Dienstag, 20. März 2012

"The Sweatbox": The Rocky Road to Llama


1997 heuteren die Walt Disney Animation Studios, damals noch unter dem Namen Walt Disney Feature Animation, den Musiker Sting an, damit er die Musik zum neuen Projekt des Der König der Löwen-Regisseurs Roger Allers beisteuert. Dieses epochale Zeichentrickmusial sollte Kingdom of the Sun heißen und im Reich der Inkas spielen. Es war als eine Art mit Mystizismus gekreuzte, tragikomische Nacherzählung von Mark Twains Der Prinz und der Bettelknabe gedacht und weckte in seiner Anfangsphase unter Mitgliedern der Zeichentrickbranche die Hoffnung, Disney könnte damit einen neuen Meilenstein erreichen.

Doch Kingdom of the Sun wurde niemals veröffentlicht. Stattdessen wurde der Film nach mehreren Jahren Produktionszeit komplett umgeschmissen und zur Komödie Ein Königreich für ein Lama umgearbeitet. In der von Disney unabhängig produzierten Dokumentation The Sweatbox werden die einschneidenden Ereignisse dieser holprigen, abgehetzten und anstrengenden Produktion aufgezeigt. Disney erwarb die Rechte an The Sweatbox und hielt diese Dokumentation von der Öffentlichkeit fern. Es gab nur wenige Festivalaufführungen sowie einen einwöchigen Kinoeinsatz einer bearbeiten Version von The Sweatbox in einem Kino in Los Angeles, um eine Oscar-Qualifikation zu erreichen. Selbst konzernintern scheut man davor zurück, The Sweatbox ohne weiteres zugänglich zu machen. Als Pixar-Regisseur Pete Docter aus Bildungszwecken eine Vorführung des Films auf dem Pixar-Campus plante, entsandte die Konzernführung mitsamt der Kopie des Films einen Wachmann, dem aufgetragen wurde, sie keinen Augenblick unüberwacht zu lassen.

Und doch erblickte zehn Jahre nach Erstveröffentlichung eine Arbeitsfassung von The Sweatbox die dunklen Kanäle dieser Welt ...

Was mich an The Sweatbox überrascht, ist dass diese Dokumentation gewissermaßen den Onkel Remus' Wunderland-Effekt zu spüren bekam. Da Disney den Film unter Verschluss hält und nur wenig über ihn bekannt ist, entstand diese vermeintliche Überzeugung, er wäre für den Disney-Konzern extrem unvorteilhaft und dass die Änderungen, die aus dem epochalen, ambitionierten Kingdom of the Sun die kleine, originelle Komödie Ein Königreich für ein Lama machten, als wirtschaftlich gesteuerte, künstlerische Vorstellungen zerstörende Einmischungen skizziert werden. Seit in der Disney-Fangemeinde die Existenz von The Sweatbox bekannt ist, wurde gemutmaßt, dieser Einblick in den brutalen Entstehungsprozess von Ein Königreich für ein Lama würde Disney von seiner boshaftesten Seite zeigen.

Dem ist nicht so. The Sweatbox ist eine nahezu unvergleichlich ehrliche, einsichtsvolle und ungeschmückte Darstellung dessen, wie die gewohnten Mechanismen der Genese eines Disney-Zeichentrickfilms beim Exempel von Ein Königreich für ein Lama zu einem vollkommenen Extremfall führten. In der Dokumentation wird angeschnitten, dass der Weg zu vielen Disney-Klassikern steinig war, und Disney-Fans kennen mit Toy Story 2 und Ratatouille ähnlich harte Beispiele aus den als künstlerfreundlicher gehandelten Pixar-Studios. Aber es wird auch klar, dass die Produktion von Ein Königreich für ein Lama in ihrer Härte und der Masse an weitreichenden Umgestaltungen eine Ausnahme darstellt. Vor allem jedoch finde ich, dass The Sweatbox sehr gerecht und bodenständig zeigt, dass die von Thomas Schumacher und Peter Schneider, den Präsidenten der Disney-Trickstudios, vorangetriebenen Änderungen nicht auf Ahnungslosigkeit, Geldgier oder gar reiner Boshaftigkeit basierten. Sie fanden mit The Kingdom of the Sun einen Film vor, der tolle Elemente aufzuweisen hat, aber nicht funktionierte. Die harten Einwände sind nachvollziehbar, so wird in einer Produktionsbesprechung angemerkt, dass man als Zuschauer Probleme hat, sich um die Bauernfamilie zu sorgen, dies aber wichtig für den Schluss wäre.

Ich bin auch überrascht, dass The Sweatbox entgegen mancher Berichte nicht parteiisch ist. Trudie Styler, Co-Regisseurin der Dokumentation und Stings Ehefrau, zeichnet den Sänger, der mit Herzblut sechs Lieder für Kingdom of the Sun schrieb und letztlich kurz vor und während der Tournee zu seinem neuen Album zwei neue Lieder für die komplett geänderte Filmversion zu schreiben hatte, nicht als freigeistiges Opfer der Filmmaschinerie. Was The Sweatbox einfängt, sind deprimierende und aufreibende Stationen einer außerordentlich problembelasteten Filmproduktion, es wird auch ein resignierender Sting gezeigt, der nicht mehr weiß, was er vom Film zu halten hat und sich fragt, ob er die Lieder nicht einfach rausrotzen soll. Doch wenn die Schmerzen des radikalen Richtungswechsels erstmal abklingen, sieht man auch, wie Sting Freude an Ein Königreich für ein Lama hat. Darüber hinaus zeigt die Dokumentation, dass man bei Disney nicht lernresistent ist: Stings knallharter, ehrlicher und gedankenvoller Beschwerdebrief bezüglich des ursprünglichen Filmendes von Ein Königreich für ein Lama, das zeigt wie Kusco seinen Palast mitsamt Themenpark irgendwo im Wald baut, wird als konstruktive und stimmige Kritik aufgenommen. Daraufhin entwickelte man das neue Ende der Komödie. Und Thomas Schumacher zeigt sich gegen Ende von The Sweatbox selbstkritisch, dass er seine Bedenken bezüglich der ursprünglichen, komödiantisch-dramatischen Musicalversion des Films früher hätte äußern müssen.

The Sweatbox ist keine perfekte Dokumentation, wer sich ein genaueres Bild darüber machen will, wie Kingdom of the Sun ausgesehen hätte und weshalb dieses Projekt in eine Ecke manövriert wurde, ist noch auf zusätzliche Materialien angewiesen. Trotzdem ist The Sweatbox als überaus informatives, schonungsloses Making of ein absoluter Pflichtfilm für jeden Disney-Fan und jeden, der sich für den Prozess des Filmemachens interessiert. So lange ihr die Gelegenheit dazu habt, schaut ihn euch an!

5 Kommentare:

Dr-Lucius hat gesagt…

Wenn ich rausfinde, wo der läuft, gehe ich hin.
Oder gibts ne DVD?

N.B. Schon eine Meinung zu Aardmans “Die Piraten – Ein Haufen merkwürdiger Typen” ??

http://www.animationsfilme.ch/2012/03/15/3-clips-aus-aardmans-die-piraten-ein-haufen-merkwurdiger-typen/

Anonym hat gesagt…

Klick den Link ;-)

Dr-Lucius hat gesagt…

Hach ja, manchmal ist man blind..:-))

Und mit dem Add-On Unplug lässt er sich auch prima downloaden, sind ja nur ca. 500 MB.

Lutz hat gesagt…

Mist... habe jetzt gerade keine Zeit.. ich hoffe, der ist heute abend noch drin. DANKE für den Tipp, ich hoffe schon seit Jahren, den mal sehen zu können.

Lutz hat gesagt…

Nachdem ich den Film jetzt gesehen habe, bin ich wirklich überrascht, warum Disney ihn so stark unter Verschluss hält.

Nichts von dem, was hierdrin gezeigt wird, war unbekannt. Die meisten Details werden auch im Audio-Kommentar zu "Ein Königreich für ein Lama" erwähnt, die verlorenen Songs sind größtenteils auf dem Soundtrack zu finden etc.

Besonders komme ich darüber ins Nachdenken, dass "Aladdin" und "Der König der Löwen" gar nicht mal so unterschiedliche Geschichten haben. Dort wird das alles stolz in Hintergrunddokus gezeigt. Auch das Mitglieder aus dem Team abspringen oder ersetzt werden, ist nicht neu.

"Ein Königreich für ein Lama" ist zwar nicht so erfolgreich gewesen wie die zuvor genannten, aber ein klarer Flop ist er dennoch nicht geworden, außerdem gilt der Film auch als gelungen.

Ich kann mir das nur so erklären, dass es daran liegt, dass man hier auch Leute sieht, für die der Film nicht zum Ende hin zu einer klaren Erfolgsstory wurde (Allers, Déja). Bei den anderen Dokus wird ja am Ende einfach nur das großartige Endprodukt gelobt, hier kann man klar auch Leute sehen, die mit diesem Film etwas erlebten, was man als Niederlage deuten könnte. Vermutlich passt das einfach nicht so richtig in das heile Disney-Bild. Man kann zwar drüber reden, aber zeigen sollte man sowas dann wohl doch nicht.

Den Film fand ich sehr interessant und erhellend. Wie du schon schreibst, er ist keine perfekte Doku und ich glaube, dass er wirklich nur Leute anspricht, die sich für den Film interessieren, aber gerade die werden schon sehr gut bedient.

Vor allem finde ich es klasse, die unvergleichliche Eartha Kitt noch einmal in Aktion zu sehen und ein paar mehr Aufnahmen aus "Snuff out the light" serviert zu bekommen. Ich halte den Song für einen der besten "Villain-Songs" der je für einen Disney-Film geschrieben wurde und finde es immer noch schade, dass kein Weg gefunden wurde, dieses Lied in den Film zu integrieren.

Mich würde mal interessieren, Sidney, wie du das Lied in deine 333 Disney Songs einordnen würdest (selbst, wenn du es nicht mögen solltest).

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