keine Schwäche zeigen"-Choreografien für Will, Jack und Norrington sind sehenswert, und ich habe das Gefühl: Ein paar Takte länger als in der Kinofassung antäuschen, dass die große Steigerung gegenüber Teil eins lautet "Drei Männer kämpfen am Strand gegeneinander", um dann erst die absurden Geschütze aufzufahren, macht die Überraschung und anschließende Freude der kreativeren Momente auf Isla Cruces nur noch größer.


The Map is Finished

Ein alternatives/längeres Ende für die Norrington/Jones/Beckett-Handlungsfäden: Nachdem Norrington Beckett zeigt, dass er das Herz von Davy Jones ergatterte, schlägt er vor, es auf der Stelle zu durchstoßen, woraufhin Beckett ihn warnt, dass dies das leichtsinnigste ist, was er tun könnte. Beckett gibt Norrington stattdessen sein altes Schwert und seinen früheren Status wieder und empfängt einen (unausgesprochen, magisch) herbeigerufenen Davy Jones, als die Karte in Becketts vervollständigt wird.

Gores Kommentar: Gore befindet, dass diese Szene freier atmen kann und dadurch deutlicher macht, dass man verlorene Unschuld nicht mehr erhalten kann, als es letztlich die Norrington-Szenen in Teil drei zeigen, die geschrieben wurden, um das Entfernen dieser Passage auszugleichen. Er lobt Jack Davenports zerrissenes Schauspiel in dieser Deleted Scene, und er merkt an, wie sehr es ihm weh tat, die Kamerafahrt auf die vollendete Karte zu stutzen. Gore erklärt nicht, weshalb diese Szene entfernt wurde, macht aber klar, dass er die Entscheidung früh fällte: Die Szene wurde nicht einmal vollständig gedreht, sollte also noch länger gehen, als diese Deleted Scene denken lässt.

Mein Urteil: Wieder ein Fall von "Isoliert mag man kaum glauben, weshalb die Szene gekürzt wurde, aber im Gesamtkontext wird es überdeutlich": Stellt euch vor, wie diese Sequenz in den eigentlichen Film gequetscht wird. Auf einmal würde das ganze Finale von Die Truhe des Todes aus dem Takt geraten. Nach dem letzten Krakenangriff hat der Film so einen fantastischen Rhythmus, jede Dialogzeile, jeder Schnitt, alles greift ineinander. Jones bemerkt, dass er das Herz gar nicht zurückerobert hat, Norrington enthüllt, dass er das Herz hat, die Frage wird aufgeworfen, was Beckett damit vor hat, bevor wir uns in diese Frage verbeißen können, werden wir ins emotionale Tief von Will, Elizabeth, Gibbs, Pintel & Ragetti zurückgeworfen, vertiefen uns in Wills und Elizabeths Lage, sind völlig desolat und dann kommt der von Tia Dalma eingeworfene Hoffungsschimmer, gefolgt vom genialen Cliffhanger.

Ein längeres Verweilen bei Beckett und Norrington würde den Erzählfluss stören und die Melancholie und Verwirrung gegen ein deutlicheres "Dies ist das Ende des ersten Teils einer Back-to-Back-Filmproduktion, hier wird die Saat für den nächsten Part gesät, bereitet euch auf eine veränderte Bedrohung durch Jones vor, und nun zurück zu den Helden"-Plotten eintauschen. 


Das waren die weniger bekannten Deleted Scenes aus Teil zwei. Freut euch auf die aus Teil drei, die ich hier demnächst durchgehe.