Mittwoch, 3. August 2011

Nichts zu verzollen: Wenn eine Fritte Angst vor der Invasion der Camemberts hat


Der Bühnenkomiker, Schauspieler und Regisseur Dany Boon bescherte vor drei Jahren unseren französischen Nachbarn mit Willkommen bei den Sch'tis einen Sensationserfolg. Die Komödie über Vorurteile und dialektal bedingte Kommunikationsprobleme zwischen Südfranzosen und der nordischen Kulturgemeinde der "Ch'ti" wurde in Frankreich zum meistbesuchten eigenheimischen Film aller Zeiten und scheiterte nur knapp daran, James Camerons Titanic zu überholen. Mit dem Werbespruch "Über 20 Millionen Franzosen können nicht irren" lockte der nur schwer in andere Sprachkulturen übertragbare Film auch international zahlreiche Besucher an. Kein Wunder, dass seine nächste Regiearbeit mit großer Spannung erwartet wurde. Und auch dieses Mal beschäftigt sich Boon mit dem Kleinkrieg zwischen zwei sich zankenden Kulturen, die sich partout nicht eingestehen wollen, dass sie nicht nur die Sprache teilen, sondern auch sonst genug gemeinsam haben, um sich problemlos zu verstehen. Nichts zu verzollen nimmt eine Wende zum internationalen und widmet sich den ewigen Zoffereien zwischen Belgiern und Franzosen. Lachanfälle sind praktisch vorprogrammiert...

Diese verdammte Europapolitik! Das Leben lief für den belgischen Zollbeamten Ruben Vandevoorde (Benoît Poelvoorde) stets in geregelten Bahnen, doch dann muss dieses verflixte Schengener Abkommen getroffen werden. In Folge dessen werden die festen Grenzposten innerhalb der EU abgeschafft. Für Urlauber und Drogenschmuggler eine feine Sache, aber für den eingefleischten Patrioten Ruben bedeutet es den reinsten Albtraum. Muss er doch von nun an mitansehen, wie diese arroganten und stinkigen Franzosen (von Ruben verachtungsvoll "Camemberts" getauft) ungehindert die Grenze zu seinem geliebten Vaterland passieren können und wie das Leben in der beschaulichen Straße an Rubens Zollposten mangels erzwungener Reisestopps langsam einschläft.
Dabei hat Ruben vom Schlimmsten nichtmal den blassesten Schimmer: Seine Schwester Louise (Julie Bernard) trifft sich nämlich seit rund einem Jahr heimlich mit Rubens französischem Kollegen Mathias Ducatel (Dany Boon). Der wiederum ist ein eher gelasseneres Persönchen - abgesehen davon wie sehr es ihn stresst, dass seine Liebesbeziehung zu Louise geheim gehalten werden muss. Es droht nämlich großer Ärger, sollte Louises Familie von dieser interkulturellen Affäre erfahren. Tja... und nun ratet, welche zwei Beamten die erste mobile, belgisch-französische Grenzkontrolle leiten.

Orientierungshilfe für potentielle Kinobesucher: Platte Mütze = Belgier, Hohe Mütze = Franzos'

Wer einen halbherzigen Willkommen bei den Sch'ti-Abklatsch befürchtet, irrt glücklicherweise. Die Unterschiede fangen bereits dabei an, dass die sprachlichen Unterschiede praktisch keine Rolle spielen. Ja, Belgier und Franzosen sprechen in einem unterschiedlichen Duktus, aber so lange nicht gerade einer den anderen nachäfft, nimmt man das als gegeben hin. Mit "Hihi, dea zpricht aba komitsch!"-Witzlein hätte man mich auch recht entnervt. Dem war ja nicht so, Nichts zu verzollen hat mich sogar richtig begeistert. Unbeschwerter habe ich in einer solchen Sequenz das ganze Jahr über nicht während eines Kinobesuchs gelacht. Und dabei fand ich ja die großen, wichtigen Komödien dieses Sommers (Hangover 2 und Brautalarm) ja beide schon sehr gelungen.

Die meisten Lacher erntet Dany Boons Völkerverständigungskomödie durch die grotesk überzogene Vaterlandsliebe von Ruben. Benoît Poelvoorde gibt einen richtig drolligen Giftzwerg, dem der Unterschied zwischen Patriotismus und Fremdenhass beim besten Willen nicht verstehen kann und der jede Gelegenheit nutzt, um über die französischen Nachbarn herzuziehen. Die Aktionen, die Ruben abzieht um den "arroganten Camemberts" eins auszuwischen, sind köstlich (unter anderem zieht er nachts heimlich die Grenze neu) und dass Poelvoorde diesen vor Hass triefenden Zollbeamten nicht vollkommen abscheulich, sondern eher verblendet und in seiner Intoleranz belächelnswert anlegt, hilft dem Film enorm. Schnell könnte eine Figur wie Ruben den Film unerträglich machen, aber Poelvoorde macht den überzeugten Belgier durch ein verschmitztes, auf gewisse Weise Louis De Funes beschwörendes Lächeln, zu einem amüsanten, hoffnungslosen Fall.

Doch unser keifernder Belgier hat die Gags längst nicht für sich gepachtet. Eigentlich dient nahezu jede Figur auch dem Humor von Nichts zu verzollen. Die Figur des Autors und Regisseurs Boon ist zwar längst nicht so auffällig wie ihr belgischer Kollege, doch auch erh ist für einige sehr witzige Situationen verantwortlich, etwa wenn er sich im Restaurant schämt, seiner Freundin einen Antrag zu machen oder er zugibt, dass die Franzosen ja alle nur arrogant sind und wie gemein es ist, dass die belgische Währung nach ihnen benannt wurde. Und wenn die beiden Zankäpfel gemeinsam auf Streife gehen, bleibt wirklich kein Auge mehr trocken. Denn obendrein zu den Wortgefechten gibt es ja noch all die Tücken des Zollsparprogramms Ende 1993. Das Einsatzfahrzeug ist bereits eine Marke für sich, und wenn dann noch die modernen Errungenschaften der 90er dazukommen, hält es einen gar nicht mehr auf den Sitzen.

Eine Randhandlung beschäftigt sich zudem mit einem belgisch-französischen Ehepaar, das ein Reataurant direkt an der Grenze führt. Einst florierte diese Gastwirtschaft, aber diese Zeiten sind längst vorbei, und so muss man sich halt neue Einkunftsmöglichkeiten suchen. Das äußerst... friedliche... Paar ist nicht nur eine skurrile Randnotiz des Films, sondern reflektiert auch die Schattenseiten der Grenzöffnungen, hält gewissermaßen die Fahne der Europamüdigkeit aufrecht.
Und dann gibt es zu guter Letzt noch die überaus depperten Drogenschmuggler - saublöd, irgendwie charmant und jede der perfekt dosierten Szenen ist ein Treffer.

Gibt es irgendwas, das ich an Nichts zu verzollen bemängeln würde? Kaum. Irgendwann, nachdem der Film richtig an Fahrt aufgenommen hat und für ganz kurz wie die französische Antwort auf Hot Fuzz auftrat, nimmt Boon radikal wieder die Schrulligkeit aus seinem Film heraus, nur um sie im Finale am Silvesterabend '93/'94 wieder aufzudrehen. Dadurch fühlte sich die letzte Wegstrecke hinsichtlich seiner Stimmung etwas verworren an. Es ist sehr gut, nach dem Höhepunkt der Verrücktheit für die Charakterentwicklung wieder Platz zu machen, aber wenn man denn den Finger auf die Schwächen des Films legen will, so muss ich sagen, dass das alles was glatter hätte gehen können. Und ich hätte mir gewünscht, dass man etwas mehr Augenmerk auf den Ernst der Handlung legt. Boon hat die emotionale Seite für seine Figuren toll herausgekehrt, ohne zu langweilen - er nutzt diese Momente sogar, um weitere Pointen vorzubereiten. Ich bin mir sicher, er hätte auch aus der europawirtschaftlichen Komponente einiges rausholen können. In der jetzigen Form ist Nichts zu verzollen oberflächlicher, als er zunächst scheint.

Ansonsten ist Nichts zu verzollen eine uneingeschränkte Kinoempfehlung von mir. Man muss natürlich etwas für den altmodischen, französischen Humor übrig haben, der hier in etwas zeitgemäßerer Umsetzung zelebriert wird. Leicht skurril, und menschlich dennoch realitätsnah nimmt Dany Boon in seinem neusten in Hass umschlagende Vaterlandsliebe auf den Arm und singt gleichzeitig ein scherzelndes Loblied auf die Neckereien und Eigenheiten zweier Nachbarländer. Und das gerät auch noch in seiner Situationskomik und dem rasanten Dialogfeuerwerk so universell verständlich. Ahnung von der Materie ist überhaupt nicht von Nöten. Denn: Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte. In dem Fall der Zuschauer.

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1 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Sehr lustiger Film. Fand auch Vandevoordes Sohn goldig, von wegen "Aber die Erde dreht sich doch, wie können die Sterne da belgisch sein?" *g*

Problem von gestern behoben, und ich darf mich dafür wieder bei Google bedanken. Mitskerle.

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