Sonntag, 11. März 2012

Mäusejagd


Drehen wir für einen Moment die Uhr zurück ins Jahr 1998. Ich war bei meinem älteren Bruder zu Besuch, der als Freizeitgestaltung einen Kinobesuch vorschlug. Und zwar Mäusejagd, von dem er gehört hat, dass der richtig toll sei. Ich wehrte mich, da mir die Trailer zu dämlich vorkamen. Jahre später folgte die gefrustete Erkenntnis: Ich hätte Gore Verbinskis Kinolaufbahn von Anfang an mitverfolgen können.

Andererseits war's so wohl zum Besseren, denn wie ich mittlerweile weiß, zeichnen sich in Mäusejagd zwar bereits einige von Verbinskis späteren, prominenteren inszenatorischen Zügen ab – ein Meister ist bei ihm allerdings auch nicht vom Himmel gefallen. Auch wenn ich mir natürlich dessen bewusst bin, dass ich Mäusejagd erst kennen lernte, als ich längst der Kernzielgruppe entwachsen war.

Die Geschichte von Verbinskis Regiedebüt, bei dem ihn bereits Castingleiterin Denise Chamain und Cutter Craig Wood zur Seite standen, handelt von dem Smuntz-Brüdern (Nathan Lane und Lee Evans). Von ihrem Vater erben sie eine altmodische Garnfabrik, aus der sich kaum Profit schlagen lässt, und ein baufälliges Haus. Als der schmächtige, duckmäuserische Lars auch noch von seiner Frau verlassen und Ernie aus seiner Stellung als Sternekoch gedrängt wird, da unter seiner Leitung ein tödlicher Verstoß gegen die Hygienevorschriften geschah, sehen sich beide am Boden. Dann erfahren sie jedoch, dass das marode Haus, das sie geerbt haben, vom berühmten Architekten Charles Lyle LaRue entworfen wurde. Zwar wenige Stunden, bevor er ins Irrenhaus eingeliefert wurde, aber wertvoll ist es dennoch ... Es müsste nur noch auf Vordermann gebracht werden. Bloß lebt eine extrem hartknäckige Maus in diesem archtitektonischen Schmuckstück, und die ist nicht gewillt, ihre lieb gewonnene Heimat aufzugeben. Es entbrennt der überdrehteste Kampf zwischen Mann und Maus, den der Realfilm wohl je gesehen hat.

In den ausgedehnten Slapstick-Szenen fühlt sich Mäusejagd dann auch konsequenterweise wie eine Realfilmvariante der Tom & Jerry-Cartoons an, wobei Verbinskis Langfilmdebüt einen herben, medial bedingten Nachteil hat: Wenn Ernie und Lars verletzt werden, können sie nur schreien oder schmerzverzerrt dreinblicken, die komödiantische Übertreibungen eines Cartoons sind dagegen unmöglich zu erreichen. Das führt dazu, dass die repetierenden "Einer der Brüder stößt sich den Kopf / schlägt den anderen / stolpert"-Szenen sehr schnell ermüdend werden, sollte man als Zuschauer dem Grundschulalter entwachsen sein. Ausnahmen sind rar gesäten Momente, in denen die Slapstick-Cartoonwurzeln verlassen werden, und Mäusejagd seinen menschlichen Protagonisten auf eigenständigeren Pfaden Schmerzen zuführt, etwa wenn Nathan Lane und Lee Evans sich allein durch verletztliches Gewimmer und sich erfolglos um Contenance bemühte Grimassen verständigen.

Hilfreich ist es auch nicht gerade, dass Autor Adam Rifkin zwar eine Situation schaffen will, in der sich der Zuschauer beiden Seiten im Konflikt "Mann gegen Maus" moralisch verpflichtet fühlt, sich die Smuntz-Brüder aber nach einigen Filmminuten schlichtweg als viel zu idiotisch beweisen, als dass man sich wirklich auf ihre Seite stellen könnte. Auch werden ihre schlechten Charakterzüge überbetont, während ihre versöhnlichen Persönlichkeitsmerkmale nur nebenher vermittelt werden. Gelungener ist die Darstellung der Maus, der Gore Verbinski eine liebenswerte, eigene Sequenz gönnt, in der sie mit einfachen Mitteln und ohne Sprache vermenschlicht wird. Es ist ein goldiger Moment, in dem Cartoonhaftigkeit gelungen den Weg in den Realfilm findet und der wohl noch besser funktionierte, wäre der Film durchgehend auf der Seite der Maus.

Wie bereits erwähnt, äußern sich bereits schon in Mäusejagd einige der Markenzeichen Gore Verbinskis. So ist diese Kinderkomödie für das, was sie eigentlich sein soll, ungewöhnlich verschroben und reißt mehrmals ins Schwarzhumorige aus. Bereits die Eröffnung mit einer schieflaufenden Trauerfeier legt einen harscheren Tonfall zu Tage, als in diesem Genre gewohnt. Die großen Höhepunkte, die dem erwachsenen Zuschauer das Zusehen doch noch ein wenig erleichtern können, sind aber solch boshaften Einfälle wie das grundlose Vergasen eines so eben ins Tierheim gelieferten, süßen Baby-Kätzchens, das Ein-Szenen-Wunder Christopher Walken als wahnsinniger (und richig liegender) Kammerjäger oder auch über die Ohren des Kinderpublikums hinwegfliegende Zweideutigkeiten wie "Wir brauchen eine böse Pussy [...], eine miese Mietze!". Sehr ansprechend fand ich auch das dreckige, deprimierende Szenenbild und der lapidare, subtil-boshafte Umgang mit dem Thema Tod, beides Elemente, die diese Kinder-Slapstickkomödie stärker in Richtung der schwarzen Komödie schieben.

Jedoch ist diese Mischung in Mäusejagd noch sehr unausgewogen, das Balancieren zwischen den Welten, das ich bei Verbinskis späteren Filmen so famos finde, gelingt hier nur in manchen Sequenzen. Zwar reicht das aus, um den Film für ältere Zuschauer erträglich zu machen, sehenswert ist Mäusejagd aber noch längst nicht. Schreiende Schauspieler, dämliches in die Kamera grinsen und Cartoongewalt, die nur selten die Vorzüge eines echten Cartoons hat: Mäusejagd ist vornehmlich eine dieser lärmenden, schrillen Kinderkomödien, die angeblich witzig sind, weil sich Erwachsene verletzen. Verbinski bemüht sich um einen rauen, manchmal beinahe morbiden Witz und hätte mit größerer Konsequenz und besser geschriebenen, menschlichen Hauptfiguren einen makelhaften, aber kultigen Geheimtipp machen können. So hingegen ist es passable Kinderbespaßung mit ein paar gelungenen Schüssen Erwachsenenbonus und einiges an Eintönigkeit.

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