Montag, 24. Januar 2011

Kevin Smiths "Red State" splittet das Sundance-Publikum

Es hätte so eine schöne und einprägsame Sensation werden können. Jahrelang heizte uns Kult-Filmregisseur Kevin Smith wegen seines Religionshorrorthrillers Red State ein, der als grimme und pessimistische Antithese zu Dogma seine Karriere und womöglich sogar Hollywoods Independentkino revolutionieren sollte. Die Tickets zur Premiere im Rahmen des Sundance Festivals gingen auf dem Schwarzmarkt für dreistellige Summen weg. Obwohl niemand, außerhalb des Ensembles und der Filmcrew, Red State gesehen oder überhaupt eine aussagekräftige Inhaltsangabe gelesen hat, versammelten sich christlich-fanatische Protestler auf dem Filmfestival, um im Namen Gottes gegen diesen Film und alle abscheulichen Sünden der modernen Welt, insbesondere Homosexualität, zu wettern. Mhjaaa... manche Leute scheinen wohl Bibelkopien zu besitzen, in denen dieser ganze lästige Ballast von wegen Toleranz und  Nächstenliebe nicht vorkommt. Wie soll man denn auch sonst seine Freizeit gestalten, wenn nicht durch dämliche Proteste?! Kevin Smith reagierte jedenfalls auf seine eigene, markante Weise und veranstaltete mit Freunden eine Gegendemonstration, deren Hassplakate mit Sprüchen wie "God Hates Mewes" oder "Dick Tastes Yummy!" verziert waren.

Das Vorfeld zur Neuerfindung eines der knalligsten Sprachrohre einer Generation (semi-)unabhängiger Filmemacher stimmte... und dann wurde Red State aufgeführt... und dann explodierte Twitter. Liebe, Akzeptanz, Hass. Einige Filmkritiker und -blogger schwörten, nie wieder über Kevin Smith zu berichten. Andere sahen die Ambitionen hinter Red State und drückten deshalb trotz großer Schwächen ihr Wohlwollen aus. Wieder andere sprachen von wahrer Kunst, wenngleich nicht perfekt ausgereifter. Wenn eines alle Reaktionen vereinte, dann die Hoffnung, dass Smith (ähnlich wie Quentin Tarantino im Anschluss der Inglourious Basterds-Premiere in Cannes) diese Festivalaufführung als Testlauf sieht und nochmal in den Schneideraum spurtet, um seinem Film (wahlweise als Chaos oder ungeschliffenen Diamanten zu bezeichnen) den letzten Dreh zu verleihen. Hoch stehen die Chancen jedoch nicht, denn Tarantino ist erfahrungsgemäß selbstkritischer als der "neue" Kevin Smith, der die letzten Monate (oder Jahre?) seiner Karriere damit verbrachte, Filmkritiker anzugreifen, statt nach konstruktiven Besserungsvorschlägen zu suchen.

Spricht man über die Internetreaktionen auf Kevin Smiths Red State, darf man eins nicht außer Acht lassen: Dass sich mehr und mehr die Medienresonanz auf Smiths Handeln und Schaffen auf filmischer Ebene verstärkt mit der Position bezüglich seiner Persona und außerfilmischen Tätigkeiten vermengt. Ähnlich, wie einige Vertreter der Medien die Kritik am langweiligen und energielosen The Tourist mit einer vehementen Abneigung gegenüber Florian Henckel von Donnersmarck verwechselten, so dass aus schlechten Kritiken flammende Hasstiraden wurden.

So schworen Collider und einige andere namenhafte Filmportale über Twitter im Anschluss an die zur Premiere gehörenden Q&A-Stunde mit Kevin Smith, diese Kerl nie wieder Aufmerksamkeit zu schenken - denn er sei zu einem doppelzüngigen und megalomanischen Taschenspieler verkommen. Was geschehen ist? Kevin Smith kündigte über Twitter an, er werde die Vertriebsrechte an Red State direkt nach der Aufführung losschlagen - "Auction Style!!!". Filmportale deuteten dies so, dass er seinen Film dem Ergebnis einer außergewöhnlichen und in diesem Stil wohl einmaligen Versteigerung überlässt. Sehr naheliegend, doch weiterhin eine Interpretation Smiths Aussage. Was passierte stattdessen, nachdem der Abspann von Red State durchlief (und verkündete, dass der Großteil des Casts im Hockeydrama Hit Somebody zurückkehren wird)? Smith erklärte, wie sehr er die Vertriebsmaschinerie Hollywoods hasst, und er noch mehr Marketing verabscheut. Ein Film wie Red State, der vier Millionen Dollar kostete, um produziert zu werden, müsse in diesen Zeiten mit einem Marketingbudget von mindestens 20 Millionnen Dollar in die Welt entlassen werden, und das sehe er nicht ein. Die Marketing- und Vertriebsrechte abzugeben, wäre für ihn so, als erziehe jemand anderes sein Kind. Dann kündigte er seinen Produzenten Jon Gordon an, der sich nun als Auktionator um den zukünftigen Vertrieb von Red State sorgen wird. Smith bot daraufhin sofort 20 symbolische Dollar - und bekam ohne zu zögern den Zuschlag. Es folgte ein Smith-typischer Monolog über die Hollywoodmaschinerie, und wie sehr er sie verabscheue --- währenddessen schwappten die verprellten Reaktionen auf den Auktions-Gag ins Web über. Nicht nur Kinokritiker sollen wütend gewesen sein. Laut der LA Times befanden sich auch einige Studiobosse im Publikum, darunter der jahrelange Smith-Unterstützer Harvey Weinstein, hoffend den plötzlich wieder verlockend klingenden Film erwerben zu können. Als die Scherzauktion über die Bühne lief, liefen ihm auch viele Studiobosse davon.

Mit den Vertriebsrechten in der Hand, wolle Smith übrigens richtig weit zurück in der Filmtradition zurückgehen. Ab dem 5. März soll Red State in den USA auf Roadshow-Tour gehen. Stück für Stück werden einige Städte abgeklappert, in denen Red State für einige Zeit bleibt, vorzugsweise als Kinoevent inklusive Q&A mit Kevin Smith, der solche manchmal trockenen Veranstaltungen immer in ein urkomisches Stand-Up-Improprogramm verwandelt. Zum 17. Jahrestag des Kinostarts von Clerks, am 19. Oktober, wird Red State, sofern alles nach Smiths Plänen verläuft, regulär in den US-Kinos starten. Bis dahin hofft der sehr eigensinnig gewordene Filmschaffende knapp die Hälfte des Budgets wieder eingeholt zu haben. Für Smith sei der Schritt zurück in die Vergangenheit ein Schritt in die Zukunft des Independentkinos, als erweitertes Modell der Miramax-Taktik aus goldenen Zeiten dieses Studios, wo man Good Will Hunting in nur zwei Städten startete, ihm wochenlang den Raum gab, sich zu beweisen und Mundpropaganda zu produzieren und dann strategisch ausgewählt die Kopienanzahl langsam erweitert wurde. Nicht, dass Expansionen mittlerweile tabu wären, aber sie finden nicht mehr mit so ausgefuchsten Strategien statt, wie damals, als Miramax das Independentkino dominierte.
Aber die Träume Smiths fanden einige Kritiker: So könnten (heutzutage) nur wenige Filmemacher von Roadshows leben. 70-Dollar-Karten für einen Film inklusive Q&A, das funktioniert bestenfalls bei engagierten und kurzweiligen Plaudertaschen wie ihm oder Tarantino. Traumtänzerisch, die Vorstellung, dass irgendwer unbekanntes Smiths Modell übernehmen könne.
Auch die weiteren Pläne des Clerks-Machers wurden, bestenfalls, durchwachsen aufgenommen. Mit Hit Somebody möchte er seinen letzten eigenen Film drehen, daraufhin werde er nur noch anderen Independent-Filmern zur Seite stehen, sei es als Mentor oder Produzent (manche Seiten sprechen auch von einer möglichen Funktion als Ideengeber). Zudem ist Teil seines neuen Konzepts, sämtlichen Filmjournalismus zu übergehen. Ähnlich wie Seltzer/Friedberg (Angst vor Hass) oder Til Schweiger (weil der Feuilleton keine seichte Unterhaltung mag).


Aber wie reagierten die Zuschauer nun auf Red State selbst, wie ist der Konsens, versucht man die völlig vergrämten Stimmen auszusieben? Ich habe mal ein buntes Sammelsurium an Meinungen zusammengestellt:

David Chen lobt in seinem kurzen Vlog den ohne festen POV arbeitende Aufbau von Red State, Peter von /Film nennt Red State Kevin Smiths aus filmtechnischer Sicht gelungstes Werk und ist besonders begeistert von den hochspannenden Actionsequenzen. (*klick*)

Katey von Cinema Blend kritisiert die Unmengen an Exposition, die unsympatischen Figuren, die unkonzentrierte Dramaturgie sowie die zu ausgedehnten Dialogpassagen.

Erik von Cinematical zählt Red State klar zu den besten Filmen von Kevin Smith, nennt ihn einvernehmend und klaustrophobisch, aber sequenzweise unnötig durch unpassende Old-School-Kevin-Smith-Dialoge verlangsamt und moralsauer. Doch selbst die schlechtesten Stellen des Films sollen durch das großartig aufspielende Ensemble, insbesondere Michael Parks, gerettet werden. Red State ist rau, intensiv, glaubwürdig und redsam... und redsam... und redsam...

FirstShowings Ethan sieht Red State als einnehmenden, spannenden sowie schwarzhumorigen Thriller mit dem besten geschriebenen Material in Smiths Karriere. Parks' Figur ist herausragend gespielt und bekommt kraftvolle, eloquent verfasste, fehlgeleitet-poetische Dialogzeilen. Eine Oscar-Nominierung für Parks wäre mehr als nur verdient. Bloß ist sein zentraler Monolog viel zu lang. Wie der gesamte Film - ein paar Kürzungen wären sehr hilfreich. Die Figuren seien überzeichnet, aber relevant und kraftvoll, ebenso wie die Moral zwar deutlich, allerdings sehr wichtig und kraftvoll sei.

Neil Gaiman schrieb über Twitter, Red State sei das beste, was Kevin Smith je tat.

Todd McCarthy von THR schrieb, dass Ultrakonservative Red State hassen werden. Andere werden Smiths unerschütterliche Respektlosigkeit und freigeistige Umkehrung von Genreerwartungen lieben. Die Regie nennt er behände, die Kameraarbeit nett (im positven Sinne, nicht im "naja... pfff... nett... irgendwie"-Sinne).

Auf HitFix hingegen schrieb Redakteur Drew McWeeny kritisiert, dass man für keine der Figuren mitfühlt, der Ablauf repetitiv sei und der gesamte Film undurchdacht und halbgar.

Worin sich die meisten der verlinkten Kritiken und viele weitere einig sind: Michael Parks ist in seiner Rolle als fundamentalistischer Priester genial. Oscar-Wetten werden ab jetzt angenommen. Bis die übernächsten Nominierungen feststehen, drücken wir die Daumen, dass Kevin Smith seinen Stolz schluckt und nochmal an Red State die Schere ansetzt. Wenn selbst die positivsten Kritiken, sogar jene die ihn als Kunstwerk bezeichnen, sagen, dass die Oscar-würdige Darstellung von Michael Parks am 20-minütigen Monolog leidet (geschweige denn der gesamte Film), dann sollte man vielleicht nachschauen, ob er ein wenig gestrafft werden kann. Wie gesagt, sogar Quentin Tarantino schnipselte an Inglourious Basterds herum - und so sehr ich Kevin Smith als Autor respektiere, er ist kein derart versierter Regisseur wie Tarantino, so dass er sich komplette Kritikresistenz erlauben könnte.

Mehr über Kevin Smith:

2 Kommentare:

Eric C. hat gesagt…

Toller bericht, aber wie immer bei Bloggern zu viele Mutmaßungen und zu wenige Fakten.

Zitat kevin Smith nach einem Gespräch mit den Weinstein Brüdern auf der Aftershowparty:

(Bob saw the flick this morning and we spoke again. He loved it; said really nice things about me as a director. Then, in true Bob fashion, he added “If it were mine, I’d tell you take 10 minutes out.”)

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ja, das habe ich auch gelesen, ich habe sogar einen Artikel mit Smiths Monster-Tweet verlinkt. ;-)

Aber inwiefern widerspricht das dem, was ich geschrieben habe? Nur, weil Smith nun sogar von Bob Weinstein erzählt bekam, er solle zehn Minuten rauskürzen, heißt das nicht, dass er es machen wird. Deswegen ist doch die Aussage "Ich hoffe, er macht das auch" eine berechtigte Mutmaßung (und obendrein auch eine als solche erkennbare), da wir noch keinen Fakt haben.

Dennoch natürlich vielen Dank für das Lob - und für's nächste Mal weiß ich, dass ich anscheinend bei dieser Art Berichte offenbar was klarer machen muss, wie ich meine Mutmaßungen rechtfertige. Auch für sowas ist konstruktive Kritik hilfreich. :-)

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