Montag, 20. Februar 2012

Secretariat


Anfang der '70er Jahre: Hausfrau und Mutter Penny Chenery (Diane Lane) übernimmt die Pferderanch ihres kranken Vaters und entdeckt ihre Leidenschaft für den Pferderennsport. Fest davon überzeugt, dass eine der beiden trächtigen Stuten ihrer Farm einen neuen Rennchampion gebären wird und gründet mit ihrer Sekretärin Miss Ham (Margo Martindale) und dem fürsorglichen Pferdepfleger Eddie Sweat (Nelsan Ellis) sowie dem exzentrischen, bislang nur bedingt erfolgreichen Pferdetrainer Lucien Laurin (John Malkovich) ein ungewöhnliches Team, das sich nach der Geburt des Zuchthengstes Big Red im von reichen Männern dominierten Sport durchzusetzen versucht. Pennys Engagement missfällt ihrem Ehemann, der sich zudem über die finanziellen Probleme der Familie Sorgen macht. Aber in Big Red steckt ein echter Champion, das sämtliche Skeptiker zum Schweigen bringt, selbst wenn Penny mit ihrem Unternehmergeist weiter auf Widerstände stößt ...

Als das von Jerry Bruckheimer produzierte Rassen- und Footballdrama Gegen jede Regel 2000 in den USA zu einem Überraschungshit wurde und Walt Disney Pictures neuen Respekt für die Produktion von inspirierenden Filmdramen gewann, fand ein neuer Trend in den Disney-Studios seinen Anfang. Mit Die Entscheidung - Eine wahre Geschichte (Baseball), Miracle - Das Wunder von Lake Placid (Eishockey), Das größte Spiel seines Lebens (Golf), Spiel auf Sieg (Basketball) und Unbesiegbar – Der Traum seines Lebens (nochmal Football) kam eine ganze Reihe unterschiedlich überzeugender Disney-Adaptionen wahrer Sportgeschichten in die Kinos. Auch Frank Marshalls Antarctica – Gefangen im Eis aus dem Jahr 2006 lässt sich zu diesem Trend trotz Familientauglichkeit durchaus auch reifer und dramatischer Disney-Realfilme mit wahrem sowie herzerwärmenden Kern und zählen. Gegen Ende der Dekade stützte sich Disneys Realfilm-Output allerdings zunehmend auf Franchise-taugliche Action und auch wieder stärker auf kinderorientierte Komödien.

Vier Jahre nach dem letzten zu diesem kurzlebigen Disney-Subgenre gehörendem Kinofilm kam mit Secretariat ein neues, inspirierendes und wahres Sportdrama in die US-Kinos, welches zudem wenigstens in den Staaten wieder etwas größere Medien- und Publikumsaufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Mit 59 Millionen Dollar Einspielergebnis war dieses recht ambitioniert gefilmte Drama für Genre-Verhältnisse ein moderater Erfolg, international zeigte Disney hingegen keinerlei Interesse an einer nennenswerten Kinoauswertung. In Deutschland erhielt es etwa einen Alibistart zeitgleich mit Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten und im Vereinigten Königreich wurde er nach einer Woche ohne jegliche Promoarbeit wieder aus den Kinos zurückgezogen. Nicht einmal eine Million konnte abseits der Staaten eingenommen werden.

Zugegeben, Secretariat ist eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte, dennoch kann ich Disneys Oppossum-Marketing auf dem internationalen Parkett (totstellen und abwarten, bis alle vorbeigelaufen sind) nicht so recht nachvollziehen. Diane Lane gibt eine facettenreiche Performance als durchsetzungsfähige Frau ab, die zu Beginn der 70er ohne jeden emanzipatorischen oder libearlen Gedanken eine Männerwelt auf den Kopf stellt. Sie spielt eine eher konservativ geprägte Frau, die ihrer liberalen Tochter Verständnis aufbringt (anders als ihr Eheman), jedoch keine große Unterstützung zeigt, sondern sich lieber kopfüber in ihr eigenes Unternehmen stürzt. Das sieht sie als Fortsetzen der Familientradition an, ist aber eigentlich ein kleines Stück Sportrevolution. Durch Lanes charismatisches und zumeist bodenständiges Spiel ergibt dies ein rundes Bild und dürfte recht knapp an Nominierungen für so manche Schauspielpreise vorbeigeschrammt sein.

Die restlichen Figuren sind hingegen weniger ausgearbeitet, sondern größtenteils "dramaturgisch funktionsorientiert", wenngleich nie so auffällig, dass es störend rüberkäme. John Malkovich hebt sich vom restlichen Ensemble etwas weiter ab, indem er zahlreiche treffende Gags rüberbringt und zudem eine schrill gekleidete Figur mimt, die trotz alledem nicht als wandelndes Klischee oder Comic Relief erscheint, sondern gänzlich glaubwürdig und greifbar.

Schade ist, dass die menschliche Komponente des Films, wie etwa die familieninternen Konflikte, hinter die Geschichte des legendären Rennpferds gedrängt wird. Die Chenery-Familie weist allerhand Potential auf, um Secretariat auch als ein den Zeitgeist und den Aufbruch zwischen Konservativismus und liberalen Gedanken einzufangen, mehr als eine Randnotiz bleibt dieser Handlungsfaden leider nicht. Die wahre Geschichte Secretariats fängt Drehbuchautor Mike Rich (Forrester - Gefunden) wiederum sehr faktengetreu ein, wodurch er löblich einige der enervierendsten Sportfilm-Klischees vermeidet. Weder verkauft sich dieses Drama als die spannende Geschichte eines Underdogs, den niemand hat gewinnen sehen, noch gibt es an narrativ durchschaubar platzierten Stellen ungeheuerlich knappe Entscheidungen. Rich bricht den Film auch nicht für das durch das Disney-Logo angezogene Familienpublikum herunter und rafft im ersten Akt zahlreiche Ereignisse zusammen, Regisseur Randall Wallace kommentiert den Lauf der Zeit nur durch visuelle Hinweise oder kurze Dialoginformationen.

Wallace findet zudem mehrere Möglichkeiten, die zahlreichen Rennen im Film unterschiedlich und jedes Mal von neuem spannend und packend zu inszenieren, so dass sich nicht schon früh eine Pferderenn-Müdigkeit einstellt. Ermüdender sind da, trotz der engagierten Lane und dem unterhaltsamen Malkovich, die für stockende Übergänge zwischen wichtigen Handlungspunkten sorgenden Dialogpassagen. Die Dialoge sind nicht schlecht, allerdings auch nur selten wirklich involvierend - zumindest für an der Pferdethematik weniger interessierte Zuschauer. Andere Sportdramen bringen ihr Sujet einem ignoranten Publikum packender näher.

Einen schaleren Beigeschmack hinterlässt dafür das religiöse Element von Secretariat. Ich nehme nicht per se Anstoß an biblischer Symbolik oder Glaubensbekenntnissen in Kinofilmen, insbesondere nicht, wenn man ihnen anmerkt, dass sie ehrlich sind. Aber die Christlichkeit dieses Sportdramas ist aufgesetzt und zudem inkonsequent: Der Film eröffnet mit einem Bibelzitat über die Kraft der Pferde, welches gen Schluss wiederholt wird. In der Mitte des Films gibt Stallknecht Eddie Sweat eine sehr kitschige Rede darüber, was er für Gott und sein Wirken hält und obendrein gibt es zwei, wie ich finde, stilistisch unpassende Verwendungen des Goespelklassikers Oh happy day. Weder dient die Filmhandlung als religiöse Analogie, noch ist Religiösität die Antriebsfeder für eine der Figuren (was Blind Side ja wenigstens von sich behaupten kann).

Mich stört an diesen Elementen nicht nur, dass sie nicht im restlichen Film verwurzelt sind, sondern auch diese sich einem förmlich aufdrängende Vermutung, dass sich die Produzenten damit bei den Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts & Sciences einschmeicheln wollten. Secretaritat konnte im Vorfeld des Oscar-Rennens 2010/2011 einiges an Hype aufbauen. Die handwerkliche Qualität des Films, die inspirierende Wirkung der Story und die in den USA noch immer recht große Bekanntheit des realen Rennpferdes sowie sehr positive, frühe Kritiken schienen Secretaritat zu einem wichtigen Kandidaten zu machen. Disney soll, wie die Macher von Blind Side im Vorjahr, vor allem konservative/christliche Academy-Mitglieder umgarnt haben, und da halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass zumindest das Eröffnungszitat und die Musikwahl kurz vor Fertigstellung des Films mit dem Oscar im Hinterkopf erzwungen wurden. Ausgezahlt hat es sich nicht: Trotz Vier-Sterne-Kritik von Roger Ebert und einigen erstaunten Reaktionen von Filmjournalisten ging Secretariat bei den Nominierungen komplett leer aus.

Unterm Strich zählt Secretariat zu den gelungeneren Disney-Dramen, was nicht zuletzt der imposanten Kameraarbeit Dean Semlers zu verdanken ist. Ein besonderes Faible für Pferde- oder Sportdramen muss man als Zuschauer aber dringend mitbringen, und wer empfindlich gegenüber forciert-religiösem Kitsch ist, wird bei drei, vier Szenen Durchhaltevermögen beweisen. Die mitnehmend inszenierten Rennen dürften dafür größtenteils entschädigen.

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