Sonntag, 15. Februar 2009

Requiem for a Dream

Präludium

Bis vor vielleicht drei oder vier Monaten wusste ich nichts, wirklich absolut nichts vom Film Requiem for a Dream. Ich wusste nicht, dass ein Film dieses Namens existiert und noch weniger hatte ich auch nur die leisteste Ahnung von dessen Handlung oder seinem Rang in der Filmgeschichte. Dieser Film ist völlig an mir vorbeirauscht.

Dann stolperte ich im Internet wiederholt über Aussagen "seit Requiem for a Dream erschien scheint jeder zweite Trailer die Musik daraus zu benutzen" oder "nicht schon wieder ein Trailer mit Lux Aeterna aus Requiem for a Dream!". Fest setzten sich diese Aussagen jedoch nicht und im Unterbewusstsein verschwommen sie zu einem "Requiem bla-blubb... Trailer".

Als ein paar Freunden und mir diese Musik vor einem Konzert begegnete, wussten wir alle, dass wir das Stück aus unzähligen Trailern kannten. Vor unseren Augen schlachteten sich Horden von CGI-Armeen ab und Darstellernamen flogen uns, wie es sich für einen epischen Trailer gehört, ins Gesicht, doch der Film, aus dem es ursprünglich stammt kam uns nicht in den Sinn.

Später erfuhr ich dann, dass eine kleine Produktion namens Requiem for a Dream wohl der Ursprung dieses legendären Stücks Filmmusik ist, und dass der Film selbst der Musik das Wasser reichen kann und nicht nur ein Geheimtipp, sondern geradezu Pflicht für den gepflogenen Filmfanatiker sei.
Ich kannte also das musikalische Leitmotiv des Films und wusste dass er sehr gut sein soll. Das war es, mehr war mir vor der Sichtung von Requiem for a Dream über diesen Streifen nicht bewusst.

Viele werden an dieser Stelle wohl sagen "Äh... Re-was für a Dream?", manche mögen ihre Nase über mich rümpfen und kopfschüttelnd denken "Also wirklich, wie kann er nur". Ich dagegen sage: Was für ein Glück.
Denn so konnte ich mich Requiem for a Dream nahezu unvoreingenommen hingeben und völlig von ihm überraschen lassen. Absolut unvorbereitet tätigte ich einen Blindkauf und ließ mich auf den Film ein, nichtmal der Inhaltsbeschreibung auf der Rückseite der DVD würdigte ich eines Blickes.
Etwas besseres konnte mir hinsichtlich dieses Werkes nicht passieren. Zwar lebt Requiem for a Dream nicht wie The Sixth Sense oder auch Fight Club von einem Plottwist, doch er ist zweifelsohne ein Film der Sorte, die sich am besten entfaltet wenn man völlig ahnungslos mit voller Wucht ins eiskalte Wasser geschubst wird.

Die nachfolgende Besprechung von Requiem for a Dream ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Sie ist zwar völlig spoilerfrei, was heißt dass ich nicht das Ende vorwegnehme oder sonstige handlungsrelevanten Überraschungen vorwegnehmen werde, doch ich möchte meinen Lesern die Chance geben den Film so zu erleben, wie ich es tat. Requiem for a Dream ist ein ungewöhnlicher, außerordentlicher Film, und deshalb empfehle ich es euch, dass ihr ihn für euch selbst entdeckt. Sucht also einen Internetshop auf oder stiefelt zum nächsten gut sortierten Elektronikgeschäft und kauft euch die DVD. Sofern ihr 16 Jahre alt oder älter seid.

Wer den Film bereits gesehen hat oder es nicht vorhat oder bereits mehr über ihn weiß, als ich vor meiner Erstsichtung wusste oder sich aber denkt "Ach, der Donnerbold spinnt doch, wenn der sagt, dass er mir das Ende nicht verrät, kann ich mir ruhig seine Rezension durchlesen, also, man kann es mit der Spoilerangst auch übertreiben" darf dagegen gerne weiterlesen.

Es ist ja euer Filmvergnügen...

Choral

Der willentlich gewählte Blindkauf wurde von mir also getätigt, die DVD meiner Sammlung einverleibt und sozusagen auf die Warteliste gesetzt. Wenn mir der Sinn danach stünde, eine Wissenslücke zu schließen und zugleich ein Experiment einzugehen, sollte Requiem for a Dream endlich gesichtet werden. Lange stand die Scheibe bei mir nicht auf der Halde, die Neugierde war einfach zu groß. Dieser Film hatte etwas verlockendes an sich, ich wollte endlich wissen, was sich hinter diesem ominösen Titel verbarg, welche Bedeutung diese mittlerweile schon legendäre Trailermusik in ihrem eigentlichen, ursprünglichen Kontext hatte und wieso dieser Film solch einen hervorragenden Ruf innehält.
Und so legte ich die DVD ein und machte es mir vor meinem Fernseher bequem. Requiem for a Dream, öffne dich mir, zeige mir dein Geheimnis...

Requiem for a Dream beginnt noch ganz verhalten und amüsant. Ein erwachsener Sohn klaut seiner kleinen, etwas verschüchtert wirkenden, in die Jahre gekommenen Mutter zum wiederholten Male den Fernseher und schiebt ihn Sprüche reißend mit seinem Kumpel zum Pfandleiher. Im Hintergrund erklingt bereits - wenn auch noch weniger dramatisch als mir bislang bekannt- diese berühmte Musik, das Stück Lux Aeterna von Clint Marsell, während mir die launischen Titeleinblendungen ein Grinsen entlocken. Die Namen von Cast und Crew werden wie Koksspuren weggeschnieft, der Filmtitel fällt unter lautem Getöse von der Oberseite des Bildrandes herunter, ähnlich poltert auch der Zwischentitel ins Blickfeld.

Zu Beginn behält der Film seinen lakonischen Humor bei. Da wären die drei befreundeten Heranwachsenden: Tyron C. Love (ein ausnahmsweise dramatischer Marlon Wayans vor seinem Scary Movie-Erfolg), Harry Goldfarb (das engelsgleiche Gesicht in Fight Club: Jared Leto) und Marion Silver (Jennifer Connelly - Dark Water). Sie scherzen miteinander, feiern wilde Partys und leben in den Tag hinein. Harry und seine Freundin Marion machen sich ein Spaß daraus ständig rumzuknutschen oder Alarmanlagen auszulösen, lungern aber auch verliebt am steinigen Strand herum und reden miteinander. Unter anderem auch über Harrys Mutter Sara (für diesen Film Oscar-nominiert: Ellen Burstyn), die mittlerweile allein in einer kleinen Wohnung lebt. Ihr Mann ist verstorben und somit verbringt sie den ganzen Tag damit fernzusehen, es sei denn Harry hat ihn mal wieder geklaut und zum Pfandleiher geschoben.
Im Fernsehen sieht sie sich stets eine seltsame Dauerwerbesendung (mit Christopher McDonald als übertriebener Motivator Tappy Tibbons) an. Sie ist eine sympatischer, herzliche, leicht schrullige Alte in einem Haus voller leicht schrulliger alten Damen, die sich mittags in ihre Liegestühle pflanzen und von der Sonne bescheinen lassen.

Die Mutter und ihre Umgebung ist... ja... es ist einsam und kühl, aber auch irgendwie... putizg. So mag man zu Beginn des Films zumindest noch bezeichnen.
Die drei Heranwachsenden sind auch nicht von der gefährlichen Sorte - ein erstrebenswertes Leben ist es nicht unbedingt, da herumlungern, Drogen einscmeißen, Party machen und wieder herumlungern nicht gerade nach Erfüllung klingt, doch sie tun niemandem ein Leid an und sind wirklich miteinander befreundet beziehungsweise verliebt.
Ihre Drogentrips sorgen für sehr stylische Szenen. Ein Vergleich mit der MTV-Ästhetik mag sich außerhalb des Kontexts anbiedern, wenn man sie allerdings im Film betrachtet liegt dieser Vergleich nicht mehr nahe. Er verbietet sich geradezu. Der Einwurf der Drogen wird mit schnellen Schnitten und extremen Nahaufnahmen dokumentiert, die einzelnen Bilder ergeben so, wie sie Regisseur Darren Aronofsky und sein Cutter Jay Rabinowitz zusammenstellten, den Gesamteindruck eines unüberlegten, maschinellen Vorgangs.
Die Party zeigt Aronofsky mit ansonsten so hypercoolen Zeitraffer- und Zeitlupenspielereien, nur wirken sie bei weitem nicht so ausgelassen und feierlich, wie es in Musikvideos der Fall ist. Die Kamerawinkel, die bleiche Farbsättigung, die Musik, das alles hinterlässt in diesem Zusammenspiel einen faden, tristen Beigeschmack, der die scherzenden und mitunter humorigen Figuren vor einen unschönen Hintergrund treten lässt.

Die Geschichte kommt langsam in Bewegung: Sara Goldfarb erhält einen Telefonanruf, der ihr ankündigt, sie wäre bald Kandidatin in einer TV-Sendung. Um im Fernsehen gut auszusehen, will sie abnehmen um in ihr geliebtes rotes Kleid von Harrys Abschlussfeier zu passen. Der erste Diättag Saras ist dank des eigenwilligen Stils von Requiem for a Dream noch ganz witzig (Blick auf gedeckten Tisch - Schnitt und Soundeffekt - Grapefruit ausgelöffelt - Schnitt und Soundeffekt - nur noch Eierschalen übrig...), die folgenden Szenen lassen dagegen nach und nach die liebenswürdige Schrulligkeit Saras verblassen, stellen ihre Einsamkeit und Verzweiflung in den Vordergrund.
Ein ähnlicher Trend ist bei Harry und seinen Freunden zu verfolgen: Sie wollen endlich den ultimativen Stoff haben. Deshalb besorgen sie sich bereits sehr guten Stoff, den sie strecken und weiterverkaufen - mit dem verdienten Geld möchten sie sich endlich das richtig gute, reine Zeug leisten können.

Aus dem sorglosen Leben als Taugenichtse, die Partys feiern und Drogen einwerfen wird ein Leben jenseits der Grenze zur Kriminalität, sie schmeßen sich immer öfter verschiedene Drogen ein, die Szenen im "trockenen" Zustand nehmen immer mehr ab.

Die Situationen werden immer ernster und aussichtsloser, die stilistische Brille, durch die wir das Geschehen beobachten immer intensiver. Die zahllosen hippen Stilmittel die in Requiem for a Dream verwendet werden scheinen erstmals in die Hände eines versierten Künstlers gelangt zu sein. Ob Schnitte im Minuten- und später auch im Sekundentakt (ein durchschnittlicher Film enthält bis zu 700 Schnitte, dieser rund 2.000), extreme Nahaufnahmen, Splitscreen oder die auch von Spike Lee bekannte auf die Figur fokussierte, festgeschnallte Kamera, durch welche die Figur statisch wirkt, während sich der Hintergrund wild bewegt, sämtliche Kunstgriffe, die in Requiem for a Dream verwendet werden, haben auch eine tiefere Bedeutung. Ihre Funktion ist beeindruckend -obwohl die zahlreichen, entfremdenden Eingriffe in das zu Beginn noch realistische Bild müssten den Zuschauer eigentlich aus der Handlung rausreißen, ihn zum Betrachter wandeln, eine Distanz zu dem Gezeigten aufbauen. Es passiert jedoch genau das Gegenteil, wie ein Strudel zieht Requiem for a Dream sein Publikum mit in den Abgrund, auf den seine Protagonisten zusteuern.
In Requiem for a Dream greifen Handlung und Darstellungsweise eng ineinander, wodurch sich eine soghafte, hypnotische Wirkung entfaltet. Die sich wie bei einer Droge immer stärker entfaltene Wirkung des Films verläuft parallel zu den sich stärker und stärker ausbreitenden Süchten der Charaktere, mit fortschreitendem Stadium dieser wird das Leitthema Lux Aeterna bedrohlicher, erhöht seine Schlagzahl, wird einvernehmender. Aus der Untermalung der überzeichneten, pointierten Eröffnungsszene wird eine unzertrennbare Einheit mit dem Filmgeschehen.

Postludium

Requiem for a Dream ist eines der verstörendsten und deprimierendsten Dramen, die auf Zelluloid gebannt wurden, wobei hier die Summe der Einzelteile erheblich erschreckender ist, als man es bei den für sich betrachteten Details vermuten würde. Aronofsky verzichtet in seinem hochspannenden Drama gänzlich auf billige Schockeffekte, ein plötzlich rappelnder Kühlschrank ist für all jene, die nach einem kurzen Schrecken sehnen schon das höchste der Gefühle. Auch auf deutlich sichtbare Gewalt wird verzichtet. Zwar fließt im Laufe des Films durchaus Blut, es ist allerdings in einem verhältnismäßig kleinem Rahmen und so mancher ab 12 freigegebener Actionfilm weißt durchaus mehr fließenden Lebenssaft auf. Allein die Handlung ist so deprimierend, die Präsentation geht so sehr unter die Haut, dass Requiem for a Dream all jene Monster- und Serienkillerfilme voller Schreckmomente und spritzenden Eingeweiden wie Kindergeschichten aussehen lässt.

Dabei verzichtet dieses so schnell als "Anti-Drogenfilm" bezeichnete Kunstwerk auf einen erhobenen Zeigefinger oder eine Moralpredigt. Er wirft die Themen Drogen, Sucht im allgemeinen und Vereinsamung in den Raum, fesselt mit seiner Erzählweise sein Publikum an diese Probleme und lässt sie dann damit alleine. Fremdkommentare sind nicht aufzufinden. Der Zuschauer darf selbst seine Schlüsse ziehen. Sofern er es für nötig hält.

Requiem for a Dream gelang erst nach seiner DVD-Veröffentlichung in die deutschen Kinos, wohl weil der Verleih langsam von dem hohen Ansehen des Films Wind bekam. Mut machte es dem Verleih jedoch nicht wirklich, da Requiem for a Dream bloß eine einzelne Kopie spendiert bekam. Ärgern muss man sich darüber allerdings nicht, denn ganz allein in einem dunklen Raum funktioniert der Film auf DVD wohl sogar besser.

Und wenn Lux Aeterna - oder die neu aufgenommene, größer orchestrierte und mit düsterem Chor versehene, Fassung Requiem for a Tower aus dem Herr der Ringe-Trailer - ertönt wird man nach der Sichtung von Requiem for a Dream nicht mehr an sich bekämpfende CGI-Armeen oder Tom Hanks, der gerade den Da Vinci Code entschlüsselt, denken...

Disclaimer: Ich weiß, dass die aus der musikalischen Fachsprache entliehenen Unterüberschriften dieser Rezension nicht zwangsweise schlüssig sind, jedoch spiegeln sie ein wenig meinen Eindruck wieder. Wer den Film ebenfalls erst kürzlich sah, und sich danach mit der Titelmusik berieseln ließ kann diese Theatralik vielleicht sogar nachvollziehen...

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