Freitag, 23. März 2012

Sturm in den Weiden


1996 nahm sich Regisseur und Autor Terry Jones (Die Ritter der Kokosnuss, Das Leben des Brian, Der Sinn des Lebens) des britischen Romanklassikers Der Wind in den Weiden von Kenneth Grahame an. Diese mehrfach in verschiedenen Trickmedien, darunter im Disney-Zeichentrickfilm Die Abenteuer von Ichabod und Taddäus Kröte, adaptierte Geschichte setzte Jones mit seinen Monty Python-Weggefährten John Cleese, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin sowie mit Steve Coogan (später: Nachts im Museum) und Stephen Fry (Ein Fisch namens Wanda) als farbenfrohen, exzentrischen Realfilm um. Hätte Terry Gilliam nicht aus Zeitgründen absagen müssen, wäre es eine mit Gästen geschmückte Reunion aller lebender Pythons geworden. Britische Kritiker waren vom Ergebnis weitestgehend entzückt, allerdings wussten Kinos und der Verleih nicht, an welches Publikum sich Jones' The Wind in the Willows richtet, an Familien oder nur an jüngere Kinder, weshalb er zu einem enttäuschenden Einspielergebnis fast ausschließlich in der Nachmittagsschiene aufgeführt wurde.

Disney erwarb die US-Rechte am Film, während Columbia Pictures die internationalen Vertriebsrechte sicherte. Aufgrund der schwachen Zahlen aus dem Vereinigten Königreich fasste der Disney-Konzern entgegen ursprünglicher Versprechungen gegenüber Jones eine Direct-to-Video-Veröffentlichung ins Auge. Columbias Verträge auf dem internationalen Parkett waren jedoch davon abhängig, dass The Wind in the Willows in den USA im Kino läuft, weshalb es zu einem Rechtsstreit zwischen beiden Filmkonzernen kam. Dieser endete mit der Einigung, dass Disney in den USA die Rechte für den Videomarkt behält und Columbia die Kinorechte erhält. Da es Columbia jediglich um die Absicherung seiner internationalen Verträge ging, und man mit dieser Pflichterfüllung Disneys Videoauswertung durch einen erfolgreichen Kinostart nicht unnötig Publictiy verschaffen wollte, kam es zu einem Alibistart für den Zeitraum von einer Woche und der nur wenige Kinos in New York und Los Angeles umfasste. Um der Absurdität einer weitere Schicht zu verleihen: Auf Video taufte Disney den Film in Mr. Toad's Wild Ride um, in Anlehnung an die populäre Themenparkattraktion – deren Version in Walt Disney World zu diesem Zeitpunkt bereits trotz großer Proteste geschlossen wurde.

Jones Spielfilmadaption orientiert sich etwas enger am Original als Disneys Themenpark- oder Zeichentrickvariante, gönnt sich jedoch ebenfalls einige Freiheiten und lässt die nicht zur Haupthandlung gehörenden Zwischenkapitel außer Acht: Maulwurfs unterirdische Heimat wird durch einen Bulldozer komplett zerstört. Die listigen Wiesel haben Kröte das Feld, auf dem Maulwurf lebt, abgekauft, woraufhin sich der stets eine neue Manie verfolgende Kröterich eine Kutsche gekauft hat. Als Maulwurf vor den Bulldozern flieht, begegnet er am Fluss die lebensfrohe, höfliche Ratte. Diese begleitet ihn zum prächtigen Anwesen von Kröte, um sich nach einem neuen Obdach für Maulwurf zu erkundigen. Kröte bietet den beiden an, ihm bei seiner ersten Kutschfahrt zu begleiten. Während dieser sieht Kröte zum ersten Mal in seinem Leben ein Automobil, und auf Anhieb ist er davon besessen, ebenfalls eins zu besitzen. Während Ratte und Maulwurf sich bei Kröte einquartieren, um ihn zu seinem eigenen Wohl von seiner neuen Manie abzuhalten, verfolgen die Wiesel ihren großen Plan, Kröte sein Anwesen abzuluchsen ...

Als Werk über bekleidete, sprechende Wald- und Flusstiere bietet sich Kenneth Grahames Klassiker eigentlich eher für animierte, als mit realen Darstellern besetzte Adaptionen an, schließlich wären überzeugende Ganzkörpermasken eine gewaltige Herausforderung und dürften eher visuell abschreckend geraten. Terry Jones umging dieses Problem dadurch, dass er auf aufwändige Masken und Tierkostüme verzichtete und einen minimalen Weg beschritt: Die Figuren tragen Kleidung, die ihrer jeweiligen Persönlichkeit entspricht, so trägt die Ratte einen farbenfrohen, viktorianischen Herren-Freizeitanzug, der an Bert in der Jolly Holiday-Sequenz aus Mary Poppins erinnert. Der Bezug zur verkörperten Tierart wird durch unaufdringliche Merkmale hergestellt, etwa durch aus Rattes Schnauzbart rausstechende Schnurrhaare sowie einen aus dem Frack ragenden Rattenschwanz oder durch haarige Handschuhe, eine runde Nickelbrille und gräuliche Kleidung bei Maulwurf. Diese Kostümidee ist simpel und fantasievoll, weshalb sie nach sehr kurzer Eingewöhnungszeit viel Charme versprüht.

Sturm in den Weiden fühlt sich, was bei seiner Besetzung und angesichts der minimalistischen Tierkostüme nicht verwundern dürfte, stellenweise wie ein besonders bizarrer und ausführlicher Sketch an, der aus Monty Pythons Flying Circus rausgeschnitten wurde. Der wohl größte Unterschied zu diesem Familienfilm und längeren Flying Circus-Einlagen ist, dass diese Kinoproduktion längere Sequenzen weder mit absurden Schlusspointen, noch der penetrant-bewussten Abstinenz einer Schlusspointe ausklingen lässt. Davon abgesehen dürften sich Liebhaber der kultigen Sketchcomedy bei solchen Details wie unablässig rumknutschenden Karnickel-Statisten, einer sarkastischen sprechenden Sonne, den altbewährten schwarzen Kinderwagen, gelegentlichen Illusionsbrüchen oder so manchem staubtrocken abgelieferten, gewollt-saudämlichen Dialog sofort heimisch fühlen. Hinzu kommt, dass Eric Idle und John Cleese ihre Rollen auch exakt so spielen, wie sie es wohl im Flying Circus getan hätten.

Jedoch ist Sturm in den Weiden nunmal kein Monty Python-Film, und auf jeden kurzen Momente der vor Einfallsreichtum sprühenden Python-Mentalität kommen ausgedehnte Strecken, in denen er einfach nur vor sich dahinplätschert. Dramaturgisch ist Terry Jones' Drehbuch nicht wirklich ausgefeilt, die Geschichte wird nur schleppend vorangetrieben und einzelne Szenen, wie etwa Krötes Gerichtsverhandlung, werden zu lang ausgespielt. Noch sperriger sind jedoch die Regieführung und der Schnitt, vor allem die Außenaufnahmen sind arm an Energie, doch auch Dialogszenen zwischen dem eher unsympatisch ausgefallenen Kröte und seine Freunde kommen öfter nicht so recht vom Fleck. Ein weiterer Schwachpunkt sind die Songs, die weder die Geschichte vorantreiben, noch sonderlich amüsant oder eingängig sind. Einzige Ausnahme bildet der vorantreibende Schurkensong der Wiesel, der zudem auch sehr fantasievoll und vergleichsweise flott mit surrealen Bildern und extremen Kameraeinstellungen in Szene gesetzt wurde – eindeutig der Höhepunkt des Films.



Was mich am meisten an Sturm in den Weiden irritiert, ist der schwer einzuordnende Tonfall. Mit einer von redseligem Gegenständen und sogar einem sprechenden Fluss, ständig grinsenden Darstellern und der, von der irrealen Gesangseinlage der Wiesel abgesehen, beschaulichen, märchenhaft-friedfertigen Erzählweise hat Terry Jones' Buchverfilmung viel von einer klassischen britischen Kinderserie. Auch der Humor hat vornehmlich etwas von leicht absurden Kinderprogrammen, da Sturm in den Weiden vor allem durch seine Andersartigkeit unterhalten will, doch nur selten so wild und verrückt ist dass ein älteres Publikum angesprochen wird. Dennoch ist Sturm in den Weiden durch seine pythonesquen Einlagen sowie mancher der aus dem Original rübergeretteten Zwischentöne auch um erwachsene Zuschauer bemüht, selbst wenn diese nicht durchweg gehalten werden können.

Um zu einem Punkt zu kommen: Ich kann mich nicht für Sturm in den Weiden erwärmen, mir erscheint er in seiner Gesamtheit zu absonderlich, ohne etwas denkwürdig unkonventionelles zu sein. Da Sturm in den Weiden mittlerweile auch zu Spottpreisen erworben werden kann, lohnt er sich, wenn man unbedingt nahezu die komplette Monty Python-Bande nochmal zusammen rumblödeln sehen will. Eric Idle ist eine tolle, frohgemute Gentleman-Ratte und John Cleese als unfähiger Verteidiger Krötes ist ebenfalls für ein paar Lacher gut. Hinzu kommen ein paar tolle Wiesel-Momente, und schon macht sich ein vorsichtiger Blick für den gepflegten Python-Fan bezahlt, jedoch sollte man sich nicht zu viel versprechen.

1 Kommentare:

maloney hat gesagt…

Der Weasel-Song ist wirklich genialstens!

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