Samstag, 3. Juli 2010

Wicked

Die in der us-amerikanischen Kultur vorherrschende Faszination für Der Zauberer von Oz konnte ich nie so wirklich nachvollziehen. Insbesondere die Intensität, mit der Das zauberhafte Land von der Popkultur einvernommen wurde, lässt mich regelmäßig staunen. Ich selbst erkenne ihn zwar als Meilenstein der Filmgeschichte an, ohne Berücksichtigung seiner historischen Bedeutung hingegen finde ich den Musicalklassiker mit Judy Garland vergleichsweise eher öde. Trotzdem ignoriere ich die Oz-Thematik nicht völlig, schließlich dienten L. Frank Baums Oz-Bücher und die Verfilmung von 1939 als Inspiration für zahlreiche anderer Werke, denen man sich nicht von vornherein verschließen sollte, wie etwa die düstere, inoffizielle Fortsetzung Oz - Eine fantastische Welt, die das Konzept von Tim Burtons Alice im Wunderland 25 Jahre früher wesentlich runder umsetzte. Zur nunmehr erfolgreichste und bekannteste revisionistische Behandlung der Oz-Thematik stieg die Vor- und Parallelgeschichte Wicked - Die Hexen von Oz auf. Zunächst ein (später mehrfach fortgesetzter) Roman von Gregory Maguire, eroberte die Musicaladaption dieser Oz-Neuerzählung ein breites Publikum. Das Broadway-Stück mit Liedern von Stephen Schwartz und einem Buch von Winnie Holzmann gehört zu den langlebigsten Erfolgen auf der Musicalmeile und ist außerdem eines der aufwändigsten Bühnenmusicals der Geschichte.

Im Zentrum von Wicked stehen Elphaba, die später als die Böse Hexe des Westens berühmt werden sollte, und Galinda von Hochborn, die unter dem Namen Glinda die Gute Bekanntheit erlangt, also die Schurkin und eine Randfigur des Originalbuchs und -films.
Wie sich in Wicked zeigt, ist die Hexe des Westens allerdings gar nicht so böse. Dass wir diesen Eindruck von ihr haben, liegt daran, dass in Das zauberhafte Land allerhand Fakten unter den Tisch fielen. Doch glücklicherweise erzählt uns Glinda die wahre Geschichte von Elphaba, mit der sie eigentlich gut befreundet war. Kennengelernt haben sie sich während ihrer Schulzeit im guten, alten Glizz (im englischsprachigen Original Shiz, was verständlicherweise in der Übersetzung umbenannt werden musste), einem geachteten und traditionsreichen Lehrinstitut im Land von Oz. Die aufgrund ihrer grünen Hautfarbe selbst von ihrem Vater verachtete Elphaba wurde eigentlich nur auf diese Schule geschickt, um ihrer an den Rollstuhl gefesselte Schwester Nessa zur Seite stehen zu können, doch schnell erkennt die Schuldirektorin Madame Akaber Elphabas Zaubertalente, weshalb sie ihr sogar Privatunterricht gestattet. Dies geschieht sehr zum Unmut der verwöhnten und oberflächlichen Galinda, die entgegen ihrer Wünsche keinen Zauberunterricht erhält und sogar ihr vorreserviertes Luxus-Privatzimmer mit ihr teilen muss. Allen Gegensätzen zum Trotz entwickelt sich eine innige Freundschaft zwischen den beiden, die allerhand Prüfsteine zu überwinden hat. Nicht nur, dass beide unterschiedliche Ideale vertreten und diese mit variierendem Eifer verfolgen, sie verlieben sich auch beide in den reichen Lebemann Fiyero verlieben, der es als seine Lebensaufgabe betrachtet die ehrgeizigen Schüler des Glizz' vom Lernen abzuhalten und ihre Zeit genussvoll zu verplempern. Eine von Elphaba lang ersehnte Begegnung mit dem Zauberer von Oz soll ihre Lebenswege endgültig in neue Richtungen lenken...

Was sich über Wicked beim potentiellen Publikum am meisten herumspricht, ist vermutlich das pompöse Erscheinungsbild dieses Musicals. Die aufwändigen Bühnenbauten und die extravaganten Kostüme sind zu einem Aushängeschild Wickeds geworden. Das Bühnenbild ist außerordentlich detailverliebt und die Kostüme, insbesondere die asymmetrischen, prunkvollen Kleider der Bewohner der Smaragdstadt, sind wundervoll anzuschauen. Die Kulissen und Requisiten selbst sind liebevoll gestaltet, aber ausgenommen vom über der Bühne wachenden, mechanischen Drachen und dem Zauberer von Oz, effektiv eingesetzte, leichte Bauten, deren Ausstrahlung und Wirkung dank der gelungenen Lichtinszenierung weitreichender ist, als der eigentliche Bauaufwand. Dadurch, dass das Bühnenbild prachtvoll, aber nicht kolossal ist, gehen die Szenenwechsel in Wicked ungewöhnlich schnell vonstatten, was dem Stück dabei hilft ein straffes Tempo beizubehalten. Durch das hohe Tempo und die witzigen Hauptfiguren wird die intelligente Geschichte von Wicked sehr locker vermittelt.

Eine beeindruckende Kulisse ist nichts, wenn in einem Musical die Musik enttäuscht. Komponist und Texter Stephen Schwartz schuf jedoch einen thematisch dichten, komplexen Soundtrack mit zahlreichen gelungenen, kurzweiligen Liedern. Das wiederkehrende, dramatische Wicked-Hauptthema hat eine herrliche, verfolgende und bösartige Qualität, die Elphabas Stand als Böse Hexe des Westens im Zauberer von Oz unterstreicht, die weiteren wiederkehrenden Leitmotive sind sehr wandlungsfähig und funktionieren in jeder Stimmung. Die Musik in Wicked besticht vor allem durch ihre geglückte magische Atmosphäre, die das Publikum allein schon akustisch ins Zauberland Oz versetzt. Zu bemängeln wäre aber, dass der zweite Akt musikalisch abfällt und die Lieder aus diesem Akt, mit Ausnahme des besten Song des Stücks Gutes tun (No Good Deed), schnell wieder vergessen sind. Der erste Akt dagegen hat mehrere denkwürdige Lieder zu bieten, darunter Fiyeros leichtfüßiges Tanz durch die Welt (Dancing Through Life), Glindas urkomisch-tussig-prinzessinnenhaftes Heißgeliebt (Popular), den verführerischen Nur ein Tag (One Short Day) und den furiosen Abschluss Frei und schwerelos (Defying Gravity). Im Vergleich zu Pocahontas, Der Glöckner von Notre Dame und Verwünscht, bei denen Stephen Schwartz' Texte von Melodien aus der Feder Alan Menkens begleitet werden, fällt bei Wicked auf, dass die Lieder insgesamt schlechter für sich selbst stehen können und man sehr viele Stücke zwar während des Musicals genießt, aber nicht wirklich mit nach Hause nimmt. Dafür hat Menken letztlich doch ein größeres Talent als der Komponist Schwartz. Die Texte hingegen sind mit scharfem Stift geschrieben und wirklich clever.

Vor allem lebt Wicked aber von seinen fantastischen Hauptfiguren Glinda und Elphaba, die mehrmals Gelegenheit erhalten ihre Gegensätzlichkeit richtig auszuspielen, was zu grandios trockenem Humor und sprühenden Dialogen führt. Die emotionalen Teile der Geschichte gehen im Prunk der Inszenierung und dem fantastischen Witz (die Zurschaustellung von Glindas Tussigkeit wird nie alt) gehen zwar etwas unter, aber insgesamt ist Wicked ein großartiges Musical mit viel Witz, tollen Schaueffekten und guten Liedern sowie zwei unvergesslichen Hauptfiguren, die einem einen völlig neuen Blick auf Das zauberhafte Land ermöglichen.

Siehe auch:

3 Kommentare:

esbinaca hat gesagt…

Danke für den Wicked-Artikel! :) Als eingefleischter Liebhaber freut man sich ja immer über die Show etwas zu lesen. Du hast eine Oberhausen-Show besucht, schätze ich? Hast du noch irgendwelche Anmerkungen zur Besetzung, mit der (in meinen Augen) das Stück steht und teilweise auch fällt, schaut man sich vorallem die Rolle der Elphaba an :)

Wichtig finde ich auch, dass Wicked nicht nur emotional ist, sondern über eine sehr intensive und vorallem intelligente Geschichte mit viel Tiefgang besitzt (ohne jetzt hier viel spoilern zu wollen), was man in vielen aktuellen Fun-Shows nicht sehen kann. Entweder ist die Musik flott, aber die Story und Message flach bis nicht vorhanden, oder das Bühnenbild ist klasse, aber die Songs und Dialoge sind dürftig. Wicked ist für mich eines der wenigen Stücke, dass es schafft, all diese künstlerischen Aspekte zu einem extrem stimmigen Gesamtkunstwerk zu vereinen... ich merke, mich drängt es nach langer Zeit wieder, die Show zu besuchen. Na, da hast du was angerichtet... ;D

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ja, ich war in Oberhausen. Wollte im Hauptbericht nich tz spezifisch auf die Darsteller eingehen, da das ja eher mal wechselt. Hatten die aktuelle Erstbesetzung (jedenfalls bei den großen Rollen, bei den anderen wäre ich überfragt), entsprechend super waren die Darsteller. Fee Würz als perfekt getimte Glinda, Verkaik als wandlungsfähige Elphaba. "Gutes tun" war umwerfend - und die Nummer ist ja wirklich eine Herausforderung.

Wenn du noch was spoilern willst - es folgt bald ein zweiter Wicked-Artikel, der eh eine große Spoilerwarnung bekommt. Da könnte man sich in den Kommentaren ja austoben. ^^

Clochette hat gesagt…

Na, endlich ;)

Und, wen präferierst du - Willemijn Verkaik oder Roberta Valentini? Wobei der Vergleich natürlich nicht ganz gerecht ist...

Und wie hoch stehen die Chancen, dass du dir jetzt mal das Buch vornimmst?

Kommentar veröffentlichen