Samstag, 19. Februar 2011

127 Hours

Als ich in den Kinosaal trat, wurde mir schon mulmig: 32 junge Frauen, Pubertät oder kurz danach. Inklusive mir nur 8 Männer, alle schon etwas weiter von der Pubertät entfernt. Ohne Vorurteile auf die Welt loszulassen: Bin ich wirklich im richtigen Saal?

Ja, war ich. Und während Aron Ralston, verkörpert von James Franco, 127 Stunden in einer Felsspalte festgeklemmt ist, war ich knapp über 90 Minuten mit dem entflohenen Twilight-Publikum zusammengepfercht. Üblicherweise käme ich nun nonchalant mit der Frage an, was wohl das schlimmere sein mag. Doch mit dem äußerst wirksamen und eindringlichen 127 Hours so frisch in Erinnerung, mag ich so zynisch nicht sein.

Angenehm war der Kinobesuch von 127 Hours dennoch nicht. Die gackernden Hühner waren klare Top-5-Kandidatinnen für meine Hitliste der nervigsten Kinobesucher meines Lebens. Und dabei kann ich sie nichtmal als Banausen beschimpfen, denn im Abspann ging sofort das Gerede los, wie geil der Film doch war, den sie durchgekichert haben. Sie haben sich nicht über 127 Hours lustig gemacht... die waren einfach so Matsche im Hirn. Und schreckhaft. Ganz schlimm waren deshalb die schmerzhaften Momente aus diesem Abenteurer-Drama. Ihr kennt das vielleicht, manche erschrecken sich, ekeln sich ein wenig. Ein kurzes Aufschreckgeräusch, eventuell noch ein "Üüüüh...". Diese Glucken schreckten auf, retteten sich dann in einen Lachanfall (wie witzig, du Waschweib hast dich erschreckt... Ach... du aber auch, hahahahahahahahaha...), und wenn das intensive Leinwandgeschehen einfach nicht enden will, erzählt man sich dann halt was ablenkendes.

Dagegen waren die vielen Nahaufnahmen von James Francos Gesicht die reinste Wonne. Man hörte nur förmlich über zwei Dutzend Uteri kochen, zwischen notgeil, verliebt und beschähmt changieredes Kichern. Naja, nicht nur Kichern, denn drei, vier von den Hennen im 127 Hours-Saal hatten sie... die debile Assi-Lache. Aus DNA-Resten von Curryking-Dennis (von Switch reloaded) und hyperaktiven "S-Bahn-Opfaaaaah!s" geklont, saßen diese Gestalten da herum und drehten mit ihrem Lachen jeden einzelnen Nerv in meinem Nacken um.

Qualen. Und trotzdem blieb die Faszination von 127 Hours unberührt. Es ist nicht der kunstvollste oder in seiner Makellosigkeit ruhendste, der zehn Oscar-nominierten Filme im diesjährigen Rennen um den Goldjungen, doch er ist auf eine sehr emotionalen Ebene der eindringlichste. Nach dem meiner Meinung nach überbewerteten Slumdog Millionär (der in meiner Gunst beim zweiten Mal enorm zusammenbrach) bringt Danny Boyle mit dieser James-Franco-Alleinunterhaltershow eine emotionale, öfter's in die Magengrube schlagende Achterbahnfahrt. Und das, obwohl der Film de facto über eine Stunde stillsteht. Das zeugt von scharfer Inszenierung, einem cleveren Dialog-Monolog-Buch und natürlich vor allem von einem faszinierenden, die Rolle für sich einvernehmenden und den Zuschauer wie einen Freund an den Qualen und am Galgenhumor teilhaben lassenden Hauptdarsteller.

127 Hours nimmt eine schnell trocken oder langweilig werdende Prämisse und verwandelt sie mit einer energetischen Inszenierung, kräftigen Farben und einem nie übertreibendne Pulverfass von James Franco in ein Extremsportler-Kammerspiel mit Zügen eines modernen Charaktermonologs. 127 Hours ist der Arthouse-Film für die Youtube-Generation: Flippige visuelle Einfälle, fesche Zynik und dennoch ein ehrliches, nahe gehendes und in seinen schmerzvollsten Momenten erschreckend nachfühlbares Drama mit fundierten Emotionen.

4 Kommentare:

Isosceles hat gesagt…

Oh, eine Kritik zu 127 Hours, wie schön. Fand den ebenfalls sehr, sehr gut. Nach Slumdog Millionaire (ja, ich fand den wirklich gut, gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen) hatte ich hohe Erwartungen, die der zweite Trailer nochmal enorm hochschraubte.
Hatte ja irgendwie nicht erwartet, dass du diesen Film so gut findest (nicht, weil ich dir aufgrund deiner offekundig engeschränkten Begeisterung für Slumdog sowas zutraue, sondern weil ich genügend Leute kenne, die das gesamte Œuvre eines Regisseurs verabscheuen, da ihnen ein einziger Film daraus nicht gefällt).
Auch interessant, dass dein Kinosaal noch verhältnismäßig gut gefüllt war (wie viele Plätze hatte der Saal?. Ich saß in einem Saal mit etwa 200 Plätzen, besetzt waren sieben, mich inbegriffen. Und vor mir drei frühpubertierende Jungchen, Aftershave-geduscht, die die Amputation "voll lustig" fanden, denn Film aber letztendlich doch "scheiße".

Isosceles hat gesagt…

Ups, da ist mir ein Fehler unterlaufen: "(wie viele Plätze hatte überhaupt dein Saal?)" sollte der halb geklammerte Satz lauten ;-)

Sir Donnerbold hat gesagt…

Hatte ich nie anklingen lassen, dass ich "Trainspotting" absolut klasse finde? Und naja, wenigstens meine "Frisch aus dem Kino"-Kritik zu "Slumdog Millionär" war so mies ja auch nicht. *g*

Jedenfalls hatte mein Saal 180 Plätze. Und mein Beileid, dass du ebenfalls Pech mit den Kinobesuchern hattest. Ich bereue es dennoch nicht, "127 Hours" im Kino gesehen zu haben. Kann mir vorstellen, dass viele denken "Handkamera? Ein Typ, 60 - 70 Minuten lang nur ein Schauplatz? DVD-Futter!" Weit gefehlt: Die satten Farben Boyles und die atemberaubende Canyonlandschaft auf der Kinoleinwand, bestenfalls digital? Großartig!

Isosceles hat gesagt…

Ah, könnte gut sein, dass du Trainspotting mal erwähnt hast. Bin nicht immer der aufmerksamste Leser, dafür aber ein ständiger ;-).
Auf jeden Fall habe ich das Kino mit einem Glücksgefühl verlassen, der Soundtrack wurde gleich am Folgetag gekauft und die Karten für den zweiten Kinobesuch sind vorbestellt.
Der Film erscheint übrigens vorraussichtlich am 17.07.2011.

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